Roadmovie durch die Apokalypse

Cormac McCarthy, Die StraßeSeit „All die schönen Pferde“ und „No Country for Old Men“ gehörte Cormac McCarthy für  mich sowie schon zu den ganz Großen der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Dann habe ich „Die Straße“ in die Hände bekommen. Ein unglaubliches Buch. 253 Seiten. Also eigentlich nicht dick, zwei Abende, höchstens. Ich habe eine Woche dafür gebraucht, der Text ist wie ein permanenter Faustschlag und ich musste immer wieder aufhören zu lesen, um mich davon zu erholen und die Handlung sacken zu lassen.

Die Welt wie wir sie kennen ist untergegangen, durch einen Atomkrieg, eine Katastrophe, alles ist verbrannt, die apokalyptische Landschaft voller Trümmer und kahler Bäume ist von einer Ascheschicht bedeckt. Ein eiskalter Wind bläst, die Sonne ist nicht mehr hinter den dunklen Wolken zu sehen. Die paar wenigen Überlebenden, die es gibt, haben sich zu Banden zusammengerottet, die sich gegenseitig jagen. Inmitten dieser Hölle ist ein Vater mit seinem kleinen Sohn unterwegs, ihre wenigen Habseligkeiten schieben sie in einem Einkaufswagen mit sich, hungern, frieren, sind verzweifelt. Ein Vater und sein Sohn, ihre Namen sind mit ihrem Leben vor der Katastrophe verschwunden. Irgendwo, vage im Süden soll es noch unzerstörtes Land geben. Dorthin sind sie unterwegs. Schleppen sich durch das verwüstete Land, verstecken sich, werden verfolgt, wehren sich. Die Trostlosigkeit und Verzweiflung schildert der Autor so eindrücklich, dass man es kaum aushält. Zerstörte Straßen, Brücken, Städte werden zu Monumenten der Vernichtung unserer Welt. Aber er beschreibt auch die bedingungslose Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, die beiden Kraft gibt und Hoffnung und sie nicht untergehen lässt.

Das Buch hat mich völlig aufgewühlt zurückgelassen. Was würde man selbst tun, wenn man an der Stelle des Vaters wäre? Wie weit wäre man selbst bereit zu gehen? Und der Autor schreibt auf seine nüchterne Art so mitreißend, dass man sich diese Frage beim Lesen permanent stellt. Ob das Buch gut endet, sofern ein „gutes“ Ende inmitten der Apokalypse überhaupt möglich ist, bleibt bis kurz vor Schluss ungewiss. Alles wäre möglich.

Es ist jetzt schon vier Jahre her, seit ich „Die Straße“ gelesen habe, aber jetzt, wo das Buch neben mir liegt und ich diesen Text schreibe, steht die ganze Geschichte in all ihren Einzelheiten wieder vor mir. Man vergisst sie nicht. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, das Buch noch einmal zu lesen und ein weiteres Mal in diese Welt voller Vernichtung und Hoffnung abzutauchen. Wahrscheinlich schon. Bestimmt. Unbedingt.

Buchinformation
Cormac McCarthy, Die Straße
Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl
Rowohlt Taschenbuch
ISBN 978-3-499-25552-6

4 Kommentare

  1. Pingback: Endzeit? Danke, mir reicht „Die Straße“ von McCarthy | brasch & buch

  2. Pingback: Ausgelöscht | Kaffeehaussitzer

    • Das kann man. Unbedingt sogar. Aber er wird es vermutlich erst richtig als Liebeserklärung verstehen, wenn er selbst Vater geworden ist.

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