Wenn die Maschine übernimmt

KI als Zerstoerer der menschlichen Kreativitaet

Kreativität ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, wenn nicht sogar diejenige, die uns zu Menschen macht. Daher sind Kunstwerke, die mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz zustande kommen, wertlos – egal, ob es sich um Bilder, um Musik oder um Literatur handelt. Nun wird es sicherlich Leute geben, die mir hier nicht zustimmen; tatsächlich meinte erst kürzlich jemand zu mir, dass ihn ein Text bewegen müsse und es ihm egal sei, woher er stamme oder ob er von einer Maschine geschrieben worden sei. Diese Einstellung hat mich ziemlich schockiert und der Satz beschäftigt mich seit Monaten. Ebenso wie das Unbehagen, dass er in mir ausgelöst hat. Ein Unbehagen, dass ich nicht richtig in Worte fassen konnte, auch wenn ich natürlich tagtäglich erlebe, wie tief ChatGPT & Konsorten bereits in unsere Leben eingedrungen sind – so, als würde man das Gehirn abschalten und aufhören selbst zu denken, um berufliche wie private Fragen zu klären.

Dann habe ich in der ZEIT ein Interview von Marlene Knobloch mit dem amerikanischen Autor Dave Eggers gelesen. Und mir wurde dabei erst so richtig klar, wie verheerend der KI-Einsatz in kreativen Prozessen eigentlich ist. 

Es ist ein langes und sehr lesenswertes Interview. Um sein neues Buch »Contrapposto« geht es dabei nur am Rand, auch wenn es der Anlass für das Gespräch war. Die beiden reden über das Schreiben allgemein, über Literatur und Kunst und das Verständnis für beides, über San Francisco, über die echte Welt da draußen außerhalb der Bildschirme, über widerständiges analoges Leben in einer immer digitaleren Welt. Und über Kreativität.

Eggers engagiert sich weltweit in Schreibzentren und arbeitet dort mit Kindern und Jugendlichen. Auf die Frage der Interviewerin Marlene Knobloch, warum es ihm so wichtig sei, dass junge Menschen schreiben lernen, wo es doch in ein paar Jahrzehnten vielleicht gar keine Schriftsteller mehr geben könnte, antwortete er unmissverständlich: »Wir befinden uns an einem existenziellen Punkt. Ich spreche jeden Tag mit Lehrern darüber: Es gibt keine verträgliche Dosis von künstlicher Intelligenz an Schulen. Es gibt keine KI-Kunst oder KI-Literatur. Nur Menschen können Kunst schaffen, nur Menschen können schreiben.«

Er berichtet von Schülern, die keine Muttersprachler sind und die – so seine Erfahrung – am häufigsten ChatGPT nutzen, um die Aufgaben zu erledigen, um zu bestehen. Dave Eggers schildert ein Beispiel: »Es ist die traurigste Geschichte: Neulich habe ich einen Teenager namens Atlas getroffen. Es hat in der gesamten Weltgeschichte keinen wie ihn gegeben, Atlas, 14 Jahre alt, aus Seattle, ein einzigartiger Fall in der menschlichen Evolution. Nur er kann das sagen, was er sagen will. Er ist der Einzige, der seine Perspektive auf die Welt hat. Und doch – er will seine Wahrheit an eine Maschine abgeben. … Ich arbeite seit 25 Jahren als Schreibdozent, und das ist der schlimmste Moment, den ich je erlebt habe. Weil es keine Vorgaben aus Washington sind, es ist nicht der Staat. Die Schüler selbst bringen sich, einer nach dem anderen, zum Schweigen. Das ist das Ende der menschlichen Spezies. Punkt. Wenn wir unsere Fähigkeit aufgeben, zu sprechen, ist das das Ende.«

Dieser Schüler, alle diese Schüler, alle Menschen die eine KI nutzen, um Texte zu schreiben – sie schaffen ihre eigenen Gedanken ab, ihre Stimme in der Welt und damit sich selbst. Sie geben sich auf.

Die Interviewerin hakte nach und wollte provokant wissen, worin überhaupt der Wert einer menschlichen Autorenschaft liegen würde. Und Dave Eggers berichtet von seiner Arbeit mit den Jugendlichen in unterschiedlichsten Schreibworkshops: »Wir haben mehr als 2.000 Bücher veröffentlicht von Kindern, die meisten kamen aus marginalisierten Gruppen. Und wir sehen Schüler, die schüchtern und unsicher mit der englischen Sprache in die Klasse kommen. Die ihre Texte fünfmal, zehnmal überarbeiten, aber dann veröffentlichen. Sie machen die Erfahrung, dass sie ihre Gedanken nicht nur äußern, sondern publizieren können, dass sie gehört werden. Das macht den Unterschied zwischen verängstigten, gestressten Schülern und jemandem, der sich aufgehoben in der Gemeinschaft fühlt. Wir beobachten, dass all diese Schüler, die immer und immer wieder veröffentlichen, sich extrem gut entwickeln. Alles fängt damit an, gehört zu werden.« 

Und das ist ein entscheidender Satz: Alles fängt damit an gehört zu werden. Wenn ich aber mir selbst keine Gedanken mehr mache, wenn ich mir selbst keine Meinung mehr bilde, wenn ich nicht mehr lerne, mich auszudrücken – dann entwickele ich keine Persönlichkeit, finde keine Stimme, die gehört wird. Denn ich kenne nur die Gedanken, die Meinung und die Ausdrucksweise einer Maschine. Und bin nur noch Teil einer amorphen Masse. Den Tech Bros im Silikon Valley mit ihrer faschistoiden Weltsicht ist das vermutlich ganz recht.

Im weiteren Verlauf des Interviews erzählt Dave Eggers von einem weiteren Erlebnis, das zeigt, wie wichtig es ist, die Kreativität bei Kindern und Jugendlichen zu fördern: »Ich saß neulich in einer Klasse am Tisch mit einem brasilianischen, einem kolumbianischen und einem Schüler aus El Salvador. Ihre Lehrer haben ihnen Computer und Handys verboten, weil sie wissen, dass sie sonst ChatGPT öffnen. Wir redeten über das Essen, die Geräusche, die Landschaft ihrer Heimatländer. Dann schrieben sie mit Stift und Papier. Die ersten Entwürfe waren nichts, sie mussten sie überarbeiten, aber man erkannte authentische Gedanken und eine Stimme. Aber es ist hart, wissen Sie? Zehn Erwachsene und 24 Kinder, um an die eigentliche Wahrheit zu kommen. Zu Hause hätten sie es schnell die KI machen lassen. Es braucht viele Menschen, damit diese Generation nicht in den Abgrund stürzt.«

»Es wird okay werden«

Am Ende des Interviews fragt Marlene Knobloch, ob er glaubt, dass der OpenAI-Gründer Sam Altman gerne lesen würde. Und die Antwort von Dave Eggers lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: »Ich glaube, dass Sam Altman kein einziges Buch als Erwachsener gelesen hat. Was ja das Problem ist: Diese Leute schätzen Kunst nicht. Sie verstehen nicht, warum es sie gibt, wer sie macht, wozu sie da ist. Und genau deswegen sollten Techfirmen keine Rolle in den Geisteswissenschaften spielen. Sie haben keinen Respekt davor.«

Und weiter: »Es ist ein Moment, in dem die menschliche Spezies wählt. Und ich glaube, wir werden die richtige Entscheidung treffen. Es wird okay werden.«

Dave Eggers spricht mir in diesem Interview so aus der Seele, dass ich gar nicht anders konnte, als hier im Blog darüber zu berichten. Für mich ist die zunehmend umfassendere Digitalisierung unserer Lebensweise kein Fortschritt. Zumindest sehe ich neben den möglichen Erleichterungen immer auch die Nachteile, die stets mit in Kauf genommen werden müssen. Oder sagen wir so: Eine ausgeprägte Skepsis ist bei mir das vorherrschende Gefühl, wenn es um technische Entwicklungen geht. Und um die ersten zwei Sätze des Textes noch einmal zu wiederholen: Kreativität ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, wenn nicht sogar diejenige, die uns zu Menschen macht. Daher sind Kunstwerke, die mit Hilfe von Künstlicher »Intelligenz« zustande kommen, wertlos – egal, ob es sich um Bilder, um Musik oder um Literatur handelt. Das kann alles weg, ab in die Mülltonne damit. Denn wenn KI die Kreativität ersetzt, verschwindet das Menschliche hinter einem Kunstwerk; so, als hätte jemand die Persönlichkeit eines Kunstschaffenden herausgerissen. 

»Wir werden die richtige Entscheidung treffen. Es wird okay werden.«

Quelle
DIE ZEIT 30/2026 | 9. Juli 2026
»Es braucht viele Menschen, damit diese Generation nicht in den Abgrund stürzt.«
Dave Eggers im Interview mit Marlene Knobloch

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