Untergrundküche

Vladimir Sorokin: Manaraga - Tagebuch eines Meisterkochs

Im Jahr 2037 gibt es keine gedruckten Bücher mehr. Zumindest nicht im Roman „Manaraga – Tagebuch eines Meisterkochs“ von Vladimir Sorokin, einem der wichtigsten Autoren der russischen Gegenwartsliteratur. Bekannt als scharfzüngiger Kritiker des russischen Establishments, nimmt er mit seinen Grotesken und seinem satirischen Humor regelmäßig die herrschenden Verhältnisse aufs Korn. Im dystopischen „Manaraga“ existiert Russland in seiner heutigen Form gar nicht mehr, so wie auch der Rest Europas sich vollkommen verändert hat. Bücher sind in dieser Welt zu seltenen Sammlerstücken geworden, die man vor allem in Museen aufbewahrt. Wenn sie nicht für einen Verwendungszweck gestohlen werden, der einem Buchliebhaber Haare zu Berge stehen lässt.

Vladimir Sorokin stellte im Kölner Literaturhaus sein Buch vor und dies wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, um mich herum überall russische Gesprächsfetzen oder Begrüßungen zwischen alten Bekannten; mit etwas Phantasie konnte man sich nach St. Petersburg oder Moskau träumen. Dann kam Sorokin auf die Bühne, begleitet von der WDR-Journalistin Katharina Heinrich, die den Abend moderierte, und dem Schauspieler Stefko Hanushevsky, der die Passagen des Romans auf deutsch vortrug. Vladimir Sorokin selbst hat auf russisch aus seinem Roman gelesen; ich habe kein Wort verstanden, aber wieder einmal gemerkt, wie sehr ich diese gleichzeitig weich und kantig klingende Sprache mag, bei der stets ein Hauch Melancholie mitschwingt.

2037 also. Bücher sind Museumsstücke, die digitale Welt hat gesiegt. Gleichzeitig ist ein neues kulinarisches Vergnügen für Vermögende entstanden, das Book’n’Grill, bei dem ausgewählte Werke der Weltliteratur verbrannt werden, um darauf erlesene Speisen zuzubereiten. Selbstverständlich ist dies höchst illegal, denn die dazu benötigten Bücher müssen aus Museen oder von Privatsammlern gestohlen werden – ein kriminelles Netzwerk hat sich rund um dieses Geschäft gebildet. Geza, dessen Erlebnisse in dem Roman geschildert werden, ist ein Meister des Book’n’Grill, dessen Credo lautet: „Ein Buch muss Eindruck machen: Es muss lodern und die Sinne entflammen.“

Die Welt ist aus den Fugen geraten, nach verheerenden Kriegen ist Europa kaum wiederzuerkennen und in kleinste Teile zerfallen. Zahlreiche neue Staaten sind entstanden, Republiken, Monarchien, Diktaturen; aus Bayern etwa ist ein Feudalstaat mit öffentlichem Richtplatz und aufgeklärt-mittelalterlichen Strukturen geworden. Geza lebt in dieser Welt unter dem Radar, er reist mit falschen Identitäten von einem Ort zum anderen, um für die Reichen auf brennenden Büchern zu grillen, immer unterwegs, ohne Familie, ohne Freunde. Es ist ein teures und exklusives Vergnügen für alten Geldadel ebenso wie für neureiche Geschäftsleute und halbseidene Kriminelle, in seinem Tagebuch schildert Geza seine Aufträge und seine Erlebnisse.

Er verbrennt Bücher in edlen Vorstadt-Villen, auf abgelegenen Inseln, auch einmal an Bord eines Katamarans, auf dem eine reiche Familie dauerhaft abseits aller Hoheitsgebiete lebt. Gegrillt wird Kobe-Beef auf der Erstausgabe von Dostojewskis „Der grüne Junge“, Garnelen auf den Erzählungen von Tschechow oder Ribeye-Steak auf Gogols „Die toten Seelen“. Der Grillvorgang selbst ist hochkomplex, erfordert jahrelange Erfahrung und eine entsprechende Ausrüstung. Bücher als ganzes brennen schlecht, und sobald das Buch einmal angezündet ist, muss mit Hilfe des „Excaliburs“ – einem speziellen, säbelartigen Werkzeug – Seite für Seite in die Flammen geblättert werden, um eine gleichbleibende Hitze zu erzeugen. Wichtig ist es, die Art des Grillgutes an die Dicke des Buches anzupassen, entscheidend ist die Qualität des Papiers. Das ganze nennt sich „Lesung“ und ist ein feierlicher Vorgang, die Gäste sitzen um den Grill und beobachten den Koch bei seinen Verrichtungen. Dann ist das Buch verbrannt, nur noch maximal der verkohlte Buchrücken übrig und das Essen wird seviert.

Im Literaturhaus schilderte Sorokin dies als mystischen Vorgang, schrecklich anzusehen und genau deshalb als dekadentes Vergnügen beliebt. In seinem Roman berichtet er von Köchen, die sich auf die unterschiedlichen Länder spezialisiert haben. Einer grillt ausschließlich auf Werken französischer Autoren, Hugo, Stendhal, Balzac, ein anderer ist in der deutschen Literatur unterwegs und bietet Rinderlunge auf dem „Zauberberg“ an. Und Geza ist eben der Spezialist für die Werke der russischen Meister, wobei er die Bücher der postsowjetischen Ära ablehnt, da für ihn der Inhalt der Bücher in Zusammenhang mit der Qualität seiner Arbeit steht.

Und über allem wacht die „Die Große Küche“, eine Art Dachverband des illegalen Geschäfts mit gestohlenem literarischen Grillgut, mit eigenem Security-Dienst, der nicht zimperlich ist. Denn es ist ein brutales Gewerbe, immer wieder werden unliebsame Konkurrenten liquidiert, an nicht wenigen Büchern klebt Blut. Eine sehr skurrile Szene des an Absurditäten nicht armen Buches ist das sogenannte „Konzil“ der Mitglieder der „Großen Küche“. Bei der Beschreibung der Teilnehmer erhalten die Leser einen Einblick in die Vielfalt der Literatur. Als Grillmaterial. Hier erhält Geza einen Auftrag, der ihn in die abgelegene Bergwelt des Urals führen und sein ganzes Leben verändern wird. Eine Veränderung, die wir als Vorgeschmack dessen erleben, was auf die Menschheit noch zukommen kann.

Als Leser benötigt man einen Sinn für grotesken Humor, um das Buch – Verzeihung für dieses Wortspiel – genießen zu können. Lässt man sich darauf ein, so funktioniert Sorokins geniale Idee, auf diese Weise einen regelrechten Literaturkanon vorzustellen, der auch als wehmütige Liebeserklärung an die großen Meister der klassischen Literatur funktioniert.

Gleichzeitig schildert er eine komplett vom Digitalen durchdrungene Welt. Eine Welt, in der sich Menschen, die es sich wie Geza leisten können, ihre Hirne durch digitale Implantate optimieren. Die „Flöhe“ sorgen für perfektes Wohlbefinden, umfangreiches Wissen und checken die Umgebung nach sicherheitsrelevanten Kriterien. Vladimir Sorokin sprach auführlich über diese Entwicklung der Selbstoptimierung, deren Anfänge wir heute ja bereits heute durch den allgegenwärtigen Smartphonegebrauch beobachten können. Bald haben wir die Technik in den Augen und im Ohr, dann im Gehirn. Und diese Entwicklung wird nicht mehr lange dauern, so Sorokin. „Helfer und Henker“, so nannte er an diesem Abend jene digitalen „Flöhe“, denn sie werden dafür sorgen, dass unter all der Optimierung das Unperfekte des Menschseins verloren gehen wird.

Auf die Frage, wie er auf die Idee zu seinem Buch gekommen sei, erzählte Vladimir Sorokin von einem Restaurantbesuch mit einem Freund. Die beiden saßen neben einem Pizzaofen und kamen bei dem Anblick auf das Thema Bücherverbrennung zu sprechen, damit natürlich auf Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ und Sorokin dachte über die Frage nach, wie viel Wärme da wohl verlorengegangen sein muss. Angesprochen auf die öffentliche Verbrennung seiner Bücher durch die Putin-Claqueure der Naschi-Bewegung meinte er nur lakonisch: „Die Idioten hätten wenigstens etwas Leckeres darauf grillen können.“

Sein Buch ist für Sorokin eine Art wehmütiger Abgesang auf das Print-Zeitalter. Es wird weniger und weniger Papierbücher geben, bis der Rest in Museen aufbewahrt wird. Bücher werden in der digitalen Welt irgendwann zu Raritäten. Sorokins Literaturagentin, die ebenfalls im Literaturhaus anwesend war, meldete sich zu Wort und meinte, dass es ihr immer etwas Angst machen würde, wenn sie von ihm ein neues Manuskript zugeschickt bekäme – zu oft haben sich seine Texte schon als prophetisch erwiesen.

Vielleicht kommt aber auch alles ganz anders. Umberto Eco hat einmal gesagt: „Das Buch ist wie der Löffel, der Hammer, das Rad oder die Schere: sind diese Dinge erst einmal erfunden, lässt sich Besseres nicht mehr machen.“

Aber wer weiß schon, was 2037 sein wird. Hoffen wir das Beste. Als leidenschaftlicher Griller werde ich jedenfalls auch in Zukunft Holzkohle bevorzugen.

Buchinformation
Vladimir Sorokin, Manaraga – Tagebuch eines Meisterkochs
Aus dem Russischen von Andreas Tretner
Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05126-1

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Reise durch die Zerstörung

Daniel Kehlmann: Tyll

Die Legende von Tyll Ulenspiegel ist entstanden im 14. Jahrhundert. Das erste Mal aufgezeichnet wurde die Geschichte des – angeblich um 1300 im niedersächsischen Kneitlingen geborenen – Schelmen und seiner derben Späße um das Jahr 1483, gedruckt erschien sie 1515 in Straßburg. Sie taucht im Laufe der Jahrhunderte immer wieder in unterschiedlichen Varianten auf, der Autor Charles de Coster schuf im 19. Jahrhundert daraus ein belgisches Nationalepos in französischer Sprache. Mit seinem Roman „Tyll“ fügt Daniel Kehlmann eine weitere Fassung des Stoffes hinzu: Entstanden ist daraus ein vollkommen neues Werk. Und große Literatur.

Im Original macht Tyll Ulenspiegel das spätmittelalterliche Norddeutschland und Flandern unsicher. Daniel Kehlmann nutzt jedoch die dichterische Freiheit des Schriftstellers und versetzt seinen Helden mitten hinein in den Dreißigjährigen Krieg zweihundert Jahre später. Die Zeit zwischen 1618 und 1648 war eine der katastrophalsten Epochen der Geschichte Mitteleuropas. Drei Jahrzehnte lang ziehen Heerhaufen durch die Lande, plündern, rauben, brandschatzen, morden, vergewaltigen und hinterlassen eine vollkommen verwüstete, zu weiten Teilen fast menschenleere Ödnis. Weiterlesen

Was wäre, wenn?

Hannes Koehler: Ein moegliches Leben

Wahrscheinlich kennt sie jeder, diese Momente, in denen das eigene Leben einen ganz anderen Verlauf hätte nehmen können, wenn eine Entscheidung anders ausgefallen wäre. Oder wenn man den Mut gehabt hätte, eine Veränderung zu wagen. Vielleicht nur einen winzigen Schritt in eine andere Richtung zu tun. Dem Herz zu folgen, nicht dem Verstand. Oft werden einem diese möglichen Abzweigungen erst lange Zeit später bewusst, aber manchmal denkt man sein ganzes Leben darüber nach. Und kommt nie zu einem Ergebnis; die Was-wäre-wenn-Frage lauert stets im Dunkeln, und in so manchen Nächten lässt sie einen nicht einschlafen. Der Roman „Ein mögliches Leben“ von Hannes Köhler beschäftigt sich mit einer solchen Abzweigung, eingebettet in einen historischen Kontext, der uns Lesern einen wenig erforschten Ausschnitt der Geschichte des 20. Jahrhunderts näher bringt. Weiterlesen

Zeitlose Gier nach Macht

Jo Nesbø: Macbeth - Das Shakespeare Projekt

William Shakespeares Drama „Macbeth“ dürfte eines der düstersten Stücke der Weltliteratur sein und es hat auch nach über vier Jahrhunderten nichts von seiner Faszination eingebüßt. Es ist die Geschichte des siegreichen Helden, der auf die dunkle Seite wechselt, zum machtbesessenen Tyrannen wird und im Irrsinn endet. An seiner Seite Lady Macbeth, Vertraute, Geliebte und tückische Verschwörerin in einer Person, vereint im blutig-bösen Triumph und im wahnhaften Scheitern.

Nun hat Jo Nesbø das Stück adaptiert und ins 20. Jahrhundert verlagert. Sein Roman „Macbeth“ ist ein wilder, actiongeladener Ritt durch Shakespeares Stück mit Noir-Elementen vom Feinsten. Als gleichermaßen begeisterter Shakespeare- und Nesbø-Leser war ich natürlich sehr gespannt auf das Buch. Weiterlesen

Die Präsenz der Bücher*

Die Praesenz der Buecher: Ein Textbaustein

Manchmal sitze ich einfach nur da und schaue. Auf mein überquellendes Bücherregal. Auf die Buchstapel auf dem Dielenboden davor. Auf die Bücher, die auf dem Tisch liegen, auf den Stühlen, neben dem Sessel. Manchmal sortiere ich einige aus, aber mehr neue finden den Weg zu mir; es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Einige aber begleiten mich schon seit Jahren, sogar seit Jahrzehnten. An manchen hängen Erinnerungen, schöne und traurige, manche haben mein Leben mitgeprägt. Dazu kommt das unglaublich beruhigende Gefühl, von Geschichten umgeben zu sein, von anderen Welten, fremden Lebensentwürfen, von Entdeckungen, die es noch zu machen gilt, von papierenen Freunden. Weiterlesen

Literarischer Gedenkstein

Ueber den Feldern - Der Erste Weltkrieg in grossen Erzaehlungen der Weltliteratur

Guillaume Apollinaire, Isaac Babel, Tania Blixen, Jorge Luis Borges, Bertolt Brecht, Louis-Ferdinand Céline, Joseph Conrad, Gabriele d’Annunzio, Heimito von Doderer, Alfred Döblin, Ilja Ehrenburg, William Faulkner, Ford Madox Ford, Anatole France, Claire Goll, Jaroslav Hašek, Ernest Hemingway, Franz Kafka, Eduard Graf von Keyserling, Rudyard Kipling, Klabund, Karl Kraus, Vernon Lee, Heinrich Mann, Katherine Mansfield, William Somerset Maughan, Robert Musil, Boris Pasternak, Joseph Roth, Gertrude Stein, Franz Werfel, Edith Wharton, Thomas Wolfe, Virginia Woolf, Carl Zuckmayer, Arnold Zweig, Stefan Zweig.

Viele berühmte Namen.

Doch neben der Tatsache, dass sie Weltliteratur verfasst haben, eint diese Menschen noch etwas mehr: Sie alle lebten während des Ersten Weltkriegs und diese vier mörderischen Jahre haben in ihren Biographien Spuren hinterlassen. Direkte und indirekte, künstlerische und alltägliche. Sie haben diesen Krieg literarisch verarbeitet und das von Horst Lauinger herausgegebene Buch „Über den Feldern – Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur“ versammelt Texte von ihnen allen in einem Band. Wobei ich zu Beginn nur die ganz bekannten Namen erwähnt habe; die Textsammlung geht noch weit darüber hinaus und sorgt für Neu- und Wiederentdeckungen von Stimmen aus jener Zeit. Längst verklungen, aber zwischen zwei Buchdeckeln immer noch da. Hörbar, lesbar, wie ein hundert Jahre altes Echo. Weiterlesen

Erste Kölner Literaturnacht

Erste Koelner Literaturnacht

Am 4. Mai 2019 findet die erste Kölner Literaturnacht statt. Es soll dabei Veranstaltungen an den unterschiedlichsten Orten geben: Kölner Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer, Buchhandlungen, Verlage und hoffentlich viele weitere Akteure werden zeigen, wie vielfältig sich die Literatur in der Domstadt präsentieren kann. Der Ausrichter dieser Nacht ist der Verein Literaturszene Köln e.V.

Als erster Schritt läuft momentan die Ausschreibung: Die Kölner Literaturakteure sind aufgerufen, ein Konzept einzureichen, um die Veranstaltung mitzugestalten. Der Verein kümmert sich um den organisatorischen Rahmen, den Ticketverkauf, die Werbung und alles darum herum – nicht zuletzt um entsprechende Fördermittel von Stadt und Sponsoren, damit Kosten gedeckt und Honorare bezahlt werden können. Außerdem wird der Verein einen Veranstaltungsort selbst bespielen und ab 23.30 Uhr eine Abschlussparty für alle Beteiligten der Kölner Literaturnacht ausrichten.

Als Vereinsmitglied freue ich mich sehr, an diesem spannenden Projekt mitzuarbeiten. Einige Konzepte sind bereits eingereicht, an einigen wird noch geschraubt und wir alle sind gespannt, was am Ende dabei zusammenkommt. Weiterlesen

Stadt der Geschichten

New York: Stadt der Geschichten

Angefangen hat vermutlich alles mit einem Blick in ein Schaufenster. An einem kalten Dezembertag vor vielen Jahren – es müsste 1989 gewesen sein – hastete ich an einer Galerie vorbei, die Kunstdrucke verkaufte. Im Fenster ausgestellt war die Reproduktion einer Photographie von Andreas Feininger: Die Brooklyn Bridge im Nebel. Das Bild hat mich auf Anhieb fasziniert. Der mächtige Brückenpfeiler, der vor einer Nebelwand aufragt. Lagerhäuser, die sich darunter ducken, dahinter der East River, auf dem schemenhaft ein Schiff zu erkennen ist. Und auf der anderen Seite verschwindet alles im Dunst, im Ungewissen – obwohl man weiß, dass dort in Manhattan das Leben pulsiert. Auf diesem Bild ist nichts davon zu sehen, es herrscht eine fast meditative Ruhe und trotzdem sind die tausend Versprechungen der Großstadt spürbar. Und vielleicht spiegelte die Photographie in diesem Moment das eigene Lebensgefühl eines Zwanzigjährigen wieder, den Aufbruch ins Unbekannte. Weiterlesen

Buchpreis-Blues

Der Deutsche Buchpreis 2018: Ein Resümee

Alltag ist wieder eingekehrt. Der Deutsche Buchpreis wurde vergeben, die Jurytätigkeit ist beendet und die Frankfurter Buchmesse 2018 vorbei. Ein Hauch von Melancholie weht durch den Blog – es ist Zeit für ein Resümee. Doch wo beginnen? Vielleicht gleich mit einem der schönsten Momente der letzten sechs Monate, mit dem späten Montagabend der Buchpreisverleihung. Gegen Mitternacht saß die Buchpreisjury in der Hotelbar des Frankfurter Hofs zusammen. Auf ein letztes Glas. Ein allerletztes. Wir sprachen über unsere Zeit als Jurorinnen und Juroren, über Bücher, über die Preisverleihung, über Persönliches. Niemand von uns wollte aufstehen und gehen, der Moment des Aufbruchs wurde weiter und weiter herausgezögert, ein wirklich allerletztes Glas geordert. Denn danach würden wir wohl nie wieder in dieser Konstellation zusammentreffen. Weiterlesen

Leben geschieht

Hilmar Klute: Was dann nachher so schoen fliegt

Natürlich weiß ich, dass man sich als Leser nicht mit den Protagonisten eines Romans zu identifizieren braucht, um sich eine Meinung über den Inhalt und die Qualität des Werkes zu bilden. In Kreisen professioneller Rezensenten gilt eine solche Identifikation auch eher als etwas, das es zu vermeiden gilt. Das Gute am Bloggen ist aber, dass man in seinem Blog machen kann, was man möchte. Und dass einem manche Gepflogenheiten egal sein dürfen – besonders wenn man auf ein Buch trifft, das einen zurück in eine Zeit des eigenen Lebens katapultiert. Eine Zeit, die zwar längst vergangen ist, die einen aber geprägt hat, wie kaum eine andere. Und die für so manche Weichenstellungen entscheidend war, die mit all ihren Umwegen bis ins Hier und Heute führen. „Was dann nachher so schön fliegt“ von Hilmar Klute ist genau eines dieser Bücher. Weiterlesen

Wer ist ein Held?

Nickolas Butler: Die Herzen der Maenner

Vor ein paar Jahren hatte mich das Buch „Shotgun Lovesongs“ von Nickolas Butler sehr begeistert. Umso gespannter war ich auf seinen nächsten Roman „Die Herzen der Männer“ und als ich erfuhr, dass Butler dieses Buch im Literaturhaus Köln vorstellen würde, war klar, dass ich mir das auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Das ist inzwischen einige Monate her und dieser Text hätte schon längst geschrieben sein sollen, aber auch in der Erinnerung war es ein wunderbarer Abend mit einem sympathischen Autor. Und mit einem sehr eindrucksvollen Roman. Weiterlesen

Literatur mit allen Sinnen

FLIP - Festa Literária Internacional de Paraty

FLIP ist die Abkürzung für Festa Literária Internacional de Paraty. Es ist eines der wichtigsten und schönsten Literaturfestivals Südamerikas und findet seit 2003 jeden Juli in der brasilianischen Küstenstadt Paraty statt. Viele brasilianische Autorinnen und Autoren sind vor Ort, gleichzeitig ist das Festival – wie der Name schon sagt – sehr international ausgerichtet. In den letzten Jahren waren dort zahlreiche große Stimmen zu Gast, wie etwa Amoz Oz, Don de Lillo, Toni Morrison, Ian McEwan, Nadine Gordimer, Orhan Pamuk, Karl Ove Knausgård, Margaret Atwood, Julian Barnes, Isabel Allende, Paul Auster, Siri Hustvedt, Teju Cole oder Eleanor Cotton. Um nur einige zu nennen. Dazu gibt es Partnerschaften mit dem International Festival of Authors in Toronto und dem  Festivaletteratura in Mantua. Und ich muss gestehen, dass ich bis zum Sommer 2017 noch nie davon gehört hatte. Weiterlesen

Gespiegelte Verzweiflung

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne

Mit Sätzen wie „Dieses Buch sollte jeder lesen“ bin ich immer etwas vorsichtig, denn zu unterschiedlich sind die Lesevorlieben der Menschen. Dem Roman „Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler wünsche ich allerdings so viele Leser wie möglich, denn er ist für mich eines der wichtigsten Bücher für die Zeit, in der wir gerade leben. Es geht darin um Flucht und Migration, aber auf eine Art und Weise, die uns dieses emotional aufgeladene Thema vollkommen anders nahebringt als gewohnt. Und das mit einem ganz einfachen Trick: Torkler vertauscht den Blickwinkel. Wobei „einfach“ das falsche Wort ist, denn der Autor hat eine vollkommen neue Welt erschaffen, ausgefüllt mit zahllosen Details, die das Geschehen so wahrheitsgetreu und realistisch wie möglich machen. Weiterlesen

Deutscher Buchpreis 2018: Die Longlist

Deutscher Buchpreis 2018: Die Longlist

Hier ist sie nun, die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018. Zwanzig Romane haben wir in der Jury-Sitzung ausgewählt. Zwanzig von knapp zweihundert; 165 Bücher waren eingereicht, weitere hatte die Jury zusätzlich angefordert. Herausgekommen ist nach einem langen Tag voller Diskussionen eine vielfältige und abwechslungsreiche Mischung aus deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, die neben bekannten Namen auch viel Raum für Entdeckungen bietet. Jurysprecherin Christine Lötscher hat den offiziellen Text zur Longlist-Auswahl verfasst:

„Die Lage der Welt scheint den deutschsprachigen Autorinnen und Autoren auf den Nägeln zu brennen: Wie ist die Welt zu dem geworden, was sie heute ist? Wie hängt alles zusammen, und welche Geschichten lassen sich darüber erzählen? Ihre Romane versuchen diese Fragen in der ganzen poetischen Tiefe auszuloten, indem sie ihre Figuren als Reisende, Suchende oder Vertriebene ihre Vergangenheit und Gegenwart erkunden lassen. Die Vielfalt der literarischen Formen hat die Jury begeistert: Es gibt große historische, aber auch verspielt fantastische Weltentwürfe, ebenso wie Texte, die eine radikale Reduktion der Perspektive suchen, bis auf den Nullpunkt des Erzählens. Angesichts dieses Reichtums und vieler überraschender Entdeckungen ist die Longlist auch eine Einladung der Jury, dieses große Spektrum zu erkunden.“ Weiterlesen

Die Stunde der Idealisten

Volker Weidermann: Traeumer

Volker Weidermann beschreibt in seinem Buch „Träumer“ die wenigen Monate zwischen November 1918 und Mai 1919, als in München eine Handvoll beherzter Idealisten nach der Macht griff, um eine bessere Welt zu schaffen. Und die damit dramatisch scheiterten.

Eine der eindrucksvollsten Szenen des Buches finden wir gleich im ersten Kapitel: Kurt Eisner, Journalist, Schriftsteller und Pazifist, besetzt mitten in der Nacht mit einer Gruppe Getreuer den bayerischen Landtag. Schon fast verwirrt über diesen leichten Erfolg übernehmen sie den notdürftig beleuchteten, leeren Sitzungssaal und entwerfen eine Proklamation für die Republik. Eine gespenstische Situation. In den frühen Morgenstunden ruft Eisner den bayerischen Freistaat aus, mit sich als Regierungschef. Es ist November 1918 und auf den Straßen herrscht das Chaos. Weiterlesen

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