Das Castro-Special

Castro-SpecialFidel Castro ist 90 geworden. Es ist zum einen beinahe unglaublich, dass ein Mensch mit dem Lebenslauf eines Berufsrevolutionärs ein solches Alter erreicht. Zum anderen ist sein Name unverrückbarer Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der letzten Generationen: Er war immer da. Jahrzehntelang. Und hat unzählige Menschen – mich eingeschlossen – schon immer fasziniert. Warum ist das so?

Natürlich weiß ich, dass Kuba kein freies Land ist. Dass der Versuch, eine gerechtere Gesellschaft mit ungerechten Methoden durchzusetzen, zum Scheitern verurteilt ist. Und dass ein kommunistischer Staat jedes Mal – nicht nur in Kuba – ein Synomym für Unterdrückung und Mangelwirtschaft geworden ist. Gleichzeitig erleben wir in zunehmendem Maße, wie die sogenannte freie Marktwirtschaft und der Neoliberalismus die Schere der nationalen und globalen Ungerechtigkeiten immer weiter auseinanderklaffen und unseren Planeten auf einen ökologischen Kollaps zusteuern lässt. Die Person Fidel Castros ist deshalb für viele ein Symbol für zumindest den Versuch, die Welt zu ändern. Mehr noch als Che Guevara, der anderen Gallionsfigur der Weltrevolution, der allerdings in seinem radikalen Idealismus nicht gezögert hätte, den Klassenfeind in einem atomaren Weltkrieg zu vernichten, wenn dies möglich gewesen wäre.

Fidel Castro ist Revolutionär, Macho, Politiker, Präsident, graue Eminenz, gehasster Feind, verehrte Ikone und, wenn man sich klarmacht, was er tatsächlich erreicht hat, tragische Figur – alles in einer Person. „Ein Leben wie aus einem lateinamerikanischen Abenteuerroman – mit dem kleinen Unterschied, dass die Geschichte nicht erfunden, sondern wahr ist. So wahr, wie man sie auch gar nicht erfinden könnte, ohne unglaubwürdig zu wirken. Der kubanische Revolutionsführer war und ist eine der interessantesten und umstrittensten Personen der Zeitgeschichte, Hass- und Heldenfigur, Mythos und Teufel gleichermaßen. Selbst Che Guevara, die ewige Pop-Ikone, wäre nichts geworden ohne Fidel Castro. Es gab kaum einen Politiker der Neuzeit, der so intelligent, gebildet und belesen, groß und gut aussehend, charismatisch wie charmant und mit einem ebenso überzeugenden wie gefährlichen Macho- und Machtinstinkt ausgestattet war wie er.“ Das schreibt Castro-Biograph Volker Skierka in seinem Vorwort für die Graphic Novel „Castro“ von Reinhard Kleist. Und diese Graphic Novel ist eines von vier Büchern, die ich in diesem Castro-Special vorstellen möchte.


Castro. Eine Graphic Novel von Reinhard Kleist

Reinhard-Kleist-CastroReinhard Kleist schildert in seiner Graphic Novel das Leben Fidel Castros. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Journalist Karl Mertens aus Deutschland. Dessen revolutionäre Begeisterung führte ihn im Oktober 1958 nach Kuba, wo er sich in das Lager Castros schleusen ließ, um ihn zu interviewen und über ihn zu berichten. Er begleitet die Truppe während des weiteren Verlaufs des Aufstands, erlebt den Sieg, den Jubel, die Aufbruchstimmung in den Straßen Havannas. Und bleibt für immer. Wir lernen ihn als alten Mann kennen, er erzählt uns seine Geschichte. Die zugleich auch die Geschichte Fidel Castros und der kubanischen Revolution ist.

Dieser Kunstgriff erlaubt es dem Betrachter, Castros Werden und Wirken aus unmittelbarer Nähe zu erleben; seine Jugend, sein erstes Aufbegehren gegen die herrschenden Verhältnisse und sein erster Versuch, einen Aufstand auszulösen erfahren wir durch Interviews, die Karl Mertens mit Fidels Mitstreitern führt. Gleichzeitig bekommen wir dadurch, dass Karl zum Einwohner Havannas wird, unmittelbar mit, wie die Menschen Kubas die vergangenen Jahrzehnte erlebt haben. Wie die anfängliche Euphorie zerrieben wurde zwischen dem Dogma des Klassenkampfes und völlig fehlgeplanter Wirtschaftspolitik. Der Autor stellt die Kämpfe an der Schweinebucht als Wendepunkt dar, als im April 1961 etwa 1.300 Exil-Kubaner mit US-amerikanischer Unterstützung auf Kuba landeten und durch ihre Invasion einen gewaltsamen Umsturz herbeiführen wollten. Ihr Plan ging nicht auf, Volk und Armee standen auf Castros Seite, nach drei Tagen andauernder Kämpfe waren die Invasoren getötet oder gefangen genommen. Fidel Castro nutzte dieses Ereignis, um die schon seit zwei Jahren versprochenen Wahlen endgültig auszusetzen. „Für Wahlen ist jetzt keine Zeit mehr! Wozu auch? Politische Parteien sind nichts anderes als Ausdruck von Klasseninteressen. Doch hier gibt es jetzt nur noch eine Klasse: Die der Armen und diese Klasse ist an der Macht. Von nun an wählt unser Volk tagtäglich durch seine Unterstützung der Revolution.“ Dem Weg in einen Staat ohne individuelle Rechte waren damit Tür und Tor geöffnet.

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Reinhard Kleists Graphic Novel gibt mit ausdrucksstarken Zeichnungen das Leben Castros bis zum heutigen Tag und die Ereignisse auf Kuba wieder. Komplett in schwarz-weiß gehalten, wechseln sich großflächige, eher grob strukturierte Darstellungen ab mit detaillierten Porträts, in denen jede Gesichtsfalte zu erkennen ist.

Anderes wiederum wird nur angedeutet oder in einem einzigen Detail wiedergegeben, was die Dramatik der Ereignisse unterstreicht – wie auch die Tristesse des Alltags in einer Mangelwirtschaft, umgeben von Spitzeln. Lebensmittelkarten statt Mojitos.

Karl Mertens weigert sich lange zu akzeptieren, dass die Revolution letztendlich gescheitert ist, dass die Macht irgendwann jeden Idealismus korrumpiert, dass es nicht gelungen ist, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen. Er wird am Ende alles verloren haben, seine Ideale, seine Heimat, seinen Beruf und seine große Liebe. Nur Fidel Castro wird dann immer noch da sein, überlebensgroß auf unzähligen Plakaten.


Castros Kuba. Photographien und Texte von Lee Lockwood 

Lee-Lockwood-Castros-KubaDer voluminöse Band „Castros Kuba“ aus dem Taschen Verlag trägt den Untertitel „Ein Amerikaner in Kuba – Reportagen aus den Jahren 1959 bis 1969“. Er beinhaltet das journalistische Werk des Photoreporters Lee Lockwood. Ähnlich wie der fiktive Reporter Karl Mertens aus der oben vorgestellten Graphic Novel reiste Lockwood nach Kuba, um Fidel Castro zu interviewen; ein Mann, auf den im Winter 1958/1959 die ganze Welt schaute. Mit dem Sieg Castros kam Lockwood in Kuba an und erlebte Kuba als eine Insel im Freudentaumel. Eine Euphorie, die er mit seinen ersten Photos so intensiv eingefangen hat, dass sie auf den Betrachter überzuspringen scheint. Im Mittelpunkt steht dabei immer Castro. Als Redner, als Volkstribun, aber auch im privaten Umfeld, beim Spazierengehen mit seinem Hund, im Gespräch mit Vertrauten, oder entspannt auf einem Schaukelstuhl sitzend, strumpfsockig, die Schuhe daneben stehend. Dieses Motiv ist auf dem Umschlag zu sehen und die so gar nicht offiziell anmutende Situation macht sofort klar, dass hier jemand Fidel Castro in einem sehr persönlichen Umfeld begegnet ist.

Lockwood schrieb rückblickend: „Ich bezweifle, dass irgendjemand, der damals in Kuba zugegen war, egal ob Einheimischer oder Ausländer und ungeachtet seiner heutigen Meinung über Castro je die von Begeisterung und Hoffnung geprägte Stimmung vergessen wird, die sich in den ersten Tagen nach dem Sieg der Revolution ausbreitete. (…) Zumindest für einen Augenblick gaben selbst die größten Pessimisten ihren Zynismus des 20. Jahrhunderts auf und sahen in Fidel Castro die Inkarnation eines legendären, von einer magischen Aura umgebenen Helden, einen bärtigen Parzival, der einem kränkelnden Kuba wundersame Erlösung gebracht hatte.“ Der amerikanische Reporter wurde Castro vorgestellt und war ihm auf Anhieb sympathisch. Zwar hatte der vielbeschäftigte Revolutionsfüher keine Zeit für ein Interview, aber Lockwood durfte sich ungehindert in seiner unmittelbaren Nähe aufhalten. Deshalb verdanken wir ihm beeindruckende Aufnahmen und viele seiner Photos werden in diesem Buch das erste Mal veröffentlicht.

Lee Lockwood reiste mehrmals nach Kuba, immer in der Hoffnung, endlich sein ersehntes Interview zu bekommen. Nach den Kämpfen an der Schweinebucht konnte er das Land einige Zeit nicht besuchen, aber im Sommer 1964 bot sich ihm endlich die Gelegenheit. Als Fidel Castro sich für ein paar Tage nur im Kreise seiner engsten Vertrauten in den Feriensitz auf der Isla de Pinos zurückzog, hatte er Lockwood eingeladen, ihn zu begleiten. Seit seinem ersten Zusammentreffen mit Castro im Jahr 1959 war einige Zeit vergangen, der anfängliche Jubel hatte sich in einen harten Alltag verwandelt, die Feindschaft mit den USA war zementiert, der Schwenk in Richtung Kommunismus vollzogen. Umso spannender diese Konstellation: Ein amerikanischer Reporter verbringt eine Woche in demselben Haus wie Fidel, geht ein und aus wie es ihm beliebt und redet mit Castro, wann immer dieser Zeit dafür findet. Man kann sich vorstellen, dass die kubanischen Leibwächter nervös waren.

Herausgekommen ist dabei ein Interview, das seinesgleichen sucht. Für Nina Wiener, die Herausgeberin des Buches, ist es „eines der außergewöhnlichsten Interviews, die im ganzen 20. Jahrhundert mit einem regierenden Staatsmann geführt wurden.“ Nach tage- und nächtelangen Gesprächen, 25 Stunden Tonbandaufnahmen, endlosem Redigieren und Gegenlesen entstanden 420 Seiten getippter Text. Es geht darin um, ja, eigentlich alles. Um Politik, um Geschichte, um Persönliches, um Grundsätzliches, um Biographisches, um Kuba, um Ungerechtigkeiten, um die gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA, um diejenigen auf Kuba, es geht um den Politiker, den Revolutionär, den Utopisten, um den Menschen Fidel Castro. Näher kann man ihm wohl nicht kommen.

Ein Großteil des Interviews ist in dem opulent ausgestatteten Buch aus dem Taschen Verlag enthalten. Zusammen mit den Reiseberichten, den anmerkenden Notizen und den unzähligen Bildern Lockwoods ergibt dies ein unvergleichliches Panorama einer Zeit im Umbruch.

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Lockwood war kein unkritischer Beobachter. Die Ungerechtigkeiten im kubanischen Alltag entgingen ihm nicht, er sah aber auch ganz deutlich die feindselige amerikanische Politik, die mit zu der eisigen Stimmung zwischen den beiden Ländern beigetragen hatte und zögerte nicht, sie offen darzulegen. Hätte die Geschichte einen anderen Verlauf nehmen können? Vielleicht. Was bleibt, ist die Erinnerung an ein paar Monate, in denen alles möglich zu sein schien.

Und an seine amerikanischen Landsleute gerichtet schrieb Lockwood im Jahr 1966: „Wir mögen Castro nicht, also verschließen wir die Augen und halten uns die Ohren zu. Aber wenn er wirklich unser Feind und für uns so gefährlich ist, wie man uns erzählt, dann, meine ich, sollten wir über ihn so viel wie möglich wissen. Und wenn er es nicht ist – dann sollte auch das bekannt sein. Egal ob man mit seinen Vorstellungen übereinstimmt oder nicht: Am besten lernt man einen Menschen kennen, indem man sich anhört, was er zu sagen hat.“

Zeitlose Sätze.


Kuba 1959. Photographien von Burt Glinn

Burt-Glinn-Kuba-1959Auch der junge Photograph Burt Glinn, einer der ersten drei amerikanischen Mitglieder der legendären Photo-Agentur Magnum, war fasziniert von der kubanischen Revolution. Als er am Silvesterabend 1958 hörte, dass der Diktator Batista mitsamt seinem Gefolge Kuba fluchtartig verlassen hatte, flog er kurzentschlossen nach Miami, wo es im gelang, einen Platz in einem Flugzeug nach Havanna zu bekommen – damals gab es noch regelmäßige Flugverbindungen zwischen diesen beiden Städten. Am 1. Januar 1959 traf er in der Abenddämmerung in Havanna ein. In einer Stadt im Ausnahmezustand: Der Herrscher war geflohen, seine Getreuen aber noch vor Ort. Es gab keine Regierung, das rechtsfreie Vakuum wurde gefüllt von Anhängern Fidel Castros, die sich bewaffneten und sich mit den verbliebenen Batista-Unterstützern Schießereien in den Straßen lieferten. Der Kampf war nach wenigen Tagen entschieden und dann folgte das Warten. Die Revolution hatte gesiegt und Castro fuhr in einem tagelangen Triumphzug quer durch das Land nach Havanna. Es waren diese schon oben geschilderten Tage der absoluten Euphorie und einer unvergleichlichen Aufbruchstimmung, in der alles möglich schien. Und Burt Glinn war mittendrin. Mit seinen Kameras. Entstanden ist eine photographische Dokumentation, die so nah am Geschehen ist, wie es nur möglich war. Bilder von Bewaffneten, von Schusswechseln in Havannas Straßen, von gespanntem Warten und – natürlich – von Castros triumphalen Empfang in den Städten und Dörfen Kubas.

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Im Midas Verlag ist sein photographisches Werk zur kubanischen Revolution neu zusammengestellt erschienen. Es ist ein reiner Photoband, der ausschließlich durch die Kraft der Bilder wirkt. Texte sind kaum enthalten, auf einzelne Bildunterschriften wurde bewusst verzichtet – für meinen Geschmack sind es etwas zu wenig Informationen, die ich als Leser und Betrachter bekomme. Nur hin und wieder sind Zitate des Photographen eingestreut und in einem Vorwort beschreibt der 2008 verstorbene Glinn, wie es zu dieser wahnwitzigen, spontanen Reise kam. Wie er sich von der energiegeladenen, überschwänglichen Stimmung anstecken ließ. Und wie ihn einige Jahre später die Ernüchterung eingeholt hat: „Ich erinnere mich an die wilden Hoffnungen und bösen Vorahnungen, von denen diese kurze Zeit angefüllt war. Ich glaube, ich würde all das, meine liebsten Bilder und all die tollen Zigarren, die ich aus Kuba hatte, eintauschen, wenn wir das alles noch einmal tun könnten. Nur besser dieses Mal.“

Es sind großartige Bilder, die dem Betrachter schmerzhaft klar machen, welche große Chance damals vergeben wurde, aus dieser Aufbruchstimmung heraus tatsächlich eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen.


Das letzte Buch über Fidel Castro. Von Carlos Widmann

Carlos-Widmann-Das-letzte-Buch-ueber-Fidel-CastroDieses Buch stammt ebenfalls aus der Feder eines Journalisten. Carlos Widmann war von 1965 an viele Jahre als Südamerika-Auslandskorrespondent der Süddeutschen Zeitung und später des Spiegels unterwegs. Regelmäßig besuchte er Kuba und traf Fidel Castro immer wieder persönlich. „Das letzte Buch über Fidel Castro“ ist trotz seines etwas großsprecherischen Titels keine Abrechnung und keine Biogrophie. Es ist eher eine Art biographisches Lesebuch, in dem Widmann zentrale Ereignisse aus dem Leben Castros schildert und deren Wirkung auf den Lauf der Geschichte analysiert. Das alles in einem entspannten Ton, der es aber schafft, Zusammenhänge präzise darzustellen.

Ein Kapitel widmet sich etwa dem schwierigen Verhältnis zwischen Castro und den Intellektuellen, von denen ihn viele zuerst als linken Heilsbringer verehrten – bis der ideologischen Starrheit seines Regimes zunehmend auch Schriftsteller zum Opfer fielen. Anschaulich wird erzählt, wie alleine Gabriel García Márquez sein Leben lang treu zu Fidel Castro hielt, ihn regelrecht vergötterte. Und warum das so war.

Das Kapitel „Zwei Machthungrige“ vergleicht die Werdegänge Fidel Castros und Fulgencio Batistas und beschreibt, wie sie als Angehörige der Oberschicht Havannas lange vor der Diktatur Batistas und der Revolution Castros indirekt miteinander zu tun hatten.

Sein Solidaritätsbesuch bei Allende wird geschildert, der zwar gut gemeint war, aber den umstrittenen chilenischen Präsidenten international noch weiter isolierte. Im Roman „Gegen die Zeit“ ist der gemeinsame Auftritt der beiden sozialistischen Politiker, die unterschiedlicher nicht sein konnten, eine der großartigsten Szenen.

Und natürlich darf auch ein Kapitel über die zwar intensiv freundschaftliche, aber auch schwierige Beziehung zwischen Fidel Castro und Ernesto Che Guevara nicht fehlen. Che, der für Fidel die blutige Arbeit der Exekutionen politischer Gefangener erledigte. Che, der dogmatische Kopf der Revolution, dessen Radikalität zunehmend zur Belastung wurde. Che, der einmal sagte: „Auf dieser Insel ist nur Platz für einen Individualisten. Ich bin der andere.“

„Das letzte Buch über Fidel Castro“ ist wie eine Sammlung von Puzzlestücken, die zusammengelegt Kapitel für Kapitel ein ungeschöntes, hochinteressantes Bild des kubanischen Revolutionsführers ergeben. Eines beeindruckenden Menschen, der eine gerechte Gesellschaft mit Zwang durchsetzen wollte und am Ende grandios daran gescheitert ist.

Ein Scheitern, das Carlos Widman mit einem Zitat George Orwells perfekt illustriert: „Wenn George Orwell sich im London der frühen Nachkriegsjahre mit einem der vielen Apologeten Josef Stalins stritt und an die unendlichen Grausamkeiten des Sowjetregimes erinnerte, bekam er vielfach das ungeduldige Argument zu hören »You can’t make an omelette without breaking eggs.« Worauf Orwell antwortete: »Allright. But where is the omelette?« Ja, was ist aus dem kubanischen Omelett geworden?“ 

Aus Reinhard Kleist, Castro

Aus Reinhard Kleist, Castro

Bücherinformationen
Reinhard Kleist, Castro – Eine Graphic Novel
Carlsen Verlag
ISBN 978-3-551-78965-5

Lee Lockwood, Castros Kuba
Herausgegeben von Nina Wiener
Aus dem Englischen von Heinz P. Lohfeldt,
Alfred Starkmann und Werner Richter
Taschen Verlag
ISBN 978-3-8365-3240-2

Burt Glinn, Kuba 1959
Aus dem Englischen von Claudia Koch
Midas Verlag
ISBN 987-3.907100-59-2

Carlos Widmann, Das letzte Buch über Fidel Castro
Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-24004-9

Viva la librería

Viva-la-libreriaZu Beginn der neunziger Jahre war es in meinem Bekanntenkreis en vogue, sich für Südamerika zu begeistern. Es wurde Spanisch gelernt, man nahm alle möglichen Nebenjobs an, um das Geld für Flüge zusammen zu bekommen, Freunde reisten monatelang durch den Kontinent, in südamerikanischen Metropolen wurden Praktika oder Auslandssemester absolviert, es wurde abendelang geredet und über südamerikanische Länder im Umbruch diskutiert. Länder, die es geschafft hatten, die Fesseln von Militärdiktaturen abzustreifen, Bürgerkriege zu überwinden und sich auf dem Weg in eine gerechtere Zukunft befanden. Zumindest hofften wir das damals.

Aus dieser Zeit – es muss etwa 1993 gewesen sein – habe ich von einer Freundin eine Postkarte erhalten. Woher genau die Karte war, weiß ich leider nicht mehr, denn obwohl ich die letzten Wochen überall wegen des Photos für diesen Beitrag nach dieser Postkarte gesucht habe, konnte ich sie nicht mehr finden. Schade. Aber eigentlich auch egal, denn es waren lediglich drei Sätze, die darauf standen, und die Abbildung des Schaufensters einer Buchhandlung. Die Sätze habe ich nie vergessen:

Yo soy libre.
Tú eres libre.
¡Viva la librería!

Dieses Wortspiel hat mich begeistert, zeigt es doch, dass die Wörter Freiheit und Buchhandlung unmittelbar zusammengehören. Deshalb habe ich es in die Rubrik Textbausteine* aufgenommen. Denn es geht in diesen drei kurzen Zeilen um nichts weniger als die Freiheit des Wortes und damit der Meinung und des Geistes. Und darum, was für eine wichtige Rolle die Buchhandlungen, die Verlage und die Presse dabei spielen. Eine Rolle, die für uns selbstverständlich erscheinen mag, die es aber keinesfalls ist. Meinungsfreiheit ist nach wie vor in zahlreichen Ländern nicht existent, egal ob es sich dabei um ideologische oder religiös-politische Unterdrückungsmechanismen handelt.

Besonders dramatisch ist es, wenn das Rad zurückgedreht wird; zu sehen momentan in der Türkei, wo der gescheiterte Militärputsch dazu genutzt wird, die Freiheit des Wortes massiv zu beschneiden: Laut dem PEN-Zentrum Deutschland sind mittlerweile „132 Medienunternehmen geschlossen, darunter 3 Nachrichtenagenturen, 23 Radiosender, 16 Fernsehsender, 45 Zeitungen, 15 Magazine und 29 Verlage, deren Vermögen, inklusive Copyrights und Urheberrechten, dem Staat zugefallen sind. Mindestens 62 Journalisten und Schriftsteller sind in türkischen Gefängnissen eingesperrt, weil sie öffentlich ihre Meinung geäußert haben. Andere Journalisten, deren Medien nun geschlossen wurden, befinden sich auf der Flucht.“ Es ist, als könne man live dabei zusehen, wie sich ein Staat Schritt für Schritt immer weiter von einer freiheitlichen Gesellschaft entfernt. Während die europäischen Regierungen danebenstehen, ohne etwas zu unternehmen.

Die Meinungsfreiheit wird aber nicht nur von staatlicher Seite bedroht, die Gefährdung durch die Giganten der Digitalwirtschaft erfolgt auf subtilere Art und Weise; erst wenn ein Schlag wie etwa die Löschung eines Künstlerblogs durch Google erfolgt, schreckt man kurz aus dem Datenschlummer auf und bemerkt, welche Meinungsmonopole da herangewachsen sind.

Yo soy libre.
Tú eres libre.
¡Viva la librería!

Die Freiheit der Person ist mit der Freiheit des Wortes auf das Engste verknüpft.
Das sagen uns diese drei kurzen Sätze. Wir sollten das niemals vergessen.

Und unsere Bücher möglichst oft in einer unabhängigen librería unseres Vertrauens kaufen.

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* In vielen Büchern habe ich Stellen angestrichen, die mir im Gedächtnis haften geblieben sind und die ich immer wieder lese. Solche Stellen begleiten mich seit Jahren, es sind die Textbausteine meiner Bücherwelt. In diesem Fall ist es eine nicht mehr existente Postkarte.

Heimatlose Schachspieler

Guenassia-Club-der-unverbesserlichen-OptimistenVor einiger Zeit unterhielt ich mich mit dem Buchhändler in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens. Wir sprachen über Paris, über die Magie und Schönheit dieser Stadt und er bekam leuchtende Augen, hatte er doch dort eine Weile gelebt. Außerdem zog er das Buch „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ von Jean-Michel Guenassia aus dem Regal und empfahl es mir. Ich kaufte es sofort. Aufgrund des Covers und des Klappentextes hätte ich es niemals gelesen, deutete beides eher auf eine etwas seichte Liebesgeschichte mit ein bisschen Lokalkolorit aus dem Paris der 60er-Jahre hin. Aber da wäre mir etwas entgangen, denn weder Coverphoto noch der Text auf der Rückseite werden dem Buch gerecht.

Es ist eine äußerst vielschichtige Handlung, erzählt in einem Plauderton voller Tiefgang. Und es ist kein Liebesroman, sondern es geht vor allem um das Gefühl der Heimatlosigkeit. Um die Verlorenheit. Um Schicksale von Emigranten aus dem Ostblock zu Zeiten des Kalten Krieges. Um das Zerbrechen einer Pariser Oberschichten-Familie. Es geht um Literatur, um Ideologien, um den Existenzialismus. Um Schach. Um das Aufwachsen. Und – ja, natürlich doch – um die Liebe. Weiterlesen

Am Leben bleiben

Price-Die-Chandos-FalleFrühmorgens sieht Jack Butler am Ufer der Loire die Morgendämmerung heraufziehen. Langsam taucht die andere, die südliche Seite des Flusses im Dunst auf; Baumgruppen, Büsche, dahinter Felder und einzelne kleine Häuschen schälen sich nach und nach aus dem Morgennebel. Es ist ein Moment voll andächtiger Stille, eine beindruckende Stelle im Roman „Die Chandos-Falle“ von Anthony Price. Doch dieser Moment täuscht. Denn Jack Butler ist eigentlich Corporal Jack Butler, Angehöriger der britischen Armee. Es ist der Sommer des Jahres 1944 und Butler ist Teil einer Kommandoeinheit, die hinter die feindlichen Linien vordringen soll. Und die feindlichen Linien beginnen am südlichen Ufer der Loire. Weiterlesen

Die lange Nacht der Buchregale

TORDie Buchbranche ist eine überschaubare Welt und es ist an sich nichts Ungewöhnliches, Personen, Gesichtern oder Namen bei unterschiedlichen Gelegenheiten ein zweites oder drittes Mal zu begegnen. Als ich aber kürzlich Post im Briefkasten hatte, schloss sich der Kreis zu einem Abend, der schon lange zurückliegt, den ich aber noch gut in Erinnerung habe. Es würde mir aber auch schwerfallen, solch einen Abend, solch eine Büchernacht zu vergessen. Doch der Reihe nach. Weiterlesen

Das Jahrhundertgemetzel

Joe-Sacco_SommeVor zwei Jahren startete das Leseprojekt Erster Weltkrieg, als sich der Beginn dieses vierjährigen Gemetzels zum hundertsten Mal jährte. Vier Jahre sind eine lange Zeit, doch auch in diesem 51monatigen Morden gab es Fixpunkte, die bis heute symbolisch für die industrialisierte Kriegsführung stehen, bei der Millionen von Soldaten nichts weiter waren als Menschenmaterial oder Kanonenfutter. Der Kampf um Verdun und die Schlacht an der Somme gehören ohne Zweifel dazu. Und beide Ereignisse sind 2016 genau ein Jahrhundert her. Der Graphic-Novel-Künstler Joe Sacco beschreibt in seinem Werk „Der Erste Weltkrieg – Die Schlacht an der Somme“ die Geschehnisse an der Somme auf eine ganz besondere Weise. Weiterlesen

Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg

Leseprojekt-Spanischer-BuergerkriegIn diesen Tagen jährt sich der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs zum achtzigsten Mal. Gleichzeitig ist mir schon länger bewusst, dass ich bis auf die rudimentären Eckdaten kaum etwas Genaueres über diesen Konflikt weiß. Der schließlich nicht nur Spanien veränderte – und dort bis heute nicht vollständig aufgearbeitet ist – sondern viel mehr als ein Bürgerkrieg war. Nämlich ein Kampf der Ideologien, ein blutiges Experimentierfeld für die nur wenige Jahre später stattfindenen Auseinandersetzungen, die vom Zweiten Weltkrieg über die Stellvertreterkriege in Südostasien bis hin zum kalten Krieg Europa und die Weltordnung prägen sollten. Bis zum heutigen Tag. Weiterlesen

Auf der Suche

Sandro-Veronesi-FluchtwegeEin absoluter Zufallstreffer: Ich kannte den Autorennamen nicht, mir sagte der Titel nichts, der Klappentext gab wenig Informationen preis und eigentlich sprach mich das Buchcover nicht besonders an. Aber ich habe das Buch „Fluchtwege“ des italienischen Autors Sandro Veronesi trotzdem gekauft. Einfach so. Wahrscheinlich, weil ich in letzter Zeit mit Büchern aus dem Klett-Cotta-Verlag immer Glück hatte. Und diesmal auch, ein Spontankauf, der sich gelohnt hat. Veronesi schreibt über eine rumänisch-italienische Autoschieberbande, über Diebstähle im großen Maßstab, über organisiertes Verbrechen und Korruption. Eigentlich. Aber in Wahrheit ist es die Geschichte Pietro Paladinis, der von alldem nichts weiß. Die Geschichte einer Flucht, die zu einer Reise zu sich selbst wird. Eine Familiengeschichte, die sich wie eine Zwiebel Schicht für Schicht dem Leser enthüllt. Und nicht nur dem Leser, sondern auch Pietro selbst, obwohl es seine eigene ist. Weiterlesen

Drei Jahre Kaffeehaussitzer

DreiJahreVor genau drei Jahren, am 16. Juni 2013, ging der erste Blogbeitrag auf Kaffeehaussitzer online. Damals war mir ganz und gar nicht klar, was für eine spannende Reise damit beginnen sollte. Von Literaturblogs hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt kaum gehört, hatte irgendwann einmal den Domainnamen Kaffeehaussitzer gesichert und dann die diffuse Idee, diesen Namen zu nutzen, um über Bücher zu reden. Genau das machte mir schon immer Spaß, ob als Buchhändler oder in einer Runde mit anderen literaturbegeisterten Menschen. Es folgten irgendwann die ersten vorsichtigen Gehversuche auf Facebook. Recht spät, denn das Netz und ich – das war die Geschichte einer langsamen Annäherung und die sozialen Plattformen habe ich erst nach und nach für mich entdeckt.

Lange Rede kurzer Sinn: Dann ging es los mit dem Kaffeehaussitzer und ich stellte mit Erstaunen und Begeisterung fest, wie viele Gleichgesinnte, in ihren Lesevorlieben aber auch so unterschiedliche Menschen sich in der Literatur-Blogosphäre tummeln. Und bin dankbar dafür, wie viele von ihnen ich bis heute persönlich kennenlernen durfte – ob im realen Leben oder virtuell. Was als vages Blog-Projekt begann, ist inzwischen zu meiner virtuellen Identität geworden, die nicht im Gegensatz zum echten Leben steht, sondern ein bedeutender Teil davon ist. Weiterlesen

Was den Menschen ausmacht

Thea_Dorn_Die_UnglückseligenWas macht den Menschen aus? Ein zentrale Frage in der Literatur, deren Beantwortung auf vielfältigste Weise erfolgen kann, direkt oder indirekt. Zwei meiner Lieblingsbücher wählen den direkten Weg und reduzieren den Sinn des menschlichen Daseins auf die Vergänglichkeit. Denn nur die Sterblichkeit, die Endlichkeit des Lebens mit all seinen Möglichkeiten macht die Handlungen des Menschen, sein Werden und Wirken zu etwas Besonderem. Zu diesem Ergebnis kommt Simone de Beauvoir in „Alle Menschen sind sterblich“. Und Fruttero & Lucentini erzählen in ihrem Roman „Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ die Legende von Ahasver, dem Ewigen Juden, weiter, der ziellos über die Erde wandelt ohne Ruhe zu finden. Zwei Lieblingsbücher, zweimal Unsterblichkeit. Deshalb dürfte es nicht erstaunlich sein, dass ich sofort neugierig wurde auf Thea Dorns „Die Unglückseligen“, geht es doch darin genau um dieses Thema. Nur ganz anders. Weiterlesen

Internet im 17. Jahrhundert

Hillenbrand_KaffeediebSich mit einer virtuellen Identität in einem virtuellen Raum zu bewegen, ist in unserer Zeit für viele Menschen eine Selbstverständlichkeit. Doch so modern es sich anfühlen mag, es ist ganz und gar nichts Neues, sondern hat seine Wurzeln im ausgehenden 17. Jahrhundert. Es war die Blütezeit der République des Lettres, die Epoche der beginnenden Aufklärung und der aufkommenden Kaffeehauskultur als Ort der Kommunikation. Diese drei kulturgeschichtlichen Entwicklungen hat Tom Hillenbrand fulminant mit der machtpolitischen Situation im absolutistischen Europa kombiniert und einen spannenden, temporeichen und doch authentisch wirkenden historischen Roman geschrieben: „Der Kaffeedieb“. Weiterlesen

Ein Tag bei Suhrkamp

eintagbeisuhrkamp23#eintagbeisuhrkamp – so der Hashtag – begann schon am Vorabend. Genauer gesagt, am Abend des 19. Mai 2016 auf dem Platz vor dem Deutschen Theater in Berlin. Von allen Seiten tauchten vertraute Gesichter auf, fünfzehn Literaturblogger hatte der Suhrkamp Verlag nach Berlin geladen. Die meisten davon kannten einander bereits persönlich, es gab Umarmungen zur Begrüßung, Schulterklopfen, Lachen. Dann startete auch gleich das Programm, das Demian Sant’Unione, bei Suhrkamp für Online-Marketing und Bloggerkontakte zuständig, für uns vorbereitet hatte. Mit einem Theaterbesuch. Weiterlesen

Warum ich lese

Der Kaffeehaussitzer. Photo: Vera Prinz„Es gibt Menschen, für die ist Lesen eine Form des Zeitvertreibs. Für andere ist es ein Lebensinhalt. Zu diesen zähle ich mich auch, Lesen und Bücher sind für mich überlebenswichtig.“ Dies sagte ich kürzlich in einem Interview, das Karla Paul mit mir geführt hatte. Lebensinhalt klingt vielleicht ein wenig pathetisch, beschreibt aber treffend den Stellenwert, den Bücher und Literatur in meinem Leben haben.

Aber warum ist das so?

Die Frage nach dem Warum stellte Sandro Abbate, Betreiber des lesenswerten Literaturblogs novelero. In seinem sehr persönlichen Beitrag Warum ich lese erzählt er, wie und warum er zum Leser wurde und was dies für ihn bedeutet. Direkt nach der Lektüre seines Textes begannen die Gedanken in meinem Kopf sich um diese Frage, diese Aussage zu drehen. Und das ist jetzt dabei herausgekommen. Weiterlesen

Nur eine Lebenslüge?

Ladipo-WendeTrägt ein Buch den Titel „Wende“ denkt man unwillkürlich an die Ereignisse im Jahr 1989, an den Zusammenbruch der DDR und die deutsche Wiedervereinigung. Dies spielt im Roman von Eva Ladipo auch durchaus eine wichtige Rolle, im Mittelpunkt steht allerdings ein ganz anderer Umbruch: Es geht um Ursachen und Folgen der Energiewende, um Gewinner und Verlierer, um Macht und Abhängigkeit und um Politik. Die Autorin verknüpft die Geschehnisse beider Wenden miteinander, bietet dem Leser einen spannenden Polit-Thriller und legt gleichzeitig den Finger auf eine der großen Lebenslügen unserer Industrienation. Weiterlesen

Tosende Stille im Outback

Garry-Disher-Bitter-Wash-RoadWenn die Buchhändlerin in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens mir den Kriminalroman „Bitter Wash Road“ von Garry Disher nicht empfohlen hätte, dann wäre mir ein stilistisch und dramaturgisch perfekt komponiertes Buch entgangen. So aber durfte ich mich mehrere Lese-Abende im australischen Outback herumtreiben, die flirrende Hitze spüren und den Staub auf der Zunge schmecken. Und dabei sein, wenn Constable Paul Hirschhausen in einem Fall ermittelt, bei dem er hineinsticht in ein Nest aus Korruption, Rassismus und mühsam unterdrückter Gewalt. Weiterlesen

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