Ein Textbaustein* des Herrn B.

Brecht, Herr Keuner„Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‚Sie haben sich gar nicht verändert.‘ ‚Oh!‘ sagte Herr K. und erbleichte.“

Dieser kurze Text begleitet mich nun schon ein halbes Leben und ich weiß leider nicht mehr, wo und wann ich ihn das erste Mal gelesen habe. Eigentlich bin ich mit dem Werk von Bertolt Brecht nie ganz warm geworden, es war mir immer zu zäh, die sozialrevolutionären Aussagen passten irgendwie nicht so richtig zu jemanden, der seine Fingernägel absichtlich schmutzig hielt, um wie ein Arbeiter zu erscheinen. Wobei die Beschäftigung mit der Person Brechts sehr faszinierend ist, ein Mann, der mit seinen Stücken dramaturgische Maßstäbe setzte und nach einem Leben voller Anfeindungen und Verfolgung zum Schluss nirgends mehr richtig zu Hause war. Vielleicht lag es aber auch nur an den vielen unglaublich langweiligen Wochen, in denen wir zu Schulzeiten „Mutter Courage“ auseinandernehmen mussten – ein Beispiel, wie Schulunterricht die Freude an Literatur zerstören kann.

Wie dem auch sei, diese Geschichte vom Herrn Keuner, Herrn K., habe ich irgendwann gefunden und sie ist mir seitdem nie wieder aus dem Kopf gegangen. Wahrscheinlich, weil das Thema Veränderung mir schon immer sehr wichtig war und ist. Veränderung bedeutet Leben, Stillstand hält das Leben an. Es ist auch das schön Doppeldeutige der Sätze, das mir gefällt. Sie haben sich gar nicht verändert“ ist auf Äußerlichkeiten bezogen ab einem gewissen Alter ja ein nett gemeintes Kompliment. Ab einem Alter, in dem die Haare nicht mehr so dicht sind wie früher, die zusätzlichen Kilos nach Weihnachten sich nicht mehr durch einen ausgedehnten Spaziergang beseitigen lassen und ein langer Abend eine lange Rekonvaleszenz-Zeit nach sich zieht. Dies alles kommt schleichend, aber sicher. Da hört man es ja vielleicht ganz gerne, dieses „Sie haben sich gar nicht verändert.“

Aber Herr K. hört eben noch etwas anderes. Er hört den Stillstand. Und dieser bedroht jeden von uns. Man kann ab und zu den Job wechseln, die Stadt dazu und diesen Stillstand dadurch hinauszögern. Aber der eigentliche Stillstand, der findet im Kopf statt, es ist die Bequemlichkeit des Denkens in immer gleichen Schemata, die Wiederholung der immer gleichen Denkabläufe ohne Offenheit dafür, was das Leben noch so zu bieten hat, welche anderen Gedanken außer den eigenen auch erwägenswert sein mögen. In unserer Zeit ist es leicht dafür Beispiele zu finden, wir leben in einer Epoche technischer und gesellschaftlicher Umbrüche, die unser gesamtes Leben verändert haben und weiter verändern werden. Nur um die Dimension zu erfassen: Als 1969 Geborener habe ich als Kind noch die letzten Dampflokomotiven gesehen, die die Deutsche Bahn bis 1977 im Einsatz hatte. Ich kann mich an Schrankenwärterhäuschen erinnern, die besetzt waren, Telefonieren war richtig teuer und der Schwarzweiß-Fernseher hatte drei Programme. 45 Jahre später ist die Welt eine vollständig andere geworden, sie hat sich so radikal verändert, wie in allen Jahrhunderten zuvor nicht. Und es ist kein Ende abzusehen.

Es ist einfach zu sagen, „diese ganze Internet-Geschichte interessiert mich nicht so“ und diesen Satz höre ich regelmäßig von Gleichaltrigen, die keine Ahnung davon haben, was ihre Kinder in diesem Internet machen. Und es bedeutet auch, den Kopf vor der Realität in den Sand zu stecken und sich im geistigen Stillstand auszuruhen. Das heißt ja nicht, dass man jedem Trend hinterherlaufen muss, eine gesunde Skepsis ist wichtiger denn je, wie der Roman „Der Circle“ so schön zeigt. Aber eine Offenheit gegenüber der Zeit in der wir leben bedeutet eine Offenheit gegenüber der Welt, erweitert den eigenen Horizont. So kann man durchaus die Entwicklung der E-Books mit großem Interesse verfolgen und trotzdem leidenschaftlich gern gedruckte Bücher lesen. Oder die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation nutzen, um das herrlich analoge Medium Buch ins rechte Bild zu setzen, wie ich das mit diesem Blog anstrebe.

Offenheit für Veränderungen verhindert den Stillstand. Damit wir nicht eines Tages erschrocken erbleichen. Und vielleicht sollte ich es doch noch einmal mit Brechts Werken versuchen, möglicherweise gefallen sie mir ja heute besser.
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* In vielen Büchern habe ich Stellen angestrichen, die mir im Gedächtnis haften geblieben sind und die ich immer wieder lese. Solche Stellen begleiten mich seit Jahren, es sind die Textbausteine meiner Bücherwelt.

Buchinformation
Bertolt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-45846-4

12 Kommentare

  1. Schoen, das alles zu lesen! Ich bin bis zum Abitur per Dampflok in die Schule gefahren, habe auf dem Waehlscheibentelefon ausgiebig telefoniert und es war wahnsinnig billig – bei Ortsgespraechen. Wir hatten das einzige Telefon in der Strassee, ergo: Wir waren staendig unterwegs, um Nachbarn ans Telefon zu rufen. Oder das Telefon war von diesen“belegt“.Voller Entzuecken durften wir bei Opa Peter das erste Programm anschauen. Es war das Erste – und das Einzige. Lange Jahre… Und Bücher lesen war Alltag. Damals und heute. Ich bin viel im Netz unterwegs. Aber was ich in der Hand halte und lese haftet. Bei Netzlektuere weiß ich anschliessend meist, dass ich es gelesen habe, aber was stand nochmal gleich drin? Wieso? Keine Ahnung! Aber:“Isso!“

  2. Lieber Uwe, da bin ich schon wieder. Diese Geschichte erinnert mich an meine Kindheit. Ich sitze mit meinem Vater bei meinem Lieblingslehrer und er erzählt mir diese kurze Episode von Herrn K., weil ich mich darüber beschwert habe, dass eine andere Schülerin ihm immer nach dem Mund redet;) Das habe ich nie vergessen. Danke für die Erinnerung.

  3. Ich weiß noch genau, wann ich diesen Satz zum ersten Mal hörte: In der Schule las mein damaliger Rektor und Deutschlehrer Geschichten vom Herrn Keuner vorlas. Der Satz verließ mich nie.
    Ich liebe Brecht, finde ihn gar nicht trocken. Lesen Sie mal die Liebesgedichte
    Die Kraniche – herrlich

    Oder auch „Der Zweifler“

  4. Ich erstarre, wenn jemand meint, ich habe mich nicht verändert. Aber nicht, weil der Satz auf meinen Stillstand hindeuten würde (ich weiß, daß ich mich verändere), sondern auf das vorschnelle Urteilen der Menschen, ihre gedankenlosen Floskeln und mangelnde Tiefe.

    Bei dieser Gelegenheit – ich mag Deine Beiträge sehr!

    Herzliche Grüße,
    Madame Filigran

  5. Wunderbar die Reflektionen über Herrn K, über Veränderungen bis hin zu einer sich ständig weiterdrehenden Welt. Neulich sah ich in einem Volkskundemuseum eine Ausstellung über verschwundene Dinge – und stellte dabei einmal mehr fest, wie schnell Dinge inzwischen verschwinden. Ich, Jahrgang 66, kenne noch das Wählscheibentelefon, die Floppy-Disk, und auch die Dampflok, die jetzt als historische schwäbische Eisenbahn tuckern darf, aber auch Traditionen wie der offene Leichenwagen, den man heute nicht mehr sehen will. Und aus der eigenen Schulzeit ebenso die Qual mit der Mutter Courage, die mir den Brecht jedoch nicht verleiden konnte. Deinen letzten Satz könnte ich für meinen Blog übernehmen: Das Digitale nutzen, um für das gute, alte Buch und das Lesen zu werben.
    Zu den Keuner-Geschichten: Das Comic habe ich mir – zusätzlich zur TB-Ausgabe und den Editionen, die hier Augsburger Grafikstudenten herausgeben – gekauft. Und bin ganz angetan. Brecht jedenfalls kommt hoffentlich nicht so schnell aus der Mode…Viele Grüße Birgit.

    • Schön ist auch, wie ratlos Kinder vor einer alten Schreibmaschine stehen. Es gibt ja den wunderbaren Satz „Papa, wie sind die Menschen eigenlich ins Internet gekommen, bevor es Computer gab?“, der perfekt illustriert, dass das Internet Teil unserer Realität ist und nicht nur etwas, das man ein- und ausschalten kann.
      Mit dem Comicband von Herrn Keuner liebäugele ich noch. Mal sehen.

      • Schoen, das alles zu lesen! Ich bin bis zum Abitur per Dampflok in die Schule gefahren, habe auf dem Waehlscheibentelefon ausgiebig telefoniert und es war wahnsinnig billig – bei Ortsgespraechen. Wir hatten das einzige Telefon in der Strassee, ergo: Wir waren staendig unterwegs, um Nachbarn ans Telefon zu rufen. Oder das Telefon war von diesen“belegt“.Voller Entzuecken durften wir bei Opa Peter das erste Programm anschauen. Es war das Erste – und das Einzige. Lange Jahre… Und Bücher lesen war Alltag. Damals und heute. Ich bin viel im Netz unterwegs. Aber was ich in der Hand halte und lese haftet. Bei Netzlektuere weiß ich anschliessend meist, dass ich es gelesen habe, aber was stand nochmal gleich drin? Wieso? Keine Ahnung! Aber:“Isso!“

  6. Schön! Du bist nun schon der Zweite, bei dem ich über Herrn K. lese – ich kenne nur einige Geschichten, habe aber kein Buch dazu – vielleicht liegt er gerade in der Luft und ich sollte auch mal?

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