Sprachlos bergauf

Raffaella Romagnolo: Wir gehen mal los

Es ist nicht immer ganz einfach: Bespricht man einen Roman, möchte man neugierig auf das Buch machen, möchte Interesse für die Figuren und die Handlung wecken und gleichzeitig natürlich nicht zu viel vom Inhalt verraten. Nichts über unvorhergesehene Wendungen schreiben oder über überraschende Entwicklungen – sonst wäre der Reiz für diejenigen, die das Buch noch vor sich haben, schnell dahin. In den frühen Jahren dieses Blogs bin ich bei der ein oder anderen Rezension vor lauter Begeisterung etwas über das Ziel hinausgeschossen. Daher habe ich mir irgendwann angewöhnt, möglichst nicht viel mehr vom Inhalt preiszugeben, als im Klappentext steht. Beim Roman »Wir gehen mal los« von Raffaella Romagnolo war ich von jenem Klappentext allerdings etwas irritiert, denn die paar Sätze auf dem Buchumschlag verraten bereits die gesamte Konstellation der Geschichte.

Aber als ich das Buch dann gelesen habe, wurde mir klar, dass dies in diesem Fall gar nicht wichtig ist – denn auch wenn man weiß, was geschehen wird, entwickeln die Handlung und die wunderbare Sprache einen ganz eigenen Sog. Vielleicht auch, weil man es weiß. 

Daher gibt es zur ersten Orientierung hier ausnahmsweise einen zitierten Klappentext.

»Eines ist klar für Amedeo: Sein Vater ist ein Idiot. Wie sonst käme er auf die Idee, ihn zu einer Zweitageswanderung zu zwingen. Seit dem Tod seiner Mutter geht Amedeo nicht mehr zur Schule. Der besorgte Vater sucht einen Zugang zu seinem verschlossenen Sohn und glaubt, eine Wanderung könnte helfen. Was für den Vater ein Vergnügen, ist für den Sohn die reine Qual. Die Fragen des Vaters blockt Amadeo ab – bis dieser in eine Gerölllawine gerät und sich verletzt. Nun ist es an Amedeo, Hilfe zu finden und Verantwortung zu übernehmen. Eine herzerwärmende Vater-Sohn-Geschichte und ein Roman über Vertrauen und Mut.«

Soweit also der Verlagstext, der die Handlung bereits komplett absteckt. Bergtour, Annäherung zwischen Vater und Sohn: Eine Geschichte, die auf den ersten Blick nicht außergewöhnlich klingt. Aber wirklich nur auf den ersten Blick. Denn was die Autorin daraus gemacht hat, ist ein ganz besonderes Leseerlebnis. 

Feinfühlig beschreibt sie das Innenleben eines pubertierenden Jungen, der seine Mutter verloren hat. Und der zwischen Trauer und Erinnerungen, den Anforderungen der Schule, dem Verantwortungsgefühl gegenüber seinem kleinen Bruder und der aufkeimenden ersten Liebe innerlich fast zu zerbrechen scheint. Sie beschreibt ebenso empathisch die Gedanken des Vaters, der versucht, durch stures Festklammern an der Routine des Alltags nicht am Leben zu verzweifeln und der nicht mehr weiß, wie er für seinen Sohn Amedeo da sein soll. »Regeln, sonst nichts. Sich keine Fragen stellen«.

Die Familie lebt in Mailand, bei gutem Wetter sind die Alpen in Sichtweite. Daher beschließt er, mit Amedeo zu einer Wanderung aufzubrechen, die die beiden auf den Gipfel des (fiktiven) Berges Punta Liberté führen soll. Eine hochalpine Tour, zwei Tage Fußmarsch bis auf 3.453 Meter Höhe – so, wie es sein Vater mit ihm vor vielen Jahren gemacht hat.

Raffaella Romagnolo erzählt einfühlsam von der Sprachlosigkeit zwischen den beiden, vom ersten Annähern zwischen Sohn und Vater, beide traumatisiert und tieftraurig, von den ersten Rissen in ihren Rüstungen, die das Leben fernhalten sollen, von der überwältigenden, aber auch bedrohlichen Natur, von Ausnahmesituationen und einem dramatischen Finale, bei dem es um Leben und Tod geht. Dazwischen finden sich immer wieder Rückblicke auf die Geschehnisse, durch die vor einem Jahr die Familie auseinandergerissen wurde, Erinnerungen an schöne Erlebnisse und besondere Stunden – das alles wunderbar zusammengefügt zu einer Geschichte, die uns zeigt, wie die Verzweiflung, wie die Angst, wie die Leere überwunden werden können: Indem man die Prüfungen akzeptiert, da es keine andere Wahl gibt. Und weiterläuft. In Richtung Hoffnung. 

Vater Giandomenico Ghisleri und Sohn Amedeo Ghisleri: Ganz nahe kommen wir den beiden; mit wenigen Worten verschafft uns die Autorin Zugang zu ihren Gedanken und den Gefühlen. Das ist brillant geschrieben – und brillant von Peter Klöss übersetzt. 

»Wir gehen mal los« ist ein kleines, feines Buch. Nein, ein mehr als feines Buch: Ein literarisches Juwel. 

Buchinformation
Raffaella Romagnolo, Wir gehen mal los
Aus dem Italienischen von Peter Klöss
Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07389-8

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Brief an den Vater

Necati Oeziri: Vatermal

Für die Überschrift dieses Blogbeitrags habe ich mir den Titel von Franz Kafkas »Brief an den Vater« geborgt; eines der bekanntesten Zeugnisse der Literaturgeschichte, in dem ein Autor mit der alles dominierenden Präsenz eines Familienpatriarchen abrechnet. Und auch wenn es vollkommen unterschiedliche Texte sind und nichts miteinander zu tun haben, finde ich den Titel auch hier passend. Denn Arda Kaya, der Protagonist des Romans »Vatermal« von Necati Öziri, schreibt ebenfalls an seinen Vater und prangert dessen Verhalten als verhängnisvoll für das Leben seiner Familie an. Zwar gibt es einen wichtigen Unterschied, denn Ardas Vater dominiert nicht mit seiner Präsenz, sondern hat mit seinem unvermittelten Weggang eine riesige Lücke gerissen. Doch gerade diese Leerstelle prägt das Leben von ihm, seiner Schwester Aylin und ihrer Mutter Ümran auf eine alles erdrückende Weise. 

Der Ich-Erzähler Arda liegt im Krankenhaus. Er ist jung, noch zu Beginn seines Studiums, aber es ist sehr ungewiss, ob er die Klinik lebend verlassen wird. Die Diagnose lautet Autoimmunhepatitis, sein eigenes Immunsystem greift die Organe an und niemand weiß, ob und wie dies zu stoppen ist. Ein junger Mensch, dessen Leben gerade gestartet war, steht bereits vor dem Ende. Und er nutzt dies, um alles aufzuschreiben, was er Metin, seinem Vater, gerne gesagt hätte. Seinem Vater, den er nie kennengelernt, der ihn durch seinen Weggang im Stich gelassen hat. Und gleich auf den ersten Seiten fällt ein starker, ein entscheidender Satz: »Ich möchte dir für immer die Möglichkeit nehmen, nicht zu wissen, wer ich war.«  „Brief an den Vater“ weiterlesen

Die Toten reisen schnell

Mariana Enriquez: Unser Teil der Nacht

An dieser Stelle sollte ein prägnanter erster Satz stehen. Einer, der es schafft, sofort neugierig auf ein Buch zu machen, das mich begeistert, fasziniert und so gepackt hat, wie es nicht oft vorkommt. Das ich rasend schnell gelesen habe, weil ich nicht anders konnte, die Sogwirkung war unbeschreiblich. Um es nur widerstrebend aus der Hand zu legen, da auch die längsten Leseabende irgendwann beendet werden mussten. Ein Buch, das mir ein paar Nächte lang unruhige und seltsame Träume beschert hat, nachdem die letzte Seite umgeblättert war. Das sich tief in mein Unterbewusstsein gegraben hat. Das jetzt beim Schreiben schweigend neben mir liegt und mich wieder hineinzieht in eine der ungewöhnlichsten, aber auch verstörendsten Geschichten, die ich jemals gelesen habe. Die Rede ist von dem großartigen, düsteren Roman »Unser Teil der Nacht« der argentinischen Autorin Mariana Enriquez. Das alles in einem einzigen prägnanten ersten Satz unterbringen? Es ging nicht. „Die Toten reisen schnell“ weiterlesen

Die Berge rufen

Paolo Cognetti: Acht Berge & Matteo Righetto: Das Fell des Bären

Die abweisende, schroffe, lebensfeindliche und wunderschöne Welt der italienischen Alpen ist der Hintergrund zweier bewegender Romane. Wobei die Formulierung »Hintergrund« nicht ganz stimmt: Sowohl in »Acht Berge« von Paolo Cognetti wie auch in »Das Fell des Bären« von Matteo Righetto ist sie der alles bestimmende Mittelpunkt der Handlung. Denn die Landschaft formt die Menschen, die in ihr leben. Immer. Und überall. Aber besonders dort, wo sie jederzeit tödlich sein kann. Und wenn Bücher so gut zusammenpassen wie diese beiden, stelle ich sie gerne gemeinsam vor; es sind zwei Romane von nahezu makelloser Schönheit, mit einer perfekt austarierten Mischung aus Aufbruch und Enttäuschung, Hoffnung und Trauer, Leben und Tod. „Die Berge rufen“ weiterlesen

Das Schreiben und der Zorn

Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller

Während momentan darüber diskutiert wird, ob und wie die Frankfurter Buchmesse 2020 in Zeiten von Corona stattfinden kann, denke ich an die Messe im letzten Herbst. Genauer gesagt, an ein Gespräch mit der Autorin Mareike Fallwickl, denn mit jenem Gespräch im Hinterkopf habe ich kürzlich ihr Buch »Das Licht ist hier viel heller« ein zweites Mal gelesen. Und wenn man weiß, dass der Plot ursprünglich anders geplant war, das Schreiben aber von der Realität überholt wurde, dann entfaltet das Buch eine andere Wirkung. Intensiver. Und wütender. „Das Schreiben und der Zorn“ weiterlesen

Wer ist ein Held?

Nickolas Butler: Die Herzen der Maenner

Vor ein paar Jahren hatte mich das Buch »Shotgun Lovesongs« von Nickolas Butler sehr begeistert. Umso gespannter war ich auf seinen nächsten Roman »Die Herzen der Männer« und als ich erfuhr, dass Butler dieses Buch im Literaturhaus Köln vorstellen würde, war klar, dass ich mir das auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Das ist inzwischen einige Monate her und dieser Text hätte schon längst geschrieben sein sollen, aber einen solch wunderbaren Abend mit einem sympathischen Autor vergisst man nicht.  „Wer ist ein Held?“ weiterlesen

Vaters Land

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern

Am plötzlichen und spurlosen Verschwinden seines Vaters droht ein Heranwachsender zu zerbrechen. Über zwanzig Jahre später macht er sich auf die Suche nach dem Verschwundenen, um sein zerrüttetes Leben in den Griff zu bekommen. So könnte man das Buch »Am Ende bleiben die Zedern« von Pierre Jarawan mit ein paar dürren Worten zusammenfassen. Doch das würde diesem Roman mit seiner poetischen Sprache und einer bewegenden und dramatischen Geschichte in keinster Weise gerecht werden. Ganz und gar nicht. „Vaters Land“ weiterlesen