So viele Bücher, so wenig Zeit

Einer meiner Lieblingsfilme ist »About Time – Alles eine Frage der Zeit«. Nicht nur, weil darin eine gelungene Mischung aus Charme, Humor und Tragik geboten wird. Und nicht nur wegen der wunderbaren Schauspieler wie etwa Bill Nighy, Rachel McAdams oder Domhnall Gleeson. Sondern vor allem wegen eines kurzen Dialogs, in dem es – natürlich – um Bücher geht. Über die Handlung des Films möchte ich hier gar nicht sprechen; wer zum Beispiel »Notting Hill« oder »Vier Hochzeiten und ein Todesfall« mochte, der wird auch von »About Time« nicht enttäuscht werden. 

Nun aber zu jenem Dialog. Es ist eine Schlüsselszene zu Beginn des Films. Ein Familienvater – gespielt von Bill Nighy – verrät seinem Sohn Tim – gespielt von Domhnall Gleeson, der als Bill Weasley in den Harry-Potter-Filmen auftrat – ein Geheimnis. So ein Familiending, das stets vom Vater an den Sohn weitergegeben wird: Alle männlichen Mitglieder der Familie haben die Gabe, in der Zeit zurückzureisen, sofern es ihr eigenes Leben betrifft. Sie müssen einen dunklen Raum aufsuchen, etwa einen Schrank, die Augen schließen und intensiv an einen bestimmten Moment in der Vergangenheit denken. Wenn sie den Raum verlassen, erleben sie diesen Moment noch einmal. Und können durchaus die ein oder andere Sache geraderücken, bevor sie wieder in die Gegenwart zurückkehren. Tim glaubt es natürlich zuerst nicht, aber als er die Sache ausprobiert, wird er tatsächlich zu einem Zeitreisenden. Vollkommen verblüfft und fasziniert möchte er mehr darüber von seinem Vater erfahren. Und fragt ihn, wofür er diese Gabe im Verlauf seines Lebens genutzt hat. 

Tim: »Weiß Mum davon?«
Tims Vater: »Sie hat keine Ahnung.«
Tim: »Und das ist mit diesem …«
Tims Vater: »Schmetterlingseffekt? Ja, was soll ich sagen, bisher ist die Zivilisation noch nicht aus der Fassung geraten.«
Tim: »Das wird ein kompliziertes Jahr.«
Tims Vater: »Das wird ein kompliziertes Leben.«
Tim: »Was hast du damit angestellt?«
Tims Vater: »Bei mir sind es Bücher, Bücher, Bücher! Ich habe alles gelesen, was man sich nur wünschen kann. Zwei Mal. Dickens drei Mal.«

Im Original: 

Tim: »Does Mum know?«
Tim’s father: »Not a whistle.«
Tim: »Strange. And what about the whole …«
Tim’s father: »Butterfly effect thing? What can I say? We don’t seem to have messed up civilisation yet.«
Tim: »It’s gonna be a complicated year.«
Tim’s father: »It’s gonna be a complicated life.«
Tim: »What have you done with it?«
Tim’s father: »For me, it’s books, books books. I’ve read everything a man could wish to. Twice. Dickens three times.«

Books, books, books. Bücher, Bücher, Bücher. Und dazu das zerfurchte, aber strahlende Gesicht von Bill Nighy. Für mich eine ikonische Szene.

Wie in jedem Film, in dem es um Zeitreisen geht, enthält auch dieser natürlich ein paar Logiklücken. Aber das macht nichts, die Idee ist einfach zu verlockend. Denn ist es nicht eine schöne, eine wunderbare, eine großartige Vorstellung? Immer wieder für ein paar Stunden in die Vergangenheit zurückzureisen, um so mehr Lesezeit in seinem Leben zu haben. Um sich so noch intensiver mit Büchern und Literatur zu beschäftigen? Books, books, books. Bücher, Bücher, Bücher. Ein Traum.

Denn die Leselebenszeit ist ein verdammt knappes Gut angesichts der unzähligen Texte und Geschichten, die darauf warten, entdeckt und gelesen zu werden. Immer auf der Suche nach den perfekten Leseerlebnissen, jenen Momenten, in denen man auf eine Textstelle, eine kurze Passage trifft, die durch Mark und Bein geht. Auf Worte, die etwas in einem auslösen, die etwas verändern. Oder denen man genau im richtigen Moment begegnet.

Auf der Seite 7jahrelaenger gibt es einen Lebenserwartungsrechner, der auf aktuelle Daten zurückgreift. Gebe ich dort mein Alter ein, erhalte ich die Auskunft, dass ich eine statistische Lebenserwartung von 84,14 Jahren habe. Sollte ich tatsächlich so alt werden, bis zum Ende einigermaßen gesund und geistig fit bleiben und würde ich nach wie vor im Schnitt jede Woche ein Buch lesen, so hätte ich ab jetzt noch 1.560 Bücher vor mir. Das ist dramatisch wenig, genau wie es im altbekannten Stoßseufzer heißt: »So viele Bücher, so wenig Zeit.« Und genau deswegen macht die zitierte Stelle »About Time« zu einem Lieblingsfilm, auch wenn Zeitreisen wohl nie möglich sein werden. Doch nicht oft habe ich mich mehr verstanden gefühlt, als in dieser kurzen Szene: Books, books, books. Bücher, Bücher, Bücher.  

Aber da man mit der Leselebenszeit nicht tricksen, sich nicht durch Zeitreisen mehr Lesestunden verschaffen kann, ist eine sorgfältige Auswahl der Lektüren umso wichtiger: Bücher, die mich nach den ersten Kapiteln nicht überzeugen, breche ich ab und regelmäßig sortiere ich die überquellenden Regale rigoros aus. Und was Bücher angeht, um die ein Hype entsteht und die man angeblich gelesen haben sollte, so halte ich es mit Virginia Woolf: »Der einzige Rat, den man jemand fürs Lesen geben kann, ist tatsächlich der, keinen Rat anzunehmen, dem eigenen Instinkt zu folgen, den eigenen Verstand zu gebrauchen und zu eigenen Schlussfolgerungen zu kommen.«

#SoVieleBücherSoWenigZeit

Darf man Bücher wegschmeißen?

Darf man Buecher wegschmeißen?

Bücher in den Müll? Eine polarisierende Frage, hier gehen die Meinungen auseinander. Neulich saß ich in einem Café und bekam eine Unterhaltung am Nachbartisch zu genau diesem Thema mit. Einer der beiden Gesprächspartner meinte, dass er niemals auch nur ein Buch ins Altpapier geben würde, das käme schon beinahe einer Todsünde gleich. Ist das so? Das finde ich nicht, im Gegenteil, ich habe schon ziemlich viele Bücher weggeworfen. Und ich habe kein einziges davon vermisst. „Darf man Bücher wegschmeißen?“ weiterlesen

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