Könige der Lässigkeit

Don Winslow: Kings of Cool

Dieses Buch ist, naja, einfach cool. Ich weiß, das war jetzt ein etwas schwacher Einstieg, aber es handelt sich dabei um ein Buch, das man schon als Gegenstand einfach haben muss. „Kings of Cool“ von Don Winslow ist wunderschön gestaltet: Ganz in schwarz, sogar der Buchblock ist ringsum eingefärbt, ein Einband in Samtanmutung mit plakativ eingeprägter weißer Schrift. Ein großes Kompliment an die Herstellungsabteilung des Suhrkamp-Verlags. „Könige der Lässigkeit“ weiterlesen

Niemand kann sich heraushalten

Antonio Tabucchi: Erklärt Pereira

Lissabon ist eine wunderschöne Stadt. Das erste Mal dort war ich 1988 während einer Interrailtour durch Südeuropa. Es ist schon lange her, aber ich kann mich noch gut an die Ankunft erinnern: Nach einer durchwachten Nacht im Gang eines überfüllten Zuges saßen wir früh am Morgen völlig übermüdet in einem Straßencafé am Praça Dom Pedro IV, tranken einen starken Kaffee und ließen den Trubel einer erwachenden Großstadt auf uns wirken. „Niemand kann sich heraushalten“ weiterlesen

Stalins spanisches Gold

Leif Davidsen: Die Wahrheit stirbt zuletzt

Ein Mann ist auf der Suche nach seinem jüngeren Bruder, der irgendwo in Spanien unterwegs ist, wo genau weiß er nicht. Er gibt sich als Journalist aus, verliebt sich in eine russische Photographin und kommt per Zufall auf die Spur eines verschwundenen Goldschatzes. Klingt nach einer banalen Handlung, zudem ist das Buchcover nicht besonders ansprechend gestaltet und der Titel »Die Wahrheit stirbt zuletzt« des Romans von Leif Davidsen etwas aussagelos. Aber hinter all dem verbirgt sich eine großartige und lesenswerte Geschichte. „Stalins spanisches Gold“ weiterlesen

Südamerikanische Zeitreise

Christopher Isherwood: Kondor und Kühe

Seit vielen Jahren habe ich ein Faible für Südamerika, für Historisches und für gut geschriebene Reiseberichte. Umso neugieriger war ich auf das Buch „Kondor und Kühe“ von Christopher Isherwood. Der angloamerikanische Schriftsteller brach im September 1947 zusammen mit dem Photographen William Caskey zu einer mehrmonatigen Reise auf. Sie führte ihn durch Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Peru und Argentinien – quer über die Anden bis nach Buenos Aires. Herausgekommen ist dabei ein stilistisch brillant geschriebener Reisebericht, der erst jetzt, 2013, im wunderbaren Liebeskind Verlag auf deutsch erschienen ist. „Südamerikanische Zeitreise“ weiterlesen

Das Epos einer Niederlage

Adam Zamoyski: 1812 - Napoleons Feldzug in Russland

Am Eingang stand eine Kanone, groß, abweisend, bedrohlich. Direkt daneben sah man, was sie anrichten konnte: Der Brustpanzer eines Kürassiers war vorne und hinten großflächig durchschlagen, es blieb der Phantasie überlassen, was mit dem Menschen dazwischen geschehen sein mochte. Das war der erste Eindruck der großartigen Napoleon-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn, die im Jahr 2012 stattfand. „Das Epos einer Niederlage“ weiterlesen

Venezianischer Textbaustein*

Fruttero und Lucentini: Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz

Das hier ist meine Lieblingsstelle in dem wunderbaren, großartigen Buch „Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ des italienischen Autorenduos Fruttero & Lucentini. In dem Roman geht es um das Thema Unsterblichkeit, so wie in dem schon vorgestellten „Alle Menschen sind sterblich“. Auch hier steht ein auf ewig Reisender im Mittelpunkt der Geschichte, die in Venedig spielt. Die zitierte Stelle lese ich mir manchmal laut vor – einfach weil mir die Sprache so gut gefällt. Und bekomme jedes Mal eine Gänsehaut. „Venezianischer Textbaustein*“ weiterlesen

Wo liegt Faserland?

Christian Kracht: Faserland

Wenn ich schaue, über welche Bücher ich bis jetzt geschrieben habe, dann scheinen die Neunziger Jahre bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen zu haben. Da kann ich hier gleich noch einen Titel nachlegen: „Faserland“ von Christian Kracht ist 1995 erschienen. Das Buch war das erste des Autors und der Protoyp eines neuen Erzählstils, der Schule machen sollte. „Wo liegt Faserland?“ weiterlesen

Chilenisches Versteckspiel

Roberto Ampuero: Der Fall Neruda

Das Buch „Der Fall Neruda“ von Roberto Ampuero war ein Zufallstreffer. Mir hat das Buchcover gefallen, das Buch fühlte sich irgendwie gut an und da habe ich es gekauft. Bei solchen Spontankäufen bin ich auch schon enttäuscht worden, aber diesmal wurde ich mit einer spannenden Geschichte und der Entdeckung eins bis dahin mir unbekannten Autors belohnt. „Chilenisches Versteckspiel“ weiterlesen

Im Reich der Finsternis

Robert Harris: Vaterland

Das Buch »Vaterland« von Robert Harris ist mir während meiner Buchhändlerlehre in den Neunzigern in die Hände gefallen und es hat mich bis heute nicht losgelassen. Es fängt an wie ein Krimi-Klischee: An einem trostlosen, verregneten Morgen wird die Leiche eines älteren Mannes in der Berliner Havel gefunden. Der Kripo-Ermittler Xaver März – was für ein Name! – untersucht den Tatort. März scheint wie aus einem Noir-Krimi entsprungen, desillusioniert, geschieden, zynisch, die Whiskyflasche im Schreibtisch, eine gescheiterte Existenz. „Im Reich der Finsternis“ weiterlesen

Die Macht des Zinseszins

Andreas Eschbach: Ein Billion Dollar

Um das Buch „Eine Billion Dollar“ von Andreas Eschbach bin ich jahrelang herumgeschlichen. Aus irgendeinem Grund konnte ich mich nicht dazu entschließen, es zu kaufen. Vielleicht hat mir der Umschlag nicht gefallen? Ich weiß es nicht mehr. An der Geschichte jedenfalls kann es nicht gelegen haben: Eine Zeit lang habe ich das das Buch, wann immer ich es in einer Buchhandlung sah, aus dem Regal genommen und die ersten Seiten gelesen. Einfach nur, weil ich den Anfang so mochte. Dann habe ich es irgendwann endlich käuflich erworben und bin seitdem völlig begeistert davon. „Die Macht des Zinseszins“ weiterlesen

Simone de Beauvoir in Melbourne

Simone de Beauvoir: Alle Menschen sind sterblich

Im März 1993 stand ich in einer Schlange vor einem Schalter des Hauptpostamts in Melbourne. Ich reiste gerade drei Monate durch Australien und wollte dort nach postlagernden Briefen für mich fragen. Heute, in Zeiten von Skype, Internetcafés und sozialen Netzwerken mag das seltsam klingen, doch damals war es die normale Art und Weise, mit Freunden und Familie daheim in Verbindung zu bleiben, wenn man längere Zeit ohne bestimmtes Ziel unterwegs war. Das Schöne daran war, dass man so richtig weg und wenn man wollte, unerreichbar sein konnte. „Simone de Beauvoir in Melbourne“ weiterlesen

Roadmovie durch die Apokalypse

Cormac McCarthy: Die Strasse

Seit „All die schönen Pferde“ und „No Country for Old Men“ gehörte Cormac McCarthy für  mich sowie schon zu den ganz Großen der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Dann habe ich „Die Straße“ in die Hände bekommen. Ein unglaubliches Buch. 253 Seiten. Also eigentlich nicht dick, zwei Abende, höchstens. Ich habe eine Woche dafür gebraucht, der Text ist wie ein permanenter Faustschlag und ich musste immer wieder aufhören zu lesen, um mich davon zu erholen und die Handlung sacken zu lassen. „Roadmovie durch die Apokalypse“ weiterlesen

Berliner Luft

Gereon Rath Krimireihe

Ich lese gerne Krimis. Das ist ein Genre, in dem sich die Spreu vom Weizen trennt. Der Markt ist voll mit platten Thrillern, aufgepeppt mit Blut, Brutalität und unglaubwürdiger Action. Aber in dem ganzen Altpapier-Dschungel gibt es auch immer wieder neue, fantastische Entdeckungen, manchmal sogar ganze Goldminen an spannender Literatur. Wie etwa die Krimiserie rund um den Ermittler Gereon Rath von Volker Kutscher. „Berliner Luft“ weiterlesen

Midlifecrisis rockt

Frank Goosen: So viel Zeit

Oh je, eine Midlifecrisis-Story. Das wäre mein Gedanke gewesen, wenn ich das Buch »So viel Zeit« von Frank Goosen mit Anfang zwanzig oberflächlich durchgeblättert hätte: Fünf Schulfreunde, deren Leben völlig unterschiedlich verlaufen sind, gründen mit Mitte vierzig eine Rockband, um so ihre privaten Krisen zu kompensieren. Zum Glück gab es dieses wunderbare Buch damals noch nicht, es ist erst viel später erschienen und zwar zu einem Zeitpunkt, als ich mich dem Alter der Protagonisten langsam annäherte. „Midlifecrisis rockt“ weiterlesen

Leipziger Träumerei

Clemens Meyer: Als wir traeumten

Als sich 1990 die DDR einfach in Luft auflöste, blieben ganze Ruinenfelder einst prächtiger Städte und zahllose Menschen mit ungewissen Zukunftsaussichten zurück. An manchen Orten, wie z.B. in den Leipziger Stadtteilen Volkmarsdorf, Reudnitz oder Stötteritz sah es aus wie kurz nach dem Krieg: Zerbröselnde Hausfassaden, Risse in den Wänden, kaputte Straßen, alles Grau in Grau und darüber der Geruch der Braunkohleöfen, mit denen ein Großteil der Leipziger Wohnungen geheizt wurde. Dazu das Rattern der 40 Jahre alten Straßenbahnen aus tschechischer Produktion, die damals für den gesamten Ostblock gefertigt worden waren. Das 2006 erschienene Buch „Als wir träumten“ von Clemens Meyer ist die Geschichte von vier Freunden, die im Leipzig der Nachwendezeit als junge Erwachsene genau dort zu Hause sind. „Leipziger Träumerei“ weiterlesen