Die Festival-Macherinnen

Interview mit Nathalie Widmer, einer der beiden Macherinnen von Zürich liest.

Die Macherinnen von ZÜRICH LIEST: Nathalie Widmer (links) und Violanta von Salis. Photographin: Ayse Yavas

Der Besuch des Lesefestivals »Zürich liest 2016« als einer von fünf offiziellen Blogger-Kooperationspartnern war für mich eines der Highlights des letzten Jahres. Meine Bloggerkolleginnen und ich haben drei intensive Tage voller Literatur erlebt und darüber auf unseren Blogs berichtet; vor Ort über unsere Twitter-, Facebook- und Instagram-Kanäle in Echtzeit das Lesefest ins Netz getragen. Einen ausführlichen Bericht über »Zürich liest« gab es hier bereits im vergangenen November. Heute geht es um einen Blick hinter die Kulissen dieses literarischen Ereignisses: Die Festival-Macherinnen Violanta von Salis und Nathalie Widmer, die das größte Lesefest der Schweiz konzipieren und organisieren, habe ich in Zürich kennengelernt. Und Nathalie Widmer hat mir ein paar Fragen beantwortet.

Nathalie, ich habe Dich während der drei Tage, die ich in Zürich war, unermüdlich im Einsatz erlebt: Mitten in der Nacht im Festivalzentrum Karl der Grosse, frühmorgens schon wieder bei der nächsten Veranstaltung und dazwischen hast Du mir per E-Mail noch einen Platz auf einer Gästeliste bestätigt. Wie viele Stunden hast Du während »Zürich liest 2016« geschlafen?

Naja, an viel Schlaf war während des Festivals mit Sicherheit nicht zu denken. Das Phänomen ist allerdings auch, dass man in solchen Momenten gar nicht soviel Schlaf braucht. Nach einem Jahr Vorbereitungszeit, in der man auf genau diese vier Tage hingearbeitet hat, ist die Freude einfach viel zu gross, als dass man an Schlaf denkt. Die vier Tage machen einfach unglaublich grossen Spass!

Nach dem Festival ist vor dem Festival. Wann beginnt die Planung für »Zürich liest 2017« und wie muss man sich die Vorgehensweise vorstellen?

»Zürich liest« wird als Festival getragen vom Zürcher Buchhändler- und Verlegerverein, all unsere Mitglieder sind wichtiger Teil des Festivals. Der Grossteil der knapp 200 Veranstaltungen wird von den Mitgliedern des Vereins organisiert und durchgeführt, rund ein Drittel der Veranstaltungen werden vom Festivalbüro in Zusammenarbeit mit den Programmkommissionen geplant. Diese Struktur hat natürlich auch Einfluss auf unsere Arbeit im Festivalbüro und dementsprechend besteht die Planung aus zwei Teilen: Zum einen bilden wir das Gerüst des Festivals, das all unsere Mitglieder als Plattform nutzen können. Wir sammeln die Veranstaltungen, machen das Marketing, die Kommunikation und bündeln alles zu einem Ganzen. Zum anderen organisieren wir wie schon gesagt auch selber Veranstaltungen. Hier beginnt die Organisation im Frühling mit ersten Sitzungen der Programmkommissionen. Der definitive Startschuss für die konkrete Planung fällt jeweils mit der Leipziger Buchmesse, die für uns für die Kontaktpflege sehr wichtig ist. Bis im Juni muss unser Programm im Groben stehen. Dann heisst es, die beiden Teile – die Veranstaltungen unserer Mitglieder und die von uns organisierten – zusammenzubringen, zu bündeln, das Anmeldeverfahren für alle Mitglieder reibungslos zu gestalten, Werbemittel zu produzieren und, und, und.

Je näher das Festival kommt, desto mehr rückt die Detailplanung in den Vordergrund: von der Bestuhlung über die Technik bis zum richtigen Tischtuch bei einer Lesung muss alles geplant und organisiert sein. Während des Festivals unterstützen uns dann der Vorstand des Vereins, das Organisationskomitee und viele freiwillige Helferinnen – ohne diese Unterstützung könnte das Festival nicht reibungslos über die Bühnen und durch die Buchhandlungen gehen. Nach dem Festival heisst es dann erstmal aufräumen: Abrechnungen, Buchhaltung, Sitzungen mit Partnern und Sponsoren und vieles mehr. Und dann beginnt das Ganze auch schon wieder von vorne.

»Zürich liest« fand 2016 zum sechsten Mal statt. Wie lange bist Du schon dabei? Wie hast Du die Anfänge miterlebt? Und wie hat sich das Festival im Laufe der Jahre weiterentwickelt?

Als Co-Festivalleiterin bin ich nun seit zwei Jahren mit dabei, durfte aber schon vorher das Festival als freiwillige Helferin unterstützen. Ich habe das Festival von Anfang an als sehr breit und reich empfunden und habe die Vielfalt bereits als Besucherin und auch als Helferin sehr geschätzt. Diese Eigenschaft des Festivals wurde immer gepflegt.

Man kann sicher sagen, dass sich das Festival in den letzten Jahren in der Kulturagenda etabliert hat und zu einer festen Grösse geworden ist. Die Leute können das Erscheinen des Programms im September kaum erwarten und schmökern leidenschaftlich in der Vielfalt des Programms – das ist grossartig! Auch die Verankerung in der Buchbranche und die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Akteuren der Zürcher Buchwelt, aber auch der ganzen Kulturszene in Zürich war von Anfang eine der Stärken von »Zürich liest« und wurde stetig gepflegt und intensiviert.

Ich habe »Zürich liest« als perfekt organisierte Veranstaltung erlebt. Wo siehst Du noch Nachjustier-Bedarf? Oder anders gefragt: Was würdest Du beim nächsten Mal anders machen?

Erst einmal: Danke für die Blumen. Es gibt natürlich immer Punkte, die man besser machen kann. Schliesslich kann man sich nur so weiterentwickeln. Das sind teilweise ganz kleine Details – beispielsweise Formulare oder auch die Webseite, die immer wieder Anpassungen benötigt –  die man wieder nachjustieren will und muss. Mir persönlich wurde in diesem Jahr aber auch wieder einmal mehr bewusst, welchen Stellenwert die Moderation in der Veranstaltungsplanung hat. Ich habe wunderbare Gesprächsführungen miterleben dürfen, die mir wieder einmal gezeigt haben, dass eine gute Moderation das i-Tüpfelchen einer Veranstaltung sein und den Funken auf das Publikum überspringen lassen kann. Eine Erkenntnis, die für mich zwar nicht neu ist, aber auf die ich persönlich gerne einen Fokus legen möchte.

Zürich ist ein wichtiger Standort deutschsprachiger Verlage. »Zürich liest« wie schon erwähnt das größte Lesefestival der Schweiz. Trotzdem wird in der deutschen Branchenpresse relativ wenig darüber berichtet, so mein Eindruck. Wie könnte das verbessert werden? Ist die Kooperation mit uns fünf Bloggern ein Schritt in diese Richtung?

Dein Eindruck mag durchaus stimmen. Wir versuchen natürlich mit unserer Pressearbeit vor allem direkt das Publikum und die interessierten Leserinnen und Leser zu erreichen. Somit liegt unser Fokus klar auf der regionalen und nationalen Presse in der Schweiz. Und unser Fazit ist: In den Medien hatte das Festival auch dieses Jahr wieder eine gute Präsenz, mit der wir grundsätzlich zufrieden sind. Die Zusammenarbeit mit euch Literaturbloggern war aber für uns ein wichtiger Schritt, um auch in der digitalen Welt die Präsenz von »Zürich liest« zu steigern, gewinnt doch die digitale Berichterstattung zunehmend an Bedeutung. Wir streben ein Zusammenspiel der digitalen und analogen Berichterstattung an und konnten mit der Kooperation mit euch einen Schritt in diese Richtung machen.

Wie ist das Miteinander zwischen Euch als Festivalleitung sowie den Buchhandlungen und Verlagen vor Ort?

Die Zusammenarbeit ist sehr herzlich. Die Buchhandlungen und Verlage in Zürich sind ein enorm wichtiger Teil von »Zürich liest«, sie stemmen mit ihrem Herzblut und Engagement einen grossen Teil des Festivals – ohne sie wäre ein solch grosser Anlass nicht möglich. Ihnen gilt ein grosser Dank!

Haben die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt eine Bedeutung für Eure Arbeit, etwa wegen der Kontaktpflege zu Autoren und Verlagen?

Ich habe es oben schon angedeutet: Klar, die Buchmessen sind für uns ein wichtiger Ort der Kontaktpflege. Mit den Verlagen in der Schweiz stehen wir in ständigem Kontakt, doch für den Austausch mit den österreichischen und Deutschen Verlagen sind die beiden Messen von grosser Bedeutung. Da »Zürich liest« im Oktober stattfindet liegt unser Fokus klar auf der Leipziger Buchmesse, um uns über die Neuerscheinungen im Herbst zu informieren und uns mit den Verlagen zu treffen. Uns sieht man also während der Leipziger Messe von Termin zu Termin durch die Gänge eilen.

Gibt es einen Austausch zwischen Euch und anderen großen Lesefestivals, z.B. »Leipzig liest« oder »LitCologne«?

Es gibt immer wieder Möglichkeiten sich auszutauschen – das ist wichtig. Und natürlich beobachtet man auch, was andere Festivals machen, wie sie organisiert sind. Man kann immer dazulernen.

Welchen Wunschautor, welche Wunschautorin würdest Du gerne einmal bei »Zürich liest« begrüßen?

Hier könnte ich wohl ganze Seiten füllen… Murakami, Roth, Zadie Smith, Houellebecq… Die Aufzählung würde unendlich lang. Was mir persönlich aber auch immer ein Anliegen ist: »Zürich liest« bietet mit den besonderen Formaten und den teilweise ungewöhnlichen Veranstaltungsorten auch immer wieder die Möglichkeit jungen Autorinnen und Autoren eine Plattform zu geben. Auch neue Stimmen brauchen Raum!

2 Kommentare

  1. Pingback: 72 Stunden im Literaturrausch | Kaffeehaussitzer

  2. Lieber Uwe Kalkowski,

    Ein toller, sehr informativer Bericht über ein LitFestival, das mir bisher nur vom Namen her bekannt war. Dafür vielen Dank!

    Besonders gefallen hat mir das Interview. Man erfährt sehr viel über den Hintergrund des Festivals – und über die LitSzene in der Schweiz 🇨🇭.

    Was mir dabei sehr gefallen hat, waren übrigens die Fragen. Diie sind sehr gut vorbereitet worden. Das ist bei uns Bloggern nicht immer so und also auch dafür gebührt Dir ein dickes Dankeschön!
    Liebe Grüße
    Kai

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