Das Epos einer Niederlage

Adam Zamoyski: 1812 - Napoleons Feldzug in Russland

Am Eingang stand eine Kanone, groß, abweisend, bedrohlich. Direkt daneben sah man, was sie anrichten konnte: Den Brustpanzer eines Kürassiers, vorne und hinten großflächig durchschlagen, es blieb der Phantasie überlassen, was mit dem Menschen dazwischen geschehen sein mochte. Das war der erste Eindruck der großartigen Napoleon-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn, die im Jahr 2012 stattfand. Sie thematisierte zum Teil ziemlich drastisch, dass diese Epoche nicht eine Zeit heroischer Schlachtengemälde sondern blutiger, brutaler und erbarmungsloser Kriege war.

Angeregt durch die Ausstellung wollte ich mich wieder einmal mehr mit diesem Zeitalter beschäftigen. Da traf es sich gut, dass sich 2012 der Angriff Napoleons auf Russland zum zweihundertsten Mal jährte, es gab also Grund genug für etliche neue Bücher zu diesem Thema. Eines davon hat mich restlos begeistert, „1812“ von Adam Zamoyski. Wenn man den unschönen aber treffenden Ausdruck Pageturner für ein Sachbuch verwenden möchte, dann für dieses. Der Autor schafft es, den Leser mit auf eine Zeitreise zu nehmen. Er vermeidet jeden professoral-belehrenden Ton, der leider so oft die Freude am Lesen verdirbt und zeichnet ein unglaublich lebendiges Bild des damals größten Eroberungszugs aller Zeiten. Das liegt vor allem daran, dass er als erster Historiker die umfangreichen russischen Archive zu diesem Thema auswerten konnte und so Zugriff auf eine riesige Menge an Briefen, Tagebüchern, Notizen, Skizzen aus dieser Zeit hatte, unzählige O-Töne, die bisher unbekannt waren.

Und Zamoyski baut diese Textstellen so gekonnt ein, dass man zeitweise vergißt, ein Sachbuch zu lesen und das Gefühl hat, man sei mittendrin und hört das Rumpeln der Räder, das Knarren des Leders, marschierende Schritte, riecht Staub und Rauch, leidet unter der brütenden Hitze. Je länger Napoleons Feldzug dauert, desto beruhigender wird es für den Leser zu wissen, nicht mittendrin zu sein: Die außerordentlich brutale Schlacht bei Borodino, das verlassene und brennende Moskau, schließlich die ersten Anzeichen des kommenden Winters und dann der katastrophale Rückzug. Man meint, die Eiseskälte zu spüren, die dramatischen Szenen mitzuerleben, verfolgt den Untergang eines riesigen Heeres in der Rolle eines Beobachters und wird Zeuge einer Tragödie wahrhaft epischen Ausmaßes.

Wenn ich ein Sachbuch lese, beginne ich meist mit Elan, da mich das Thema ja interessiert. Da die Zeit, die täglich zum Lesen zur Verfügung steht, aber knapp bemessen ist und an manchen Abenden die Konzentration nachlässt, wird es ab der Hälfte immer etwas zäh. Oft lese ich ein oder zwei Romane dazwischen, bevor ich das angefangene Sachbuch fertig bekomme. Nicht so bei „1812“: Ich konnte nicht mehr aufhören, das Buch hat mich tagelang überallhin begleitet, gefesselt, bewegt und ich habe in buchstäblich jeder freien Minute darin gelesen. Von Napoleons gescheitertem Russland-Feldzug hatte ich, wie wohl jeder, schon tausend Mal gehört oder davon gelesen. Aber so intensiv in die Geschichte eingetaucht bin ich noch nie. Das Buch ist in meinen Augen ein absolutes Meisterwerk der Geschichtsschreibung.

Buchinformation
Adam Zamoyski, 1812
Aus dem Englischen von Ruth Keen und Erhard Stölting

Verlag C.H. Beck
ISBN 978-3-406-63170-2

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2 Kommentare

  1. Ja genau, ich horte gerne Sachbücher zu geschichtlichen Themen, lese aber viel weniger davon, als ich eigentlich möchte. Dieses hier hat mich aber wirklich total begeistert.

  2. Danke für die Besprechung. Da es mir mit Sachbüchern ähnlich geht wie dir, habe ich schon eine Weile keins mehr gelesen, obwohl ich gute Sachbücher sehr schätze.
    Dieses wird aber wohl bald ran glauben müssen.

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