Die da draußen

Fikry El Azzouzi: Wir da draußen

Normalerweise benutze ich nie einen Buchtitel als Beitragsüberschrift, sondern denke mir eine passende Formulierung aus. Beim Roman „Wir da draußen“ von Fikry El Azzouzi allerdings ist der Titel so perfekt gewählt in seiner Aussage, dass ich ihn fast unverändert übernommen habe. Allerdings nur fast, denn „Wir“ da draußen wäre nicht zutreffend gewesen. Denn ich bin eben nicht „da draußen“, sondern führe ein mehr oder weniger bürgerliches Leben, ebenso wie mein gesamter Freundes- und Bekanntenkreis. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses, die unseren Blick auf diejenigen richten, die nirgends dazugehören, die tatsächlich irgendwo da draußen sind – perspektivlos, hoffnungslos, ohne Chancen. Was wird aus diesen Menschen? Wie erleben sie unsere Gesellschaft? Literatur ist immer auch eine Reise, sie kann eine Reise sein über die Grenzen unserer Komfortzonen hinaus. Und dieses Buch nimmt uns mit in die Leben und Gedanken vier junger Männer, vier Ausgestoßener an der Grenze zum Erwachsenwerden.

Wir finden uns wieder am Rand einer nicht näher genannten belgischen Stadt, irgendwo zwischen Mietshäusern, anonymen Wohnvierteln und verschwundenen Dorfkernen. Genauer gesagt, in einem Waschsalon, der die ganze Nacht geöffnet hat. Hier treffen sich Ayoub, Fouad, Maurice und Kevin zum gemeinsamen Abhängen. Warum gerade an so einem unwirtlichen Ort wie einem neonhell erleuchteten Raum voller Waschmaschinen und Wäschetrockner? Weil sie sonst nirgends hinkönnen, niemand will sie bei sich sehen. Die Familien? Ayoubs Vater ist mit seinem aufbegehrenden Sohn überfordert und hat ihn aus der Wohnung geworfen. Die anderen kommen aus zerrütteten Verhältnissen, haben alle keinen richtigen Platz im Leben. Schule abgebrochen, keine Jobs, kein Geld – vier Leben voller Perspektivlosigkeit.

Der Ich-Erzähler Ayoub stammt aus einer marokkanischen Familie, kritzelt ständig in sein Notizbuch, hat das Bedürfnis, seine Gedanken irgendwie festzuhalten: „Nicht, dass Schreiben jetzt so was Besonderes wäre. Warum ich es trotzdem mache? Sorry, aber warum rauchen Leute, obwohl sie das umbringt? Warum fressen Dicke fetten Fraß? Warum schlagen Eltern ihre Kinder? Die Antwort ist so einfach wie die Frage: Es ist stärker als du selbst.“

Fouad ist ebenfalls von seinem Vater vor die Tür gesetzt worden, streunt tage- und nächtelang durch die Straßen. Er will über einen perfekten Körper sein Glück finden, trainiert fanatisch und greift immer öfter zu Amphetaminen. Im Laufe des Romans wird klar, wie er sich das leisten kann. Maurice ist Halbafrikaner, seine Freunde sind sein Zuhause, auch er weiß nicht, wo er sonst hin soll, verbirgt seine Unsicherheit durch eine große Klappe.

Kevin heißt seit neuestem Karim, er ist zum Islam konvertiert und hat seinen Namen geändert. „Karims Problem ist, dass er sich immer beweisen muss. Er will noch dunkelhäutiger und gläubiger sein als wir. Nach außen wirkt er gar nicht so, aber von innen sieht er aus wie der finsterste Muslim mit Hennabart, Gebetsmütze, Galabiya und den neuesten Nike Air Max. Und er will immer noch cooler und krasser sein als wir.“

Das sind die vier Freunde, vier, die nirgends dazugehören. Vier, die sich langweilen. Vier, die beginnen, über die Stränge zu schlagen. Hier eine Zeche prellen, dort eine Passantin mit derben Sprüchen belästigen. Sie kultivieren ihr Gang-Getue, fühlen sich zusammen stark, auch wenn sie damit letztendlich nur die Leere in ihrem Leben notdürftig überdecken. „Alleine ist man eben alleine. Obwohl ich mich zusammen mit den anderen manchmal sogar noch einsamer fühle.“

Die Geschichte beginnt sich zu entwickeln, es kommt, wie es kommen muss: Aus kleinen Delikten werden größere, die Stellschraube der Eskalationsstufen wird immer weiter gedreht.

Einer stirbt. Und irgendwann kommt die Religion ins Spiel. Eigentlich ist sie das von Beginn an. Karims religiöse Tiraden werden von seinen Kumpels belächelt, doch er meint sie ernst. Immer ernster. Die Religion beginnt die Leere eines Lebens voller Frustration und Hoffnungslosigkeit zu füllen. Mit einer Ideologie, die mit Glauben nichts mehr zu tun hat. Und die ihren Tribut fordern wird.

Das Ende ist so offen wie der Anfang; es ist, als ob wir in eine mehrmonatige Momentaufnahme einer Welt voller Perspektivlosigkeit eintauchen und sie dann wieder verlassen. Die Protagonisten können das nicht. Ein Hehler, bei dem sie Diebesgut loswerden möchten, bringt es auf den Punkt: „Das Land, in dem du lebst, ist erst dein Zuhause, wenn du dort mit dreckigen Schuhen herumlaufen kannst. Ihr seid dreckige Schuhe in anderer Leute Land.“

Der Roman wirkt auf den ersten Seiten etwas gekünstelt in seiner bemüht authentischen Jugendgang-Sprache. Vielleicht liegt das an der Übersetzung? Oder ist es schlicht der Tatsache geschuldet, dass ein Erwachsener über Jugendliche schreibt? Doch als Leser habe ich mich schnell daran gewöhnt, besonders, als die Dialoge immer bedrohlicher wurden, immer mehr Tempo in die Story gebracht haben. Auch der alles notierende Ich-Erzähler Ayoub wirkt nur auf den ersten Blick wie ein Fremdkörper in der Handlung. Denn warum sollte es keinen marokkanisch-stämmigen belgischen jungen Mann geben, der das Bedürfnis hat, alles aufzuschreiben? Nur weil wir es in einer solchen Clique nicht vermuten? Vielmehr schafft es der Autor, durch diesen Kunstgriff uns stärker in die Geschichte hineinzuziehen, das Aufschreiben ist eine Handlungsweise, durch die wir uns mit dem Erzähler verbunden fühlen, sie wirkt wie etwas Vertrautes inmitten des Unvertrauten.

Und letztendlich ist es ein Buch, das sehr nachdenklich macht. Und das uns vielleicht öfters einmal an Menschen wie Ayoub, Fouad, Maurice oder Karim denken lässt. Wenn wir, die wir unseren Platz im Leben und in unserer Gesellschaft gefunden haben, gerade einmal wieder mit einem Buch im Sessel vor unseren überfüllten Bücherregalen sitzen oder uns in unseren Lieblingscafés einen Latte Macchiato bestellen.

Denn sie sind da, dort, wo wir nie hingehen. Irgendwo da draußen.

Buchinformation
Fikry El Azzouzi, Wir da draußen
Aus dem Niederländischen von Ilja Braun
DuMont Verlag
ISBN 978-3-8321-9829-9

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Ich bin kein großer Freund von Buchtrailern, aber der zu diesem Buch ist ziemlich gut.

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