Düstere Ödnis

Massimo Carlotto: Am Ende eines öden Tages

Giorgio Pellegrini ist wohl einer der unsympathischsten Romanhelden, denen man in einem Leseleben begegnen kann. Ein Mörder, Betrüger, Verräter, Dieb und Hochstapler – der Autor Massimo Carlotto erzählt in „Am Ende eines öden Tages“ dessen Geschichte. Und es ist kaum vorstellbar, aber als Leser beginnt man im Laufe der Story widerwillig mit dem Protagonisten mitzufiebern – vielleicht, weil man tief in eine Welt eintaucht, in der moralische Maßstäbe nicht mehr gelten. Oder zumindest so verschoben sind, dass Giorgio Pellegrinis Handlungen in all ihrer Verwerflichkeit als Mittel zum Zweck zwar nicht entschuldbar, aber nachvollziehbar werden. Ein Kriminalroman voller Sarkasmus, Zynismus und Düsterkeit.

Eigentlich möchte Giorgio Pellegrini nur eines: Ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft sein und seine Tage mit bürgerlicher Langeweile verbringen; öde, aber in Ruhe. Zu Beginn des Buches ist er davon so weit entfernt wie es nur geht. Nach einer kurzen Karriere als Terrorist in Italien konnte er dem Zugriff des Staates entgehen und bei Guerilleros im südamerikanischen Urwald untertauchen. Dort hat er zwei Dinge gelernt; zum einen weiß er, dass er so nicht enden möchte. Zum anderen kann er ohne Skrupel töten.

Einige Kapitel, mehrere Jahre, einen Verrat, einen Deal mit einem korrupten Ermittler und etliche Leichen später ist er seinem großen Wunsch beträchtlich näher gekommen. Ist sesshaft geworden in einer nicht allzu großen norditalienischen Stadt irgendwo im Veneto und bewegt sich Schritt für Schritt auf sein Ziel des bürgerlichen Lebens eines angesehenen Einwohners dieser Stadt zu. Es ist dabei atemberaubend zu lesen, mit welcher Beiläufigkeit er diejenigen per Genickschuss aus dem Weg räumt, die ihm dabei im Weg stehen; ehemalige Gefährten, die etwas zu viel über ihn wissen, Zeugen, die bei der ein oder anderen kriminellen Aktivität behilflich waren. Skrupel plagen ihn dabei nicht.

Denn Pellegrini hat eines schnell begriffen: Die heile Welt der bürgerlichen Existenzen ist nicht nur bei ihm eine Fassade. Der Roman beschreibt die finsteren Auswüchse eines degenerierten Berlusconi-Italiens, eine unheilige Allianz aus Politik, Wirtschaft, Korruption und organisiertem Verbrechen. Es ist eine verkommene Gesellschaft, in der Giorgio Pellegrini gar nicht weiter auffällt. Zumindest so lange nicht, bis er beweisen muss, dass er nicht nur skrupellos, sondern auch brutal agieren kann. Dann allerdings verschiebt sich die moralische Messlatte noch ein Stückchen weiter zu seinen Gunsten. „Korruption, Gewalt, Geld und Heuchelei hatten mir die Türen zur guten Gesellschaft der Stadt geöffnet. Meine früheren Sünden waren vergeben worden, und die, die ich tagtäglich beging, zählten so lange nicht, bis man sie entdeckte. Aber das würde nie geschehen, denn ich war der Bessere. Und der Brutalere.“ Mit Freude zerstört er Existenzen, sieht Frauen als Beutegut an, dringt in ihr Leben ein, demütigt sie, hinterlässt Trümmer, „rauchend und kalt wie der Tod.“

Wie man sich denken kann, bleibt die Fassade seines bürgerlichen Lebens nicht gewahrt. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen tauchen alte Bekannte auf, Gefallen werden eingefordert, dezente Erpressungen formuliert. Für Pellegrini gibt es stets nur eine einzige Lösung, wie er auf diese Störungen reagiert: Mit einem weiteren Kopfschuss. „Der Genickschuss hat etwas Feierliches, wie ein Gerichtsurteil. Er ist Gerechtigkeit.“ Und so mordet er weiter, um irgendwann nicht mehr morden zu müssen. Ein wenig mag das an das Dilemma eines Tom Ripley erinnern, doch während dieser von einem Mord zum nächsten stolpert, plant Giorgio Pellegrini sein Vorgehen mit perfider Freude am Töten. Aber jedes Mal wird es enger für ihn. Irgendwann kommt die Mafia ins Spiel, die Karten werden neu gemischt, Hierarchien neu geordnet. „Hierarchien waren unabdingbar fürs Überleben. Nur der am unteren Ende der Pyramide war am Arsch. Deswegen war es so wichtig, in dieser Welt den richtigen Platz zu finden. Egal um welchen Preis.“ Und Pellegrini hat nicht vor, sich von seinem Platz ohne weiteres verdrängen zu lassen.

Massimo Carlotto hat mit Pellegrini ein Monster erschaffen. Ein Monster, das im korrupten und verdorbenen Umfeld der italienischen Realitäten den perfekten Nährboden findet, um zu wachsen und zu gedeihen. Die kurzen, lakonischen Dialoge, der gnadenlose Mörder als Ich-Erzähler, schnelle Schnitte, die immer wieder überraschende Brutalität und Gewalt machen das Buch zu einem Pageturner, der sicherlich nicht jedem Leser gefällt; der aber auch nach der letzten Seite nachhallt, da er uns Normalbürger einen Blick in eine Welt ermöglicht, die wir so kaum für möglich halten würden. Die aber da ist, dort draußen, um uns herum. Und sicherlich nicht nur in Italien.

Ein düsterer Roman, auf den ich übrigens nur wegen der hervorragenden und sehr passenden Umschlaggestaltung des Tropen Verlags aufmerksam geworden bin.

Buchinformation
Massimo Carlotto, Am Ende eines öden Tages
Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel,
Katharina Schmidt und Barbara Neeb
Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50137-7 

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2 Kommentare

  1. Dieses Buch hört sich für mich so interessant an, das ich es mir gerade geholt habe. Und ich bin so sehr jetzt schon davon überzeugt, das ich es auch schon auf Twitter weiter empfohlen habe! Ich hoffe ich habe mich jetzt nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt!

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