Am Leben bleiben

Anthony Price: Die Chandos-Falle

Frühmorgens sieht Jack Butler am Ufer der Loire die Morgendämmerung heraufziehen. Langsam taucht die andere, die südliche Seite des Flusses im Dunst auf; Baumgruppen, Büsche, dahinter Felder und einzelne kleine Häuschen schälen sich nach und nach aus dem Morgennebel. Es ist ein Moment voll andächtiger Stille, eine beindruckende Stelle im Roman „Die Chandos-Falle“ von Anthony Price. Doch dieser Moment täuscht. Denn Jack Butler ist eigentlich Corporal Jack Butler, Angehöriger der britischen Armee. Es ist der Sommer des Jahres 1944 und Butler ist Teil einer Kommandoeinheit, die hinter die feindlichen Linien vordringen soll. Und die feindlichen Linien beginnen am südlichen Ufer der Loire.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Wehrmacht im Norden Frankreichs bereits auf dem Rückzug, im Süden waren zwar schon Invasionstruppen der Alliierten gelandet, doch große Teile des Landes standen noch unter der Kontrolle Nazi-Deutschlands. Jack Butler, ein etwas naiver, ungeschickter junger Mann, der darauf brennt, endlich seine Feuertaufe zu erhalten, wird der Kommandoeinheit von Major O’Connor zugeteilt. Einem Haufen abgebrühter Kämpfer, die es gewohnt sind, hinter den Linien zu agieren und eher an eine Räuberhorde erinnern als an Soldaten. Ebenso ergeht es Lieutnant David Audley, der ebenfalls zu dieser Räuberhorde abkommandiert wird, um dort zusammen mit Butler zwei Männer zu ersetzen, die bei einem vorherigen Einsatz umgekommen sind. Audley, ein gebildeter Absolvent einer Eliteschule aus vornehmen Haus, traumatisiert durch seine Kriegserlebnisse, und Butler, Sohn einer Arbeiterfamilie, ein Greenhorn. Die beiden überqueren mit dem Trupp O’Conners die Loire und eine wahnwitzige Fahrt ins Ungewisse beginnt.

Chandos-Truppe nennt sich die Horde, nach dem englischen Ritter Sir John Chandos, einem mittelalterlichen Kriegsheld, dessen Siege und Beutezüge berühmt waren. Und Beute soll auch jetzt gemacht werden, doch um was es genau geht, wissen Butler und Audley nicht. Schon bald aber merken sie, dass etwas mit der ganzen Unternehmung nicht stimmt. Ganz und gar nicht stimmt. Und bald werden sie nicht mehr wissen, wer Freund und wer Feind ist, wem sie trauen können inmitten des Chaos aus britischen und amerikanischen Truppen, Kämpfern der Résistance und noch längst nicht besiegten Einheiten der Wehrmacht und der SS. Die Fahrzeugkolonne rollt derweil immer weiter und weiter ihrem geheimnisvollen Ziel entgegen; einem Schloss, in dem es etwas von höchstem Wert zu bergen gilt. Wobei die Unternehmung nicht so geheim ist, wie gedacht – denn obwohl der Zweite Weltkrieg längst noch nicht beendet ist, zeichnet sich bereits jetzt die zukünftige Machtkonstellation des kalten Krieges am Horizont ab. Mit direkten Folgen für die Chandos-Truppe.

Es ist eine gelungene Mischung aus einem Roadmovie in Zeiten des Krieges, einem Thriller und einem klassischen Spionageroman. Naturbeschreibungen treffen auf Schilderungen der Verwüstung und Zerstörung. Ein Unterwegssein voller überraschender Schachzüge, nicht erwarteter Wendungen und neuer Bündniskonstellationen, bei dem es für Butler und Audrey letztendlich vor allem um eines gehen wird: Am Leben zu bleiben. Denn im Krieg gibt es keine Sieger und keine Besiegten. Es gibt nur „die Überlebenden und die Toten“.

„Die Chandos-Falle“ erschien 1979, in der Zeit, als Autoren wie Frederick Forsyth oder John le Carré das Genre der Agententhriller nachhaltig prägten und Klassiker schufen, die bis heute lesenswert sind. Anthony Price hatte es nie geschafft, aus dem Schatten dieser Großmeister hervorzutreten und sein Werk ist heute – zumindest bei uns – in Vergessenheit geraten. Schön, dass die Büchergilde Gutenberg mit der Neuauflage der „Chandos-Falle“ diesem spannenden Roman ein Comeback beschert.

Buchinformation
Anthony Price, Die Chandos-Falle
Aus dem Englischen von Thomas Schlück
Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft
ISBN 978-3-7632-6882-5

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