Gesellschaftsstudie

J. D. Vance: Hillbilly-Elegie

Ein Buch über das Verschwinden einer Arbeiterklasse, über die Verlogenheit des amerikanischen Traums und über den steinigen Weg zu einem bürgerlichen Leben: J.D. Vance zeigt uns in „Hillbilly-Elegie“ eine für uns kaum vorstellbare Welt und beschreibt anschaulich den Zerfall der amerikanischen Gesellschaft. Außerdem ist es ein Buch, das mir eine Türe zu längst vergessen geglaubten Erinnerungen aufgestoßen hat. Aber davon später.

Laut Duden ist eine Elegie ein „Gedicht im Ton wehmütiger Klage“. Auch wenn das Buch „Hillbilly Elegie“ mit einem Gedicht nichts zu tun hat, so ist es doch ein Abgesang auf die amerikanische Arbeiterklasse, die seit dem Verschwinden der Stahlindustrie ins Elend einer neu entstandenen Unterschicht abgleitet. Die Hillbillys, um die es geht, waren allerdings schon immer ein sehr spezieller Teil der US-amerikanischen Gesellschaft. Als Nachfahren von ulster-schottischen Einwanderern sind sie bis heute unter sich geblieben und pflegen ihre Traditionen und ihr Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht. Sie stellten einen Großteil der Stahlarbeiter in den Fabriken, die heute im „Rust Belt“ verfallen. J. D. Vance beschreibt sie treffend: „Für diese Menschen ist Armut Familientradition. Ihre Vorfahren waren Tagelöhner, dann Farmpächter, dann Bergarbeiter, und schließlich arbeiteten sie als Maschinisten oder im Sägewerk. Amerikaner nennen sie Hillbillys, Rednecks oder White Trash. Ich nenne sie Nachbarn, Freunde und Verwandte.“

Denn J.D. Vance selbst stammt aus einer Hillbilly-Familie. Und ist Yale-Absolvent. In seinen Erinnerungen blickt er zurück auf sein Leben, auf das Leben seiner Familie, auf die unzähligen Schicksale seiner Gesellschaftsschicht. Ein Erstaunen schwingt darin mit, wie er es als Kind einer unterprivilegierten Klasse schaffen konnte, eine Elite-Universität zu besuchen.

Dieses Erstaunen wird jeder Leser teilen, der Seite um Seite ein Aufwachsen voller Perspektivlosigkeit kennenlernt. Dabei geht es nicht einmal um Armut – noch in den Siebzigerjahren konnte man als Industriearbeiter in den USA ein gutes Auskommen haben. Vielmehr geht es um zerrüttete Familien, um Alkohol, Gewalt, um die Orientierungslosigkeit eines Heranwachsenden mit ständig wechselnden Stiefvätern und einer Mutter mit einem Drogenproblem. Ein Aufwachsen, das in dieser gesellschaftlichen Schicht keine Ausnahme darstellt und das durchzogen ist von kleinen und ziemlich großen Katastrophen. Aber trotzdem ist es kein bitterer Ton, den Vance anschlägt. Es ist kein Buch, in dem er mit seiner Herkunft abrechnen will, ganz im Gegenteil. Zwischen all dem geschilderten Chaos scheint immer das zutiefst Menschliche durch, spüren wir die Zuneigung zu seiner Familie, die kleinen Freuden eines Heranwachsenden, der erst nach und nach zu ahnen beginnt, dass er selbst für sein Leben verantwortlich ist. Vor allem in einer Gesellschaft, in der er durch seine Herkunft eigentlich zu den Verlierern gehören müsste.

Wären da nicht seine Großeltern gewesen. Durch seine Mamaw und seinen Papaw, wie er sie im tiefsten Hillbilly-Slang nennt, hat er gelernt, dass man sich durchbeißen muss im Leben, dass einem nichts geschenkt wird und dass man sich wehren muss, wenn es nötig ist. Beide waren Hillbillys durch und durch. Die Familienehre war unantastbar, Probleme mit anderen wurden selbst geklärt und Mamaw hatte meist einen geladenen Revolver in der Kittelschürze. Diese Geschichten erzählt J.D. Vance augenzwinkernd, aber nicht verklärend.

All die Anekdoten, mit denen das Buch gespickt ist, täuschen nie darüber hinweg, wie steinig der Weg vom Aufwachsen als Hillbilly hin zu einem bürgerlichen Leben war. Ein Leben, das nur wenige seiner Klassengenossen erreichen werden. Der Bericht gibt einen tiefen Einblick in eine Welt, die wir uns kaum vorstellen können, doch die den Alltag für einen bedeutenden Teil der zerfallenden US-amerikanischen Gesellschaft darstellt.

So. Wer jetzt noch weiterlesen möchte: Ab jetzt wird es persönlich.

Denn bis hierhin entspricht der Beitrag dem Text, den ich für das Magazin der Büchergilde Gutenberg verfasst habe und der in Heft 1/2018 erschienen ist. Damit könnte ich es bewenden lassen, aber das geht nicht. Denn das letzte Drittel des Buches hat dazu geführt, dass ich nach der Lektüre ziemlich lange einfach nur da saß und mir plötzlich Zusammenhänge klar wurden, die mein eigenes Leben betreffen. Kindheitserinnerungen, die schon längst in entlegenen Bereichen des Gehirns abgelegt gewesen waren, tauchten unvermittelt vor dem geistigen Auge auf; es war, als hätte ich ein altes Photoalbum aus einer Kiste im Speicher geholt, den Staub weggepustet und aufgeschlagen.

J.D. Vance beschreibt in „Hillbilly-Elegie“ nämlich nicht nur das Abrutschen der amerikanischen Arbeiterklasse. Und nicht nur, wie er es mit viel Glück und Anstrengung schaffte, gesellschaftlich aufzusteigen – was in den USA ebenso wie bei uns theoretisch möglich ist, praktisch aber oft nicht. Im letzten Drittel des Buches erzählt er, wie es sich anfühlt, in einer anderen gesellschaftlichen Schicht zu leben. Wie schwierig es ist, dort anzukommen, wie fraglich, es überhaupt jemals zu schaffen. Wie sehr ihn sein Aufwachsen, seine familiäre Situation in der Kindheit und sein soziales Umfeld geprägt haben. Und wie dies ein ganzes Leben bestimmt.

Hier war der Punkt erreicht, als das Buch meine verschütteten Erinnerungen freigelegt hat. Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt darüber schreiben soll, ob mir das nicht zu persönlich wird. Aber gleichzeitig habe ich das Bedürfnis, darüber zu berichten, was ein einziges Buch bewirken kann.

Ich wuchs in einem familiären Umfeld auf, in dem große Sprünge nicht möglich waren. Während meiner Kindheit hatten meine Eltern keine einfachen Zeiten, beide legten sich krumm, trotzdem reichte das Geld gerade immer so. Wahrscheinlich stand unsere Familie ziemlich oft finanziell mit dem Rücken an der Wand – als Kind habe ich das nicht so gespürt, es ist mir erst viel später klar geworden. Manche Dinge waren einfach anders als bei meinen Freunden. Wir sind nie in Urlaub gefahren, was bei einem Aufwachsen am Bodensee aber gar nicht so schlimm war. Wir heizten so lange im Jahr wie es ging mit Holz, das selbst aus dem Wald geholt werden musste – an trüben Herbstsamstagen feuchte Tannenstämme aus dem Unterholz zu ziehen war eine normale Beschäftigung. Unser Auto war zusammengeflickt, eine orangene Türe stach aus der beigefarbenen Karosserie hervor. Und seit meinem vierzehnten Lebensjahr hatte ich immer irgendwelche Schülerjobs – Prospekte verteilen, Regale im Supermarkt einräumen, eine Zeit lang war ich sogar Sargträger auf dem städtischen Friedhof – um mir Schallplatten oder die Kleidung zu zu kaufen, die sonst zu teuer gewesen wäre.

Aber ich habe nie das Gefühl des Mangels erlebt. Nie das Gefühl ausgegrenzt zu sein. Es sind positive Kindheitserinnerungen, nicht zuletzt deswegen, weil in dieser Zeit meine lebenslange Liebe zu den Büchern ihren Anfang nahm. Für all das bin ich meinen Eltern unendlich dankbar.

Ich möchte meine Kindheit auf keinen Fall mit dem Aufwachsen von J.D. Vance vergleichen; dessen vollkommen zerrüttetes Familienleben mit Drogenproblemen, Armut und der ständigen Gefahr des totalen Absturzes bewegt sich in einer ganz anderen Dimension.

Aber wenn J.D. Vance über die Schwierigkeiten schreibt, sich außerhalb der eigenen gesellschaftlichen Schicht zurechtzufinden, sich darüber Gedanken macht, wie sehr einen die Herkunft prägt und hemmen kann, da waren diese Bilder der Kindheit wieder da. Als ich das Buch zugeklappt hatte und über das Gelesene nachdachte, fand ich für viele Verhaltensmuster eine Erklärung. Warum ich bis weit in mein Erwachsenenleben hinein versuchte, meine Unsicherheit durch vermeintliche Coolness zu überdecken. Warum ich mich jahrelang bei offiziellen Anlässen deplatziert fühlte. Warum ich bei persönlicher Kritik eine viel zu dünne Haut habe, bis heute. Warum es mir manchmal schwerfällt, einen Erfolg einfach nur zu genießen, anstatt ihn voller Selbstzweifel zu begutachten. Vielleicht auch, warum ich mich nur in stets der gleichen Kleidung wohlfühle, möglichst schwarz oder zumindest dunkel, eine Art Rüstung der Gewohnheit, die Sicherheit verleiht.

Kann das alles mit der Kindheit, mit den Rahmenbedingungen des Aufwachsens zu tun haben? Da waren sie, die Erinnerungen, das geflickte Auto, die nassen Tannenstämme an einem trüben Herbsttag. Symbole eines bescheidenen Lebens. Und alles ergab einen Sinn. Exakt so, wie es J.D. Vance in seiner biographischen Erzählung schildert.

Es ist nicht ganz einfach in Worte zu fassen, was die Lektüre von „Hillbilly-Elegie“ in mir ausgelöst hat. Ich hoffe, es ist mir zumindest ein Stück weit gelungen. Diese Erkenntnisse mit den Bildern aus der Kindheit zu verknüpfen: Das war ein fast schon atemberaubendes Leseerlebnis. Und dies bei einem Buch, von dem ich niemals gedacht hätte, dass es mit mir selbst zu tun haben könnte.

Letztendlich hat diese damals tief in mir sitzende Unsicherheit dazu geführt, lange Zeit ziemlich planlos durch das Leben zu stolpern. Um mit etwas Glück schließlich dorthin zu gelangen, wo ich jetzt bin: Genau an den richtigen Platz.

Nirgendwo anders möchte ich sein.

Buchinformation
J. D. Vance, Hillbilly-Elegie
Aus dem Amerikanischen von Gregor Hens
Ullstein Verlag
ISBN 978-3-550-05008-4

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Der Künstler und die Macht

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch war einer der bedeutendsten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Wenn man es etwas präziser ausdrücken möchte, dann müsste man sagen, er sei einer der bedeutendsten sowjetischen Komponisten gewesen. Und in diesem feinen Unterschied zwischen russisch und sowjetisch liegt die gesamte Tragik eines Künstlerlebens, das sich in einer totalitären Diktatur bei aller Bedeutsamkeit nicht frei entfalten konnte. Und was dies für einen Menschen wie Schostakowitsch bedeutete, beschreibt Julian Barnes in seinem Roman „Der Lärm der Zeit“.

Mit einer der stärksten Szenen des Buches beginnt gleich das erste Kapitel. Dmitri Schostakowitsch steht am Aufzug seines Hauses und wartet. Er hat einen Koffer bei sich und wartet die ganze Nacht. Diese Nacht, die nächste Nacht, viele weitere Nächte. Es ist das Jahr 1937 und der Terror Stalins hat unfassbare Ausmaße angenommen. Unzählige Menschen werden verhaftet, eingesperrt, gefoltert, erschossen oder in sibirische Arbeitslager geschickt. Ein falsches Wort, eine unbedachte Äußerung, ein Verhalten, das nicht der Norm entspricht oder die Denunziation eines Neiders können reichen, ein Leben auszulöschen. Nacht für Nacht rollen die Transporter des NKWD durch die Straßen, Nacht für Nacht werden Menschen aus ihren Betten geholt und in den dunklen Autos abtransportiert. Männer, Frauen, ganze Familien.

Und genau darauf wartet der einsame Mann am Aufzug. Auf das Abgeholtwerden. Um sich die Demütigung zu ersparen, vor den Augen seiner Frau im Nachthemd aus dem Bett gezerrt zu werden, steht er mit seinem Koffer alleine im kalten Treppenhaus. Zu dieser Zeit ist Dmitri Schostakowitsch schon längst weltberühmt, ist schon seit vielen Jahren ein erfolgreicher Komponist. Doch niemand ist vor Stalin sicher, und seit der Gewaltherrscher die Moskauer Aufführung von Schostakowitschs Oper Lady Macbeth von Mzensk vorzeitig verlassen hatte, war sich der Komponist durch diesen Ausdruck von Stalins Missfallen sicher, in Ungnade gefallen zu sein. Was in diesen mörderischen Zeiten im schlimmsten Falle einem Todesurteil gleichkam. Seitdem lebt er auf Abruf. Und wartet auf das Ende.

„Er wollte keine dramatische Figur aus sich machen. Aber manchmal, wenn seine Gedanken in den frühen Morgenstunden hierhin und dorthin zuckten, dann dachte er: Das kommt also beim Lauf der Geschichte heraus. So viel Streben, Idealismus, Hoffnung, Fortschritt, Wissenschaft, Kunst und Gewissen, und am Ende steht ein Mann am Aufzug mit einem kleinen Koffer voller Zigaretten, Unterwäsche und Zahnpulver; er steht da und wartet darauf, dass sie ihn abholen.“

Es kommt natürlich ganz anders, wie ein Blick auf die biographischen Angaben von Schostakowitsch schnell lehrt, der 1975 an einem Herzinfarkt gestorben ist. Aber diese einsamen Nächte im Treppenhaus, die Angst vor einer willkürlichen Verhaftung, vor Verschleppung, vor dem Tod, diese Nächte haben den Künstler gebrochen. Haben ihm gezeigt, wo sein Platz ist im Arbeiter- und Bauernparadies. Haben seine Flügel beschnitten, ihn an die Leine gelegt. Nur sein Talent konnten sie nicht zerbrechen. Doch „von nun an würde es nur zwei Arten von Komponisten geben: Die einen waren am Leben und hatten Angst, die anderen waren tot.“

Denn Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch wird zu Recht als einer der großen Musiker des letzten Jahrhunderts bezeichnet, gefeiert in der Sowjetunion, bewundert auf der ganzen Welt. Doch die Frage, die Julian Barnes in seinem Buch stellt, ist jene: Was hätte aus diesem begabten Menschen in Freiheit alles werden können? Zu welchen Werken wäre er fähig gewesen, wenn er nicht dazu verdammt gewesen wäre, sich einem restriktiven System anzupassen. Wir werden es nie erfahren.

Barnes bringt uns in seinem biographischen Roman einen sensiblen Menschen nahe, der versucht hat, bei allen Einschränkungen seinen Weg zu gehen, kleine Freiräume zu suchen, sie zu nutzen, ohne anzuecken. Denn anecken war lebensgefährlich. Gleichzeitig ruscht er immer tiefer hinein in den Sumpf aus Macht, Angst, Protektion und Anpassung. Ernüchternd sind die Gedanken über den bis zur Unkenntlichkeit korrumpierten Prokofieff, frustrierend seine Begegnung mit Nabokov während einer USA-Reise, an der Schostakowitsch als sowjetischer Offizieller teilnimmt. Der in den USA lebende Nabokov treibt ihn mit einer Ansprache in die Enge, in der er an die sowjetische Zensur erinnert, durch die beispielsweise die Werke des großen Strawinsky nicht in Russland aufgeführt werden dürfen. Und Schostakowitsch bleibt in seiner offiziellen Funktion nichts weiter übrig, als dieses Vorgehen zu bejahen, die Zensurmaßnahmen zu verteidigen. Diese Stelle ist eine von vielen, in denen dem Leser klar wird, wie sehr Schostakowitsch ein Gebrochener war, ein Einsamer, einer, der nirgends richtig dazugehörte. Nur zu seiner Kunst, sein Fluch und sein Segen zugleich.

Lange vor dieser USA-Reise war Stalin gestorben und ein ganzes Land hatte aufgeatmet. Doch auch wenn damit die Jahre des Terrors beendet waren, ist die Sowjetunion ein totalitärer Staat geblieben, in dem abweichende Meinungen nicht geduldet werden. Schostakowitsch schafft es nicht, sich freizuschwimmen, zu eng ist sein Schaffen inzwischen mit der Staatsräson verbunden. Um das kleine Quentchen Freiheit zu schützen, dass er in seiner Musik findet, lässt er sich zunehmend vereinnahmen. Sein Name steht in sowjetischen Zeitungen unter Artikeln, die er nicht selbst geschrieben hat, unter Verlautbarungen, die nichts mit ihm zu tun haben; er gehört zu den Mitunterzeichnern offizieller Briefe, die den Abweichler Solschenizyn brandmarken und Sacharow ebenso. Schostakowitsch ist eine Stütze der sowjetischen Kulturpolitik geworden und gleichzeitig ihr Opfer. Gefeiert und überwacht.

Dies ist die Tragik seines Lebens und Julian Barnes findet dafür großartige Worte: „Er hatte lange genug gelebt, um von sich selbst entsetzt zu sein. Das war bei Künstlern häufig so: Entweder verfielen sie in Eitelkeit und hielten sich für größer, als sie waren, oder sie versanken in Enttäuschung. Inzwischen war er oft geneigt, sich für einen langweiligen, mittelmäßigen Komponisten zu halten. Der Selbstzweifel der Jugend ist nichts gegen den Selbstzweifel des Alters. Und das war, vielleicht, ihr letzter Triumph über ihn. Statt ihn umzubringen, hatten sie ihn leben lassen, und indem sie ihn leben ließen, hatten sie ihn umgebracht. Das war die letzte, unwiderlegbare Ironie seines Lebens.“

Und wer war nun dieser Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch?

Ein großer Musiker.
Ein gebrochener Mann.
Ein unglücklicher Mensch.

Drei Persönlichkeiten in einer Person, und alle drei lernen wir in Julian Barnes‘ brillant geschriebenen Roman kennen; sehen den Mensch hinter dem Werk. In einer Sprache, die sachlich und mitreißend zugleich ist, beschreibt er dieses Künstlerleben im Schatten einer allesverschlingenden Macht. Und schildert eindrucksvoll, wie sehr das Gefühl der Unfreiheit, der ständigen Bespitzelung und Bedrohung Menschen verändert.

Nicht nur Künstler. Sondern jeden Menschen.

Dies ist ein Titel aus dem Leseprojekt Tragödie eines Volkes.

Buchinformation
Julian Barnes, Der Lärm der Zeit
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-04888-9

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Eisiges Kammerspiel

Anne von Canal: Whiteout

Das Setting ist minimalistisch in Anne von Canals Roman „Whiteout“ und hat etwas von einem Kammerspiel, bei dem niemand den festgesteckten Rahmen verlassen kann: Ein Camp in der Antarktis, bestehend aus ein paar Baracken, die sich um einen Bohrschacht gruppieren. Dort leben auf beengtem Raum Hanna und ihr kleines Polarforscherteam; ihr Auftrag ist die Entnahme von Bohrkernen. Für Teamleiterin Hanna geht damit ein lange gehegter Traum in Erfüllung, sie ist genau dort, wo sie seit ihrer Kindheit und Jugend immer sein wollte. Aber dann kommt alles ganz anders, und eben jener Traum wird für einen seelischen Aufruhr sorgen, der nicht nur den Erfolg der Expedition gefährdet, sondern ihr ganzes Leben ins Wanken bringt. Weiterlesen

Ein finsterer Held

Jo Nesbo: Durst

Harry Hole ist zurück. Und wie. Denn Jo Nesbø schickt seinen Ermittler in „Durst“ wieder auf Mörderjagd. Vor einiger Zeit hatte ich hier schon einmal geschrieben, wie sehr ich der Krimireihe rund um diesen Kommissar der Osloer Kripo verfallen bin und daran hat sich in den letzten Jahren, nach den letzten Fällen nichts geändert. So ist es kein Wunder, dass ich pünktlich zum Erscheinungstermin eine der Buchhandlungen meines Vertrauens besuchte und es auf dem Heimweg kaum erwarten konnte, mich mit den neuesten blutigen Verwicklungen zu beschäftigen. Zwei, drei Abende später klappte ich das Buch zu und war begeistert. Und jetzt versuche ich herauszubekommen, warum eigentlich. Weiterlesen

Hommage an B. Traven

Torsten Seifert: Wer ist B. Traven?

Der Roman „Wer ist B. Traven?“ von Torsten Seifert ist in zweifacher Hinsicht ein besonderes Buch. Zum einen bringt uns der Roman den Mythos B. Traven auf eine sehr spannende und unterhaltsame Weise näher, schickt uns auf eine Spurensuche und legt dabei eine Menge falscher Fährten. Und zum anderen wegen des Aufklebers, der auf der Schutzfolie klebt und der stolz verkündet „Blogbuster – Preis der Literaturblogger“. Denn „Wer ist B. Traven?“ ist der Siegertitel des Blogbuster-Wettbewerbs 2017. Fünfzehn unterschiedliche Blogs wählten aus 252 eingereichten Manuskripten je eines aus, die hochkarätig besetzte Jury kürte daraus den Gewinner, der als Preis einen Buchvertrag bei Klett-Cotta/Tropen erhielt. Und jetzt liegt dieses Buch zur großen Freude aller Beteiligten in den Buchhandlungen.

Aber wer ist nun B. Traven, der große Unbekannte der Literaturgeschichte? Weiterlesen

Düstere Eleganz

Mathias Menegoz: Karpathia

Eine trutzige Burg, umgeben von bewaldeten Bergen, kaum sichtbar im nebligen Dunst. Düster. Unheilschwanger. Bedrohlich. Als ich das Buch „Karpathia“ von Mathias Menegoz das erste Mal gesehen habe, war mir anhand dieses Umschlagphotos sofort klar, dass ich es unbedingt lesen möchte. 636 Seiten später kann ich diese Vorahnung bestätigen: Der Roman hat mich mit seinem ganz eigenen Stil vollkommen begeistert.

Die Handlung beginnt im November 1833 in einem Wiener Kaffeehaus, wo wir dem Grafen Alexander Korvanyi zum ersten Mal begegnen, jüngster Sproß eines fast ausgestorbenen magyarischen Adelsgeschlechts. Ein Duell und eine Hochzeit später macht sich jener Graf mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Cara auf den Weg zu dem Stammsitz seiner Familie, einer alten Burg irgendwo am Rande der Karpaten, mitten in Transsilvanien. Weiterlesen

Leseprojekt Tragödie eines Volkes

Leseprojekt Tragoedie eines Volkes

Seit etlichen Jahren steht das Buch „Die Tragödie eines Volkes“ des Historikers Orlando Figes ungelesen im heimischen Regal. Es beschreibt die russischen Schicksalsjahre zwischen 1891 und 1924. Im Oktober 2017 jährte sich die russische Revolution zum hundertsten Mal – also ein perfekter Anlass, um sich endlich einmal diesem Meilenstein der Geschichtsschreibung zu widmen. Dabei fiel mir auf, dass Figes‘ Werk nicht das einzige Buch in meinem Bücherschrank ist, dass sich mit dem Thema russischer Geschichte im 20. Jahrhundert beschäftigt. Bei weitem nicht. Vielmehr hat sich hier ein ganzer Stapel an Literatur angesammelt, der die verschiedendsten Facetten dieser hundert russischen Jahre ausleuchtet.

Aus diesem Grund wird es nun ein weiteres Leseprojekt auf Kaffeehaussitzer geben. Meine Leseprojekte sind thematisch zusammengestellte Titellisten, die oft während der Leküre weiter anwachsen. Sie dienen der Orientierung, das Ende ist vollkommen offen. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um Sachbücher oder Romane handelt; vor allem geht es dabei um die inhaltliche Klammer, mit der die zusammengestellten Bücher in einen Kontext gestellt werden, um sich intensiver mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen. Weiterlesen

Ein Blues-Song als Botschaft

Hari Kunzru: White Tears

Der Roman „White Tears“ von Hari Kunzru ist für mich eines der bemerkenswertesten, spannendsten und vielschichtigsten Bücher des Jahres. Im September hatte ich außerdem das große Vergnügen, den charismatischen Autor im Kölner Literaturhaus live zu erleben. Es war ein gelungener Abend und seine Erläuterungen haben noch einmal die zentralen Aussagen der Erzählung unterstrichen.

Worum geht es? Auf den ersten Blick um die Geschichte der beiden Freunde Seth und Carter, die in New York ein Tonstudio betreiben. Auf den zweiten Blick aber um viel, viel mehr. Aber der Reihe nach. Weiterlesen

Provokation als Geschäftsmodell

Buchblogger gegen Rechts

Auf der diesjährigen Buchmesse haben drei Kleinverlage, die rechtslastige und rechtsradikale Schriften publizieren, die gesamte Medienlandschaft genutzt, um mit mindestmöglichem Aufwand größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Und man muss sagen, sie waren und sind damit sehr erfolgreich. Leider.

Es ist eine Zwickmühle: Auf der einen Seite ist es richtig, sich darüber zu empören, dass auf der Buchmesse die geistigen Brandstifter der rechten Szene in Deutschland auftreten. Auf der anderen Seite steigert jeder Aufreger ihren Bekanntheitsgrad weiter. Weiterlesen

Buchblog-Award, Buchmesse und Adrenalinrausch

So. Jetzt muss ich das endlich mal aufschreiben, damit ich es schwarz auf weiß lesen kann: Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 wurde der Kaffeehaussitzer mit dem Hauptpreis des 1. Buchblog-Awards ausgezeichnet.

Ich bin immer noch überwältigt. Da fängt man aus einer Laune heraus an, einen Literaturblog zu betreiben, erschafft sich mit Hilfe der sechsundzwanzig Buchstaben des Alphabets ein virtuelles Zuhause – und steht viereinhalb Jahre später auf einer Tribüne vor hunderten von applaudierenden Menschen, um einen Preis für den besten deutschsprachigen Buchblog entgegenzunehmen. Ich habe den Rest des Tages im Adrenalinrausch verbracht, bin spätabends zurück nach Köln gefahren und war am nächsten Morgen schon wieder wach, als es noch dunkel war. Den Tag habe ich mit einem langen Spaziergang am Rhein verbracht, bin später durch verschiedene Buchhandlungen gebummelt und anschließend in einem meiner Kölner Lieblingscafés gelandet. Klar, wo sonst? Weiterlesen

Wir haben die Wahl. Jeden Tag

Wo anfangen? Vielleicht mit dem vorläufigen Höhepunkt einer jahrelangen Entwicklung: Bei der Bundestagswahl 2017 wurde mit der AfD eine Partei in unser Parlament gewählt, die offen rassistisches, antisemitisches und reaktionäres Gedankengut vertritt. Die für all das steht, was viele von uns für überwunden gehalten haben. Oder von dem sie zumindest gedacht haben, es sei in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Weit gefehlt. Leider.

Aber woher kommt dieser Trend hin zum rechten Rand? Woher kommt diese Wut auf die etablierten Parteien und die Politik? Dieser Wunsch, „denen da oben“ mal so einen richtigen Denkzettel zu verpassen? Viel wurde darüber im Vorfeld der Wahl geredet und geschrieben, es ging um die Situation der Abgehängten, der Wendeverlierer, um immer weiter auseinanderklaffende gesellschaftliche Risse, arm und reich, Stadt und Land, Flüchtlingskrise, Unterschiede im kulturellen Denken und vieles mehr.

All diese Punkte, einzeln oder gemeinsam betrachtet, sind Symptome eines gravierenden gesellschaftlichen Wandels, der vor drei Jahrzehnten begonnen hat und der noch längst nicht abgeschlossen ist. Vielmehr sind es nur die ersten politischen Ausläufer, die wir durch die Bundestagswahl mitbekommen haben. Dieser gesellschaftliche Wandel ist die Erosion des Mittelstands und er betrifft uns alle. Weiterlesen

56 Hope Road, Kingston

Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Was weiß ich eigentlich über Jamaika? Oder vielmehr, was wusste ich über diese Insel, bevor ich den Roman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ von Marlon James gelesen habe? Nicht allzu viel, außer dass dort Bob Marley und Peter Tosh den Reggae erfunden hatten. In Verbindung mit dieser Musik stellte ich mir das Leben dort irgendwie entspannt vor. Weit gefehlt. Sehr weit.

Nichts wusste ich von der erschreckenden Gewalttätigkeit. Nichts von den Elendsvierteln in Kingston wie etwa Eight Lanes, Copenhagen City, Rema oder den riesigen Müllbergen in Garbage Lands. Nichts von den Gangs, die diese Viertel beherrschten. Nichts von dem alltäglichen Rassismus, einem Erbe der düsteren Kolonialzeit. Nichts von der brutalen Kriminalität, dem Drogenhandel, der korrupten Polizei, von der Verstrickung der Politik in zahlreiche Morde. Und nichts davon, dass in den siebziger Jahren die PNP – eine der beiden großen politischen Parteien –  eine Art sozialistisches Experiment gestartet hatte. Was auf der einen Seite sofort die CIA mit ihren Destabilisierungsexperten auf den Plan rief, da man kein zweites Kuba vor der Haustüre haben wollte. Und zum anderen Fidel Castro seine Unterstützer schickte. Die rivalisierenden Gangs wurden bewaffnet, Überfälle und Drive-by-Shootings waren an der Tagesordnung, das Land versank in Chaos und Gewalt, Menschenleben zählten nichts, alles war nur einen Schritt von einem Bürgerkrieg entfernt.

Legendär dann das erste Friedenskonzert am 5. Dezember 1976 in Kingston, das Smile Jamaica Peace Concert, in dem Bob Marley zur Versöhnung zwischen den Gangs und zwischen den Parteien aufrief. Ein angeschossener Bob Marley, denn zwei Tage zuvor kam er bei einem Anschlag nur knapp mit dem Leben davon; ein Schuss hatte seine Brust durchlöchert, als sieben Männer mit Pistolen und automatischen Waffen sein Anwesen in der 56 Hope Road stürmten.

Mitten hinein in die aufgeheizte und angespannte Atmosphäre dieser Zeit führt uns Marlon James‘ Roman. Weiterlesen

Unsere Welt. Nur anders

Omar El Akkad: American War

Natürlich war mir das Buch mit dem düsteren Cover und dem einprägsamen Titel schon in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens aufgefallen. Doch spätestens nach der mitreißenden Besprechung im Blog masuko13 war klar, dass ich an dem Roman „American War“ von Omar El Akkad auf keinen Fall vorbeikommen würde. Und es hat sich gelohnt, denn diese finstere Geschichte wird für eine lange Zeit im Gedächtnis bleiben.

Um was geht es? Der Titel sagt es schon, um einen amerikanischen Krieg. Genauer: Um den zweiten amerikanischen Bürgerkrieg, der zwischen den Jahren 2074 und 2095 stattgefunden hat und über den rückblickend berichtet wird. Um eine Welt in Auflösung; die letzten zwei Sätze des Prologs fassen das gesamte Buch zusammen: „Dies ist keine Geschichte über den Krieg. Es ist eine Geschichte über Zerstörung.“ Und zerstört wird im Laufe der Handlung nicht nur das Land, nicht nur die Städte, nicht nur Straßen und Brücken und Bahnlinien. Zerstört werden die Menschen, auch wenn sie nicht ihr Leben im Krieg verlieren. Zerstört wird alles, was das menschliche Miteinander ausmacht. Weiterlesen

Ein Haus für die Literatur

Ein Besuch im Literaturhaus Köln

Ehrlich gesagt macht es Köln einem nicht immer leicht. Zumindest mir nicht. Als ich vor sechzehn Jahren berufsbedingt hier ankam, war ich anfangs entsetzt über die monotone Hässlichkeit der Nachkriegsarchitektur, die das Stadtbild an vielen Stellen prägt. Stand ratlos in den Betonwüsten der öffentlichen Plätze, die eindruckvoll demonstrieren, wie sehr die Stadtplanung der siebziger Jahre versagt hat. Erst nach einer Weile merkte ich, was die Stadt lebenswert macht. Etwa die unkomplizierte Art der Menschen. Das quirlige Leben. Und immer wieder schöne Orte, die es in der urbanen Wüste zu entdecken gibt. Orte, die dadurch umso intensiver wirken. Orte, auf die man erst nach und nach aufmerksam wird und die das Leben in dieser Stadt ausmachen. Orte, die Köln zu einem Zuhause werden lassen.

Einer dieser Orte ist das Kölner Literaturhaus. Ein guter Grund, dort einmal hinter die Kulissen zu schauen und diesen Treffpunkt für Literaturbegeisterte und Buchmenschen hier auf Kaffeehaussitzer vorzustellen. Deshalb habe ich dort außerhalb der Veranstaltungszeit vorbeigeschaut und mich mit Bettina Fischer und Tilman Strasser unterhalten. Bettina Fischer ist Leiterin des Literaturhauses Köln, Tilman Strasser ist Ansprechpartner für Kommunikation und Online-Aktivitäten; aus unserem Gespräch ist der folgende Beitrag entstanden. Weiterlesen

Auf Rattenjagd

Der Spruch von den Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, hat sich selten in einer solchen Dimension bewahrheitet wie nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur im Jahr 1945. Unzählige Täter tauchten unter, vielen gelang es, das von ihnen zerstörte Europa zu verlassen und besonders in südamerikanischen oder arabischen Ländern Zuflucht zu finden. Hier siegte Politik über Gerechtigkeit: Anstatt so viele Nazis wie möglich an den verdienten Galgen zu bringen, duldeten die alliierten Geheimdienste den Mörder-Exodus, wenn sie ihn nicht gar unterstützten. Denn mit dem Triumph Sowjetrusslands und dessen Griff nach großen Teilen Osteuropas war eine neue Bedrohung der westlichen Welt am Horizont erschienen. Der Beginn des kalten Krieges zeichnete sich ab und flüchtende SS-Leute waren plötzlich potenzielle Verbündete im Kampf gegen den Bolschewismus. Natürlich nicht offiziell, aber es etablierten sich feste Fluchtrouten, etwa über die Alpen zu den italienischen Häfen. Mit tatkräftiger Unterstützung der katholischen Kirche und des italienischen Roten Kreuzes. Dies waren die sogenannen „Rattenlinien“.

Der gesamte Aspekt der Täterflucht aus Europa ist bisher nur wenig erforscht, bis heute liegen etliche Zusammenhänge im Dunkeln. Umso spannender ist daher, sich mit zwei Romanen dieser Zeit und diesem Thema zu nähern. Es sind dies „Rattenlinien“ des Autors Martin von Arndt sowie „Der vierte Mann“ von Stuart Neville. Weiterlesen

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