Suppen für Syrien

Suppen fuer Syrien

Gelegentlich müssen sich Buchblogger den Vorwurf anhören, sich vor den Marketingkarren der Verlage spannen zu lassen. Nun ja, Nörgler wird es immer geben, weshalb ich das Thema nicht vertiefen möchte. Zumal ich in folgendem Text ganz bewusst Werbung für ein Buch machen werde, nämlich für das Kochbuch „Suppen für Syrien“. Das viel, viel mehr ist als ein Kochbuch: Eine Hilfskampagne für Kinder und Jugendliche in dem verwüsteten Land mit seinen kriegsversehrten Menschen.

Dieses Hilfsprojekt ist von Barbara Abdeni Massaad ins Leben gerufen worden, einer in Beirut und Florida lebenden Photographin und Kochbuchautorin. Sie hatte damit begonnen, in einem nahe ihrer Beiruter Wohnung liegenden Flüchtlingslager für und mit den Menschen dort zu kochen. Suppen vor allem; nahrhaft, einfach und tröstend. Es geschah aus dem Wunsch heraus, zu helfen, den syrischen Flüchtlingen in dem provisorischen Lager zu zeigen, dass jemand an sie denkt.

Als sie mit ihrem amerikanischen Verleger darüber sprach, entstand daraus die Suppen-für-Syrien-Sammlung. Bekannte Kochbuchautoren wurden zusammengetrommelt und gemeinsam eine Rezeptsammlung geschaffen, von deren Verkaufserlösen ein großer Teil an die Flüchtlingshilfe der UNO gespendet wurde.

Die in zahlreiche weitere Länder vergebenen Lizenzausgaben wurden jeweils angepasst und um Rezepte der dort bekannten Köche und Köchinnen ergänzt. Dies erfolgte auch bei der nun vorliegenden deutschen Ausgabe, das Buch „Suppen für Syrien“ ist allerdings für den deutschen Buchmarkt nicht nur angepasst, sondern vollkommen neu layoutet und wunderschön gestaltet worden. Initiiert wurde die deutsche Ausgabe von Rafik Schami, der sich als gebürtiger Syrer schon lange mit der von ihm gegründeten Hilfsorganisation Schams e.V. für Kinder in Syrien einsetzt; ein kleiner, aber feiner Verein, bei dem man sich sicher sein kann, dass die Hilfe vor Ort auch ankommt und nicht in irgendwelchen Organisationsstrukturen versickert.

Eine weitere, sehr beeindruckende Besonderheit der deutschen Ausgabe: Der DuMont-Verlag verzichtet komplett auf Verkaufsgewinne, Gestalterin, Lektorin, Photographin verzichten auf ihre Honorare, Verlagsvertreter auf ihre Provisionen: Die Erlöse fließen zu hundert Prozent an Schams e.V. Rafik Schami hatte Tränen der Rührung in den Augen, als er dies bei der Buchpremiere, die ich in Köln erleben durfte, verkündet hat. Und auch die Erlöse der Premiere, ausgerichtet von der Buchhandlung Olitzky, wurden gespendet. Ganz nebenbei: Diese Buchhandlung ist einer dieser Orte, wo man Bücher zu findet, von denen man vor Betreten des kleinen Buchladens noch gar nicht wusste, dass man sie unbedingt brauchen wird.

Dort habe ich auch „Suppen für Syrien“ gekauft – und gleich ausprobiert. Es ist eine wunderbar zusammengestellte Rezeptsammlung mit achtzig Suppen aus aller Welt. Darin finden sich etwa eine Artischocken-Suppe von Alexis Couquelet, eine persische Bohnensuppe von Greg Malouf, eine Berliner Erbsensuppe von Elisabeth Raether, eine karibische Fischsuppe von Wendy Rahamut, eine griechische Osterlamm-Suppe von Aglaia Kremezi, ein marokkanischer Kalbseintopf von Christian Rach, ein Gondi von Yotam Ottolenghi und Sami Tamimi, eine Karotten-Ingwer-Suppe von Zeina El Zein Maktabi, eine Rote-Linsensuppe aus Aleppo von Aziz Hallaj, eine Pastinaken-Brennessel-Suppe von Sarah Wiener, und, und, und. Fenchel, Avocados, Spargel, Lauch, Maronen, Rote Beete, Steckrüben, Süßkartoffeln – alleine beim Anschauen der Bilder läuft einem schon das Wasser im Mund zusammen.

Suppen sind ein Symbol. Ein Symbol für Gastfreundschaft, für gemeinsames Essen; mit Suppen lässt sich auch mit einfachen Mitteln eine größere Menge Menschen bewirten, Suppen machen satt und zufrieden. Oder wie Rafik Schami im Vorwort schreibt: „Eine Suppe tröstet.“

Bei der schon erwähnten Buchpremiere ging es nicht nicht um einzelne Rezepte – auch wenn in der Pause zwei Suppen aus dem Kochbuch gereicht wurden. Es ging um Syrien und seine Menschen. Rafik Schami sprach über eine verschwundene Welt, über seine Kindheit in Damaskus; „Damaskus ist ein Fundbüro der Kulturen, in 12.000 Jahren kamen und gingen 37 Völker“. Er schilderte sein Viertel, in dem christliche, muslimische und jüdische Kinder zusammen spielten und es niemanden interessierte, zu welcher Glaubensrichtung seine Freunde gehörten. Schami ist ein begnadeter Geschichtenerzähler und was er beschrieb, klang wie das Ideal des menschlichen Zusammenlebens. Und wir können nur hoffen, dass es irgendwann wieder so sein wird. Nicht nur in Syrien.

Jetzt erleben die Menschen dort seit Jahren Barbarei von allen Seiten, müssen mitansehen, wie ihre Kinder, Eltern, Freunde sterben; wie ihre Heimat in Schutt und Asche gebombt wird. Unsere Politiker schauen dabei zu: Anstatt Haltung zu zeigen, versucht sich die EU aus allem herauszuhalten, aber „Schweigen ist nicht weise, sondern feige“.

Ortswechsel: Nur einen Tag nach der Buchpremiere von „Suppen für Syrien“ hat der Schriftsteller Matias Énard auf der Leipziger Buchmesse den Leipziger Preis zur Europäischen Verständigung erhalten. Sein damit ausgezeichneter Roman „Kompass“ ist eine hymnische Würdigung der west-östlichen Beziehungen, der über die Epochen hinweg existierenden Verbindungen zwischen Abend- und Morgenland. Warum ich das erwähne? In seiner Dankesrede waren einige Sätze enthalten, mit denen ich diesen Beitrag beenden möchte, weil sie – leider – so viel Wahres enthalten.

„Wir vergessen, dass Europa, die Königstochter, an den südöstlichen Ufern des Mittelmeers geboren wurde. Dass der Mittelmeerraum, der kulturelle und sprachliche Raum, den seine Ufer bilden, ein äußerst lebendiger und wichtiger Teil unserer Geschichte ist, und dass Europa, wenn es diesen Teil vergisst und sich eine ausschließende Identität schafft, wie man sich in einen Mantel der Einbildung hüllt, sich selbst zu einer Art Einsamkeit verdammt. Eine Festung wider Willen. […]

Heute zerstören die Verheerungen des Krieges die Ufer der Königstochter – Syrien steht in Flammen. Wir haben Syrien aufgegeben, es wie einst den Libanon oder Bosnien der Zerstörung und dem Schmerz überlassen. Die Europäer sind oft traurige Zuschauer. Sie sollten trotzdem nicht vergessen, dass jenes Europa, das sich den Namen der geraubten Orientalin angeeignet hat, ursprünglich der Errichtung des Friedens diente, und dass Frieden Mut und Überzeugung verlangt. Lernen wir denn nie etwas aus den Massakern? Niemals? Ziehen wir keine Konsequenzen aus der Zerstörung dieses Landes, aus den Hunderttausenden von Toten, den Millionen von Flüchtlingen? Können wir den Frieden nur auf einem so begrenzten Geviert sichern, dass er weder die Ukraine, noch die Türkei, den Sudan oder Mali einschließt? Können wir nicht anders für Sicherheit sorgen als durch Vorherrschaft und Imperialismus?“

Zu Beginn hatte ich ja angekündigt, Werbung für dieses Buch machen zu wollen. Deshalb schließe ich mit der Bitte: Kauft „Suppen für Syrien“! Es mag nur ein winziger Tropfen auf dem heißen Stein sein, in diesem Fall auf die verbrannten, geschundenen Steine, die einst blühende Städte waren. Aber viele Tropfen bringen Linderung, zumindest ein kleines bisschen.

Im letzten Teil des Buches gibt es eine beeindruckende Bilderstrecke der photographierenden Herausgeberin mit Portraitphotos von Menschen aus dem Flüchtlingslager, in dem die Hilfskampagne „Suppen für Syrien“ ihren Anfang nahm.

Buchinformation
Barbara Abdeni Massaad (Hrsg.), Suppen für Syrien
Mit einem Vorwort von Rafik Schami
DuMont Verlag
ISBN 978-3-8321-9925-8
Das Buch kostet 34 Euro für einen guten Zweck.
Überall im Buchhandel erhältlich.

Schams e.V.
Verein zur Förderung und Unterstützung von syrischen Kindern und Jugendlichen
schams.org

7 Kommentare

  1. Danke fürs nochmal „Aufmerksam machen“. Eigentlich hatte ich das Buch schon im Blick, aber dann war es auch schon wieder im Alltag vergessen …

    Ich denke, dass ich dann in der nächsten Woche einmal im Olitzky vorbeischaue …

  2. Heute habe ich das Buch in „meiner“ Buchhandlung bestellt. Daraufhin hat sich die Buchhändlerin entschlossen, das Buch gleich mehrmals zu bestellen, weil sie es selbst an ihre Freunde verschenken möchte.

  3. Pingback: Eine warme Suppe hilft immer. | Klappentexterin

  4. Ich vermeide auf meinem Blog auch alles, was irgendwie nach Marketing aussehen könnte, habe aber vor einiger Zeit ebenfalls eine Ausnahme gemacht: Der frühere syrische Fernsehkoch Fadi Alauwad, der mittlerweile mit seiner Familie in Aachen lebt, hat mit der Unterstützung eines professionellen, aber ehrenamtlich arbeitenden Teams Kochbuch „Fadi kocht syrisch“ verfasst, dessen Erlös den in Syrien lebenden notleidenden Kindern zugutekommt. Es ging weg wie warme Semmeln und musste nachgedruckt werden. Normalerweise verkneife ich es mir, in Kommentaren meine Bloglinks unterzubringen, aber der gute Zweck heiligt diesmal die Mittel: Informationen zu diesem Buch gibt es unter http://inasbuecherkiste.blogspot.de/2015/11/24-ein-herzensprojekt.html .
    LG, Ina

  5. Auch ich lasse mich von Deiner „hemmungslos offensichtlichen“ Werbung sehr, sehr gerne zu diesem Buch „überreden“. Suppen finde ich sowieso ganz wunderbar. Vor allem im Winter finde ich ja, wenn es draußen so ungemütlich kalt ist, eine Suppe ganz toll. Da kann ein Suppenbuch ja immer wieder eine gute Inspirationsquelle sein. Und wenn es dann noch so entstanden ist, wie Du beschreibst, dann umso besser.
    Viele Grüße, Claudia

  6. Ist gekauft – ohne Scherz. Danke für den Anstupser … hatte es schon im Auge, ich durfte Rafik Schami einmal persönlich kennen lernen, als ich noch für meinen fränkischen Lieblingsverlag gearbeitet habe und er ist ein außerordentlich sympathischer, feiner Mensch. Das Buch wird sicherlich nicht nur einmal gekauft, denn Suppen trösten wirklich und die Aktion des Dumont Verlages jegliche Unterstützung wert, denn viele Tropfen ergeben letztendlich einen Ozean.
    LG, Bri

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: