Das Weimar-Gefühl

Rüdiger Safranski: Goethe & Schiller - Geschichte einer Freundschaft

Durch Weimar zu streifen ist für mich etwas ganz Besonderes, schon fast etwas Magisches. Zwei Mal war ich in dieser Stadt, einmal 1999 und einmal 2015, vor wenigen Wochen. Ein interessanter äußerlicher Gegensatz: Gab es früher die bröckelnden Reste der sozialistischen Planwirtschafts-Tristesse zu bestaunen, so war man jetzt umgeben von beinahe überrestaurierten Gebäuden. Aber immer hat diese Stadt eine ganz besondere Ausstrahlung, die alten Straßen, Plätze, Gassen und Häuser atmen beinahe Geschichte – und das ist ja auch kein Wunder, es gibt wohl kaum einen anderen Ort in Deutschland, in dem die absoluten Höhepunkte und grausigsten Tiefen unserer Vergangenheit so dicht beiander liegen. Über diese Symbolik ist schon viel geschrieben und geredet worden, ragt doch schon von weitem sichtbar das Mahnmal des Konzentrationslagers Buchenwald über der Stadt auf.

Aber in diesem Text soll es nicht um dieses Düstere gehen, denn meine letzte Reise nach Weimar hat mich mitten hineingeführt in eine Zeit, in der sich die Menschen einen solchen Absturz in die Barbarei niemals hätten vorstellen können. Als Reiselektüre hatte ich nämlich das Buch „Goethe & Schiller – Geschichte einer Freundschaft“ von Rüdiger Safranski dabei. Und es hat mir die beiden großen Dichter, die Stadt und die literarische Epoche so nahegebracht wie nie zuvor.

Es ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft in einer Zeit der dramatischen Umbrüche: Politisch hatte die französische Revolution das Ancien Régime blutig hinweggefegt und schickte sich an, auf die anderen europäischen Staaten überzugreifen. Gesetzmäßigkeiten, seit Jahrhunderten wie in Stein gemeißelt, änderten sich innerhalb kürzester Zeit. Kulturell und geistig wich das Zeitalter der Aufklärung und der Klassik einem aufkommenden Mystizismus, einer Neuentdeckung der Natur, der Romantik und der Leidenschaften.

Vor diesem Hintergrund beschreibt Safranski, wie sich Goethe und Schiller, die beiden ungleichen Persönlichkeiten, langsam aneinander annäherten, sich quasi beschnupperten, misstrauisch beäugten, schließlich Gefallen aneinander fanden. Und wie daraus eine der produktivsten Freundschaften der Geschichte entstand.

Goethe war zu dieser Zeit bereits Teil des Establishments, Geheimer Rat am Weimarer Hofe, bestens alimentiert, hoch geachtet. Allerdings lagen seine großen dichterischen Publikumserfolge „Die Leiden des jungen Werther“ oder „Götz von Berlichingen“ nun auch schon eine ganze Weile zurück; ein weiteres epochales Werk ließ auf sich warten. Die literarisch interessierte deutsche Öffentlichkeit bemerkte das wohl, umso mehr flogen die Herzen dem jungen Schiller zu. Eine abenteuerliche Persönlichkeit, auf der Flucht vor seinem Fürsten, rastlos, aufbegehrend, auf der Suche. Goethe nahm dies anfangs mit Misstrauen zur Kenntnis; schickte sich da tatsächlich jemand an, ihn von seinem gefestigt scheinenden Dichterfürstensockel stoßen zu wollen? Dazu kommt, dass sich Goethe durch sein leidenschaftliches Verhältnis mit Christiane Vulpius in jener Zeit ins gesellschaftliche Aus geschossen hatte. Schiller wiederum bewundert den um zehn Jahre älteren Goethe, wie alle jungen Menschen damals für den Dichter des Werther schwärmten, fühlt sich aber durch Goethes anfänglich abwehrendes Verhalten gekränkt.

Safranski erzählt lebendig, mit zahlreichen perfekt eingebauten Tagebuch- und Briefzitaten, wie dieses sich Beäugen über Jahre andauerte. Er vermittelt einen Eindruck von den komplett unterschiedlichen Persönlichkeiten der beiden, etwas gedrungen der eine, schon mit den sichtbaren Spuren eines behaglichen Lebens; groß, schlank, schon beinahe asketisch der andere. Goethe, der Genussmensch, dem sein Genie nur so zuflog, der aus der Fülle der Natur Schöpfende. Schiller dagegen, der um jedes Wort Kämpfende, für den Natur durch die Kunst gebändigt gehörte. Ein Gegenstand, über den die beiden ein Leben lang disputieren und sich austauschen werden, „der eine als Gefühls-, der andere als Begriffsmensch. Wenn man sich dann in der Mitte trifft, wird man voneinander lernen können. Schiller wird Goethe dabei helfen, »Gefühle durch Gesetze zu berichtigen«; und Goethe wird Schiller vor den Gefahren der Abstraktion bewahren. Wenn Schiller Goethe als Bewußtseinsspiegel dient, wird er umgekehrt von Goethe das Zutrauen zum Unbewussten erlernen. Es fügen sich zwei Hälften zu einem Kreis. So jedenfalls hat Goethe das wechselseitige Verhältnis gedeutet: »Selten ist es aber«, schreibt er in einer im Nachlass aufgefundenen Notiz über die Freundschaft mit Schiller, »dass Personen gleichsam die Hälften von einander ausmachen, sich nicht abstoßen, sondern sich anschließen und einander ergänzen.«

Das erste ausführliche Gespräch führten die beiden am 20. Juli 1794 in Jena. Nach dem ersten Treffen folgt bald das zweite und dann, als wäre ein Damm gebrochen, strömen die gemeinsamen Ideen und Projekte hervor. Schließlich übersiedelt Schiller, der zuvor eine Professur an der Universität Jena innehatte, endgültig nach Weimar. Detailreich, aber niemals langweilig erzählt Safranski von den gemeinsamen Jahren der beiden, in denen sie nur wenige Straßen voneinander entfernt wohnten. Von den gegenseitigen Besuchen, von endlosen Gesprächen, von Goethes Sorge um Schillers angegriffene Gesundheit, von gemeinsamen Freunden, von Neidern, von Klatsch und Tratsch in den Gassen der kleinen Stadt. Gleichzeitig war die Präsenz der beiden großen Namen ein unglaublicher Anziehungspunkt für viele andere Dichter, Autoren, Schriftsteller und literarisch Interessierte. Unzählige bekannte Namen tauchen auf, Weimar war ein Brennpunkt der Literatur, wie es ihn seitdem nie wieder gegeben hat. Schließlich Schillers sich ständig verschlechternder gesundheitlicher Zustand und sein früher Tod 1805, der Goethe alleine zurückließ.

Über Goethe und Schiller wusste ich bisher auf eine eher rudimentäre Weise das, was man sich als literarisch interessierter Mensch im Laufe der Jahre an Wissen angeeignet hat. Dieses Buch aber hat mir die beiden auf eine außerordentlich persönliche und menschliche Weise nahegebracht. Es holt sie aus ihrer einschüchternden Unnahbarkeit hervor, schaut hinter die überhöhende Darstellung des berühmten Denkmals in Weimar und zeigt, dass hinter den Genies zwei Menschen steckten, getrieben von ihren Gefühlen und Leidenschaften. Da mich zudem die damalige Epoche zutiefst fasziniert, ist das Buch Safranskis eine perfekte Horizonterweiterung für mich gewesen.

Und ein Einstieg. Denn ich möchte mehr wissen. Mehr über die beiden und die Zeit in der sie lebten. Und mehr über diese Stadt in Thüringen. Deshalb habe ich mir eine kleine Leseliste zusammengestellt, Lektüre zum Weiterlesen und eine gute Gelegenheit, ein paar ungelesene Schätze aus dem heimischen Bücherregal zu bergen:

  • Rüdiger Safranski, Goethe – Kunstwerk des Lebens
  • Rüdiger Safranski, Schiller – oder die Erfindung des Deutschen Idealismus
  • Gustav Seibt, Mit einer Art von Wut – Goethe in der Revolution
  • Bruno Preisendörfer, Als Deutschland noch nicht Deutschland war – Reise in die Goethezeit
  • Peter Merseburger, Mythos Weimar – Zwischen Geist und Macht

Die lebendige Beschreibung der Geschehnisse macht auch das Weimar des frühen 19. Jahrhunderts wieder lebendig. Da ich bei meiner Reise beruflich für eine Tagung in der Stadt war, hatte ich eigentlich nicht viel Zeit, mir die Schauplätze des Buches näher anzuschauen. Eigentlich. Das Problem ließ sich aber lösen, indem ich den Wecker sehr, sehr früh stellte, um dann im Morgengrauen durch die noch stille Stadt zu flanieren. Tagsüber ist Weimar voller Touristen, aber auch voller Leben, eine junge Stadt mit Cafés und quirligen Plätzen. Morgens um sechs Uhr allerdings war es eine andere Stadt. Es war das Weimar, in das mich Rüdiger Safranskis Buch geführt hatte. Kopfsteinpflaster, uralte Häuser, kleine Gassen – es ist vieles noch da. Und mit ein bisschen Phantasie hört man Kutschen vorbeirumpeln, sieht die einfach gekleideten Bauern ihre Marktstände aufbauen, vernimmt das Klappern von Pferdehufen. Vielleicht brennt sogar in Schillers Arbeitszimmer noch Licht, es beleuchtet zwei Freunde, die wieder eine Nacht lang durchdiskutiert haben. Dann weicht der Morgendunst den ersten Sonnenstrahlen und es ist wieder das Weimar von heute. Aber die Magie bleibt.

Und es war bestimmt nicht der letzte Besuch in dieser Stadt.

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Buchinformationen
Rüdiger Safranski, Goethe & Schiller – Geschichte einer Freundschaft
Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-23326-3

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8 Kommentare

  1. In Weimar spürt man
    jeden Tag, an jedem Ort,
    die “ Nähe der Klassiker“,
    seit einem Jahr lebe
    ich in dieser wunderbaren Stadt
    und ich habe das Gefühl, ich habe zwei Jahre gelebt.

  2. Weimar ist eine wunderbare Stadt (da sind Buchläden auch sonntags geöffnet), ich bin immer wieder gern dort. Mit der Zeit der Klassik stehe ich noch etwas auf Kriegsfuß, ich habe da noch nicht den richtigen Zugang gefunden, schon im Studium nicht, da hat mich die Literatur des 20. Jahrhunderts dann doch mehr begeistert. Aber ich denke, es wird eine Zeit kommen, in der ich mich Goethe und Schiller und die Bücher, die über sie geschrieben worden sind, widmen werde. Auch dank dieses wunderbaren Beitrags!

    • Vielen Dank. Ich finde die Epoche insgesamt hochspannend. Das macht es wohl leichter, sich mit den Klassiker-Texten zu befassen, wobei dieses Buch hier – wie geschrieben – eine echte Horizonterweiterung war.

  3. Von Safranski habe ich die Tage eine E.T.A. Hoffmann Biografie gelesen und war auch sehr angetan von seiner lebendigen sockellosen Schilderung. Die Goethe-Schiller Freundschaft stand schon auf meiner Liste und ist jetzt ein paar Positionen höher geklettert. Ohne Zweifel werde ich beim Lesen nochmal auf Deine großartigen Fotos schauen.

    • Das war mein erstes Buch von Safranski, auch die E.T.A. Hoffmann-Biographie steht noch ungelesen im Regal. Aber das wird sich wohl bald ändern…

    • Danke. An dem Zitat vorbeizulaufen und es unphotographiert zu lassen, habe ich nicht geschafft…

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