Das Jahrhundertjahr-Buch

Illies, 1913„Er legte dar, dass das Zeitalter der Globalisierung Weltkriege unmöglich mache, da alle Länder längst wirtschaftlich zu eng miteinander verknüpft seien. Und dass neben den wirtschaftlichen Netzwerken auch die internationalen Verbindungen in der Kommunikation und vor allem in der Finanzwelt einen Krieg sinnlos machen.“

Diese These stammt aus der Zeit kurz vor dem ersten Weltkrieg.

Gefunden habe ich sie in dem wunderbaren Buch „1913“ von Florian Illies. Es ist schon viel gesagt worden über dieses Buch, das vor etwa einem Jahr erschienen ist. Ich hatte es damals in einem Rutsch durchgelesen und bin bis heute so begeistert davon, dass ich ebenfalls ein paar Sätze darüber schreiben möchte. Der Autor nimmt uns Monat für Monat mit auf die Reise und erzählt anekdotenhaft, was sich in diesem Jahr 1913 in der mitteleuropäischen Kunst-, Kultur- und Geisteswelt abgespielt hat. Es geht um Zwischenmenschliches, um Beziehungen zwischen den Akteuren, wer wen kannte und mochte oder nicht mochte, es geht um Meilensteine der Kunst und Literatur, aber auch um Alltägliches, um Klatsch und Tratsch und um Politik. Es ist kein Geschichtsbuch im eigentlichen Sinn, dazu ist es an vielen Stellen zu spekulativ. Es ist ein Lesebuch und man merkt mit Erstaunen, wie modern diese längst vergangene Zeit war. Vieles davon beschäftigt uns noch heute.

Illies hat unzählige Seiten von Aufzeichnungen, Tagebüchern und Briefen durchforstet und so Mosaiksteinchen an Mosaiksteinchen gelegt – bis ein unglaublich lebendiger Bericht über den Jahresablauf entstanden ist. Voller Erlebnisse, Verknüpfungen, neuer Erkenntnisse, unterhaltsam und mitreißend geschrieben. Die künstlerische Avantgarde bestand auch damals aus Menschen, die oft jenseits der Konventionen lebten. Wir begegnen ihnen in diesem Buch.

Besonders beeindruckt hat mich die Beschreibung einer Szene: Oskar Kokoschka steht mit Zigarette im Mund malend vor einer Leinwand. Hinter ihm im Atelier sitzt Georg Trakl auf einem Bierfass und rollt vor und zurück, stundenlang. Er „beginnt seine Gedichte zu rezitieren, spricht von Krähen, Verhängnis, Fäulnis und Untergang, verzweifelt schreit er nach seiner Schwester, dann versinkt er wieder in sein ewiges Schweigen und rollt vor und zurück, vor und zurück. Trakl ist täglich da.“ Eine skurrile Situation. So gut beschrieben, dass man sich wünscht dabei gewesen zu sein.

Die Zeit vor hundert Jahren kommt uns in heute steif und bürgerlich vor – aber das war sie nicht. Jedenfalls nicht nur. Die Fundamente für unser heutiges Leben und Denken wurden damals gelegt, während es gleichzeitig in Deutschland noch einen Kaiser, diverse Könige und Großherzöge gab. Das Jahr 1913 war in vielem eine Zeit voller Um- und Aufbrüche, überhitzt bis zur Erschöpfung. Im November erscheint der erste Teil von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Florian Illies beschreibt dies brillant: „Es beginnt mit den goldenen Worten ‚Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen‘ – und damit traf Proust den Nerv einer übermüdeten Avantgarde, die sich von Kafka bis Joyce, von Musil bis Thomas Mann in ihren Tagebüchern rühmte, wenn es ihr gelungen war, einmal vor Mitternacht ins Bett zu gehen – das erschien den immer unausgeschlafenen Vorreitern der Moderne als das mutigste Ankämpfen gegen Depression, Trinken, sinnlose Ablenkung und die voranstürmende Zeit.“

Was für ein Jahr. Nur leider waren die zu Beginn zitierten Sätze etwas zu optimistisch.

Buchinformation
Florian Illies, 1913
S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-036801-0

3 Kommentare

  1. Pingback: Jahr-Bücher | Kaffeehaussitzer

    • Interessanter Link, danke dafür. Da geht es um Bücher, die mir auch gut gefallen haben, vor allem Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“, das mich ziemlich beschäftigt hat und über das ich sicherlich auch noch etwas schreiben werde. Freue mich auf einen regen Austausch.

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