Die Präsenz der Bücher*

Die Praesenz der Buecher: Ein Textbaustein

Manchmal sitze ich einfach nur da und schaue. Auf mein überquellendes Bücherregal. Auf die Buchstapel auf dem Dielenboden davor. Auf die Bücher, die auf dem Tisch liegen, auf den Stühlen, neben dem Sessel. Manchmal sortiere ich einige aus, aber mehr neue finden den Weg zu mir; es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Einige aber begleiten mich schon seit Jahren, sogar seit Jahrzehnten. An manchen hängen Erinnerungen, schöne und traurige, manche haben mein Leben mitgeprägt. Dazu kommt das unglaublich beruhigende Gefühl, von Geschichten umgeben zu sein, von anderen Welten, fremden Lebensentwürfen, von Entdeckungen, die es noch zu machen gilt, von papierenen Freunden.

Ich schreibe das alles auf, weil ich kürzlich über eine Textstelle in einem Artikel von Tillmann Prüfer im ZEIT-Magazin gestolpert bin. Der Titel lautete „Ode an all die Dinge des Lebens“, und anfangs habe ich ihn überflogen, war gerade auf dem Sprung und wollte nur einmal kurz in das Heft hineinschauen. Dann fand ich jene Textstelle, die mich innehalten ließ, die ich gleich noch einmal gelesen habe, diesmal langsamer. Denn sie trifft so ganz genau das eigene Lebensgefühl, dass ich sie direkt in meine Textbausteine-Sammlung aufgenommen habe. Hier ist sie:

„Ich glaube, die allermeisten Menschen wollen Erinnerungen festhalten. Auch jene, die sich rühmen, keine Bücher mehr zu haben, weil sie ja »alles digital« hätten. Es ist genauso, wie wenn man jeden Abend mit Freunden, jedes Essen, jedes Konzert der Lieblingsband mit dem Smartphone festhält. Ein Foto im Smartphonespeicher ist für mich aber nicht dasselbe wie ein Erinnerungsstück. Durch ein Foto bleibt alles gleich. Mit einem Gegenstand hingegen verändern sich die Dinge. Einen Gegenstand kann man nicht teilen, er ist nur an einem Ort zur einer Zeit. Und man muss sich von diesem Zeitpunkt an mit ihm auseinandersetzen. Er verdrängt Platz, Luft, man muss ihm Raum schaffen, er verändert sich. Er altert, wie man selbst altert, er geht kaputt, wie man selbst kaputt geht. Man muss sich irgendwann von ihm trennen.

Das sind Eigenschaften, die nur Dinge haben können. Es ist etwas anderes, das Regal voller Bücher zu haben, als eine große Kindle-Bibliothek auf dem iPad. Es ist etwas anderes, eine Schallplattensammlung zu haben, als die Festplatte voller Songs. Nur etwas, das gepflegt werden muss, das eine Präsenz hat, das Raum im Leben einnimmt, kann auch eine Bedeutung haben. Welche Kraft das entfalten kann, erlebt man in jeder Wohnung, die so vollgesogen ist mit dem Charakter ihres Besitzers, dass es ganz egal ist, ob er anwesend ist oder nicht. Die Geschichten, die seine Dinge erzählen, machen ihn präsent, manchmal sogar über den Tod hinaus.“

Am liebsten würde ich jedes Wort drei Mal unterstreichen, so sehr habe ich mich in diesen paar Zeilen wiedergefunden. So, dass sogar ausnahmsweise das Wort „Kindle“ hier auftaucht, obwohl Amazon auf Kaffeehaussitzer eigentlich Hausverbot hat. Ich hätte es auch durch das Wort „Tolino“ ersetzen können, ein Gerät, das ich seit einiger Zeit besitze und manchmal benutze. Ich bin froh, dass es die Möglichkeit gibt, E-Books lesen zu können, um sich unterwegs mit einem Text zu beschäftigen. Finde es gut, das man als Leser die Wahl hat, welches Medium man zur Lektüre wählt. Doch zeigt es mir auch stets aufs Neue: Wenn mir ein Buch etwas bedeutet, wenn ich damit Erinnerungen verbinde oder mich intensiv mit dem Inhalt auseinandergesetzt habe, dann möchte ich auch, dass es im Regal seinen Platz findet. Möchte mich damit umgeben. Oder, um noch einmal auf das Zitat zurückzugreifen: „Nur etwas, das gepflegt werden muss, das eine Präsenz hat, das Raum im Leben einnimmt, kann auch eine Bedeutung haben.“ 

Und gleichzeitig gibt es für mich kaum etwas Schöneres, als immer wieder vor dem Buchregal zu stehen, den Blick schweifen zu lassen und sich die Buchmenschenfrage schlechthin zu stellen: Was lese ich als nächstes? Deshalb verstehe ich auch nie, warum manche Leser den Anschein erwecken, sich von ungelesenen Büchern stressen zu lassen. Oder sich die furchtbar bürokratisch klingende Abkürzung SuB – Stapel ungelesener Bücher ausgedacht haben, was für mich nach Abarbeiten oder dem Erledigen einer Pflicht klingt. Ich finde, man kann gar nicht zu viele ungelesene Bücher um sich herum haben, denn für jedes Buch gibt es genau die richtige Zeit, es zu lesen. Und dafür muss es dann bereit stehen, sonst finde ich diesen Zeitpunkt nicht heraus.

Und schon sind wir wieder am Anfang des Textes angekommen, ich sitze vor dem überquellenden Bücherregal, erfreue mich des Anblicks und bin gespannt, welche Welten sich mir noch auftun werden. Und welche Bücher zu langjährigen Begleitern werden. Mit papierener Präsenz in meinem Leben.

*Hier auf Kaffeehaussitzer gibt es die Textbausteine, eine Sammlung von Texten, die mir wichtig sind. Meistens Stellen aus Büchern, aber dieses Fundstück aus dem ZEIT-Magazin gehört unbedingt dazu.

12 Kommentare

  1. Großartig! In diesem Text hab ich mich grade auch total wiedergefunden, ich kann gar nicht zählen wie oft ich einfach nur auf meinem Bett sitze und auf mein Bücherregal starre. Ich liebe das. Und dann blätter ich durch die Seiten und sehe Passagen die unterstrichen sind, ein Krümel zwischen den Seiten, oder ein Fleck weil ich geweint habe beim lesen. Dann muss ich immer lächeln und dann bin ich froh :-)

    Bücher sind eben einfach mehr, als nur bedruckte Seiten.

  2. Hallo Uwe, welch ein wunderbarer Beitrag! Es geht mir auch häufig so, dass ich vor meinem Bücherregal hocke und einfach nur schaue. Trotz eines ebook-readers, der mir das Lesen unterwegs sehr erleichtert, möchte ich die Bücher, die mich wirklich begeistert haben, die mich berührt haben, in Papierform in meinem Regal haben. Hin und wieder trenne ich mich von einigen Büchern wieder, aber auch ich habe den Eindruck, dass mir die Anschaffung von neuen Büchern leichter fällt, als mich von ihnen wieder zu trennen. Ein Gedicht von Eugen Roth bringt es auf den Punkt:

    Bücher

    Ein Mensch, von Büchern hart bedrängt,
    an die er lang sein Herz gehängt,
    beschließt voll Tatkraft, sich zu wehren,
    eh sie kaninchenhaft sich mehren.
    Sogleich, aufs äußerste ergrimmt,
    er ganze Reih`n von Schmökern nimmt
    und wirft sie auf den wüsten Haufen,
    sie unbarmherzig zu verkaufen.
    Der Haufen liegt, so wie er lag,
    am ersten, zweiten, dritten Tag.
    Der Mensch beäugt ihn ungerührt
    und ist dann plötzlich doch verführt,
    noch einmal hinzusehn´n genauer –
    sieh da, der schöne Schopenhauer …
    Und schlägt ihn auf und liest und liest,
    und merkt nicht, wie die Zeit verfließt …
    Beschämt hat er nach Mitternacht
    ihn auf den alten Platz gebracht.
    Dorthin stellt er auch eigenhändig
    den Herder, achtundzwanzigbändig.
    E.T.A. Hoffmanns Neu-Entdeckung
    schützt diesen auch vor Zwangsvollstreckung.
    Kurzum, ein Schmöker nach dem anderen
    darf wieder auf die Bretter wandern.
    Der Mensch, der so mit halben Taten
    beinah schon hätt´ den Geist verraten,
    ist nun getröstet und erheitert,
    das die Entrümpelung gescheitert.

  3. Lieber Uwe Kalkowski,

    alle paar Woche schaue ich auf Ihrem Blog vorbei. Und wieder einmal hat sich ein Besuch gelohnt. Herzlichen Dank für die tolle Auseinandersetzung (ein Begriff, der hier nicht ganz passend ist) mit dem Zitat aus dem ZEIT-Magazin. Ich werde Ihren Text sicherlich noch öfters lesen.

    Beste Grüße aus Süddeutschland
    Christian Mayer

  4. Ich fand den Beitrag sehr schön! Der Titel hat mich sofort angezogen. Besonders das Wort Präsenz und die Bedeutung dahinter. „Er verdrängt Platz, Luft, man muss ihm Raum schaffen (…)“ hat mich auch zum Stocken gebracht und da musste ich dann kurz nicken. Ich muss leider zugeben, dass ich mich manchmal auch von meinen vielen Büchern ’stressen lasse‘, aber das geschieht dann eher, weil sich der Gedanke in mir verankert, dass der kreative Teil in mir drin zu kurz kommt und ich sozusagen nicht genug Fantasie konsumiere und mir etwas fehlt. Wenn das Sinn ergibt haha.

    Der Beitrag hat auf jeden Fall die dazu geführt, dass sich die Räder in meinem Kopf drehen und vielleicht muss ich dieses Thema mal aufgreifen und genauer drüber nachdenken. Liebe Grüße! c:

  5. Hej Uwe,
    schöner Text, schönes Zitat. Es gibt im japanischen das ästhetische Konzept namens „Wabi Sabi“, nicht übersetzt, aber analogisiert als „Schönheit des Rosts“. Die Idee, dass Dinge nicht durch ihre Herstellung schön werden, sondern durch die Aufmerksamkeit, die wir ihnen schenken. Und Kratzer, Narben und Gebrauchsspuren Teil dieser Schönheit sind. Daran muss ich gerade denken.

    Lächeln, Fabian

  6. Lieber Uwe, ein wahrlich sehr sehr schöner Beitrag. Allerdings muss ich sagen – SUB bedeutet für mich einfach wirklich, diese Bücher habe ich einfach noch nicht gelesen. Gründe dafür gibt es unterschiedliche. Keine Zeit, nicht die richtige Lebensphase, zurückgelegt, weil man sich darauf freut, es im Urlaub an einem Stück zu lesen etc. Der SUB allerdings wurde bei mir irgendwann in SUK umbenannt – Stapel ungelesener Kostbarkeiten. Und harrt auf mich in einer wunderbaren, ehemaligen Weinkiste, vor den überquellenden Regalen. Aber wie Du Deine Wohnung beschreibst, so sieht es auch bei uns auch – überall Bücher. Auch bei unserem Lütten ist das jetzt schon so – neben Lego, nur Bücher, meist allerdings Comics. Und ja, das sagt offensichtlich mehr über uns aus, als vieles andere. Auf jeden Fall fühlen sich Gäste, Besucher immer wohl beim Stöbern in den Regalen. Liebe Grüße und einen wunderbaren Tag Dir! Bri

  7. Danke für den schönen Artikel. Mir sind die „papiernen Freunde“ auch lieb und teuer, und immer wenn ich sie sehe, freue ich mich schon auf die Zeit, die ich mit ihnen verbringen werde. Ihr Anblick verursacht viele Gefühle in mir, Stress war glücklicherweise noch nie dabei.

  8. Es könnte sein, dass die Abkürzung SUB dem im früheren Internet und insbesondere im Usenet verbreiteten Bestreben nach Kürze entsprungen ist. Ich zumindest kenne sie aus der Newsgroup de.rec.buecher von vor fast 20 Jahren.

  9. Ich gestehe, ich bin auch so einer, bei dem ein Stapel ungelesener Bücher ab einer gewissen Höhe das leichte Gefühl von Stress verursacht.

    Das liegt wohl unter anderem daran, dass ich das ganz pragmatisch betrachte, indem ich sage: „Das hat irgendwann einmal Geld gekostet, das muss jetzt auch gelesen werden!“.

    Darüber hinaus bin ich bekennender Entscheidungsneurotiker und da bedeutet größere Auswahl mitunter nichts Gutes. :-)

    Und letztlich liegen der Ursache des latenten Stressgefühls noch ein, zwei andere Gedankengänge zugrunde – die verrate ich aber nicht. :-)

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