Das Leben in der Sevilla-Bar

Alex-Capus-Das-Leben-ist-gutObwohl ich die Werke des Autors kenne und schätze, hat erst die Besprechung der Klappentexterin dafür gesorgt, dass ich umgehend zu einer der Buchhandlungen meines Vertrauens gegangen bin und mir „Das Leben ist gut“ von Alex Capus gekauft habe. Mal kein Buch über Sinnsuche, keines mit dramatischen Wendungen oder komplizierten Beziehungskonstellationen, sondern „Lesen voller Leichtigkeit“, wie Klappentexterin Simone Finkenwirth schreibt. Und trotzdem ein Buch mit Tiefgang. Funktioniert das? In diesem Fall, in diesem Buch ja, auch wenn es nachher noch ein „Aber“ geben wird.

Im Zentrum der Handlung steht die Sevilla-Bar, eine – wie der Name schon sagt – spanische Kneipe, eine Tapas-Bar irgendwo in einer mittelgroßen Stadt in der Schweiz. Wobei „Handlung“ nicht ganz das richtige Wort ist, denn eigentlich geschieht kaum etwas in diesem Buch. Aber bis einem das aufgefallen ist, hat man es schon durchgelesen und war völlig eingetaucht in Gedanken und Leben des Protagonisten. Denn das Buch strahlt eine Ruhe und Gelassenheit aus, die wohltuend ist. Und die man sich viel öfter für sich selbst wünschen würde.

Die Sevilla-Bar also. Ursprünglich entstanden als Anlaufpunkt spanischer Gastarbeiter ist sie heute ein Treffpunkt von Stammgästen aus allen Gesellschaftsschichten der Stadt. Der einfache Schankraum wird überragt von einem großen, ausgestopften Stierschädel, einem Toro, der in dem Buch noch eine wichtige Rolle spielen wird. Die Bar gehört Max, der sie vor einigen Jahren gekauft und damit vor dem Verschwinden gerettet hat.

„Trotzig steht das Häuschen an seinem Platz seit bald hundert Jahren, während ringsum die Bürotürme alle paar Jahrzehnte niedergerissen und wieder hochgezogen, niedergerissen und hochgezogen werden. Es ist, als ob das ganze Bahnhofsviertel nur darauf warte, dass auch die Sevilla Bar endlich Platz macht.
Aber sie macht nicht Platz.
Das gefällt mir. Ich liebe Dinge, die bleiben.“

Max ist Schriftsteller, der zwar schon länger nichts mehr veröffentlicht hat, aber mit seinem Dasein als Bar-Betreiber, als glücklich verheirateter Ehemann und als Vater dreier halbwüchsiger Söhne vollkommen im Reinen ist. Ihn begleiten wir eine Woche lang durch sein unspektakuläres Leben.

Das allerdings gleich zu Beginn des Romans eine Erschütterung erfährt, als seine Frau Tina sich auf den Weg nach Paris macht, wo sie eine einjährige Gastprofessur erhalten hat. Eine Chance, die sie sich nicht entgehen lassen möchte, so dass die Familie sich jetzt auf eine Fernbeziehung umstellen muss.

Max bringt das allerdings nicht aus der Ruhe, er kümmert sich um die Kinder – die alt genug sind, um alleine klar zu kommen – und um seine Bar. Und macht sich Gedanken. Über das Fortgehen und Wiederkommen, über Vertrautes und Fremdes, über das Unterwegssein, über das Suchen und Finden, über das Glück, die Zufriedenheit und die Liebe. Er hat seine Stadt noch nie verlassen, von den vielen Urlaubsreisen einmal abgesehen, hat noch nie woanders gelebt. Und kann sich das auch nicht vorstellen. Bodenständigkeit als Lebensentwurf: Ihm geht es nicht um Selbstfindung durch rastloses Umherirren durch das eigene Leben, sondern um das alltägliche Glück durch Verharren an ein und demselben Ort. In einer Welt der tausend Mal erzählten alten Geschichten, der gemeinsamen Erinnerungen, der Marotten langjähriger Freunde und Bekannter, auf eine beruhigende Weise überschaubar und begrenzt. Eine Welt, die sich in seiner Sevilla-Bar allabendlich trifft.

„Ich liebe Menschen, die bleiben, meine alten Freunde sind mir kostbar. Das Zusammensein mit ihnen scheint mir oft wie mit Silberfäden durchwirkt, die nur die Zeit gesponnen haben kann.“

Es ist ein Lebensentwurf voller Gewissheit, das Richtige zu machen. Es ist ein Ruhen in sich selbst, weil Max weiß, dass er das Leben nicht suchen muss. Es kommt zu ihm. In der Woche, die wir ihn begleiten, denkt er über all das nach, führt Gespräche mit seinen Freunden und Gästen, erinnert sich an Erlebnisse aus längst vergangenen Zeiten. Eine Freundschaft wird tiefe Risse bekommen, eine andere dafür neu geknüpft werden. Er denkt an seinen besten Freund, der auf unschöne Weise aus seinem Leben verschwunden ist, erinnert sich an andere, die gekommen und gegangen sind, empfindet das Älterwerden wie einen ruhigen Fluss, der trotzdem unaufhaltsam vorwärtsfließt. „Es ist eine große Aufgabe, in Würde alt zu werden. Jeder muss sie auf seine Weise lösen.“ Und vor allem vermisst Max seine Frau, denkt liebevoll über ihre Marotten nach, verspürt auch nach all den Jahren gemeinsamer Ehe eine Sehnsucht nach ihr.

Die Ruhe, die das Buch ausstrahlt, die zahlreichen Gedanken über das Älterwerden und das Leben an sich – das alles hat mir gut gefallen. Und doch ist mir Max etwas fremd geblieben. Vielleicht, weil es bei mir selbst es viel zu spät wäre, solch ein Leben zu wählen; dafür habe ich ein paar Mal zu viel die Brücken abgebrochen und bin weitergezogen. Schon oft habe ich mich gefragt, wie es sich wohl anfühlt, sein Leben an ein und demselben Ort zu verbringen. Nicht nur zwei, drei Freundschaften zu haben, die bis zur ersten Schulzeit zurückreichen. Gibt einem ein solcher Lebensentwurf Ruhe und Gelassenheit? Oder wird man von der Rastlosigkeit aufgefressen? In diesem Dasein werde ich es wohl nicht mehr erfahren.

Das Buch ist ein kompletter Gegenentwurf zu Olivier Adams beeindruckendem Roman „An den Rändern der Welt“. Auch in diesem Buch ist der Protagonist Schriftsteller, aber er ist ein Getriebener, einer, der mit sich hadert, der nicht zur Ruhe kommt, der vor seinem Herkunftsort und allem was er damit verbindet auf der Flucht ist. Unterschiedlicher kann man Lebensläufe, kann man den Gegensatz zwischen Dableiben und Weggehen wohl kaum beschreiben.

In Alex Capus‘ „Das Leben ist gut“ stellt sich die Fage nach dem Sinn des Lebens gar nicht, der Sinn liegt in dem, was man macht. Punkt. Eine bewundernswerte Einstellung, die zumindest während der Leküre ein klein wenig auf den Leser übergeht. Aber – und jetzt kommt es noch, das oben angekündigte Aber – es gibt ein paar Hintergrundinformationen zu diesem Buch. Etwa, dass Alex Capus in seinem Heimatort Olten die Galicia Bar besitzt. Mit einem großen, ausgestopften Stierkopf an der Wand. Dass er sich mit einem seiner besten Freunde zerstritten hat. Und weitere biographische oder familiäre Details, die einen, wenn man sie kennt, zum Schluss kommen lassen, Capus habe über sich selbst geschrieben. Wirkt das Buch dann nicht ein wenig kokettierend, beinahe selbstverliebt, ein bisschen nach „schaut mal, wie gut ich mein Leben eingerichtet habe“? Wird nicht sogar Schmutzwäsche gewaschen, als der Protagonist über das Zerbrechen einer Freundschaft sinniert und an dem Charakter seines Freundes kein gutes Haar lässt?

Doch anders gefragt: Ist dieser Boulevardpressetratsch für die Lektüre des Buches von Bedeutung? Ich finde nicht. Denn letztendlich gibt uns der Autor etwas mit auf den Weg, einen einzigen Satz, der auf dem Titelblatt steht und den wir uns viel zu selten sagen: Das Leben ist gut.

Denn wir haben nur eines.

Buchinformation
Alex Capus, Das Leben ist gut
Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-25267-7

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Zeitreise in die Chaos-Epoche

Preisendoerfer-Als-Deutschland-noch-nicht-Deutschland-warIn einem anderen Beitrag hatte ich geschrieben, dass ich sofort dabei wäre, sollten eines Tages Zeitreisen möglich sein. Die Epoche, um die es ging, waren die Jahre des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts; eine Zeit, die mir in vielem als lebenswerter erscheint als unsere Gegenwart – warum, habe ich in jenem Beitrag erklärt. Nun ist so etwas mit einem Abstand von 200 Jahren schnell gesagt; wie ist es aber, wenn man diese Aussage, dieses Wunschdenken einmal überprüft? Hier hilft das Buch „Als Deutschland noch nicht Deutschland war“ von Bruno Preisendörfer weiter, das uns tatsächlich auf eine Zeitreise schickt, uns mitnimmt auf eine „Reise in die Goethezeit“, so der Untertitel.

Um es gleich vorab zu sagen: Was der Autor hier an Quellenarbeit geleistet hat, wie viele Informationen zu unzähligen Details er für dieses Buch zusammengetragen hat, das ist außerordentlich beeindruckend. Und spannend zu lesen, denn es ist keine trockene Auflistung, sondern ein lebendig erzähltes Tableau des damaligen Alltags in all seinen Facetten.

Was ist die Ausgangslage dieser Reise? Die Goethezeit, wie sie das Buch der Einfachheit halber nennt, ist eine Zeit des vollkommenen Umbruchs. Egal, ob in politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher oder kultureller Hinsicht – nichts bleibt, wie es war: Französische Revolution, Napoleon, das Aufkommen der Industrialisierung, das Entstehen des Bürgertums, die Stilrichtung der Romantik, die mit ihrer Sehnsucht nach einer verklärten Welt die Klarheit der Klassik und die mysterienlose Zeit der Aufklärung ablöst.

„Die »Goethezeit« war Chaos-Zeit, gefährlich, unberechenbar, unheimlich. Sie hatte wenig von der Behaglichkeit, die dem greisen Geheimrat in seinem Haus am Frauenplan so wichtig war. Überall wankte die Ordnung, alles ging drunter und drüber in Weimar, in Deutschland, in Europa und auf der ganzen »Pomeranze«, wie Lichtenberg die Weltkugel nannte. Kolonien wurden Staaten, Könige verloren den Kopf, Imperatoren zerrten im Zeitraffer das historische Lehrstück vom Aufstieg und Fall über die Bühne der Geschichte.“

Ein Deutschland gab es nicht, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation bestand aus einem Flickenteppich unzähliger Klein- und Kleinststaaten, die Mitteleuropa bedeckten. Flankiert von den Supermächten Russland, Österreich und Frankreich und mit einigen Ländern mittlerer Größe und Bedeutung wie Preußen, Bayern oder Sachsen. Mitten in dieser Gemengelage aus Grenzen, zerfaserter Hoheitsgebiete und Zollbestimmungen lag wie ein kultureller Leuchtturm Weimar, das Zentrum des intellektuellen Lebens der damaligen Zeit und Hauptstadt des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. Wobei die Stadt auf Zeitgenossen wie ein „kleines, totes, schlecht gebautes, recht widriges Städtchen“ gewirkt hat, das seinem geistigen Ruf architektonisch in keinster Weise entsprach. Wir schauen uns das selbst an, denn dort beginnt die Reise.

„So fern uns das alles ist, so nah sind wir den Menschen der Goethezeit in Gedanken und Gefühlen. … Aus der Chaos-Epoche gingen die geschichtlichen Voraussetzungen unserer eigenen Gegenwart hervor, und die Menschen, die diese Voraussetzungen schufen oder Zeuge ihrer Entstehung waren, sind in geistiger, seelischer und sogar körperlicher Hinsicht mit uns viel näher verwandt als etwa ein Warlord der Renaissance, ein Mönch des Mittelalters oder ein antiker Sklavenhalter. Nur wenig übertrieben ausgedrückt: Reisende in die Zeit um 1800 treffen bei der Ankunft auf ihresgleichen.“

Und wir werden viele unserer Vorfahren treffen. Tagebücher, Briefe oder Autobiographien lassen sie zu Wort kommen, zahlreiche Originalzitate sind gekonnt in den Text des Buches eingestreut; trotz ihrer in unseren Ohren altmodischen Sprache behindern sie den Lesefluss in keinster Weise, sondern sorgen für Authentizität.

Von Weimar ausgehend lernen wir auf unserer Zeitreise andere Städte kennen, große und kleine, erleben, wie beschwerlich das Reisen damals war – von Weimar nach Berlin in 36 Stunden empfand Goethe als „ungewöhnlich rasch“ – , schauen uns in Dörfern und Bauernhöfen um, in Schankstuben und Handwerkerbetrieben. Mit allen gesellschaftlichen Schichten werden wir zu tun haben, ihre Gewohnheiten und Gebräuche beobachten, an ihren Leben und ihrem Alltag für kurze Zeit teilhaben

Wir sind dabei, wenn Kutschen auf den schlechten Straßen liegenbleiben, bekommen ein Gefühl für die Schnelligkeit der Kommunikation, die vom Verkehrsrythmus der Post bestimmt war, oder passieren auf dem Main zwischen Bamberg und Mainz 33 Zollstationen – viel besser als mit dieser Zahl kann man die Absurdität der Kleinstaaterei kaum darstellen.

In den Städten besuchen wir die Salons, die Oper und das Theater. Aber auch die Armenhäuser, die Bordelle und den Richtplatz. Lernen das universitäre Leben kennen, die Märkte, auf denen verhärmte Bauern ihre Waren feilbieten, sehen und riechen den Schmutz in den Gassen. Bei den Fahrten über Land ahnen wir, was Leibeigenschaft und Frondienst bedeuten, erkennen, wie riesig die Kluft zwischen Arm und Reich ist.

Das Buch ist so vollgepackt mit Details, dass es eine Freude ist. Egal, ob es um Ernährung, um Gesundheit, um den Umgang mit Krankheit und Tod, um Sexualität oder um das Familienleben, um Mode oder um Wohnungseinrichtungen geht. Quer durch alle Stände und Schichten. Statistische Zahlen der damaligen Zeit werden kombiniert mit neuen Forschungsergebnissen und schaffen ein Gerüst, das eindrucksvoll mit dem Leben einer längst vergangenen Zeit gefüllt wird. Allerdings sollte beim Leser ein grundsätzliches Interesse an geschichtlichen Zusammenhängen vorhanden sein, um sich von dieser Fülle an Informationen nicht erschlagen zu lassen.

Es ist ein Geschichtsbuch voller Geschichten. Wohltuend fällt dabei auf, dass es ohne Schilderung von Schlachten und Kriegen auskommt. Dadurch liegt der Fokus tatsächlich auf dem Alltag der Menschen. Wobei damit aber auch ein wichtiger Aspekt des Lebens ausgeblendet ist, denn Krieg war damals ein ständige Möglichkeit, mit der die Menschen konfrontiert werden konnten. Und gerade in dieser Epoche verwandelte er durch Napoleons Eroberungskriege sein Gesicht: Regional begrenzte Konflikte wurden zu Feldzügen, die ganz Europa betrafen.

Nach 442 Seiten sind wir am Ende unserer Zeitreise angekommen, gefolgt von einem umfangreichen Anhang mit Maßangaben, Bevölkerungszahlen, Angaben zu Gehältern und vielen anderen Daten dieser Zeit. Was hat uns der Autor gezeigt? Eine Welt im Wandel, voller Brutalität, Ungerechtigkeit und Beschwerlichkeiten. Aber auch eine Welt voller Aufbruchstimmung, stets auf dem Weg zu neuen Horizonten. Eigentlich alles so wie heute.

Würde ich in dieser Zeit leben wollen, wenn man die Wahl hätte? Es ist eine Frage der Perspektive, als leibeigener Bauer sicher nicht, als Angehöriger einer bürgerlichen Familie könnte ich mir das gut vorstellen. Anschauen würde ich mir diese Welt auf jeden Fall, wenn es die Möglichkeit dazu gäbe. Und solange wir auf die Erfindung von Zeitreisen noch warten müssen, kommen wir dieser Epoche mit Bruno Preisendörfers Buch so nahe, wie es nur geht.

Jetzt hat der Autor übrigens nachgelegt: Mit seinem Buch „Als unser Deutsch erfunden wurde“ schickt er uns auf eine neue Reise. Diesmal in die Lutherzeit. Ich bin gespannt.
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Dies ist ein Titel aus meinem Leseprojekt Das Weimar-Gefühl

Buchinformation
Bruno Preisendörfer, Als Deutschland noch nicht Deutschland war
Verlag Galiani
ISBN 978-3-86971-110-2

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Wenn der Krieg kommt

Jochen-Metzger-Und-doch-ist-es-HeimatSandheim ist ein verschlafenes Dorf in der badischen Provinz, fernab von der großen, weiten Welt. Doch im Frühjahr 1945 rollt plötzlich der Krieg darüber hinweg und verändert alles. Jochen Metzger beschreibt in seinem dokumentatorischen Roman „Und doch ist es Heimat“ schmerzhaft genau, was mit den Menschen geschieht, wenn ihr Zuhause zum Kriegsgebiet wird. So genau, dass ich immer wieder eine Pause einlegen musste, um das Gelesene zu verarbeiten. Weiterlesen

Endlich Zürich

Zuerich-liest-2016In Luftlinien-Entfernung bin ich genau 53,31 Kilometer von Zürich entfernt aufgewachsen. Und war bisher noch nie in dieser Stadt, obwohl schon so viele Freunde von der phantastischen Lage zwischen See und Bergen oder von der unverwechselbaren Atmosphäre dort geschwärmt haben. Es hat bis jetzt einfach nicht sein sollen. Wohlgemerkt, bis jetzt. Denn das wird sich bald ändern, auch wenn die Luflinien-Entfernung seit etlichen Jahren 413,35 Kilometer beträgt. Der Anlass hat einen Namen: »Zürich liest 2016«. Weiterlesen

Ein Jahr am Abgrund

Wells-Spinner„Spinner“ ist ein früher Roman von Benedict Wells, den er jetzt, sieben Jahre nach Erscheinen, noch einmal überarbeitet hat. Das machte mich neugierig, denn es kommt selten vor, dass ein heutiger Autor ein Buch noch einmal in einer neuen Version veröffentlicht. Also habe ich es gekauft. Angefangen es zu lesen. Nicht mehr damit aufgehört, bis die letzte Seite umgeblättert war. Es hat mich umgehauen. Dabei ist die Handlung an sich schon beinahe banal: Ein junger Mann irrt durch Berlin auf der Suche nach dem Sinn in seinem Leben. Schon tausend Mal gelesen. Aber niemals so. Denn es waren unzählige Sätze und Gedanken in diesem Buch, die mich auf eine Reise zu einem anderen Ich aus einer längst vergangenen Zeit geschickt haben; eine Zeit, 27 Jahre her, die ich schon beinahe vergessen hatte, die mich aber geprägt hat bis heute. Es wird also gleich mal wieder etwas persönlicher, nur zur Vorwarnung. Weiterlesen

Das Castro-Special

Castro-SpecialFidel Castro ist 90 geworden. Es ist zum einen beinahe unglaublich, dass ein Mensch mit dem Lebenslauf eines Berufsrevolutionärs ein solches Alter erreicht. Zum anderen ist sein Name unverrückbarer Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der letzten Generationen: Er war immer da. Jahrzehntelang. Und hat unzählige Menschen – mich eingeschlossen – schon immer fasziniert. Warum ist das so?

Natürlich weiß ich, dass Kuba kein freies Land ist. Dass der Versuch, eine gerechtere Gesellschaft mit ungerechten Methoden durchzusetzen, zum Scheitern verurteilt ist. Und dass ein kommunistischer Staat jedes Mal – nicht nur in Kuba – ein Synomym für Unterdrückung und Mangelwirtschaft geworden ist. Gleichzeitig erleben wir in zunehmendem Maße, wie die sogenannte freie Marktwirtschaft und der Neoliberalismus die Schere der nationalen und globalen Ungerechtigkeiten immer weiter auseinanderklaffen und unseren Planeten auf einen ökologischen Kollaps zusteuern lässt. Die Person Fidel Castros ist deshalb für viele ein Symbol für zumindest den Versuch, die Welt zu ändern. Mehr noch als Che Guevara, der anderen Gallionsfigur der Weltrevolution, der allerdings in seinem radikalen Idealismus nicht gezögert hätte, den Klassenfeind in einem atomaren Weltkrieg zu vernichten, wenn dies möglich gewesen wäre.

Fidel Castro ist Revolutionär, Macho, Politiker, Präsident, graue Eminenz, gehasster Feind, verehrte Ikone und, wenn man sich klarmacht, was er tatsächlich erreicht hat, tragische Figur – alles in einer Person. „Ein Leben wie aus einem lateinamerikanischen Abenteuerroman – mit dem kleinen Unterschied, dass die Geschichte nicht erfunden, sondern wahr ist. So wahr, wie man sie auch gar nicht erfinden könnte, ohne unglaubwürdig zu wirken. Der kubanische Revolutionsführer war und ist eine der interessantesten und umstrittensten Personen der Zeitgeschichte, Hass- und Heldenfigur, Mythos und Teufel gleichermaßen. Selbst Che Guevara, die ewige Pop-Ikone, wäre nichts geworden ohne Fidel Castro. Es gab kaum einen Politiker der Neuzeit, der so intelligent, gebildet und belesen, groß und gut aussehend, charismatisch wie charmant und mit einem ebenso überzeugenden wie gefährlichen Macho- und Machtinstinkt ausgestattet war wie er.“ Das schreibt Castro-Biograph Volker Skierka in seinem Vorwort für die Graphic Novel „Castro“ von Reinhard Kleist. Und diese Graphic Novel ist eines von vier Büchern, die ich in diesem Castro-Special vorstellen möchte. Weiterlesen

Viva la librería

Viva-la-libreriaZu Beginn der neunziger Jahre war es in meinem Bekanntenkreis en vogue, sich für Südamerika zu begeistern. Es wurde Spanisch gelernt, man nahm alle möglichen Nebenjobs an, um das Geld für Flüge zusammen zu bekommen, Freunde reisten monatelang durch den Kontinent, in südamerikanischen Metropolen wurden Praktika oder Auslandssemester absolviert, es wurde abendelang geredet und über südamerikanische Länder im Umbruch diskutiert. Länder, die es geschafft hatten, die Fesseln von Militärdiktaturen abzustreifen, Bürgerkriege zu überwinden und sich auf dem Weg in eine gerechtere Zukunft befanden. Zumindest hofften wir das damals.

Aus dieser Zeit – es muss etwa 1993 gewesen sein – habe ich von einer Freundin eine Postkarte erhalten. Woher genau die Karte war, weiß ich leider nicht mehr, denn obwohl ich die letzten Wochen überall wegen des Photos für diesen Beitrag nach dieser Postkarte gesucht habe, konnte ich sie nicht mehr finden. Schade. Aber eigentlich auch egal, denn es waren lediglich drei Sätze, die darauf standen, und die Abbildung des Schaufensters einer Buchhandlung. Die Sätze habe ich nie vergessen: Weiterlesen

Heimatlose Schachspieler

Guenassia-Club-der-unverbesserlichen-OptimistenVor einiger Zeit unterhielt ich mich mit dem Buchhändler in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens. Wir sprachen über Paris, über die Magie und Schönheit dieser Stadt und er bekam leuchtende Augen, hatte er doch dort eine Weile gelebt. Außerdem zog er das Buch „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ von Jean-Michel Guenassia aus dem Regal und empfahl es mir. Ich kaufte es sofort. Aufgrund des Covers und des Klappentextes hätte ich es niemals gelesen, deutete beides eher auf eine etwas seichte Liebesgeschichte mit ein bisschen Lokalkolorit aus dem Paris der 60er-Jahre hin. Aber da wäre mir etwas entgangen, denn weder Coverphoto noch der Text auf der Rückseite werden dem Buch gerecht.

Es ist eine äußerst vielschichtige Handlung, erzählt in einem Plauderton voller Tiefgang. Und es ist kein Liebesroman, sondern es geht vor allem um das Gefühl der Heimatlosigkeit. Um die Verlorenheit. Um Schicksale von Emigranten aus dem Ostblock zu Zeiten des Kalten Krieges. Um das Zerbrechen einer Pariser Oberschichten-Familie. Es geht um Literatur, um Ideologien, um den Existenzialismus. Um Schach. Um das Aufwachsen. Und – ja, natürlich doch – um die Liebe. Weiterlesen

Am Leben bleiben

Price-Die-Chandos-FalleFrühmorgens sieht Jack Butler am Ufer der Loire die Morgendämmerung heraufziehen. Langsam taucht die andere, die südliche Seite des Flusses im Dunst auf; Baumgruppen, Büsche, dahinter Felder und einzelne kleine Häuschen schälen sich nach und nach aus dem Morgennebel. Es ist ein Moment voll andächtiger Stille, eine beindruckende Stelle im Roman „Die Chandos-Falle“ von Anthony Price. Doch dieser Moment täuscht. Denn Jack Butler ist eigentlich Corporal Jack Butler, Angehöriger der britischen Armee. Es ist der Sommer des Jahres 1944 und Butler ist Teil einer Kommandoeinheit, die hinter die feindlichen Linien vordringen soll. Und die feindlichen Linien beginnen am südlichen Ufer der Loire. Weiterlesen

Die lange Nacht der Buchregale

TORDie Buchbranche ist eine überschaubare Welt und es ist an sich nichts Ungewöhnliches, Personen, Gesichtern oder Namen bei unterschiedlichen Gelegenheiten ein zweites oder drittes Mal zu begegnen. Als ich aber kürzlich Post im Briefkasten hatte, schloss sich der Kreis zu einem Abend, der schon lange zurückliegt, den ich aber noch gut in Erinnerung habe. Es würde mir aber auch schwerfallen, solch einen Abend, solch eine Büchernacht zu vergessen. Doch der Reihe nach. Weiterlesen

Das Jahrhundertgemetzel

Joe-Sacco_SommeVor zwei Jahren startete das Leseprojekt Erster Weltkrieg, als sich der Beginn dieses vierjährigen Gemetzels zum hundertsten Mal jährte. Vier Jahre sind eine lange Zeit, doch auch in diesem 51monatigen Morden gab es Fixpunkte, die bis heute symbolisch für die industrialisierte Kriegsführung stehen, bei der Millionen von Soldaten nichts weiter waren als Menschenmaterial oder Kanonenfutter. Der Kampf um Verdun und die Schlacht an der Somme gehören ohne Zweifel dazu. Und beide Ereignisse sind 2016 genau ein Jahrhundert her. Der Graphic-Novel-Künstler Joe Sacco beschreibt in seinem Werk „Der Erste Weltkrieg – Die Schlacht an der Somme“ die Geschehnisse an der Somme auf eine ganz besondere Weise. Weiterlesen

Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg

Leseprojekt-Spanischer-BuergerkriegIn diesen Tagen jährt sich der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs zum achtzigsten Mal. Gleichzeitig ist mir schon länger bewusst, dass ich bis auf die rudimentären Eckdaten kaum etwas Genaueres über diesen Konflikt weiß. Der schließlich nicht nur Spanien veränderte – und dort bis heute nicht vollständig aufgearbeitet ist – sondern viel mehr als ein Bürgerkrieg war. Nämlich ein Kampf der Ideologien, ein blutiges Experimentierfeld für die nur wenige Jahre später stattfindenen Auseinandersetzungen, die vom Zweiten Weltkrieg über die Stellvertreterkriege in Südostasien bis hin zum kalten Krieg Europa und die Weltordnung prägen sollten. Bis zum heutigen Tag. Weiterlesen

Auf der Suche

Sandro-Veronesi-FluchtwegeEin absoluter Zufallstreffer: Ich kannte den Autorennamen nicht, mir sagte der Titel nichts, der Klappentext gab wenig Informationen preis und eigentlich sprach mich das Buchcover nicht besonders an. Aber ich habe das Buch „Fluchtwege“ des italienischen Autors Sandro Veronesi trotzdem gekauft. Einfach so. Wahrscheinlich, weil ich in letzter Zeit mit Büchern aus dem Klett-Cotta-Verlag immer Glück hatte. Und diesmal auch, ein Spontankauf, der sich gelohnt hat. Veronesi schreibt über eine rumänisch-italienische Autoschieberbande, über Diebstähle im großen Maßstab, über organisiertes Verbrechen und Korruption. Eigentlich. Aber in Wahrheit ist es die Geschichte Pietro Paladinis, der von alldem nichts weiß. Die Geschichte einer Flucht, die zu einer Reise zu sich selbst wird. Eine Familiengeschichte, die sich wie eine Zwiebel Schicht für Schicht dem Leser enthüllt. Und nicht nur dem Leser, sondern auch Pietro selbst, obwohl es seine eigene ist. Weiterlesen

Drei Jahre Kaffeehaussitzer

DreiJahreVor genau drei Jahren, am 16. Juni 2013, ging der erste Blogbeitrag auf Kaffeehaussitzer online. Damals war mir ganz und gar nicht klar, was für eine spannende Reise damit beginnen sollte. Von Literaturblogs hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt kaum gehört, hatte irgendwann einmal den Domainnamen Kaffeehaussitzer gesichert und dann die diffuse Idee, diesen Namen zu nutzen, um über Bücher zu reden. Genau das machte mir schon immer Spaß, ob als Buchhändler oder in einer Runde mit anderen literaturbegeisterten Menschen. Es folgten irgendwann die ersten vorsichtigen Gehversuche auf Facebook. Recht spät, denn das Netz und ich – das war die Geschichte einer langsamen Annäherung und die sozialen Plattformen habe ich erst nach und nach für mich entdeckt.

Lange Rede kurzer Sinn: Dann ging es los mit dem Kaffeehaussitzer und ich stellte mit Erstaunen und Begeisterung fest, wie viele Gleichgesinnte, in ihren Lesevorlieben aber auch so unterschiedliche Menschen sich in der Literatur-Blogosphäre tummeln. Und bin dankbar dafür, wie viele von ihnen ich bis heute persönlich kennenlernen durfte – ob im realen Leben oder virtuell. Was als vages Blog-Projekt begann, ist inzwischen zu meiner virtuellen Identität geworden, die nicht im Gegensatz zum echten Leben steht, sondern ein bedeutender Teil davon ist. Weiterlesen

Was den Menschen ausmacht

Thea_Dorn_Die_UnglückseligenWas macht den Menschen aus? Ein zentrale Frage in der Literatur, deren Beantwortung auf vielfältigste Weise erfolgen kann, direkt oder indirekt. Zwei meiner Lieblingsbücher wählen den direkten Weg und reduzieren den Sinn des menschlichen Daseins auf die Vergänglichkeit. Denn nur die Sterblichkeit, die Endlichkeit des Lebens mit all seinen Möglichkeiten macht die Handlungen des Menschen, sein Werden und Wirken zu etwas Besonderem. Zu diesem Ergebnis kommt Simone de Beauvoir in „Alle Menschen sind sterblich“. Und Fruttero & Lucentini erzählen in ihrem Roman „Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ die Legende von Ahasver, dem Ewigen Juden, weiter, der ziellos über die Erde wandelt ohne Ruhe zu finden. Zwei Lieblingsbücher, zweimal Unsterblichkeit. Deshalb dürfte es nicht erstaunlich sein, dass ich sofort neugierig wurde auf Thea Dorns „Die Unglückseligen“, geht es doch darin genau um dieses Thema. Nur ganz anders. Weiterlesen

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