In die Falle gegangen? Ein Textbaustein*, mitwachsend

Franz Kafka: Kleine Fabel

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so  breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

Schon wieder Kafka. Das ist kein Wunder, begleiten mich seine Texte schon seit 23 Jahren. Auch wenn ich seit meiner Kafka-extrem-Woche in Prag nichts mehr von ihm gelesen habe, an diesen Text hier, die „Kleine Fabel„, muss ich oft denken. Als ich das erste Mal etwas von Franz Kafka in die Hände bekommen hatte, war ich Anfang zwanzig. Es war der Band mit den gesammelten Erzählungen und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich ihn – gerade gekauft – in der Manteltasche dabei hatte, als ich mitten in Freiburg auf eine Verabredung wartete. Es war ein kalter, regnerischer Herbstabend, ich stand an eine Laterne gelehnt und begann in dem Buch zu lesen. Kafkas Sprache und Stil schlugen mich sofort in ihren Bann und ich wusste, dass ich da etwas gefunden hatte, was mich eine ganze Weile begleiten würde. So ist es dann auch gekommen.

Die Kleine Fabel, die kurze Geschichte von der Maus, der Falle und der Katze, hat mich von Beginn an fasziniert. Doch erst heute, viele Jahre und Erfahrungen später, kommt sie mit der ganzen Wucht, die zwischen den Zeilen ruht, richtig zum Tragen. Denn mit Anfang zwanzig fühlt man sich unsterblich. Das Leben liegt weit ausgebreitet vor einem, mit all seinen Möglichkeiten. Keine Mauern weit und breit. Mit Mitte vierzig hat man einiges mehr erlebt, Entscheidungen wurden getroffen, Städte wurden gewechselt, Jobs gefunden, Freundschaften geschlossen, andere zerbrochen, Narben jeglicher Art davongetragen. Und für manche Möglichkeiten hat sich das Zeitfenster geschlossen. Dazu kommt der körperliche Verfall, wobei das Wort „Verfall“ jetzt ein bisschen zu dramatisch klingt. Aber trotzdem. Die Haare beginnen zu ergrauen. Beim Joggen werde ich regelmäßig überholt, früher war ich der Überholende. Und wenn es mal Abends so richtig spät wird, benötigt man nicht nur eine Dusche und eine Tasse starken Kaffee, um wieder auf die Beine zu kommen, sondern den ganzen nächsten Tag. Und man hat erfahren, dass das Leben durchaus endlich und jeder Tag ein Geschenk ist.

Doch die Mauern aus Kafkas Geschichte, wo sind sie? Kann man sie schon sehen? Kann man der Falle entrinnen, die am Ende wartet? Ich glaube, diese Mauern sind nicht real, sie existieren nur im Kopf. Auch wenn manche Dinge nicht mehr möglich sein mögen, das Leben ist voller neuer Wege. Wichtig ist dabei, offen zu bleiben für Neues, bereit zu sein, die ausgetretenen Pfade des Alltags zu verlassen. Und dabei nicht in einer Was-wäre-wenn-Vergangenheit zu leben und vergangenen Zeiten nachzutrauern, sondern nach vorne zu schauen. Damit die Mauern noch lange außer Sicht bleiben. Denn eines ist ganz klar: Die Gefahr lauert hinter einem, in Gestalt der Katze.
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* In vielen Büchern habe ich Stellen angestrichen, die mir im Gedächtnis haften geblieben sind und die ich immer wieder lese. Solche Stellen begleiten mich seit Jahren, es sind die Textbausteine meiner Bücherwelt.

Buchinformation
Franz Kafka, Die Erzählungen
Fischer Taschenbuch
ISBN 978-3-596-13270-6

2 Kommentare

  1. das hab ich mit großem interesse gelesen, begleitet mich doch genau diese fabel ebenfalls mein halbes leben lang.

    witzig, dass ich erst vor nicht allzu langer zeit eine kurzprosa geschrieben habe, in der es letztlich auch darum geht, dass man die aussage dieses textes erst spät, mit den jahren sozusagen erst so richtig begreift …

    echt kafkaesk, nicht wahr? lol

    gruß,
    monika

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