Reise durch die Zerstörung

Daniel Kehlmann: Tyll

Die Legende von Tyll Ulenspiegel ist entstanden im 14. Jahrhundert. Das erste Mal aufgezeichnet wurde die Geschichte des – angeblich um 1300 im niedersächsischen Kneitlingen geborenen – Schelmen und seiner derben Späße um das Jahr 1483, gedruckt erschien sie 1515 in Straßburg. Sie taucht im Laufe der Jahrhunderte immer wieder in unterschiedlichen Varianten auf, der Autor Charles de Coster schuf im 19. Jahrhundert daraus ein belgisches Nationalepos in französischer Sprache. Mit seinem Roman „Tyll“ fügt Daniel Kehlmann eine weitere Fassung des Stoffes hinzu: Entstanden ist daraus ein vollkommen neues Werk. Und große Literatur.

Im Original macht Tyll Ulenspiegel das spätmittelalterliche Norddeutschland und Flandern unsicher. Daniel Kehlmann nutzt jedoch die dichterische Freiheit des Schriftstellers und versetzt seinen Helden mitten hinein in den Dreißigjährigen Krieg zweihundert Jahre später. Die Zeit zwischen 1618 und 1648 war eine der katastrophalsten Epochen der Geschichte Mitteleuropas. Drei Jahrzehnte lang ziehen Heerhaufen durch die Lande, plündern, rauben, brandschatzen, morden, vergewaltigen und hinterlassen eine vollkommen verwüstete, zu weiten Teilen fast menschenleere Ödnis.

Tyll Ulenspiegel reist durch Land und Krieg, gleich in der ersten Szene des Buches kommt er mit seinem Schaustellerwagen in eine kleine Stadt, die bisher verschont geblieben war. Nach anfänglicher witziger Unterhaltung schafft er es mit einem kleinen Trick, dass sich die langjährige Anspannung unter den Bewohnern entlädt, dass lange zurückgehaltene Eifersüchteleien und unterdrückter Neid sich Bahn brechen und die Männer und Frauen prügelnd aufeinander losgehen. Tyll verschwindet, wie er gekommen ist und lässt zutiefst verunsicherte Menschen zurück.

Diese Eröffnungssequenz ist perfekt. Sofort ist damit eine Stimmung erzeugt, die nichts Gutes ahnen lässt. Und gleichzeitig erleben wir Tyll als einen vollkommen freien Menschen in einer Welt voller Zwänge und Traditionen, ständig bedroht, im Wirbel des Krieges unterzugehen. „Wir begriffen, wie das Leben sein kann für einen, der wirklich tut, was er will, und nichts glaubt und keinem gehorcht; wie es wäre, so ein Mensch zu sein, begriffen wir, und wir begriffen, dass wir nie solche Menschen sein würden.“ Durch die Wahl eines Ich-Erzählers im ersten Kapitel gehören wir Leser selbst zu den Zuschauern, die erleben, wie dieser dünne, ausgemergelte Tyll mit seinen bitterbösen Späßen es schafft, durch nur wenige Sätze ein Chaos anzurichten. Das ist der Einstieg in die Handlung, danach wechselt die Perspektive und der Ich-Erzähler verschwindet.

Auf den darauf folgenden 440 Seiten werden wir Tyll immer wieder in anderen Situationen begegnen. Sie sind nicht chronologisch erzählt, vielmehr entsteht der Eindruck eines Puzzles, das sich nach und nach zu seiner Lebensgeschichte – und zur Geschichte jener Epoche – zusammensetzt.

Wir treffen Tyll als Kind, zusammen mit der Nachbarstocher Nele auf der Flucht vor den Jesuiten Athanasius Kircher und Oswald Tesimond, die Tylls etwas zu wißbegierigen Vater wegen Hexerei hinrichten ließen. Tyll und Nele wählen ein Leben auf der Flucht, aber auch ein Leben in Freiheit, mit all seinen Entbehrungen und Unsicherheiten.

Wir erleben, wie gegen Ende des Krieges Graf Martin von Wolkenstein – ein (fiktiver) Nachfahre des berühmten Minnesängers Oswald von Wolkenstein – vom habsburgischen Kaiser auf die Suche nach Tyll geschickt wird, um diesen berühmten Narren an den kaiserlichen Hof zu holen. Die Reise führt ihn durch eine vom Krieg restlos verheerte Landschaft, grau, kalt und trostlos. „Alle Felder lagen brach, einige waren aschgrau, von großen Feuern. Die Hügel duckten sich unter einem bleischweren Himmel. In der Ferne standen Rauchsäulen vor dem Horizont.“

Er begegnet uns im winzigen Hofstaat des Kurfürsten Friedrich von Böhmen, dessen Griff nach der böhmischen Krone der Auslöser für das dreißigjährige Gemetzel war. Der sich seitdem auf der Flucht oder im Exil befindet und der sein Leben irgendwo in einer Schneewehe aushauchen wird, erschöpft, krank und einsam. Tyll wird dabei sein letzter Begleiter sein.

In einem Kapitel ist Tyll Impressario eines kleinen Zirkus; an einer anderen Stelle sehen wir ihn wieder, als er zu Schanzarbeiten bei der Belagerung von  Brünn zwangsverpflichtet und während des Bombardements in einem Stollen verschüttet wurde.

Immer wieder trifft er auf Elisabeth Stuart, erst Frau, dann Witwe des böhmischen Kurfürsten Friedrich. Geboren als Tochter des englischen Königs wurde sie mit Friedrich verheiratet. Als dieser die böhmische Königskrone annahm und danach als glückloser Winterkönig in die Geschichte einging, folgte das unstete Leben im holländischen Exil. In der Figur Elisabeths werden noch ganz andere Aspekte jener Epoche deutlich: Sie wurde von Jan Vermeer porträtiert und erlebte als junges Mädchen die King’s Men, die Theatertruppe, zu der Shakespeare lange Zeit gehörte. Das alles fließt wie beiläufig in den Text ein, ein Hauch von Kultur inmitten der Vernichtung.

Daniel Kehlmanns Idee, die Figur des Tyll Ulenspiegel in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges hineinzuversetzen, geht auf. Als erfundene Figur streift er durch eine Geschichte, die mit zahlreichen realen historischen Personen bevölkert ist, seien es Kurfürst Friedrich, dessen Frau Elisabeth Stuart, die beiden Jesuiten Athanasius Kircher und Oswald TesimondGustav Adolf von Schweden, Adam Olearius oder Paul Fleming. Und viele andere. Die Verknüpfung von dichterischer Erfindung und historischer Realität schafft ein eindrucksvolles Bild jener Zeit.

Zwei zentrale Themen stehen dabei im Mittelpunkt. Zum einen die Heimatlosigkeit der meisten Protagonisten, die rastlos durch eine zerstörte Welt ziehen. Ein Zuhause gibt es nicht mehr, vielen von ihnen begegnen wir immer wieder. Zum anderen ist es der Hunger, der die einfachen Leute schon in Friedenszeiten plagte, während des endlosen Krieges aber zu einer wahren Geißel der überlebenden Bevölkerung wurde. „Enorm hager war er, und seine Augen lagen tief in den Höhlen“ – so steht der altgewordene Tyll vor uns.

Aus vielen einzelnen Situationen entsteht damit der Blick auf das große Ganze und bringt uns dieses Zeitalter sehr nahe. Eine äußerst beeindruckende Stelle des Buches ist der Besuch des Heerlagers von Gustav Adolf. Tyll reitet im kleinen Gefolge des Kurfürsten Friedrich, König von Böhmen, mitten hinein in eine apokalyptische Szenerie.

„Man hatte das Lager schon gerochen, als es noch gar nicht in Sichtweite gewesen war, eine Ahnung von Schärfe und Bitternis über der entvölkerten Landschaft. … Der Geruch wurde stärker, je näher sie kamen. Er biss in die Augen, er stach in der Brust, und wenn man sich ein Tuch vors Gesicht hielt, drang er durch das Gewebe. … Das Erdreich war aufgewühlt, die Pferde sanken ein, sie stapften wie durch tiefen Morast. Unrat häufte sich dunkelbraun am Wegesrand, der König versuchte, sich zu sagen, dass es wohl nicht das sei, was er vermutete, aber er wusste, es war genau das: der Kot von hunderttausend Menschen. Nicht nur danach stank es. Es stank auch nach Wunden und Geschwüren, nach Schweiß und nach allen Krankheiten, welche die Menschheit kannte.“

Ein starker Text, verstörend und so plastisch, als wäre man selbst dabei.

Es gibt noch eine andere Szene, die sich tief eingeprägt hat. Tyll wird auf einer Anhöhe stehend Zeuge der Schlacht bei Zusmarshausen, der letzten großen Feldschlacht des Dreißigjährigen Krieges. Tausende von Soldaten und Reitern sind gegeneinander aufmarschiert und stürmen aufeinander los – doch für den Betrachter verschwindet alles im Pulverdampf, der als eine große Wolke das Geschehen überdeckt.

Als sich der Dunst verzieht und der nächste Tag anbricht, ist die zertrampelte Landschaft kilometerweit mit Toten, Sterbenden und Verwundeten übersät. Eine vollkommene Zerstörung, wie ein Sinnbild für diese dreißig schrecklichen Jahre, welche die Geschichte Mitteleuropas in ihrem weiteren Verlauf geprägt haben bis heute. Und für die Menschen jener Zeit nur eines hinterlassen haben: Eine gewaltige Leere.

„Ganz blau waren Tylls Augen. Sehr hell waren sie, fast wässrig, sie schienen schwach aus sich heraus zu leuchten, und in der Mitte des Augapfels war ein Loch. Dahinter war – ja, was? Dahinter war die Seele des Narren, das, was er war.“

Tyll bleibt in Daniel Kehlmanns Roman ein Mythos, eine Legende. In einem anderen Leben huscht er wie ein Schatten durch eine andere Zeit, ungreifbar, unnahbar. Eine Zeit, die er uns mit all ihren Verwerfungen und all ihrem Elend so nahe bringt, wie es mit Hilfe einer Erzählung nur möglich ist.

Dies ist ein Titel aus dem Leseprojekt Drei Jahrzehnte Verwüstung.

Buchinformation
Daniel Kehlmann, Tyll
Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-03567-9

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