Unsere Welt. Nur anders

Omar El Akkad: American War

Natürlich war mir das Buch mit dem düsteren Cover und dem einprägsamen Titel schon in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens aufgefallen. Doch spätestens nach der mitreißenden Besprechung im Blog masuko13 war klar, dass ich an dem Roman „American War“ von Omar El Akkad auf keinen Fall vorbeikommen würde. Und es hat sich gelohnt, denn diese finstere Geschichte wird für eine lange Zeit im Gedächtnis bleiben.

Um was geht es? Der Titel sagt es schon, um einen amerikanischen Krieg. Genauer: Um den zweiten amerikanischen Bürgerkrieg, der zwischen den Jahren 2074 und 2095 stattgefunden hat und über den rückblickend berichtet wird. Um eine Welt in Auflösung; die letzten zwei Sätze des Prologs fassen das gesamte Buch zusammen: „Dies ist keine Geschichte über den Krieg. Es ist eine Geschichte über Zerstörung.“ Und zerstört wird im Laufe der Handlung nicht nur das Land, nicht nur die Städte, nicht nur Straßen und Brücken und Bahnlinien. Zerstört werden die Menschen, auch wenn sie nicht ihr Leben im Krieg verlieren. Zerstört wird alles, was das menschliche Miteinander ausmacht.

Beschrieben werden Geschehnisse, wie sie auch jetzt an vielen Orten der Welt stattfinden. In Syrien. In Afghanistan. Im Irak. In Teilen des afrikanischen Kontinents. Mit dem Unterschied, dass der Autor in seiner Zukunftsvision diese Geschehnisse in die USA verlegt, wo sich im Jahr 2074 nach Streitereien um die Nutzung fossiler Brennstoffe die Südstaaten Texas, Mississippi, Alabama, Georgia und South Carolina aus dem Staatenverbund lösen wollen, was wie bereits 200 Jahre zuvor kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Nord und Süd zur Folge hat. Nach den ersten Schlagabtauschen folgen zwei Jahrzehnte erbarmungslosen Guerilla-Kriegs, folgen Flüchtlingslager, Elend, Mangelernährung, Armut, Massaker, Tod. Der Süden der USA wird zum Krisengebiet, zum Dritte-Welt-Szenario mit Resten von Hightech, außer Kontrolle geratene Drohnenschwärme bringen willkürliche Vernichtung.

Doch schon davor hat sich die Weltordnung dramatisch verändert. Die Bewohner der nordafrikanischen und arabischen Staaten hatten es nach fünf Revolutionsversuchen endlich geschafft, ihre religiösen und staatlichen Herrscher davonzujagen und ihre Länder zu vereinen; die Supermacht des Bouazizireichs ist der neue globale Player. Europa ist verarmt, die Flüchtlingsschiffe fahren jetzt in die andere Richtung als heute. Und die Klimakatastrophe ist längst kein Gerücht mehr, Florida schon im Atlantik versunken, das Mississippidelta ein mühsam gebändigtes Binnenmeer, Küstenlinien aller Kontinente haben sich verschoben, Dürren, Tornados, Umweltkatastrophen verheeren weite Landstriche der USA. Man braucht nicht viel Phantasie, um zu erkennen, dass der Roman ein spiegelverkehrtes Abbild unseres Heute ist, in dem wir eine Wirklichkeit erkennen, wie es sie vielleicht einmal geben könnte. Denn während ich diesen Beitrag schreibe, sind die Geschehnisse von Charlottesville noch frisch in Erinnerung, während große Teil der Karibik und der amerikanischen Küste von Hurricans heimgesucht werden.

Aber vor allem erzählt das Buch die Geschichte von Sarat Chestnut und ihrer Familie, einem Südstaatenmädchen, das als kleines Kind sein Zuhause verlassen muss, in einem Flüchtlingslager aufwächst, von einer Außenseiterin zu einer Verlorenen wird, deren gesamtes Leben nach und nach zerbricht. Die zu einer Frau heranwächst mit einem unbeugsamen Charakter, aber ohne ein Zuhause, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft.

„Hinter ihnen, in der Ferne hinter dem Zelt, glommen sanft die Lichter des Haupteingangs. Und hinter jenem Tor lag die weite Welt des Südens, warteten die zerbombten Städte, die salzzerfressenen Küsten, das schrundige verdorrte Land. Es war eine Welt, die es für Sarat jetzt nur noch in den Brandreden von Radiopredigern gab, in Kriegsliedern und in der ländlichen Idylle, wie man sie in der Propaganda der Freien Südstaaten sah. Es war eine Abstraktion, eine Idee, sonst nichts.“

Die Leser begleiten sie auf ihrem Weg Schritt für Schritt, leiden mit ihr, erleben mit ihr einen Schicksalsschlag nach dem anderen – bis sie anfängt, sich zu wehren, dabei aber letztendlich so gefühllos und gleichgültig gegenüber anderen Menschenleben wird, dass man sich vom Mitleidenden auf die Rolle des fassungslosen Beobachters zurückzuziehen beginnt. So wird sie dem Leser auch nach 442 Seiten eine Fremde geblieben sein, eine unüberbrückbare Distanz geschaffen haben.

Viel mehr kann man nicht über Sarat Chestnut berichten, ohne zuviel zu verraten. Denn in ihr spiegelt sich das gesamte Zerstörungsszenario des Buches. Der Autor hat mit seiner Protagonistin eine Anti-Heldin geschaffen, die eins wird mit dem apokalyptischen Untergangsszenario der Handlung. Und genau die Schilderung dieses Untergangsszenarios macht den Reiz des Buches aus, zahllose Details, die fast wie nebenbei erwähnt werden, lassen eine Welt entstehen, die unwillkürlich an diejenige im Film „The Book of Eli“ erinnert. Ein prägnante Sprache tut ihr Übriges dazu:

„Alles, was jetzt noch zu sehen war, waren ein paar Gräten dieser seit langem untergegangen Welt: dünne Asphaltstreifen, die bei Flut verschwanden, Geisterstädte auf künstlichen Hügeln, halbverfallene Brücken, die mit der Nase im Wasser hingen. All das waren Ruinen zwischen den Inseln, die es noch gab, und wie alle Ruinen waren sie grotesk in ihrer Art, ein Verstoß gegen das Walten der Zeit.“

Die Hauptstadt der Freien Südstaaten ist Atlanta, längst ein überbevölkerter Moloch, da das übrige Land zunehmend unbewohnbarer geworden ist. Umgeben von einem Ring aus Elendsvierteln, zerschnitten von Hochstraßen, bewohnt von ausgemergelten Gestalten, die mit Gemüse aus Gewächshochhäusern und vor allem mit den Hilfslieferungen des Roten Halbmonds gerade so überleben können. Überhaupt tauchen hin und wieder dubiose Akteure aus dem Bouazizireich auf, deren Interesse es ist, dass der Konflikt möglichst lange anhält, um die USA nachhaltig zu schwächen. Auch das kommt einem irgendwie bekannt vor.

Das wohlige Gruseln, das man beim Lesen einer Dystopie gerne spürt, wird ziemlich bald zu einem Unbehagen. Verwüstete Länder, zerstörte Städte, Flüchlingscamps, willkürliche Drohnenangriffe: Omar El Akkad beschreibt kein düsteres Zukunftszenario. Er beschreibt unsere Welt.

Nur anders.

Buchinformationen
Omar El Akkad, American War
Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-397319-8

#SupportYourLocalBookstore

4 Kommentare

  1. Danke für den ausführlichen Bericht, mir gefallen deine beiden letzten Sätze sehr gut. Ja, in der Tat wissen wir ja jetzt schon, dass so ein Horror in uns angelegt zu sein scheint. Es ist möglich, wir können es schon denken. Umso wichtiger, dass wir genau diese als unzerstörbar geltenden menschlichen Tugenden und Werte fördern – in uns, den Kindern vor allem durch Kunst und Kultur.

    • Ja, das Buch beschreibt sehr gut, wie dünn die Wand ist, die Zivilisation von Barbarei trennt. Macht nachdenklich, die Lektüre.

  2. „Das wohlige Gruseln, das man beim Lesen einer Dystopie gerne spürt, wird ziemlich bald zu einem Unbehagen.“

    Ahoi!
    Mal abgesehen davon, dass du mich eh schon sehr neugierig auf dieses Buch gemacht hast, ist dieser Satz wohl der letzte, ausschlaggebende Punkt, dieses Buch zu kaufen. Ich habe in den letzten Jahren mit hochgezogener Augenbraue beobachtet, wie Dystopien eine wichtige Eigenschaft einbüßten, nämlich die des Unbehagens und dass „das System“ in der Regel nicht gekippt werden kann (vorzugsweise von einem Teenager).

    Die einzige Frage, die sich mir stellt, ist: auf deutsch oder englisch lesen?

    Cheerio,
    Mareike

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: