Düstere Eleganz

Mathias Menegoz: Karpathia

Eine trutzige Burg, umgeben von bewaldeten Bergen, kaum sichtbar im nebligen Dunst. Düster. Unheilschwanger. Bedrohlich. Als ich das Buch „Karpathia“ von Mathias Menegoz das erste Mal gesehen habe, war mir anhand dieses Umschlagphotos sofort klar, dass ich es unbedingt lesen möchte. 636 Seiten später kann ich diese Vorahnung bestätigen: Der Roman hat mich mit seinem ganz eigenen Stil vollkommen begeistert.

Die Handlung beginnt im November 1833 in einem Wiener Kaffeehaus, wo wir dem Grafen Alexander Korvanyi zum ersten Mal begegnen, jüngster Sproß eines fast ausgestorbenen magyarischen Adelsgeschlechts. Ein Duell und eine Hochzeit später macht sich jener Graf mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Cara auf den Weg zu dem Stammsitz seiner Familie, einer alten Burg irgendwo am Rande der Karpaten, mitten in Transsilvanien. Die Burg mit den dazugehörigen Wäldern und Ländereien werden von einem Verwalter bewirtschaftet; Graf Korvanyi hat sie noch nie gesehen. Er und seine Frau träumen davon, fernab aller gesellschaftlichen Verplichtungen Wiens ein neues Leben als Landadlige zu beginnen. Es ist schon beinahe eine Flucht aus der Großstadt, denn „er war von der Mittelmäßigkeit und Erbärmlichkeit abgestoßen, die ihn umgab. Obwohl ihm bewusst war, dass in diesem Gefühl der Überlegenheit eine gute Portion Hochmut enthalten war, wagte er dennoch nicht, es in Zweifel zu ziehen, denn er stützte sich schon so lange darauf, dass er fürchtete, ohne es zusammenzubrechen.“

Ausführlich wird die beschwerliche Anreise geschildert, erst per Schiff die Donau entlang, dann per Kutsche über immer kleinere Straßen und durch immer armseligere Dörfer bis die beiden mitsamt Dienerschaft in einer kalten Nacht die finstere und abweisende Burg der Korvanyis erreichen, wo klamme Räume und eingeschüchterte Dienstboten auf sie warten. Durch die ausführliche Wegbeschreibung wird deutlich, wie weit weg sich das Grafenpaar von seiner bisher gewohnten städtischen Umgebung entfernt hat, tief hinein in eine abgelegene und nur schwer zugängliche Landschaft am Rande des österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaats.

Und tief hinein in eine archaische Gesellschaft, in der noch fast mittelalterliche Regeln gelten. Die Bauern leben in völliger Abhängigkeit der Feudalherren, beinahe noch in Leibeigenschaft; den magyarischen Adelsfamilien gehört sämtlicher Grund und Boden mit allen zugehörigen Dörfern. Bewohnt wird die Gegend von drei Bevölkerungsgruppen: Den Magyaren, also Ungarn, den sächsischen Siedlern, also Deutschen, und den rumänischen Walachen, die, obwohl sie die Mehrheit bilden, am rechtlosesten sind. Zwischen diesen Gruppen brodelt es, sie begegnen sich mit Mißtrauen und Verachtung. Dazu kommen religiöse Unterschiede zwischen den katholischen Ungarn und den orthodoxen Walachen sowie ein in der Luft liegender gesellschaftlicher Umbruch – denn die revolutionären Ereignisse im Europa der Jahre 1831 und 1832 sind auch in dieser abgelegenen Gegend nicht ganz unbemerkt geblieben. Einige Jahrzehnte zuvor – 1784 – gab es einen Aufstand der walachischen Bauern, dem etliche Adlige zum Opfer fielen, bevor er brutal niedergeschlagen wurde.

Von alldem wissen Alexander und Cara nichts, als sie auf dem Stammsitz der Korvanyis eintreffen. Und es würde sie auch nicht interessieren – zu sehr leben sie in der Welt ihrer eigenen Vorstellungen. Vieles liegt im Argen, seit vielen Jahren residierte kein Korvanyi mehr auf der maroden Burg. Jetzt sollen die Güter wieder auf Vordermann gebracht werden, ohne große Rücksicht auf die Bedürfnisse der Fronbauern. Alexander von Korvanyi steigert sich immer mehr in die Rolle eines Feudalherren hinein, dessen Wort Gesetz ist. Eine Schlüsselszene dabei ist sein Besuch in der viele Jahre verschlossenen Familiengruft, wo er die beim Aufstand 1784 aus den Särgen gerissenen Gebeine seiner Vorfahren findet. „Als er das Durcheinander der Gebeine auf dem Boden betrachtete, begriff Alexander, dass es unmöglich wäre, diese Katastrophe rückgängig zu machen. Er sah nicht mehr die Reihe einzelner Vorfahren vor sich, sondern die ganze »Familie«: eine geschlossene Einheit, durch die Zeit und den Hass zusammengeschmolzen, deren Opfer sie bis über den Tod hinaus war.“

Immer düsterer wird Alexanders Stimmung, immer ausgeprägter sein elitäres Sendungsbewusstein, denn „nur die Wiederherstellung der Ordnung konnte die Demütigung durch die verletzte Ehre mildern, die seit 1784 auf diesem Ort lag. Bevor er wieder zur Kapelle hochstieg, hob der Graf seine Laterne für einen letzten Gruß und einen letzten umfassenden Blick, ein Bild, das er künftig als ständige Erinnerung an seine Aufgabe in sich tragen würde.“ Alexander und Cara entfremden sich zunehmend voneinander.

Gleichzeitig gibt es Gegenspieler, die unerkannt gegen den Grafen opponieren. Der walachische Pope, der überall seine Fäden zieht. Der bisherige Gutsverwalter, der um seine Position fürchtet. Und etliche mehr, die nach und nach ins Spiel kommen. Denn in kürzester Zeit schaffen es die Korvanyis, überall mit Mißtrauen beäugt zu werden. Die Situation beginnt sich zu verschärfen, zuerst ganz langsam, wie eine Lawine, die sich in Bewegung setzt. Bis es irgendwann kein Halten mehr gibt. Und dann wird es blutig. Ziemlich blutig.

Viel mehr soll nicht verraten werden – zu vielschichtig ist die Handlung, zu viele Bausteine sind es, die kunstvoll aufeinander gesetzt sind. Bis sie einen Turm ergeben, der in sich zusammenstürzt und alles unter sich begräbt, als irgendwann zu viele dieser Steine weggezogen werden.

Dies alles in einer düster-eleganten Sprache, die stilistisch perfekt zum 19. Jahrhundert und zur menschenleeren Landschaft Siebenbürgens passt. Die den Leser ganz ruhig in die Geschichte hineinführt, aber bald ahnen lässt, dass Ereignisse in der Luft liegen, die ihren Tribut fordern werden. Die dann aber doch in ihrer Heftigkeit überraschend hereinbrechen, eines nach dem anderen, bis nichts mehr so ist, wie es war.

Ganz nebenbei bringt uns der Autor historische Fakten nahe, die kaum bekannt sind. Und obwohl die Geschehnisse in einer entlegenen europäischen Gegend und vor 180 Jahren spielen, obwohl die Protagonisten alle Kinder ihrer Epoche und ihrer Wertvorstellungen sind, wirken die geschilderten gesellschaftlichen Verwerfungen seltsam modern. Denn das alles ist uns ebenfalls vertraut: Spannungen zwischen verschiedenen Volksgruppen, religiös motivierte Konflikte, soziale Ungleichheiten, Unterdrückung und Ungerechtigkeit ergeben zusammen ein Pulverfass, das ein einziger Funke zur Explosion bringen kann. Überall auf der Welt.

Buchinformation
Mathias Menegoz, Karpathia
Aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN 978-3-627-00238-1

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10 Kommentare

  1. Zum Vergleichslesen geeignet: Jules Verne, Das Karpathenschloss.

    Auch dort eine düstere Atmosphäre, eine unaufgeklärte Dorfgesellschaft, und Newcomer aus der „modernen“ Welt, die die Geheimnisse ergründen wollen, die es offensichtlich gibt …. und ein völlig überraschendes Ende. Allerdings fast schon zum Lachen. Man kann den Roman aus heutiger Sicht nicht mehr ganz ernst nehmen. Der Roman nimmt sich teilweise auch selbst auf die Schippe.

  2. Pingback: Elizabeth Kostova: Der Historiker | Kaffeehaussitzer

  3. Das klingt großartig. Genau wonach ich gerade suche. Hoffentlich finde ich das hier in irgendeiner Sprache, die ich verstehe.

  4. Wie immer eine äußerst ausführliche und fundierte Besprechung, vielen Dank. Hatte das Buch schon eine ganze Zeit auf dem Merkzettel – interessanterweise auch wegen dem Cover (das ich natürlich gleich mit dem guten, alten Bram Stoker in Verbindung gebracht) – und werde mir den Titel jetzt mit Sicherheit zulegen.

    • Ich hoffe, es ist nicht ZU ausführlich gewesen, aber mit der kurzen Form tue ich mich schwer. Bin gespannt, was Du zu diesem Buch sagen wirst.

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