Aus dem Leben gefallen

Cynan Jones: Graben

„Ein leuchtend blaues Licht machte sich nun breit, und sie blieben eine Weile stehen und blickten über das Tal; die seltsamen Wattebäusche der Schafe waren zu erkennen, die weiß getünchten Farmhäuser – mit ihren blinkenden Fenstern wie Quarze im flachen grauen Land. Ein paar Vögel waren schon auf, und ein Schwarm Möwen zog geisterhaft in Richtung Meer, so als würden sie vor der aufgehenden Sonne fliehen. Man konnte das Meer von hier aus nicht sehen, aber spüren“. Ich war noch nie in Wales und ehrlich gesagt musste ich auf der Karte nachschauen, um es ganz exakt zu lokalisieren. Aber es muss eine schöne Gegend sein, zumindest scheint das in Cynan Jones‚ Buch „Graben“ immer wieder durch. Ansonsten bleibt in dem Roman nicht viel Platz für Schönes, die 175 Seiten haben es in sich. Denn Jones erzählt in einer großartigen Sprache eine raue, archaische und brutale Geschichte.

Wales ist Farmerland, und Daniel ist Schafzüchter auf der kleinen Farm, die er und seine Frau von seinen Eltern übernommen haben. Für die Schönheit der Landschaft hat er keinen Blick; nicht, weil sein karges Leben aus harter Arbeit besteht, sondern weil seine Frau gerade bei einem absurden Unfall ums Leben gekommen ist. Das hat ihn vollständig aus der Bahn geworfen, mühsam hält er sich aufrecht, funktioniert wie eine Maschine, um den Betrieb am Laufen zu halten, die Schafe zu versorgen, bei den Geburten der Lämmer zu helfen. Er schläft nicht, isst nicht, wandelt wie ein Schatten umher. Ein Mann kurz vor dem völligen Zusammenbruch, fast völlig aus seinem Leben geworfen; „plötzlich hatte er ein merkwürdiges Zeitgefühl – sie erschien ihm nicht mehr als etwas, in dem man lebt, sondern als ein Element, dem man sich schon entfremdet hat, wenn es einem bewusst wird, so wie man das Gefühl dafür verliert, dass der Körper einem selbst gehört, wenn man zu lange in den Spiegel schaut.“

Und da ist noch eine andere Person, es ist der Mann, nie wird er anders genannt werden, so, als hätte er keinen Namen. Der Mann wohnt ebenfalls in einem abgelegenen Farmhaus, nicht weit von Daniel entfernt und wird gleich zu Beginn des Romans mit eindrucksvollen Worten vorgestellt: „Er war ein unwirscher, großer Mann, und als er ausstieg, hob sich der Lieferwagen und entspannte sich wie ein Kind, das von der aufkeimenden Angst befreit wird, Schläge zu bekommen. Wohin der Mann auch kam, er sorgte für ein Gefühl von Schädlichkeit, und es machte durchaus den Eindruck, als ginge es auch den unbelebten Gegenständen um ihn herum so. Sie hatten Angst vor ihm.“ Der Mann kennt alle Dachsbaue in der Gegend, denn er verdient seinen Lebensunterhalt damit, dass er Dachse lebend fängt, um sie an Männer zu verkaufen, die mit ihnen Hundekämpfe veranstalten.

Ein Dachs ist ein durchaus wehrhaftes Tier und kann mit seinen Krallen und Zähnen einen Hund ernsthaft verletzen. Es gibt immer wieder Männer in der Gegend, die ein perverses Vergnügen darin sehen, in improvisierten Arenen irgendwo in einer Scheuen oder einem Schuppen einen Dachs gegen ihre Jagdhunde kämpfen zu lassen und auf das Ergebnis zu wetten. Das ist natürlich höchst illegal, weshalb der Mann mit seiner Erfahrung als Dachsjäger gute Geschäfte macht. Einen Dachs zu fangen ist dabei eine schweißtreibende Angelegenheit: Alle Ausgänge des Baus müssen verstopft werden, bis auf einen, und in diesen wird der speziell abgerichtete Terrier als Spürhund hineingeschickt. Dieser ist mit einem Ortungsgerät ausgestattet, er stellt den Dachs und hält ihn so lange in Schach, bis der Mann den Bau von oben mühsam mit Hacke, Schaufel und Spaten aufgegraben hat, um sich das in die Enge getriebene Tier zu greifen.

Man kann sich vorstellen, dass es nicht einfach ist, so etwas klammheimlich durchzuführen, auch nicht in einer dünn besiedelten Gegend. Dann bekommt der Mann einen eiligen Auftrag, wieder soll ein Dachs gefangen werden, mit Hilfe anderer Männer, die das als eine Art Event ansehen. Der Mann nimmt sich einen Dachsbau vor, den er schnell und unauffällig erreichen kann. Und der auf Daniels Farmland liegt. Die beiden Männer werden aufeinander treffen – der eine voller Verzweiflung und Zorn auf das Leben, der andere kalt und böse.

Von der ersten Seite, dem ersten Satz an ist klar, dass „Graben“ keine Wohlfühlgeschichte, keine heitere Erzählung ist, sondern ein Drama, furios erzählt in einer Sprache, die einen Sog entwickelt und den Leser nicht innehalten lässt. Ein Drama, das auf der einen Seite eine rohe Männerwelt beschreibt und gleichzeitig das Leben eines am Schicksal zerbrechenden Mannes schildert. Und diese beiden Handlungsstränge unerbittlich aufeinander zutreiben lässt. Dazwischen gibt es immer wieder Momente großer Ruhe, wie ein letztes Luftholen vor dem, was kommen wird: „Er sah zu den kahlen Eschenästen hinauf, quecksilbern und irgendwie elefantenhaft, wie sie sich durch das niedrige Flutlicht hinausstreckten. Sie rührten sich nur selten, und dann klang das Geräusch wie von sehr weit weg kommend. Ein weißes Rauschen in der Ferne. Ein Laut, der ein primitives leises Flüstern über die Dauerhaftigkeit großer Dinge herbeitrug.“

Wie eingangs erwähnt, es sind nur 175 Seiten, die der Autor braucht, um dieses tragische Geschehen sich Schritt für Schritt entwickeln zu lassen. Kein Wort zu viel, keines zu wenig.  Die deutschen Leser verdanken die poetisch-rauhe Sprache der Übertragung von Peter Torberg, dessen Übersetzung von Bruce Holberts „Einsame Tiere“ mich ebenfalls begeistert hat. Auch hier ging es um Einsamkeit, Schicksal und Brutalität inmitten einer atemberaubenen Landschaft.

„Graben“ ist ein kurzes Buch. Aber ein großer Roman.

Buchinformation
Cynan Jones, Graben
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-95438-039-8

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6 Kommentare

  1. Pingback: Cynan Jones: Alles, was ich am Strand gefunden habe – We read Indie

  2. Lieber Uwe,

    bei Deiner Vorstellung bildete sich mir direkt der Eindruck einer wuchtigen und archaischen Welt, in der man Männern ihren Charakter gleich ansieht und gesellschaftliche Normen noch nicht den Blick verstellen. Sozusagen „hemingwayianische“ Verhältnisse 😉

    Ich werde das Buch im Auge behalten! Danke für die Besprechung.

    Gruß
    Stefan

    • Lieber Stefan,
      das trifft es ganz gut. Vielen Dank für Deinen Besuch hier – vor allem weil ich dadurch auf Deinen Blog aufmerksam geworden bin, der mir sehr gut gefällt. Habe zwar erst einmal nur einen flüchtigen Blick riskiert, werde aber bald zu einem ausführlichen Besuch vorbeikommen.
      Viele Grüße
      Uwe

      • Dein Kompliment freut mich sehr und das gebe ich Dir gerne zurück!!! Einen wirklich tollen Blog mit grandiosen Fotos hast Du hier!

        Fühle Dich bei mir herzlich eingeladen 🙂

  3. Klingt ganz nach einem Buch, das ich mir nicht entgehen lassen sollte. Ich danke dir für deine schöne und informative Besprechung.

    • Vielen Dank. Schön, dass Dich der Beitrag anspricht und wenn Du das Buch ebenfalls lesen solltest bin ich schon sehr gespannt auf Deine Meinung.

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