Wilder Westen unplugged

Wolfgang Büscher, HartlandAb und zu blättere ich im Globetrotter-Katalog. Es ist faszinierend, was es alles an Outdoor-Produkten gibt und wie viele ach so überlebenswichtige Dinge man unbedingt zum Wandern benötigt. Theoretisch. Man kann aber auch einfach seinen alten, abgewetzten Rucksack packen, loslaufen und dann monatelang ein Land erkunden. So hat es Wolfgang Büscher in den USA gemacht und er berichtet in seinem Buch „Hartland“ eindrucksvoll darüber. Er ist der Fußgänger unter den Reiseschriftstellern: Nachdem er von Berlin nach Moskau gelaufen ist, dann einmal Deutschland komplett an den Grenzen entlang umwandert hat, war der USA-Trip sein nächstes großes Projekt.

Büscher startet seine Wanderung an der kanadisch/US-amerikanischen Grenze. Wobei „Wanderung“ trifft es nicht ganz. Vielmehr wird er sich in den nächsten Monaten durch das Land treiben lassen. Mal zu Fuß, mal als Anhalter, mal mit dem Bus, er macht unterwegs Station und lernt intensiv die vielen verschiedenen Facetten eines Teils der USA kennen, der abseits der großen Zentren liegt, der uns in Europa kaum bekannt und trotzdem das Herz dieses Landes ist. Großartig ist gleich zu Beginn die Schilderung, wie er inmitten einer verschneiten Landschaft zu Fuß in die USA einreisen möchte. Die Grenzer sind mißtrauisch, finden sein Vorhaben seltsam und verhören ihn. Stundenlang. Beinahe schon ein verbales Duell. Letztendlich darf er passieren: „Nach einer Weile gaben Sie mir meinen Paß, darin befand sich das Visum. Ich könne nun nach Amerika gehen, sagten sie. Ich ging in den Saloon.“

Wolfram Büscher durchquert der Länge nach die Great Plains, den einstigen Wilden Westen. Er passiert North und South Dakota, entlang des Missouris geht es nach Nebraska und über Kansas erreicht er schließlich Texas. Ganz im Süden von Texas verlässt er die USA wieder und verschwindet in Mexiko. Der einsame Wanderer kommt oft an seine Grenzen, er wird im Schneesturm eingeschneit, im Süden macht ihm die sengende Hitze zu schaffen und die Tristesse abgewohnter Motelzimmer lässt ihn seine Einsamkeit um so deutlicher spüren. Aber gleichzeitig trifft er Menschen, die ihm helfen, wenn er es nicht erwartet hätte, spricht mit Austeigern, Familienvätern, alten Frauen, Tramps, Saloongästen, mit allen und jedem.

Und er schaut genau hin. Viele der Menschen, denen er begegnet, erzählen ihm ihre Lebensgeschichte,  sie sprechen über ihre Sorgen, ihre Hoffnungen, ihre Träume und was daraus geworden ist. So ensteht ein Panorama der amerikanischen Landbevölkerung – denn durch Großstädte kommt er fast nie – mit all ihren Unterschieden, Gemeinsamkeiten und regionalen Besonderheiten. Dazu kommt die Landschaft, die unendlichen Weiten Amerikas, mal atemberaubende Natur, mal endloses Ödland, er gibt kurze Einblicke in die amerikanische Geschichte, die an vielen Stellen heute noch präsent ist. Das titelgebende Hartland etwa ist der Name einer Geisterstadt, die ursprünglich Heartland hieß. Der einsame Wanderer findet sie per Zufall – schon das ist erzählenswert – und verbringt eine Nacht in einem der verlassenen Häuser, um sich vor dem fallenden Schnee zu schützen. „Die Spur im Schnee, die von Herzland nach Hartland führte, war die der zerbrochenen amerikanischen Träume. Heartland, das Herz. Hartland, der Schmerz. Die beiden Enden der amerikanischen Parabel.“

Ein wundervolles Buch über das Unterwegssein. Und über Amerika.

Buchinformation
Wolfgang Büscher, Hartland
Rowohlt Taschenbuch
ISBN 978-3-499-62681-4

9 Kommentare

  1. Vielen Dank für den schönen Blog. Bin durch eine Facebook-Empfehlung aufmerksam geworden und freue mich, viele bekannte Titel zu finden. Beste Grüße. Stefan

  2. Ich fand Hartland nicht schlecht, aber doch nicht so überzeugend wie sein Buch über die Deutschlandumwanderung. Irgendwie hatte ich hie und da das Gefühl, so ganz wisse Büscher nicht, was er schreiben soll. Spannender als die historischen Ausflüge in Hartland sind jedenfalls Büschers eigene Erlebnisse – und ja, er ist ein wirklich scharfäugiger Beobachter -, aber auch die schmeckten manchmal doch etwas dünn wie amerikanischer Kaffee.

    • Was mir an Hartland genau wie an der Deutschlandumwanderung gut gefallen hat: Er geht in Regionen, von denen jeder weiß, die aber kaum jemand kennt. Beim Deutschlandbuch war das vielleicht auch deshalb intensiver, weil wir Unbekanntes aus unserer eigenen Heimat kennengelernt haben? Das Buch über die Berlin-Moskau-Wanderung habe ich noch nicht gelesen, da bin ich gespannt, wie das im Vergleich abschneidet.

      • Ja, das könnte eine treffende Begründung sein, warum die Beschreibung der Deutschlandreise intensiver wirkte. Die Wanderung nach Moskau habe ich auch noch nicht gelesen.

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