Menschen auf der Flucht

Sebastiao Salgado: Exodus

Ist es möglich, sich dem Thema Flucht und Migration auf eine künstlerisch anspruchsvolle Weise zu nähern? Darf man das überhaupt, ohne die Tragik zahlloser menschlicher Schicksale zu ästhetisieren? Oder hilft es den von unzähligen Nachrichtenmeldungen abgestumpften Betrachtern ihr Mitgefühl zu bewahren? Ein Buch möchte ich hier vorstellen, das in herausragender Form klar macht, was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen – auf der Flucht vor Krieg, Folter und Tod oder auf der Suche nach einem Stückchen Hoffnung auf ein besseres Leben. Es ist der Photoband „Exodus“ von Sebastião Salgado, der bereits 2000 erschienen ist und 2016 vom Taschen Verlag neu aufgelegt wurde. Und in Zeiten, in denen Zynismus und Menschenverachtung zunehmend die Politik dominieren, ist dieses Werk aktueller denn je.

Sebastião Salgado ist einer der großen Photographen unserer Zeit, den seine zum Teil jahrelangen Projekte immer wieder um die ganze Erde führen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Beschäftigung mit den Schattenseiten unserer Welt. Er dokumentiert Armut, Hunger, Migration, Völkermord, Vertreibung und deren Ursachen, um den Menschen ein Gesicht zu geben, die niemand sehen will; die im Elend leben, die keine Perspektiven haben, die ganz unten angekommen sind, die niemals woanders waren oder sein werden. Dabei tritt er nie als Voyeur auf, sondern stets als Beobachter, als Chronist der Ungleichheit und Ungerechtigkeit unserer Welt.

Sebastiao Salgado: Exodus

„Exodus“ ist in den Neunzigerjahren entstanden, Salgado war für dieses Photoprojekt fast sieben Jahre unterwegs. Ging dorthin, wohin sonst keiner geht. Sah, was sonst keiner sieht. Sprach mit den Menschen, versuchte, deren Vertrauen zu gewinnen. Photographierte. Holte die Vergessenen zurück in unsere Wahrnehmung. Und zeigt uns, was wir vielleicht gar nicht sehen möchten – umso wichtiger ist es, ganz genau hinzuschauen. Im Vorwort des Buches schreibt er:

„Mehr denn je bin ich überzeugt, dass die Menschen eins sind. Es gibt unterschiedliche Hautfarben, Sprachen, Kulturen und Chancen, aber in ihren Gefühlen und in ihrem Handeln sind sich die Menschen so ähnlich. Sie fliehen vor Kriegen, um dem Tod zu entgehen, sie wandern aus, um ein besseres Los zu finden, sie bauen sich in fremden Ländern ein neues Leben auf, sie passen sich den härtesten Bedingungen an. Überall setzt sich der Überlebenstrieb des Menschen durch. Nur als Spezies scheinen wir unbeirrbar unsere Selbstzerstörung zu betreiben. Vielleicht sollte an diesem Punkt das Nachdenken einsetzen: dass unser Leben gefährdet ist. … Wir halten den Schlüssel zur Zukunft der Menschheit in Händen, aber wir müssen uns zuerst Rechenschaft über die Gegenwart ablegen. Diese Photographien zeigen einen Teil unserer Gegenwart. Wir können es uns nicht leisten, den Blick abzuwenden.“

Sebastiao Salgado: Exodus

Das Buch ist in vier große Kapitel unterteilt.

In Migranten und Flüchtlinge: Der Überlebensinstinkt sieht man Menschen, die unterwegs sind, die aus zerstörten Städten und verwüsteten Landstrichen fliehen mussten und deren Reise irgendwo an einer Grenze endet oder in einem trostlosen Lager.  Manchmal für Jahre, manchmal für immer.

In Afrikanische Tragödie: Kontinent der Enwurzelten geht es um den Bürgerkrieg im Südsudan, um ruandische Flüchtlinge in Tansania oder in Zaire, um die Spannungen in Ruanda nach den Gewaltexzessen des Genozids an den Tutsi; Salgado zeigt uns die hoffnungslose Situation der geflohenen Angolaner nach dem Bürgerkrieg und begleitet die heimkehrenden Flüchtlinge in Mosambik, die vor dem Nichts stehen.

Die Kapitel Lateinamerika: Landflucht und Chaos in den Städten und Asien: Das neue urbane Gesicht der Welt zeigen uns zwei Kontinente, die sich rasant verändern. Immer mehr Menschen ziehen auf der Flucht vor ländlicher Armut in die urbanen Großräume oder versuchen, in eines der westlichen Industrieländer zu gelangen. Mit der Folge, dass sich in Mega-Cities wie etwa São Paulo, Mexico City, Mumbai, Jarkata oder Manila Slumgebiete weiter und weiter ausbreiten; die Städte sind dabei kaum noch zu verwalten.

Die Schwarzweißbilder sind ohne Beschriftung, die Erläuterungen werden in einem beiliegenden Booklet mitgeliefert. Durch diese Darstellung wirken die Photos auf die Betrachter noch unmittelbarer; losgelöst von Zeit und Ort. Dieses Zeitlose macht das Buch so aktuell, denn zum einen hat sich an vielen gezeigten Situationen auch heute, zwei Jahrzehnte später, nichts geändert. Und zum anderen sind zahlreiche neue Krisenherde dazugekommen, an denen es ähnlich aussieht. Es sind Bilder voller Schrecken, voller Trostlosigkeit, die einen verzweifeln lassen angesichts des Elends. Doch sie zeigen oft auch Gesichter voller Würde, die uns eine Botschaft vermitteln: Wir sind alle Menschen. Eine Botschaft, die in Zeiten einer unfassbaren sprachlichen Verrohung in Vergessenheit zu geraten droht. Zeiten, in denen populistische Politik Menschen in Seenot lieber ertrinken lässt, anstatt ihnen zu helfen. Ich glaube, das beantwortet die eingangs gestellten Fragen.

Sebastiao Salgado: Exodus

Laut den Angaben des Flüchtlingshilfswerks UNHCR sind momentan etwa 70 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht – ein historischer Höchststand. Manche mögen sich fragen, was wir in Mitteleuropa damit zu schaffen haben, dabei liegen die Antworten auf der Hand. Denn solange wir Waffen verkaufen, mit denen Krieg geführt wird, solange unsere Fangflotten die Fischbestände vor der afrikanischen Küste dezimieren, solange wir akzeptieren, dass Großkonzerne die Natur in Dritte-Welt-Ländern zerstören, damit es bei uns günstige Rohstoffe, billige Nahrungs- und Lebensmittel gibt, solange Kinder in Zwölfstundenschichten unsere Kleidung nähen, unsere Möbel zimmern, unseren Elekroschrott entsorgen müssen – solange wir immer nur nehmen und nehmen und nehmen, solange werden Menschen gezwungen sein, sich auf den Weg zu machen. Zu uns.

Und solange wir an dieser globalen Gesamtsituation nichts ändern, werden auch die Migrationsbewegungen unserer Zeit nicht abnehmen, eher im Gegenteil. Wir stehen an einem Wendepunkt der europäischen Geschichte, denn noch könnten wir Europäer das Thema Migration politisch mitgestalten, aber leider fällt den Verantwortlichen unserer Zeit außer Abschottung nichts ein – und das wird auf Dauer der falsche Weg sein. Denn der Umbau Europas in eine Festung kann die Menschen auf der Flucht nicht dauerhaft aufhalten und hat zudem nicht nur Folgen nach außen, sondern auch massive Konsequenzen nach innen: In einem verbarrikadierten Kontinent wird sich unsere Gesellschaft verändern, hin zu totalitären Systemen.

Es hat schon angefangen.

Zum Abschluss möchte ich aus dem Beitrag „Avantgarde der Völker“ von Daniel Beiswanger zitieren, der dies mit Hilfe Hannah Arendts perfekt auf den Punkt bringt:

„Hannah Arendt hat aus ihren Untersuchungen (und ihrer Erfahrung) des Totalitarismus den Schluss gezogen, dass die Missachtung der Grundrechte in einer ersten Phase stets nur Flüchtlinge und schutzlose Minderheiten betrifft, bevor sie sich in einer zweiten Phase generalisieren kann. Historisch betrachtet war die Flüchtlingspolitik das Laboratorium der Barbarei. Erst zielt die Aufhebung der Menschenrechte nur auf Migranten – und irgendwann auf die gesamte Bevölkerung.

Wir sollten nicht so naiv sein, zu glauben, dass die namenlosen Tragödien, die sich Tag für Tag und Nacht für Nacht auf offener See abspielen, ohne Einfluss bleiben werden auf das Leben, die Politik und die Gesellschaft in Kontinentaleuropa.

Wir sollten nicht so naiv sein, zu glauben, dass diese Toten nicht die unseren sind.“

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Buchinformationen
Sebastião Salgado, Exodus
Taschen Verlag
ISBN 978-3-8365-6129-7

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Abgetaucht im Literaturmeer

Deutscher Buchpreis: Abgetaucht im Literaturmeer

Momentan herrscht etwas Ruhe hier auf Kaffeehaussitzer. Der Grund dafür ist auf dem Beitragsphoto zu sehen: Ein ganzer Berg leerer Kartons. Kartons, die mit Büchern gefüllt waren. Bücher, mit denen ich mich beschäftigen darf. Denn in diesem Jahr habe ich die große Ehre und das große Vergnügen, Jurymitglied des Deutschen Buchpreises zu sein. Und damit ist jede, wirklich jede freie Minute mit Lesen ausgefüllt. Im Februar hatte ich schon angekündigt, dass sich daher ab April die Beiträge im Blog etwas rar machen könnten – damals wusste ich noch nicht, was da wirklich auf mich zukommen würde.

Als letzten Herbst die Anfrage für die Jurytätigkeit in den Briefkasten flatterte, überlegte ich natürlich nicht lange und sagte sofort zu. Ende März 2018 war dann die Einreichungfrist für die Verlage beendet und die Jury traf sich zur konstituierenden Sitzung. Christoph Bartmann, Luzia Braun, Tanja Graf, Paul Jandl, Christine Lötscher, Marianne Sax und ich saßen im Berliner Büro des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zusammen; als erstes sichteten wir die 165 für den Deutschen Buchpreis eingereichten Titel. Aus der darüber hinaus vorhandenen Empfehlungsliste (jeder Verlag darf zwei Bücher einreichen und bis zu fünf weitere Titel empfehlen) wählten wir zahlreiche weitere Romane aus, die unserer Meinung nach auf jeden Fall berücksichtigt werden mussten und stimmten uns über den Ablauf der Juryarbeit ab. Christine Lötscher wurde zur Jurysprecherin gewählt.

Eine Woche später kam das erste Buchpaket an. Dann begann das große Lesen. Und die Buchstapel wuchsen.

Lesen vor dem Frühstück, lesen in der Mittagspause, lesen am Abend, lesen in der Nacht. Extra früher aufstehen, um mehr Lesezeit zu haben. Die Tram nehmen statt des Fahrrads, um lesen zu können. Lesen im Café (natürlich!). Lesen im Gehen. Lesen beim Schlangestehen, lesen auf der Parkbank, lesen im Zug und sich dabei über Verspätungen freuen, da dies mehr Lesezeit bedeutet. Lesen im Flugzeug, auf der Rückbank eines Autos während einer sechsstündigen Fahrt. Immer. Überall.

Lesen in allen Formen: Gedruckte Bücher, die bereits im Frühjahr erschienen sind. Vorab-Exemplare, Manuskript-Ausdrucke, Bücher auf dem E-Reader oder in iBooks auf dem Rechner. Noch nie in meinen Leben habe ich so viel und so intensiv gelesen, wie in den letzten Monaten – und es ist noch lange nicht vorbei. Das fühlt sich momentan so an, als sei man komplett abgetaucht in einem Meer aus Literatur und würde dabei das Geschehen der Außenwelt nur noch gedämpft wahrnehmen; sei es das peinliche Politik-Kasperletheater unserer Bundesregierung oder die Fußball-Weltmeisterschaft in einem Land, das in Europa Krieg führt und in dem kritische Journalisten eingesperrt werden. Das alles ist fast ganz ausgeblendet, nur ab und zu beim Auftauchen und Luftholen prasselt der Irrsinn geballt auf einen ein. Wobei das nicht ganz stimmt, denn natürlich spiegeln sich die Fragen und Probleme unserer Zeit immer auch in der Literatur wider, sind die Romane, mit denen wir uns beschäftigen ein Abbild der Zeit, in der wir leben.

Die Frage, von welchen Büchern ich gerade spreche – die darf ich allerdings nicht beantworten. „Streng vertraulich“ steht auf allen Unterlagen, die wir ausgehändigt bekommen haben. Auch die kurzen Expertisen, die wir zu jedem Buch verfassen und die in einer Gesamtübersicht zusammengeführt werden, sind vertraulich. Aber so viel kann ich verraten: Es ist faszinierend zu sehen, wie schon in dieser Phase der Juryarbeit Meinungen übereinstimmen, aber auch vollkommen unterschiedlich sein können. Erste Diskussionsansätze sind in der Bewertungsübersicht bereits abzulesen, bevor am 23. Juli die Longlistsitzung stattfindet, in der sich sieben Personen auf zwanzig Bücher einigen müssen.

Zwanzig von etwa zweihundert. Und diese zwanzig Titel der Longlist werden dann am 14. August um zehn Uhr vormittags bekanntgegeben.

Es verspricht spannend zu werden. Gar nicht erst zu reden von der Shortlistsitzung und der Auswahl des Siegertitels am Ende. Aber das dauert noch ein bisschen.

Ich bin dann mal wieder weg, abtauchen und weiterlesen.

Und gerade fällt mir auf: „Abtauchen“ war hier schon einmal Thema, aber damals bezog sich das auf ein, zwei Tage. Literarisches Abtauchen über Wochen und Monate hinweg ist eine neue Erfahrung. Eine, die sich gut anfühlt. Eine, die schon fast süchtig macht.

Der Zeit nicht mehr gewachsen

Lucy Fricke: Toechter

Es geschieht manchmal, aber nicht oft: Man beginnt abends mit einem neuen Buch, versinkt vollkommen darin und klappt es komplett durchgelesen mitten in der Nacht wieder zu. Bei „Töchter“ von Lucy Fricke war es genau so. Am Tag danach war ich zwar furchtbar müde, aber es hat sich gelohnt. Jede Seite. Jedes Wort.

Ich hatte sowieso vor, den Roman zu lesen. Bald. Dann landete ich beim abendlichen Durchforsten der Literaturblogs wieder einmal bei buchrevier, wo Blogger Tobias Nazemi Lucy Frickes Buch vorstellte – so begeisternd, dass ich „Töchter“ direkt aus dem Berg der Buchvorräte hervorgezogen habe. Weiterlesen

Welten hören auf

Jewgeni Jewtuschenko: Welten hoeren auf

Der Tod ist ein Mysterium, das uns das ganze Leben begleitet und das wir nie ergründen werden, so oft wir es auch versuchen. Vor vielen Jahren arbeitete ich als Altenpflegehelfer und begleitete eines Nachts einen alten Menschen auf seinem letzten Weg. Ich werde den Augenblick nie vergessen, als er ein letztes Mal tief ausatmete, es klang wie ein Seufzer der Erleichterung. Dann war alles still. Damals legte ich mein Ohr auf seinen Brustkorb und hörte kein Herz mehr schlagen. Der alte Mann war gegangen. Und gleichzeitig konnte ich spüren, dass er im selben Raum war wie ich, jedenfalls noch eine kurze Zeit. Es war ein vollkommen friedlicher Moment. Ein Moment, den ich nie vergessen werde.

Schon davor hatte ich viel über den Tod nachgedacht, nur ein paar Jahre zuvor war mein Vater gestorben. Gleichzeitig fühlte sich damals, mit Anfang zwanzig, die eigene Vergänglichkeit wie etwas Unwirkliches an, wie etwas, das noch nicht einmal vage am Horizont zu erkennen war. Obwohl diese Vergänglichkeit die einzige Gewissheit in unserem Leben ist.

Seitdem sind über zweieinhalb Jahrzehnte vergangen. Inzwischen weiß ich, dass jedes Jahr, jeder Tag ein Geschenk ist. Und wenn man mitbekommen hat, wie das Leben von Menschen, die man kannte – sei es gut oder nur flüchtig – zu Ende gegangen ist, bevor sie alt werden konnten, dann wird man sehr demütig. Nächstes Jahr ist mein fünfzigster Geburtstag. Aber nicht alle meiner Freunde und Bekannten von früher sind noch da. Weiterlesen

Norsk Litteraturfestival

Norsk Litteraturfestival - Literaturfestival Lillehammer

Wo anfangen? Eine Literaturreise nach Norwegen liegt hinter mir; sie war so voller Eindrücke und unvergesslicher Momente, dass ich mich kaum entscheiden kann, über was ich als erstes berichten soll. Vielleicht beginne ich am besten mit einem persönlichen Highlight dieser Tage, das wiederum zurückführt in die eigene Lesebiographie, genauer gesagt zurück ins Jahr 1995. Damals war ich mitten in meiner Buchhändlerlehre und hatte das Buch „Der Choral am Ende der Reise“ von Erik Fosnes Hansen in die Hände bekommen. Die Geschichte, die anhand der fiktiven Lebensläufe der Titanic-Musiker von den blinden Zufällen des Lebens und der Unausweichlichkeit des Schicksals erzählt, hat mich seinerzeit vollkommen begeistert und nie wieder losgelassen. Nun, dreiundzwanzig Jahre später begleitete mich dieses Buch nach Norwegen. Und in einem Restaurant hoch über den Dächern Oslos schrieb Erik Fosnes Hansen mir eine Widmung hinein.

Aber ich gehe besser einen Schritt zurück und erzähle, wie das alles zustande gekommen ist und um was für eine Reise es überhaupt geht. Weiterlesen

Ein Mahnmal aus Papier

Volker Weidermann: Das Buch der verbrannten Buecher

Für das zentrale Spektakel war in Berlin auf dem Opernplatz ein großer Scheiterhaufen aufgebaut worden. Doch nicht nur dort, sondern in 30 deutschen Universitätsstädten loderten am Abend des 10. Mai 1933 die Flammen. Verbrannt wurden unzählige Bücher, die fanatisierte Studenten zuvor aus den Bibliotheken gezerrt hatten. Entweder waren ihre Autoren dem sich immer stabiler konstituierenden Nazi-Regime ein Dorn im Auge oder ihr Inhalt entsprach nicht „dem deutschen Geist“. Organisiert wurde die barbarische Aktion nicht von der NSDAP, sondern durch die Deutsche Studentenschaft, dem Dachverband der studentischen Selbstverwaltung. Diese Kampagne ist einer der Tiefpunkte unserer Geistesgeschichte, an Symbolik kaum zu überbieten.

Das Datum dieses widerwärtigen Schauspiels jährt sich 2018 zum fünfundachtzigsten Mal. Ein Grund, hier „Das Buch der verbrannten Bücher“ vorzustellen, mit dem Volker Weidermann den verfemten, verfolgten und zu einem nicht unbedeutenden Teil heute vergessenen Autoren ein Denkmal gesetzt hat. Natürlich eines aus Papier. Bereits vor zehn Jahren erschienen, ist es heute immer noch erhältlich und ich hoffe, dass dies noch lange so bleiben möge. Weiterlesen

Das Bovary-Projekt

Gustave Flaubert: Madame Bovary

„Madame Bovary“ von Gustave Flaubert ist einer der berühmtesten Romane der Literaturgeschichte. Bei seinem Erscheinen 1857 löste er einen Skandal aus, der Autor wurde wegen unmoralischen Verhaltens, insbesondere „Verherrlichung des Ehebruchs“ angeklagt und musste sich vor Gericht verantworten. Die Verhandlung endete mit einem Freispruch – und förderte natürlich die Popularität des Werkes enorm. Der Roman ist als Frühwerk des Realismus ein Meilenstein auf dem Weg in die literarische Moderne; Flaubert zieht sich als Autor auf die Rolle eines Beobachters, eines Chronisten der Ereignisse zurück und beschreibt das tragische Leben der Emma Bovary. Eine Frau, die an ihrer provinziellen Umgebung verzweifelt und auf der Suche nach Erfüllung alles opfert. Und eben jenes Stilmittel der bloßen Beschreibung – ohne Wertung und ohne moralische Richtschnur – sorgte für die Empörung der Öffentlichkeit, die es nicht gewohnt war, auf solche Weise einen Spiegel vorgehalten zu bekommen. Realistisch und ohne Verklärung.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 sprach ich mit BuchGeschichten-Booktuberin Ilke Sayan über „Madame Bovary“ und wir stellten fest, dass wir beide das Buch noch nie gelesen haben. So beschlossen wir, gleichzeitig mit der Lektüre zu starten und uns anschließend darüber auszutauschen. Die Idee war, im Gespräch über das Buch die weibliche und die männliche Leserperspektive miteinander zu vergleichen, Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Sichtweisen auszuloten. Daraus ist nun ein Film auf BuchGeschichten entstanden – mein erster Booktube-Auftritt, ich war ehrlich gesagt, etwas nervös und bewundere alle Menschen, die entspannt und ohne zu stocken vor der Kamera über Bücher sprechen. Und dieser Blogbeitrag, der parallel zum BuchGeschichten-Film veröffentlicht wird. Weiterlesen

Literaturszene Köln e.V.

Literaturszene Koeln e.V.

Welttag des Buches. Gibt es ein besseres Datum, um einen Verein zu ins Leben zu rufen, der sich als Interessenvertretung des literarischen Lebens einer Stadt versteht? Wohl nicht. Deshalb wurde am 23. April 2018 der Verein Literaturszene Köln e.V. gegründet. Vorbereitet und maßgeblich vorangetrieben haben dieses Projekt Bettina Fischer, Leiterin des Literaturhauses Köln, und Dorian Steinhoff, Autor und freiberuflicher Literaturvermittler. Zusammen mit anderen Beteiligten haben sie die Idee in den letzten zwölf Monaten weiterentwickelt, die formalen Voraussetzungen geschaffen, eine Satzung erstellt, Unterstützer an Bord geholt. Und nun ist es soweit: Der Verein betritt als neuer Akteur des Kölner Kulturlebens die Bühne. Der Kaffeehaussitzer hat die Ehre, eines der Gründungsmitglieder zu sein. Weiterlesen

Nach dem Lesen Hände waschen

Ottessa Moshfegh: Eileen

Eine junge Frau ist in Ottessa Moshfeghs Roman „Eileen“ mit ihrem Leben in einer Sackgasse gelandet, finster, trostlos und ohne Hoffnung, umgeben von Schmutz und Verfall. Bis sich eines Tages die Möglichkeit für einen Neuanfang bietet – allerdings vollkommen anders, als sie es sich hätte vorstellen können.

Der Kaffeehaussitzer gehört zum Blogger-Redaktionsteam des Magazins der Büchergilde Gutenberg. So ist dieser Beitrag über „Eileen“ ursprünglich entstanden: Als Text, der neugierig auf das Buch machen, den Lesern des Magazins eine Buchempfehlung geben soll. Doch wie empfiehlt man einen Roman, in dem es um Selbstmitleid, Alkoholismus, Schmutz, Verwahrlosung und eine vollkommen verfahrene Lebenssituation geht? Will man sich das als Leser zumuten? Ich sage: Unbedingt!, denn es ist ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte. Eines, bei dem von Beginn an eine unterschwellige Spannung mitschwingt, das einen ganz eigenen Sog entwickelt und bei dem ich von Seite zu Seite neugieriger wurde, wie es wohl ausgehen würde. Nachdem mich bereits „McGlue“, der Debütroman der Autorin, sehr beeindruckt hatte, war ich umso gespannter auf ihr neues Werk – und wurde nicht enttäuscht. Weiterlesen

Über das Reisen und das Schreiben

Autorin Tina Ger im brasilianischen Pantanal

Autorin Tina Ger im brasilianischen Pantanal / Photo: Vilma de Quadros

Ein Gespräch mit Blogbusterpreis-Kandidatin Tina Ger

Der Blog Kaffeehaussitzer ist einer der fünfzehn am Blogbuster-Preis beteiligten Literaturblogs. Autorinnen und Autoren haben insgesamt 180 unveröffentlichte Manuskripte eingereicht; jeder Blog musste sich für eines entscheiden, das er für die Longlist des Preises nominiert. Die Jury wird diese Manuskripte eingehend prüfen und daraus eine Shortlist aus drei Titeln erstellen. Einer dieser drei geht dann als Sieger aus dem Blogbuster-Wettbewerb hervor und erhält einen Verlagsvertrag beim Verlag Kein & Aber. Das Buch erscheint dann im Herbst 2018.

Ich habe den Roman „Das Angeln von Piranhas“ nominiert und nachdem ich bereits über das Manuskript und den Auswahlprozess berichtet habe, stelle ich nun die Autorin Tina Ger im Interview näher vor. Weiterlesen

Neue Ermittler, neue Zeitreisen

Alex Beer und Christof Weigold mit Auftaktbaenden neuer Krimireihen

Wenn historische Kriminalromane sauber recherchiert sind, wenn Sprache sowie Ambiente die geschilderte Zeit passend wiedergeben – dann kann es sehr reizvoll sein, mit ihrer Hilfe vergangene Epochen kennenzulernen. Was die Zwanziger- und Dreißigerjahre in Berlin betrifft, hat der Autor Volker Kutscher mit seiner Gereon-Rath-Reihe in den letzten Jahren Maßstäbe gesetzt. Umso gespannter bin ich jedesmal, wenn neue Krimireihen an den Start gehen, die in einem ähnlichen Zeitraum angesiedelt sind. In den letzten Monaten war das gleich zwei Mal der Fall; die Auftaktbände zweier neuer Reihen schicken die Leser in das Wien des Jahres 1919/1920 und in das Los Angeles des Jahres 1921. Um es gleich vorwegzunehmen: Beide haben mir sehr gut gefallen und versprechen viel Potential für die Folgebände. Weiterlesen

Literatur im Wohnzimmer

Mareike Fallwickl: Dunkelgruen, fast schwarz

Die Leipziger Buchmesse hat dieses Jahr für mich bereits im Januar begonnen. Und zwar während der Lektüre des Romans „Dunkelgrün, fast schwarz“ von Mareike Fallwickl. Warum das so war und wie es zu einer großartigen Wohnzimmerlesung in der ehemaligen Dienstbotenwohnung einer Leipziger Gründerzeitvilla kam, möchte ich hier erzählen.

Aber eines nach dem anderen: Ich hatte das Buch im Dezember als Vorabexemplar zugesandt bekommen – so wie viele meiner Bloggerkolleginnen und -kollegen. Schließlich ist die Autorin ebenfalls Literaturbloggerin und wir sind schon seit einigen Jahren vernetzt, kennen und schätzen uns, sehen uns auf den Buchmessen oder bei Verlagsveranstaltungen. Und auf ihrem Blog Bücherwurmloch finde ich regelmäßig Buchtipps, die genau meinen Literaturgeschmack treffen. Man kann sich also vorstellen, dass ich sehr gespannt auf ihren Debütroman war. Damit war ich nicht alleine. Anfänglich stand die Frage im Raum, ob es möglich ist, ein Buch objektiv zu bewerten, wenn man die Autorin kennt und mag – aber diese Bedenken verflüchtigten sich schon nach ein paar ersten Leseminuten, so sehr hat mich der Text von Beginn an fasziniert und mich alles andere um mich herum vergessen lassen. Weiterlesen

Flüchtling im eigenen Land

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende

Als ich das Buch „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz zu Ende gelesen hatte und es zugeschlagen neben mir auf dem Tisch lag, musste ich erst einmal tief durchatmen. Um die Anspannung zu lösen, mit der ich bis zuletzt Seite für Seite umgeblättert habe. Und um das Gefühl der Beklemmung loszuwerden, denn „Der Reisende“ ist kein gewöhnlicher Roman. Vielmehr ist dieses Buch ein Zeitdokument in Romanform, das uns einen tiefen Einblick gewährt in das Deutschland des Novembers 1938. Weiterlesen

Bibliophiler Wahn

Gunnar Kaiser: Unter der Haut

Das Buch „Unter der Haut“ von Gunnar Kaiser in der Hand zu halten, ist etwas Besonderes für mich. Denn ich hatte den Roman schon einmal hier vorgestellt. Damals existierte er aber lediglich als Datei, als ein 563-seitiges PDF. Es war das Manuskript, das ich 2017 für die Longlist des Blogbuster-Preises nominierte. Der Blogbeitrag endete mit den Worten: „Hätte ich allerdings selbst einen Verlag, würde ich dieses Manuskript auf keinen Fall für den Preis einreichen, sondern mir die Rechte daran sofort selbst sichern und es drucken lassen. Als richtig schönes Buch.“ Einen Verlag habe ich zwar immer noch nicht, aber der Berlin Verlag hat diese Auffordung wörtlich genommen und so ist „Unter der Haut“ nun in gedruckter Form erschienen. Als richtig schönes Buch. Weiterlesen

Blogbuster 2018

Blogbuster 2018: Kaffeehaussitzers Longlist-Titel

Nach dem erfolgreichen Start im letzten Jahr findet auch 2018 wieder der Blogbuster-Wettbewerb statt, der Preis der Literaturblogger. Der Ablauf ist der gleiche: Autorinnen und Autoren konnten bei den 15 beteiligten Literaturblogs bis zum 31. Dezember 2017 unveröffentlichte Romanmanuskripte einreichen. Jeder Blog entscheidet sich für ein Manuskript, das auf die Longlist kommt. Und aus dieser Longlist wird dann ab Anfang März von der Jury – bestehend aus Denis Scheck, Elisabeth Ruge, Isabel Bogdan, Sara Schindler, Lars Birken-Bertsch, Tilman Winterling und Tobias Nazemi – erst eine Shortlist und im Mai 2018 der Siegertitel gewählt. Der Gewinner erhält einen Verlagsvertrag und das preisgekrönte Manuskript wird im Herbst als Buch erscheinen. Letztes Jahr war der Tropen Verlag/Klett-Cotta der Verlagspartner des Wettbewerbs, 2018 wird das Gewinnerbuch bei Kein & Aber veröffentlicht. Der Kaffeehaussitzer ist auch dieses Mal wieder einer der 15 Literaturblogs, bei denen die Manuskripte zur Prüfung eingegangen sind. Weiterlesen

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