Zurück auf Null

Robert Harris: Der zweite Schlaf

Es beginnt wie ein klassischer historischer Roman. Der junge, unerfahrene Priester Christopher Fairfax wird vom Bischof von Exeter in einen abgelegenen Ort im Südwesten Englands entsandt. Dort war der Pfarrer bei einem Unfall ums Leben gekommen; Fairfax soll die Beisetzung regeln und alles für einen Nachfolger vorbereiten. Robert Harris schickt uns mit »Der zweite Schlaf« in das Jahr 1468, mitten hinein in die Zeit des Spätmittelalters. Denkt man jedenfalls auf den ersten Seiten.

Nach einer beschwerlichen Reise durch dunkle Wälder, endlose Moorlandschaften und über Straßen, die kaum bessere Feldwege sind, erreicht Fairfax endlich Addicott St George. Oder Adcut, wie die Einwohner ihr Städtchen nennen. Ein Ort, wie er einsamer kaum sein kann, uralte Gehöfte und Häuser, in denen Menschen und Familien leben, die noch nie etwas anderes gesehen haben als die Felder, Bergketten, Täler und Wälder, von denen Adcut umgeben ist. Erschöpft wird er von Agnes Budd, der Haushälterin des verstorbenen Pfarres Thomas Lacy, in Empfang genommen und im Pfarrhaus einquartiert. Die aufgebahrte, verunstaltete Leiche des Pfarrers ist das Erste, das Fairfax im Kerzenschein zu sehen bekommt.

Das alles geschieht auf den ersten zwanzig, dreißig Seiten. Gleichzeitig tauchen vereinzelt Wörter auf, die nicht zum Geschehen passen wollen. Ein Sofa wird erwähnt oder ein Taschentuch. Als Leser stolpert man darüber. Gab es das im Jahr 1468? Hat der Autor bei der Recherche geschlampt, das Lektorat diese Kleinigkeiten übersehen? Bei einem Perfektionisten wie Robert Harris kaum denkbar.

Überhaupt ist die Stimmung in dem Ort von Beginn an seltsam. Pfarrer Lacy war umstritten und gleichzeitig ein beinahe besessener Sammler von Artefakten einer untergegangenen Zivilisation, die viele Jahrhunderte zuvor nicht nur diesen Teil Englands kulturell geprägt hat. Und von der heute kaum noch Spuren zu finden sind. An manchen Stellen stehen die Trümmer von Monumentalbauten, deren Sinn sich den Menschen des Mittelalters nicht erschließt. Oder man findet immer wieder in der Erde Gerätschaften, die einem vollkommen unbekannten Verwendungszweck dienten. Bei der Suche nach diesen Artefakten – die eigentlich von der Kirche streng verboten ist – war Pfarrer Lacy von einem hohen Felsen in die Tiefe gestürzt und zerschmettert gefunden worden.

Das Unbehagen beim Lesen wird größer, zu viel scheint nicht passen zu wollen. Und das ist grandios komponiert, denn irgendwann – immer noch zu Beginn des Buches – wird klar, dass wir uns zwar wirklich im Jahr 1468 befinden. Allerdings weit voraus in der Zukunft, als nach einer apokalyptischen, globalen Katastrophe die Zivilisation zusammengebrochen war und es nur noch um das nackte Überleben ging. Die gesamte Infrastruktur war vernichtet worden, ganz langsam eine neue Gesellschaftsordnung in England entstanden – auf Grundlage der Bibel und der Reste der christlichen Überlieferungen. Es gab ein neues Jahr Null und das England im Jahr 1468 der Zukunft ist ein Gottesstaat mit strengen Vorschriften, Ritualen sowie dem Bildungsstand und dem technischen Standard unseres bekannten Mittelalters.

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich das alles verraten soll. Doch diese zeitliche Einordnung macht das Buch zu einer ganz besonderen Lektüre. Denn aus einem historischen Roman wird beim Lesen eine Dystopie und ohne diesen genialen Kniff zu erwähnen, kann dieses Buch eigentlich nicht angemessen gewürdigt und vorgestellt werden.

Christoper Fairfax merkt schnell, dass der Tod des Pfarrers mit zahlreichen Ungereimtheiten verbunden ist. Er stolpert in die abgeschottete Welt der kleinen Stadt, und je mehr er über den Toten erfährt, desto neugieriger wird er. Sehr beeindruckt ist er von der Bibliothek im Pfarrhaus, deren Umfang so gar nicht in solch eine abgelegene Pfarrei passen mag. Und die viele Bücher über Altertumsforschung enthält, die schon längst verboten und deren Verfasser im Kerker gelandet sind. Oder denen noch Schlimmeres widerfahren ist. Ebenso beeindruckend ist die Sammlung von ausgegrabenen oder gefundenen Artefakten, die der Verstorbene zusammengetragen hat – die Gegend rund um Addicott St George scheint zahlreiche Geheimnisse zu bergen, vielfältige Reste einer alten Kultur.

Steckt mehr hinter dem Tod des Pfarrers? War es tatsächlich ein Unfall? Weitere Menschen beginnen die Romanhandlung zu bevölkern. Da ist Rose, die stumme Nichte der Haushälterin, die vielleicht mehr weiß, als Fairfax denkt. Da ist Lady Durston, die Witwe eines Adligen, die im Anbau eines halbzerfallenen Herrenhauses lebt – auch ihr verstorbener Mann interessierte sich stark für die Artefakte und stocherte intensiv im Nebel der Vergangenheit herum. Da ist Captain Hancock, ein Kaufmann, der fest der Meinung ist, dass sich die Zukunft nur mit dem verloren gegangenen Wissen der unbekannten Vorfahren meistern lässt. Das wiederum zu erforschen die Kirche mit ihren strengen Vorschriften verbietet.

Ehe sich Fairfax versieht, wird er tiefer und tiefer in eine Geschichte hineingezogen, deren Dimensionen er zu Beginn nicht erahnen kann und die seine Vorstellungskraft weit übersteigen. Denn unter der Erde – und in der Bibliothek Pfarrer Lacys – liegen zahlreiche Geheimnisse. Sie betreffen zum einen die dunkle Geschichte des Ortes Addicott St George und geben zum anderen die Antworten auf viele Fragen aus der Vergangenheit. Antworten allerdings, die die Menschen jenes Mittelalters nicht verstehen können, da die Hinterlassenschaften unserer Welt in der Zukunft nicht anderes sein werden als Betonreste und Plastikschrott. Zum Beispiel kleine Geräte mit einem eingravierten Apfel auf der Rückseite, die keinen konkreten Nutzen zu haben scheinen. Und das Ende des Romans ist grandios und perfekt passend. Wie immer bei Robert Harris.

»Der zweite Schlaf« spricht Fragen an, die auch nach der Lektüre des Buches im Kopf bleiben. Da Menschen immer einen Halt im Leben suchen, werden Religionen auch dann Bestand haben, wenn nach einer Katastrophe das Rad der Zivilisation weit zurück gedreht wird. Wahrscheinlich sogar gerade dann. Und solange die Menschen mit Zwang und strengen Regeln in ihrer Unwissenheit eingepfercht bleiben, ist dem Missbrauch der Religion als Machtinstrument stets Tür und Tor geöffnet. Beispiele dafür gibt es in unserem Hier und Jetzt schon viel zu viele. Ob die Menschheit diese unselige Macht der Religion jemals überwinden kann?

Und was bleibt von unserer heutigen Welt, von unserer Kultur? Im echten Mittelalter waren es die Reste der Römer, die in vielen Städten davon zeugten, dass die zivilisatorische Entwicklung schon einmal weiter war, bevor alles dem Vergessen anheim fiel. Im neuen Jahr 1468 werden es die Trümmer von Autobahnbrücken, sinnlos gewordene Computerbildschirme und zersplitterte Mobiltelefone sein, verschüttet unter Trümmern, überdeckt von Schutt und Erde, überwuchert von Gestrüpp und Bäumen. Artefakte einer Kultur, die verdampfen wird, als hätte sie es nie gegeben. Von unserem hochtechnisierten Informationszeitalter wird es keine Überreste geben, nachdem alles im digitalen Nirvana verschwunden ist.

In der Abgeschiedenheit zwischen dunklen Wäldern, endlosen Moorlandschaften und einer leeren Landschaft mit Straßen, die kaum bessere Feldwege sind, wird niemand mehr wissen, was heute alles technisch möglich gewesen ist. Und die meisten Menschen wird es vielleicht auch gar nicht interessieren, da sie all ihre Kraft dafür brauchen, um einfach nur zu überleben. Und zu tun, was die Kirche vorschreibt.

In jenem kommenden Jahr 1468.

Buchinformation
Robert Harris, Der zweite Schlaf
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-27208-8

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Westwärts, weiter, immer weiter

Carys Davies: West

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss: In dem Roman „West“ von Carys Davies packt der Witwer Cy Bellman im Jahr 1815 seine Sachen und zieht los, in Richtung Westen, in Richtung Prärie. Er lässt sein Leben hinter sich, das er sich als Einwanderer in den damals noch jungen Vereinigten Staaten aufgebaut hatte. Zurück bleibt seine zwölfjährige Tochter Bess, die nun bei ihrer ungeliebten und hartherzigen Tante leben soll.

Wer ist Cy Bellman? Und was treibt ihn an? Er ist schnell beschrieben, mit wenigen Worten skizziert ihn die Autorin: »John Cyrus Bellman war ein hochgewachsener, breitschultriger, rothaariger Mann von fünfunddreißig Jahren. Er hatte große Hände und Füße, einen dichten rotbraunen Vollbart, und er verdiente sein Geld mit der Maultierzucht. Er war einigermaßen gebildet.«  „Westwärts, weiter, immer weiter“ weiterlesen

Vor dem Untergang

Bevor der Mannheimer Photolaborant Erich Sonnemann seinen Namen in Eric Sonneman ändern würde, besuchte er ein letztes Mal seine Verwandtschaft in Freudental – einem Dorf  in der schwäbischen Provinz, irgendwo zwischen Ludwigsburg und Heilbronn. Mit dabei hatte er seine Kamera, mit der er die Familie seines Onkels und dessen Freunde photographierte. Und die Arbeit auf den Feldern, denn es war Erntezeit, damals im Sommer 1938. Ob Erich Sonnemann wusste, dass es danach kein Wiedersehen geben würde? Er emigrierte kurz darauf in die USA und aus seinen Bildern jenes Sommers sind heute Dokumente der Zeitgeschichte geworden. Denn fast alle der darauf abgebildeten Menschen waren einige Jahre später tot, ermordet von ihren Landsleuten und Mitbürgern. Weil sie Juden waren. In dem schmalen Band »Der letzte Sommer« aus der Reihe »Freudentaler Blätter« können wir einige der Photos anschauen. Und erhalten einen Eindruck von trügerischer Normalität, die keine drei Monate später zerbröseln sollte wie ein morsches Stück Holz. Die Photographien sind das Denkmal einer verschwundenen Welt, untergegangen in Barbarei, Leid und Tod. „Vor dem Untergang“ weiterlesen

Zeig doch mal die Bilder (Teil 2)

Zeig doch mal die Bilder (Teil 2): Zwölf ganz unterschiedliche Graphic Novels

Im Beitrag »Zeig doch mal die Bilder« hatte ich vor einiger Zeit beschrieben, wie ich durch den Austausch mit anderen Literaturbloggern die literarische Gattung der Graphic Novels für mich entdeckt habe. Damals stellte ich den ersten Stapel der beginnenden Sammlung vor. Inzwischen sind über zwei Jahre vergangen, es sind einige Bände dazugekommen und es wird Zeit für eine Fortsetzung.

Beim Zusammenstellen ist mir aufgefallen, dass es vor allem düstere Themen sind – wie beim ersten Teil auch. Nun habe ich ein Faible für Romane mit einem eher finsteren Setting, mit tragischen Schicksalen und mit einem offenen Ende; Geschichten mit weichgespültem Happy-End sind mir meist zu lebensfern. Diese Lesevorlieben schlagen sich auch in der Auswahl der Graphic Novels nieder – zumal man Düsternis in dieser Kunstform besonders intensiv zum Ausdruck bringen kann. Und es ist diesmal auch einiges Geschichtliches dabei, was ebenfalls eher zur dunklen Grundstimmung der Sammlung beiträgt.

Hier kommen die nächsten zwölf Graphic-Novel-Empfehlungen. „Zeig doch mal die Bilder (Teil 2)“ weiterlesen

Der Wächter und seine Dämonen

Gerhard Jaeger: All die Nacht ueber uns

Einen Zaun. Einen Wachturm. Einen Mann. Und seine Dämonen. Mehr benötigt Gerhard Jäger nicht, um uns in seinem Roman »All die Nacht über uns« auf eine Reise tief in die Seele eines Menschen zu schicken, dorthin, wo es dunkel ist. So dunkel, wie die Nacht, die diesen Mann umgibt, als er auf dem Wachturm steht, um einen Zaun zu bewachen. Eine einzige, endlose Nacht lang begleiten wir Leser ihn dabei.

Europa in einer nahen Zukunft: Die Flüchtlingskrise hat einen neuen Höhepunkt erreicht, als tausende von Menschen versuchen, dem tödlichen Chaos im zerfallenden Nahen Osten zu entkommen. Die Staaten Mitteleuropas riegeln ihre Grenzen ab, bauen Zäune. In einem nicht näher genannten Land sind die widerwärtigen Phantasien rechtsnationaler Politiker Wirklichkeit geworden: Es wird geschossen, wenn Flüchtlinge versuchen, den Grenzzaun zu überwinden; egal, ob es sich um Männer, Frauen oder Kinder handelt. Dies ist die Aufgabe des einsamen Soldaten auf dem Wachturm. Auf den Zaun zu achten, in die Nacht hinaus zu starren und im Zweifelsfall das Feuer zu eröffnen. „Der Wächter und seine Dämonen“ weiterlesen

Ein Fremder unter Fremden

Daniel Galera: Flut

Der Mann, von dem der brasilianische Autor Daniel Galera in seinem Roman »Flut« erzählt, hat ein Problem. Ein großes. Er kann sich keine Gesichter merken. Es ist ein pathologisches Vergessen, denn er erkennt nie jemanden wieder, egal um wen es sich handelt. Weder seine Eltern, seine Freunde oder die Frau, die morgens neben ihm aufwacht. Nicht einmal sein eigenes Gesicht – wenn er in den Spiegel schaut, erblickt er jeden Tag einen für ihn vollkommen fremden Menschen. Daniel Galera hat damit einen Protagonisten geschaffen, der vollkommen einsam ist. Der Mann versucht, andere Menschen an bestimmten Details wiederzuerkennen, an ihrem Gang oder ihrer Körperhaltung. Doch letztendlich ist er auf sich selbst zurückgeworfen, seine Existenz ist permanent die eines Fremden unter Fremden. „Ein Fremder unter Fremden“ weiterlesen

Gestatten? Von Droste-Hülshoff*

Karen Duves und Tanja Kinkels Buecher ueber Annette von Droste-Huelshoff

Wenn man am Bodensee aufwächst, gehören regelmäßige Besuche auf der Meersburg zur Kindheit. Als Familien-, Schul- oder Geburtstagsausflug, per Auto, per Bus oder per Schiff – die älteste noch bewohnte Burg Deutschlands ist eines der beliebtesten Ziele in dieser Region. Sie ist allerdings auch wirklich beeindruckend, ein trutziges  Gemäuer mit dunklen, kargen Räumen hoch über dem  See. Es gehört aber auch ein schön angelegter Burggarten dazu und an der einen Seite dieses Gartens steht ein bescheidenes Häuschen, eingerichtet mit Möbeln aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hier verbrachte die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff einen großen Teil der letzten Jahre ihres Lebens und hier steht ihr Sterbebett.

Ich weiß noch, wie ich mich als Kind über die Größe des Bettes gewundert habe, es ist so klein, dass nur eine äußerst zierliche Erwachsene darin hätte liegen können. Das war mein erster Kontakt mit Annette von Droste-Hülshoff und so wie die Besuche auf der Meersburg zu meiner Kindheit gehören, so ist auch ihr Name damit verbunden. Viel mehr wusste ich bis vor kurzem nicht über sie, mit ihrer Person und ihrem Werk habe ich mich bisher nie beschäftigt. Doch das hat sich nun dank zweier Bücher geändert, die ich hier vorstellen möchte. Es handelt sich um die Romane »Fräulein Nettes kurzer Sommer« von Karen Duve und »Grimms Morde« von Tanja Kinkel. Beide bringen uns auf sehr unterschiedliche Weise das kurze Leben Annette von Droste-Hülshoffs nahe und holen die heute kaum noch präsente Dichterin – die zu den wichtigsten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts gehörte – in unsere Zeit.  „Gestatten? Von Droste-Hülshoff*“ weiterlesen

Ein Suchender, verloren gegangen

Tina Ger: Das Angeln von Piranhas

Ab und zu habe ich Buchpost im Briefkasten. Doch über diese habe ich mich ganz besonders gefreut: »Das Angeln von Piranhas« von Tina Ger hatte ich im Februar 2018 Jahren als Manuskript in der Rohfassung gelesen und es für den Blogbuster-Preis eingereicht. Damals gewann ein anderer Titel und erhielt dadurch einen Verlagsvertrag. Umso schöner finde ich es, dass nun auch mein Favorit als gedrucktes Buch erschienen ist. „Ein Suchender, verloren gegangen“ weiterlesen

Schlaflos in Stuttgart

Frank O. Rudkoffsky: Fake

Nicht oft führt ein Roman die Leser nach Stuttgart. Stopp! Bitte nicht gähnend wegklicken. Denn die eigentliche Handlung in »Fake« von Frank O. Rudkoffsky spielt in den Weiten der sozialen Netzwerke. Das Buch zeigt auf eine beeindruckende Weise, wie sehr virtuelle und reale Welt zusammengehören. Wie diese Unterscheidung eigentlich schon längst verschwunden ist. Wie das Verhalten im Digitalen unser Leben im Realen mehr prägt, als sich viele eingestehen möchten. Und wie dies manchmal fatale Folgen haben kann. „Schlaflos in Stuttgart“ weiterlesen

Über den Umgang mit Büchern

Eigentlich ist es fast so etwas wie die Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der Blogbeitrag über das Wegschmeißen von Büchern zu den meistgelesenen hier auf Kaffeehaussitzer gehört. Darin hatte ich beschrieben, wie befreiend es sein kann, ein Buch, das sich als Lesezeitverschwender herausgestellt hat, einfach ins Altpapier zu werfen. Sucht man auf Google nach diesem Thema, stand der Blogbeitrag lange Zeit an Platz eins der Suchergebnisse, bis ein Artikel aus der FAZ diese Stelle eingenommen hat. Und obwohl der Text jetzt schon ein paar Jahre alt ist, kommen nach wie vor neue Besucher darüber auf den Blog; die Frage nach dem Wegschmeißen von Büchern scheint viele zu bewegen.

Ironie des Schicksals – das habe ich geschrieben, weil die Menschen, die mich gut kennen, wissen, wie wichtig mir der sorgfältige Umgang mit meinen Büchern ist. Ohne besonders darauf zu achten, sieht bei mir ein gelesenes Buch fast noch unbenutzt aus, von ein paar Bleistiftmarkierungen im Inneren abgesehen. Und einmal hatte ich einen Albtraum, bei dem ich auf der Flucht vor irgendetwas sehr, sehr Furchterregendem nicht vorangekommen bin, weil ich auf keinen Fall die vielen Bücher zurücklassen wollte, die ich bei mir trug.

Daher gibt es jetzt diesen Blogbeitrag über meinen Umgang mit Büchern, über meine ganz persönlichen Gebräuche, Rituale und Marotten. „Über den Umgang mit Büchern“ weiterlesen

Zerbrechliche Gewissheiten

Ein Kaffeehaussitzer-Gastbeitrag im Blog TraLaLit über das Übersetzerpaar Hedwig Lachmann und Gustav Landauer.
Ein Kaffeehaussitzer-Gastbeitrag im Blog TraLaLit über das Übersetzerpaar Hedwig Lachmann und Gustav Landauer.

Kurze und knackige Blogbeiträge schreiben ist etwas, das ich nicht kann. Meistens werden die Texte viel länger als gedacht und meistens ist mir das einfach egal. Diesmal allerdings wird es mir leichtfallen, mich kurz zu fassen, den der eigentliche Beitragstext steht nicht hier, sondern im Blog TraLaLit. Die Seite nennt sich Plattform für übersetzte Literatur und ist – meines Wissens – der einzige Blog, der sich ausschließlich mit dem Thema Literaturübersetzung sowie mit Übersetzerinnen und Übersetzern beschäftigt. Ein Blog, eher schon ein Online-Magazin, das ich schon länger mit großem Interesse verfolge. Und dessen Beiträge ich sehr mag. „Zerbrechliche Gewissheiten“ weiterlesen

Und alles ändert sich

Roscoe T. Martin ist Elektriker. Das wäre an sich nicht besonders spektakulär. Im Alabama des Jahres 1923 allerdings schon, denn abseits der großen Städte ist die Elektrifizierung noch lange nicht angekommen und das Leben auf den Farmen hat sich seit dem 19. Jahrhundert nicht groß verändert. Und auf einer solchen Farm ist Roscoe T. Martin gestrandet – bis eine einzige falsche Idee sein Leben in den Grundfesten erschüttert. Virginia Reeves erzählt in ihrem Roman »Ein anderes Leben als dieses« seine Geschichte. Eine Geschichte über den Wunsch nach Fortschritt und Glück, über das Scheitern, den Verlust und – vielleicht – der Möglichkeit eines Neuanfangs. „Und alles ändert sich“ weiterlesen

Zum Wolf werden

Guillermo Arriaga: Der Wilde

Wie anfangen? Diese Frage stelle ich mir oft zu Beginn einer Buchvorstellung, doch selten war ich so unschlüssig wie diesmal. Denn es geht um ein Buch, in dem zwei vollkommen unterschiedliche Handlungsstränge gekonnt zusammengeführt werden; das alles auf drei, vier Zeitebenen. An der Oberfläche ist der Roman »Der Wilde« von Guillermo Arriaga die Geschichte einer Rache. Doch dies in einer Vielschichtigkeit, die weit darüber hinaus geht.

Im Zentrum der Handlung steht das Kleine-Leute-Viertel Unidad Modelo in Mexiko-City, in dem der Ich-Erzähler Juan Guillermo und sein Bruder Carlos aufwachsen. Das Leben findet zu großen Teilen auf den flachen Dächern der Häuser statt, die »Landschaft aus Wassertanks, Wäscheleinen und Fernsehantennen« ist ein Ort, an dem sich besonders die jungen Menschen treffen. Es gibt Wege von Dach zu Dach, die schmalen Gassen müssen übersprungen werden. Der Grund für diese Rückzugsgebiete ist die politische Situation: Es ist das Jahr 1969 und die konservative mexikanische Regierung mit ihrer Kommunisten-Paranoia geht rigoros gegen jeden vor, der nicht in das offizielle Weltbild passt; lange Haare bei einem Mann reichen, um von den patrouillierenden Polizisten zusammengeschlagen zu werden. Ein Jahr zuvor endete eine Studenten-Demonstration im Kreuzfeuer des mexikanischen Militärs. „Zum Wolf werden“ weiterlesen

Derbe Zärtlichkeit

Sven Heuchert: Koenige von Nichts

Kann man objektiv über ein Buch urteilen, wenn ein Zitat von einem selbst auf der Rückseite steht? Wenn man mit dem Autor zwei-, dreimal im Jahr ein Bier trinken geht und über das Schreiben, die Literatur und Gott und Welt quatscht? Das waren die Gedanken, als ich Sven Heucherts »Könige von Nichts« aufschlug, ein Band mit vierzehn Short Stories. Allerdings waren sie schnell vergessen, diese Gedanken, denn die Geschichten haben es in sich.

Nach einem Roman ist dies Heucherts zweites Buch mit Erzählungen, kurz und knapp, ganz in der Tradition der amerikanischen Short Stories eben. Schon das erste beinhaltete Miniaturen der Hoffnungslosigkeit, die eine Alltagstristesse schilderten, die manchmal schwer zu ertragen war. Aber geschrieben mit einer erzählerischen Eleganz, welche die Kunst des Weglassens zelebriert. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Mit dem neuen Band „Könige von Nichts“ ist dem Autor ein würdiger Nachfolger gelungen. „Derbe Zärtlichkeit“ weiterlesen

Die Lebenden und die Toten

Jon McGregor: Speicher 13 | Robert Seethaler: Das Feld

Aus vielen einzelnen Stimmen entsteht ein Bild. Das Bild eines Dorfes, einer kleinen Stadt mit ihren Bewohnern, mit all den unterschiedlichen Schicksalen und Lebensläufen. Ihrem Glück, ihrer Trauer, ihren verpassten Chancen, ihrer Liebe, ihrer Verzweiflung, ihrem  Hadern, ihren Tränen und ihrem Lachen, kurz: Ihrem Menschsein. Es ist eine literarische Collage, durch die sich die Stadt nach und nach bevölkert, wir Leser langsam Zusammenhänge und Beziehungsgeflechte erkennen können. Zwei Bücher möchte ich hier vorstellen, die genau dies mit ihrer Erzähltechnik fertigbringen, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Denn das eine berichtet von den Lebenden, das andere von den Toten. Es sind die Romane »Speicher 13« von Jon McGregor und »Das Feld« von Robert Seethaler. „Die Lebenden und die Toten“ weiterlesen