Geld? Spielt eine Rolle

Max Frisch, TagebuchVor Kurzem war es wieder einmal soweit: Ich habe mein Bücherregal durchforstet, um wieder Platz zu schaffen. Neben den zahlreichen ungelesenen Büchern befinden sich nun darin nur solche, die mir so gut gefallen haben, dass ich mir vorstellen könnte, sie eines Tages noch einmal zu lesen. Oder solche, mit denen Erinnerungen verknüpft sind, Bücher, die meine Begleiter und Freunde in einer wichtigen Phase meines Lebens waren. Zu Letztgenannten gehört auch Max Frisch, „Tagebuch 1946 – 1949“. Als es mir jetzt wieder in die Hände fiel, las ich die Stellen noch einmal, die ich bei der Lektüre markiert hatte und war plötzlich wieder im Freiburg des Jahres 1991.

Damals war ich Anfang zwanzig, hielt mich mit einem Job als Altenpflegehelfer über Wasser und wusste absolut nicht, was ich aus meinem Leben machen sollte. Irgendetwas Besonderes sollte es sein, natürlich. Nur was? Ich hatte keine Ahnung, es war eine Zeit der Perspektivlosigkeit, aber auch eine Zeit der offenen Möglichkeiten.

Nach einigen Jahren der Leseabstinenz hatte ich die Freude an Büchern und der Literatur erst wieder neu entdecken müssen und das war es, was mir in dieser Zeit Halt gab. Ich las alles, was mir in die Hände fiel und kann mich gut daran erinnern, wie ich den Suhrkamp-Band mit Max Frischs Tagebuchaufzeichnungen wochenlang mit mir herumgetragen hatte, in Cafés oder Kneipen darin lesend. Eine Stelle hat sich mir besonders eingeprägt, es ging um Geld und nichts weniger als den Sinn des Lebens. Sie wurde zu einem meiner Textbausteine*:

Geld: Das Gespenstische, dass sich alle damit abfinden, obschon es ein Spuk ist, unwirklicher als alles, was wir dafür opfern. Dabei spürt fast jeder, dass das Ganze, was wir aus unseren Tagen machen, eine ungeheuerliche Schildbürgerei ist; zwei Drittel aller Arbeiten, die wir während eines menschlichen Daseins verrichten, sind überflüssig und also lächerlich, insofern sie auch noch mit ernster Miene vollbracht werden. Es ist Arbeit, die sich um sich selber dreht. Man kann das auch Verwaltung nennen, wenn man es sachlich nimmt, oder Arbeit als Tugend, wenn man es moralisch nimmt. Tugend als Ersatz für die Freude. Der andere Ersatz, da die Tugend selten ausreicht, ist das Vergnügen, das ebenfalls eine Industrie ist, ebenfalls in den Kreislauf gehört. Das Ganze mit dem Zweck, der Lebensangst beizukommen durch pausenlose Beschäftigung, und das einzig Natürliche an diesem babylonischen Unterfangen, das wir Zivilisation nennen: Dass es sich immer wieder rächt.

Der Text hat mich damals in seiner Radikalität begeistert. Und auch zwanzig Jahre später bringt er das Wesen unserer Gesellschaft klar auf den Punkt, sogar mehr denn je. Aber was bedeutet er für das eigene Leben? Die Zeit, in der ich sorglos in den Tag hineinlebte, ist schon lange vorbei. Und sie ist auch nur in der rückblickenden Verklärung sorglos gewesen. Eigentlich war sie geprägt von einer quälenden Sinnsuche, die durch Texte wie diesen nicht leichter wurde.

Und heute? Heute würde ich sagen, dass ein Beruf nicht unbedingt eine Berufung sein muss – aber er sollte im Idealfall zum eigenen Leben passen und nicht nur die materielle Versorgung sicherstellen. Sondern einem auch Zeit und Luft lassen, um das Leben zu genießen. Ein frommer Wunsch? Mag sein, und auf jeden Fall schon weit entfernt von Max Frischs schonungsloser Analyse, doch ganz ohne Kompromisse geht es nicht. Das zu verstehen hat mich einige Zeit gekostet. Und ein kleiner Stachel ist immer noch da, er sitzt tief. Ich spürte ihn, als ich jetzt den Text zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gelesen habe.
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* In vielen Büchern habe ich Stellen angestrichen, die mir im Gedächtnis haften geblieben sind und die ich immer wieder lese. Solche Stellen begleiten mich seit Jahren, es sind die Textbausteine meiner Bücherwelt.

Buchinformation
Max Frisch, Tagebuch 1946 – 1949
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-37648-5

7 Kommentare

  1. Pausenlose Beschäftigung und pausenloses Konsumieren: immer arbeitsam, buisy und gestresst, das schafft Prestige in unserer Gesellschaft. Bloß nicht den Eindruck eines Flaneurs machen oder eines Menschen, der seinen Job ganz gerne macht, aber doch hauptsächlich des Einkommens wegen.

  2. Ich glaube, das Hauptthema dieses Textes ist eigentlich mehr die Arbeit als das Geld…
    Ich finde den Text sehr gut, vor allem, wenn Frisch sagt, wir machen unsere Arbeit mit ernster Miene…

  3. Pingback: Sonntagsleserin Oktober 2014 | buchpost

    • Lohnt sich. In dem Buch hatte ich auch noch viele andere Zitate markiert, aber das hätte den Rahmen gesprengt.

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