Simone de Beauvoir in Melbourne

Simone de Beauvoir: Alle Menschen sind sterblich

Im März 1993 stand ich in einer Schlange vor einem Schalter des Hauptpostamts in Melbourne. Ich reiste gerade drei Monate durch Australien und wollte dort nach postlagernden Briefen für mich fragen. Heute, in Zeiten von Skype, Internetcafés und sozialen Netzwerken mag das seltsam klingen, doch damals war es die normale Art und Weise, mit Freunden und Familie daheim in Verbindung zu bleiben, wenn man längere Zeit ohne bestimmtes Ziel unterwegs war. Das Schöne daran war, dass man so richtig weg und wenn man wollte, unerreichbar sein konnte. In meiner Erinnerung war das ein phantastisches Vierteljahr: Sich treiben lassen, keine Verpflichtungen und viel, viel Zeit haben.

An diesem Tag jedenfalls hatte ich Glück und es war tatsächlich Post für mich da. Ein paar Briefe und ein kleines Päckchen. Das hatte mir ein Freund geschickt und darin war ein Buch: „Alle Menschen sind sterblich“ von Simone de Beauvoir. Dazu eine Karte, auf der er geschrieben hatte: „Das Buch habe ich gerade gelesen und gedacht, es könnte Dir auch gefallen. Deshalb schicke ich es Dir einfach mal.“ Und das war ein absoluter Volltreffer! Das erste Mal habe ich es gleich in diversen Melbourner Straßencafés gelesen und danach hat mich das Buch auf meiner weiten Reise quer durch Australien begleitet.

1946 erschienen ist der Roman ein moderner Klassiker und es geht darin um nichts Geringeres als die Unsterblichkeit und den Sinn des Lebens. Die Schauspielerin Regine fühlt sich zu Fosca, einem seltsamen Fremden hingezogen, der kaum etwas anderes macht, als apathisch und fast regungslos die Tage zu verbringen. Schließlich erzählt er ihr, was ihm widerfahren ist: Durch ein geheimnisvolles Mittel wurde er vor sechs Jahrhunderten unsterblich und zieht seitdem durch die Welt und die Geschichte. Er schildert, wie er am Anfang völlig euphorisiert davon war und versuchte, Dinge zu bewegen und Geschicke zu verändern. Bis er erkennen musste, dass das menschliche Streben nach Erfolg, Fortschritt und Anerkennung unweigerlich mit der menschlichen Sterblichkeit verknüpft ist. Wer unsterblich ist, wagt nichts und daher sind seine Erfolge in den Augen der anderen wertlos. Und immer wieder musste er erleben, wie seine geliebten Menschen, Frauen, Freunde älter und älter wurden und ihn dann verließen, während er unangetastet von Krankheiten, Alter und Tod immer weiter lebt. Und dabei immer einsamer wird, denn er gehört nicht dazu.

Simone de Beauvoir lässt uns mit Fosca durch die Zeit und die Kontinente reisen, in jedem Kapitel treffen wir ihn in einer anderen historischen Situation – von den Stadtkriegen im Italien der Renaissance über Forschungsreisen durch das noch unerforschte Nordamerika bis zu den Revolutionswirren im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Hier kämpft er zusammen mit den Revolutionären auf den Barrikaden und der Leser erlebt dabei eine Schlüsselszene: „Sie sahen sich an und lachten: Heute haben wir gesiegt. Sie sprachen untereinander, und weil sich so ansahen und miteinander redeten, wussten sie, dass sie weder Eintagsfliegen noch Ameisen waren, sondern Menschen, und dass es einen Sinn hatte, zu leben, zu kämpfen und Sieger zu sein; sie hatten etwas gewagt, sie hatten ihr Leben gegeben, um sich zu überzeugen, und waren überzeugt: Es gab keine andere Wahrheit. Ich ging zur Tür; ich konnte mein Leben nicht einsetzen, ich konnte nicht mit ihnen lächeln, nie waren Tränen in meinen Augen, nie Feuer in meinem Herzen. Ein Mensch von nirgendwoher, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft und ohne Gegenwart. Ich wollte nichts, ich war niemand. Ich ging Schritt für Schritt dem Horizont zu, der immer vor mir entwich. Ein Fremder war ich, ein Toter. Sie waren Menschen, sie lebten. Ich war keiner der ihren. Ich hatte nichts zu hoffen, ich ging zur Tür hinaus.“

Wenn man monatelang alleine herumreist, besonders durch die endlosen Weiten Australiens, kann man sich ein wenig in die Handlung hineinversetzen: Man fühlt sich manchmal alleine, hat viel Zeit, über die eigene Zukunft und die eigenen Träume nachzudenken. Und findet in diesem Buch auch die Antwort auf alle Fragen:

„In meinen Augen ist es eine große Sache, ein Mensch zu sein.“
„Ein Mensch unter Menschen“, sagte ich.
„Ja“, sagte er. „Das genügt. Das ist es wert, dass man lebt; und sogar dass man stirbt.“

Und dazu gibt es nichts weiter zu sagen.

Australien 1993

Buchinformation
Simone de Beauvoir, Alle Menschen sind sterblich
Aus dem Französischen von Eva Rechel-Mertens
Rowohlt Taschenbuch

ISBN 978-3-499-11302-4 

#SupportYourLocalBookstore

4 Kommentare

  1. Pingback: Garry Disher: Bitter Wash Road | We read Indie

  2. Pingback: Venezianischer Textbaustein* | Kaffeehaussitzer

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: