Leben geschieht

Hilmar Klute: Was dann nachher so schoen fliegt

Natürlich weiß ich, dass man sich als Leser nicht mit den Protagonisten eines Romans zu identifizieren braucht, um sich eine Meinung über den Inhalt und die Qualität des Werkes zu bilden. In Kreisen professioneller Rezensenten gilt eine solche Identifikation auch eher als etwas, das es zu vermeiden gilt. Das Gute am Bloggen ist aber, dass man in seinem Blog machen kann, was man möchte. Und dass einem manche Gepflogenheiten egal sein dürfen – besonders wenn man auf ein Buch trifft, das einen zurück in eine Zeit des eigenen Lebens katapultiert. Eine Zeit, die zwar längst vergangen ist, die einen aber geprägt hat, wie kaum eine andere. Und die für so manche Weichenstellungen entscheidend war, die mit all ihren Umwegen bis ins Hier und Heute führen. „Was dann nachher so schön fliegt“ von Hilmar Klute ist genau eines dieser Bücher.

Irgendwo im Ruhrgebiet: Der Ich-Erzähler Volker Winterberg stolpert nach der Schule in sein Erwachsenenleben und wird 1986 Zivildienstleistender in einem Altenpflegeheim. Einen richtigen Plan für seine Zukunft hat er keinen, aber dafür so etwas wie ein vages Vorhaben, eher eine Art Traum. Er möchte ein Dichter werden, Lyrik schreiben und davon seinen Lebensunterhalt bestreiten können. Und klar, berühmt werden auch, warum nicht. Seine Helden sind Paul Celan, Peter Rühmkorf oder Nicolas Born und in seinen Tagträumen tritt er vor der – auch damals schon seit zwanzig Jahren nicht mehr existierenden – Gruppe 47 auf. Seine freie Zeit verbringt er rauchend, nachdenkend und nach Worten suchend in Kneipen oder Cafés, eine unaufgeregte Liaison mit seiner Kollegin Erika ist ihm eher lästig.

„Ich hatte keine große Lust auf den Sex mit Erika. Mein Schwerpunkt lag ja auch mehr auf der Lyrik, ich ich war eigentlich nur zufrieden, wenn ich alleine in meinem Zimmer hockte und an meinen Texten herumdrehte. Ich wollte es so machen, wie die ganz Großen, für jeden Vers dreißig Fassungen schreiben und diese noch mit Querverweisen, französischen Flüchen und fünf Alternativwörtern versehen. Ich wollte ein richtiger Schwerstarbeiter der Literatur werden, so wie Peter Rühmkorf, der unter der Last seiner Verse fast zusammenbrach.“

Als Volker eine Einladung zu einer Art Nachwuchstreffen junger Schriftsteller im West-Berliner Literaturhaus erhält, ist das für ihn der erste Schritt, seinen Traum in die Tat umzusetzen. Er hatte ein Gedicht eingereicht, dass ein Ergebnis eines Paris-Trips war. Volker war in diese Stadt getrampt, um bohèmeartig durch die Straßen zu ziehen oder existenzialistisch mit Zigarette und schwarzem Kaffee in Straßencafés herumzusitzen. Der Trip lief dann etwas aus dem Ruder, aber das Gedicht war geschrieben und soll nun seine Eintrittskarte sein in die schillernde Welt der Literaturbranche. Er nimmt sich ein paar Tage Urlaub von der Trostlosigkeit seines Zivildienstes, packt eine Mappe Geschriebenes ein und fährt mit dem Zug durch die DDR nach Berlin. Nach West-Berlin, Bahnhof Zoo.

Dies sind die beiden Handlungsstränge des Romans. Zum einen die abgekapselte Welt eines Pflegeheims, zum anderen das Literaturtreffen im damals ebenso abgekapselten West-Berlin und dessen Folgen. Stagnation und Aufbruch, ein junger Mensch in den Startlöchern, aber er hat keine Ahnung, wohin er eigenlich laufen soll. West-Berlin erweist sich als graue Trostlosigkeit, das Schriftstellertreffen ist geprägt von Banalität und Überheblichkeit, „weil man Literatur nicht in Workshops lernen kann. Du musst einfach loslaufen, verstehst Du. Du musst morgens dein Fenster öffnen und den Lärm reinlassen, das Taubengegurre, die Müllmänner, die die Tonnen ausleeren, die Straßenbahn, die in der Kurve quietscht.“ Volker quält sich mit seinen Texten, er verliebt sich, aber nur vielleicht, und überhaupt hat er das Gefühl, nirgendwo hinzugehören.

Diese Ungewissheit, die Ahnungslosigkeit von der Welt, die Rastlosigkeit eines jungen Erwachsenen, der nicht weiß wohin mit sich – diese Gefühlswelt hat Hilmar Klute in seinem Roman grandios eingefangen. Es ist eine Art Zwischenzeit, die Zukunft ist unklar, während der genau getaktete Dienstplan der Pflegestation die Woche in Früh- und Spätdienste strukturiert. Und genau hier ratterten meine Erinnerungen los. Ich sah mich wieder bei meinem ersten Zivi-Tag im Altenpflegeheim; ein paar Tage zuvor war ich noch Schüler gewesen, mit Freunden den Abschluss feiernd. Jetzt sollte ich den Auffangbeutel eines künstlichen Darmausgangs wechseln, den zähflüssigen Urin aus einem Kathederbeutel entleeren, war umgeben von Siechtum, Demenz, Menschen am Ende ihres Weges – ich war fassungslos, entsetzt und machte, was zu tun war. Am meisten schockierte mich die Tatsache, dass all dies vollkommen abgeschottet von unserem Alltag existiert, so als seien Alter und Tod etwas, das man hinter einen Vorhang, schiebt, um nicht damit konfrontiert zu werden, sich nicht der eigenen Vergänglichkeit stellen zu müssen.

Volker Winterberg rebelliert gegen die trostlose Routine, gegen die Würdelosigkeit, mit der die alten Menschen behandelt werden, gegen den Zynismus der abgestumpften Pflegekräfte. Versucht, „seinen Alten“ wenigstens etwas Zuwendung zukommen zu lassen, legt sich mit respektlosen Pflegekräften an, macht sich im Team unbeliebt. Doch das ist ihm egal, denn er hat seine Lyrik, seinen Rückzugsort der Sprache, seinen Traum, Dichter zu werden. Das alles angesiedelt irgendwo zwischen Talent und Attitüde, doch brennend vor Leidenschaft.

Auch mir hat damals die Literatur über so manchen Frust hinweggeholfen. Besser gesagt, deren Wiederentdeckung, denn nach einer mehrjährigen Lesepause hatte ich wieder zu den Büchern gefunden. Oder sie zu mir. Und gleichzeitig war der Zivildienst die Fahrkarte weg von Zuhause, die erste Etappe auf dem Weg ins eigene Leben. Denn auch das gehört zu dieser Zeit, diese unglaublich intensive Aufbruchstimmung, ein Start hinein ins Ungewisse, verbunden mit den großen Gesten der Jugend. Eine Unbekümmertheit, die einen eben mal nach Paris trampen lässt, ohne darüber nachzudenken, wo man dort unterkommen oder wie man wieder zurückkommen soll. Auch diese Erinnerung wurde durch das Buch wieder geweckt. Und ja, genau diese Unbekümmertheit ist es, die einem im Lauf der Jahre verloren geht, unwiederbringlich. Etwas wehmütig denke ich beim Lesen des Romans an jene Sorglosigkeit zurück, die einen damals durch die Tage getragen hat. Verbunden allerdings mit einer anfangs ganz leise nagenden Unzufriedenheit, die man jedoch schnell in den emotionalen Abstellraum zurückschubsen konnte. Doch sie stieß die Türe immer wieder auf und kam zurück, stets ein wenig größer geworden.

Diese Zeit war ein Wechselbad der Gefühle und sie steht mir wieder klar vor Augen, wenn ich Volker Winterberg rauchend durch nasse Berliner Straßen laufen, ihn zweifelnd über seine Zukunft nachdenken sehe. Euphorie, die Suche nach dem Sinn des Lebens und dumpfe Hoffnungslosigkeit wechseln sich ab, die Antwort auf die Frage nach dem richtigen Weg scheint manchmal zum Greifen nahe zu sein, manchmal aber versteckt sie sich im Nebel der Routine und der Tristesse des Alltags.

All das steckt für mich in Hilmar Klutes Buch. Vor allem aber ist es eine einzige Liebeserklärung an die Poesie, an die Kraft und Zartheit der Sprache, die Magie der Worte und eine Hommage an die großen Dichter der alten Bundesrepublik. Der Titel des Buches stammt von Peter Rühmkorf und der Satz lautet vollständig: „Was dann nachher so schön fliegt, wie lange ist darauf rumgebrütet worden.“ Denn sprachliche Leichtigkeit ist meist das Resultat schwerer Arbeit. „Die Welt berühren und in eine andere Möglichkeit verwandeln. … Ist das nicht das Geheimnis der Poesie: der Welt ähnlich zu sein und gleichzeitig abgewandt von ihr?“

Wie es weiterging? Im Spätsommer 1990 wurde die Zivi-Dienstzeit überraschend von zwanzig auf fünfzehn Monate verkürzt und Ende Oktober stand ich dann da und hatte absolut keine Ahnung, was ich machen sollte. Der Einfachheit halber bin ich dann erst einmal Altenpflegehelfer geblieben, und was als Überbrückung gedacht war, bis mir die erleuchtende Idee kommen würde, hat dann drei Jahre gedauert. Nebenher begann ich etwas lustlos Sozialarbeit zu studieren. Dann erzählte mir ein Bekannter, er würde jetzt eine Buchhändlerlehre machen. Und das war es dann. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und Volker Winterberg? Auch er findet einen Weg, zumindest eine Richtung. Aber mehr braucht es eigentlich auch nicht, der Rest passiert dann eben. Leben geschieht. Wenn man es lässt.

»Und du?«, fragte er. »Schon Pläne?«
»Ja«, sagte ich, »ich will Gedichte schreiben und davon leben.«
Er überlegte kurz, justierte den Strohhalm an der Cola-Flasche mit dem Mund und sagte, bevor er daran zog: »Klingt ganz vernünftig.«

Vielen Dank, Hilmar Klute, für dieses wunderbare Buch und für all die wiedergefundenen Erinnerungen.

Buchinformation
Hilmar Klute, Was dann nachher so schön fliegt
Galiani Berlin
ISBN 978-3-86971-178-2

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Wer ist ein Held?

Nickolas Butler: Die Herzen der Maenner

Vor ein paar Jahren hatte mich das Buch „Shotgun Lovesongs“ von Nickolas Butler sehr begeistert. Umso gespannter war ich auf seinen nächsten Roman „Die Herzen der Männer“ und als ich erfuhr, dass Butler dieses Buch im Literaturhaus Köln vorstellen würde, war klar, dass ich mir das auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Das ist inzwischen einige Monate her und dieser Text hätte schon längst geschrieben sein sollen, aber auch in der Erinnerung war es ein wunderbarer Abend mit einem sympathischen Autor. Und mit einem sehr eindrucksvollen Roman. Weiterlesen

Literatur mit allen Sinnen

FLIP - Festa Literária Internacional de Paraty

FLIP ist die Abkürzung für Festa Literária Internacional de Paraty. Es ist eines der wichtigsten und schönsten Literaturfestivals Südamerikas und findet seit 2003 jeden Juli in der brasilianischen Küstenstadt Paraty statt. Viele brasilianische Autorinnen und Autoren sind vor Ort, gleichzeitig ist das Festival – wie der Name schon sagt – sehr international ausgerichtet. In den letzten Jahren waren dort zahlreiche große Stimmen zu Gast, wie etwa Amoz Oz, Don de Lillo, Toni Morrison, Ian McEwan, Nadine Gordimer, Orhan Pamuk, Karl Ove Knausgård, Margaret Atwood, Julian Barnes, Isabel Allende, Paul Auster, Siri Hustvedt, Teju Cole oder Eleanor Cotton. Um nur einige zu nennen. Dazu gibt es Partnerschaften mit dem International Festival of Authors in Toronto und dem  Festivaletteratura in Mantua. Und ich muss gestehen, dass ich bis zum Sommer 2017 noch nie davon gehört hatte. Weiterlesen

Gespiegelte Verzweiflung

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne

Mit Sätzen wie „Dieses Buch sollte jeder lesen“ bin ich immer etwas vorsichtig, denn zu unterschiedlich sind die Lesevorlieben der Menschen. Dem Roman „Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler wünsche ich allerdings so viele Leser wie möglich, denn er ist für mich eines der wichtigsten Bücher für die Zeit, in der wir gerade leben. Es geht darin um Flucht und Migration, aber auf eine Art und Weise, die uns dieses emotional aufgeladene Thema vollkommen anders nahebringt als gewohnt. Und das mit einem ganz einfachen Trick: Torkler vertauscht den Blickwinkel. Wobei „einfach“ das falsche Wort ist, denn der Autor hat eine vollkommen neue Welt erschaffen, ausgefüllt mit zahllosen Details, die das Geschehen so wahrheitsgetreu und realistisch wie möglich machen. Weiterlesen

Deutscher Buchpreis 2018: Die Longlist

Deutscher Buchpreis 2018: Die Longlist

Hier ist sie nun, die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018. Zwanzig Romane haben wir in der Jury-Sitzung ausgewählt. Zwanzig von knapp zweihundert; 165 Bücher waren eingereicht, weitere hatte die Jury zusätzlich angefordert. Herausgekommen ist nach einem langen Tag voller Diskussionen eine vielfältige und abwechslungsreiche Mischung aus deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, die neben bekannten Namen auch viel Raum für Entdeckungen bietet. Jurysprecherin Christine Lötscher hat den offiziellen Text zur Longlist-Auswahl verfasst:

„Die Lage der Welt scheint den deutschsprachigen Autorinnen und Autoren auf den Nägeln zu brennen: Wie ist die Welt zu dem geworden, was sie heute ist? Wie hängt alles zusammen, und welche Geschichten lassen sich darüber erzählen? Ihre Romane versuchen diese Fragen in der ganzen poetischen Tiefe auszuloten, indem sie ihre Figuren als Reisende, Suchende oder Vertriebene ihre Vergangenheit und Gegenwart erkunden lassen. Die Vielfalt der literarischen Formen hat die Jury begeistert: Es gibt große historische, aber auch verspielt fantastische Weltentwürfe, ebenso wie Texte, die eine radikale Reduktion der Perspektive suchen, bis auf den Nullpunkt des Erzählens. Angesichts dieses Reichtums und vieler überraschender Entdeckungen ist die Longlist auch eine Einladung der Jury, dieses große Spektrum zu erkunden.“ Weiterlesen

Die Stunde der Idealisten

Volker Weidermann: Traeumer

Volker Weidermann beschreibt in seinem Buch „Träumer“ die wenigen Monate zwischen November 1918 und Mai 1919, als in München eine Handvoll beherzter Idealisten nach der Macht griff, um eine bessere Welt zu schaffen. Und die damit dramatisch scheiterten.

Eine der eindrucksvollsten Szenen des Buches finden wir gleich im ersten Kapitel: Kurt Eisner, Journalist, Schriftsteller und Pazifist, besetzt mitten in der Nacht mit einer Gruppe Getreuer den bayerischen Landtag. Schon fast verwirrt über diesen leichten Erfolg übernehmen sie den notdürftig beleuchteten, leeren Sitzungssaal und entwerfen eine Proklamation für die Republik. Eine gespenstische Situation. In den frühen Morgenstunden ruft Eisner den bayerischen Freistaat aus, mit sich als Regierungschef. Es ist November 1918 und auf den Straßen herrscht das Chaos. Weiterlesen

Menschen auf der Flucht

Sebastiao Salgado: Exodus

Ist es möglich, sich dem Thema Flucht und Migration auf eine künstlerisch anspruchsvolle Weise zu nähern? Darf man das überhaupt, ohne die Tragik zahlloser menschlicher Schicksale zu ästhetisieren? Oder hilft es den von unzähligen Nachrichtenmeldungen abgestumpften Betrachtern ihr Mitgefühl zu bewahren? Ein Buch möchte ich hier vorstellen, das in herausragender Form klar macht, was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen – auf der Flucht vor Krieg, Folter und Tod oder auf der Suche nach einem Stückchen Hoffnung auf ein besseres Leben. Es ist der Photoband „Exodus“ von Sebastião Salgado, der bereits 2000 erschienen ist und 2016 vom Taschen Verlag neu aufgelegt wurde. Und in Zeiten, in denen Zynismus und Menschenverachtung zunehmend die Politik dominieren, ist dieses Werk aktueller denn je. Weiterlesen

Abgetaucht im Literaturmeer

Deutscher Buchpreis: Abgetaucht im Literaturmeer

Momentan herrscht etwas Ruhe hier auf Kaffeehaussitzer. Der Grund dafür ist auf dem Beitragsphoto zu sehen: Ein ganzer Berg leerer Kartons. Kartons, die mit Büchern gefüllt waren. Bücher, mit denen ich mich beschäftigen darf. Denn in diesem Jahr habe ich die große Ehre und das große Vergnügen, Jurymitglied des Deutschen Buchpreises zu sein. Und damit ist jede, wirklich jede freie Minute mit Lesen ausgefüllt. Im Februar hatte ich schon angekündigt, dass sich daher ab April die Beiträge im Blog etwas rar machen könnten – damals wusste ich noch nicht, was da wirklich auf mich zukommen würde. Weiterlesen

Der Zeit nicht mehr gewachsen

Lucy Fricke: Toechter

Es geschieht manchmal, aber nicht oft: Man beginnt abends mit einem neuen Buch, versinkt vollkommen darin und klappt es komplett durchgelesen mitten in der Nacht wieder zu. Bei „Töchter“ von Lucy Fricke war es genau so. Am Tag danach war ich zwar furchtbar müde, aber es hat sich gelohnt. Jede Seite. Jedes Wort.

Ich hatte sowieso vor, den Roman zu lesen. Bald. Dann landete ich beim abendlichen Durchforsten der Literaturblogs wieder einmal bei buchrevier, wo Blogger Tobias Nazemi Lucy Frickes Buch vorstellte – so begeisternd, dass ich „Töchter“ direkt aus dem Berg der Buchvorräte hervorgezogen habe. Weiterlesen

Welten hören auf

Jewgeni Jewtuschenko: Welten hoeren auf

Der Tod ist ein Mysterium, das uns das ganze Leben begleitet und das wir nie ergründen werden, so oft wir es auch versuchen. Vor vielen Jahren arbeitete ich als Altenpflegehelfer und begleitete eines Nachts einen alten Menschen auf seinem letzten Weg. Als er ein letztes Mal tief ausatmete, klang es wie ein Seufzer der Erleichterung. Dann war alles still. Damals legte ich mein Ohr auf seinen Brustkorb und hörte kein Herz mehr schlagen. Der alte Mann war gegangen. Und gleichzeitig konnte ich spüren, dass er im selben Raum war wie ich, jedenfalls noch eine kurze Zeit. Es war ein vollkommen friedlicher Moment. Ein Moment, den ich nie vergessen werde.

Schon davor hatte ich viel über den Tod nachgedacht, nur ein paar Jahre zuvor war mein Vater gestorben. Gleichzeitig fühlte sich damals, mit Anfang zwanzig, die eigene Vergänglichkeit wie etwas Unwirkliches an, wie etwas, das noch nicht einmal vage am Horizont zu erkennen war. Obwohl diese Vergänglichkeit die einzige Gewissheit in unserem Leben ist.

Seitdem sind über zweieinhalb Jahrzehnte vergangen. Inzwischen weiß ich, dass jedes Jahr, jeder Tag ein Geschenk ist. Und wenn man mitbekommen hat, wie das Leben von Menschen, die man kannte – sei es gut oder nur flüchtig – zu Ende gegangen ist, bevor sie alt werden konnten, dann wird man sehr demütig. Nächstes Jahr ist mein fünfzigster Geburtstag. Aber nicht alle meiner Freunde und Bekannten von früher sind noch da. Weiterlesen

Norsk Litteraturfestival

Norsk Litteraturfestival - Literaturfestival Lillehammer

Wo anfangen? Eine Literaturreise nach Norwegen liegt hinter mir; sie war so voller Eindrücke und unvergesslicher Momente, dass ich mich kaum entscheiden kann, über was ich als erstes berichten soll. Vielleicht beginne ich am besten mit einem persönlichen Highlight dieser Tage, das wiederum zurückführt in die eigene Lesebiographie, genauer gesagt zurück ins Jahr 1995. Damals war ich mitten in meiner Buchhändlerlehre und hatte das Buch „Der Choral am Ende der Reise“ von Erik Fosnes Hansen in die Hände bekommen. Die Geschichte, die anhand der fiktiven Lebensläufe der Titanic-Musiker von den blinden Zufällen des Lebens und der Unausweichlichkeit des Schicksals erzählt, hat mich seinerzeit vollkommen begeistert und nie wieder losgelassen. Nun, dreiundzwanzig Jahre später begleitete mich dieses Buch nach Norwegen. Und in einem Restaurant hoch über den Dächern Oslos schrieb Erik Fosnes Hansen mir eine Widmung hinein.

Aber ich gehe besser einen Schritt zurück und erzähle, wie das alles zustande gekommen ist und um was für eine Reise es überhaupt geht. Weiterlesen

Ein Mahnmal aus Papier

Volker Weidermann: Das Buch der verbrannten Buecher

Für das zentrale Spektakel war in Berlin auf dem Opernplatz ein großer Scheiterhaufen aufgebaut worden. Doch nicht nur dort, sondern in 30 deutschen Universitätsstädten loderten am Abend des 10. Mai 1933 die Flammen. Verbrannt wurden unzählige Bücher, die fanatisierte Studenten zuvor aus den Bibliotheken gezerrt hatten. Entweder waren ihre Autoren dem sich immer stabiler konstituierenden Nazi-Regime ein Dorn im Auge oder ihr Inhalt entsprach nicht „dem deutschen Geist“. Organisiert wurde die barbarische Aktion nicht von der NSDAP, sondern durch die Deutsche Studentenschaft, dem Dachverband der studentischen Selbstverwaltung. Diese Kampagne ist einer der Tiefpunkte unserer Geistesgeschichte, an Symbolik kaum zu überbieten.

Das Datum dieses widerwärtigen Schauspiels jährt sich 2018 zum fünfundachtzigsten Mal. Ein Grund, hier „Das Buch der verbrannten Bücher“ vorzustellen, mit dem Volker Weidermann den verfemten, verfolgten und zu einem nicht unbedeutenden Teil heute vergessenen Autoren ein Denkmal gesetzt hat. Natürlich eines aus Papier. Bereits vor zehn Jahren erschienen, ist es heute immer noch erhältlich und ich hoffe, dass dies noch lange so bleiben möge. Weiterlesen

Das Bovary-Projekt

Gustave Flaubert: Madame Bovary

„Madame Bovary“ von Gustave Flaubert ist einer der berühmtesten Romane der Literaturgeschichte. Bei seinem Erscheinen 1857 löste er einen Skandal aus, der Autor wurde wegen unmoralischen Verhaltens, insbesondere „Verherrlichung des Ehebruchs“ angeklagt und musste sich vor Gericht verantworten. Die Verhandlung endete mit einem Freispruch – und förderte natürlich die Popularität des Werkes enorm. Der Roman ist als Frühwerk des Realismus ein Meilenstein auf dem Weg in die literarische Moderne; Flaubert zieht sich als Autor auf die Rolle eines Beobachters, eines Chronisten der Ereignisse zurück und beschreibt das tragische Leben der Emma Bovary. Eine Frau, die an ihrer provinziellen Umgebung verzweifelt und auf der Suche nach Erfüllung alles opfert. Und eben jenes Stilmittel der bloßen Beschreibung – ohne Wertung und ohne moralische Richtschnur – sorgte für die Empörung der Öffentlichkeit, die es nicht gewohnt war, auf solche Weise einen Spiegel vorgehalten zu bekommen. Realistisch und ohne Verklärung.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 sprach ich mit BuchGeschichten-Booktuberin Ilke Sayan über „Madame Bovary“ und wir stellten fest, dass wir beide das Buch noch nie gelesen haben. So beschlossen wir, gleichzeitig mit der Lektüre zu starten und uns anschließend darüber auszutauschen. Die Idee war, im Gespräch über das Buch die weibliche und die männliche Leserperspektive miteinander zu vergleichen, Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Sichtweisen auszuloten. Daraus ist nun ein Film auf BuchGeschichten entstanden – mein erster Booktube-Auftritt, ich war ehrlich gesagt, etwas nervös und bewundere alle Menschen, die entspannt und ohne zu stocken vor der Kamera über Bücher sprechen. Und dieser Blogbeitrag, der parallel zum BuchGeschichten-Film veröffentlicht wird. Weiterlesen

Literaturszene Köln e.V.

Literaturszene Koeln e.V.

Welttag des Buches. Gibt es ein besseres Datum, um einen Verein zu ins Leben zu rufen, der sich als Interessenvertretung des literarischen Lebens einer Stadt versteht? Wohl nicht. Deshalb wurde am 23. April 2018 der Verein Literaturszene Köln e.V. gegründet. Vorbereitet und maßgeblich vorangetrieben haben dieses Projekt Bettina Fischer, Leiterin des Literaturhauses Köln, und Dorian Steinhoff, Autor und freiberuflicher Literaturvermittler. Zusammen mit anderen Beteiligten haben sie die Idee in den letzten zwölf Monaten weiterentwickelt, die formalen Voraussetzungen geschaffen, eine Satzung erstellt, Unterstützer an Bord geholt. Und nun ist es soweit: Der Verein betritt als neuer Akteur des Kölner Kulturlebens die Bühne. Der Kaffeehaussitzer hat die Ehre, eines der Gründungsmitglieder zu sein. Weiterlesen

Nach dem Lesen Hände waschen

Ottessa Moshfegh: Eileen

Eine junge Frau ist in Ottessa Moshfeghs Roman „Eileen“ mit ihrem Leben in einer Sackgasse gelandet, finster, trostlos und ohne Hoffnung, umgeben von Schmutz und Verfall. Bis sich eines Tages die Möglichkeit für einen Neuanfang bietet – allerdings vollkommen anders, als sie es sich hätte vorstellen können.

Der Kaffeehaussitzer gehört zum Blogger-Redaktionsteam des Magazins der Büchergilde Gutenberg. So ist dieser Beitrag über „Eileen“ ursprünglich entstanden: Als Text, der neugierig auf das Buch machen, den Lesern des Magazins eine Buchempfehlung geben soll. Doch wie empfiehlt man einen Roman, in dem es um Selbstmitleid, Alkoholismus, Schmutz, Verwahrlosung und eine vollkommen verfahrene Lebenssituation geht? Will man sich das als Leser zumuten? Ich sage: Unbedingt!, denn es ist ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte. Eines, bei dem von Beginn an eine unterschwellige Spannung mitschwingt, das einen ganz eigenen Sog entwickelt und bei dem ich von Seite zu Seite neugieriger wurde, wie es wohl ausgehen würde. Nachdem mich bereits „McGlue“, der Debütroman der Autorin, sehr beeindruckt hatte, war ich umso gespannter auf ihr neues Werk – und wurde nicht enttäuscht. Weiterlesen

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