Im Dunkeln

Andreas Pflüger: Endgueltig

Um gleich einmal mit der Tür in Haus zu fallen: „Endgültig“ von Andreas Pflüger ist einer der besten deutschen Kriminalromane, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Punkt.

Wer es etwas ausführlicher mag: Es liegt nicht nur an dem spannenden und vor allem temporeichen Plot, dem man mit seiner gekonnten Verdichtung die jahrelange Erfahrung des Schriftstellers als Drehbuchautor anmerkt. Es ist vor allem die Protagonistin Jenny Aaron, Mitglied einer Eliteeinheit der Polizei,  die mich stark beeindruckt hat. Andreas Pflüger hat mit ihr eine starke Figur geschaffen, hart im Nehmen und gleichzeitig am Rande der Verzweiflung stehend. Denn sie ist blind. Oder vielmehr, sie wird es bei einem fehlgeschlagenen Einsatz, mit dem der Roman beginnt.

Plötzlich blind zu werden ist wohl für jeden sehenden Menschen eine schreckliche Vorstellung. Der Autor hat sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt, sich mit vier blinden Frauen getroffen, alle beruflich erfolgreich und mitten im Leben stehend. Er lernte vieles von einem Mobilitätstrainer für Blinde und die fachliche Beratung eines führenden Psychologen, der sich mit der Lebenswelt blinder Menschen auseinandersetzt, gab dem Buch den Feinschliff. Diese intensive Beschäftigung merkt man dem Roman und seiner Protagonistin an. Wie Jenny Aaron nach dem Verlust ihres Augenlichts in tiefe Verzweiflung stürzt, wie sie sich Schritt für Schritt daraus emporkämpft, wie sie lernt, mit der Blindheit umzugehen, sich in Räumen und auf der Straße zurechtzufinden, mit ihrem Gehör und ihrem Gedächtnis die fehlende visuelle Wahrnehmung zu ersetzen – das alles ist ungemein mitfühlend erzählt.

„Immer stand die Tür zur Bibliothek ihres perfekten Gedächtnisses ihr offen. Bilder, Momente, Gedanken, Gefühle, alles und jedes an seinem Platz. Viele Stunden hat Aaron dort verbracht. Manchmal war sie fast glücklich, oft traurig. Aber es war ihr Leben, und sie konnte es betrachten. Eines Morgens wachte sie auf, und in der Bibliothek war ein Feuer ausgebrochen. Seitdem muss sie hilflos zusehen, wie es nach und nach alle Bilder frisst, alle Erinnerungen an die Zeit vor ihrer Erblindung, jede Empfindung, die sie jemals hatte, jeden Moment, der kostbar war, und nur noch die Fakten wie in einem Polizeiprotokoll übrig lässt…Bald konnte sie sich keine Farben mehr vorstellen, bis auf Rot.“

Mit am meisten beeindruckt hat mich die Szene, wie sie versucht, jemanden zu folgen und deshalb die Leipziger Straße in Berlin überqueren muss. Vierspurig. Und eine der Hauptverkehrsachsen in Berlin-Mitte. Seitdem stelle ich mir vor, mit geschlossenen Augen über eine vierspurige Straße zu laufen und bekomme ein unangenehmes Kribbeln bei diesem Gedanken.

An dieser Stelle ist Jenny Aaron auch schon mitten in einem neuen Fall. Denn war sie urspünglich als blinde Vernehmungsspezialistin nach jahrelanger Abwesenheit wieder zu ihrem alten Team in Berlin gestoßen, merkt sie bald, dass die Vorkommnisse mit denen sie sich beschäftigen müssen – Mord, Erpressung, Geiselnahme – mit ihr zu tun haben. Und zurückzuführen sind auf Ereignisse, die sie versucht hat zu vergessen, die mit dem damaligen gescheiteren Einsatz und ihrer Erblindung zu tun haben. Und mit einer Erinnerung, die ihr seitdem fehlt.

Was dann folgt, ist ein wahres Katz-und-Maus-Spiel, der Gangster – hochintelligent, gebildet und absolut skrupellos – scheint immer einen Schritt voraus zu sein. Jenny Aaron und ihr Team hetzen hinterher, eine eingeschworene Gemeinschaft, ihre ausnahmslos männlichen Kollegen vergöttern sie beinahe; Pavlik, ihr Kollege und großer Bruder im Geiste, würde sich für sie in Stücke reißen lassen. Wir erleben wilde Verfolgungsjagden durch Berlin, rasant und voller Action, aber letztendlich muss Aaron ihren eigenen Weg gehen, ohne Team, ohne Freunde; muss sich sich durch die Stadt tasten, horchen und riechen. Denn nur sie kann dem Verbrecher geben, was er sucht. Und etwas von ihm bekommen, was sie vermisst. Mit dem irgendwann alles einen Sinn ergibt.

Thrill bedeutet im Englischen Nervenkitzel. Und wenn ein Roman eine solche Bezeichnung verdient hat, dann dieser. Als kleines Detail nebenbei: Es ist das erste Buch aus dem Suhrkamp Verlag, bei dem das Wort Thriller auf den Umschlag gedruckt ist. Dazu gibt es eine gelungene Gestaltung: Der Titel ist in Brailleschrift auf dem Cover, der Buchblock ist in gelb eingefärbt, in der Blindenbinden-Farbe. Denn „Endgültig“ ist nicht nur ein gelungener Thriller, sondern ein Roman, der einem gleichzeitig das Denken und Fühlen einer Blinden, einer Blindgewordenen auf eine ungemein emotionale, authentische Art und Weise näherbringt. Und das macht diesen Krimi zu etwas Besonderem.

Es ist jetzt schon einige Monate her, seit ich das Buch gelesen habe, aber es hat mich nachhaltig beeindruckt. Als ich es für diese Buchvorstellung wieder in der Hand hielt, war sofort alles wieder da: Die ewige Dunkelheit einer Blinden, aber auch die unzähligen Geräusche und Eindrücke, an denen Sehende achtlos vorüber gehen. Die Spannung. Und die Tragik, denn die gibt es auch.

Ich glaube, ich werde es noch einmal lesen.

Buchinformation
Andreas Pflüger, Endgültig
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42521-3 

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8 Kommentare

  1. Hallo Uwe,

    ich liebe Thriller – allerdings müssen sie gut konzipiert und dürfen nicht übermäßig brutal sein.

    Deine sehr ansprechende Rezension hat mich neugierig gemacht. Die Geschichte klingt sehr spannend und außergewöhnlich. Ich werde mir das Buch jetzt zum Geburtstag schenken lassen und bin gespannt.

    Viele Grüße

    Rosa

  2. Ein Buch, welches mich auch absolut begeistert hat.

    Meine einleitenden Worte in meine Meinung damals?

    „Wow!
    Das war das erste, was ich dachte, als ich den Klappentext las.
    Das war das immer Wiederkehrende, was ich dachte, als ich die Story las.
    Das war das letzte, was ich dachte, als ich das Buch beendet hatte.“

    Im Gegensatz zu dir lese ich aber meist nie ein Buch zweimal – ich habe Angst, dass der Zauber dann verfliegt oder ich einfach nicht in der Stimmung bin..

  3. Eine wunderschöne Rezension zu einem großartigen Buch. Endgültig werde ich sicher ebenso ein zweites Mal lesen und ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung. Ich kann Operation Rubikon, das Debüt von Andreas Pflüger auch sehr empfehlen.

    Viele Grüße

    Anja von Nisnis Bücherliebe

  4. Ich lese gern Krimis, aber sehr selektiv, weil es so viel Massenware gibt. Dieser allerdings scheint ein Volltreffer zu sein. Habe ihn angelesen, werde ihn herunterladen. Danke für den guten Tipp!

  5. Vielen Dank für die feinen Worte, freue mich sehr! Im Oktober kommt die Fortsetzung. Ist mir ein Vergnügen.

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