Das rote Glas der Pfaueninsel

Florian Illies: Traeume aus Feuer

Wenn man sich für Bücher und Literatur begeistert, in einem Blog darüber schreibt und gleichzeitig in der Verlagsbranche arbeitet, dann kann es vorkommen, dass sich manchmal Privates und Berufliches miteinander vermischen. Und dann besucht man an einem frühsommerlichen Tag im Mai einen ganz besonderen, zauberhaften Ort, ist umgeben von buchaffinen Menschen und taucht mit allen Sinnen tief ein in die Vergangenheit. Der Ort, das ist die Pfaueninsel bei Berlin. Und auf die Reise weit zurück in die Geschichte schickte uns das Buch »Träume aus Feuer« von Florian Illies. Aber der Reihe nach. 

Die Pfaueninsel liegt in der Havel, die zwischen Berlin und Potsdam eher wie ein großer See wirkt. Etwa eineinhalb Kilometer ist sie lang und wie aus der Zeit gefallen, eine grüne Idylle, verwunschen, friedlich und trotz der Nähe zu Berlin vollkommen abgelegen – bis heute ist die Insel nur per Schiff zu erreichen. Per Fußgängerfähre, um genau zu sein; sechs Euro hin und zurück, um 18 Uhr fährt sie zum letzten Mal ans Festland. Danach gehört die Insel den Pfauen, die sie bevölkern und die Handvoll Menschen, die als Verwalter und Gärtner permanent auf dem Eiland leben, würdevoll bei sich dulden. Vom Ende des 18. Jahrhunderts an war die Pfaueninsel ein Rückzugsort für Mitglieder des preußischen Königshauses; das kleine Schloss, ein paar verstreut gelegene Gebäude im Stil des Klassizismus, der Rosengarten des berühmten Gartengestalters Peter Joseph Lenné und zahlreiche durch den Wald geschlagene Sichtachsen zeugen noch heute davon. Eine Insel als preußisches Arkadien, ein Refugium fernab von den Mühen der Welt – diese Anmutung hat sich bis in unsere Gegenwart erhalten. 

Florian Illies: Traeume aus Feuer
Schloss Pfaueninsel

Aber um die Pfaueninsel des preußischen Klassizismus soll es hier nicht gehen, denn das Buch von Florian Illies führt uns noch weiter zurück in die Vergangenheit, in das Jahr 1685, mitten hinein in die Zeit des ausgehenden Barocks. Damals war die verwunschene, abgelegene Insel komplett bewaldet, uralte Eichen prägten das Bild. Die wenigen Überreste der Ställe einer Kaninchenzucht waren die einzigen Zeichen menschlicher Besiedlung, Pfauen gab es keine. In jenem Jahr 1685 wurde die Insel verschenkt: Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg und Herzog in Preußen, der nach seinen Siegen über die Schweden als »Großer Kurfürst« in die Geschichte eingegangen ist, überließ die gesamte Pfaueninsel dem an seinem Hof angestellten Alchemisten Johannes Kunckel. Auf dass er dort ungestört und vor allem unbeobachtet seinen Experimenten nachgehen konnte. Knapp vier Jahre lang wirkte Kunckel in den Werkstätten auf seiner Insel – und erschuf dort rotes Glas von atemberaubender Schönheit.  

Der Begriff »Alchemist« wird meist in Verbindung mit jahrhundertlang erfolglosen Versuchen gebracht, künstlich Gold herzustellen. Johannes Kunckel war zu diesem Zeitpunkt längst darüber hinaus und hatte sich auf die Kunst der Glaserzeugung spezialisiert. Sein rotes – und später auch blaues – Glas, hergestellt auf der mystischen Pfaueninsel, war von solcher Perfektion, dass es zu einem der begehrtesten Handelsgüter seiner Zeit wurde. Und so dann eben doch Gold in Brandenburgs klamme Kassen spülte. 

Florian Illies beschreibt Kunckels wenige Jahre auf der Pfaueninsel als eine faszinierende Zeit: Ein Mann an der Schwelle zwischen Alchemie und Wissenschaft, zwischen dem Glauben an Magie und rationalen Experimenten – das Zeitalter der Aufklärung klopft bereits an die Pforten. Und Kunckel findet heraus, dass man mit Hilfe zerriebener Golddukaten rotes Glas herstellen kann, das niemals ausbleicht: In der Tat leuchten die wenigen noch erhaltenen Stücke auch heute noch in einem makellosen Rot – dreihundertvierzig Jahre später, zu sehen und zu bewundern im Berliner Stadtmuseum.

Florian Illies: Traeume aus Feuer
Vierhundert Jahre alte Eichen auf der Pfaueninsel

»Für Kunckel ist der Moment, in dem sich die helle Glasmasse langsam rot verfärbt, jedes Mal ein Wunder. Eine magische Verwandlung. Zunächst träumte Kunckel wie all die Alchemisten und die verarmten barocken Fürsten von der ›transmutatio‹, der Umwandlung eines niederen Metalls in ein höheres. Also in Gold. Doch dann lehrte ihn sein Gott, dass man ihn nicht versuchen solle. Dass der Mensch kein Schöpfer ist und dass nur er, Gott allein, das Wasser in Wein verwandeln kann und die Erde in Gold. Aber er schenkte seinem gelehrigen und fleißigen Schüler Johannes Kunckel zum Trost ebendiese ganz besondere Erkenntnis: wie man Gold umgekehrt zurückverwandeln kann in etwas ganz anderes – in rotes Glas.  (…) Er war schon viel mehr Chemiker als ein Alchemist, darum hätte es Kunckel sicher ungeheuerlich gefreut, wenn er schon gewusst hätte, was da in Wirklichkeit geschieht: Das Erwärmen verwandelt das Goldchlorid in der Glasmasse zurück in elementares Gold. Die Goldkolloide sind größer als Atome, jedoch kleiner als die Wellenlängen des sichtbaren Lichts. Und durch die Streuung und Absorption des Lichts an den Goldkolloiden entsteht die einzigartige rote Färbung. Doch das wissen wir erst heute.«

Aber in »Träume aus Feuer« geht es nicht nur um Wissenschaftsgeschichte. Das Buch öffnet das Fenster in eine kurze Zeit, in der alles möglich schien. In der eine Glasmanufaktur auf einer Insel in Brandenburg dabei war, mit den legendären Glasbläsern der venezianischen Insel Murano gleichzuziehen. In der ein von körperlichen Gebrechen gezeichneter Herrscher den Glauben an magische Goldvermehrung hinter sich ließ, um seinen maroden Staatshaushalt zu retten. In der ein Mann für ein paar Jahre den Traum eines Forschers leben konnte, frei war bei seinen Experimenten und gläserne Objekte von zeitloser Schönheit schuf. Und eine Zeit, in der Neid, Missgunst und Intrigen diesen Traum jäh beendeten und ihn buchstäblich in Flammen aufgehen ließen – und die Insel für die kommenden hundert Jahre wieder in Vergessenheit geriet.

Florian Illies: Traeume aus Feuer
Der Autor Florian Illies Auge in Auge mit einem Inselbewohner

Es ist immer wieder ein Genuss, mit Florian Illies in die Vergangenheit zu reisen, egal ob es ins Jahr »1913« geht, in das Zeitalter von Caspar David Friedrich oder mit der Familie Mann ins südfranzösische Exil. Die Idee, über Johannes Kunckel zu schreiben, hatte der Autor schon länger. Der finale Auslöser war die Gründung des Berliner Pfaueninsel Verlags und im Gespräch mit Verlegerin Constanze Neumann wurde das Buchprojekt festgezurrt, das Florian Illies ausnahmsweise nicht in seinem Hausverlag S. Fischer veröffentlicht hat. Aber ein Buch über die Pfaueninsel – denn sie steht letztendlich im Mittelpunkt des Erzählten und ist das Zentrum der Handlung – musste einfach auch in einem Verlag mit diesem Namen erscheinen. 

Der Pfaueninsel Verlag wiederum gehört zur Verlagsgruppe Bastei Lübbe, für die ich arbeite; ich kümmere mich dort um die Markenkommunikation des Eichborn Verlags. Und bin auch im Pfaueninsel-Vermarktungsteam – weshalb wir gemeinsam mit Florian Illies und neunzig geladenen Gästen aus Presse und Buchhandel an einem frühsommerlichen Tag im Mai die Insel besuchten, um das Erscheinen von »Träume aus Feuer« feierlich zu begehen. Mit einer Lesung unter vierhundert Jahre alten Eichen, die schon da waren, als Johannes Kunckel dort in qualmenden Brennöfen sein außergewöhnliches Glas herstellte. Von den Werkstätten sind so gut wie keine Spuren mehr zu finden. Aber das Glas ist immer noch da. Und leuchtet.

Und irgendwie ist das dann doch Magie.

Ich selbst war an diesem Tag zum ersten Mal auf der Pfaueninsel und vollkommen überwältigt von der Schönheit dieses Ortes. 

Buchinformation
Florian Illies, Träume aus Feuer – Der Alchemist von der Pfaueninsel
Pfaueninsel Verlag
ISBN 978-3-69131-005-4

Zum Weiterlesen 
Thomas Hetche, Pfaueninsel
Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-04599-4

Patricia Görg, Glas
Die Andere Bibliothek
ISBN 978-3-8477-3002-6

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