Hommage an B. Traven

Torsten Seifert: Wer ist B. Traven?

Der Roman „Wer ist B. Traven?“ von Torsten Seifert ist in zweifacher Hinsicht ein besonderes Buch. Zum einen bringt uns der Roman den Mythos B. Traven auf eine sehr spannende und unterhaltsame Weise näher, schickt uns auf eine Spurensuche und legt dabei eine Menge falscher Fährten. Und zum anderen wegen des Aufklebers, der auf der Schutzfolie klebt und der stolz verkündet „Blogbuster – Preis der Literaturblogger“. Denn „Wer ist B. Traven?“ ist der Siegertitel des Blogbuster-Wettbewerbs 2017. Fünfzehn unterschiedliche Blogs wählten aus 252 eingereichten Manuskripten je eines aus, die hochkarätig besetzte Jury kürte daraus den Gewinner, der als Preis einen Buchvertrag bei Klett-Cotta/Tropen erhielt. Und jetzt liegt dieses Buch zur großen Freude aller Beteiligten in den Buchhandlungen.

Aber wer ist nun B. Traven, der große Unbekannte der Literaturgeschichte? Ein überaus erfolgreicher Autor um die Mitte des letzten Jahrhunderts, der mit seinen Verlagen nur über ein Postfach in Mexiko kommunizierte und dessen Bücher riesige Auflagen erreichten. Eines seiner bekanntesten Werke ist „Der Schatz der Sierra Madre“, das 1947 von John Huston mit Humphrey Bogart in einer der Hauptrollen verfilmt wurde. Genau hier setzt das Buch ein, als der erfolgreiche, in L.A. lebende Klatschreporter Leon Borenstein von seinem Zeitungsverleger nach Mexiko ans Filmset geschickt wird. John Huston dreht dort mit seiner Filmcrew mitten in einer unwirtlichen, wüstenartigen Einöde; angeblich soll die filmische Umsetzung des Romans mit einem Vertrauten B. Travens vor Ort bis ins Detail abgestimmt werden. Leons Aufgabe: Diesen Vertrauten auszuspionieren, um so endlich das Geheimnis um den Schriftsteller zu lösen, dessen Werke spätestens seit dem Beginn dieses Filmprojekts in aller Munde sind, den aber noch nie jemand gesehen hat.

Damit beginnt eine Suche, die Leon Borenstein durch Mexiko, über die USA nach Wien und wieder zurück nach Mexiko führt. Er wird mit Humphrey Bogart Schach spielen, sich in eine schöne Unbekannte verlieben, ehemalige republikanische Spanienkämpfer kennenlernen, knapp dem Tod entgehen, im Krankenhaus landen, in zwielichtigen Gegenden Mexiko-Stadts einem Tipp nachgehen und trotzdem das Gefühl haben, dem legendären B. Traven keinen Schritt näher zu kommen. Bis er vielleicht doch noch eine Chance erhält. Vielleicht. Gleichzeitig begeistert er sich zunehmend für die Werke des Schriftstellers, saugt sie regelrecht in sich auf, „B. Traven wirkte wie ein Bote aus einer anderen Welt. Einer, der keine heldenmütigen Phantasien zu Papier brachte, sondern Abenteuer so beschrieb, wie er sie selbst erlebt hatte, ganz ohne falsche Romantik. Seine Worte übten auf ihn eine magische Wirkung aus.“

Als eine Mischung aus Abenteuergeschichten, Gesellschaftskritik und revolutionärem Gedankengut sind B. Travens Romane bis heute lesenswert, die Verfilmung von „Der Schatz der Sierra Madre“ gilt als Hollywood-Klassiker. Und seit einiger Zeit weiß man, dass sich hinter dem Pseudonym wohl der Revolutionär Ret Marut versteckte, der 1919 nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik aus Deutschland und Europa fliehen musste und in Mexiko untertauchte. Und als geheimnisvoller Autor weltweit Erfolge feierte. Wer Ret Marut (ein Akronym für Armut?) aber gewesen ist, das konnte bis heute niemand hundertprozentig herausfinden, auch wenn es dazu eine Menge Theorien und Wahrscheinlichkeiten gibt. Auf jeden Fall eines der großen Rätsel der Literaturgeschichte.

Es ist eine wunderbare Idee von Torsten Seifert, mit seinem Buch „Wer ist B. Traven“ diesen legendären Autor uns wieder ins Gedächtnis zu rufen; einen Autor, dessen Lebenslauf schon klingt wie ein langer Abenteuerroman. Und es ist vor allem eine sehr gelungene Idee, denn Seiferts Roman ist nicht nur eine Hommage an B. Traven, sondern eine Zeitreise in die ausgehenden vierziger Jahre, eine Epoche, in der die ersten Ausläufer des kommenden technischen Fortschritts bereits zu spüren waren. Dieser spezielle Sound der Zeit mit ihren anzugtragenden, rauchenden Männern, den chromblitzenden Autos, aber auch der vollkommenen Abgeschiedenenheit der Landstriche abseits der Großstädte oder der Stimmung in den kriegszerstörten Städten Mitteleuropas klingt aus jeder Zeile des Buches. Ebenso wie übrigens auch die revolutionären Ansichten Travens, die bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben. Etwa wenn es heißt: „Das größte Leid auf Erden ist nämlich, dass die Menschen entweder gar keine Anschauung haben oder nur eine geborgte. Und die geborgte haben sie meist von Parteien, Führern oder der Kirche.“
Ein zeitlos gültiger Satz eines Schriftstellers, der geradezu prädestiniert dazu ist, in unserer Zeit neu entdeckt zu werden. Torsten Seiferts Buch könnte der erste Schritt in diese Richtung sein.

Zwei von Travens Büchern stehen auch in meinem Bücherregal, sie stammen aus dem Jahr 1927 und sind damals in der Büchergilde Gutenberg erschienen. Ein faszinierender Gedanke, dass zur Zeit ihres Erscheinens jener geheimnisvolle Unbekannte irgendwo in Mexiko saß, diese Buchmanuskripte nach Deutschland schickte, sie in Berlin gedruckt wurden und ich sie Jahrzehnte später auf einem Flohmarktstand in Leipzig finden konnte – mein erster Kontakt mit B. Traven.

Ein Lesetipp zum Weiterlesen

Perfekt zum Thema passend ist das neue Buch von Volker Weidermann. In „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“ beschäftigt er sich mit der Revolution 1918/1919 und der Münchener Räterepublik. Er beschreibt einen kurzen, aber intensiven Zeitraum von ein paar Monaten, in dem Dichter und Schriftsteller wie Ernst Toller, Erich Mühsam oder Gustav Landauer Politik machten und die einmalige Gelegenheit hatten, ihre Träume von einer besseren Welt Realität werden zu lassen. Eine Realität, die nach kurzer Zeit in Blut, Tod und Verfolgung endete. Und Ret Marut zu B. Traven werden ließ. Zu diesem Buch gibt es hier bald mehr zu lesen.

Neue Runde: Der Blogbuster-Preis

Abschließend möchte ich an dieser Stelle noch einmal Torsten Seifert ganz herzlich zu seinem Erfolg gratulieren und mich für sein wunderbares Buch bedanken. Ebenso beglückwünsche ich Blogger-Kollegen Tilman Winterling für sein Gespür, als er diesen Titel zur Abstimmung beim Blogbuster-Preis eingereicht hat. Und damit nicht genug, denn von den 14 Manuskripten, die es in die Endrunde geschafft hatten, haben inzwischen acht einen Verlags- oder Agenturvertrag erhalten; mit dabei ist das Buch, das von diesem Blog in die Abstimmung geschickt wurde.

Auch dieses Jahr ist der Blogbuster-Wettbewerb wieder angelaufen, diesmal erhält das Siegermanuskript einen Verlagsvertrag bei Kein & Aber. Wer also ein unveröffentlichtes Romanmanuskript in der Schublade hat: Her damit! Alle Teilnahmeinformationen gibt es auf der Webseite des Wettbewerbs.

Ich bin schon gespannt, über welches Buch in einem Jahr hier berichtet wird.

Buchinformation
Torsten Seifert, Wer ist B. Traven?
Klett-Cotta/Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50347-0

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Düstere Eleganz

Mathias Menegoz: Karpathia

Eine trutzige Burg, umgeben von bewaldeten Bergen, kaum sichtbar im nebligen Dunst. Düster. Unheilschwanger. Bedrohlich. Als ich das Buch „Karpathia“ von Mathias Menegoz das erste Mal gesehen habe, war mir anhand dieses Umschlagphotos sofort klar, dass ich es unbedingt lesen möchte. 636 Seiten später kann ich diese Vorahnung bestätigen: Der Roman hat mich mit seinem ganz eigenen Stil vollkommen begeistert.

Die Handlung beginnt im November 1833 in einem Wiener Kaffeehaus, wo wir dem Grafen Alexander Korvanyi zum ersten Mal begegnen, jüngster Sproß eines fast ausgestorbenen magyarischen Adelsgeschlechts. Ein Duell und eine Hochzeit später macht sich jener Graf mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Cara auf den Weg zu dem Stammsitz seiner Familie, einer alten Burg irgendwo am Rande der Karpaten, mitten in Transsilvanien. Die Burg mit den dazugehörigen Wäldern und Ländereien werden von einem Verwalter bewirtschaftet; Graf Korvanyi hat sie noch nie gesehen. Er und seine Frau träumen davon, fernab aller gesellschaftlichen Verplichtungen Wiens ein neues Leben als Landadlige zu beginnen. Es ist schon beinahe eine Flucht aus der Großstadt, denn „er war von der Mittelmäßigkeit und Erbärmlichkeit abgestoßen, die ihn umgab. Obwohl ihm bewusst war, dass in diesem Gefühl der Überlegenheit eine gute Portion Hochmut enthalten war, wagte er dennoch nicht, es in Zweifel zu ziehen, denn er stützte sich schon so lange darauf, dass er fürchtete, ohne es zusammenzubrechen.“

Ausführlich wird die beschwerliche Anreise geschildert, erst per Schiff die Donau entlang, dann per Kutsche über immer kleinere Straßen und durch immer armseligere Dörfer bis die beiden mitsamt Dienerschaft in einer kalten Nacht die finstere und abweisende Burg der Korvanyis erreichen, wo klamme Räume und eingeschüchterte Dienstboten auf sie warten. Durch die ausführliche Wegbeschreibung wird deutlich, wie weit weg sich das Grafenpaar von seiner bisher gewohnten städtischen Umgebung entfernt hat, tief hinein in eine abgelegene und nur schwer zugängliche Landschaft am Rande des österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaats.

Und tief hinein in eine archaische Gesellschaft, in der noch fast mittelalterliche Regeln gelten. Die Bauern leben in völliger Abhängigkeit der Feudalherren, beinahe noch in Leibeigenschaft; den magyarischen Adelsfamilien gehört sämtlicher Grund und Boden mit allen zugehörigen Dörfern. Bewohnt wird die Gegend von drei Bevölkerungsgruppen: Den Magyaren, also Ungarn, den sächsischen Siedlern, also Deutschen, und den rumänischen Walachen, die, obwohl sie die Mehrheit bilden, am rechtlosesten sind. Zwischen diesen Gruppen brodelt es, sie begegnen sich mit Mißtrauen und Verachtung. Dazu kommen religiöse Unterschiede zwischen den katholischen Ungarn und den orthodoxen Walachen sowie ein in der Luft liegender gesellschaftlicher Umbruch – denn die revolutionären Ereignisse im Europa der Jahre 1831 und 1832 sind auch in dieser abgelegenen Gegend nicht ganz unbemerkt geblieben. Einige Jahrzehnte zuvor – 1784 – gab es einen Aufstand der walachischen Bauern, dem etliche Adlige zum Opfer fielen, bevor er brutal niedergeschlagen wurde.

Von alldem wissen Alexander und Cara nichts, als sie auf dem Stammsitz der Korvanyis eintreffen. Und es würde sie auch nicht interessieren – zu sehr leben sie in der Welt ihrer eigenen Vorstellungen. Vieles liegt im Argen, seit vielen Jahren residierte kein Korvanyi mehr auf der maroden Burg. Jetzt sollen die Güter wieder auf Vordermann gebracht werden, ohne große Rücksicht auf die Bedürfnisse der Fronbauern. Alexander von Korvanyi steigert sich immer mehr in die Rolle eines Feudalherren hinein, dessen Wort Gesetz ist. Eine Schlüsselszene dabei ist sein Besuch in der viele Jahre verschlossenen Familiengruft, wo er die beim Aufstand 1784 aus den Särgen gerissenen Gebeine seiner Vorfahren findet. „Als er das Durcheinander der Gebeine auf dem Boden betrachtete, begriff Alexander, dass es unmöglich wäre, diese Katastrophe rückgängig zu machen. Er sah nicht mehr die Reihe einzelner Vorfahren vor sich, sondern die ganze »Familie«: eine geschlossene Einheit, durch die Zeit und den Hass zusammengeschmolzen, deren Opfer sie bis über den Tod hinaus war.“

Immer düsterer wird Alexanders Stimmung, immer ausgeprägter sein elitäres Sendungsbewusstein, denn „nur die Wiederherstellung der Ordnung konnte die Demütigung durch die verletzte Ehre mildern, die seit 1784 auf diesem Ort lag. Bevor er wieder zur Kapelle hochstieg, hob der Graf seine Laterne für einen letzten Gruß und einen letzten umfassenden Blick, ein Bild, das er künftig als ständige Erinnerung an seine Aufgabe in sich tragen würde.“ Alexander und Cara entfremden sich zunehmend voneinander.

Gleichzeitig gibt es Gegenspieler, die unerkannt gegen den Grafen opponieren. Der walachische Pope, der überall seine Fäden zieht. Der bisherige Gutsverwalter, der um seine Position fürchtet. Und etliche mehr, die nach und nach ins Spiel kommen. Denn in kürzester Zeit schaffen es die Korvanyis, überall mit Mißtrauen beäugt zu werden. Die Situation beginnt sich zu verschärfen, zuerst ganz langsam, wie eine Lawine, die sich in Bewegung setzt. Bis es irgendwann kein Halten mehr gibt. Und dann wird es blutig. Ziemlich blutig.

Viel mehr soll nicht verraten werden – zu vielschichtig ist die Handlung, zu viele Bausteine sind es, die kunstvoll aufeinander gesetzt sind. Bis sie einen Turm ergeben, der in sich zusammenstürzt und alles unter sich begräbt, als irgendwann zu viele dieser Steine weggezogen werden.

Dies alles in einer düster-eleganten Sprache, die stilistisch perfekt zum 19. Jahrhundert und zur menschenleeren Landschaft Siebenbürgens passt. Die den Leser ganz ruhig in die Geschichte hineinführt, aber bald ahnen lässt, dass Ereignisse in der Luft liegen, die ihren Tribut fordern werden. Die dann aber doch in ihrer Heftigkeit überraschend hereinbrechen, eines nach dem anderen, bis nichts mehr so ist, wie es war.

Ganz nebenbei bringt uns der Autor historische Fakten nahe, die kaum bekannt sind. Und obwohl die Geschehnisse in einer entlegenen europäischen Gegend und vor 180 Jahren spielen, obwohl die Protagonisten alle Kinder ihrer Epoche und ihrer Wertvorstellungen sind, wirken die geschilderten gesellschaftlichen Verwerfungen seltsam modern. Denn das alles ist uns ebenfalls vertraut: Spannungen zwischen verschiedenen Volksgruppen, religiös motivierte Konflikte, soziale Ungleichheiten, Unterdrückung und Ungerechtigkeit ergeben zusammen ein Pulverfass, das ein einziger Funke zur Explosion bringen kann. Überall auf der Welt.

Buchinformation
Mathias Menegoz, Karpathia
Aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN 978-3-627-00238-1

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Leseprojekt Tragödie eines Volkes

Leseprojekt Tragoedie eines Volkes

Seit etlichen Jahren steht das Buch „Die Tragödie eines Volkes“ des Historikers Orlando Figes ungelesen im heimischen Regal. Es beschreibt die russischen Schicksalsjahre zwischen 1891 und 1924. Im Oktober 2017 jährte sich die russische Revolution zum hundertsten Mal – also ein perfekter Anlass, um sich endlich einmal diesem Meilenstein der Geschichtsschreibung zu widmen. Dabei fiel mir auf, dass Figes‘ Werk nicht das einzige Buch in meinem Bücherschrank ist, dass sich mit dem Thema russischer Geschichte im 20. Jahrhundert beschäftigt. Bei weitem nicht. Vielmehr hat sich hier ein ganzer Stapel an Literatur angesammelt, der die verschiedendsten Facetten dieser hundert russischen Jahre ausleuchtet.

Aus diesem Grund wird es nun ein weiteres Leseprojekt auf Kaffeehaussitzer geben. Meine Leseprojekte sind thematisch zusammengestellte Titellisten, die oft während der Leküre weiter anwachsen. Sie dienen der Orientierung, das Ende ist vollkommen offen. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um Sachbücher oder Romane handelt; vor allem geht es dabei um die inhaltliche Klammer, mit der die zusammengestellten Bücher in einen Kontext gestellt werden, um sich intensiver mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen. Weiterlesen

Ein Blues-Song als Botschaft

Hari Kunzru: White Tears

Der Roman „White Tears“ von Hari Kunzru ist für mich eines der bemerkenswertesten, spannendsten und vielschichtigsten Bücher des Jahres. Im September hatte ich außerdem das große Vergnügen, den charismatischen Autor im Kölner Literaturhaus live zu erleben. Es war ein gelungener Abend und seine Erläuterungen haben noch einmal die zentralen Aussagen der Erzählung unterstrichen.

Worum geht es? Auf den ersten Blick um die Geschichte der beiden Freunde Seth und Carter, die in New York ein Tonstudio betreiben. Auf den zweiten Blick aber um viel, viel mehr. Aber der Reihe nach. Weiterlesen

Provokation als Geschäftsmodell

Buchblogger gegen Rechts

Auf der diesjährigen Buchmesse haben drei Kleinverlage, die rechtslastige und rechtsradikale Schriften publizieren, die gesamte Medienlandschaft genutzt, um mit mindestmöglichem Aufwand größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Und man muss sagen, sie waren und sind damit sehr erfolgreich. Leider.

Es ist eine Zwickmühle: Auf der einen Seite ist es richtig, sich darüber zu empören, dass auf der Buchmesse die geistigen Brandstifter der rechten Szene in Deutschland auftreten. Auf der anderen Seite steigert jeder Aufreger ihren Bekanntheitsgrad weiter. Weiterlesen

Buchblog-Award, Buchmesse und Adrenalinrausch

So. Jetzt muss ich das endlich mal aufschreiben, damit ich es schwarz auf weiß lesen kann: Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 wurde der Kaffeehaussitzer mit dem Hauptpreis des 1. Buchblog-Awards ausgezeichnet.

Ich bin immer noch überwältigt. Da fängt man aus einer Laune heraus an, einen Literaturblog zu betreiben, erschafft sich mit Hilfe der sechsundzwanzig Buchstaben des Alphabets ein virtuelles Zuhause – und steht viereinhalb Jahre später auf einer Tribüne vor hunderten von applaudierenden Menschen, um einen Preis für den besten deutschsprachigen Buchblog entgegenzunehmen. Ich habe den Rest des Tages im Adrenalinrausch verbracht, bin spätabends zurück nach Köln gefahren und war am nächsten Morgen schon wieder wach, als es noch dunkel war. Den Tag habe ich mit einem langen Spaziergang am Rhein verbracht, bin später durch verschiedene Buchhandlungen gebummelt und anschließend in einem meiner Kölner Lieblingscafés gelandet. Klar, wo sonst? Weiterlesen

Wir haben die Wahl. Jeden Tag

Wo anfangen? Vielleicht mit dem vorläufigen Höhepunkt einer jahrelangen Entwicklung: Bei der Bundestagswahl 2017 wurde mit der AfD eine Partei in unser Parlament gewählt, die offen rassistisches, antisemitisches und reaktionäres Gedankengut vertritt. Die für all das steht, was viele von uns für überwunden gehalten haben. Oder von dem sie zumindest gedacht haben, es sei in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Weit gefehlt. Leider.

Aber woher kommt dieser Trend hin zum rechten Rand? Woher kommt diese Wut auf die etablierten Parteien und die Politik? Dieser Wunsch, „denen da oben“ mal so einen richtigen Denkzettel zu verpassen? Viel wurde darüber im Vorfeld der Wahl geredet und geschrieben, es ging um die Situation der Abgehängten, der Wendeverlierer, um immer weiter auseinanderklaffende gesellschaftliche Risse, arm und reich, Stadt und Land, Flüchtlingskrise, Unterschiede im kulturellen Denken und vieles mehr.

All diese Punkte, einzeln oder gemeinsam betrachtet, sind Symptome eines gravierenden gesellschaftlichen Wandels, der vor drei Jahrzehnten begonnen hat und der noch längst nicht abgeschlossen ist. Vielmehr sind es nur die ersten politischen Ausläufer, die wir durch die Bundestagswahl mitbekommen haben. Dieser gesellschaftliche Wandel ist die Erosion des Mittelstands und er betrifft uns alle. Weiterlesen

56 Hope Road, Kingston

Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Was weiß ich eigentlich über Jamaika? Oder vielmehr, was wusste ich über diese Insel, bevor ich den Roman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ von Marlon James gelesen habe? Nicht allzu viel, außer dass dort Bob Marley und Peter Tosh den Reggae erfunden hatten. In Verbindung mit dieser Musik stellte ich mir das Leben dort irgendwie entspannt vor. Weit gefehlt. Sehr weit.

Nichts wusste ich von der erschreckenden Gewalttätigkeit. Nichts von den Elendsvierteln in Kingston wie etwa Eight Lanes, Copenhagen City, Rema oder den riesigen Müllbergen in Garbage Lands. Nichts von den Gangs, die diese Viertel beherrschten. Nichts von dem alltäglichen Rassismus, einem Erbe der düsteren Kolonialzeit. Nichts von der brutalen Kriminalität, dem Drogenhandel, der korrupten Polizei, von der Verstrickung der Politik in zahlreiche Morde. Und nichts davon, dass in den siebziger Jahren die PNP – eine der beiden großen politischen Parteien –  eine Art sozialistisches Experiment gestartet hatte. Was auf der einen Seite sofort die CIA mit ihren Destabilisierungsexperten auf den Plan rief, da man kein zweites Kuba vor der Haustüre haben wollte. Und zum anderen Fidel Castro seine Unterstützer schickte. Die rivalisierenden Gangs wurden bewaffnet, Überfälle und Drive-by-Shootings waren an der Tagesordnung, das Land versank in Chaos und Gewalt, Menschenleben zählten nichts, alles war nur einen Schritt von einem Bürgerkrieg entfernt.

Legendär dann das erste Friedenskonzert am 5. Dezember 1976 in Kingston, das Smile Jamaica Peace Concert, in dem Bob Marley zur Versöhnung zwischen den Gangs und zwischen den Parteien aufrief. Ein angeschossener Bob Marley, denn zwei Tage zuvor kam er bei einem Anschlag nur knapp mit dem Leben davon; ein Schuss hatte seine Brust durchlöchert, als sieben Männer mit Pistolen und automatischen Waffen sein Anwesen in der 56 Hope Road stürmten.

Mitten hinein in die aufgeheizte und angespannte Atmosphäre dieser Zeit führt uns Marlon James‘ Roman. Weiterlesen

Unsere Welt. Nur anders

Omar El Akkad: American War

Natürlich war mir das Buch mit dem düsteren Cover und dem einprägsamen Titel schon in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens aufgefallen. Doch spätestens nach der mitreißenden Besprechung im Blog masuko13 war klar, dass ich an dem Roman „American War“ von Omar El Akkad auf keinen Fall vorbeikommen würde. Und es hat sich gelohnt, denn diese finstere Geschichte wird für eine lange Zeit im Gedächtnis bleiben.

Um was geht es? Der Titel sagt es schon, um einen amerikanischen Krieg. Genauer: Um den zweiten amerikanischen Bürgerkrieg, der zwischen den Jahren 2074 und 2095 stattgefunden hat und über den rückblickend berichtet wird. Um eine Welt in Auflösung; die letzten zwei Sätze des Prologs fassen das gesamte Buch zusammen: „Dies ist keine Geschichte über den Krieg. Es ist eine Geschichte über Zerstörung.“ Und zerstört wird im Laufe der Handlung nicht nur das Land, nicht nur die Städte, nicht nur Straßen und Brücken und Bahnlinien. Zerstört werden die Menschen, auch wenn sie nicht ihr Leben im Krieg verlieren. Zerstört wird alles, was das menschliche Miteinander ausmacht. Weiterlesen

Ein Haus für die Literatur

Ein Besuch im Literaturhaus Köln

Ehrlich gesagt macht es Köln einem nicht immer leicht. Zumindest mir nicht. Als ich vor sechzehn Jahren berufsbedingt hier ankam, war ich anfangs entsetzt über die monotone Hässlichkeit der Nachkriegsarchitektur, die das Stadtbild an vielen Stellen prägt. Stand ratlos in den Betonwüsten der öffentlichen Plätze, die eindruckvoll demonstrieren, wie sehr die Stadtplanung der siebziger Jahre versagt hat. Erst nach einer Weile merkte ich, was die Stadt lebenswert macht. Etwa die unkomplizierte Art der Menschen. Das quirlige Leben. Und immer wieder schöne Orte, die es in der urbanen Wüste zu entdecken gibt. Orte, die dadurch umso intensiver wirken. Orte, auf die man erst nach und nach aufmerksam wird und die das Leben in dieser Stadt ausmachen. Orte, die Köln zu einem Zuhause werden lassen.

Einer dieser Orte ist das Kölner Literaturhaus. Ein guter Grund, dort einmal hinter die Kulissen zu schauen und diesen Treffpunkt für Literaturbegeisterte und Buchmenschen hier auf Kaffeehaussitzer vorzustellen. Deshalb habe ich dort außerhalb der Veranstaltungszeit vorbeigeschaut und mich mit Bettina Fischer und Tilman Strasser unterhalten. Bettina Fischer ist Leiterin des Literaturhauses Köln, Tilman Strasser ist Ansprechpartner für Kommunikation und Online-Aktivitäten; aus unserem Gespräch ist der folgende Beitrag entstanden. Weiterlesen

Auf Rattenjagd

Der Spruch von den Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, hat sich selten in einer solchen Dimension bewahrheitet wie nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur im Jahr 1945. Unzählige Täter tauchten unter, vielen gelang es, das von ihnen zerstörte Europa zu verlassen und besonders in südamerikanischen oder arabischen Ländern Zuflucht zu finden. Hier siegte Politik über Gerechtigkeit: Anstatt so viele Nazis wie möglich an den verdienten Galgen zu bringen, duldeten die alliierten Geheimdienste den Mörder-Exodus, wenn sie ihn nicht gar unterstützten. Denn mit dem Triumph Sowjetrusslands und dessen Griff nach großen Teilen Osteuropas war eine neue Bedrohung der westlichen Welt am Horizont erschienen. Der Beginn des kalten Krieges zeichnete sich ab und flüchtende SS-Leute waren plötzlich potenzielle Verbündete im Kampf gegen den Bolschewismus. Natürlich nicht offiziell, aber es etablierten sich feste Fluchtrouten, etwa über die Alpen zu den italienischen Häfen. Mit tatkräftiger Unterstützung der katholischen Kirche und des italienischen Roten Kreuzes. Dies waren die sogenannen „Rattenlinien“.

Der gesamte Aspekt der Täterflucht aus Europa ist bisher nur wenig erforscht, bis heute liegen etliche Zusammenhänge im Dunkeln. Umso spannender ist daher, sich mit zwei Romanen dieser Zeit und diesem Thema zu nähern. Es sind dies „Rattenlinien“ des Autors Martin von Arndt sowie „Der vierte Mann“ von Stuart Neville. Weiterlesen

Bücher und Koffein

Buecher und Koffein

Photo: © Vera Prinz

Vor einiger Zeit hat mich Karla Paul für das Thalia-Online-Magazin Stories interviewt. Es ging – natürlich – um Bücher und Literatur, um Lieblingscafés, aber auch um das Bloggen, um den Weg ins Netz, um die Buchbranche, um das Leben. Die Fragen hatten mir sehr gut gefallen, zumal sie zum Nachdenken über das eigene Tun anregten. Und beim Wiederlesen nach wie vor anregen – weshalb ich das Interview heute leicht aktualisiert auf Kaffeehaussitzer veröffentliche. Die Redaktion des Magazins hatte es seinerzeit etwas gekürzt, die vollständige Version gibt es nun hier.

Viele Blogger starten ihre Seiten aus privater Leidenschaft zum Lesen – Du bist hingegen beruflich ausgebildeter Literaturliebhaber, genauer gesagt arbeitest Du schon seit 1993 in der Branche. Wie hat bei Dir damals alles angefangen und wohin haben Dich die Jahre getrieben? Weiterlesen

Regennasse Einsamkeit

Sven Heuchert: Dunkels Gesetz

Wenn die Menschen gehen, holt sich die Natur alles zurück. Häuser zerfallen, Straßen bekommen Risse, in denen das Unkraut sprießt, Büsche und Bäume überwuchern alles, Wege verschwinden, notdürftig erhalten die letzten Verbliebenen die Reste einer Infrastruktur am Leben, die eigentlich kaum jemand mehr braucht. Im Amtsdeutsch heißen solche Gegenden „strukturschwach“, für die Bewohner und für seltene Besucher wirken sie wie das Ende der Welt. Sven Heuchert schickt uns in seinem Roman „Dunkels Gesetz“ in genau solch eine Gegend, irgendwo in die Täler an der deutsch-belgischen Grenze, dort wo die Eifel am verlassendsten ist. Weiterlesen

Fluchtgedanken

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

Es war ein beeindruckender Abend, als Ilija Trojanow sein Buch „Nach der Flucht“ im Kölner Literaturhaus vorstellte. Selten habe ich erlebt, wie jemand in kurzer Zeit so viele brillante Gedanken perfekt auf den Punkt bringen kann. Gedanken, in einfachen Sätzen formuliert, dabei aber von solch einer intellektuellen Tiefe, dass der Abend wie das Buch sich nachhaltig im Gedächtnis verankern werden – denn das Nachdenken über die Folgen der Flucht für einen Geflüchteten ist ein Thema so alt wie die Menscheit. Und immer aktuell, besonders heute. Ilija Trojanow schafft es, in einem schmalen Buch von gerade einmal 125 Seiten das Trauma Flucht eindrucksvoll zu schildern. Denn für einen Flüchtling endet die Flucht nie wirklich, er ist der, der mit Akzent spricht, der einen anderen Namen trägt, eine andere Hautfarbe hat, nicht zurück kann und trotzdem für viele immer ein Fremder bleiben wird. Was wiederum zu der Frage führt, was eigentlich Heimat ausmacht, doch dazu später. Weiterlesen

Blogs als Literaturvermittler? Dreimal Treibgut

Treibgut: Literaturblogs als Literaturvermittler?

Das Internet wirkt manchmal wie ein riesiger Fluss, der ununterbrochen vorüberströmt. Ein Fluss aus unzähligen Beiträgen, Artikeln, Tweets, Posts, Texten aller Art. Vielleicht habe ich dieses Bild deshalb vor Augen, weil ich gerade die Bayou-Trilogie „Im Süden“ gelesen habe; die ersten Krimis von Daniel Woodrell, angesiedelt in einem fiktiven Ort im Mündungsgebiet des Mississippi. Und dieser gewaltige Fluss ist in der Handlung der Romane ständig präsent, Landschaft und Menschen prägend.

Aber heute soll es nicht um ein bestimmtes Buch gehen, sondern um das Treibgut, das einem der virtuelle Strom Internet ab und zu vor die Füße spült. Denn in den letzten Wochen waren es drei Textstücke, die kurz hintereinander bei mir landeten und in ihren gegenteiligen Aussagen so schön zueinander passten, dass ich sie hier miteinander verknüpfen möchte. Weiterlesen

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