Die Macht des Zinseszins

Eschbach, Eine Billion DollarUm das Buch „Eine Billion Dollar“ von Andreas Eschbach bin ich jahrelang herumgeschlichen. Aus irgendeinem Grund konnte ich mich nicht dazu entschließen, es zu kaufen. Vielleicht hat mir der Umschlag nicht gefallen? Ich weiß es nicht mehr. An der Geschichte jedenfalls kann es nicht gelegen haben: Eine Zeit lang habe ich das das Buch, wann immer ich es in einer Buchhandlung sah, aus dem Regal genommen und die ersten Seiten gelesen. Einfach nur, weil mir der Anfang so gut gefallen hat. Dann habe ich es irgendwann endlich käuflich erworben und bin seitdem völlig begeistert davon.

Die Story des Buches ist ein Geniestreich: Man stelle sich eine Bankiersfamilie im Florenz der Renaissance vor. Sie haben eine Vision, wie sie mit ihrem Geld und der Macht des Zinseszins die Welt zu einem besseren Ort machen können. Es wird verfügt, dass das gesamte Familienvermögen angelegt wird und nach 500 Jahren soll der zu diesem Zeitpunkt letzte Nachfahre der Familie alles erben. Eine Anwaltsfamilie betreut die Konten von Generation zu Generation und die Nachfahren dieser Familie sind es dann auch, die den Erben ausfindig machen. Es ist John Salvatore Fontanelli, ein Pizza-Ausfahrer in New York, der von der Hand in Mund lebt und plötzlich der reichste Mensch ist, der jemals gelebt hat: Er erbt eine Billion Dollar. Die Anfangsszene ist grandios: Darin versuchen die Anwälte, John langsam und vorsichtig zu eröffnen, dass sich sein Leben ab sofort grundlegend ändern wird. Genau diese Szene habe ich immer wieder gelesen, wenn ich das Buch in einer Buchhandlung gesehen habe – sie ist großes Lesevergnügen.

Tja, und was macht man nun mit all dem vielen Geld? Das Testament verfügt, dass der Erbe der Menschheit die verlorene Zukunft zurückgeben soll. Nur wie soll das gehen? John ist völlig überfordert und gerät dabei an einen fanatischen Weltverbesserer, der von dem Testament gehört hat und nun glaubt, seine Stunde sei gekommen. Er wird Johns Berater und die Geschichte nimmt rasant Fahrt auf. Ein Firmenimperium wird zusammengekauft, eine Anhäufung wirtschaftlicher Macht. Aber kann mit kapitalistischer Stärke tatsächlich die Situation der Menschen auf dieser Welt zum Besseren gewendet werden? John verliert zunehmend den Überblick über sein Imperium, bei einem Urlaub in der Inselwelt der Philippinen wird ihm drastisch vor Augen geführt, was sein Geld anrichtet: Dynamitfischer verwüsten Korallenriffe und verletzen sich dabei oftmals schwer, um mehr Fische zu fangen, um mehr Geld zu verdienen, um ihre Schulden bei der Bank zurückzubezahlen, die viel zu hohe Zinsen nimmt, um wiederum die Zinsen für die bei ihr angelegten Gelder aufzubringen. Eine Billion ist so unvorstellbar viel Geld, das es auf unzähligen Konnten auf der ganzen Welt angelegt ist – natürlich auf auf den Philippinen. Alles hängt miteinander zusammen. Und so erkennt er immer deutlicher, dass sein Geld die Welt nicht besser machen kann. Es ist die alte Geschichte vom Narren, der Gutes tun möchte und dabei das Gegenteil erreicht. Er versucht, das Ruder herumzureißen und … aber mehr möchte ich jetzt nicht verraten.

Der Leser wird mitgenommen in die Welt des Brutal-Kapitalismus und in die Tiefen volkswirtschaftlicher und zinsmathematischer Zusammenhänge, ohne dass eine Minute Langeweile entsteht. Das Buch ist eindrucksvoll recherchiert, viele Details veranschaulichen die Dimension der unglaublichen Summe, um die es geht. Und der Leser erfährt, dass Geld zwar die Welt regiert, aber nicht glücklich macht.

Wobei so ein Lottogewinn schon nicht schlecht wäre…

Buchinformation
Andreas Eschbach, Eine Billion Dollar
Bastei Lübbe
ISBN 978-3-404-15040-3

7 Kommentare

  1. Ich muss schmunzeln, nun rate mal, welcher Roman seit Jahren ungelesen in meinem Regal steht?! Ja genau, dieses Buch. Irgendwas muss sich meine Patentante sicherlich dabei gedacht haben, mir es zu schenken. Und da sie meinen Lesegeschmack eigentlich sehr gut kennt, sollte es auch mir gefallen. Was auch immer mich bisher davon abgehalten hat, es zu lesen, sollte verbannt werden. Es führt nun kein Weg mehr dran vorbei. =)

  2. „Es ist die alte Geschichte vom Narren, der Gutes tun möchte und dabei das Gegenteil erreicht. Er versucht, das Ruder herumzureißen und …“

    Ich habe das Buch vor einigen Jahren gelesen und habe noch in Erinnerung, wie spannend die Erzählung war, dass aus wenig Geld so unglaublich viel Geld wurde. Das Ende ist vielleicht ein wenig naiv, aber das ist ja Ansichtssache.

    Wer sich für die Wechselwirkungen von Gesellschaft, Geld, Status und Religion interessiert, dem kann ich „Kapital“ von John Lanchester (Klett-Cotta) sehr empfehlen. Es zieht seinen Leser ganz tief in die Geschichte, die bei genauer Betrachtung unglaublich traurig und lustig zugleich ist.

  3. Die Idee hört sich witzig an und ich kann mir die Geschichte sehr spannend und unterhaltsam vorstellen. Ich selber bin ja nicht so der Bücherfreak, aber vielleicht werde ich es ja durch diesen Blog, zu dem ich Dich eigentlich hauptsächlich beglückwünschen wollte.

    Bis dann

  4. Also bei dem Cover hab ich gleich gedacht – super gemacht, Augenfang sozusagen. Auch die Story klingt richtig gut – ich muss zugeben, dass ich von Eschbach noch nicht ein einziges Buch gelesen habe, obwohl mich seine Themen durchaus sehr interessieren.
    Was nicht ist, kann ja noch werden 😉
    Herzlich gedankt für die Besprechung.

    • Die Eschbach-Bücher sind eigentlich immer gut recherchiert und vor allem gut umgesetzt. „Eine Billion Dollar“ und „Ausgebrannt“ sind meine Highlights von ihm. Gut gemachte und anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur!

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