Indiebookday 2022, improvisiert

Indiebookday 2022

Seit 2013 ist der Indiebookday ein fester Termin im Kalender vieler Literaturbegeisterter. Er findet stets an einem der letzten Samstage im März statt und ist den vielen unabhängigen Verlagen gewidmet. Die Idee dazu hatte mairisch-Verleger Daniel Beskos; sie ist einfach und hocheffektiv gleichzeitig. Die Leser sind am Indiebookday dazu aufgerufen, eine Buchhandlung aufzusuchen und ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu kaufen; ein Verlag also, der konzernunabhängig ist, dadurch mehr Freiheiten bei der Programmgestaltung hat und meist nur aus einem kleinen Team besteht. Auf der Seite Morehotlist, dem »Magazin für unabhängige Bücher und Buchmenschen« gibt es eine Liste deutschsprachiger Independent-Verlage. Und auf der Seite We Read Indie wird für die Frage »Was ist Indie?« eine gute Definition angeboten.

Das Wichtigste an der Aktion: Das im Lieblingsbuchladen gekaufte Buch wird anschließend auf den Social-Media-Accounts der jeweiligen Buchkäufer präsentiert – zusammen mit dem Hashtag #indiebookday. So erhalten die Bücher aus unabhängigen Verlagen an diesem Tag eine geballte Aufmerksamkeit; gleichzeitig ist es Werbung für die Vielfalt der Literatur. Auch viele Buchhandlungen beteiligen sich daran und haben für diesen Tag entsprechende Büchertische aufgebaut.

Nun ist es mir als Leser erst einmal gleichgültig, in welchem Verlag ein Buch erschienen ist. Genauso, wie es für mich keine Rolle spielt, ob das Buch von einem Autor oder einer Autorin geschrieben wurde, ob es sich um eine Übersetzung handelt oder ob es um aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen geht. Entscheidend ist für mich bei der Auswahl der Bücher immer die Sprache. Sie muss mich begeistern, mich in den Inhalt hineinziehen und mich meine Umgebung vergessen lassen. Geschieht dies nicht nach spätestens zwei, drei Kapiteln, dann breche ich die Lektüre ab – egal, ob das Buch in einem kleinen Indie-Verlag oder in einem der großen Verlagshäuser erschienen ist. 

Allerdings sind es besonders die kleinen, unabhängigen Verlage, die immer wieder für besondere Entdeckungen sorgen. Gerade weil sie nicht den Controllern oder irgendwelchen Aktionären verpflichtet sind, sondern einzig und allein ihrem Enthusiasmus, wagen sie mehr. Ein schönes Beispiel dafür ist die Naturkunden-Reihe, die bei Matthes & Seitz erscheint. Welcher Konzernverlag würde sich an ein solches Projekt trauen? Die Independents sind das Salz in der Suppe der Verlagslandschaft, sie sind die Trüffelsucher, die Abenteurer, immer auf der Suche nach dem Neuen, Unbekannten. Und nicht selten starten neu entdeckte Autoren in einem Kleinverlag und werden im knallharten Lizenzgeschäft später von den größeren Verlagsunternehmen weggekauft. Denn eines haben die Kleinen, Unabhängigen naturgemäß nicht: Ein großes Marketingbudget. Daher ist der Indiebookday so wichtig für ihre Sichtbarkeit. Und natürlich war ich die letzten Jahre immer dabei, habe meine Erwerbungen in die Kamera gehalten und auf Instagram, Facebook und Twitter gepostet. 

Am diesjährigen Indiebookday geht das leider nicht. Denn eine Knie-Operation (nichts Dramatisches, aber Lästiges) zwingt mich dazu, mein Bein ruhig zu halten, das Sofa nicht zu oft zu verlassen und meine Zeit mit Lesen zu verbringen. Nicht gerade die unangenehmste Rekonvaleszenz-Maßnahme, aber natürlich wäre ich gerne heute zum Buchladen meines Vertrauens spaziert, um ein Indie-Buch zu kaufen. Oder zwei. Oder drei.

Aber immerhin ist der Gang zum heimischen Bücherregal möglich und daher habe ich nun acht Bücher aus unabhängigen Verlagen herausgezogen, die eines gemeinsam haben: Ich kenne sie noch nicht. Manche warten schon seit Jahren darauf gelesen zu werden, manche sind gerade erst eingezogen. Und die nächsten Tage habe ich viel Zeit.

Hier sind sie.

Georg Elterlein: Sprache der Krähen. Picus Verlag

Eine Außenseitergeschichte. Ein Doppelleben. Ein Porträt zweier vereinsamter Menschen. Und eine Mischung aus Thriller, Liebesgeschichte und Familiendrama. Das alles verspricht der Text auf dem Umschlag und macht damit neugierig auf das Buch. Ein Buch, das ich mir vor allem wegen des Covers gekauft habe – denn die neblige Trostlosigkeit, dazu der Titel: Das ist genau mein Ding. Bin gespannt. 

Sylvain Prudhomme: Legenden. Unionsverlag

Der Klappentext: »Die Crau, eine Steinwüste vor den Toren von Arles. Weites, nacktes Land, überlassen einzig dem rauen Mistral und den Schafen. Hier leben Matt und Nel, verbunden durch eine tiefe Freundschaft. Als Matt beginnt, die Vergangenheit der Region zu erforschen, stößt er immer wieder auf die Namen zweier Cousins von Nel, die in den Achtzigern hier lebten.« Und wirbelt dabei Erinnerungen auf, die lieber vergessen bleiben sollten. Klingt nach einem Plot, der mir gefallen wird. 

Patrick Findeis: Paradies und Römer. Liebeskind Verlag

Wenn ein Buch im Programm des Liebeskind Verlags erscheint, kann ich es blind kaufen, es trifft fast immer meinen Lesegeschmack. Der Roman von Patrick Findeis führt uns in die Welt der Menschen, die gerade so über die Runden kommen, die ihre Träume längst begraben mussten. Die in maroden Sozialbausiedlungen leben und nie eine Chance erhalten. Und es geht um eine Freundschaft, die längst vergangen war, aber sich jetzt in einer alles entscheidenden Nacht noch einmal bewähren muss.

Yishai Sarid: Monster. Kein & Aber Verlag

Der Klappentext: »Yishai Sarid, einer der bekanntesten Autoren Israels, berichtet auf eindrückliche Weise, wie Grausamkeiten uns auch dann in ihren Bann ziehen, wenn sie längst dem Reich der Erinnerung angehören.« Das Buch steht auf meiner Liste zum Leseprojekt »Das Unerzählbare«, es geht um die Shoa, um unsere Kultur des Gedenkens und um den schmerzhaften Umgang mit der Verantwortung. Um eine Eskalation. Und um die Frage, wie Menschen zu Mördern werden.

Carl Nixon: Fish’n’Chip Shop Song. Culturbooks Verlag

Der neuseeländische Autor Carl Nixon zeigt uns in seinen Geschichten sein Heimatland abseits der Postkarten-Idylle mit ihren atemberaubenden Landschaften. Sein Roman »Settlers Creek« hatte mich vor einiger Zeit sehr begeistert, es wird Zeit sich mit seinen Stories in diesem Band zu beschäftigen.

Mathijs Deen: Der Holländer. mare Verlag

Das erzählerische Sachbuch »Über alte Wege« von Mathijs Deen war nicht nur eines meiner Lesehighlights im Jahr 2019 – in diesem Buch trafen die Familiengeschichte des Autors und meine eigene in einem abgelegenen Ort an der Ostsee aufeinander. Vor 200 Jahren. Umso gespannter bin ich auf das neue Werk von ihm. Diesmal ist es ein Kriminalroman, in dem es um einen Toten im deutsch-niederländischen Wattenmeer geht.

Tanya Tagaq: Eisfuchs. Verlag Antje Kunstmann

Ein Roman, der von der Jugend eines Mädchens in der Arktis erzählt, weit im Norden Kanadas. Der die Gnadenlosigkeit der Natur und der Menschen mit den Mythen und Erzählungen der Inuit verknüpft. Auf das Buch aufmerksam geworden bin ich durch die Rezension in Mareike Fallwickls Blog Bücherwurmloch.

Éric Vuillard: Der Krieg der Armen. Verlag Matthes & Seitz

Thomas Müntzer war Reformator und Revolutionär, als einer der maßgeblichen Akteure des Deutschen Bauernkriegs wurde er 1525 auf dem Schlachtfeld von den kaiserlichen Truppen gefangengenommen und geköpft. Kann man dieses bewegte und dramatische Leben auf 64 Seiten nacherzählen? Éric Vuillard kann. Und ich bin gespannt. 

So. Das sind also die Bücher, die ich um Indiebookday 2022 in die Kamera halte. Zwar nicht frisch gekauft, aber dafür gleich ein paar mehr – und in ein paar Tagen wird ein Gang zum Buchladen auch wieder möglich sein. Und bis dahin habe ich immerhin viel Zeit zum Lesen. 

Wer mehr Tipps zu Büchern aus unabhängigen Verlagen haben möchte, dem sei unbedingt ein Besuch beim eingangs erwähnten Gemeinschaftsblog We Read Indie empfohlen.

#indiebookday

#SupportYourLocalBookstore

4 Antworten auf „Indiebookday 2022, improvisiert“

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