Internet im 17. Jahrhundert

Tom Hillenbrand: Der Kaffeedieb

Sich mit einer virtuellen Identität in einem virtuellen Raum zu bewegen, ist in unserer Zeit für viele Menschen eine Selbstverständlichkeit. Doch so modern es sich anfühlen mag, es ist ganz und gar nichts Neues, sondern hat seine Wurzeln im ausgehenden 17. Jahrhundert. Es war die Blütezeit der République des Lettres, die Epoche der beginnenden Aufklärung und der aufkommenden Kaffeehauskultur als Ort der Kommunikation. Diese drei kulturgeschichtlichen Entwicklungen hat Tom Hillenbrand fulminant mit der machtpolitischen Situation im absolutistischen Europa kombiniert und einen spannenden, temporeichen und doch authentisch wirkenden historischen Roman geschrieben: „Der Kaffeedieb“.

Was hat es nun mit jener République des Lettres auf sich? Das intellektuelle Europa um 1680 – die Zeit, in der die Handlung des Romans spielt –  war fasziniert von Forschung und Wissenschaft, begeistert über jede Erkenntnis, die nach und nach der klerikalen Dunkelheit entrissen werden konnte, die seit hunderten von Jahren jegliche wissenschaftliche Betätigung blockiert hatte. Philosophie, Magnetismus, Anatomie, Naturwissenschaften aller Art hatten das Interesse nicht nur der Wissenschaftler und Forscher geweckt, sondern auch jenes der enthusiastischen Privatgelehrten, meist Angehörige vermögender Familien, die ihr Leben der Forschung widmeten. Sie lebten überall in Europa verstreut und tauschten sich vornehmlich über Briefe aus, hunderte, tausende Briefe gingen in diesen Zirkeln hin und her; man kannte sich seit Jahren durch diesen intensiven Austausch, hatte sich aber noch nie gesehen. Das war die République des Lettres, ein virtueller Ort für Freigeister, ein Art analoges Internet. Eine Parallelwelt der Wissenschaft, in der es um Forschungsergebnisse ging, gelegentlich auch um Klatsch und Tratsch. Der gesellschaftliche Status spielte dabei keine Rolle, ein für die damalige Zeit geradezu revolutionärer Vorgang.

Diejenigen der Gelehrten, die es sich leisten konnten, waren viele Monate im Jahr auf Reisen – um sich mit langjährigen Briefpartnern einmal persönlich auszutauschen, um gemeinsam zu forschen oder um sich mit berühmten Wissenschaftlern zu treffen. Etwa gleichzeitig kam der Kaffeegenuß in Europa auf, Kaffeehäuser eröffneten in allen wichtigen Städten und entwickelten sich schnell zu Treffpunkten von Händlern, Reisenden und natürlich von Angehörigen der République des Lettres, die dort wochen- und monatelang diskutierend und arbeitend ihre Zeit verbrachten. Oftmals unterhielten sie dort eigene Postfächer und wickelten ihre gesamte Korrespondenz über ein Kaffeehaus ab.

Dies ist die Ausgangslage des Romans. Und Obediah Chalon ist der Held unserer Geschichte, dem wir in London das erste Mal begegnen; natürlich in einem Kaffeehaus. Selbst ein angesehenes Mitglied der République des Lettres hat er ein Problem: Das Forscherleben kostet Geld. Ziemlich viel Geld. Und er ist nahezu pleite. Der Versuch, mit gefälschten Wertpapieren über eine Spekulation an Geld zu kommen, scheitert dramatisch und er muss England Hals über Kopf in Richtung Amsterdam verlassen. Wo er einige Zeit später dann doch im Kerker landet. Das alles geschieht auf den ersten paar Seiten des Buches, von daher verrate ich nicht zuviel von der Handlung. Denn diese fängt jetzt erst richtig an. Mit einem Angebot der Ostindischen Compagnie, die jemanden sucht, der nichts mehr zu verlieren hat.

Im Europa des späten 17. Jahrhunderts war das Frankreich Ludwigs XIV. die bedeutendste Macht des Kontinents, Französisch die gesamteuropäische Umgangssprache unter Gebildeten. Der Balkan und weite Teile Osteuropas standen unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches, auch wenn die türkische Invasion 1683 vor Wien gestoppt werden konnte – ein Ereignis übrigens, das unmittelbaren Einfluss auf das Schicksal Obediah Chalons hat, ja, durch das die selbstmörderische Reise, die ihm bevorsteht, letztendlich ausgelöst wurde.

Obwohl das katholische Frankreich und das muslimische Osmanische Reich zwar politische Gegner waren, hatten sie doch den Handel mit einem der wichtigsten Güter der damaligen Zeit untereinander aufgeteilt. Den Handel mit Kaffeebohnen. Denn Europa war im Kaffeerausch, Kaffee das Getränk der Stunde. Doch angebaut wurde er nur an einer einzigen Stelle, auf einer unzugänglichen Hochebene am Rande der arabischen Halbinsel, streng kontrolliert und bewacht von osmanischen Truppen, zu deren Territorium auch Arabien damals gehörte. Die Bohnen wurden so präpariert, dass sie nicht mehr als Saatgut benutzt werden konnten, der Handel erfolgte per Schiff über das Mittelmeer nach Häfen in Frankreich, von wo aus die begehrte Ware überallhin verkauft wurde. Man kann sich unschwer vorstellen, wie gerne andere Länder mit ihren Handelsgesellschaften dieses Monopol aufgebrochen hätten. Zum Beispiel jene Ostindische Compagnie der Holländischen Republik. Und so kommt Obediah Chalon ins Spiel, der mit einem von ihm zusammengestellten Trüppchen loszieht, um einige der begehrten Kaffeepflanzen zu stehlen. Ein Vergehen, das niemand der Gruppe überleben würde, sollten sie dabei ertappt werden.

Der bunt zusammengewürfelte Haufen besteht aus einer Handvoll Männer und einer Frau, es sind abgebrühte Haudegen, Spezialisten im Umgang mit Waffen, eine Verkleidungskünstlerin und Hochstaplerin, ein Meisterdieb und ein virtuoser Chiffrier-Experte, Chalon selbst. Denn natürlich nutzt er seine zahllosen Kontakte in der République des Lettres, um einen perfekten Plan auszuarbeiten.

Doch auch im analogen Internet wurde gespitzelt und der französische König beschäftigte einen der besten Dechiffrierexperten seiner Zeit. Die République des Lettres war natürlich den Herrschenden schon wegen ihres Namens (Republik! Gleichheit!) suspekt und ihre Korrespondenz stand unter ständiger Beobachtung. Zug, Gegenzug. Chiffre, Entschlüsselung. Hinter den Kulissen beginnt eine Verfolgungsjagd quer durch Europa, über das Mittelmeer mitten hinein in das osmanische Reich. Für Chalon und seine Leute wird es immer enger; die Verfolger holen rasch auf, versuchen, den nächsten Schritt vorauszusehen. Dazu kommen einige sehr unvorhergesehene Überraschungen, schnöder Verrat und – ach – die Liebe. Doch auch sie schleicht auf eine Art und Weise in die Geschichte, die weder Obediah Chalon noch die Leser hätten vorhersehen können.

Wird der waghalsige Plan gelingen? Kann er das überhaupt? Und wie sieht er eigentlich aus? Wer wird überleben? Nach 465 Seiten sind diese und viele andere Fragen geklärt, Kreise haben sich geschlossen und ganz am Ende eröffnet sich unerwartet ein völlig neuer Horizont.

Tom Hillenbrand bietet dem Leser eine mitreißende Geschichte mit allen Elementen eines gelungenen Geheimdienst-Thrillers, mit interessanten und widersprüchlichen Charakteren und überraschenden Wendungen. Mit politschen Intrigen und Kaffeehäusern als Zentren des Nachrichtenaustauschs. Gekonnt in die Zeit vor 330 Jahren gepackt – die uns plötzlich auf eine altmodische Art und Weise modern und gar nicht mehr so weit weg erscheint. Die historischen Hintergründe wirken sehr gut recherchiert; unaufdringlich, aber liebevoll sind zahlreiche Details der damaligen Gebräuche eingebaut. Im Kopf bleibt etwa das Bild, wie in englischen Kaffeehäusern serviert wurde: Erst zapfte man den lange im voraus hergestellten Kaffee aus einem Fass, um ihn dann im Becher oder in der Schale zu erhitzen. Das klingt sehr gewöhnungsbedürftig und der Kaffeehaussitzer von heute ist froh, dass sich die Aufbrühmethoden zwischenzeitlich etwas verfeinert haben.

Buchinformation
Tom Hillenbrand, Der Kaffeedieb
Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-04851-3

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