Die Geschichten im Kopf

Die Geschichten, die im Kopf entstehen: Gespraech mit einem Fensterputzer

Auf dem Photo dieses Beitrags sind eine Menge Fenster zu sehen. Es handelt sich um eine Teilansicht des Verlagsgebäudes von Bastei Lübbe, inmitten des Carlswerks, einem ehemaligen Industrieareal im Kölner Stadtteil Mülheim. Das 1961 errichtete heutige Verlagshaus war früher das Verwaltungsgebäude des Fabrikgeländes, bis es 2010 für die Bedürfnisse eines modernen Medienunternehmens umgebaut wurde. Hinter einem der Fenster links oben befindet sich das Büro, in dem ich für den Eichborn Verlag arbeite, der zur Lübbe-Gruppe gehört. Zwei große Bücherregale prägen das Büro, sie sind gut gefüllt mit Exemplaren für die Presse, für Blogs oder Buchhandlungen und mit einem Archiv der Eichborn-Bücher aus den letzten Jahren. Ein Arbeitsplatz, umgeben von Büchern.

Zwei Mal im Jahr geht ein Trupp Fensterputzer durch das ganze Gebäude, das sechs Stockwerke hoch ist und wohl gute hundert Meter lang – es gibt für sie eine Menge zu tun. Und da Fensterputzen nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen im Haushalt gehört, bin ich jedes Mal tief beeindruckt, mit was für einer Geschwindigkeit man eine große Scheibe reinigen kann. Üblicherweise betritt einer der Jungs das Büro, erledigt seinen Job in wenigen Minuten und ist wieder weg. Einmal aber sind wir ins Gespräch gekommen und das möchte ich hier aufschreiben. „Die Geschichten im Kopf“ weiterlesen

In den Strudeln einer sterbenden Welt

Nelio Biedermann: Lázár

Am 27. August 2025 hörte ich zum ersten Mal von dem Buch. An diesem Tag erschien in der ZEIT eine Besprechung des Romans »Lázár« von Nelio Biedermann. »Ein großartiges und größenwahnsinniges Werk« urteilte der Rezensent Adam Soboczynski – und ich kann mich nicht erinnern, jemals solch eine begeisterte, geradezu hymnische Buchvorstellung in einem Feuilletonartikel gelesen zu haben. Und kurz danach war das Buch omnipräsent: Überall in der Presse, in zahlreichen Blogs und stapelweise in jeder Buchhandlung, das markante Buchcover war nirgends zu übersehen. Im Verlauf der Wochen vor der Frankfurter Buchmesse wurde ich mehrfach und von den unterschiedlichsten Menschen gefragt: »Und? Hast Du schon ›Lázár‹ gelesen?« Ich neige dazu, dass mich solche Hypes eher abschrecken, einige der hochgelobten Romane der letzten Jahre stehen noch ungelesen im Regal. Nicht, weil ich meinen Lesegeschmack für irgendwie außergewöhnlich halte, sondern weil ich dann jedes Mal das Gefühl habe, schon vorab so viel über ein Buch gehört zu haben, dass ich es gar nicht selbst lesen muss. In diesem Fall aber war ich wirklich neugierig geworden und in der Woche nach der Buchmesse verbrachte ich einen Nachmittag mit »Lázár«, saß lesend am Fenster, während der Regen dagegen prasselte. Und was soll ich sagen? Das Buch entwickelt sofort einen solchen Sog, dass ich vollkommen abgetaucht war und verzaubert von einer wahrlich außergewöhnlichen Sprache. „In den Strudeln einer sterbenden Welt“ weiterlesen

Wie ein Riss in der Leinwand

Gabriel Zuchtriegel: Vom Zauber des Untergangs | Robert Harris: Pompeji

Pompeji ist wohl einer der faszinierendsten Orte der Welt. Mein Besuch dort liegt schon einige Jahre zurück, aber ich kann mich so gut daran erinnern, als sei es erst vor ein paar Wochen gewesen. Auf alten, gepflasterten Straßen durch die Ruinenlandschaft flanieren, Blicke in Häuser, kleine Geschäfte und Werkstätten werfen: das Gefühl, unmittelbar durch den Alltag der Menschen zu laufen, die vor fast zweitausend Jahren dort gelebt haben, ist ein überwältigendes Gefühl. Und am Horizont hat man dabei stets den dunklen, drohenden Umriss des Vesuvs vor Augen, der vor dem großen Vulkanausbruch 79 n. Chr. noch wuchtiger ausgesehen haben muss. Die Zeugen dieser Katastrophe treffen wir dort noch an, die Gipsabgüsse der Menschen in der Stunde ihres Todes zeigen die Gewalt der Natur, die an diesem sommerlichen Unglückstag Pompeji zerstörte. Pompeji und die umliegenden Orte. Und sie in der Zerstörung durch den alles überdeckenden Asche- und Steinregen konservierte. Bis heute. 

Zwei Bücher stelle ich hier vor, die unterschiedlicher kaum sein können, die aber für mich perfekt zusammenpassen und die ich direkt hintereinander gelesen habe: »Vom Zauber des Untergangs« von Gabriel Zuchtriegel und »Pompeji« von Robert Harris. „Wie ein Riss in der Leinwand“ weiterlesen

Das Finale nach dem Finale

Volker Kutscher: Westend

Das habe ich noch nie erlebt: Man freut sich auf ein Buch, kann den Erscheinungstermin kaum erwarten – und als man es schließlich in der Hand hält, weiß man nicht, ob man es überhaupt lesen möchte. So ist es mir gegangen mit »Westend« von Volker Kutscher. Der Name dieses Autors ist hier schon oft gefallen, und wer schon eine Weile im Blog mitliest, der weiß, wie begeistert ich von seiner Buchreihe rund um den Ermittler Gereon Rath bin, die 2007 mit dem ersten Band »Der nasse Fisch« gestartet ist. Danach folgten neun weitere Bände; die Handlung ist im Berlin der Jahre 1929 bis 1938 angesiedelt und sie führt uns mitten hinein in die Dunkelheit des »Dritten Reiches«. Tatsächlich gibt es nur selten Romane, die das Leben in dieser Zeit so glaubwürdig schildern, wie diejenigen von Volker Kutscher. Aber das habe ich schon einmal aufgeschrieben, nachzulesen im Beitrag »Der Weg in die Finsternis«, in der ich die Serie komplett vorstelle und dabei erzähle, was die Bücher so besonders macht. Anlass für jenen Text war das Erscheinen des letzten, des zehnten Bands, der den schlichten Titel »Rath« trägt. Mein Fazit: »Der Schluss von ›Rath‹ ist so gelungen wie die gesamte Buchreihe. Ein dünner Rest Hoffnung bleibt, während Dunkelheit und Nebelschwaden alles verhüllen – wie ein prophetischer Blick auf das, was kommen wird.« 

Und genau so war es: Das Ende der Reihe ist perfekt. Es bleiben viele offene Fragen – und alles verliert sich in der Dunkelheit. Ein anderer Schluss wäre angesichts des komplexen Figurentableaus, das über zehn Bände aufgebaut wurde, nicht glaubwürdig und kaum denkbar gewesen. Und jetzt, ein Jahr später, liefert Volker Kutscher noch einen schmalen Band nach: »Westend« hat gerade einmal 104 Seiten Text und führt ins Jahr 1973, es sind also 35 Jahre vergangen seit dem Ende in der Buchreihe. „Das Finale nach dem Finale“ weiterlesen

Die zehn Leseregeln von Roger Willemsen. Ein Textbaustein*

Roger Willemsen: Liegen Sie bequem? Vom Lesen und von Buechern

Was für eine wunderbare Lektüre: Im Buch »Liegen Sie bequem?« sind Texte von Roger Willemsen versammelt, in denen es um das Lesen geht, um Bücher und um Literatur: Buchbesprechungen, kurze Porträts von Autorinnen und Autoren quer durch die Literaturgeschichte, manchmal knappe, manchmal ausführliche Leseempfehlungen, fiktive wie tatsächlich geführte Interviews, Kolumnen, Streitgespräche, Feuilletonbeiträge, Aufzeichnungen und Notizen. Ein wahres Roger-Willemsen-Lesebuch und ein Genuss von der ersten bis zur letzten Seite. 

Roger Willemsen ist 2016 mit nur sechzig Jahren gestorben. Viel zu früh. Der Journalist, Moderator, Autor und Literaturkritiker faszinierte auf vielen Bühnen unzählige Menschen mit seiner nahbaren Intellektualität und seiner brillanten Art, Dinge auf den Punkt zu bringen. Und genau deshalb ist es ein großes Lesevergnügen, sich durch Willemsens Gedanken zu lesen, die stilistische Eleganz seiner Sätze zu genießen und den eigenen Horizont – fast wie nebenbei – permanent erweitert zu finden. „Die zehn Leseregeln von Roger Willemsen. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Ein Brandbrief, 183 Seiten lang

Pilipp Peyman Engel: Deutsche Lebenslügen - Der Antisemitismus, wieder und immer noch

Kommt dieser Blogbeitrag zu spät? Man möchte es meinen: Schließlich liegt das Erscheinen des Buches schon eineinhalb Jahre zurück. Und der Abend, an dem ich den Autor im Literaturhaus Köln live erlebt habe, ist ebenfalls schon fast ein Jahr her. Und ja, ich würde mir wünschen, dass es diese Buchvorstellung gar nicht gäbe, dass dieses Buch gar nicht notwendig gewesen wäre. Aber leider ist dies nicht der Fall. Im Gegenteil: »Deutsche Lebenslügen« von Philipp Peyman Engel ist angesichts des schockierenden Zustands unserer Gesellschaft eine hochaktuelle und dringliche Lektüre. Es trägt den Untertitel »Der Antisemitismus, wieder und immer noch«. Und es ist ein hundertdreiundachtzig Seiten langer Brandbrief.

Philipp Peyman Engel stammt aus einer jüdischen deutsch-iranischen Familie, wuchs im Ruhrgebiet auf, lebt in Berlin und ist der Chefredakteur der »Jüdischen Allgemeine«. Als deutscher Jude schreibt er über die Situation in der Zeit nach dem 7. Oktober 2023 – und diese sehr persönliche Analyse der dramatischen Entwicklungen in unserem Land ist ein Text, der einen beim Lesen schockiert, traurig macht und wütend zugleich. „Ein Brandbrief, 183 Seiten lang“ weiterlesen

Tod eines Jägers

Roberto Saviano: Falcone

Der 23. Mai 1992 war ein Samstag. Giovanni Falcone und seine Ehefrau Francesca Morvillo fuhren – vom Flughafen in Palermo kommend – zu ihrem Wochenendhaus, als eine gewaltige Explosion ihr Auto zerstörte. In einer Abwasserröhre unter der Autobahn war eine halbe Tonne Sprengstoff deponiert gewesen; der Mafia-Jäger Falcone, seine Frau und drei Leibwächter starben in den rauchenden Trümmern. Das liegt nun schon lange zurück, aber ich kann mich gut an die Nachrichten erinnern, die über diesen Anschlag berichteten – denn die Meldung ging damals um die Welt. Doch welche Bedeutung Giovanni Falcone hatte, wie unermüdlich er den Kampf gegen das organisierte Verbrechen führte und welchen Mut es brauchte, niemals aufzugeben oder sich einschüchtern zu lassen – das hat mir erst dieses Buch klar vor Augen geführt: »Falcone« von Roberto Saviano. Ein Roman. „Tod eines Jägers“ weiterlesen

Der lange Weg zum Anfang von allem

Alain Damasio: Die Horde im Gegenwind

In unserer Zeit der kurzen Texte, der minimalen Aufmerksamkeitsspannen und der für schnellen Verbrauch aufbereiteten Medieninhalte ist dieses Buch ein Statement. Eine Zumutung. Eine Herausforderung. Ein Sprachwunder. Ein Roman, auf den man sich tage-, wochenlang einlassen muss – und der einen belohnt mit einer einzigartigen Geschichte, mit einem intensiven Leseerlebnis, mit einer Reise quer durch eine bis ins feinste Detail ausgearbeiteten, phantastischen Welt. Kurz gesagt: »Die Horde im Gegenwind« von Alain Damasio ist eines dieser Bücher, auf die man nicht allzu oft trifft in seinem Leserleben.

Um was geht es, was verbirgt sich hinter diesem prägnanten Titel? Das Buch nimmt uns mit auf einen langen Weg. Einen Weg durch eine riesige, leere Welt, die zu großen Teilen nicht bewohnbar ist. Zwar gibt es Städte, Siedlungen und Dörfer, doch zwischen diesen liegen tausende von Kilometern unwirtlicher Natur. Der Wind ist das alles prägende Element in dieser Welt. Er ist immer da, es gibt keine Windstille, nie. Er bestimmt das Leben der Menschen, er treibt Maschinen an, Fortbewegungsmittel und Waffen. Und er zerstört, verwüstet, tötet. Von neun Formen des Windes sprechen die Gelehrten und seit hunderten von Jahren werden sie erforscht. Die ersten sechs Formen heißen Zefirine, Slamino, Stesch, Choon, Blizzard und Grimmwind. Der Grimmwind ist tödlich, wenn man ungeschützt von ihm überrascht wird; die Haut reißt, Menschen werden zerfetzt, die Überreste verschwinden im Wirbel. Aber auch Häuser, ganze Dörfer gehen in den Grimmwind-Stürmen unter. Und darüber hinaus gibt es noch mehr: Die in der Aufzählung fehlenden drei Formen des Windes sind unbekannt, die siebte, achte und die neunte – sie zu entdecken, zu erforschen ist Aufgabe der Horden. „Der lange Weg zum Anfang von allem“ weiterlesen

Die Welt der Buchblogs

Die Welt der Buchblogs

Bei der permanenten Suche nach neuen Lektüren gibt es für mich zwei wichtige Inspirationsquellen: Zum einen der Bummel durch die Buchhandlungen meines Vertrauens. Und zum anderen das Flanieren durch die bunte, vielfältige Welt der Literaturblogs. Diese Vielfalt finde ich immer wieder faszinierend und seit 2016 stelle ich in einer monatlichen Kolumne meine Fundstücke vor, die ich beim Blog-Flanieren entdecke; seien es Buchbesprechungen, Texte über die Buchbranche oder Beiträge zu gesellschaftlichen Entwicklungen.

Bis Ende Dezember 2024 erschien diese Online-Kolumne als »Kaffeehaussitzers Netzrückblick« in der Zeitschrift BuchMarkt, seit Januar 2025 wird sie unter dem neuen Titel »Der Buchblog-Flaneur« bei Börsenblatt.net veröffentlicht, der Online-Ausgabe des Börsenblatts des Deutschen Buchhandels, dem offiziellen Magazin der Buchbranche. Dieser Wechsel war Anfang des Jahres der Anlass, für die Print-Ausgabe des Börsenblatts einen Text über die Welt der Buchblogs zu schreiben – wie es anfing und was sich alles daraus entwickelte. In einer leicht erweiterten Version erscheint der Text nun auch hier im Blog. „Die Welt der Buchblogs“ weiterlesen

Die Stadt auf dem Wasser

David Hewson: Garten der Engel

Ich liebe Venedig. Ich liebe alles an diesem Ort: das Prächtige, das Marode, das Vergängliche, das Neblige, das Grandiose, das Melancholische, das Labyrinthische, das Mystische, das Geschichtsträchtige, das Trotzige, das Zeitlose – eine ganz und gar unwahrscheinliche Stadt, schwebend zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, einer ungewissen Zukunft entgegengehend. Und da ich dieses Venedig so sehr mag, war ich das letzte Mal vor über zwanzig Jahren dort und habe nicht vor, noch einmal dorthin zu fahren. Zumindest kann ich es mir momentan nicht vorstellen, denn ich möchte kein Teil des vollkommen außer Kontrolle geratenen Massentourismus sein, der alles an der Stadt zerstört, was sie ausmacht. Bei diesem letzten Aufenthalt vor mehr als zwei Jahrzehnten habe ich eine Woche lang die unvergleichliche Stimmung mit allen Sinnen genossen, war tage- und nächtelang in kleinen Gassen und an unzähligen Kanälen entlang unterwegs, konnte mich nicht sattsehen an den zahllosen Details dieser Stadt; die Bilder in diesem Blogbeitrag stammen von dieser Reise. Und natürlich ist es mir davor schon kaum möglich gewesen, an Büchern, deren Handlung in Venedig angesiedelt ist, vorbeizugehen. Daher war ich hocherfreut, den Roman »Garten der Engel« von David Hewson in die Hände zu bekommen. Und ich wurde nicht enttäuscht: das Buch führt uns auf zwei Zeitebenen durch die Geschichte der Lagunenstadt im 20. Jahrhundert. Eine wunderbar komponierte Handlung, voll finsterer Abgründe, verzweifelter Taten und überraschenden Wendungen. Und mit Venedig-Atmosphäre vom Allerfeinsten. „Die Stadt auf dem Wasser“ weiterlesen