Bücher und Koffein

Buecher und Koffein

Photo: © Vera Prinz

Vor einiger Zeit hat mich Karla Paul für das Thalia-Online-Magazin Stories interviewt. Es ging – natürlich – um Bücher und Literatur, um Lieblingscafés, aber auch um das Bloggen, um den Weg ins Netz, um die Buchbranche, um das Leben. Die Fragen hatten mir sehr gut gefallen, zumal sie zum Nachdenken über das eigene Tun anregten. Und beim Wiederlesen nach wie vor anregen – weshalb ich das Interview heute leicht aktualisiert auf Kaffeehaussitzer veröffentliche. Die Redaktion des Magazins hatte es seinerzeit etwas gekürzt, die vollständige Version gibt es nun hier.

Viele Blogger starten ihre Seiten aus privater Leidenschaft zum Lesen – Du bist hingegen beruflich ausgebildeter Literaturliebhaber, genauer gesagt arbeitest Du schon seit 1993 in der Branche. Wie hat bei Dir damals alles angefangen und wohin haben Dich die Jahre getrieben?

Am Anfang war der Zufall. 1993 studierte und jobbte ich vor mich hin, war mit beidem nicht sonderlich glücklich, als ich einen Bekannten in der Stadt traf. Der erzählte mir, dass er gerade sein Studium abgebrochen habe und jetzt eine Buchhändlerlehre beginnen würde. Diesen Moment werde ich nie vergessen, es war, als wäre ein Vorhang weggezogen worden und plötzlich lag ein Weg kristallklar vor mir. Also brach ich am nächsten Tag auch mein Studium ab und kümmerte mich dann um einen Ausbildungsplatz in einer Buchhandlung. Und spätestens als ich kurz nach Beginn der Lehre zum ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse war, da wusste ich, dass ich diese Branche freiwillig nie wieder verlassen würde. Es folgten ein paar Jahre als Buchhändler in großen und kleinen Buchhandlungen; dann führte der Weg zum Studium der Verlagswirtschaft ins schöne Leipzig. Seit 2001 arbeite ich als Marketingmensch in verschiedenen Fachverlagen und bin seit 2009 Marketingleiter des RWS Verlags in Köln, einem Verlag für juristische Fachliteratur. In Zeiten des digitalen Wandels sind die Entwicklungen im Bereich der Fachmedien eine sehr spannende Sache; gleichzeitig liebe ich es, mich über Literatur auszutauschen und so entstand als Herzblutprojekt mein Blog Kaffeehaussitzer.

Wie kamst Du dann ins Netz bzw. zum Bloggen und warum hast Du Dich für diesen Titel entschieden?

Das Netz und ich: Die Geschichte einer langsamen Annäherung. Nein, im Ernst, zwar habe ich mich beruflich stets über die Entwicklungen gerade im Bereich der sozialen Medien auf dem Laufenden gehalten, privat war das aber ein eher schleichender Prozess. Erst einmal ein Xing-Profil, dann zum Ausprobieren einen Twitter-Account, irgendwann Facebook, spätestens als mir klar wurde, wie viele Menschen, mit denen ich gerne Kontakt halten wollte, ich dort wiedertreffen würde. Auf Facebook habe ich dann auch regelmäßig über Bücher berichtet, die ich gerade gelesen hatte. Schon als Buchhändler war es ein regelrechtes Bedürfnis, meine Begeisterung über ein Buch zu teilen – und so war der Blog eigentlich nur der nächste Schritt. Den Blog „Kaffeehaussitzer“ zu nennen war für mich von Anfang an klar, dieser Name spukte schon eine Weile im Kopf herum. Der Grund? Den habe ich im Blog aufgeschrieben: „Wie viele Stunden meines Lebens ich Bücher lesend in Kaffeehäusern und Cafés verbracht habe, weiß ich nicht. Sehr viele auf jeden Fall. Ort und Tätigkeit gehören für mich untrennbar zusammen. Genauso untrennbar sind viele Bücher mit Erinnerungen, Geschichten und Erlebnissen verbunden. Ein paar davon erzähle ich hier.“ Und damit ging der Kaffeehaussitzer im Juni 2013 online. Irgendwie kam dann eines zum anderen, etwa die Bücher auf eine bestimmte Art photographisch in Szene zu setzen oder für die wechselnden Titelbilder Kaffeehaus-Details zu photographieren. Bei alldem ist bei der Namensgebung natürlich der Wunsch ein Vater des Gedankens, denn allzu viel Zeit um lesend im Café zu sitzen lässt einem der Alltag natürlich nicht.

Kaffeehaussitzer

Photo: © Vera Prinz

Es liest sich ganz wunderbar in den verschiedensten Kaffeehäusern und nebenbei kann man bei unterschiedlichen Heißgetränken die Menschen bei ihrem Treiben beobachten. In welchem Café sollten wir unbedingt mal Platz nehmen und ein Buch aufschlagen?

Eines meiner absoluten Lieblingscafés ist das Maître in Leipzig. Ein Jugendstiltraum, wunderschön, Kaffee vom Feinsten. Dort mit einem Buch zu sitzen kommt meiner Vorstellung vom Paradies schon sehr, sehr nahe. Nur leider liegt es 600 Kilometer von meinem Alltag entfernt. Hier in Köln bin ich gerne im Salon Schmitz oder im Café Sehnsucht.

Was macht Literatur mit Dir? Was empfindest Du bei einem guten Buch bzw. wie stellst Du fest, dass Du etwas Besonderes in den Händen hältst?

Es gibt Bücher, die bereichern das Leben. Sie erweitern den Horizont, zeigen den eigenen Gedanken neue Wege auf. Führen einen beim Lesen in fremde Welten oder zeigen unbekannte Lebensentwürfe. Sie können dabei unterhalten, aber auch wehtun. Sie machen nachdenklich und sie hallen lange im Kopf nach. Das sind die wichtigen, die besonderen Bücher, auf die man als Leser von Zeit zu Zeit stößt. Im letzten Jahr In letzter Zeit waren das für mich z.B. „An den Rändern der Welt“ von Olivier Adam, „Spinner“ von Benedict Wells, „Der Grund“ von Anne von Canal, „4 3 2 1“ von Paul Auster oder „Mehr als wir sind“ von Jürgen Neffe. Und ein Roman, der mir im Gedächtnis geblieben ist wie kaum ein anderer, ist „Die Straße“ von Cormac McCarthy. Ein Buch wie ein Faustschlag und ein Leseerlebnis, das man ein Leben lang nicht mehr vergisst.

Was möchtest Du bei den Bloglesern bewirken? Dass sie mehr lesen, anders lesen?

Es gibt Menschen, für die ist Lesen eine Form des Zeitvertreibs. Für andere ist es ein Lebensinhalt. Du diesen zähle ich mich auch, Lesen und Bücher sind für mich überlebenswichtig. Gleichzeitig habe ich keine Ahnung, wann ich das letzte Mal vor dem Fernseher saß, um mich mit hektischem Gezappe quer durch die Programme berieseln zu lassen – solch ein Abend ist mir vollständig fremd. Denn man hat nur ein Leben und es gibt unendlich viele Bücher, die gelesen werden wollen; ein Problem, das alle leidenschaftlichen Leser auf der ganzen Welt kennen. Aber um auf die eigentliche Frage zu antworten: Ich möchte für Bücher begeistern, die mich begeistert haben. Möchte meine Leidenschaft mit anderen Menschen teilen und hoffe, dass sie durch die Blogbeiträge ansteckend wirkt.

Photo: © Vera Prinz

Wo entdeckst Du selbst im Netz gute Bücher?

Da gibt es viele verschiedene Möglichkeiten und einen sehr hohen Stellenwert dabei haben die Literaturblogs, deren Beiträge ich verfolge. Es sind völlig unterschiedliche Blogger, völlig unterschiedliche Lesevorlieben. In der Blogroll auf Kaffeehaussitzer findet man meine Liste. Vollkommen uninteressant finde ich algorithmisch erzeugte „Leser, die dieses Buch kauften, kauften auch“-Vorschläge, da man damit nur schwer über den eigenen Tellerrand schauen oder etwas völlig anderes ausprobieren kann. Und ganz ehrlich gesagt: Am liebsten besuche ich die Buchhandlungen meines Vertrauens und gehe dort auf Entdeckungsreise. Zu Fuß und analog. Völlig ohne Netz. Denn dort finde ich Bücher, von denen ich vor dem Betreten der Buchhandlung noch gar nicht gewusst habe, dass ich sie dringend brauchen würde. Deshalb beende ich jede Buchvorstellung mit dem Hashtag #SupportYourLocalBookstore.

Es gibt viele Menschen, die heute keine Zeit und Geduld mehr für Literatur aufbringen. Mit welchem Buch würdest Du das gern ändern?

Es ist mir tatsächlich schon gelungen, Büchermuffel in begeisterte Leser zu verwandeln. Das Buch schlechthin dafür gibt es aber nicht, zu unterschiedlich sind die Menschen und ihre Vorlieben. Seit Jahren ist eine meiner Empfehlungen dafür z.B. „Tuareg“ von Alberto Vázquez-Figueroa. Das Buch gibt es schon seit über drei Jahrzehnten, aber ich kenne nur wenig Romane, in denen die Spannungskurve gleich am Anfang so steil nach oben geht, eine Handlung, die den Leser das gesamte Buch über mitreißt und dann ein furioses und vollkommen überraschendes Ende bietet. Spannungsliteratur vom Allerfeinsten. Ähnlich fesselnd, aber mit einer sehr düsteren Hintergrundgeschichte, die sich erst nach und nach auflöst, ist „Das finstere Tal“ von Thomas Willmann, der damit das Genre des „Alpenwesterns“ erfunden hat.

Kaffeehaussitzer

Photo: © Vera Prinz

Ich gebe Dir einen 100 Euro Gutschein – welche Bücher von Deiner Wunschliste würdest Du Dir dafür eintauschen und warum?

100 Euro hätte ich in einer Buchhandlung in wenigen Minuten ausgegeben… Aber um konkret zu werden: Dafür würde ich mir bibliophile Schätze kaufen, schöne Bücher, die man sich nicht jeden Tag gönnt, die man aber einfach gerne haben möchte. Etwa Titel aus der Klassiker-Reihe des mare-Verlags oder zwei Ausgaben der Anderen Bibliothek oder Klassiker-Neuübersetzungen aus dem Hanser Verlag oder…oder…oder. Gerne kommt bei solchen Wunschäußerungen die Frage auf „Und wann liest du das alles?“, über die Buchmenschen nur müde lächeln können. Der Lyriker Durs Grünbein hat einmal darauf die perfekte Antwort gegeben: „Ich kaufe Bücher nicht, weil ich sie alle benötige, sondern weil ich mir ausmale, wie herrlich es sein wird, sie demnächst – sagen wir eines Tages, zu lesen.“

Neben der Literatur ist die Photographie eine weitere Deiner Leidenschaften, auf dem Blog verbindest Du beides. Zudem legst Du sehr viel Wert auf die Gestaltung der Bücher und besprichst dies gesondert. Liest Du neben all der Liebe zur Haptik auch E-Books?

Wenn es ein Buch gedruckt oder als E-Book gibt, entscheide ich mich meistens eigentlich immer für die gedruckte Version. Aber gleichzeitig gibt es reine E-Book-Verlage mit spannenden Angeboten, die zum Teil auch nur elektronisch möglich sind. Hier gehe ich gerne auf elektronische Entdeckungsreise. Überhaupt finde ich es albern, die eine Erscheinungsform gegen die andere auszuspielen, wie es in der leidigen Print vs. E-Book-Debatte immer noch geschieht. Die Zukunft wird hybrides Lesen sein. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Entwicklung, dass bei dem einen oder anderen E-Book-Verlag inzwischen die ersten Werke in gedruckter Form erscheinen.

Im Netz finden wir Dich an vielen Stellen. Du facebookst und twitterst über Literatur. Treffen wir Dich auch bei Lesungen vor Ort, Bloggertreffen oder auf den Buchmessen?

Wenn es sich ergibt, besuche ich Autorenlesungen; einfach um zu sehen, was das für ein Mensch hinter dem Buch ist, das mich begeistert hat. Allerdings muss ich gestehen, dass ich das vielfältige Angebot, das sich hier in Köln bietet – alleine die Veranstaltungen des Literaturhauses sind bemerkenswert – nur bruchstückhaft nutze. Die Zeit, die Zeit…

Die Leipziger Buchmesse ist seit vielen Jahren ein persönliches Highlight im Jahresablauf. Alleine schon wegen dieser wunderbaren Stadt, die zu besuchen immer wieder großartig ist; während meines Studiums dort ist sie wie eine zweite Heimat für mich geworden. Und wenn zur Buchmesse ein paar Tage lang Leipzig von tausenden diskutierenden und feiernden Buchmenschen bevölkert wird – dafür verzichte ich auf jeden Wellness-Hotel-Luxus-Urlaub, bei dem ich mich sowieso nur langweilen würde.

Dort und in Frankfurt treffe ich natürlich andere Literaturblogger und es ist immer wieder spannend, Menschen, die man seit Jahren virtuell kennt, einmal im realen Leben zu sehen. Und meistens ist es so, als würde man alten Freunden begegnen. Alleine wegen dieser Erfahrung hat es sich gelohnt, vor drei Jahren mit dem Kaffeehaussitzer online zu gehen.

Kaffeehaussitzer

Photo: © Vera Prinz

3 Kommentare

  1. ah ja, spricht mir aus der Seele: lesen….fast eine Sucht.
    Gleichwohl: gern dranbleiben.
    Wer weiss, vielleicht sehen wir uns in Ffm…
    und auch ich stöbere mit Vergnügen in Buchhandlungen, besonders gern am Bahnhof, am Flughafen, unterwegs…

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