Der Sessel

Der Sessel. Ein Beitrag für das Lesemagazin KUDU.

Mitten im Raum stand der Sessel. Ein wuchtiges Ding, das dazu einlud, es sich darin mit einem Buch bequem zu machen. Der Fußboden war übersät mit Mörtelbrocken und Glasscherben, die Wände waren vollgesprüht mit Graffiti, in einer Ecke lagen angekohlte Holzstücke und durch die eingeschlagenen Fenster wehte ein eiskalter Wind. Und doch ratterte beim Anblick dieses Sessels sofort das Kopfkino los. Wie mochte er wohl an diesen Platz gekommen sein? Aber bevor ich weitererzähle, sollte ich zuvor die Frage beantworten, wo wir eigentlich gerade sind. Und was ich da mache.

Vor Jahren hatte ich in Leipzig studiert und in dieser Zeit diese Stadt kennen und lieben gelernt. Damals konnte ich nicht genug davon bekommen, mit dem Photoapparat durch verfallene Industriepaläste aus der Gründerzeit zu streifen; Ruinen, doch stolz noch im Verfall. Nun lebe ich in Köln, aber die Leipziger Buchmesse lasse ich mir nie entgehen und verbinde sie stets mit einem Besuch bei alten Freunden. So auch im März 2013, als wir durch Leipzig-Plagwitz fuhren und vor einer imposanten Fabrikruine anhielten. Es war kalt, überall lag Schnee und das Nachmittagslicht war perfekt. Eine tiefstehende Sonne, die das große Gebäude in erdig-warme Farben tauchte. Wir kletterten hinein, es war eine schon fast magische Stimmung. Ein großer leerer Raum nach dem anderen, verrostete Stahlträger, abgeplatzter Verputz, Sonnenstrahlen, in denen Staubpartikel tanzten, Stille. Dann betrat ich eine der ehemaligen Maschinenhallen, unter den Sohlen knirschte der Schutt – und jener Sessel stand vor mir. Oder vielmehr ich vor ihm, denn er sah so aus, als würde er genau an diesen Platz gehören. 

Was könnte man alles aus diesem maroden Palast machen? Ein Gedanke nach dem andern schoss mir damals beim Anblick des Sessels durch den Kopf. Eine Buchhandlung sollte es sein, an allen Wänden der Fabrikhallen Bücher, Bücher, Bücher, großzügig präsentiert, geschmackvoll beleuchtet. Und viel Platz, Luft zum Denken. In dem Sessel würden abends Autoren sitzen und ihre Werke vorstellen. Der Raum wäre gefüllt mit literaturaffinen Menschen. In anderen Räumen gäbe es Platz für eine Druckwerkstatt, in der alte Druckmaschinen bibliophile Kostbarkeiten herstellen würden. Galerien könnten hier unterkommen. Und ein Kaffeehaus, in dem man Stunden mit Büchern und Koffein verbrächte. Oben wäre der Wohnbereich mit Gästezimmern; Autoren, die für Veranstaltungen zu Besuch kämen, hätten die Möglichkeit, hier Zeit zu verbringen und zu arbeiten. Eine Dachterrasse, man bräuchte unbedingt eine Dachterrasse. Mit einer Bar natürlich. Zur Buchmesse würden im der alten Fabrik Verlagspartys stattfinden, es gäbe Empfänge und Buchpremieren. Vielleicht könnte man eine eigene Literaturzeitschrift herausgeben, oder …

In diesem Moment verschwand die Sonne hinter dem Dach des Nachbarhauses. Es wurde schlagartig schattig. Ich wachte auf, aus einem Traum gerissen und musste kurz überlegen, wo ich gerade war. Der Sessel stand immer noch da.

2018 wurde die Fabrikanlage zu schicken Loftwohnungen umgebaut. Der Sessel ist verschwunden, aber diesen einen Moment werde ich nie vergessen. Diesen Tagtraum, der sich so wunderschön real anfühlte. Und eine Buchhandlung mit Café hätte ich immer noch gerne.

Der Sessel. Ein Beitrag für das Lesemagazin KUDU.

Dieser Text wurde ursprünglich für KUDU geschrieben, das nigelnagelneue Kundenmagazin des Buchhandels, zum ersten Mal präsentiert auf der Leipziger Buchmesse 2019. Es ist von Buchhändlern für Buchhändler konzipiert und wird von Buchwert, einer Buchhandels-Kooperation für Dienstleistungen rund um das Geschäft mit Büchern, herausgegeben. Chefredakteur ist Thomas Schmitz, Inhaber von schmitz.die buchhandlung, dessen eigene Kundenzeitschrift schmitzkatze seit 2006 erscheint und in der Branche legendär ist. Dirk Uhlenbrock hat für die moderne, ansprechende Gestaltung gesorgt. KUDU enthält neben zahlreichen, handverlesenen Buchempfehlungen Interviews und abwechslungsreiche Texte von Menschen aus der Buchbranche. Mitwirkende der ersten Ausgabe sind Petra Hartlieb, Monika Hasemann, Dennis Hasemann, Patty Jabs, Torben Kuhlmann, Root Leeb, Anika Neuwald, Mareike Niehaus, Mechthild Römer, Sandra Rudel, Rafik Schami, Elena Schmitz, Thomas Schmitz, Kathrin Schwamborn und Andreas Wumm. Und auch ich habe die große Freude, für die Rubrik »Ein Foto und seine Geschichte« den Text »Der Sessel« beitragen zu dürfen – mitsamt dem Photo natürlich. Das zweite Bild in diesem Beitrag hier ist der Bonustrack.

Zum Abschluss noch ein kurzer Ausschnitt aus dem Editorial des Heftes, in dem die KUDU-Macher auf den Namen des Magazins eingehen:

»Und wieso KUDU? Nein, der Titel erklärt sich nicht ohne Weiteres. Aber muss er das? Als wir ihn zum ersten Mal einer noch kleinen Leserschaft vorstellten, dachten einige sofort an ein Wortspiel oder eine Abkürzung. KUnst und DU? KUltur und DU.
Nein, Kudu bezeichnet ein Tier. Eine afrikanische Antilopenart, um es genau zu sagen. Wenn ein Szenemagazin Marabu heißen darf, eine Kinderzeitschrift nach dem Gecko benannt ist, ein Kinderbuchpreis auf den Namen Luchs hört, warum dann nicht einfach und einprägsam KUDU? Schauen Sie sich das Tier einmal an: Es ist anmutig, es ist stolz, es ist kräftig und selbstbewusst, wir finden die »Rallyestreifen« witzig und das Gehörn ist so wunderbar geschwungen, wie möglicherweise das Denken die Richtung wechselt. Und all das würden wir uns für unser – nein, Ihr Lesemagazin doch wünschen.«

Ein schönes Projekt! KUDU ist ab Ende März als kostenloses Magazin in den etwa 300 Buchwert-Partnerbuchhandlungen erhältlich und soll zukünftig jeweils zu den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig erscheinen. Ich bin schon gespannt, welche Verbreitung das Heft finden wird und lege es allen Literaturbegeisterten wärmstens ans Herz.

KUDU
Lesemagazin
Als kostenlose Kundenzeitschrift in zahlreichen Buchhandlungen erhältlich
Heft 0 / März 2019
Heft 1 erscheint zur Frankfurter Buchmesse 2019

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2 Antworten auf „Der Sessel“

  1. Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung.
    Mein ursprünglicher Kommentar kam nach einem ersten, flüchtigen Eindruck von Ihrer Seite. Erst danach (sinnigerweise) habe ich mich noch ein bisschen weiterumgeschaut, um dann festzustellen, dass es wohl keinen blöderen Kommentar geben konnte als, Sie können auch schreiben.
    Ich dachte tatsächlich, ich würde Ihnen ein Kompliment machen.
    Ja, das zeigt mal wieder, wie ratsam es ist, nicht vorschnell seinen Senf abzugeben, egal wozu. Was nichts an meinem Fazit ändert: Ihr Blog ist grandios.
    Viele Grüße

  2. Hallo, Uwe,
    Nachdem ich jetzt ein paar deiner Beiträge sehe ich, was der Unterschied zu anderen Bloggern ist: Du liest nicht nur, du kannst auch schreiben. Das Stück hier ist wunderbar.
    Liebe Grüße

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