Romanhelden in der Matrix

Nesser, Himmel über London„Himmel über London“ von Håkan Nesser ist eines der irritierendsten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Und eines der faszinierendsten. Eigentlich hatte ich Lust auf einen Krimi und gedacht, dass ich da mit dem neuen Nesser nichts falsch machen kann. Nur dass „Himmel über London“ gar kein Krimi ist. Aber allein die Sprache hat mich gleich in ihren Bann gezogen, die Handlung versprach konfliktreich und spannend zu werden, es ging um ein Geheimnis, eine Reise in die Vergangenheit. Und dann wurde alles ganz anders. So richtig anders.

Erzählt wird die Geschichte des 70-jährigen Leonard Vernim, Medienunternehmer, Millionär und todkrank. Er hat seine ganze Familie in einem Restaurant in London zusammengerufen, um seinen letzten Willen zu verkünden. Vernim reist mit Maud, seiner zweiten Frau, aus den USA an. Gleichzeitig machen sich die Zwillinge Irina und Gregorius, Mauds Kinder aus erster Ehe auf den Weg nach London. Diese beiden können unterschiedlicher nicht sein: Irina leidet unter einem Wasch- und Sauberkeitszwang, der ihr ganzes Leben stark beeinträchtigt und Gregorius ist ein Lebemann, der sich gerade so richtig in eine Sackgasse manövriert hat und jetzt auf seinen Erbanteil des todkranken Vernim hofft.

Gleich zu Beginn macht sich Vernim Gedanken über seinen bevorstehenden Tod. Ich dachte, dass ich genau das vermissen würde: einen Kaffee, eine Zigarette und eine neue, interessante Tageszeitung – vormittags an einem Cafétisch auf dem Bürgersteig in einer Großstadt. Gibt es solche Winkel im Himmel? Können wir damit rechnen? Andernfalls können wir uns wohl die Mühe sparen, uns dorthin aufzumachen; nun ja, was mich betrifft, soll’s mir egal sein, aber ich bin überzeugt davon, dass mindestens sieben von zehn Menschen verstehen, wovon ich rede. Es den restlichen dreien zu erklären, dazu fehlt mir die Zeit. Meine Tage sind gezählt.

Spätestens an dieser Stelle wusste ich, dass mir das Buch gefallen würde.

Die Perspektiven springen hin und her, Vernim und Maud treten abwechselnd als Ich-Erzähler auf. Während Maud darüber rätselt, was Vernim wirklich vorhat, erinnert sich dieser ausführlich an seine Studentenzeit in den 60er-Jahren in London. Damals traf er die schöne Carla aus Prag, die an der tschechischen Botschaft in London arbeitete und ihn tief in eine verzwickte und mysteriöse Geheimdienstgeschichte hineinzog – mitten in Zeiten des kalten Krieges. Sie war seine große Liebe, aber als Carla zurück nach Prag ging, konnte er sich nicht entschließen, ihr hinter den Eisernen Vorhang zu folgen. Was er sein Leben lang bereut hat.

Zur gleichen Zeit macht sich Milos in New York auf die Reise nach London. Auch er hat eine Einladung zu Vernims Familientreffen erhalten. Allerdings kennt er ihn überhaupt nicht. Aber die Neugier siegt, außerdem hofft er, in London seine Ex-Freundin Leya wiederzusehen, zu der er sich immer noch hingezogen fühlt. Wer ist Milos? Und in welcher Verbindung steht Vernim zu ihm? Der Leser beginnt schnell, die ersten Zusammenhänge zu ahnen. Bis hierhin verläuft die Handlung linear, ausführliche Rückblicke machen klar, was damals zwischen Carla und Vernim geschehen ist.

Doch ist das alles wahr? Irgendwann kommt mit der Person des Lars Gustav Selén eine zweite Handlungsebene ins Spiel. Ähnliche Namen tauchen auf, vage, sehr vage Abwandlungen der bisher erzählten Geschichte, eine Art Draufsicht auf die Romanhandlung. Es beginnt irritierend zu werden, den Lesefluß zu unterbrechen. Dazu trägt auch schon die äußere Gestaltung des Buches bei, was jeder, der den Schutzumschlag abgenommen hat, sicher bestätigen kann. Auf den Leser wirkt das zuerst befremdlich, gewinnt dann aber zunehmend an Reiz, denn man beginnt den Kunstgriff des Autors zu begreifen.

„Himmel über London“ hat mehrere Zeitschienen, Parallelhandlungen und verschiedene Handlungsebenen. Zum Schluss fließt alles zusammen in einen einzigen Erzählstrom – raffiniert ausgestaltet und verknüpft. Denn was wäre, wenn Romanfiguren in einem Roman als Romanfiguren dargestellt werden. Dann aber nach und nach ein Eigenleben entwickeln und aus der Romanhandlung heraustreten in die Welt des Autors, der sie erdacht hat. In eine Handlung, in der sie erfunden wurden. Wenn sich Wirklichkeit und Fiktion ineinander verschieben. Wobei es sich wiederum um eine erfundene Wirklichkeit handelt, denn über allem schwebt unsere Perspektive, die des Lesers. Klingt verwirrend? Ist es auch. So als würde M.C. Escher ein Bild von der Matrix zeichnen.

Überhaupt passt der Vergleich zu den Zeichnungen M.C. Eschers ziemlich gut, Bilder mit Ebenen und Perspektiven, die durcheinander geraten scheinen, die aber doch alle einen Sinn ergeben. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich die Assoziation mit M.C. Escher irgendwo in einer Besprechung des Buches gelesen habe, oder ob sie mir gerade selbst eingefallen ist. Oder wie auch immer.

Ach ja, ein bisschen Krimi gibt es dann doch noch: Als lose Rahmenhandlung ist immer wieder von einem Serienmörder in London die Rede, dessen Untaten in den Zeitungen auftauchen und so in die Handlung der Geschichte eingestreut werden. Auch dieser wird noch seinen Auftritt haben. Kurz, aber entscheidend.

Buchinformation
Håkan Nesser, Himmel über London
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
btb
ISBN 978-3-442-75318-5

6 Kommentare

  1. Kommt sofort auf die Wunschliste, ganz weit oben. Danke für diese toll geschriebene Besprechung und einen prima Sonntag, mit oder ohne Bücher!

  2. Deine Besprechung klingt sehr, sehr interessant und so vielversprechend, dass das Buch wohl auf die Leseliste muss. Das, was Du über die verschiedenen Ebenen des Romans schreibst, über das Eindringen der Romanfiguren in die Welt des Autors, möchte ich doch zu gerne selbst betrachten. – Sonst reist Nesser gerne als Hörbuch im Auto mit in den Urlaub, um uns die langen Fahrten spannender zu gestalten, aber dieses Buch muss doch eher erlesen werden.
    Viele Grüße, Claudia

    • Vielen Dank für das schöne Lob, das mich sehr gefreut hat. Falls Du das Buch auch lesen solltest, bin ich sehr auf Deine Meinung gespannt. Deinen Blog hatte ich erst kürzlich entdeckt und ihn auch gleich auf meine Buchblogliste gesetzt. Ich stricke zwar nicht, aber die Buchtipps gefallen mir sehr gut…
      Viele Grüße, Uwe

  3. Glückwunsch, lieber Herr Kalkowski, zu dieser Rezension. Ich war vor kurzem drauf und dran, diesen Nesser zu kaufen, nahm aber wieder Abstand, weil mich die Beschreibung eher ratlos machte. Ihr Text ist dagegen anders und nachdem ich eben parallel einen Blick in die Leseprobe geworfen habe, steht das Buch auf meiner Liste ganz oben. Ich bin gespannt! Und Sie haben recht: es gibt bei manchen Büchern bestimmte Stellen am Anfang, bei denen ich weiß, das ich jetzt weiterlesen muss – und das ist ein gutes Gefühl.

    Herzlichen Gruß: Winfried Schmidt

    • Lieber Herr Schmidt, vielen Dank für dieses nette Feedback. Mir ging es genauso, der Klappentext des Buches ist relativ nichtssagend und geht in Richtung Krimiankündigung. Das ist schade, da dadurch falsche Erwartungen geweckt werden und ein großartiges Buch unter seinem Wert verkauft wird. Umso mehr freut es mich, dass ich Ihnen dafür eine Leseempfehlung geben konnte.

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