Fluchtgedanken

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

Es war ein beeindruckender Abend, als Ilija Trojanow sein Buch „Nach der Flucht“ im Kölner Literaturhaus vorstellte. Selten habe ich erlebt, wie jemand in kurzer Zeit so viele brillante Gedanken perfekt auf den Punkt bringen kann. Gedanken, in einfachen Sätzen formuliert, dabei aber von solch einer intellektuellen Tiefe, dass der Abend wie das Buch sich nachhaltig im Gedächtnis verankern werden – denn das Nachdenken über die Folgen der Flucht für einen Geflüchteten ist ein Thema so alt wie die Menscheit. Und immer aktuell, besonders heute. Ilija Trojanow schafft es, in einem schmalen Buch von gerade einmal 125 Seiten das Trauma Flucht eindrucksvoll zu schildern. Denn für einen Flüchtling endet die Flucht nie wirklich, er ist der, der mit Akzent spricht, der einen anderen Namen trägt, eine andere Hautfarbe hat, nicht zurück kann und trotzdem für viele immer ein Fremder bleiben wird. Was wiederum zu der Frage führt, was eigentlich Heimat ausmacht, doch dazu später.

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

„Nach der Flucht“ ist in zwei Abschnitte unterteilt. Der erste Teil berichtet von den Verstörungen“, der zweite „von den Errettungen“. Jeder Teil besteht aus 99 Textabschnitten, mal nur ein, zwei Sätze, mal eine halbe, selten eine ganze Seite lang. Und von Beginn an kam ich beim Lesen kaum aus dem Markieren von nachdenkenswerten Stellen heraus, etwa wenn Trojanow schreibt: „Es gibt ein Leben nach der Flucht. Doch die Flucht wirkt fort, ein Leben lang. Unabhängig von den jeweiligen individuellen Prägungen, von Schuld, Bewusstsein, Absicht, Sehnsucht. Der Geflüchtete ist eine eigene Kategorie Mensch.“ Oder: „Stets wird der Geflüchtete vorgestellt als einer, der einst von woanders kam. Der spät in der Winternacht in den Gasthof trat. Der nicht eingeladen war.“ 

Ilija Trojanow beschreibt die Kränkungen, die einer erfährt, der fremd ist. Kränkungen, die unabsichtlich sein können, wie Bemerkungen über den fehlenden Akzent, Fragen, wo man denn so gut Deutsch gelernt habe. „Sprache ist Ermächtigung. Wer das Alphabet beherrscht, kann sich selbst verteidigen.“

Oder: „Während er sich eingliedert, ergo in Reih und Glied steht, bemüht, nicht aufzufallen, krampfhaft konzentriert, nicht aus der Reihe zu tanzen, sehnt er sich nach der Ankunft, der Utopie aller Geflüchteten.“

Die paar Zitate stammen alle aus den ersten paar Seiten des Buches und ich könnte immer so weitermachen, am liebsten das ganze Buch zitieren, so viel Wahres und Nachdenkenwertes steht darin. Kann es denn eine Ankunft geben, wenn sie nur eine Utopie ist? Kann die Fremde zum Zuhause werden? Ein letztes Zitat: „Jeder Geflüchtete kommt auf seine Weise an. Manch am Morgen nach der Flucht, andere in jenem Augenblick, da ihnen die Einbürgerungsrurkunde überreicht wird. Manche immer wieder, andere nie. Bei seiner Mutter geschieht es an jenem Tag, an dem sie wieder Gastgeberin sein darf.“ Ein schönes Bild.

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

Ursprünglich sollte das Buch den Untertitel „Ein autobiographischer Essay“ tragen. Doch es ist vom Aufbau her zu wenig Essay, vom Inhalt her zu wenig autobiographisch. Und doch ist unendlich viel Selbsterlebtes in den Text mit eingeflossen. Ilija Trojanow beschrieb im Kölner Literaturhaus den Schreibprozess als ein außerordentlich intensives Erlebnis, denn der Text enthält viel Unbewußtes, vieles, was seit 45 Jahren im Unterbewußtsein des Autors schlummerte, kam dabei zu Tage. Trojanow war sechs Jahre alt, als seine Eltern mit ihm aus der kommunistischen Diktatur Bulgariens flohen, er weiß, was es heißt, ein Fremder zu sein, neugierig oder ablehnend beäugt zu werden. Sechzig bis siebzig Tage hat er an dem Buch geschrieben, und obwohl laut seiner Auskunft nur fünf hundertprozentig autobiographische Stellen in den kaleidoskopartigen Textstücken zu finden sind, hat seine Mutter, nachdem sie das Buch gelesen hatte, zu ihm erschüttert gesagt: „Ich habe überhaupt nicht vermutet, dass du so viel mitbekommen hast.“

Spannend ist der Bezug des Titelbildes und des Bildes zwischen den beiden Teilen des Buches zum Entstehungsprozess und Ilija Trojanow schilderte dies ausführlich. Es handelt sich um Werke des Künstlers Jacob Lawrence aus dem Bilderzyklus „The Migration Series“. Sie hängen im MoMA in New York und als Trojanow sie dort zum ersten Mal sah, traf es ihn bis ins Mark, so sehr fühlte es sich für ihn an, als würden sie seine eigene Fluchtgeschichte illustrieren.

Eigentlich stellen die 1940 und 1941 entstandenen Bilder eine Vision der großen Fluchtbewegung der Afroamerikaner vom Süden in den Norden der USA dar. Gleichzeitig sind es aber davon losgelöste Motive, die das grundsätzliche Langzeitphänomen der Flucht thematisieren. Sie vermitteln eine Würde der Geflüchteten und genau dies ist für den Autor die größte Herausforderung bei der schreibenden Herangehensweise: Die Würde der Flüchtenden, ihren Kampf um ihre Würde literarisch zu vermitteln. Um sich dessen stets gewahr zu sein, schaute er sich während der gesamten Arbeit an „Nach der Flucht“ jeden Tag ein anderes Bild von Jacob Lawrence intensiv an. Um sich von der Haltung, die durch die Bilder vermittelt wird, inspirieren zu lassen. Mit Erfolg, würde ich sagen.

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

Das Publikum im Kölner Literaturhaus lauschte gebannt dem Gespräch zwischen Ilija Trojanow und Peter Sillem, dem ehemaligen Programmgeschäftsführer der S.Fischer-Verlage, der den Abend moderierte. Selten erlebt man einen derart persönlichen Einblick in das Schaffen eines Schriftstellers. Persönlich und doch eine unzählige Anzahl andere Menschen ebenfalls betreffend. Denn unsere Gesellschaft ist geprägt von Flucht und Vertreibung, auch wenn wir es ofmals nicht wahrhaben möchten. Über all die Jahrhunderte kamen und kommen Menschen zu uns, auf der Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben.

Schon dieses „uns“ ist dabei fragwürdig, denken wir an die Millionen von hochtraumatisierten Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie waren nicht willkommen, ganz und gar nicht. Wenn mein Vater noch leben würde, dann wäre ich sehr gespannt, was er zu Ilija Trojanows Buch sagen würde. Auch er hat vieles davon erlebt, er war ebenfalls ein Flüchtling, einer, dessen ostpreußischer Dialekt auffiel in Südbaden, einer, dessen Name anders klang, ein Fremder eben. Er hat nie darüber gesprochen, das war in dieser Generation nicht üblich. Manchmal würde es mich interessieren, was er davon an seinen Sohn, an mich, unbewusst weitergegeben hat.

Über „Nach der Flucht“ sagte Ilija Trojanow, dass alles, viel komplizierter ist, als er es selbst ursprünglich gedacht habe. Dass Vereinfachungen den betroffenen Menschen niemals gerecht werden können. Und dass dass sein Buch eine Ahnung von der komplexen Vielfalt des Themas vermitteln soll. „Wir. Sie. Dazwischen ist immer ein Punkt.“

Im letzten Teil dieses bemerkenswerten Abends ging es um den Begriff Heimat. Das Buch trägt die Widmung „Meinen Eltern, die mich mit der Flucht beschenkten“. Flucht als Geschenk? Flucht ist eine Entscheidung, die großen Mut erfordert und Schicksale verändert. In Ilija Trojanows Fall wuchs er zwar als ein Fremder auf, erhielt aber gleichzeitig die Chance auf ein kosmopolitisches Leben, das ihn um die ganze Welt führte.

„Die Erzählung der Flucht wird aus dem Blickwinkel des Stillstands geschrieben. So wie die Sesshaften die Nomaden nie verstehen werden, können die vermeintlich Standfesten die Fliehenden nur missverstehen. Flucht kann allein aus der Bewegung heraus begriffen werden.“

Zeit, den Begriff Heimat neu zu definieren. Denn Leben ist Veränderung. Wie kann etwas so eng damit verbundenes wie Heimat dann statisch sein? Gibt es überhaupt etwas, das immer gleich bleibt? Wenn nein, dann ist der Begriff der Heimat als eine homogene Einheit reine Fiktion, eine Erfindung der europäischen Moderne, zur Zeit wieder dabei, von den Ewiggestrigen okkupiert zu werden. Trojanow spricht von der „Dämonisierung des kosmopolitischen Denkens“, die gerade wieder in Mode kommt. Eine Entwicklung, der man sich entgegenstellen müsse, denn „in einem System der Unmenschlichkeit ist der Verstoß gegen die Gesetze eine humane Maxime“.

Langer Applaus. Was für ein emotionaler Abend.

Das Buch endet mit einem Zitat von Hugo von St. Viktor, einem mittelalterlichen Theologen. Ein Zitat, über 900 Jahr alt und zeitlos gültig:

„Wer sein Heimatland liebt, ist ein zarter Anfänger;
wem jeder Fleck so viel bedeutet wie der heimische, ist stark; 
vollkommen aber ist jener, dem die ganze Welt ein fremdes Land ist.“

Ilija Trojanow signiert

Dies ist ein Titel aus dem Leseprojekt Heimat und Herkunft

Buchinformation
Ilija Trojanow, Nach der Flucht
S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-397296-2

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6 Kommentare

  1. Sehr interessant und bemerkenswert. Ich habe mir das Buch auch notiert. Vielen Dank für deinen Beitrag lieber Uwe.

    Viele Grüße
    Maria

  2. Pingback: Einsame Londoner | Feiner reiner Buchstoff

  3. Vielen Dank für diesen eindrücklichen, klugen und wichtigen Beitrag. Das Buch ist notiert und ich hoffe, ich darf den Eintrag am Freitag in meinem Post zu den Taugenichtsen verlinken! Herzliche Grüße aus Berlin, Bri

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