Woodrell-Lesetag in Berlin

Woodrell_WintersKnochenEigentlich sollte dies ein Text über die Ozarks-Trilogie von Daniel Woodrell werden. „Der Tod von Sweet Mister“ und „Winters Knochen“ standen schon lange ungelesen im Regal, das Erscheinen der Neuübersetzung von „Tomatenrot“ war der perfekte Anlass, alle drei Bände hintereinander zu lesen. Dabei wurde klar: Die Idee mit der Gesamtbesprechung wird nicht funktionieren. Zwar sind „Der Tod von Sweet Mister“ und „Tomatenrot“ beides lesenswerte Bücher; schon alleine durch Woodrells unnachahmliche Art die Trostlosigkeit gescheiterter Leben zu ästhetisieren.

Aber „Winters Knochen“ ragt aus diesen drei Werken so hervor, ist ein so sprachgewaltiges Buch, ein so durch und durch gelungener und mitreißender Roman, dass es nun vor allem um ihn gehen wird. Zumal mich die Geschichte einen Tag lang in Berliner Cafés begleitet hat. Ein Kaffeehaus-Lesetag, so wie schon einmal mit einem Buch von ihm in Köln.

Diesmal also Berlin. Kürzlich war ich wieder einmal ein paar Tage in meiner gefühlten Heimatstadt. Der Anlass war zwar beruflicher Natur, aber ich hatte mir einen zusätzlichen freien Tag gegönnt, den ich mit einem Bummel durch diverse Cafés verbrachte. Woodrells Trilogie begleitete mich auf der Reise; „Der Tod von Sweet Mister“ hatte ich bereits im Zug nach Berlin durch und „Tomatenrot“ las ich auf der Rückfahrt. Mit „Winters Knochen“ war ich einen Tag lang in Berlin und in den Ozarks gleichzeitig unterwegs. Die Ozarks – das ist eine Hochebene mitten in den USA, zwischen Missouri, Arkansas, Oklahoma und Kansas gelegen, zerklüftet, einsam, unwirtlich, eine Welt für sich. Kaum Städte, wenig Dörfer, viele einsam gelegene Farmen. Bewohnt von einem Menschenschlag, der perfekt in diese Gegend passt: Wortkarg, misstrauisch und verschlossen. Vernarbte Männer, die immer eine Waffe auf dem Beifahrersitz ihres Pick-Ups liegen haben, Frauen, die mit Fäusten genau so schnell sind wie mit einem Gewehr.

„Zwischen den Nächten, in denen sie sich austobten, und der Zeit, die sie im Knast verbrachten, lagen die Männer auf der faulen Haut oder brannten Schnaps, den sie gleich wegsoffen. Sie hatten abgekaute Ohren, abgehackte Finger, zerschossene Arme, und sie entschuldigten sich niemals für irgendwas. Die Frauen waren größer, hatten einsam blickende Augen und unansehnliche gelbe Zähne, den Mund stets zusammenkniffen, um ein Lächeln zu vermeiden. Ihre Hände waren rau wie trockene Maiskolben, die Lippen den ganzen Winter über aufgeplatzt. Ein weißes Kleid für die Hochzeit, ein schwarzes für die Beerdigung.“

Es gibt nur eine Handvoll verschiedener Familien, die in den unterschiedlichen Tälern und Regionen leben. Die Zugehörigkeit zu einer Familie ist prägend für das ganze Leben, aber noch wichtiger sind Verschwiegenheit und das Bewahren von Geheimnissen. Denn davon gibt es eine Menge; sie reichen von schwarz gebranntem Whiskey über die Herstellung von Crystal Meth bis hin zu  blutigen Familienfehden und Mord an Verrätern und Abtrünnigen.

Zurück nach Berlin: Irgendwo auf der Tucholskystraße in Berlin-Mitte begann die Cafétour und als erstes stolperte ich in die Schwarzwaldstuben, vergaß aber sofort das ironisch gemeinte, pseudosüdbadische Ambiente um mich herum und verschwand in jenen Ozarks. Und lernte Ree Dolly kennen, eine 17jährige junge Frau, die auf einer ärmlichen Farm mitten in dieser archaischen Gegend lebt. Die Schule hat sie beendet und ihr größter Wunsch ist es, zur Army zu gehen, um möglichst weit weg zu kommen. Aber das geht nicht so einfach. Denn Ree wohnt zusammen mit ihren beiden kleinen Brüdern und ihrer Mutter. Ihrer pflegebedürftigen Mutter, „verloren für die Gegenwart“. „Groß, dunkel und hübsch war sie gewesen in jenen Tagen, bevor ihr Verstand in Stücke brach und sie sich nicht dagegen wehrte.“ Und ihr Vater, Jessup Dolly? Ist untergetaucht. Denn er ist einer der begnadetsten Meth-Köche der Ozarks. Er wurde verhaftet, kam auf Kaution frei und wurde seitdem nicht mehr gesehen. Ree versucht, ihre Familie durch den Winter zu bringen, hackt Holz, jagt Eichhörnchen, um wenigstens etwas Fleisch essen zu können, wäscht die Wäsche, versorgt die Mutter, kümmert sich um die beiden Jungs. Es reicht hinten und vorne nicht, aber sie gibt nicht auf, bittet auch niemanden um Hilfe. Das macht man nicht in dieser Gegend. „Niemals bittest du um was, was einem freiwillig angeboten werden sollte.“ 

Dann wird alles noch viel schlimmer.

Ree erfährt, dass ihr Vater das Haus verpfändet hat, um die Kaution zu bezahlen. Taucht er bis zum Gerichtstermin in wenigen Tagen nicht wieder auf, verliert die Familie ihr Zuhause und wird obdachlos. Sie muss ihren Vater finden, ihn überreden vor Gericht zu erscheinen. Oder beweisen, dass er tot ist.

Wir erleben den Kampf einer starken Frau um ihre Familie, ihr Zuhause und ihre Zukunft. Im Winter, in Eiseskälte macht sich Ree auf die Suche, auf den Weg quer durch eine gnadenlose Gegend. „Ihr Mantel war tiefschwarz und hatte ihrer Großmutter gehört, grimmige alte Wolle, geschunden von strengen Wintern und Sommermotten.“

Um das Café zu wechseln, tauchte ich wieder in der Gegenwart auf, lief ein paar Meter bis zum St. Oberholz am Rosenthaler Platz. Hier wurde es schon beinahe skurril, gilt dies doch als einer der Hotspots der Digitalnomaden in Berlin. Überall Verlängerungskabel auf den Böden, alle Tische besetzt mit Menschen, die hochkonzentriert auf ihre Notebooks oder Tabletts starten, viele mit Kopfhörern über den Ohren, klappernde Tastaturen überall. Dazwischen ich mit meinem Buch. Einem gedruckten Buch. Selten kam ich mir individueller vor, konnte dann aber doch nicht umhin, dies über Twitter bekannt zu geben:

Und erhielt postwendend eine charmante Antwort.

Doch die hatte mich gar nicht direkt erreicht, denn ich war schon wieder unterwegs. Trampend und zu Fuß über verschneite Straßen oder entlang der wenigen Bahngleise sucht Ree eine Person nach der anderen auf, die etwas über das Verschwinden ihres Vaters wissen könnte. Sie stößt auf eine Wand des Schweigens, niemand steht ihr bei, niemand redet. Sie wird bedroht, vertrieben, geschlagen, kommt körperlich wie mental an ihre Grenzen. Und die Zeit bis zum Gerichtstermin verrinnt. Langsam, aber unerbittlich. „Ree steckte fest. Sie kam sich allein vor, verloren in einem Sumpf aus hasserfüllten Verpflichtungen. Es würde keine schnelle Lösung geben, keine Antwort, keine Hilfe. Ihr war nach Weinen zumute, aber das tat sie nicht.“

Noch zwei Mal wechselte ich den Leseplatz. Erst ging es ins Café Cinema und obwohl direkt neben den Hackeschen Höfen gelegen, hat sich hier etwas von dem anarchischen und provisorischen Flair erhalten, das vor 20 Jahren Berlin-Mitte prägte und das ich so mochte. Danach fuhr ich aus alter Verbundenheit zum Café Hardenberg, mitten hinein in den Berliner Westen. Die ganze Zeit war ich nicht richtig anwesend, so sehr hatten mich Woodrells Roman und Sprache gepackt. Zum Inhalt möchte ich nicht viel mehr sagen; nicht, wie die Situation immer verzweifelter wird, wie die Gewalt, die schon von Beginn an spürbar war, sich einen Weg zum Ausbruch bahnt. Wie einzelne Hinweise sich verdichten, wie nach und nach sich alles zusammenfügt. Nach vier Cafés hatte ich das Buch zu Ende gelesen. War begeistert. Musste auf einem langen Spaziergang erst einmal wieder zurück in die Gegenwart finden. Und verstehen, dass ich nach Sätzen wie diesem tatsächlich mitten durch eine Großstadt lief: „Wolken schienen an den weit entfernten Bergen zu zerbrechen, dunkle, rollende Massen, die von Gipfeln zerrissen wurden und den blauen Himmel grimmig befleckten. Frostiges Nass fiel, nicht als Schneeflocken oder Regen, sondern in winzigen weißen Knäueln, die beim Aufprall zu Tropfen zerstoben und in plötzlichem Glanz auf dem Schnee gefroren.“

Ein Lesetag vom Feinsten. Für ein paar Photos hat es auch noch gereicht.  

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Bücherinformationen

Daniel Woodrell, Winters Knochen
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-935890-76-2

Daniel Woodrell, Der Tod von Sweet Mister
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-935890-95-3

Daniel Woodrell, Tomatenrot
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-95438-060-2

9 Kommentare

  1. Pingback: #netzrundschau 02/2016 – SchöneSeiten

  2. Schöner Text, sehr schön sogar! Und ja, Winters Knochen ragt heraus aus der Trilogie, und doch habe ich auch die anderen beiden sehr gern gelesen.

  3. Das ist eine unglaublich inspirierende Rezi! Ich werde das auch einmal machen, eine solche Caféhaus-Lesetour, wunderbar! – in verschiedenen Städten, aber da ich in Berlin wohne, hier vielleicht zuerst. Dann in Köln, meiner gefühlten Heimat, und in Wien, weil es dort so wunderbare Caféhäuser gibt. Danke für den sehr schönen Text und herzliche Grüße

    • Danke für den Link. Bisher hatte ich nur von dem Film gehört, ihn aber nicht gesehen. Und ohne ihn zu kennen, kann ich mir gut vorstellen, dass Jennifer Lawrence prädestiniert für die Rolle der Ree ist. Bin gespannt darauf.

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