Zeitreise in die Chaos-Epoche

Bruno Preisendörfer: Als Deutschland noch nicht Deutschland war

In einem anderen Beitrag hatte ich geschrieben, dass ich sofort dabei wäre, sollten eines Tages Zeitreisen möglich sein. Die Epoche, um die es ging, waren die Jahre des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts; eine Zeit, die mir in vielem als lebenswerter erscheint als unsere Gegenwart – warum, habe ich in jenem Beitrag erklärt. Nun ist so etwas mit einem Abstand von 200 Jahren schnell gesagt; wie ist es aber, wenn man diese Aussage, dieses Wunschdenken einmal überprüft? Hier hilft das Buch „Als Deutschland noch nicht Deutschland war“ von Bruno Preisendörfer weiter, das uns tatsächlich auf eine Zeitreise schickt, uns mitnimmt auf eine „Reise in die Goethezeit“, so der Untertitel.

Um es gleich vorab zu sagen: Was der Autor hier an Quellenarbeit geleistet hat, wie viele Informationen zu unzähligen Details er für dieses Buch zusammengetragen hat, das ist außerordentlich beeindruckend. Und spannend zu lesen, denn es ist keine trockene Auflistung, sondern ein lebendig erzähltes Tableau des damaligen Alltags in all seinen Facetten.

Was ist die Ausgangslage dieser Reise? Die Goethezeit, wie sie das Buch der Einfachheit halber nennt, ist eine Zeit des vollkommenen Umbruchs. Egal, ob in politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher oder kultureller Hinsicht – nichts bleibt, wie es war: Französische Revolution, Napoleon, das Aufkommen der Industrialisierung, das Entstehen des Bürgertums, die Stilrichtung der Romantik, die mit ihrer Sehnsucht nach einer verklärten Welt die Klarheit der Klassik und die mysterienlose Zeit der Aufklärung ablöst.

„Die »Goethezeit« war Chaos-Zeit, gefährlich, unberechenbar, unheimlich. Sie hatte wenig von der Behaglichkeit, die dem greisen Geheimrat in seinem Haus am Frauenplan so wichtig war. Überall wankte die Ordnung, alles ging drunter und drüber in Weimar, in Deutschland, in Europa und auf der ganzen »Pomeranze«, wie Lichtenberg die Weltkugel nannte. Kolonien wurden Staaten, Könige verloren den Kopf, Imperatoren zerrten im Zeitraffer das historische Lehrstück vom Aufstieg und Fall über die Bühne der Geschichte.“

Ein Deutschland gab es nicht, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation bestand aus einem Flickenteppich unzähliger Klein- und Kleinststaaten, die Mitteleuropa bedeckten. Flankiert von den Supermächten Russland, Österreich und Frankreich und mit einigen Ländern mittlerer Größe und Bedeutung wie Preußen, Bayern oder Sachsen. Mitten in dieser Gemengelage aus Grenzen, zerfaserter Hoheitsgebiete und Zollbestimmungen lag wie ein kultureller Leuchtturm Weimar, das Zentrum des intellektuellen Lebens der damaligen Zeit und Hauptstadt des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. Wobei die Stadt auf Zeitgenossen wie ein „kleines, totes, schlecht gebautes, recht widriges Städtchen“ gewirkt hat, das seinem geistigen Ruf architektonisch in keinster Weise entsprach. Wir schauen uns das selbst an, denn dort beginnt die Reise.

„So fern uns das alles ist, so nah sind wir den Menschen der Goethezeit in Gedanken und Gefühlen. … Aus der Chaos-Epoche gingen die geschichtlichen Voraussetzungen unserer eigenen Gegenwart hervor, und die Menschen, die diese Voraussetzungen schufen oder Zeuge ihrer Entstehung waren, sind in geistiger, seelischer und sogar körperlicher Hinsicht mit uns viel näher verwandt als etwa ein Warlord der Renaissance, ein Mönch des Mittelalters oder ein antiker Sklavenhalter. Nur wenig übertrieben ausgedrückt: Reisende in die Zeit um 1800 treffen bei der Ankunft auf ihresgleichen.“

Und wir werden viele unserer Vorfahren treffen. Tagebücher, Briefe oder Autobiographien lassen sie zu Wort kommen, zahlreiche Originalzitate sind gekonnt in den Text des Buches eingestreut; trotz ihrer in unseren Ohren altmodischen Sprache behindern sie den Lesefluss in keinster Weise, sondern sorgen für Authentizität.

Von Weimar ausgehend lernen wir auf unserer Zeitreise andere Städte kennen, große und kleine, erleben, wie beschwerlich das Reisen damals war – von Weimar nach Berlin in 36 Stunden empfand Goethe als „ungewöhnlich rasch“ – , schauen uns in Dörfern und Bauernhöfen um, in Schankstuben und Handwerkerbetrieben. Mit allen gesellschaftlichen Schichten werden wir zu tun haben, ihre Gewohnheiten und Gebräuche beobachten, an ihren Leben und ihrem Alltag für kurze Zeit teilhaben

Wir sind dabei, wenn Kutschen auf den schlechten Straßen liegenbleiben, bekommen ein Gefühl für die Schnelligkeit der Kommunikation, die vom Verkehrsrythmus der Post bestimmt war, oder passieren auf dem Main zwischen Bamberg und Mainz 33 Zollstationen – viel besser als mit dieser Zahl kann man die Absurdität der Kleinstaaterei kaum darstellen.

In den Städten besuchen wir die Salons, die Oper und das Theater. Aber auch die Armenhäuser, die Bordelle und den Richtplatz. Lernen das universitäre Leben kennen, die Märkte, auf denen verhärmte Bauern ihre Waren feilbieten, sehen und riechen den Schmutz in den Gassen. Bei den Fahrten über Land ahnen wir, was Leibeigenschaft und Frondienst bedeuten, erkennen, wie riesig die Kluft zwischen Arm und Reich ist.

Das Buch ist so vollgepackt mit Details, dass es eine Freude ist. Egal, ob es um Ernährung, um Gesundheit, um den Umgang mit Krankheit und Tod, um Sexualität oder um das Familienleben, um Mode oder um Wohnungseinrichtungen geht. Quer durch alle Stände und Schichten. Statistische Zahlen der damaligen Zeit werden kombiniert mit neuen Forschungsergebnissen und schaffen ein Gerüst, das eindrucksvoll mit dem Leben einer längst vergangenen Zeit gefüllt wird. Allerdings sollte beim Leser ein grundsätzliches Interesse an geschichtlichen Zusammenhängen vorhanden sein, um sich von dieser Fülle an Informationen nicht erschlagen zu lassen.

Es ist ein Geschichtsbuch voller Geschichten. Wohltuend fällt dabei auf, dass es ohne Schilderung von Schlachten und Kriegen auskommt. Dadurch liegt der Fokus tatsächlich auf dem Alltag der Menschen. Wobei damit aber auch ein wichtiger Aspekt des Lebens ausgeblendet ist, denn Krieg war damals ein ständige Möglichkeit, mit der die Menschen konfrontiert werden konnten. Und gerade in dieser Epoche verwandelte er durch Napoleons Eroberungskriege sein Gesicht: Regional begrenzte Konflikte wurden zu Feldzügen, die ganz Europa betrafen.

Nach 442 Seiten sind wir am Ende unserer Zeitreise angekommen, gefolgt von einem umfangreichen Anhang mit Maßangaben, Bevölkerungszahlen, Angaben zu Gehältern und vielen anderen Daten dieser Zeit. Was hat uns der Autor gezeigt? Eine Welt im Wandel, voller Brutalität, Ungerechtigkeit und Beschwerlichkeiten. Aber auch eine Welt voller Aufbruchstimmung, stets auf dem Weg zu neuen Horizonten. Eigentlich alles so wie heute.

Würde ich in dieser Zeit leben wollen, wenn man die Wahl hätte? Es ist eine Frage der Perspektive, als leibeigener Bauer sicher nicht, als Angehöriger einer bürgerlichen Familie könnte ich mir das gut vorstellen. Anschauen würde ich mir diese Welt auf jeden Fall, wenn es die Möglichkeit dazu gäbe. Und solange wir auf die Erfindung von Zeitreisen noch warten müssen, kommen wir dieser Epoche mit Bruno Preisendörfers Buch so nahe, wie es nur geht.

Jetzt hat der Autor übrigens nachgelegt: Mit seinem Buch „Als unser Deutsch erfunden wurde“ schickt er uns auf eine neue Reise. Diesmal in die Lutherzeit. Ich bin gespannt.

Dies ist ein Titel aus meinem Leseprojekt Das Weimar-Gefühl

Buchinformation
Bruno Preisendörfer, Als Deutschland noch nicht Deutschland war
Verlag Galiani
ISBN 978-3-86971-110-2

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7 Kommentare

  1. Hallo 🙂

    Als jemand, der gerne mal nach Weimar pilgert, Goethe und Schiller sehr gerne liest und mehr über diese Zeit erfahren will, kann ich nur sagen: Danke für den Lesetipp! Das schenke ich mir zu Ostern!

    Viele Grüße
    Sarah

  2. Das Buch habe ich mit Begeisterung gelesen. Alltagsgeschichte ist eben um Längen spannender als Herrschaftsgeschichte. In die Zeit reisen würde ich vielleicht maximal für ein paar Tage. Epochen ohne Pommes rot-weiß und dreilagiges Klopapier sind ja eher nicht so mein Ding in der Realität.

  3. Hallo Uwe,

    das klingt nach einem sehr interessanten Buch, aber Geschichte ist ja auch wirklich spannend. Besonders reizvoll klingt der Einblick in Alltägliches.
    Vielleicht ist das Buch auch für Lehrer geeignet. Während meiner eigenen Schulzeit wurde zwar die französische Revolution behandelt, wie es um diese Zeit in Deutschland aussah, ist mir aber eher schleierhaft. Und das, was im Deutschunterricht vermittelt wurde, gleicht eher den romantischen Vorstellungen der fiktiven Romanwelt.

    Vielen Dank für diese interessante Buchvorstellung.

    Liebe Grüße Nanni

  4. Also, mir als historisch interessiertem Menschen geht bei solchen Büchern das Herz auf. Ich schätze, früher oder später werde ich da einmal hineinschauen.

    In dieser Zeit leben würde ich allerdings nicht wollen. Sicherlich wäre das einerseits sehr spannend, andererseits würde mir die im Notfall benötigte medizinische Versorgung nicht wirklich zusagen. Allein ein Besuch beim Zahnarzt muss ein Abenteuer gewesen sein! 😉

    • Das Zahnarzt-Argument ist ein ziemlich schlagendes…Man müsste an Zeitkorridore für Arztbesuche in der Gegenwart denken, wenn man sich auf Zeitreise begibt.

  5. Das klingt wirklich interessant und nach einem Buch, das definitiv einen Blick wert ist. Wenn ich die Möglichkeit hätte, einmal in diese Zeit zu reisen, würde ich – von Neugier getrieben – sofort ja sagen, aber wohnen würde ich dort vermutlich nicht wollen. Vielen Dank für die Vorstellung des Buches 🙂
    Liebe Grüße,
    Cora

    • Vielen Dank für den Kommentar. Ich habe mich gefragt, was wohl die Menschen der damaligen Zeit über unsere Gegenwart und einer Welt auf dem Weg in den ölologischen Kollaps denken würden. Im Prinzip ist die Welt nicht wirklich besser geworden in den letzten 200 Jahren, die Ungerechtigkeiten sind jetzt nur eben global verteilt.

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