Blogger für Flüchtlinge

FluchtAuf den Tag genau heute vor 23 Jahren saß ich in einer französischen Kneipe, irgendwo zwischen Burgund und den Rhône-Alpen. Wir waren zu zweit unterwegs, mit dem Fahrrad von Freiburg aus in die Camarque. Nach einem langen und anstrengenden Rad-Tag freuten wir uns auf ein entspanntes Feierabendbier, aber daraus wurde leider nichts. Denn in jener Kneipe hing ein Fernseher, auf den alle wie gebannt starrten. Zu sehen waren bürgerkriegsähnliche Zustände, ein Mob, der Brandsätze warf, auf Polizisten losging und versuchte, Häuser anzuzünden, aus denen verängstigte Menschen schauten. Es war widerlich. Und das alles in Deutschland, in Rostock-Lichtenhagen. Wir sagten kein Wort, da wir es vermeiden wollten, Deutsch zu sprechen und schauten, dass wir so schnell wie möglich die Kneipe verließen. Wir waren wütend und sprachlos zugleich und schämten uns für das, was in unserem Land geschah.

Allerdings war und ist das falsch. Komplett falsch. Denn schämen müssen nicht wir uns, sondern diejenigen, die dumpfbackig grölend auf hilflose Menschen losgehen und damit alles was gut ist in unserem Land in den Dreck ziehen und beleidigen. Heute, über zwei Jahrzehnte später, beginnen sich die Bilder zu wiederholen. In anmaßender Weise nennen sich die pöbelnden und gewalttägigen „Demonstranten“ heute „besorgte Bürger“, aber sie sollten wissen, dass sie das nicht sind. Sondern einfach nur Rassisten.

Unsere Welt wandelt sich, ob wir das wollen oder nicht. Es ist vielleicht nicht immer einfach, das zu begreifen und zu akzeptieren, aber das kann niemals eine Rechtfertigung sein, Gewalt gegen wehrlose Menschen zu propagieren oder gar auszuüben. Wer das tut, stellt sich außerhalb all dessen, was das Menschsein ausmacht.

Kein Flüchtling kommt freiwillig zu uns. Sie kommen, weil in ihren Ländern Krieg herrscht, weil sie dort mit Tod, Folter und Verfolgung rechnen müssen. Weil sie aus Regionen kommen, die nicht zuletzt durch Folgen unserer Politik vollkommen destabilisiert sind. Oder verkürzt ausgedrückt: Wer Waffen exportiert und für billiges Öl Kriege vom Zaun bricht, darf sich nicht über Flüchtlinge vor der eigenen Haustüre wundern. Von den Folgen jahrhundertelanger Kolonialpolitik gar nicht erst zu reden. Und wer diese Menschen, die in größter Not zu uns kommen, mit Steinen und Hass empfängt, der ist schlicht und ergreifend moralischer Abschaum.

Doch so laut der aufgebrachte Mob auch schreien mag, wir sind mehr. Denn etwas hat sich verändert in den letzten 23 Jahren; wieder bin ich wütend, aber man sitzt nicht mehr alleine sprachlos vor dem Fernseher. Heute können wir uns vernetzen, gemeinsam die Stimme erheben und den rechten Hetzern entgegenrufen: Ihr seid nicht das Volk. Ganz und gar nicht. Schämt euch.

Gleichzeitig sei denjenigen gesagt, die sich durch die katastrophale Flüchtlingspolitik der Bundesregierung verunsichert und alleingelassen fühlen: Lasst euch nicht vor den Karren rechtsradikaler Volksverhetzer spannen, lauft nicht den braunen Rattenfängern hinterher. Wenn ihr mit der Politik nicht einverstanden seid, wenn ihr demonstrieren wollt, dann macht das vor dem Bundeskanzleramt. Nicht vor Häusern mit traumatisierten Menschen und weinenden Kindern. Und vielleicht bekommt dann auch Frau Merkel mit, dass hier gerade so einiges aus dem Ruder läuft.

Die Initiative #BloggerFuerFluechtlinge wurde von Paul Huizing, Karla Paul, Nico Lumma und Stevan Paul angeschoben. Blogger völlig verschiedener Themenbereiche schließen sich hier mit dem Ziel zusammen, gemeinsam Zeichen zu setzen gegen Fremdenhass und Rassismus. Und um gemeinsam Flüchtlingen zu helfen. Ursprünglich wurde der Aufruf als Spendenaktion für „Moabit hilft“ gestartet, inzwischen ist daraus eine bundesweite Bewegung geworden. Macht mit: Spendet Geld, fragt, wo und wie ihr in Eurer Stadt helfen könnt, sagt Eure Meinung unter dem Hashtag #BloggerFuerFluechtlinge. Hier in Köln seien als Initiativen die Aktion neue Nachbarn oder das Kölner Flüchtlingszentrum FliehKraft genannt.

Abschließend möchte ich auf mein Leseprojekt Herkunft und Heimat hinweisen. Denn ich bin der Sohn eines Flüchtlings. Der Enkel von Flüchtlingen. Und der Ur-Ur-Ur-Urenkel einer Flüchtlingsfamilie, so wie viele, viele Millionen andere Deutsche auch. Es ist lohnenswert, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Besonders jetzt.

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8 Kommentare

  1. BloggerfürFlüchtlinge, eine tolle Aktion, die auf jeden Fall eine Menge aufmerksam mit sich gezogen hat und tatsächlich auch Geldspenden eingebracht hat.

  2. Danke!! Mir ist gestern erneut dasselbe passiert. Schulessensgeld als Aufhänger… Ich fass es immer noch nicht! Danke, dass du für mich die Gedanken sortiert und Worte gefunden hast!

  3. Ich bin noch oder besser: wieder – in einer Schockstarre. Aber Du hast Recht: Wir können uns heute besser wehren. Wir leben in keiner Diktatur und wir haben nicht nur Meinungsfreiheit, sondern auch viele Möglichkeiten, uns zu artikulieren. Und nicht zuletzt zu helfen. Danke für den Artikel. Er macht mich wieder zuversichtlicher.

  4. Pingback: Deutlich sein | Pia Ziefle | Autorin

  5. Pingback: Blogger für Flüchtlinge, gegen den braunen Mob | rotewelt

  6. Pingback: Zwanzig Mark und sonst nichts – #BloggerFuerFluechtlinge | Muromez

  7. Danke dir für deine Worte. Ja, es ist schrecklich, ich unterschreibe alles, was du zur Situation und auch den Hintergründen sagst und trotz allem ist es ein kleines bisschen beruhigend zu sehen, dass der pöbelnde strunzdumme widerliche Mob (noch) nicht die Mehrheit bildet.

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