Zwei Jäger

Niklas Natt och Dag: 1793

Gut recherchierte historische Kriminalromane lassen auf ihrem Weg weit zurück in die Vergangenheit Epochen auferstehen, die scheinbar längst verschwunden sind. Aber nur selten gelingt dies so vielschichtig wie in dem Roman „1793“ von Niklas Natt och Dag, der uns mitnimmt nach Stockholm in das titelgebende Jahr. Und in eine Zeit der Umbrüche.

1793 also. 100 Jahre zuvor war Schweden noch eine der wichtigen europäischen Großmächte gewesen, ein Land, dem der Dreißigjährige Krieg große Territorialgewinne eingebracht hatte. Mit dem Scheitern der Feldzüge Karls XII. und dessem Tod im Jahr 1718 setzte der Niedergang ein und 1793 war Schweden ein Land der extremen Gegensätze, bitterste Armut existierte neben dem verschwenderischen Lebensstil der Reichen. Vier Jahre zuvor hatten genau diese Gegensätze in Frankreich zu einer Revolution geführt, und nur wenige Monate vor Beginn der Romanhandlung war der französische König guil­lo­ti­nie­rt worden – ein Ereignis, das in ganz Europa für Unruhe unter den Mächtigen sorgte. Es brodelte auf dem Kontinent und jahrhundertealte gesellschaftliche Strukturen bekammen erste Risse. „Zwei Jäger“ weiterlesen

Über Tankstellenästhetik

Lars Mytting: Fyksens Tankstelle

Erik Fyksen ist Ästhet. Und Betreiber von „Fyksens Tankstelle“, dem Titel des Buches von Lars Mütting. Seine Leidenschaft gehört den Autos, ihren Motoren und seiner Tankstelle. Allerdings ausschließlich schönen Autos, und da seit einigen Jahrzehnten nur noch praktische, aber keine ästhetisch anspruchsvollen Autos mehr gebaut werden, hat er sein Herz an die sechziger Jahre verloren und seine Tankstelle wirkt, als sei die Zeit stehen geblieben. Er weigert sich, seine Werkstatt oder seine Verkaufsräume zu modernisieren und alles entspricht dem Klischeebild einer Tankstelle, wie es sie eigentlich gar nicht mehr gibt: Fyksen oder sein Freund und Angestellter Tor-Arne stehen mit ölverschmierten Händen, gerade aus der Werkstatt kommend, an der Kasse, es gibt Ersatzteile auf einfachen Bretterregalen an der Wand, verpackt in schmucklosen Pappkartons, vielleicht noch ein paar Süßigkeiten vor dem Tresen. Aber zum Beispiel keine Würstchen, denn „kocht deine Mutter vielleicht in der Garage?“, keine auf Hochglanz polierten Fliesen, keine belegten Brötchen, es ist eben eine Tankstelle. Ehrlich und geradlinig. „Über Tankstellenästhetik“ weiterlesen

Venezianischer Textbaustein*

Fruttero und Lucentini: Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz

Das hier ist meine Lieblingsstelle in dem wunderbaren, großartigen Buch „Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ des italienischen Autorenduos Fruttero & Lucentini. In dem Roman geht es um das Thema Unsterblichkeit, so wie in dem schon vorgestellten „Alle Menschen sind sterblich“. Auch hier steht ein auf ewig Reisender im Mittelpunkt der Geschichte, die in Venedig spielt. Die zitierte Stelle lese ich mir manchmal laut vor – einfach weil mir die Sprache so gut gefällt. Und bekomme jedes Mal eine Gänsehaut. „Venezianischer Textbaustein*“ weiterlesen