Die lange Nacht der Buchregale

TORDie Buchbranche ist eine überschaubare Welt und es ist an sich nichts Ungewöhnliches, Personen, Gesichtern oder Namen bei unterschiedlichen Gelegenheiten ein zweites oder drittes Mal zu begegnen. Als ich aber kürzlich Post im Briefkasten hatte, schloss sich der Kreis zu einem Abend, der schon lange zurückliegt, den ich aber noch gut in Erinnerung habe. Es würde mir aber auch schwerfallen, solch einen Abend, solch eine Büchernacht zu vergessen. Doch der Reihe nach.

Den Sommer 1998 verbrachte ich in Berlin und arbeitete als Praktikant bei Lettre International, einem – wie ich finde – mehr als faszinierenden Kultur- und Zeitschriftenprojekt, das hier bereits an anderer Stelle vorgestellt wurde.

Gewohnt habe ich in dieser Zeit in einem WG-Zimmer zur Zwischenmiete, irgendwo im Kreuzberger Bergmannkiez. Eine riesige Altbauwohnung, knarrende Böden, Graffiti im Treppenhaus, das übliche Kreuzberger Ambiente. Einer der Hauptmieter, Hannes, war gerade erst aus Freiburg nach Berlin gezogen. Vermutlich werde ich nie einen Menschen kennenlernen, der ein größeres Faible für Phantastik und Phantastische Literatur in all ihren Ausprägungen hat – weil es so jemanden fast nicht geben kann. Sein Umzug nach Berlin hatte auch einen dementsprechenden Grund: Zusammen mit einer Freundin plante er, eine Spezialbuchhandlung für Fantasy und Science Fiction aufzumachen.

Das heißt, „planen“ ist nicht das richtige Wort, denn als ich in diese WG einzog, stand die Eröffnung unmittelbar bevor. An einem Samstag im August 1998 sollte der Startschuss für die Buchhandlung UFO fallen, es waren Gäste geladen, die Presse informiert, Verlagsmenschen hatten sich angekündigt, Phantastik-Fans aus ganz Berlin waren gespannt. Es gab nur ein Problem: Am Freitagabend davor waren zwar sämtliche Bücher der Erstausstattung geliefert, sie befanden sich allerdings allesamt noch in den Kartons auf dem Boden mitten in der Buchhandlung. Und nicht in den Regalen.

Ein kleines Häuflein Freunde und Bekannter sollte dies ändern, ich hatte natürlich meine Hilfe angeboten. Und so begann eine lange, eine sehr lange Nacht. Wir packten Bücher aus, strichen Lieferscheine ab, schrieben Buchlaufkarten, stellten die Bücher in die entsprechenden Regale, ordneten sie thematisch und alphabetisch. Der späte Sommerabend dämmerte, es wurde dunkel, wir räumten weiter und weiter. Es gab Kaffee, irgendwo stand ein Kasten Bier, Musik lief, Stunde um Stunde verging und ganz langsam begann sich die Buchhandlung zu füllen, der riesige Kartonstapel schmolz dahin. Keine Ahnung, wann ich todmüde nach Hause stolperte, aber es wurde bereits hell. Und alle Bücher standen dort, wo sie sein sollten. Die Eröffnung ein paar Stunden später war ein voller Erfolg.

Als Dankeschön durfte ich mir ein Buch mitnehmen und ich wählte eine antiquarische Ausgabe von Ray Bradburys „Der illustrierte Mann“, eine Sammlung Short Stories aus dem Diogenes Verlag. Ein komplett in Hochglanzsilber gehaltener Schutzumschlag, ein Buch, das auffällt. Und das mich seitdem immer an diese legendäre Nacht erinnert.

Im Laufe der folgenden Jahre habe ich Hannes noch ein paar Mal auf Buchmessen getroffen. Irgendwann erfuhr ich, dass er seine Anteile der Buchhandlung verkauft hat – die jetzt Otherland heißt und sich immer noch an der Ecke Bergmannstraße/Friesenstraße befindet, direkt gegenüber der Marheineke-Markthalle. Er war schon immmer auch als Übersetzer und Lektor im Phantastikbereich tätig, konzentrierte sich jetzt auf diese Bereiche, gründete einen eigenen Verlag. Gesehen haben wir uns nun schon seit einiger Zeit nicht mehr.

Bis ich die eingangs erwähnte Post öffnete. In dem Umschlag befand sich eine Verlagsvorschau und ein Buch mit Leseproben – beides aus dem ersten Programm von TOR. Auch als nur gelegentlicher Phantastik-Leser sagte mir der Name sofort etwas, denn TOR ist der größte und wichtigste Science-Fiction- und Fantasy-Verlag der Welt, der bisher nur im englischsprachigen Raum agierte. Jetzt aber hat ihn der S.Fischer-Verlag als Partner nach Deutschland geholt und selbstbewusst heißt es nun „TOR – Die Weltmarke für Fantasy und Science Fiction. New York. London. Berlin“. Und weiter: „Mit dem Programmbereich Fischer TOR bringen die S. Fischer Verlage ab August 2016 eine weltbekannte Traditionsmarke für Science Fiction und Fantasy nach Deutschland. Bei Tor Books (USA) erscheinen unter der Leitung des Verlegers Tom Doherty seit 1980 Bücher von Bestseller-Autoren wie Orson Scott Card, George R. R. Martin, Phillip K. Dick, Terry Goodkind und Brandon Sanderson.“ Ziemlich hochkarätig und sehr spannend. Doch die eigentliche Überraschung erlebte ich beim Aufschlagen der Vorschau: Über dem Begrüßungstext ein bekanntes Gesicht: Hannes Riffel, Programmbereichsleiter von Fischer TOR.

Die Vorschau und das Buch mit den Leseproben sind in silberner Farbe gehalten. Kein Hochglanzsilber, sondern matt. Aber Silber. Wie jenes Buch. Und so schließt sich für mich ein Kreis, der meine Gedanken zurückspringen lässt in eine längst vergangene Nacht. Eine Nacht voller Bücher, leerer Kartons, konzentriertem Arbeiten. Und irgendwo in der Ecke einem leeren Kasten Bier.

Hannes, falls Du das hier lesen solltest: Ich wünsche Dir und Deinem Team einen fulminaten Start mit dem TOR-Verlagsprogramm und bin schon sehr gespannt, welche Bücher es bald zu entdecken gibt.

Das Jahrhundertgemetzel

Joe-Sacco_SommeVor zwei Jahren startete das Leseprojekt Erster Weltkrieg, als sich der Beginn dieses vierjährigen Gemetzels zum hundertsten Mal jährte. Vier Jahre sind eine lange Zeit, doch auch in diesem 51monatigen Morden gab es Fixpunkte, die bis heute symbolisch für die industrialisierte Kriegsführung stehen, bei der Millionen von Soldaten nichts weiter waren als Menschenmaterial oder Kanonenfutter. Der Kampf um Verdun und die Schlacht an der Somme gehören ohne Zweifel dazu. Und beide Ereignisse sind 2016 genau ein Jahrhundert her. Der Graphic-Novel-Künstler Joe Sacco beschreibt in seinem Werk „Der Erste Weltkrieg – Die Schlacht an der Somme“ die Geschehnisse an der Somme auf eine ganz besondere Weise.

Zu Verdun wurde im Zuge dieses Leseprojekts bereits das Werk des Historikers Olaf Jessen vorgestellt. Die Schlacht an der Somme hing unmittelbar mit Verdun zusammen; als die Kämpfe immer verbitterter wurden, die Verluste immer größer, sollte an der Somme von Seiten der Engländer eine neue Offensive eröffnet werden. Um den Druck an der Front in Verdun herauszunehmen, aber natürlich auch, um den festgefahrenen Grabenkrieg endgültig aufzubrechen. Es war eine Kriegsführung der Superlative: Ein noch nie zuvor dagewesenes Trommelfeuer ging sieben Tage lang auf die deutschen Stellungen nieder, eine Woche, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Unvorstellbar. Am 1. Juli 1916 erfolgte der Angriff, die britischen Soldaten kämpften sich durch die verwüsteten Stacheldrahtverhauhe, über die aufgewühlte Erde Meter um Meter an die deutschen Stellungen heran. Die durch das immense Trommelfeuer zwar beschädigt, aber nicht zerstört waren. Maschinengewehre mähten die Angreifer reihenweise nieder, am Abend waren 19.000 britische Soldaten tot, es gab unzählige Verwundete und der Angriff war auf ganzer Front gescheitert. Dieser erste Tag an der Somme war einer der katastrophalsten in der Geschichte Großbritanniens und ist dort im Gedenken verankert bis heute.

Aber das war nur der Anfang, die Angriffe wurden fortgesetzt, wochen-, monatelang, bis in den November 1916 hinein. Über eine Million Briten und Deutsche bezahlten diesen Irrsinn mit ihrem Leben. Nicht gezählt die Verletzten, Verstümmelten, Traumatisierten, all die menschlichen Wracks. Und der Frontverlauf war in etwa wie zuvor. Ähnlich wie in Verdun.

Verdun und Somme – zwei Synonyme für die absolute Sinnlosigkeit eines Krieges. Wie kann man heute darüber reden oder schreiben? Wie die richtigen Worte finden? Oder die richtigen Bilder? Die Bildsprache ist der Ansatz Joe Saccos. Er ist einer der renommiertesten Graphic-Novel-Zeichner, der sich durch seine politischen oder historischen Themen einen Namen gemacht hat und sich selbst als zeichnenden Journalisten sieht – einem Anspruch, dem er durch seine akribischen Recherchen und die Genauigkeit seiner Bilder gerecht wird. Der Schlacht an der Somme nähert er sich in einer ganz eigenen Form der Darstellung an, indem er den Verlauf des verhängnisvollen ersten Tages aus Sicht der Briten zeichnet. Doch dieses Werk ist keine Graphic Novel im bekannten Sinne, es ist ein einziges Blatt, ein ausfaltbares Leporello mit fester Vorder- und Rückseite. Ohne Umschlag und Vorsatzblätter ist allein das Bild 6,66 Meter lang, ganz aufgefaltet benötigt es auf dem Boden mehr als einen Raum in der Wohnung. Wir können es von links nach rechts betrachten und dabei diesen blutigen Tag Revue passieren lassen. Das einzigartige Kunstwerk enthält so viele Details, dass sie gar nicht alle auf einmal erfassbar sind, es wirkt wie ein Wimmelbild aus der Hölle: Tausende exakt gezeichneter Figuren zeigen den Aufmarsch endloser Truppenkontingente, das Feuern der Geschütze, das nächtliche Warten in überfüllten Schützengräben, den Beginn des Angriffs, das Gegenfeuer und die Vernichtung allen Lebens zwischen den Fronten in einem Inferno aus Feuer, Rauch und Explosionen; ein Niemandsland, übersät mit Toten, Verwundeten, Zerfetzten. Schließlich den Rückzug unter weiterem Beschuss in die Gräben. Am Ende der 6 Meter und 66 Zentimeter sehen wir die überfüllten Feldlazarette und das Ausheben der Massengräber.

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Joe Sacco zeichnet diesen Tag als Chronist, detailgetreu, detailverliebt, aber ohne den Krieg zu ästhetisieren. Vielmehr leidet der Betrachter beim Anblick der Menschenmengen zu Beginn mit, wir kennen den Ablauf des Tages und wissen, was diesen Männern bevorsteht. Sacco zeichnet die Soldaten als Masse, meistens sind die Gesichter durch Helme oder Mützen verdeckt. Immer wie wieder aber kann man einzelne Personen erkennen, was umso deutlicher macht, dass es eben nicht nur eine anonyme Menge ist, die hier zur Schlachtbank geführt wird. Sondern Menschen.

Dazu gibt es ein zweisprachiges Begleitheft, das den Verlauf der Schlacht an der Somme schildert. Mit Hilfe einer Abbildung des Leporellos werden Details der riesigen Zeichnung erläutert. Und in der Einleitung schreibt Joe Sacco über die Entstehung des Werkes, über seine Recherchen, um den Ablauf dieses schrecklichen Tages exakt darzustellen. Das alles gibt es zusammen mit dem Leporello in einem hochwertigen Schuber.

Ein unglaublich beeindruckendes Werk, kein Buch, sondern ein Kunstobjekt. Eines, das den mörderischen Wahnsinn des Krieges drastischer zeigt, als so manche Dokumentation.

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Dies ist ein Titel aus meinem Leseprojekt Erster Weltkrieg

Eine sehr lesenswerte Besprechung dieses Werkes gibt es im Blog lustauflesen.de

Buchinformation
Joe Sacco, Der Erste Weltkrieg – Die Schlacht an der Somme
Edition Moderne
ISBN 978-3-03731-122-6

Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg

Leseprojekt-Spanischer-BuergerkriegIn diesen Tagen jährt sich der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs zum achtzigsten Mal. Gleichzeitig ist mir schon länger bewusst, dass ich bis auf die rudimentären Eckdaten kaum etwas Genaueres über diesen Konflikt weiß. Der schließlich nicht nur Spanien veränderte – und dort bis heute nicht vollständig aufgearbeitet ist – sondern viel mehr als ein Bürgerkrieg war. Nämlich ein Kampf der Ideologien, ein blutiges Experimentierfeld für  die nur wenige Jahre später stattfindenen Auseinandersetzungen, die vom Zweiten Weltkrieg über die Stellvertreterkriege in Südostasien bis hin zum kalten Krieg Europa und die Weltordnung prägen sollten. Bis zum heutigen Tag. Weiterlesen

Auf der Suche

Sandro-Veronesi-FluchtwegeEin absoluter Zufallstreffer: Ich kannte den Autorennamen nicht, mir sagte der Titel nichts, der Klappentext gab wenig Informationen preis und eigentlich sprach mich das Buchcover nicht besonders an. Aber ich habe das Buch „Fluchtwege“ des italienischen Autors Sandro Veronesi trotzdem gekauft. Einfach so. Wahrscheinlich, weil ich in letzter Zeit mit Büchern aus dem Klett-Cotta-Verlag immer Glück hatte. Und diesmal auch, ein Spontankauf, der sich gelohnt hat. Veronesi schreibt über eine rumänisch-italienische Autoschieberbande, über Diebstähle im großen Maßstab, über organisiertes Verbrechen und Korruption. Eigentlich. Aber in Wahrheit ist es die Geschichte Pietro Paladinis, der von alldem nichts weiß. Die Geschichte einer Flucht, die zu einer Reise zu sich selbst wird. Eine Familiengeschichte, die sich wie eine Zwiebel Schicht für Schicht dem Leser enthüllt. Und nicht nur dem Leser, sondern auch Pietro selbst, obwohl es seine eigene ist. Weiterlesen

Drei Jahre Kaffeehaussitzer

DreiJahreVor genau drei Jahren, am 16. Juni 2013, ging der erste Blogbeitrag auf Kaffeehaussitzer online. Damals war mir ganz und gar nicht klar, was für eine spannende Reise damit beginnen sollte. Von Literaturblogs hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt kaum gehört, hatte irgendwann einmal den Domainnamen Kaffeehaussitzer gesichert und dann die diffuse Idee, diesen Namen zu nutzen, um über Bücher zu reden. Genau das machte mir schon immer Spaß, ob als Buchhändler oder in einer Runde mit anderen literaturbegeisterten Menschen. Es folgten irgendwann die ersten vorsichtigen Gehversuche auf Facebook. Recht spät, denn das Netz und ich – das war die Geschichte einer langsamen Annäherung und die sozialen Plattformen habe ich erst nach und nach für mich entdeckt.

Lange Rede kurzer Sinn: Dann ging es los mit dem Kaffeehaussitzer und ich stellte mit Erstaunen und Begeisterung fest, wie viele Gleichgesinnte, in ihren Lesevorlieben aber auch so unterschiedliche Menschen sich in der Literatur-Blogosphäre tummeln. Und bin dankbar dafür, wie viele von ihnen ich bis heute persönlich kennenlernen durfte – ob im realen Leben oder virtuell. Was als vages Blog-Projekt begann, ist inzwischen zu meiner virtuellen Identität geworden, die nicht im Gegensatz zum echten Leben steht, sondern ein bedeutender Teil davon ist. Weiterlesen

Was den Menschen ausmacht

Thea_Dorn_Die_UnglückseligenWas macht den Menschen aus? Ein zentrale Frage in der Literatur, deren Beantwortung auf vielfältigste Weise erfolgen kann, direkt oder indirekt. Zwei meiner Lieblingsbücher wählen den direkten Weg und reduzieren den Sinn des menschlichen Daseins auf die Vergänglichkeit. Denn nur die Sterblichkeit, die Endlichkeit des Lebens mit all seinen Möglichkeiten macht die Handlungen des Menschen, sein Werden und Wirken zu etwas Besonderem. Zu diesem Ergebnis kommt Simone de Beauvoir in „Alle Menschen sind sterblich“. Und Fruttero & Lucentini erzählen in ihrem Roman „Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ die Legende von Ahasver, dem Ewigen Juden weiter, der ziellos über die Erde wandelt ohne Ruhe zu finden. Zwei Lieblingsbücher, zweimal Unsterblichkeit. Deshalb dürfte es nicht erstaunlich sein, dass ich sofort neugierig wurde auf Thea Dorns „Die Unglückseligen“, geht es doch darin genau um dieses Thema. Nur ganz anders. Weiterlesen

Internet im 17. Jahrhundert

Hillenbrand_KaffeediebSich mit einer virtuellen Identität in einem virtuellen Raum zu bewegen, ist in unserer Zeit für viele Menschen eine Selbstverständlichkeit. Doch so modern es sich anfühlen mag, es ist ganz und gar nichts Neues, sondern hat seine Wurzeln im ausgehenden 17. Jahrhundert. Es war die Blütezeit der République des Lettres, die Epoche der beginnenden Aufklärung und der aufkommenden Kaffeehauskultur als Ort der Kommunikation. Diese drei kulturgeschichtlichen Entwicklungen hat Tom Hillenbrand fulminant mit der machtpolitischen Situation im absolutistischen Europa kombiniert und einen spannenden, temporeichen und doch authentisch wirkenden historischen Roman geschrieben: „Der Kaffeedieb“. Weiterlesen

Ein Tag bei Suhrkamp

eintagbeisuhrkamp23#eintagbeisuhrkamp – so der Hashtag – begann schon am Vorabend. Genauer gesagt, am Abend des 19. Mai 2016 auf dem Platz vor dem Deutschen Theater in Berlin. Von allen Seiten tauchten vertraute Gesichter auf, fünfzehn Literaturblogger hatte der Suhrkamp Verlag nach Berlin geladen. Die meisten davon kannten einander bereits persönlich, es gab Umarmungen zur Begrüßung, Schulterklopfen, Lachen. Dann startete auch gleich das Programm, das Demian Sant’Unione, bei Suhrkamp für Online-Marketing und Bloggerkontakte zuständig, für uns vorbereitet hatte. Mit einem Theaterbesuch. Weiterlesen

Warum ich lese

Der Kaffeehaussitzer. Photo: Vera Prinz„Es gibt Menschen, für die ist Lesen eine Form des Zeitvertreibs. Für andere ist es ein Lebensinhalt. Zu diesen zähle ich mich auch, Lesen und Bücher sind für mich überlebenswichtig.“ Dies sagte ich kürzlich in einem Interview, das Karla Paul mit mir geführt hatte. Lebensinhalt klingt vielleicht ein wenig pathetisch, beschreibt aber treffend den Stellenwert, den Bücher und Literatur in meinem Leben haben.

Aber warum ist das so?

Die Frage nach dem Warum stellte Sandro Abbate, Betreiber des lesenswerten Literaturblogs novelero. In seinem sehr persönlichen Beitrag Warum ich lese erzählt er, wie und warum er zum Leser wurde und was dies für ihn bedeutet. Direkt nach der Lektüre seines Textes begannen die Gedanken in meinem Kopf sich um diese Frage, diese Aussage zu drehen. Und das ist jetzt dabei herausgekommen. Weiterlesen

Nur eine Lebenslüge?

Ladipo-WendeTrägt ein Buch den Titel „Wende“ denkt man unwillkürlich an die Ereignisse im Jahr 1989, an den Zusammenbruch der DDR und die deutsche Wiedervereinigung. Dies spielt im Roman von Eva Ladipo auch durchaus eine wichtige Rolle, im Mittelpunkt steht allerdings ein ganz anderer Umbruch: Es geht um Ursachen und Folgen der Energiewende, um Gewinner und Verlierer, um Macht und Abhängigkeit und um Politik. Die Autorin verknüpft die Geschehnisse beider Wenden miteinander, bietet dem Leser einen spannenden Polit-Thriller und legt gleichzeitig den Finger auf eine der großen Lebenslügen unserer Industrienation. Weiterlesen

Tosende Stille im Outback

Garry-Disher-Bitter-Wash-RoadWenn die Buchhändlerin in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens mir den Kriminalroman „Bitter Wash Road“ von Garry Disher nicht empfohlen hätte, dann wäre mir ein stilistisch und dramaturgisch perfekt komponiertes Buch entgangen. So aber durfte ich mich mehrere Lese-Abende im australischen Outback herumtreiben, die flirrende Hitze spüren und den Staub auf der Zunge schmecken. Und dabei sein, wenn Constable Paul Hirschhausen in einem Fall ermittelt, bei dem er hineinsticht in ein Nest aus Korruption, Rassismus und mühsam unterdrückter Gewalt. Weiterlesen

Jahr-Bücher

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In letzter Zeit tauchen sie vermehrt auf, die Bücher, die lediglich eine Jahreszahl als Titel tragen. Mit welchem hat es angefangen? Bewusst wahrgenommen habe ich es zum ersten Mal bei „1913“ von Florian Illies. Seitdem hat es etliche weitere Jahre gegeben, die zum Anlass genommen wurden, sie im Bezug auf den Verlauf der Geschichte darzustellen. Das Konzept finde ich reizvoll, denn es waren tatsächlich immer wieder besonders ereignisreiche Zeiten, die den Lauf der Dinge maßgeblich beeinflusst haben. Berühmte Vertreter sind 1968 oder 1989, keine Frage. Aber darüber hinaus gab und gibt es immer wieder Jahre, in denen sich entscheidende Ereignisse kumulierten oder die einfach repräsentativ für eine ganze Epoche stehen. Momentaufnahmen in Buchform.

Ich habe einmal einen Blick ins heimische Bücherregal geworfen und hier zusammengestellt, welche Jahr-Bücher sich bei mir angesammelt haben; Sachbücher vor allem, aber auch Romane: Eine kleine Rundreise durch die Geschichte. Weiterlesen

Der Tote am Strand

Daoud-Der-Fall-MeursaultMoussa Ould el-Assasse – das ist der Name eines der berühmtesten Toten der Literaturgeschichte. Er ist der am Strand von Algier erschossene Araber in Albert Camus‘ Roman „Der Fremde“. Oder zumindest könnte das sein Name sein, denn bei Camus bleibt der von seinem Protagonisten Meursault Erschossene namenlos. Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud hat sich der Geschichte angenommen und stellt sie uns aus arabischer Perspektive dar, weshalb sein Buch den Titel trägt „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“. Ein Anspruch, der mich sofort neugierig auf den Roman machte, versprach er doch, mich auf eine Reise in die eigene Erinnerung mitzunehmen. Weiterlesen

We Read Indie

WeReadIndieWelttag des Buches. Und die vierhundertsten Todestage von William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Ich hatte mir eigentlich überlegt, deshalb für heute einen Beitrag vorzubereiten. Etwas zu diesem Anlass, zum Beispiel einen Bericht über die phantastische Macbeth-Verfilmung mit Michael Fassbender in der Hauptrolle. Ober über die wunderschöne, knapp hundert Jahre alte Don-Quichote-Ausgabe, die seit langem ungelesen mein Bücherregal schmückt. Aber daraus ist nichts geworden.

Dafür gibt es andere Neuigkeiten: Seit heute gehören nämlich die beiden Literaturblogs lustauflesen.de und Kaffeehaussitzer zum Redaktionsteam des Gemeinschaftsblogs We Read Indie! Unter der Überschrift „Indie-Zuwachs zum Welttag des Buches“ werden wir offiziell dort vorgestellt. Weiterlesen

Schuld und Reue

Owen-Sheers-I-saw-a-ManAls ich das Buch „I Saw a Man“ von Owen Sheers fertig gelesen hatte, musste ich erst einmal durchatmen. Dann aber gleich meine Begeisterung auf Twitter zum Ausdruck bringen, indem ich es dort als „absolute Leseempfehlung“ anpries. Daraufhin entspann sich eine Twitter-Diskussion, denn Bloggerkollegin Mareike Fallwickl war ganz und gar nicht dieser Meinung, sie fand den Roman „vorhersehbar, langweilig, mit blassen Figuren.“ Zwei Leser, zwei Meinungen, und das, wo ich ihre Buchempfehlungen in ihrem Blog Bücherwurmloch sehr schätze. Doch diesmal war es, als hätten wir komplett unterschiedliche Bücher gelesen – Begeisterung hier, vernichtende Kritik dort. Es ging auf Twitter hin und her, andere Leser klinkten sich ein, tendierten mal zur einen, mal zur anderen Seite, fanden das Ende nicht gelungen, aber schließlich waren 140 Zeichen doch zuwenig Platz, um dieses Buch angemessen vorzustellen. Deshalb erzähle ich jetzt hier, warum ich „I Saw a Man“ für sehr lesenswert halte. Natürlich ohne zuviel davon zu verraten.

Owen Sheers knüpft in „I Saw a Man“ ein Netz aus Tragik, Schuld und Reue, in dem sich seine Protagonisten verfangen; alles ist miteinander verwoben und verbunden, auch wenn sie sich zum Teil nicht kennen. Es ist die alte Frage nach der Ursache, dem Auslöser einer Tragödie, die dann immer weitere Kreise zieht. Ist es Schicksal oder Zufall? Eine Antwort gibt auch das Buch nicht, liefert aber ein eindrucksvolles Beispiel für eine genau solch dramatische Verkettung. Weiterlesen

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