Leipziger Träumerei

Leipzig Als sich 1990 die DDR einfach in Luft auflöste, blieben ganze Ruinenfelder einst prächtiger Städte und zahllose Menschen mit ungewissen Zukunftsaussichten zurück. An manchen Orten, wie z.B. in den Leipziger Stadtteilen Volkmarsdorf, Reudnitz oder Stötteritz sah es aus wie kurz nach dem Krieg: Zerbröselnde Hausfassaden, Risse in den Wänden, kaputte Straßen, alles Grau in Grau und darüber der Geruch der Braunkohleöfen, mit denen ein Großteil der Leipziger Wohnungen geheizt wurde. Dazu das Rattern der 40 Jahre alten Straßenbahnen aus tschechischer Produktion, die damals für den gesamten Ostblock gefertigt worden waren. Das 2006 erschienene Buch „Als wir träumten“ von Clemens Meyer ist die Geschichte von vier Freunden, die im Leipzig der Nachwendezeit als junge Erwachsene genau dort zu Hause sind. Umgeben von Tristesse und Perspektivlosigkeit versuchen sie, dem Leben ein Schnippchen zu schlagen und ihre Träume zu leben – und scheitern daran. Es ist ein raues Buch, voller Brutalität, Alkoholexzessen, Zerstörungswut und Traurigkeit. Und dazwischen immer wieder das Aufblitzen eines trotzigen Hoffnungsschimmers. Ich fand es großartig. Auch wenn man die Hauptpersonen Rico, Mark, Paul und Daniel nicht wirklich sympathisch finden kann – der Leser leidet mit, wenn sie im Chaos ihres Lebens untergehen.

Der Autor des Buches schafft es allein schon mit seiner Person, das Jungproletentum zu kultivieren: Die Arme großflächig tätowiert wirkt er so, als wisse er ganz genau, von was und über wen er schreibt. Ich habe ihn einmal bei einer Lesung auf der lit.Cologne erlebt. Der Moderator war ein Feuilletonist der FAZ, der in seiner eigenen intellektuellen Sphäre zu schweben schien. Als er dann Clemens Meyer in leicht überheblicher Art nach der Rolle der Gewalt in seinem Buch fragte, schaltete dieser bei seiner Antwort von Hochdeutsch auf breitestes Sächsisch um, erklärte, dass er sich über so etwas beim Schreiben keine Gedanken gemacht hätte und ließ den Frager ratlos zurück. Das war grandios. Ein paar Monate später hat er für das Buch den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten.

1997 bin ich von Freiburg nach Leipzig gezogen und habe dort schnell den herben Charme einer ostdeutschen Großstadt im Umbruch kennen und lieben gelernt. Die ersten Jahre habe ich in der Gegend gelebt, die Clemens Meyer beschreibt – vielleicht gefällt mir deshalb das Buch so gut. Es war auf jeden Fall eine aufregende und spannende Zeit – von der manchmal arg beschaulichen süddeutschen Idylle in den von abgeblätterten Hausfassaden umgebenen Hinterhof mit dem Kohle-Eimer in der Hand. Ich wohne schon lange nicht mehr in Leipzig, bin aber immer noch regelmäßig dort bei Freunden zu Besuch. Vieles hat sich seitdem geändert, die Innenstadt leuchtet und glänzt, Leipzig ist eine der schönsten Großstädte Deutschlands – aber die Gegend aus „Als wir träumten“, in die sich kein Besucher, kein Tourist je verirrt, sieht immer noch genauso aus.

Buchinformation
Clemens Meyer, Als wir träumten
Fischer Taschenbuch
ISBN 978-3-596-17305-1

2 Kommentare

  1. Eigentlich peinlich, daß ich Clemens Meyer noch nicht las. Ich wohne ’nebenan‘ in Sellerhausen, wo es teilweise noch ebenso trist aussieht und man ‚Tote Hose‘ erfunden haben könnte. Etwas Hoffnung verspricht der geplante Parkbogen Ost http://www.l-iz.de/Politik/Brennpunkt/2014/08/Konzept-fuer-den-Parkbogen-Ost-wird-erarbeitet-56939.html Reizvoll, sich das Viadukt – die ehemalige S-Bahn-Trasse von Leipzig nach Borna – begrünt vorzustellen, so daß man auf ihm nach Anger-Crottendrof spazieren oder Fahrrad fahren könnte. http://www.eisenbahnforumvogtland.de/t14228f9-Elloks-in-Crottendorf.html

    Ich (Dostoevskij) habe dich gerade auf Twitter entdeckt und stöbere nun durch dein Weblog.

    • Na, dann mal herzlich willkommen, ich freue mich über deinen Besuch und hoffe, dass es dir hier gefällt. Es sind übrigens interessante Links, die du da angegeben hast, so ein begrüntes Viadukt hätte schon was…

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