Zeitlose Gier nach Macht

Jo Nesbø: Macbeth - Das Shakespeare Projekt

William Shakespeares Drama „Macbeth“ dürfte eines der düstersten Stücke der Weltliteratur sein und es hat auch nach über vier Jahrhunderten nichts von seiner Faszination eingebüßt. Es ist die Geschichte des siegreichen Helden, der auf die dunkle Seite wechselt, zum machtbesessenen Tyrannen wird und im Irrsinn endet. An seiner Seite Lady Macbeth, Vertraute, Geliebte und tückische Verschwörerin in einer Person, vereint im blutig-bösen Triumph und im wahnhaften Scheitern.

Nun hat Jo Nesbø das Stück adaptiert und ins 20. Jahrhundert verlagert. Sein Roman „Macbeth“ ist ein wilder, actiongeladener Ritt durch Shakespeares Stück mit Noir-Elementen vom Feinsten. Als gleichermaßen begeisterter Shakespeare- und Nesbø-Leser war ich natürlich sehr gespannt auf das Buch.

Wie kam es zu diesem Roman? Jo Nesbøs „Macbeth“ ist Teil des Shakespeare-Projekts, das im April 2016 zum 400. Todestag des großen Dramatikers an den Start ging. International bekannte Autorinnen und Autoren konnten gewonnen werden, um berühmte Shakespeare-Werke in einer modernen Version neu zu schreiben. Die Liste der Beteiligten steht im Anschluss dieses Beitrags, Margaret Atwood ist dabei, Edward St Aubyn oder Tracy Chevallier. Der vollständige Name lautet „Hogarth Shakespeare Projekt“, denn die Romane erscheinen in der berühmten Hogarth Press, die 1917 von Virginia und Leonard Woolf gegründet wurde und bis heute existiert – wenn auch inzwischen lediglich als Imprint-Verlag bei Random House (um die erste Veröffentlichung in der Hogarth Press ging es erst kürzlich in einem anderen Beitrag).

Ende November war Nesbø in Köln, stellte das Buch vor und gab ein paar Einblicke in den Schreibprozess. Die Anfrage der Hogarth Press, ob er beim geplanten Shakespeare-Projekt mitwirken wolle, erreichte ihn in einem Taxi in Athen. Spontan sagte er, dass er dabei wäre, wenn er den Macbeth bekäme. Sonst nicht. Denn „Macbeth“ faszinierte ihn schon als Jugendlicher und sei ein Stoff, der ihn nie losgelassen habe.

Jo Nesbøs „Macbeth“ spielt in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts, in einer fiktiven Großstadt irgendwo in Schottland. Der Ort bleibt namenlos, er ist laut Nesbø eine Mischung aus dem gefährlichen Manhattan der Siebziger, aus dem heruntergekommenen Newcastle – einer englischen Industriestadt, der durch den Niedergang der Stahlindustrie das Rückgrat gebrochen wurde – und aus der norwegischen Stadt Bergen, deren geographische Lage als Vorbild diente: Von Höhenzügen abgeschottet an einer rauen Küste im Dauerregen liegend. Denn es regnet die ganze Zeit, es ist düster, trost- und hoffnunglos. Die Stadt ist in der Hand von Drogendealern, bevölkert von kaputten Menschen, Arbeitslosen, korrupten Beamten und teilnahmslos durch den Regen huschenden Bürgern. Die Fabriken sind geschlossen, die Bahnlinie ist stillgelegt, am Hafen herrscht kaum noch Betrieb.

Und genau dort beginnt das Buch, bei einem Polizeieinsatz am Hafen hat Inspektor Macbeth seinen ersten Auftritt: Als tollkühner Anführer einer SWAT-Einheit, die sich eine wilde Verfolgungsjagd mit einer kriminellen Rockerbande liefert. Hier gibt es die ersten Parallelen zu entdecken: Die Rockerbande sind die Norse Riders mit ihrem Anführer Sweno, bei Shakespeare besiegt der königliche Feldherr Macbeth zu Beginn des Stückes ein norwegisches Heer mit seinem Heerführer Sweno.

Das bringt uns mitten hinein in die altbekannte und doch völlig neue Geschichte. Aus König Duncan wird Polizeichef Duncan, der durch Verodnungen seines korrupten Vorgängers über fast uneingeschränkte Befugnisse verfügt, Banquo ist nicht mehr der zweite schottische Feldherr, sondern der väterliche Freund Macbeths, der ihn als drogensüchtigen Teenager von der Straße geholt hat.

Aus dem adligen Macduff wird Duff, der zusammen mit Macbeth im Waisenhaus aufgewachsen ist – beide waren unzertrennlich, haben sich nach Macbeth‘ Abgleiten in Drogensucht und in ein Leben auf der Straße aus den Augen verloren, bis sie sich auf der Polizeiakademie wieder trafen. In beiden Versionen wird Duff zum gehetzten Flüchtling.

Und natürlich Lady Macbeth, bei Nesbø einfach nur Lady. Sie ist in katastrophaler Armut aufgewachsen, konnte sich aus dem Sumpf aus Missbrauch und Prostitution befreien, ihren Weg gehen und betreibt nun ein edles Spielcasino in der namenlosen Stadt, das „Inverness“ – eine nette Reminiszenz an den schottischen Schauplatz der Handlung. Sie und ihr Geliebter Macbeth sind das perfekte Paar: Lady ist das Gehirn, Macbeth die ausführende Hand; gemeinsam möchten sie die Macht über die Stadt übernehmen, um sie zu einem besseren Ort zu machen. Auch wenn das bedeutet, über Leichen gehen zu müssen. Leichen von Freunden, von Vertrauten, von Weggefährten, die allesamt in drogengesättigter Paranoia zu Feinden erklärt und aus dem Weg geräumt werden.

Überhaupt spielen Drogen eine wichtige Rolle im Roman – Harry Hole lässt grüßen. Bei Shakespeare sind Hecate und die drei Hexen das mystische Element der Handlung, die mit ihren Prophezeiungen die tragischen Geschehnisse auslösen. Bei Nesbø sind die drei Hexen Drogenköchinnen, die für Hecate arbeiten, den wahren Herrscher der Stadt, steinreich, skrupellos, brutal und gnadenlos – und immer unerkannt im Hintergrund bleibend. Für ihn ist die Stadt der Absatzmarkt für seine Drogen, bezahlte Morde und Bestechungen sind Investitionen, die den Umsatz ankurbeln sollen. Sein Spitznahme „unsichtbare Hand“ kann in Anspielung auf Adam Smith als Kapitalismuskritik gelesen werden.

Wie bei Shakespeare nimmt auch bei Nesbø das Unheil seinen Lauf. Es ist alles da, was schon das Original so lesenswert macht; zahllose Details wurden schlüssig und konsequent in die moderne Handlung übertragen, das gesamte Shakespear’sche Figurenensemble finden wir in passenden Funktionen wieder. Besonders gespannt war ich auf die Umsetzung des Endes. Bei Shakespeare marschiert das von den Hexen prophezeite Heer aus Bäumen und Büschen auf Macbeth‘ Burg zu – in Form einer getarnten Armee, die den Tyrannen stürzen wird. Und auch diese Szene wurde in der neuen Fassung schlüssig umgesetzt, nur eben ganz anders. Ein großes Lesevergnügen.

„Macbeth“ von Jo Nesbø ist vor allem eines: Ein Schreibexperiment. Der Autor selbst hält es nicht für perfekt, die ein oder andere Logiklücke entsteht bei der Übertragung einer im Mittelalter angesiedelten Handlung in die Neuzeit. Nesbø erzählte an dem Abend in Köln, wie er versucht hatte, den Plot zu kürzen oder zu ändern. Dabei merkte er, dass es nicht ging. Man konnte nichts herausnehmen oder hinzufügen, das Stück ist so wie es ist, vollkommen. Ein Meisterwerk, in dem auch 400 Jahre nach seinem Tod das Genie Shakespeares zu spüren ist.

Was Nesbø auf eine wunderbare Weise gelungen ist: Aus einem altbekannten Stoff, dessen Ende jeder kennt, einen grandiosen Spannungsroman komponiert zu haben. Das schafft er vollem deswegen, weil er sich nicht nur auf die Themen Verrat, Kampf und Gewalt konzentriert, sondern auf die große Liebe zwischen zwei ambivalenten Personen, zwischen Macbeth und Lady. Beide haben es geschafft, aus der Gosse zu entkommen, Prostitution, Ausbeutung und Sucht zu überwinden – bevor aus dunklen Helden Tyrannen werden. Und auch für die anderen Figuren erschafft er komplexe Lebensläufe, deren enge Verknüpfung sich erst nach und nach erschließt.

Macbeth und Lady rechtfertigen ihren gewalttätigen Griff nach der Macht mit dem vagen Vorhaben, die Stadt aus ihrer Krise zu holen. Doch Macht, die auf Blut gegründet ist, kann niemals das Gute bewirken und sich nur durch immer weiteres Blutvergießen halten. Dies macht „Macbeth“ zu einem zeitlosen Drama, egal ob es in den schottischen Bergen, in einer namenlosen Stadt oder irgendwo anders in unserer Welt angesiedelt ist.

Am Hogarth Shakespeare Projekt wirken folgende Autoren mit:
Margaret Atwood: Der Sturm
Tracy Chevalier: Othello
Gillian Flynn: Hamlet
Howard Jacobson: Der Kaufmann von Venedig
Jo Nesbø: Macbeth
Edward St Aubyn: König Lear
Anne Tyler: Der Widerspenstigen Zähmung
Jeanette Winterson: Das Wintermärchen

Buchinformation
Jo Nesbø, Macbeth
Aus dem Englischen von André Mumot
Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-60017-9

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Die Präsenz der Bücher*

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Als erster Schritt läuft momentan die Ausschreibung: Die Kölner Literaturakteure sind aufgerufen, ein Konzept einzureichen, um die Veranstaltung mitzugestalten. Der Verein kümmert sich um den organisatorischen Rahmen, den Ticketverkauf, die Werbung und alles darum herum – nicht zuletzt um entsprechende Fördermittel von Stadt und Sponsoren, damit Kosten gedeckt und Honorare bezahlt werden können. Außerdem wird der Verein einen Veranstaltungsort selbst bespielen und ab 23.30 Uhr eine Abschlussparty für alle Beteiligten der Kölner Literaturnacht ausrichten.

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New York: Stadt der Geschichten

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Vor ein paar Jahren hatte mich das Buch „Shotgun Lovesongs“ von Nickolas Butler sehr begeistert. Umso gespannter war ich auf seinen nächsten Roman „Die Herzen der Männer“ und als ich erfuhr, dass Butler dieses Buch im Literaturhaus Köln vorstellen würde, war klar, dass ich mir das auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Das ist inzwischen einige Monate her und dieser Text hätte schon längst geschrieben sein sollen, aber auch in der Erinnerung war es ein wunderbarer Abend mit einem sympathischen Autor. Und mit einem sehr eindrucksvollen Roman. Weiterlesen

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Mit Sätzen wie „Dieses Buch sollte jeder lesen“ bin ich immer etwas vorsichtig, denn zu unterschiedlich sind die Lesevorlieben der Menschen. Dem Roman „Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler wünsche ich allerdings so viele Leser wie möglich, denn er ist für mich eines der wichtigsten Bücher für die Zeit, in der wir gerade leben. Es geht darin um Flucht und Migration, aber auf eine Art und Weise, die uns dieses emotional aufgeladene Thema vollkommen anders nahebringt als gewohnt. Und das mit einem ganz einfachen Trick: Torkler vertauscht den Blickwinkel. Wobei „einfach“ das falsche Wort ist, denn der Autor hat eine vollkommen neue Welt erschaffen, ausgefüllt mit zahllosen Details, die das Geschehen so wahrheitsgetreu und realistisch wie möglich machen. Weiterlesen

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Hier ist sie nun, die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018. Zwanzig Romane haben wir in der Jury-Sitzung ausgewählt. Zwanzig von knapp zweihundert; 165 Bücher waren eingereicht, weitere hatte die Jury zusätzlich angefordert. Herausgekommen ist nach einem langen Tag voller Diskussionen eine vielfältige und abwechslungsreiche Mischung aus deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, die neben bekannten Namen auch viel Raum für Entdeckungen bietet. Jurysprecherin Christine Lötscher hat den offiziellen Text zur Longlist-Auswahl verfasst:

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Volker Weidermann: Traeumer

Volker Weidermann beschreibt in seinem Buch „Träumer“ die wenigen Monate zwischen November 1918 und Mai 1919, als in München eine Handvoll beherzter Idealisten nach der Macht griff, um eine bessere Welt zu schaffen. Und die damit dramatisch scheiterten.

Eine der eindrucksvollsten Szenen des Buches finden wir gleich im ersten Kapitel: Kurt Eisner, Journalist, Schriftsteller und Pazifist, besetzt mitten in der Nacht mit einer Gruppe Getreuer den bayerischen Landtag. Schon fast verwirrt über diesen leichten Erfolg übernehmen sie den notdürftig beleuchteten, leeren Sitzungssaal und entwerfen eine Proklamation für die Republik. Eine gespenstische Situation. In den frühen Morgenstunden ruft Eisner den bayerischen Freistaat aus, mit sich als Regierungschef. Es ist November 1918 und auf den Straßen herrscht das Chaos. Weiterlesen

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Sebastiao Salgado: Exodus

Ist es möglich, sich dem Thema Flucht und Migration auf eine künstlerisch anspruchsvolle Weise zu nähern? Darf man das überhaupt, ohne die Tragik zahlloser menschlicher Schicksale zu ästhetisieren? Oder hilft es den von unzähligen Nachrichtenmeldungen abgestumpften Betrachtern ihr Mitgefühl zu bewahren? Ein Buch möchte ich hier vorstellen, das in herausragender Form klar macht, was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen – auf der Flucht vor Krieg, Folter und Tod oder auf der Suche nach einem Stückchen Hoffnung auf ein besseres Leben. Es ist der Photoband „Exodus“ von Sebastião Salgado, der bereits 2000 erschienen ist und 2016 vom Taschen Verlag neu aufgelegt wurde. Und in Zeiten, in denen Zynismus und Menschenverachtung zunehmend die Politik dominieren, ist dieses Werk aktueller denn je. Weiterlesen

Abgetaucht im Literaturmeer

Deutscher Buchpreis: Abgetaucht im Literaturmeer

Momentan herrscht etwas Ruhe hier auf Kaffeehaussitzer. Der Grund dafür ist auf dem Beitragsphoto zu sehen: Ein ganzer Berg leerer Kartons. Kartons, die mit Büchern gefüllt waren. Bücher, mit denen ich mich beschäftigen darf. Denn in diesem Jahr habe ich die große Ehre und das große Vergnügen, Jurymitglied des Deutschen Buchpreises zu sein. Und damit ist jede, wirklich jede freie Minute mit Lesen ausgefüllt. Im Februar hatte ich schon angekündigt, dass sich daher ab April die Beiträge im Blog etwas rar machen könnten – damals wusste ich noch nicht, was da wirklich auf mich zukommen würde. Weiterlesen

Der Zeit nicht mehr gewachsen

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Es geschieht manchmal, aber nicht oft: Man beginnt abends mit einem neuen Buch, versinkt vollkommen darin und klappt es komplett durchgelesen mitten in der Nacht wieder zu. Bei „Töchter“ von Lucy Fricke war es genau so. Am Tag danach war ich zwar furchtbar müde, aber es hat sich gelohnt. Jede Seite. Jedes Wort.

Ich hatte sowieso vor, den Roman zu lesen. Bald. Dann landete ich beim abendlichen Durchforsten der Literaturblogs wieder einmal bei buchrevier, wo Blogger Tobias Nazemi Lucy Frickes Buch vorstellte – so begeisternd, dass ich „Töchter“ direkt aus dem Berg der Buchvorräte hervorgezogen habe. Weiterlesen

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