Erst schießen, dann fragen

Bruce Holbert, Einsame TiereDen Wilden Westen betrachtet man gemeinhin als eine Epoche des 19. Jahrhunderts. Nach der Lektüre von Bruce Holberts „Einsame Tiere“ weiß ich, dass dies nicht stimmt. Der Roman spielt zu Beginn der 1930er-Jahre im Okanogan County, einer abgelegenen Gegend nahe Kanada im US-Bundesstaat Washington. Auf den ersten Blick meint man, dass auch hier moderne Zeiten angebrochen sind, es gibt schließlich Elektrizität, Autos, Mähdrescher und Telefone. Aber es ist ein Grenzland. Und zwar gleich auf dreifache Weise. Die Grenze zwischen den USA und Kanada verläuft hier. Indianerreservation und Farmland der Weißen stoßen aneinander. Und die Vergangenheit des Wilden Westens grenzt an das 20. Jahrhundert. Grund und Boden oder auch nur die eigene Meinung werden mit der Waffe in der Hand verteidigt. Gewalt liegt in der Luft, ständig, überall und man meint sie vor sich zu sehen, die verhärmten, wetter-, alkohol- und tabakgegerbten Gesichter der Männer, die dort mit ihren Familien leben. Die nicht viel reden, deren Gespräche nur aus wenigen Worten bestehen, aber ein falsches davon kann schnell zu einem erneuten Gewaltausbruch führen. Dann fliegen die Fäuste, Messer werden gezückt und Colts gezogen. Ich kenne keinen keinen anständigen Mann über fünfzig, der noch nie jemanden umgebracht hat, so bringt es einer der Farmer auf den Punkt. Und sie alle leiden unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise, die auch in diesem entlegenen Flecken der USA so manchen um seine Existenz gebracht hat. Farmhäuser zerfallen, Äcker verwildern und Autos rosten am Straßenrand, weil das Geld nicht für das Benzin reicht.

Bruce Holbert lässt diese archaische, raue Welt vor unserem geistigen Auge auferstehen, sehr lebendig und in einer dazu passenden lakonischen Sprache. Inmitten der eigenbrötlerischen Siedler, der schweigsamen Indianer und des Klimas der überraschenden, dumpfen Gewalt lebt Russell Strawl. Er ist der Held dieser Geschichte, allerdings kein sympathischer Held. Ein abgehalfterter, ehemaliger Sheriff, noch eigenbrötlerischer als seine Mitmenschen. Noch schweigsamer. Und noch gewalttätiger. Manchmal ertrug er wochenlang nichts außer Stille, aber nicht die Art von Stille, wie sie viele Männer der jüngeren Generation kannten, die ihre stoischen Fähigkeiten aus Groschenheftchen und Kinofilmen hatten. Strawls Schweigen war keine heroische Wahl. Nichts darin war Selbstsicherheit oder Ruhe, ganz im Gegenteil: Es war eine qualmende, gefrorene Verwirrung oder, wenn sie bis ins Unerträgliche gesteigert war, ein Aufbringen aller Kräfte, so losgelöst von Willen oder Glauben, so sehr nur in dem wurzelnd, was direkt vor ihm lag, selbst wenn er blind dafür war, dass es ihn anwiderte.

Kein Cowboy also, der einsam in den Sonnenuntergang reitet, sondern ein Jäger durch und durch, gefährlich und brutal.

In diesen Jahren waren die einzigen Worte, die ihn erreichten, jene, die ihn zu einem Verdächtigen brachten oder in die Irre führen sollten. War er auf dem Pferd unterwegs, passte er seinen Atem dem des Tieres an, der einzige Geschmack im Mund war der von den Resten der Mahlzeiten aus den Blechbüchsen der Armee oder von etwas, das er eine Stunde zuvor erlegt hatte. Sein Verstand war leer bis auf das, was ihn umgab, und er suchte darin nichts als Stille. Doch seine Ohren verweigerten ihm diesen kleinen Dienst, denn jene Form von Stille ist keinem Menschen vergönnt. 

Doch jetzt ist Russell Strawl alt geworden, er lebt im Ruhestand auf einer Farm, zusammen mit seiner Tochter und deren Familie. Bis er gebeten wird, noch einen letzten Job zu erledigen. Denn eine Mordserie erschüttert die Gegend. Morde voll solcher Brutalität, dass sie sogar die gewaltgewohnten Siedler und Indianer beunruhigen. Strawl macht sich auf die Suche, er sattelt sein Pferd und reitet los. Mitten hinein in die grandiose Landschaft, voller unzugänglicher Schluchten, steilen Bergen und endlosen Wäldern. Er besucht einsame Farmen und kleine Städtchen, kommt durch verlassene Orte, die aufgegeben wurden, da der Fluss aufgestaut und der entstehende Stausee sie verschlucken wird. Der gewaltige Staudamm ist ein Projekt Präsident Roosevelts, der durch solche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen die Folgen der Wirtschaftskrise und der großen Deppression lindern möchte. Dadurch kommen tausende von Arbeitern und Tagelöhnern in die abgelegene Gegend, und die durch das Großprojekt symbolisierte Moderne kratzt an der Tür. Doch durch solche Veränderungen lässt sich Strawl nicht beirren, sechs Wochen lang wird er unterwegs sein und man kann sich gut vorstellen, dass er sich mit seiner rabiaten Art bei seiner Suche keine Freunde macht. Zu den alten Rechnungen, die noch nicht beglichen sind, kommen schon bald neue hinzu. Einiges Blut wird fließen in diesen sechs Wochen.

Wir begleiten ihn auf seinem Weg. Und nein, er wird auch im Laufe der Geschichte nicht sympathischer. Aber er findet heraus, was die Menschen, die ihn fürchten, hassen und achten, aufgeschreckt hat. Und dass nichts so ist, wie es zu sein scheint, auch nicht in seiner eigenen Vergangenheit. Dann handelt er, auf seine Art. Und der Tod war womöglich eine Erleichterung, wie ein später Sonntagvormittag ohne Pflichten und ohne Licht, das ins Zimmer fiel, ohne Gewissen, das einen plagte, bis man endlich aufstand. 

Bruce Holbert hat, ja, was hat er eigentlich geschrieben? Es ist schwierig, dieses Buch einem bestimmten Genre zuzuordnen. Ein Spätwestern-Noir-Krimi würde wohl am besten passen. Aber neben den Schilderungen von Gewalt, Einsamkeit und Brutalität erleben wir auch den langen Ritt Russell Strawls durch eine Landschaft, die in ihrer majestätischen Pracht und Unwirtlichkeit verzaubert. Und dieser Gegensatz macht einen großen Reiz der erzählten Geschichte aus. Man möchte auch abends seine Schlafdecke unter einem Baum ausrollen, am Lagerfeuer in einem zerbeulten Blechtopf sein Essen zubereiten und sich danach mit einer selbstgedrehten Zigarette müde zurücklehnen und den Ausblick in die endlose Weite genießen: Das letzte Licht tauchte den Fluss in Ocker und Schatten, auch den Basalt, die aufgeworfene Erde und die Stoppelfelder. Dunkle Fichten- und Birkensilhouetten reihten sich vor dem samtigen Himmel auf. Das Licht nahm immer weiter ab, und seine langen Fäden schienen sich über den Horizont zu ziehen wie abflauende bernsteinerne Echos von Stimmen, die den Farben vielleicht innewohnen.

Schön, nicht? Direkt nach dieser Textstelle findet Strawl die nächste Leiche. Und die Suche geht weiter. Rücksichtslos. Bis zum Ende.
„Ich bin zuerst ein Mann, der jedem Paroli bieten und die Waagschale zu seinen Gunsten beeinflussen will, erst dann bin ich Bulle, oder Bürger oder sonst irgendwas.“
„Paroli bieten, das heißt also auf gleicher Höhe zu sein.“
„Nein, es heißt vor allem, aufrecht zu stehen“, entgegnete Strawl. 

Buchinformationen
Bruce Holbert, Einsame Tiere
Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg

Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-95438-034-3

9 Kommentare

  1. Schöne Rezension. Man kann die im Buch erzeugte Atmosphäre regelrecht spüren. Schönes Foto übrigens auch… 😉

    • Das freut mich. Wenn es zu einer Lektüre kommen sollte, bin ich schon sehr auf die Meinung dazu gespannt…

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