Papiergewordene Geschichte

Papiergewordene Geschichte

Im Laufe der Jahre sammeln sich viele Bücher an, bei denen man sich irgendwann fragt, warum man sie eigentlich besitzt. Sei es ein Mängelexemplar, das man für zwei Euro neunundneunzig erworben hat, weil einem irgendwie der Klappentext gefiel, seien es Bücher aus Haushaltsauflösungen, von Flohmärkten, Geschenke, belanglose Krimis, die man für eine längere Bahnfahrt noch schnell im Bahnhof gekauft hatte; Bücher, die man einmal unbedingt lesen wollte, die dann aber schon zwanzig Jahre im Regal stehen, weil sie einen dann doch nicht interessierten. Und. Und. Und. Gleichzeitig wird der Platz eng, ständig fließt ein Strom neuer Bücher in die Regale und auf die Stapel davor.

Deshalb ist es notwendig, den begrenzten Platz optimal zu nutzen und regelmäßig alle Regalmeterblockierer auszusortieren. Diese Bücher werden verschenkt, in öffentliche Bücherschränke gebracht oder in seltenen Fällen auch einfach zum Altpapier gegeben. Gleichzeitig ist dieses Durchforsten auch jedes Mal wieder eine Entdeckungsreise – man kommt vor lauter Anlesen und Blättern nicht schnell voran. Und das ist jedes Mal ein Genuß.

Und dann gibt es auch noch die besonderen Schätze, diejenigen Bücher, die mich zum Teil schon sehr lange begleiten und die ich niemals weggeben würde. Es sind alte Bücher, die ich in Antiquariaten gefunden habe, aber auch Fundstücke aus Kartons in Hauseingängen oder auf Fensterbrettern. Bei ihnen kommt es nicht auf den Inhalt an, vielmehr erzählen sie selbst Geschichten. Oder sind ein Stück papiergewordene Geschichte, sei es durch Widmungen, Stempel, Bibliotheksaufkleber oder Erscheinungsjahre. Für mich sind dies wahre Schmuckstücke, auch wenn sie meist auf den ersten Blick recht unscheinbar wirken. Für diesen Beitrag habe ich ein paar davon aus dem Regal geholt und zeige hier, was sie so besonders macht.

Papiergewordene Geschichte

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern
1947. Suhrkamp Verlag, vorm. S. Fischer  Verlag, Berlin

Die bibliographischen Angaben sind ein Stück Zeitgeschichte. 1935 wurde der renommierte S. Fischer Verlag von den Nationalsozialisten zerschlagen. Der Verleger Gottfried Bermann Fischer arbeitete von Österreich aus mit den in Deutschland verfemten Autoren weiter; später floh er mit seinem Bermann-Fischer-Verlag nach Stockholm. Peter Suhrkamp führte in Deutschland die Geschäfte des S. Fischer Verlags fort – unter genauer Beobachtung der braunen Machthaber. 1942 erfolgte zwangsweise die Umbenennung in »Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer«, 1944 wurde Suhrkamp von der Gestapo verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gesperrt. Er überlebte den Krieg und war im Oktober 1945 der erste Verleger, der von den Alliierten die Lizenz zur Weiterführung des Verlags erhielt – der immer noch den von den Nazis erzwungenen Namen »Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer« trug. 1950 erfolgte die Gründung des eigentlichen Suhrkamp Verlags, während der S. Fischer Verlag wieder seine Geschäfte aufnehmen konnte. Mein Exemplar von Stefan Zweigs posthum veröffentlichter Autobiographie stammt aus jener Zwischenzeit, als Europa in Trümmern lag. Ursprünglich erschienen war es wiederum bei Bermann-Fischer 1944 in Stockholm. Diese Hintergrundgeschichte, aber auch das billige, holzhaltige Papier des Buches – Zeichen des Mangels jener Jahre – sind Symbole, dass auch in Zeiten der Finsternis die Kultur des Wortes fortlebt, überlebt, dass es weitergeht. Irgendwie.

Papiergewordene Geschichte

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues
1929. Propyläen-Verlag, Berlin

Eine alte Ausgabe von Erich Maria Remarques »Im Westen nichts Neues« zu finden, ist nicht schwer; es gibt sie regelmäßig in Antiquariaten oder Flohmärkten. Das Buch in meinem Besitz ist allerdings eine Art Familienerbstück. Mein Großvater – den ich nie kennengelernt habe – erhielt es 1929 vermutlich von einem Arbeitskollegen, zumindest deutet dies die Widmung an. Als es 1933 verboten wurde, hat er es behalten und irgendwo im Haus versteckt, obwohl er als SA-Mitglied wohl überzeugter Nazi gewesen sein muss. Viele Jahre später habe ich es als Siebzehnjähriger in die Hände bekommen. Und obwohl dies die Zeit in meinem Leben war, in der mich Bücher kaum interessierten, habe ich »Im Westen nichts Neues« ein um das andere Mal gelesen. Dessen Lektüre war einer der maßgeblichen Gründe für meine Wehrdienstverweigerung. Jetzt, wo ich dies schreibe, fällt mir auf, dass aus diesem Grund der Roman eigentlich auch zur Liste der Bücher meines Lebens gehören müsste, die ich hier vor einiger Zeit vorgestellt habe.

Papiergewordene Geschichte

Prof. Dr. Eduard Rothert: Karten und Skizzen aus der vaterländischen Geschichte der letzten 100 Jahre
1907. Verlag August Bagel, Düsseldorf

Dieser Geschichtsatlas ist ein Lehrwerk, vermutlich für Gymnasien bzw. höhere Schulen aus dem Jahr 1907. Im Mittelpunkt stehen Schlachten und Feldzüge, aber es sind auch wirtschaftspolitsche Karten enthalten. Der Zeit entsprechend sind die Begleittexte in einem verklärenden, die militärischen Taten glorifizierenden Ton gehalten. Der Atlas erinnert an die Geschichtsstunden, wie sie von Remarque in »Im Westen nichts Neues« geschildert werden, in denen der Lehrer bei Kriegsausbruch 1914 an die Vaterlandsliebe der Abiturienten appelliert und sie dazu bringt, sich geschlossen freiwillig zu melden. Was kaum einer von ihnen überleben wird. Das Besondere an diesem äußerlich ziemlich zerfledderten Flohmarktfund sind aber die Notizen und Skizzen des damaligen Besitzers. Aus drucktechnischen Gründen sind die Rückseiten der im Spezialverfahren gehefteten Aufklappkarten weiß geblieben. Diesen freien Platz hat er für akribische Zeichnungen und Erläuterungen von antiken Schlachten genutzt – Marathon, Termophylen, Cannae und viele mehr. Außerdem ist noch die Quittung der Buchhandlung erhalten, in der das Buch 1911 gekauft wurde. Ein mich faszinierendes Stück Zeitgeschichte.

Papiergewordene Geschichte

Herman Melville: Moby Dick oder der weisse Wal
1942. Büchergilde Gutenberg, Zürich

»Moby Dick« ist für mich eines der großartigsten Werke der Weltliteratur und in meinem Buchregal finden sich die unterschiedlichsten Ausgaben. Irgendwann wird es darüber einmal einen eigenen Blogbeitrag geben, aber für diesen Text passt die Version perfekt, die 1942 in der Büchergilde Gutenberg erschienen ist. Und zwar in Zürich. Denn zu diesem Zeitpunkt existierte die Büchergilde Gutenberg in Deutschland nur noch als Schatten. 1924 gegründet  hatte sich diese Buchgemeinschaft auf die Fahnen geschrieben, Angehörigen der Arbeiterklasse einen Zugang zu gut ausgestatteten und trotzdem erschwinglichen Büchern zu schaffen. Und damit Menschen aus den nicht-privilegierten Gesellschaftsschichten Zugang zu Bildung und Wissen zu ermöglichen. 1933 wurde die Büchergilde fast aufgelöst, die Reste dann in die NS-Organisation der »Deutschen Arbeitsfront« eingegliedert. Das Zürcher Büro führte den Betrieb mit einer Neugründung weiter und erhielt damit das gesamte Projekt am Leben. Aus dieser Zeit stammt die wunderschöne Moby-Dick-Ausgabe aus dem Jahr 1942. Heute ist die Büchergilde Gutenberg eine Genossenschaft – und es erscheinen dort nach wie vor Bücher in gehobener Ausstattung zu erschwinglichen Preisen.

Papiergewordene Geschichte

Edith Zenker (Hrsg.): Wir sind die Rote Garde. Sozialistische Literatur 1914 bis 1935 – Eine Anthologie.
1967. Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig

Zwischen 1997 und 2001 studierte ich in Leipzig Verlagswirtschaft. Es war eine spannende Zeit, die acht Jahre davor hatte ich in Freiburg im Breisgau verbracht und genoß es sehr, die süddeutsche Heile-Welt-Idylle gegen eine ostdeutsche Großstadt im Umbruch eingetauscht zu haben. Es war auch das Gefühl, in Leipzig viel näher an der Geschichte zu sein; man war umgeben von Relikten vergangener Epochen und eines verschwundenen Staates. Einmal lag in unserer Fachschafts-Bibliothek ein Stapel ausrangierter Bücher, darunter diese Anthologie. Im Vorsatz steht ein Stempel in Frakturschrift: »Bücherei der Fachschule für Bibliothekare ›Erich Weinert‹, Leipzig«. Die beiden Bände sind eine Textsammlung sozialistischer Schriftsteller, die das Hohelied auf den Kampf der Arbeiterklasse singen. Erschienen waren sie im Jahr 1967. Sie enthalten Schriften von Menschen, die an eine bessere Welt glaubten und wurden veröffentlicht in einem Staat, dessen Führung auf Menschen schießen ließ, die ihm den Rücken kehren wollten. Und der damit damit jegliche moralische Legitimität verloren hatte. Als ich sie fand, wirkten sie wie ein ferner Nachhall. Und sind jetzt eine Erinnerung an meine Zeit in Leipzig.

Papiergewordene Geschichte

B. Traven: Der Schatz der Sierra Madre
1927. Büchergilde Gutenberg, Berlin
B. Traven: Die Brücke im Dschungel
1929. Büchergilde Gutenberg, Berlin

Die Identität des Autors B. Traven, der in den Zwanzigerjahren mit seinen sozialkritischen Abenteuerromanen außerordentlich erfolgreich war, ist bis heute eines der großen Rätsel der Literaturgeschichte. Dass sich hinter dem Pseudonym wohl der Revolutionär Ret Marut versteckte, der 1919 nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik aus Deutschland fliehen musste und in Mexiko untertauchte, gilt inzwischen als einigermaßen sicher. Doch wer dieser Ret Marut (ein Akronym für Armut?) wirklich gewesen ist, das konnte bis heute niemand hundertprozentig herausfinden. Von Mexiko aus wurde B. Traven weltweit gefeierter Erfolgsautor, sein deutscher Hausverlag war die Büchergilde Gutenberg, der er über Umwege seine Manuskripte zukommen ließ. Zwei von Travens Büchern – »Der Schatz der Sierra Madre« und »Die Brücke im Dschungel« stehen auch in meinem Bücherregal. Sie stammen aus den Jahren 1927 bzw. 1929 und es ist ein faszinierender Gedanke, dass zur Zeit ihres Erscheinens jener geheimnisvolle Unbekannte irgendwo in Mexiko an seiner Schreibmaschine saß, seine Bücher in Berlin gedruckt wurden und ich sie Jahrzehnte später auf einem Flohmarktstand in Leipzig finden konnte. Das Papier der hervorragend verarbeiteten Bände ist auch 90 Jahre später noch immer leuchtend weiß, das Leinen der Umschläge nicht ausgeblichen; im Impressum steht »Copyright 1927 by B. Traven, Tamaulipas (Mexico)«.

Ich könnte noch eine ganze Weile so weitermachen, doch das würde den Rahmen eines Blogbeitrags sprengen. Aber ich glaube, ich habe eines zeigen können: Bücher sind nie einfach nur Texte, sie sind Objekte der Zeit, in der sie veröffentlicht wurden, sind Zeugen der Geschichte, überdaueren ihre ursprünglichen Besitzer und gerade ihre Gegenständlichkeit macht sie zu etwas Besonderem.

»Der Feind steht rechts«

Joseph Wirth: Der Feind steht rechts

Geschichte wiederholt sich nicht. Und die Weimarer Republik ist nicht die Bundesrepublik. Aber die Geschichte lehrt uns, welche Fehler unverzeihlich waren, an welchen Weichen falsch abgebogen wurde – damit sie sich nicht wiederholt. In der Rubrik Textbausteine* geht es diesmal um ein Zitat, einen Ausschnitt aus einer Rede.

Am 24. Juni 1922 wurde der Außenminister Walther Rathenau von rechtsextremen ehemaligen Offizieren ermordet. Dieses Attentat erschütterte die junge Republik in ihren Grundfesten; als darüber im Reichstag debattiert worde, kochten die Emotionen hoch – von Entsetzen bis klammheimlicher Freude waren alle Reaktionen vertreten. Die rechtsextreme DNVP (Deutschnationale Volkspartei) hatte mit monatelanger Hetze den Boden für das Attentat bereitet.

Reichskanzler Joseph Wirth fand in seiner Rede für den Mord und seine Vorgeschichte die passenen Worte. Sie sind zeitlos:

»Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind, und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!«  „»Der Feind steht rechts«“ weiterlesen

Eine Ode an den Nebel

Steven Price: Die Frau in der Themse

Nebel. Ich liebe ihn. Nebeltage gehören zu meinen kostbarsten Erinnerungen. Als Kinder streiften wir durch den nebelverhangenen Wald, der fast direkt vor meinem Zuhause begann; kahle Äste, an denen die Tropfen hingen, reckten sich aus dem Dunst und dahinter verschwanden die dunklen Baumstämme in der Stille. Als Erwachsener lief ich durch Städte im Nebel; die gewohnte Umgebung war kaum wiederzuerkennen, Straßen endeten im Nichts, die Verkehrsgeräusche klangen gedämpft herüber. Immer war es das Gefühl, als wäre die Welt verschwunden, wäre geschrumpft auf die paar Meter, die man sie sehen konnte. Mystisch war das. Schön. Und immer auch ein bisschen schaurig. Solche Nebeltage sind wetterbedingt sehr selten, in den letzten Jahren habe ich sie kaum noch erlebt. Und das ist wohl mit ein Grund, warum mir der Roman »Die Frau in der Themse« von Steven Price so gut gefallen hat. Denn der Nebel spielt darin eine tragende Rolle und prägt die Atmosphäre. Und es ist auch nicht irgendein Nebel, sondern der von London. Dessen Ausläufer jetzt auch durch diese Buchvorstellung ziehen. „Eine Ode an den Nebel“ weiterlesen

Nummer 122892

Juan Gómez Bárcena: Kanada

»Dein Haus steht noch. Du hattest die Hoffnung, dass es eingestürzt wäre. Vielleicht ist Hoffnung nicht das angemessene Wort, doch wenn nicht, welches dann? Du hattest, so viel kannst Du sagen, die Gewissheit, dass es dein Haus nicht mehr gab, und gleichzeitig die Gewissheit, dass dies überhaupt keine Rolle spielte.« So beginnt der Roman »Kanada« von Juan Gómez Bárcena.

Das Haus, in dem er lebte und glücklich war, existiert noch. Doch der Mann, der es betrachtet, steht vor den Trümmern seines Lebens. Und langsam tastet er sich voran, betritt das Haus, wird von seinem Nachbarn jovial begrüßt, findet sich in der ausgeplünderten, nur notdürftig möbilierten Wohnung wieder. »An den weißen Wänden schattige Stellen, die aussehen wie zugemauerte Fenster – dort, wo früher einmal Fotografien und Gemälde hingen. Du bleibst vor einem dieser nachgedunktelten Rechtecke stehen und versuchst, dich zu erinnern. Es gelingt dir nicht.« Was war geschehen? Und wo war er gewesen? „Nummer 122892“ weiterlesen

Mein Lesejahr 2019: Die besten Bücher

Mein Lesejahr 2019: Die besten Buecher

2019 war ein lohnendes Lesejahr mit zahlreichen Entdeckungen und vielen Büchern, die mich begeistert haben. Eine Statistik führe ich nicht und zähle auch nicht, wie viel ich in einem Jahr lese – mehr als ein Buch nach dem anderen geht ja nicht und letztendlich sind sowieso nur die Inhalte wichtig. Für diesen Beitrag habe ich meine persönlichen fünfzehn Favoriten zusammengestellt; es sind die Romane und Sachbücher, die mich am meisten bewegt haben. Manche sind 2019 erschienen, andere standen schon seit ein paar Jahren im Buchregal. Und nicht alle davon sind schon hier auf Kaffeehaussitzer präsentiert worden, daher ist die Liste auch als eine Art Ausblick auf kommende Beiträge zu sehen. „Mein Lesejahr 2019: Die besten Bücher“ weiterlesen

306 Quadratmeter in Manhattan

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive

Normalerweise hat bei mir ein gelesenes Buch fast keine Gebrauchsspuren; ich kann gar nicht anders, als meine Bücher äußerst pfleglich zu behandeln. Bei »Max, Mischa & die Tet-Offensive« von Johan Harstad war das allerdings nicht möglich, denn dieses 1.242-Seiten-Werk habe ich über mehrere Wochen überallhin mitgeschleppt, um so oft wie möglich darin zu lesen. Verschrammt ist es nun, die Ecken angeschlagen, der Buchblock nicht mehr strahlend weiß und das Vorsatzblatt vollgeschrieben mit notierten Seitenzahlen. Und es fühlte sich an, als würden mich ein paar Freunde die ganze Zeit begleiten; nachdem die letzte Seite umgeblättert war, empfand ich so etwas wie Abschiedsschmerz, nun, da ich Max, Mischa, Mordecai und Owen zurücklassen musste. Dabei hatte ich ursprünglich gar nicht vor, den Roman zu lesen. „306 Quadratmeter in Manhattan“ weiterlesen

Zurück auf Null

Robert Harris: Der zweite Schlaf

Es beginnt wie ein klassischer historischer Roman. Der junge, unerfahrene Priester Christopher Fairfax wird vom Bischof von Exeter in einen abgelegenen Ort im Südwesten Englands entsandt. Dort war der Pfarrer bei einem Unfall ums Leben gekommen; Fairfax soll die Beisetzung regeln und alles für einen Nachfolger vorbereiten. Robert Harris schickt uns mit »Der zweite Schlaf« in das Jahr 1468, mitten hinein in die Zeit des Spätmittelalters. Denkt man jedenfalls auf den ersten Seiten. „Zurück auf Null“ weiterlesen

Westwärts, weiter, immer weiter

Carys Davies: West

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss: In dem Roman »West« von Carys Davies packt der Witwer Cy Bellman im Jahr 1815 seine Sachen und zieht los, in Richtung Westen, in Richtung Prärie. Er lässt sein Leben hinter sich, das er sich als Einwanderer in den damals noch jungen Vereinigten Staaten aufgebaut hatte. Zurück bleibt seine zwölfjährige Tochter Bess, die nun bei ihrer ungeliebten und hartherzigen Tante leben soll.

Wer ist Cy Bellman? Und was treibt ihn an? Er ist schnell beschrieben, mit wenigen Worten skizziert ihn die Autorin: »John Cyrus Bellman war ein hochgewachsener, breitschultriger, rothaariger Mann von fünfunddreißig Jahren. Er hatte große Hände und Füße, einen dichten rotbraunen Vollbart, und er verdiente sein Geld mit der Maultierzucht. Er war einigermaßen gebildet.«  „Westwärts, weiter, immer weiter“ weiterlesen

Vor dem Untergang

Bevor der Mannheimer Photolaborant Erich Sonnemann seinen Namen in Eric Sonneman ändern würde, besuchte er ein letztes Mal seine Verwandtschaft in Freudental – einem Dorf  in der schwäbischen Provinz, irgendwo zwischen Ludwigsburg und Heilbronn. Mit dabei hatte er seine Kamera, mit der er die Familie seines Onkels und dessen Freunde photographierte. Und die Arbeit auf den Feldern, denn es war Erntezeit, damals im Sommer 1938. Ob Erich Sonnemann wusste, dass es danach kein Wiedersehen geben würde? Er emigrierte kurz darauf in die USA und aus seinen Bildern jenes Sommers sind heute Dokumente der Zeitgeschichte geworden. Denn fast alle der darauf abgebildeten Menschen waren einige Jahre später tot, ermordet von ihren Landsleuten und Mitbürgern. Weil sie Juden waren. In dem schmalen Band »Der letzte Sommer« aus der Reihe »Freudentaler Blätter« können wir einige der Photos anschauen. Und erhalten einen Eindruck von trügerischer Normalität, die keine drei Monate später zerbröseln sollte wie ein morsches Stück Holz. Die Photographien sind das Denkmal einer verschwundenen Welt, untergegangen in Barbarei, Leid und Tod. „Vor dem Untergang“ weiterlesen

Zeig doch mal die Bilder (Teil 2)

Zeig doch mal die Bilder (Teil 2): Zwölf ganz unterschiedliche Graphic Novels

Im Beitrag »Zeig doch mal die Bilder« hatte ich vor einiger Zeit beschrieben, wie ich durch den Austausch mit anderen Literaturbloggern die literarische Gattung der Graphic Novels für mich entdeckt habe. Damals stellte ich den ersten Stapel der beginnenden Sammlung vor. Inzwischen sind über zwei Jahre vergangen, es sind einige Bände dazugekommen und es wird Zeit für eine Fortsetzung.

Beim Zusammenstellen ist mir aufgefallen, dass es vor allem düstere Themen sind – wie beim ersten Teil auch. Nun habe ich ein Faible für Romane mit einem eher finsteren Setting, mit tragischen Schicksalen und mit einem offenen Ende; Geschichten mit weichgespültem Happy-End sind mir meist zu lebensfern. Diese Lesevorlieben schlagen sich auch in der Auswahl der Graphic Novels nieder – zumal man Düsternis in dieser Kunstform besonders intensiv zum Ausdruck bringen kann. Und es ist diesmal auch einiges Geschichtliches dabei, was ebenfalls eher zur dunklen Grundstimmung der Sammlung beiträgt.

Hier kommen die nächsten zwölf Graphic-Novel-Empfehlungen. „Zeig doch mal die Bilder (Teil 2)“ weiterlesen

Der Wächter und seine Dämonen

Gerhard Jaeger: All die Nacht ueber uns

Einen Zaun. Einen Wachturm. Einen Mann. Und seine Dämonen. Mehr benötigt Gerhard Jäger nicht, um uns in seinem Roman »All die Nacht über uns« auf eine Reise tief in die Seele eines Menschen zu schicken, dorthin, wo es dunkel ist. So dunkel, wie die Nacht, die diesen Mann umgibt, als er auf dem Wachturm steht, um einen Zaun zu bewachen. Eine einzige, endlose Nacht lang begleiten wir Leser ihn dabei.

Europa in einer nahen Zukunft: Die Flüchtlingskrise hat einen neuen Höhepunkt erreicht, als tausende von Menschen versuchen, dem tödlichen Chaos im zerfallenden Nahen Osten zu entkommen. Die Staaten Mitteleuropas riegeln ihre Grenzen ab, bauen Zäune. In einem nicht näher genannten Land sind die widerwärtigen Phantasien rechtsnationaler Politiker Wirklichkeit geworden: Es wird geschossen, wenn Flüchtlinge versuchen, den Grenzzaun zu überwinden; egal, ob es sich um Männer, Frauen oder Kinder handelt. Dies ist die Aufgabe des einsamen Soldaten auf dem Wachturm. Auf den Zaun zu achten, in die Nacht hinaus zu starren und im Zweifelsfall das Feuer zu eröffnen. „Der Wächter und seine Dämonen“ weiterlesen

Ein Fremder unter Fremden

Daniel Galera: Flut

Der Mann, von dem der brasilianische Autor Daniel Galera in seinem Roman »Flut« erzählt, hat ein Problem. Ein großes. Er kann sich keine Gesichter merken. Es ist ein pathologisches Vergessen, denn er erkennt nie jemanden wieder, egal um wen es sich handelt. Weder seine Eltern, seine Freunde oder die Frau, die morgens neben ihm aufwacht. Nicht einmal sein eigenes Gesicht – wenn er in den Spiegel schaut, erblickt er jeden Tag einen für ihn vollkommen fremden Menschen. Daniel Galera hat damit einen Protagonisten geschaffen, der vollkommen einsam ist. Der Mann versucht, andere Menschen an bestimmten Details wiederzuerkennen, an ihrem Gang oder ihrer Körperhaltung. Doch letztendlich ist er auf sich selbst zurückgeworfen, seine Existenz ist permanent die eines Fremden unter Fremden. „Ein Fremder unter Fremden“ weiterlesen

Gestatten? Von Droste-Hülshoff*

Karen Duves und Tanja Kinkels Buecher ueber Annette von Droste-Huelshoff

Wenn man am Bodensee aufwächst, gehören regelmäßige Besuche auf der Meersburg zur Kindheit. Als Familien-, Schul- oder Geburtstagsausflug, per Auto, per Bus oder per Schiff – die älteste noch bewohnte Burg Deutschlands ist eines der beliebtesten Ziele in dieser Region. Sie ist allerdings auch wirklich beeindruckend, ein trutziges  Gemäuer mit dunklen, kargen Räumen hoch über dem  See. Es gehört aber auch ein schön angelegter Burggarten dazu und an der einen Seite dieses Gartens steht ein bescheidenes Häuschen, eingerichtet mit Möbeln aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hier verbrachte die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff einen großen Teil der letzten Jahre ihres Lebens und hier steht ihr Sterbebett.

Ich weiß noch, wie ich mich als Kind über die Größe des Bettes gewundert habe, es ist so klein, dass nur eine äußerst zierliche Erwachsene darin hätte liegen können. Das war mein erster Kontakt mit Annette von Droste-Hülshoff und so wie die Besuche auf der Meersburg zu meiner Kindheit gehören, so ist auch ihr Name damit verbunden. Viel mehr wusste ich bis vor kurzem nicht über sie, mit ihrer Person und ihrem Werk habe ich mich bisher nie beschäftigt. Doch das hat sich nun dank zweier Bücher geändert, die ich hier vorstellen möchte. Es handelt sich um die Romane »Fräulein Nettes kurzer Sommer« von Karen Duve und »Grimms Morde« von Tanja Kinkel. Beide bringen uns auf sehr unterschiedliche Weise das kurze Leben Annette von Droste-Hülshoffs nahe und holen die heute kaum noch präsente Dichterin – die zu den wichtigsten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts gehörte – in unsere Zeit.  „Gestatten? Von Droste-Hülshoff*“ weiterlesen

Ein Suchender, verloren gegangen

Tina Ger: Das Angeln von Piranhas

Ab und zu habe ich Buchpost im Briefkasten. Doch über diese habe ich mich ganz besonders gefreut: »Das Angeln von Piranhas« von Tina Ger hatte ich im Februar 2018 Jahren als Manuskript in der Rohfassung gelesen und es für den Blogbuster-Preis eingereicht. Damals gewann ein anderer Titel und erhielt dadurch einen Verlagsvertrag. Umso schöner finde ich es, dass nun auch mein Favorit als gedrucktes Buch erschienen ist. „Ein Suchender, verloren gegangen“ weiterlesen

Schlaflos in Stuttgart

Frank O. Rudkoffsky: Fake

Nicht oft führt ein Roman die Leser nach Stuttgart. Stopp! Bitte nicht gähnend wegklicken. Denn die eigentliche Handlung in »Fake« von Frank O. Rudkoffsky spielt in den Weiten der sozialen Netzwerke. Das Buch zeigt auf eine beeindruckende Weise, wie sehr virtuelle und reale Welt zusammengehören. Wie diese Unterscheidung eigentlich schon längst verschwunden ist. Wie das Verhalten im Digitalen unser Leben im Realen mehr prägt, als sich viele eingestehen möchten. Und wie dies manchmal fatale Folgen haben kann. „Schlaflos in Stuttgart“ weiterlesen