Im Lawinenwinter

Das Buch „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ von Gerhard Jäger ist der Roman, der mich von allen Büchern in den letzten Monaten am meisten begeistert hat. Dabei wäre er beinahe an mir vorbeigegangen, wenn nicht Bloggerkollegin Mareike Fallwickl ihn auf Facebook als ihre nächste Lektüre angekündigt hätte, ich neugierig nachfragte, worauf Buchhändlerin Nina Merks meinte, ich würde das Buch lieben. Wir haben uns im realen Leben noch nie gesehen, trotzdem kennen wir unsere Lesevorlieben gegenseitig so gut, dass ich umgehend in eine der Buchhandlungen meines Vertrauens spaziert bin und das Buch gekauft habe. Und was soll ich sagen, sie hatte recht. Und wie.

Um was geht es? Der achtzigjährige Witwer und Ich-Erzähler John Miller fliegt im Jahr 2006 von den USA nach Österreich, um am Ende seines Lebens einem dunklen Familiengeheimnis nachzugehen. Mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor war sein Cousin Max Schreiber in einem abgelegenen Alpendorf verschwunden. Es war im Lawinenwinter 1951, als der Schnee mit solch einer Gewalt über die Bergwelt der Alpen hereinbrach, dass am Ende 265 Todesopfer zu beklagen waren. Die meisten waren durch die vielen Lawinen umgekommen, die donnernd in die Täler hinabgekrachten und alles auslöschten, was ihnen im Weg stand. Die meisten, aber nicht alle. Und Max Schreiber war seitdem verschwunden. Das Einzige, was noch an ihn erinnert, ist ein Manuskript, das er hinterlassen hat. Das nach dem katastrophalen Winter in seinem Zimmer im einzigen Gasthaus des Ortes gefunden wurde und das seitdem im Innsbrucker Landesarchiv aufbewahrt wird. Und dieses Manuskript möchte John Miller sich anschauen, um vielleicht zu verstehen, was genau damals geschehen ist.

Als er an einem Arbeitsplatz im Landesarchiv sitzt und zu lesen beginnt, führen ihn die beschriebenen, vergilbten Seiten zurück in den späten Herbst 1950. Es ist eine Art Tagebuch, als Roman verfasst, in dem Max Schreiber über sich in dritter Person erzählt. Es beginnt mit seiner Ankunft dem abgelegenen Ort. „Vorsichtig erkundeten seine Augen in der hereinbrechenden Dunkelheit das vor ihm liegende Dorf: hingeduckt an die schützenden Hänge, hatte es sich in den Bergen über Generationen in die steinernen Leiber gefressen.“ Ein Schreibprojekt führt ihn, den jungen Historiker, hierher, für das er den Winter fernab der gewohnten Wiener Annehmlichkeiten verbringen möchte.

Von Beginn an ist klar, dass er ein Eindringling ist. Ein Städter, der hier nicht hergehört, „ein Studierter, der sich nicht die Finger und den Rücken krumm machen müsse, am Spaten, am Pflug, an der Sense.“ Ein schwächlicher Stadtmensch in einer Welt der Entbehrungen, der harten körperlichen Arbeit. Einer Welt, die den Dorfbewohnern nichts schenkt. Großartig ist die Szene, in der er nach seiner Ankunft das Gasthaus betritt, um dort sein im voraus per Brief reserviertes Zimmer zu beziehen: „Er stieg die Stufen zur Tür empor und drückte die Klinke durch. Ein rauchig-gelbes Licht drang in seine Augen, und als ob er mit der Tür nicht nur sich, sondern auch der nächtlichen Stille Zugang verschafft hätte, wurde es ruhig. Ein abgebrochener Satz schien mitten in der Luft zu hängen, und Schreiber hatte das Gefühl, vor einem Gemälde zu stehen: das gelbe Licht, Stühle, Tische, die Karte, gerade ausgespielt, die sich auf der Tischoberfläche noch drehte wie ein Kreisel, dann zur Ruhe kam, die Köpfe, die sich nach ihm umgewandt hatten, und die Augen, die ihn flackernd anschauten, ihn, den Mann, der unter der Tür stehen geblieben war, viel jünger, als in ihren Vorstellungen ein Historiker wohl war, in den viel zu feinen Schuhen, mit dem viel zu neuen Mantel, den beiden Koffern in der Hand.“

Zwei Spannungsbögen ziehen sich durch den Roman. Zum einen ist es die Geschichte des Manuskripts, die erzählt, wie Max Schreiber wochen- und monatelang alleine durch das Dorf und seine Umgebung streift. Und dabei immer weiter in die Isolation abdriftet, das Fremdsein macht ihn zu einem wunderlichen Eigenbrötler, zu einem Schatten. Auch die Tatsache, das sein Tagebuch in der dritten Person verfasst ist, findet eine nachvollziehbare Erklärung. Gleichzeitig wird er damit konfrontiert, dass ein Dorf seine Geheimnisse hat, die jeder kennt und über die niemand spricht. Als dann langsam erste Kontakte zu den Dorfbewohnern entstehen, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Und dann kommt der Winter. Mit ihm kommen die Lawinen. Und mitten in der Naturkatastrophe bricht sich eine Lawine menschlicher Leidenschaft Bahn. Eine Lawine aus Wahn, Hass und Eifersucht.

Zum anderen ist es die Lebensgeschichte des Ich-Erzählers John Miller, den wir regelmäßig beim Erforschen der Vergangenheit beobachten können. Um nach und nach seine Schicksalsschläge kennenzulernen, seine persönlichen Dämonen, die ihn stets verfolgen. Es sind zwei Welten, in denen wir uns als Leser bewegen, den Welten von Max Schreiber und John Miller. In der Aktentasche, die Miller ständig bei sich trägt, bewahrt er einen Gegenstand auf, der diese Welten möglicherweise miteinander verbinden könnte.

„Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ ist ein wunderbar komponierter Roman mit verschiedenen Zeit- und Erzählebenen, dazu sprachlich für mich ein vollkommener Lesegenuss. Eine bildhafte, emotionale Sprache voller poetischer Wucht bringt uns die Gefühle der Protagonisten sehr nahe. Sie gibt Einblick in eine archaische Bergwelt der beginnenden 5oer Jahre, eine Zeit, in die das uns heute so fern vorkommende 19. Jahrhundert noch deutlich hineinragt – die Alten des Dorfes sind alle in dieser fernen Zeit geboren und haben deren Wertvorstellungen verinnerlicht und weitergegeben. Gleich von Beginn an liegt eine bedrohliche Stimmung in der Luft, eine Stimmung, die sich zunehmend verdichten und im Lawinenchaos explodieren wird. Und der Schluss? Ist in meinen Augen perfekt.

Das Buch hat mich von Anfang bis Ende in seinen Bann gezogen, richtiggehend in die Geschichte hineingesaugt. Auf einer langen Zugfahrt habe ich es fast in einem Stück gelesen. Leider war die Fahrt nach fünf Stunden beendet, ich musste aussteigen und hätte mir beim Auftauchen in der Gegenwart beinahe den Schnee von der Kleidung abgestreift.

„Geschichten“, sagt der alte Mann, der immer noch mit dem Rücken zu Schreiber am Herd steht, „Geschichten treiben die Menschen an. Entweder sie suchen Geschichten, oder sie rennen weg vor Geschichten. Das ist alles.“

Buchinformation
Gerhard Jäger, Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod
Blessing Verlag
ISBN 978-3-89667-571-2

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Die Festival-Macherinnen

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Die Macherinnen von ZÜRICH LIEST: Nathalie Widmer (links) und Violanta von Salis. Photographin: Ayse Yavas

Der Besuch des Lesefestivals »Zürich liest 2016« als einer von fünf offiziellen Blogger-Kooperationspartnern war für mich eines der Highlights des letzten Jahres. Meine Bloggerkolleginnen und ich haben drei intensive Tage voller Literatur erlebt und darüber auf unseren Blogs berichtet; vor Ort über unsere Twitter-, Facebook- und Instagram-Kanäle in Echtzeit das Lesefest ins Netz getragen. Einen ausführlichen Bericht über »Zürich liest« gab es hier bereits im vergangenen November. Heute geht es um einen Blick hinter die Kulissen dieses literarischen Ereignisses: Die Festival-Macherinnen Violanta von Salis und Nathalie Widmer, die das größte Lesefest der Schweiz konzipieren und organisieren, habe ich in Zürich kennengelernt. Und Nathalie Widmer hat mir ein paar Fragen beantwortet.

Nathalie, ich habe Dich während der drei Tage, die ich in Zürich war, unermüdlich im Einsatz erlebt: Mitten in der Nacht im Festivalzentrum Karl der Grosse, frühmorgens schon wieder bei der nächsten Veranstaltung und dazwischen hast Du mir per E-Mail noch einen Platz auf einer Gästeliste bestätigt. Wie viele Stunden hast Du während »Zürich liest 2016« geschlafen?

Naja, an viel Schlaf war während des Festivals mit Sicherheit nicht zu denken. Das Phänomen ist allerdings auch, dass man in solchen Momenten gar nicht soviel Schlaf braucht. Nach einem Jahr Vorbereitungszeit, in der man auf genau diese vier Tage hingearbeitet hat, ist die Freude einfach viel zu gross, als dass man an Schlaf denkt. Die vier Tage machen einfach unglaublich grossen Spass!

Nach dem Festival ist vor dem Festival. Wann beginnt die Planung für »Zürich liest 2017« und wie muss man sich die Vorgehensweise vorstellen?

»Zürich liest« wird als Festival getragen vom Zürcher Buchhändler- und Verlegerverein, all unsere Mitglieder sind wichtiger Teil des Festivals. Der Grossteil der knapp 200 Veranstaltungen wird von den Mitgliedern des Vereins organisiert und durchgeführt, rund ein Drittel der Veranstaltungen werden vom Festivalbüro in Zusammenarbeit mit den Programmkommissionen geplant. Diese Struktur hat natürlich auch Einfluss auf unsere Arbeit im Festivalbüro und dementsprechend besteht die Planung aus zwei Teilen: Zum einen bilden wir das Gerüst des Festivals, das all unsere Mitglieder als Plattform nutzen können. Wir sammeln die Veranstaltungen, machen das Marketing, die Kommunikation und bündeln alles zu einem Ganzen. Zum anderen organisieren wir wie schon gesagt auch selber Veranstaltungen. Hier beginnt die Organisation im Frühling mit ersten Sitzungen der Programmkommissionen. Der definitive Startschuss für die konkrete Planung fällt jeweils mit der Leipziger Buchmesse, die für uns für die Kontaktpflege sehr wichtig ist. Bis im Juni muss unser Programm im Groben stehen. Dann heisst es, die beiden Teile – die Veranstaltungen unserer Mitglieder und die von uns organisierten – zusammenzubringen, zu bündeln, das Anmeldeverfahren für alle Mitglieder reibungslos zu gestalten, Werbemittel zu produzieren und, und, und.

Je näher das Festival kommt, desto mehr rückt die Detailplanung in den Vordergrund: von der Bestuhlung über die Technik bis zum richtigen Tischtuch bei einer Lesung muss alles geplant und organisiert sein. Während des Festivals unterstützen uns dann der Vorstand des Vereins, das Organisationskomitee und viele freiwillige Helferinnen – ohne diese Unterstützung könnte das Festival nicht reibungslos über die Bühnen und durch die Buchhandlungen gehen. Nach dem Festival heisst es dann erstmal aufräumen: Abrechnungen, Buchhaltung, Sitzungen mit Partnern und Sponsoren und vieles mehr. Und dann beginnt das Ganze auch schon wieder von vorne.

»Zürich liest« fand 2016 zum sechsten Mal statt. Wie lange bist Du schon dabei? Wie hast Du die Anfänge miterlebt? Und wie hat sich das Festival im Laufe der Jahre weiterentwickelt?

Als Co-Festivalleiterin bin ich nun seit zwei Jahren mit dabei, durfte aber schon vorher das Festival als freiwillige Helferin unterstützen. Ich habe das Festival von Anfang an als sehr breit und reich empfunden und habe die Vielfalt bereits als Besucherin und auch als Helferin sehr geschätzt. Diese Eigenschaft des Festivals wurde immer gepflegt.

Man kann sicher sagen, dass sich das Festival in den letzten Jahren in der Kulturagenda etabliert hat und zu einer festen Grösse geworden ist. Die Leute können das Erscheinen des Programms im September kaum erwarten und schmökern leidenschaftlich in der Vielfalt des Programms – das ist grossartig! Auch die Verankerung in der Buchbranche und die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Akteuren der Zürcher Buchwelt, aber auch der ganzen Kulturszene in Zürich war von Anfang eine der Stärken von »Zürich liest« und wurde stetig gepflegt und intensiviert.

Ich habe »Zürich liest« als perfekt organisierte Veranstaltung erlebt. Wo siehst Du noch Nachjustier-Bedarf? Oder anders gefragt: Was würdest Du beim nächsten Mal anders machen?

Erst einmal: Danke für die Blumen. Es gibt natürlich immer Punkte, die man besser machen kann. Schliesslich kann man sich nur so weiterentwickeln. Das sind teilweise ganz kleine Details – beispielsweise Formulare oder auch die Webseite, die immer wieder Anpassungen benötigt –  die man wieder nachjustieren will und muss. Mir persönlich wurde in diesem Jahr aber auch wieder einmal mehr bewusst, welchen Stellenwert die Moderation in der Veranstaltungsplanung hat. Ich habe wunderbare Gesprächsführungen miterleben dürfen, die mir wieder einmal gezeigt haben, dass eine gute Moderation das i-Tüpfelchen einer Veranstaltung sein und den Funken auf das Publikum überspringen lassen kann. Eine Erkenntnis, die für mich zwar nicht neu ist, aber auf die ich persönlich gerne einen Fokus legen möchte.

Zürich ist ein wichtiger Standort deutschsprachiger Verlage. »Zürich liest« wie schon erwähnt das größte Lesefestival der Schweiz. Trotzdem wird in der deutschen Branchenpresse relativ wenig darüber berichtet, so mein Eindruck. Wie könnte das verbessert werden? Ist die Kooperation mit uns fünf Bloggern ein Schritt in diese Richtung?

Dein Eindruck mag durchaus stimmen. Wir versuchen natürlich mit unserer Pressearbeit vor allem direkt das Publikum und die interessierten Leserinnen und Leser zu erreichen. Somit liegt unser Fokus klar auf der regionalen und nationalen Presse in der Schweiz. Und unser Fazit ist: In den Medien hatte das Festival auch dieses Jahr wieder eine gute Präsenz, mit der wir grundsätzlich zufrieden sind. Die Zusammenarbeit mit euch Literaturbloggern war aber für uns ein wichtiger Schritt, um auch in der digitalen Welt die Präsenz von »Zürich liest« zu steigern, gewinnt doch die digitale Berichterstattung zunehmend an Bedeutung. Wir streben ein Zusammenspiel der digitalen und analogen Berichterstattung an und konnten mit der Kooperation mit euch einen Schritt in diese Richtung machen.

Wie ist das Miteinander zwischen Euch als Festivalleitung sowie den Buchhandlungen und Verlagen vor Ort?

Die Zusammenarbeit ist sehr herzlich. Die Buchhandlungen und Verlage in Zürich sind ein enorm wichtiger Teil von »Zürich liest«, sie stemmen mit ihrem Herzblut und Engagement einen grossen Teil des Festivals – ohne sie wäre ein solch grosser Anlass nicht möglich. Ihnen gilt ein grosser Dank!

Haben die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt eine Bedeutung für Eure Arbeit, etwa wegen der Kontaktpflege zu Autoren und Verlagen?

Ich habe es oben schon angedeutet: Klar, die Buchmessen sind für uns ein wichtiger Ort der Kontaktpflege. Mit den Verlagen in der Schweiz stehen wir in ständigem Kontakt, doch für den Austausch mit den österreichischen und Deutschen Verlagen sind die beiden Messen von grosser Bedeutung. Da »Zürich liest« im Oktober stattfindet liegt unser Fokus klar auf der Leipziger Buchmesse, um uns über die Neuerscheinungen im Herbst zu informieren und uns mit den Verlagen zu treffen. Uns sieht man also während der Leipziger Messe von Termin zu Termin durch die Gänge eilen.

Gibt es einen Austausch zwischen Euch und anderen großen Lesefestivals, z.B. »Leipzig liest« oder »LitCologne«?

Es gibt immer wieder Möglichkeiten sich auszutauschen – das ist wichtig. Und natürlich beobachtet man auch, was andere Festivals machen, wie sie organisiert sind. Man kann immer dazulernen.

Welchen Wunschautor, welche Wunschautorin würdest Du gerne einmal bei »Zürich liest« begrüßen?

Hier könnte ich wohl ganze Seiten füllen… Murakami, Roth, Zadie Smith, Houellebecq… Die Aufzählung würde unendlich lang. Was mir persönlich aber auch immer ein Anliegen ist: »Zürich liest« bietet mit den besonderen Formaten und den teilweise ungewöhnlichen Veranstaltungsorten auch immer wieder die Möglichkeit jungen Autorinnen und Autoren eine Plattform zu geben. Auch neue Stimmen brauchen Raum!

Ein Buch für unsere Zeit

Seit über sieben Jahrzehnten herrscht in Europa weitgehend Frieden. Allen Auswüchsen des Kalten Krieges, den Balkankonflikten der Neunziger oder den ehemals bürgerkriegsähnlichen Zuständen Nordirlands zum Trotz: Dass sich Europas Länder gegenseitig zerfleischt und den Kontinent an den Rand des vollkommenen Zusammenbruchs gebracht haben, scheint endlos lange zurückzuliegen. So lange, dass man zu vergessen beginnt, was für ein fragiles Gebilde dieser Friede ist. In Zeiten zunehmender Abschottung, der Rückkehr des Nationalismus, vor dem Hintergrund des Brexit und der Erfolge dumpfrechter Parteien liefert uns der Historiker Ian Kershaw ein Werk, das uns die europäische Geschichte im 20. Jahrhundert nahebringt. Es ist auf zwei Bände angelegt; der erste Band trägt den passenden Namen „Höllensturz“ und beschreibt den Zeitraum zwischen 1914 und 1949. Packend und mitreißend geschrieben, lehrreich ohne professoral-dozierenden Tonfall zeigt er uns, wie Europa den Weg in den Abgrund beschritten hat. Zweimal. Weiterlesen

Zwischen allen Stühlen

Kemal Kayankaya ist Privatdetektiv in Frankfurt. Er ist Türke. Er ist Deutscher. Er ist erfolglos. Er trinkt gerne. Und sitzt mit seiner großen Klappe meist zwischen allen Stühlen. Der 2013 überraschend und viel zu früh verstorbene Autor Jakob Arjouni hat mit ihm eine Art deutsch-türkischen Philip Marlowe geschaffen, der unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhält, in den wir nicht immer gerne sehen möchten. Und er hat mit der Kayankaya-Reihe Kriminalliteratur kreiert, die beiden Teilen dieses Wortes gerecht wird. Mit „Happy Birthday, Türke!“ fing alles an. Weiterlesen

Die da draußen

Normalerweise benutze ich nie einen Buchtitel als Beitragsüberschrift, sondern denke mir eine passende Formulierung aus. Beim Roman „Wir da draußen“ von Fikry El Azzouzi allerdings ist der Titel so perfekt gewählt in seiner Aussage, dass ich ihn fast unverändert übernommen habe. Allerdings nur fast, denn „Wir“ da draußen wäre nicht zutreffend gewesen. Denn ich bin eben nicht „da draußen“, sondern führe ein mehr oder weniger bürgerliches Leben, ebenso wie mein gesamter Freundes- und Bekanntenkreis. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses, die unseren Blick auf diejenigen richten, die nirgends dazugehören, die tatsächlich irgendwo da draußen sind – perspektivlos, hoffnungslos, ohne Chancen. Was wird aus diesen Menschen? Wie erleben sie unsere Gesellschaft? Literatur ist immer auch eine Reise, sie kann eine Reise sein über die Grenzen unserer Komfortzonen hinaus. Und dieses Buch nimmt uns mit in die Leben und Gedanken vier junger Männer, vier Ausgestoßener an der Grenze zum Erwachsenwerden. Weiterlesen

Auf dem Literaturschiff

leseschiff_capusAchtung! Das hier ist ein vollkommen unsachlicher Beitrag voller Begeisterungsstürme, geht es doch um einen nahezu perfekten Nachmittag. Es ist die im Text über „Zürich liest 2016“ versprochene ausführliche Schilderung der Lesung von Alex Capus während einer ausgedehnten Bootsfahrt über den Zürichsee. Wobei es „Lesung“ nicht ganz trifft. Aber der Reihe nach. Weiterlesen

Ermittler mit Scheuklappen

kutscher-lunaparkEs gibt wenig Bücher, in denen Zeitgeschichte so lebendig wird, wie in der Buchreihe um den Ermittler Gereon Rath. Ich mag diese Reihe sehr und habe mich bereits mehrmals auf Kaffeehaussitzer damit beschäftigt. Sie ist ein spannendes und faszinierendes Projekt, denn der Autor Volker Kutscher schafft es darin, die verhängnisvollsten Jahre in der deutschen Geschichte am Beispiel seiner Protagonisten zu erzählen. Gemeinsam mit Gereon Rath erleben wir das Ende der Weimarer Republik und den Weg in die Dunkelheit der Nazi-Diktatur. Und das alles verpackt als spannende Kriminalfälle mit akribisch recherchiertem historischen Hintergrund. Der Roman „Lunapark“ spielt im Jahr 1934 und ist der sechste Band der Reihe; die Nationalsozialisten sind dabei ihre Macht weiter zu festigen, die SA terrorisiert die Bevölkerung, das Bürgertum – ursprünglich froh, der kommunistischen Gefahr Herr geworden zu sein – beginnt zu realisieren, auf was für eine Art Staat Deutschland unaufhaltsam zusteuert. Weiterlesen

Hass-Botschaft

lehane-ein-letzter-drinkNormalerweise schreibe ich erst über Bücher, wenn ich sie auch zu Ende gelesen habe. In diesem Fall muss ich allerdings eine Ausnahme machen, denn bei der Lektüre von Dennis Lehanes „Ein letzter Drink“ stolperte ich über eine Textstelle, die so perfekt zur derzeitigen Situation nach der US-Präsidentenwahl passt, dass ich sie hier direkt und umgehend zitieren möchte, denn ich finde, jeder sollte sie lesen. Weiterlesen

Zehn Fragen – neun Bücher

zehnfragenÜber die eigene Lesebiographie nachzudenken, ist stets ein spannendes Unterfangen. Genau so interessant ist es, diejenige anderer Buchmenschen zu erfahren. Im Literaturblog Sätze & Schätze – dessen Besuch sowieso nachdrücklich zu empfehlen ist – gibt es deshalb zehn Fragen zu Büchern. Fragen, die sich großer Beliebheit erfreuen. Wie viele andere habe auch ich mich daran gemacht, sie zu beantworten – und muss gestehen, dass ich bei einigen ziemlich lange nachdenken musste. Die Fragen sind nämlich deutlich kniffliger, als sie auf den ersten Blick scheinen und einmal musste ich sogar passen. Aber lest selbst. Weiterlesen

72 Stunden im Literaturrausch

zuerich-liest16_rothausZürich liest“ ist das größte Lesefestival der Schweiz, das dieses Jahr vom 27. bis zum 30. Oktober stattgefunden hat. Der Kaffeehaussitzer war einer von fünf Literaturblogs, die als offizielle Kooperationspartner das Lesefest begleitet haben – auf ihren Blogs, auf Facebook und unter dem Hashtag #Zl16 auf Twitter und Instagram. So hatte ich das große Vergnügen, zusammen mit meinen Bloggerkolleginnen Sarah Reul (Pinkfisch), Friederike Kipar (Die Buchbloggerin), Mara Giese (Buzzaldrins Bücher) und Janine Rumrich (Kapri-ziös) mehrere Tage lang durch Zürich zu streifen, an vielen Lesungen und anderen Veranstaltungen teilzunehmen und 72 Stunden lang mich intensiv mit Literatur in all ihren Facetten zu beschäftigen. Denn soviel sei vorweg gesagt: Das Programm war großartig zusammengestellt. Und da wir häufig bei unterschiedlichen Lesungen oder anderen Veranstaltungen unterwegs waren, decken unsere Festivalberichte ein breites Spektrum von „Zürich liest 2016“ ab. Weiterlesen

Verlage sind keine Verwerter!

verlage-sind-keine-verwerter-1024x682Der Bundesgerichtshof hat am 21. April 2016 ein Urteil verkündet, das man getrost als Schlag ins Gesicht der Buchkultur in Deutschland bezeichnen kann.

Was war geschehen? Es ging um die Ausschüttungen der VG Wort. Bei der VG Wort gehen alle Abgaben, die für Vervielfältigung von Texten z.B. durch Kopierer in Bibliotheken oder Schulen bezahlt werden müssen, ein. Bis zu dem Urteil war es gängige Praxis, dass die jährlichen Ausschüttungen an die Rechteinhaber zwischen Autoren und Verlagen aufgeteilt wurden. Und es geht dabei nicht nur um ein paar hundert Euro im Jahr, sondern um bedeutende Summen.

Aufgrund einer Klage hat der BGH entschieden, dass diese bisher praktizierte Aufteilung unrechtmäßig sei und die Ausschüttung alleinig den Autoren zustehen würde. Eine Auffassung, die zwar juristisch begründbar sein mag, aber auch von einer erschreckenden Unkenntnis und Kurzsichtigkeit zeugt. Sie drängt damit Verlage in die Rolle der „Verwerter“ – und das sind sie nicht.  Weiterlesen

Ratlos mit Christian Kracht

kracht-die-totenBald startet die Bloggerreise nach Zürich, denn der Kaffeehausitzer ist einer der offiziellen Blogger-Kooperationspartner von Zürich liest 2016, dem größten Lesefestival der Schweiz, das dieses Jahr vom 26. bis zum 30. Oktober stattfindet. Ein besonderes Highlight wird die Lesung mit Christian Kracht sein, begleitet mich dieser Autor mit seinem Werk bereits seit über zwanzig Jahren. Allerdings lässt mich sein aktuelles Buch „Die Toten“ etwas verwirrt zurück. Weiterlesen

Düstere Ödnis

carlotto-am-ende-eines-oeden-tagesGiorgio Pellegrini ist wohl einer der unsympathischsten Romanhelden, denen man in einem Leseleben begegnen kann. Ein Mörder, Betrüger, Verräter, Dieb und Hochstapler – der Autor Massimo Carlotto erzählt in „Am Ende eines öden Tages“ dessen Geschichte. Und es ist kaum vorstellbar, aber als Leser beginnt man im Laufe der Story widerwillig mit dem Protagonisten mitzufiebern – vielleicht, weil man tief in eine Welt eintaucht, in der moralische Maßstäbe nicht mehr gelten. Oder zumindest so verschoben sind, dass Giorgio Pellegrinis Handlungen in all ihrer Verwerflichkeit als Mittel zum Zweck zwar nicht entschuldbar, aber nachvollziehbar werden. Ein Kriminalroman voller Sarkasmus, Zynismus und Düsterkeit. Weiterlesen

Tief in den Wäldern

saucier_freemanIn diesem Beitrag geht es um zwei Bücher, die inhaltlich und stilistisch sehr verschieden sind. Doch sie haben ein verbindendes Element: Den Wald. Oder vielmehr den Wald als Rückzugsort von der Gesellschaft, als Versteck vor anderen Menschen, weitab von allem. Im zersiedelten und straßenzerschnittenen Mitteleuropa kann man sich solche Wälder nur schwerlich vorstellen, doch mit den Romanen „Ein Leben mehr“ von Jocelyne Saucier und „Männer mit Erfahrung“ von Castle Freeman lernen wir Waldgebiete ganz anderer Dimensionen kennen. Und Lebensentwürfe, die so bei uns kaum möglich sein dürften. Weiterlesen

Blogbuster-Preis 2017

dsc_2095-1024x682Denis Scheck geht mit Bloggern auf Talentsuche. Und Klett-Cotta veröffentlicht den Preis der Literaturblogger

Auf der  diesjährigen Frankfurter Buchmesse startet der Blogbuster-Preis 2017. Eine spannende Mischung: 16 Literaturblogger, die Literaturagentur Elisabeth Ruge, der Verlag Klett-Cotta, die Frankfurter Buchmesse und der bekannte ARD-Literaturkritiker Denis Scheck suchen die literarische Entdeckung und den Debütroman des Jahres. Das Ganze nennt sich Blogbuster – Preis der Literaturblogger und ist die Chance für alle, die ein fertiges Romanmanuskript in der Schublade haben, aber noch keinen Verlag. Der Gewinner bekommt einen Agentur- und Verlagsvertrag und wird bereits im nächsten Jahr auf der Frankfurter Buchmesse seinen Roman vorstellen können. Sämtliche Details werden bei der Auftaktveranstaltung bekannt gegeben; erst dann sind Einsendungen möglich.

Als Kaffeehaussitzer freue ich mich, zum Kreis der beteiligten Blogger zu gehören.Und endlich darüber schreiben und reden zu dürfen, denn seit der letzten Leipziger Buchmesse laufen die Vorbereitungen für dieses Projekt und alle Beteiligten hatten strengstes Stillschweigen gelobt. Weiterlesen

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