Ein Blues-Song als Botschaft

Hari Kunzru: White Tears

Der Roman „White Tears“ von Hari Kunzru ist für mich eines der bemerkenswertesten, spannendsten und vielschichtigsten Bücher des Jahres. Im September hatte ich außerdem das große Vergnügen, den charismatischen Autor im Kölner Literaturhaus live zu erleben. Es war ein gelungener Abend und seine Erläuterungen haben noch einmal die zentralen Aussagen der Erzählung unterstrichen.

Worum geht es? Auf den ersten Blick um die Geschichte der beiden Freunde Seth und Carter, die in New York ein Tonstudio betreiben. Auf den zweiten Blick aber um viel, viel mehr. Aber der Reihe nach.

Seth und Carter sind ein ungleiches Gespann; eng miteinander befreundet könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Seth stammt aus zerrütteten Familienverhältnissen, hat Probleme, soziale Kontakte zu knüpfen, ist nicht in der Lage, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen; umgangsprachlich würde man ihn als einen Looser bezeichnen. Carter dagegen stammt aus einer reichen, sehr reichen Ostküstenfamilie, kennt keinerlei materielle Sorgen, „er war cool. Blonde Dreadlocks, aufwendige Tattoos und ein Treuhandvermögen, auf das er ohn Zögern zurückgriff, um sich das Leben möglichst angenehm zu gestalten. Er hatte die beste Plattensammlung und die besten Drogen.“ Und ist ebenfalls nicht an sozialen Kontakten interessiert. Beide leben in ihren jeweiligen Welten, das verbindet sie und macht sie zu einem perfekten Team.

Seth ist der Ich-Erzähler des Romans und seine Welt sind die Töne, die Klänge des Alltags. Stunden-, tagelang streift er durch New York, seine Kopfhörer sind Mikrofone, die alles an Geräuschen um ihn herum aufzeichnen. Und ihn direkt mithören lassen; so erschließt er sich eine Welt, die den meisten verborgen bleibt. „Ich entdeckte immer wieder Dinge, die ich nicht wahrgenommen hatte, einzelne Geräuschfelder, die ich unbewusst durchquert hatte.“ Gleich auf der zweiten Seite gesteht Seth, dass er aufpassen müsse, um nicht den Bezug zur Realität zu verlieren.

Im Kölner Literaturhaus berichtete Hari Kunzru, dass er es selbst ausprobiert habe, mit Mikrofonen im Ohr durch New York zu laufen, um sich wie Seth komplett in die Welt der Klänge hineinzuversetzen. Die Aufnahmen im nachhinein anzuhören sei sehr speziell, so Kunzru, da unsere übliche Weltwahrnehmung sehr virtuell geprägt ist. So würden Räume hörbar.

Carter wiederum hat sich mit Leib und Seele der Musik verschrieben, die vor dem digitalen Zeitalter entstanden ist: Eine Musikanlage vom Allerfeinsten, Schallplattenspieler mit Röhrenverstärker und – selbstverständlich – ausschließlich Vinyl. Carter und Seth betreiben gemeinsam ihr Tonstudio irgendwo in einem New Yorker Loft – das natürlich der Familie des reichen Carter gehört – und haben sich auf Sampling spezialisiert, eigens zusammengestellte Klangmischungen, die sie an die Plattenstudios verkaufen.

Bei einem seiner Streifzüge nimmt Seth einen Blues-Gesang auf, so traurig und wütend gleichzeitig, dass es schon beinahe unheimlich ist. Vor allem, weil er sich nicht erinnern kann, einen Sänger gesehen zu haben. Carter ist begeistert, sein musikalischer Sammelwahn beginnt sich auf den Blues auszudehnen, will immer weiter zurückreisen in die Vergangenheit, will das absolut Authentische finden, die Wurzel von allem. Schallplatten aus den dreißiger Jahren mit verschrammten Melodien, aus den zwanziger Jahren, kaum noch hörbar. Musiker, deren Namen fast niemand mehr kennt, „diese Leute waren Geister an den Rändern des amerikanischen Bewusstseins.“ Weiter zurück geht es nicht. Dann taucht bei einem weiteren Streifzug eine Gitarrenmelodie auf, ein Blues. Und der Text passt genau. Carters Besessenheit von alter Bluesmusik nimmt pathologische Züge an. Aus einer Laune heraus mixt er Text und Melodie zusammen, spielt etwas Kratzen in die Aufnahme und erfindet den Namen eines fiktiven Sängers. Charlie Shaw.

Als sie dieses Sampling auf einem entsprechenden Kanal im Netz hochladen, beginnt die Sache aus dem Ruder zu laufen. Denn Charlie Shaw gab es wirklich und sein Schicksal ist vollkommen unbekannt.

Der Radiopionier Guglielmo Marconi war übrigens der Meinung – so Hari Kunzru im Literaturhaus -, dass Schallwellen nie sterben, sie werden nur immer leiser und leiser. Was bedeutet, dass man mit der entsprechenden Ausrüstung akustisch in die Vergangenheit reisen könnte. Und was wäre, wenn Seth und Carter genau das gemacht haben – ohne es zu wissen? Wenn sie einen Blues-Sänger aufgespürt hätten, der schon längst in Vergessenheit geraten ist, aber dessen Song noch im Äther zirkuliert wie ein einsamer Gruß aus längst vergangenen Zeiten?

Die Handlung eskaliert, die Geschichte beginnt zu zerfasern. Carter wird von Unbekannten ins Koma geprügelt und um ihn und sich zu retten, macht sich Seth auf die Suche nach einem vergessenen Sänger, der vielleicht seit Jahrzehnten tot ist. Die Zeitebenen beginnen sich zu verschieben, „meine Gegenwart war mir irgendwie voraus und gleichzeitig unwiederbringlich in der Vergangenheit. Alles, was ich hörte, klang verstärkt und dadurch klarer definiert, gleichzeitig war es aber nur ein Echo, nicht wirklich vorhanden, so fern und fremd wie ein Funksignal aus einem längst vergangenen Krieg. Jeder einzelne Moment war schon durchlebt. Ich konnte nichts mehr in einen Zusammenhang bringen. Etwas passierte und war gleichzeitig schon passiert. Die Spirale, die sich von der Geburt bis zum Tod erstreckt, der Wahrnehmungsstrang aus Gewohnheit und Fortschritt, der aus einem Menschen erst einen Menschen macht, ein eigenständiges Ganzes, war durchbrochen und ohne Substanz wie eine Kette von Rauchringen.“ 

Seth reist in den Süden der USA, dorthin, wo der Blues seinen Anfang nahm. Was wird er finden? Und vor allem, wen wird er finden? Was wird die Realität sein? Was nur eine Wahnvorstellung? Oder sind die Dinge, die Seth erlebt, einem anderen geschehen, vor langer, langer Zeit? Tief hinein wird er stoßen und etwas aufwühlen, das niemand mehr wissen möchte. Auch Rache wird dabei eine große Rolle spielen. Oder mit den Worten Hari Kunzrus: „So wie eine Unterwasserströmung den Schwimmer zurück ins Meer zieht, so zieht die Vergangenheit Seth zurück.“ 

Was ist das nun für ein Buch? Ein Krimi? Eine Bluesgeschichte? Eine Gesellschaftsstudie? Eine Geistergeschichte? Ein Roadmovie? Es ist nicht einzuordnen und genau das macht es so lesenswert. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei Themen: Es geht um die Sklaverei, die in den USA noch lange nach deren offiziellen Abschaffung auf perfide Art und Weise fortdauerte, eng verknüpft mit Rassismus und Unterdrückung, deren Folgen bis heute andauern. Und um das gerade in letzter Zeit viel diskutierte Thema der kulturellen Aneignung.

Der reiche Carter steht hier stellvertretend für Weiße, die schwarze Musik – den Blues – lieben. Wie besessen lieben bei ihrer Suche nach dem Echten, Authentischen, dem Wahrhaftigen, das sie in ihrer eigenen Kultur nicht finden können. Und zu glauben beginnen, dass es „ihre“ Musik ist, dass nur sie diese Musik verstehen. Nicht ganz zufällig lässt der Autor seinen Protagonisten Carter als modisches Acsessoire blonde Dreadlocks tragen, was man ebenfalls als Symbol für einen kulturellen Imperialismus ansehen kann. Hari Kunzru hat an jenem Abend viel über kulturelle Aneignung gesprochen. Als Sohn eines Inders und einer Engländerin wuchs er zwischen zwei Kulturen auf und hat sich über dieses Thema seit Jahren Gedanken gemacht. Gedanken, die nun in dieses Buch geflossen sind.

Im Kölner Literaturhaus sprach er mit uns, den Zuhörern, darüber. Was ist eigentlich der „richtige“ Blues, um den es in „White Tears“ geht? Eigentlich nur eine Konstruktion von weißen Bewunderern, weißen Männern – meistens aus der eher politisch linken Ecke stammend – , die sich in den fünfziger Jahren auf die Suche nach dem Ursprünglichen machten und nach etwas gesucht haben, was sie selbst gerne gehabt hätten. Der reine, einfache Blues ist eine weiße Vorstellung. Eine Vorstellung, die große Musiker wie Bob Dylan, die Stones oder Led Zeppelin maßgeblich geprägt hat.

Zum Ende des Abends erzählte Hari Kunzru, wie sein amerikanischer Verlag den Buchtitel „White Tears“ nicht übernehmen wollte, weil er dem Verlag zu provokant war, er aber darauf bestanden habe. Denn „White Tears“ wird in beide Richtungen abwertend benutzt: Schwarze benutzen dies als einen verächtlichen Ausdruck für Weiße, die sich selbst zu viel leid tun. Weiße benutzen ihn für Schwarze, die sie um ihren Erfolg beneiden.

Und Seth ist irgendwo dazwischen unterwegs, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, auf der Suche nach einem Sänger, der vor vielen Jahrzehnten verschwunden ist und von dem nur ein einziger Song existiert. Ein Blues-Song wie eine Botschaft, traurig und wütend zugleich.

Believe I buy a graveyard of my own
Believe I buy me a graveyard of my own
Put my enemies all down in the ground

Put me under a man they call Captain Jack
Put me under a man they call Captain Jack
Wrote his name all down my back

Went to the Captain with my hat in my hand
Went to the Captain with my hat in my hand
Said Captain have mercy on a long time man

Well he look at me and he spit on the ground
He look at me and he spit on the ground
Says I’ll have mercy when I drive you down

Don’t get mad at me woman if I kicks in my sleep
Don’t get mad at me woman if I kicks in my sleep
I may dream things cause your heart to weep

Buchinformation
Hari Kunzru, White Tears
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-95438-078-7

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Provokation als Geschäftsmodell

Buchblogger gegen Rechts

Auf der diesjährigen Buchmesse haben drei Kleinverlage, die rechtslastige und rechtsradikale Schriften publizieren, die gesamte Medienlandschaft genutzt, um mit mindestmöglichem Aufwand größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Und man muss sagen, sie waren und sind damit sehr erfolgreich. Leider.

Es ist eine Zwickmühle: Auf der einen Seite ist es richtig, sich darüber zu empören, dass auf der Buchmesse die geistigen Brandstifter der rechten Szene in Deutschland auftreten. Auf der anderen Seite steigert jeder Aufreger ihren Bekanntheitsgrad weiter.

Viel wurde darüber berichtet in der letzten Zeit und eigentlich jedes Argument schon mehrmals hin und her gewendet. Ein Lösung, wie mit kalkulierten Provokationen in Zukunft umgegangen werden soll, zeichnet sich momentan noch nicht ab. Denn auf der einen Seite ist die Meinungsfreiheit in unserem Land eines der höchsten Güter, und eine Meinungsfreiheit gilt auch für Ansichten, die wir und der Großteil der Menschen hier unappetitlich oder widerlich finden. Oder wie Holger Ehling in der Kolumne der Zeitschrift BuchMarkt schrieb: „Die Freiheit des Wortes wird nur durch die Strafgesetzgebung eingeschränkt.“ Auf der anderen Seite ist die Frage, ob man den rechten Hetzern tatsächlich solch eine prominente Bühne zugestehen muss. Die aber erst dann prominent wird, wenn deren Stände verwüstet oder deren Redner niedergebrüllt werden. Denn dann können sie sich in ihrer Opferrolle suhlen und auf eben jene Meinungsfreiheit pochen. Eine Freiheit, die sie in umgekehrten Falle ihren politischen Gegnern wohl eher nicht zugestehen würden, wie die Geschichte zeigt.

Falls die Buchmesse-Stände übrigens nicht selbst ausgeräumt wurden – was aber selbstverständlich nur eine absurde Verschwörungstheorie meinerseits darstellt und sicherlich völlig aus der Luft gegriffen ist.

Die Frage „Was tun“ ist damit nicht beantwortet. An dieser Stelle möchte ich auf zwei Beiträge hinweisen, die mir als die tauglichsten in der gesamten, gerade in den sozialen Medien schon an Hysterie grenzenden Aufregung erscheinen. Zum einen ist dies das Interview mit Klett-Cotta-Verleger Tom Kraushaar in der Literarischen Welt. Und zum anderen das YouTube-Statement des Poetry-Slammers und Stand-Up-Künstlers Moritz Neumeier. Beide bringen es wunderbar auf den Punkt: Lasst die Rechten doch ihre Stände aufbauen, lasst ihre Autoren auftreten. Aber lasst sie unter sich bleiben, packt die Verlagsauftritte irgendwo hin, wo sie in ihrem eigenen Saft schmoren können. Brüllt sie nicht nieder, sondern lacht sie aus. Denn ganz ehrlich: Wieso soll man eigentlich einen ehemaligen Katzenkrimi-Autor, der jetzt aberwitzige Verschwörungstheorien von sich gibt, ernst nehmen?

Das ist natürlich einfacher gesagt als getan, aber auch wenn es schwerfällt: Bezieht Stellung, aber lasst euch nicht provozieren. Denn den Gegner ins Leere laufen zu lassen, ist eine der ältesten und wirksamsten Taktiken der Welt – mal davon abgesehen, dass es die drei Verlage, die ich hier nicht namentlich nennen werde, nicht erst seit gestern gibt. Und auch davon abgesehen, dass es auf der Buchmesse schon immer auch moralisch und gesellschaftlich grenzwertige Inhalte irgendwelcher dubioser Kleinverlage zu sehen gab. Und hat es je einer an die große Glocke gehängt? Hat es jemals jemanden ernsthaft interessiert?

Erst wenn sich die Provokation als Geschäftsmodell etabliert und die damit Angesprochenen sich provozieren lassen, dann haben wir ein echtes Problem – wie man dieses Jahr gesehen  hat. Besonders vor dem allgemeingesellschaftlichen Hintergrund, der den rechten Populismus wieder salonfähig gemacht hat.

Zwar glaube ich, dass unsere Demokratie auch ein paar rechte Verwirrte aushalten kann, auch wenn einem deren höhnischer Medientriumph Sorge bereiten mag. Aber gleichzeitig muss man ihnen auch deutlich zu verstehen geben, was man von ihnen und ihren Ansichten hält:

Nichts.

Und genau deshalb beteilige ich mich an der vom Blog novelero iniitierten Aktion Buchblogger gegen Rechts – Auf der Buchmesse und überall.

Buchblogger gegen Rechts

Logo: © novelero

Das Logo gibt es hier.

Buchblog-Award, Buchmesse und Adrenalinrausch

So. Jetzt muss ich das endlich mal aufschreiben, damit ich es schwarz auf weiß lesen kann: Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 wurde der Kaffeehaussitzer mit dem Hauptpreis des 1. Buchblog-Awards ausgezeichnet.

Ich bin immer noch überwältigt. Da fängt man aus einer Laune heraus an, einen Literaturblog zu betreiben, erschafft sich mit Hilfe der sechsundzwanzig Buchstaben des Alphabets ein virtuelles Zuhause – und steht viereinhalb Jahre später auf einer Tribüne vor hunderten von applaudierenden Menschen, um einen Preis für den besten deutschsprachigen Buchblog entgegenzunehmen. Ich habe den Rest des Tages im Adrenalinrausch verbracht, bin spätabends zurück nach Köln gefahren und war am nächsten Morgen schon wieder wach, als es noch dunkel war. Den Tag habe ich mit einem langen Spaziergang am Rhein verbracht, bin später durch verschiedene Buchhandlungen gebummelt und anschließend in einem meiner Kölner Lieblingscafés gelandet. Klar, wo sonst? Weiterlesen

Wir haben die Wahl. Jeden Tag

Wo anfangen? Vielleicht mit dem vorläufigen Höhepunkt einer jahrelangen Entwicklung: Bei der Bundestagswahl 2017 wurde mit der AfD eine Partei in unser Parlament gewählt, die offen rassistisches, antisemitisches und reaktionäres Gedankengut vertritt. Die für all das steht, was viele von uns für überwunden gehalten haben. Oder von dem sie zumindest gedacht haben, es sei in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Weit gefehlt. Leider.

Aber woher kommt dieser Trend hin zum rechten Rand? Woher kommt diese Wut auf die etablierten Parteien und die Politik? Dieser Wunsch, „denen da oben“ mal so einen richtigen Denkzettel zu verpassen? Viel wurde darüber im Vorfeld der Wahl geredet und geschrieben, es ging um die Situation der Abgehängten, der Wendeverlierer, um immer weiter auseinanderklaffende gesellschaftliche Risse, arm und reich, Stadt und Land, Flüchtlingskrise, Unterschiede im kulturellen Denken und vieles mehr.

All diese Punkte, einzeln oder gemeinsam betrachtet, sind Symptome eines gravierenden gesellschaftlichen Wandels, der vor drei Jahrzehnten begonnen hat und der noch längst nicht abgeschlossen ist. Vielmehr sind es nur die ersten politischen Ausläufer, die wir durch die Bundestagswahl mitbekommen haben. Dieser gesellschaftliche Wandel ist die Erosion des Mittelstands und er betrifft uns alle. Weiterlesen

56 Hope Road, Kingston

Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Was weiß ich eigentlich über Jamaika? Oder vielmehr, was wusste ich über diese Insel, bevor ich den Roman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ von Marlon James gelesen habe? Nicht allzu viel, außer dass dort Bob Marley und Peter Tosh den Reggae erfunden hatten. In Verbindung mit dieser Musik stellte ich mir das Leben dort irgendwie entspannt vor. Weit gefehlt. Sehr weit.

Nichts wusste ich von der erschreckenden Gewalttätigkeit. Nichts von den Elendsvierteln in Kingston wie etwa Eight Lanes, Copenhagen City, Rema oder den riesigen Müllbergen in Garbage Lands. Nichts von den Gangs, die diese Viertel beherrschten. Nichts von dem alltäglichen Rassismus, einem Erbe der düsteren Kolonialzeit. Nichts von der brutalen Kriminalität, dem Drogenhandel, der korrupten Polizei, von der Verstrickung der Politik in zahlreiche Morde. Und nichts davon, dass in den siebziger Jahren die PNP – eine der beiden großen politischen Parteien –  eine Art sozialistisches Experiment gestartet hatte. Was auf der einen Seite sofort die CIA mit ihren Destabilisierungsexperten auf den Plan rief, da man kein zweites Kuba vor der Haustüre haben wollte. Und zum anderen Fidel Castro seine Unterstützer schickte. Die rivalisierenden Gangs wurden bewaffnet, Überfälle und Drive-by-Shootings waren an der Tagesordnung, das Land versank in Chaos und Gewalt, Menschenleben zählten nichts, alles war nur einen Schritt von einem Bürgerkrieg entfernt.

Legendär dann das erste Friedenskonzert am 5. Dezember 1976 in Kingston, das Smile Jamaica Peace Concert, in dem Bob Marley zur Versöhnung zwischen den Gangs und zwischen den Parteien aufrief. Ein angeschossener Bob Marley, denn zwei Tage zuvor kam er bei einem Anschlag nur knapp mit dem Leben davon; ein Schuss hatte seine Brust durchlöchert, als sieben Männer mit Pistolen und automatischen Waffen sein Anwesen in der 56 Hope Road stürmten.

Mitten hinein in die aufgeheizte und angespannte Atmosphäre dieser Zeit führt uns Marlon James‘ Roman. Weiterlesen

Unsere Welt. Nur anders

Omar El Akkad: American War

Natürlich war mir das Buch mit dem düsteren Cover und dem einprägsamen Titel schon in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens aufgefallen. Doch spätestens nach der mitreißenden Besprechung im Blog masuko13 war klar, dass ich an dem Roman „American War“ von Omar El Akkad auf keinen Fall vorbeikommen würde. Und es hat sich gelohnt, denn diese finstere Geschichte wird für eine lange Zeit im Gedächtnis bleiben.

Um was geht es? Der Titel sagt es schon, um einen amerikanischen Krieg. Genauer: Um den zweiten amerikanischen Bürgerkrieg, der zwischen den Jahren 2074 und 2095 stattgefunden hat und über den rückblickend berichtet wird. Um eine Welt in Auflösung; die letzten zwei Sätze des Prologs fassen das gesamte Buch zusammen: „Dies ist keine Geschichte über den Krieg. Es ist eine Geschichte über Zerstörung.“ Und zerstört wird im Laufe der Handlung nicht nur das Land, nicht nur die Städte, nicht nur Straßen und Brücken und Bahnlinien. Zerstört werden die Menschen, auch wenn sie nicht ihr Leben im Krieg verlieren. Zerstört wird alles, was das menschliche Miteinander ausmacht. Weiterlesen

Ein Haus für die Literatur

Ein Besuch im Literaturhaus Köln

Ehrlich gesagt macht es Köln einem nicht immer leicht. Zumindest mir nicht. Als ich vor sechzehn Jahren berufsbedingt hier ankam, war ich anfangs entsetzt über die monotone Hässlichkeit der Nachkriegsarchitektur, die das Stadtbild an vielen Stellen prägt. Stand ratlos in den Betonwüsten der öffentlichen Plätze, die eindruckvoll demonstrieren, wie sehr die Stadtplanung der siebziger Jahre versagt hat. Erst nach einer Weile merkte ich, was die Stadt lebenswert macht. Etwa die unkomplizierte Art der Menschen. Das quirlige Leben. Und immer wieder schöne Orte, die es in der urbanen Wüste zu entdecken gibt. Orte, die dadurch umso intensiver wirken. Orte, auf die man erst nach und nach aufmerksam wird und die das Leben in dieser Stadt ausmachen. Orte, die Köln zu einem Zuhause werden lassen.

Einer dieser Orte ist das Kölner Literaturhaus. Ein guter Grund, dort einmal hinter die Kulissen zu schauen und diesen Treffpunkt für Literaturbegeisterte und Buchmenschen hier auf Kaffeehaussitzer vorzustellen. Deshalb habe ich dort außerhalb der Veranstaltungszeit vorbeigeschaut und mich mit Bettina Fischer und Tilman Strasser unterhalten. Bettina Fischer ist Leiterin des Literaturhauses Köln, Tilman Strasser ist Ansprechpartner für Kommunikation und Online-Aktivitäten; aus unserem Gespräch ist der folgende Beitrag entstanden. Weiterlesen

Auf Rattenjagd

Der Spruch von den Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, hat sich selten in einer solchen Dimension bewahrheitet wie nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur im Jahr 1945. Unzählige Täter tauchten unter, vielen gelang es, das von ihnen zerstörte Europa zu verlassen und besonders in südamerikanischen oder arabischen Ländern Zuflucht zu finden. Hier siegte Politik über Gerechtigkeit: Anstatt so viele Nazis wie möglich an den verdienten Galgen zu bringen, duldeten die alliierten Geheimdienste den Mörder-Exodus, wenn sie ihn nicht gar unterstützten. Denn mit dem Triumph Sowjetrusslands und dessen Griff nach großen Teilen Osteuropas war eine neue Bedrohung der westlichen Welt am Horizont erschienen. Der Beginn des kalten Krieges zeichnete sich ab und flüchtende SS-Leute waren plötzlich potenzielle Verbündete im Kampf gegen den Bolschewismus. Natürlich nicht offiziell, aber es etablierten sich feste Fluchtrouten, etwa über die Alpen zu den italienischen Häfen. Mit tatkräftiger Unterstützung der katholischen Kirche und des italienischen Roten Kreuzes. Dies waren die sogenannen „Rattenlinien“.

Der gesamte Aspekt der Täterflucht aus Europa ist bisher nur wenig erforscht, bis heute liegen etliche Zusammenhänge im Dunkeln. Umso spannender ist daher, sich mit zwei Romanen dieser Zeit und diesem Thema zu nähern. Es sind dies „Rattenlinien“ des Autors Martin von Arndt sowie „Der vierte Mann“ von Stuart Neville. Weiterlesen

Bücher und Koffein

Buecher und Koffein

Photo: © Vera Prinz

Vor einiger Zeit hat mich Karla Paul für das Thalia-Online-Magazin Stories interviewt. Es ging – natürlich – um Bücher und Literatur, um Lieblingscafés, aber auch um das Bloggen, um den Weg ins Netz, um die Buchbranche, um das Leben. Die Fragen hatten mir sehr gut gefallen, zumal sie zum Nachdenken über das eigene Tun anregten. Und beim Wiederlesen nach wie vor anregen – weshalb ich das Interview heute leicht aktualisiert auf Kaffeehaussitzer veröffentliche. Die Redaktion des Magazins hatte es seinerzeit etwas gekürzt, die vollständige Version gibt es nun hier.

Viele Blogger starten ihre Seiten aus privater Leidenschaft zum Lesen – Du bist hingegen beruflich ausgebildeter Literaturliebhaber, genauer gesagt arbeitest Du schon seit 1993 in der Branche. Wie hat bei Dir damals alles angefangen und wohin haben Dich die Jahre getrieben? Weiterlesen

Regennasse Einsamkeit

Sven Heuchert: Dunkels Gesetz

Wenn die Menschen gehen, holt sich die Natur alles zurück. Häuser zerfallen, Straßen bekommen Risse, in denen das Unkraut sprießt, Büsche und Bäume überwuchern alles, Wege verschwinden, notdürftig erhalten die letzten Verbliebenen die Reste einer Infrastruktur am Leben, die eigentlich kaum jemand mehr braucht. Im Amtsdeutsch heißen solche Gegenden „strukturschwach“, für die Bewohner und für seltene Besucher wirken sie wie das Ende der Welt. Sven Heuchert schickt uns in seinem Roman „Dunkels Gesetz“ in genau solch eine Gegend, irgendwo in die Täler an der deutsch-belgischen Grenze, dort wo die Eifel am verlassendsten ist. Weiterlesen

Fluchtgedanken

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

Es war ein beeindruckender Abend, als Ilija Trojanow sein Buch „Nach der Flucht“ im Kölner Literaturhaus vorstellte. Selten habe ich erlebt, wie jemand in kurzer Zeit so viele brillante Gedanken perfekt auf den Punkt bringen kann. Gedanken, in einfachen Sätzen formuliert, dabei aber von solch einer intellektuellen Tiefe, dass der Abend wie das Buch sich nachhaltig im Gedächtnis verankern werden – denn das Nachdenken über die Folgen der Flucht für einen Geflüchteten ist ein Thema so alt wie die Menscheit. Und immer aktuell, besonders heute. Ilija Trojanow schafft es, in einem schmalen Buch von gerade einmal 125 Seiten das Trauma Flucht eindrucksvoll zu schildern. Denn für einen Flüchtling endet die Flucht nie wirklich, er ist der, der mit Akzent spricht, der einen anderen Namen trägt, eine andere Hautfarbe hat, nicht zurück kann und trotzdem für viele immer ein Fremder bleiben wird. Was wiederum zu der Frage führt, was eigentlich Heimat ausmacht, doch dazu später. Weiterlesen

Blogs als Literaturvermittler? Dreimal Treibgut

Treibgut: Literaturblogs als Literaturvermittler?

Das Internet wirkt manchmal wie ein riesiger Fluss, der ununterbrochen vorüberströmt. Ein Fluss aus unzähligen Beiträgen, Artikeln, Tweets, Posts, Texten aller Art. Vielleicht habe ich dieses Bild deshalb vor Augen, weil ich gerade die Bayou-Trilogie „Im Süden“ gelesen habe; die ersten Krimis von Daniel Woodrell, angesiedelt in einem fiktiven Ort im Mündungsgebiet des Mississippi. Und dieser gewaltige Fluss ist in der Handlung der Romane ständig präsent, Landschaft und Menschen prägend.

Aber heute soll es nicht um ein bestimmtes Buch gehen, sondern um das Treibgut, das einem der virtuelle Strom Internet ab und zu vor die Füße spült. Denn in den letzten Wochen waren es drei Textstücke, die kurz hintereinander bei mir landeten und in ihren gegenteiligen Aussagen so schön zueinander passten, dass ich sie hier miteinander verknüpfen möchte. Weiterlesen

Ein virtuelles Zuhause

Der Kaffeehaussitzer ist vier Jahre alt geworden. Kurz hatte ich überlegt, dies gar nicht groß zu thematisieren, da der Blog inzwischen solch ein selbstverständlicher Teil meines Lebens geworden ist. Aber gerade, dass dem so ist, erstaunt mich dann doch immer wieder aufs Neue. Als am 16. Juni 2013 der erste Beitrag online ging, hätte ich niemals geahnt, was für eine Bedeutung für mich das Bloggen einmal haben würde. Durch diese vier Jahre ist das Netz zu einer virtuellen Heimat und ist der Kaffeehaussitzer ein virtuelles Zuhause geworden. Und zwar eine Heimat, die ich mit vielen anderen literaturbegeisterten Menschen teile. Weiterlesen

Zeig doch mal die Bilder

Graphic Novels: Eine Bestandsaufnahme

Erst in den letzten zwei, drei Jahren habe ich die literarische Gattung der Graphic Novels für mich entdeckt. Nicht unbeteiligt daran waren die Blogs Muromez, Literaturen, Analog-Lesen und Papiergeflüster, die mich darauf neugierig machten. Und schnell habe ich dadurch staunend den Zutritt in eine mir bis dahin unbekannte Welt gefunden, eine Welt voller Überraschungen, vielseitig, bunt und spannend.

Dieser Prozess ist mir gerade bewusst geworden, als ich vor meinem Bücherregal stand, auf der Suche nach der nächsten Lektüre. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich inzwischen ein ganzer Stapel Graphic Novels darin angesammelt hat, wenn auch noch in bescheidenem Ausmaß; thematisch und künstlerisch vollkommen unterschiedliche Werke. Irgendwie ein guter Anlass für eine Bestandsaufnahme und eine kurze Vorstellungsrunde. Weiterlesen

Liebe in Zeiten des Überlebens

Isabelle Autissier: Herz auf Eis

Ein Paar nimmt sich ein Jahr Auszeit, kauft ein Schiff und startet zu einem Segeltörn um die Welt. Was traumhaft klingt, wird zu einem Alptraum, als die beiden bei einer Wanderung auf einer abgeschiedenen Insel ein heftiger Sturm überrascht. Nachdem sie sich aus ihrer Notunterkunft herauswagen, ist das Meer wieder ruhig. Und das Schiff verschwunden. So beginnt der Roman „Herz auf Eis“ von Isabelle Autissier. Weiterlesen

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