Nicht wegschauen!

Ein Gastbeitrag von Maria-Christina Piwowarski zur Schließung des Georgian National Book Center

Photo: (c) Henriette Gängel

Ein Gastbeitrag von Maria-Christina Piwowarski* zur Schließung des Georgian National Book Center

Die erfahreneren Buchmessebesucherinnen und -besucher raunten bewundernd: So etwas hätten sie seit Island nicht mehr erlebt, diese Stimmung der Begeisterung, des Mitgerissenwerdens, der literarischen Euphorie.

Georgien ist ein kleines Land am Schwarzen Meer, das geografisch bereits zu Asien gehört, ein Grenzland der Kontinente, ein Verbindungsstück der Kulturen.

Auf einer Fläche kleiner als Bayern leben nur ungefähr ein Viertel so viele Menschen. Und doch hat Georgien einen leidenschaftlichen Sturm der Sympathie für seine Literatur entfacht, als es im vergangenen Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse war.

Auch der Auftritt des Gastlandes Brasilien im Jahr 2013 bleibt den meisten als besonders gelungen in Erinnerung, doch Georgien hat 2018 noch einmal völlig neue Maßstäbe gesetzt und für viele sogar den eingangs erwähnten, oft gerühmten Auftritt Islands in den Schatten gestellt. Georgien in Frankfurt war etwas Einmaliges.

Die politische Geschichte dieses kaukasischen Landes ist eine sturmgepeitschte, eine bis zum heutigen Tag von Okkupation geprägte. Ich wage keine Thesen, ob solche existentiellen Erfahrungen zwangsläufig zu einer Dringlichkeit in der Literatur führen, doch die Romane, die in jüngerer Zeit aus dem Georgischen ins Deutsche übersetzt wurden, haben häufig einen von Ernsthaftigkeit durchdrungenen Charakter. Die Hochkultur unter Königin Tamar, ein Nationalepos aus dem 12. Jahrhundert, das heute noch georgische Schullektüre ist (und zwar nicht erst im Abiturjahrgang: Rustawelis „Der Recke im Tigerfell“), eine ganze Reihe von regimekritischen Texten, die unter sowjetischer Besatzung entstanden und nicht immer sofort verständlich sind, wenn die historischen Zusammenhänge fehlen, und zahlreiche zeitgenössische Romane und Gedichte, die jüngste Kriegserfahrungen und die dunklen 90er-Jahre verarbeiten, ergeben ein literarisches Gesamtbild, das größer ist als die Summe seiner Teile und vielleicht auch komplexer als die Literatur vieler anderer Nationen.

Es ist sicherlich keine ganz leichte Aufgabe, solche Bücher international zu vermitteln.

Mit großem Elan in Angriff genommen und mit Bravour gemeistert hat sie aber das Team um Medea Metreveli vom Georgian National Book Center (GNBC). 2014 wurde diese staatlich geförderte Institution gegründet, um georgische Literatur im Ausland bekannt zu machen und den Austausch zwischen literarischen Nationen zu fördern oder überhaupt erst herzustellen. Selbstverständlich lag der Fokus dabei erst einmal auf der weltweit größten Buchmesse in Frankfurt und dem Gastlandauftritt, der sowohl eine große Herausforderung, als auch eine enorme Chance bedeutet hat.

Mit „Georgia made by Characters“ hat das GNBC erfolgreich eine Welle des Interesses und der Georgien-Euphorie ins Rollen gebracht, allein 200 Übersetzungen ins Deutsche und 700 Veranstaltungen haben sie angestoßen.

Mein erster Kontakt mit dem GNBC war im Mai 2018. Im Literaturhaus Berlin fand ein Abend für Buchhändlerinnen und Buchhändler statt, bei dem die Autorin Anna Kordsaia-Samadaschwili und der Autor Davit Gabunia in einem wunderbar kurzweiligen Vortrag ungefähr 800 Jahre georgischer Literaturgeschichte zum Leben erweckten. Der Abend war geprägt von gegenseitigem Respekt und Bewunderung, von spürbarer Liebe zu den uralten und taufrischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern ihres Landes. Dieser Abend hat mir die Augen geöffnet. Er hat meinen Enthusiasmus, der durch Nino Haratischwilis 2014 bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienenen Georgien-Roman „Das achte Leben (für Brilka)“ ohnehin schon entzündet war, noch einmal angefeuert. Wie erfolgreich und bewegend der eigentliche Gastland-Auftritt dann im Oktober 2018 war, kann auch das YouTube-Video zu Georgia made by Characters spürbar machen, wenn man nicht das Glück hatte, selbst dabei gewesen zu sein 

Auf der Website Georgia made by Characters und dem GNBC ist zu entdecken, was die Verantwortlichen darüber hinaus auf die Beine gestellt haben. 

Neben der reinen Literaturvermittlung, Übersetzungsförderung und Beratung haben sie die georgische Kultur in Kunst-, Theater- und Filmfestivals vertreten und zahlreiche Austauschprogramme für georgische Autorinnen und Autoren nach Deutschland und vor allem anders herum ermöglicht: Deutsche Buchhändlerinnen und Buchhändler, Bloggerinnen und Blogger, Verlegerinnen und Verleger, Journalistinnen und Journalisten etc. wurden in Scharen nach Georgien eingeladen, und konnten dort bestens umsorgt vom GNBC literarische Erkundungstouren unternehmen. Im Idealfall hatten Verlagsmenschen anschließend einen georgischen Titel im Rückreisegepäck, den sie übersetzen lassen wollten. Viele von ihnen wollen auch weiterhin Titel aus dem Georgischen verlegen.

Zuletzt habe ich das GNBC jetzt Anfang Juni in Tbilisi bei der Arbeit erleben dürfen: Medea Metreveli, Maia Danelia, Salome Maghlakelidze, Nino Nadibaize und Irine Chogoshvili sind gerade mit Enthusiasmus dabei, den Buchmesse-Auftritt in Paris im nächsten Jahr vorzubereiten.

Mit Verlegerinnen und Verlegern aus der Türkei, aus Frankreich, England und Norwegen setzen sie die Zusammenarbeit fort, die sie in den vergangenen Jahren vor allem mit deutschen Verlegerinnen und Verlegern begonnen haben.

Doch sie werden ihre Arbeit wohl nicht zu Ende führen können. Denn noch im Juli dieses Jahres soll ihre erfolgreiche Zusammenarbeit als GNBC beendet werden. Offiziell heißt es, sie würden mit dem „Schriftstellerhaus“ in Tbilisi zusammengelegt, faktisch kommt es einer absoluten Degradierung gleich. Die neuen Strukturen werden vermutlich Personalwechsel, vielleicht Entlassungen nach sich ziehen und ihre erfolgreiche Zusammenarbeit auf internationalen Literaturbühnen wird, wenn sie überhaupt fortgesetzt werden kann, nicht die gleiche Freiheit haben, nicht die gleichen Erfolge vorweisen können. Die Stimmung ist unsicher und gedrückt, auch wenn sie sich vor den ausländischen Gästen nichts anmerken lassen und charmant und enthusiastisch sind wie immer. Darüber, dass sie seit 2014 als Kolleginnen fest zusammengewachsen sind, dass sie nicht fassen können, warum die Wertschätzung so still und leise umgeschlagen ist, dass die Aussichten für die Zukunft beängstigend sind, darüber sprechen sie mit den Menschen nicht, die zum ersten Mal überhaupt in Kontakt mit georgischer Literatur kommen. Sie sind Profis.

Was muss es für ein Gefühl sein, diesen wirklich glänzenden Buchmesse-Auftritt in jahrelanger Arbeit vorbereitet zu haben, ihn dann durchzuführen, eine Schallmauer der Aufmerksamkeit durchbrochen zu haben, von nationaler und internationaler Seite hochgelobt und dann plötzlich von der eigenen Regierung wie ausrangiert zu werden? Wo doch noch so viele Projekte in anderen Ländern erst angekurbelt sind und dringend weitergeführt werden müssen! Und zwar von einer Truppe, die ihr Handwerk versteht, die internationale Kontakte geknüpft hat, die weiter erfolgreich sein könnte, wenn man sie nur ließe.

Es gab Ende Mai einen offenen Brief der Kurt-Wolff-Stiftung, dem sich deutsche Verlegerinnen und Verleger, Übersetzerinnen und Übersetzer und mittlerweile auch die Literaturhäuser angeschlossen haben und den Artikel „Erfolgreich, gefeiert, gefeuert?“ in der FAZ von Tilman Spreckelsen.

Aber seitdem ist Ruhe in Deutschlands Feuilletons. Ich vermisse den Aufschrei. Ich vermisse, dass wir loyal an der Seite unserer Freundinnen und Freunde stehen, ich vermisse ein größeres Bekenntnis. Wenigstens derer, die zum Beispiel auf kostenfreien Pressereisen von der Arbeit des GNBC profitiert haben. Und das müssen mehr Menschen sein als jene, die den offenen Brief unterschrieben haben. Er ist ein wichtiger Anfang, doch was geschieht nun weiter?

Letztes Jahr um diese Zeit waren wir alle im Georgien-Fieber; wir wussten so langsam alle, dass „Madloba“ „Danke“ heißt und, wie man die Autorin Nana Ekvtimishvili schnell und elegant und idealerweise richtig ausspricht – und heute schreiben wir einen offenen Brief zu Rettung der Organisation, die das überhaupt ermöglicht hat, und damit ist es gut? Das reicht an Engagement? Weil wir im Kopf schon beim neuen Gastland Norwegen sind? Weil das Leben weitergeht?

Ich wünsche mir, dass wir den Frauen um Medea Metreveli beweisen, dass uns wichtig ist, was mit dem GNBC passiert. Ich wünsche mir, dass Literatur aus dem Georgischen weiterhin stattfindet, in unseren Regalen und Köpfen und Herzen. 

Ohne das GNBC wird das nicht im gleichen Maße möglich sein.

*Maria-Christina Piwowarski ist Buchhändlerin in der Berliner Buchhandlung ocelot, not just another bookstore und eine der engagiertesten Literaturvermittlerinnen, die ich kenne. Dieser Text über die drohende Schließung des Georgian National Book Center (GNBC) ist ein Gastbeitrag, der auch auf anderen Blogs und Kanälen veröffentlicht und hoffentlich weite Verbreitung finden wird. Auch ich war seinerzeit zu einer der Pressereisen nach Georgien eingeladen, konnte aber aus terminlichen Gründen nicht teilnehmen – etwas, das ich auch ein Jahr später noch sehr bedauere. Umso mehr hat es mich damals gefreut, durch begeisternde Menschen wie Maria-Christina Piwowarski viel über die georgische Literatur zu erfahren. 

Älterwerden. Ein Textbaustein*

Ueber das Aelterwerden. Ein Textbaustein von Steffen Kopetzky.

In der Rubrik Textbausteine stelle ich Textpassagen vor, die mir wichtig sind. Es sind manchmal nur ein paar kurze Sätze, die mich beim Lesen mit einer solchen Wucht getroffen haben, dass ich sie nie wieder vergessen werde. Manche davon begleiten mich schon viele Jahre, über andere bin ich gerade erst gestolpert. Miteinander gemein haben sie, dass sie Gefühle in Worte fassen, für die mir bisher die passenden Worte fehlten oder dass ich sie genau dann gefunden habe, als ich sie brauchte. Gerade ist es mir wieder so ergangen, diesmal mit einer kurzen Textstelle aus dem Buch „Propaganda“ von Steffen Kopetzky.

Dieser Roman erscheint am 20. August 2019 und in dem Leseexemplar, dass ich von Rowohlt Berlin erhalten habe, steht ausdrücklich vermerkt, dass vorab keine Besprechungen erfolgen sollen. Daran halte ich mich natürlich, werde also nicht berichten wie sehr mich das Buch begeistert hat, dessen Handlung einen Bogen spannt von der blutigen Schlacht im Hürtgenwald im Herbst 1944 bis hin zum Skandal um die Pentagon Papers, die 1971 die öffentliche Meinung zum Vietnamkrieg ins Wanken brachten. Es geht um den Umgang mit der Wahrheit, um die Beeinflussung der Bevölkerung, um das Spiel der Mächtigen mit Menschenleben – Themen, die alt sind und zugleich aktueller denn je. Aber wie gesagt, davon werde ich nichts berichten, kann den Roman aber jetzt schon wärmstens empfehlen.

Darin jedenfalls bin ich auf folgende Textstelle gestoßen, es sind Gedanken, die sich der fünfzigjährige Protagonist John Glueck macht, als er kurz innehält, einer energischen jungen Frau – seiner Anwältin – hinterherschaut und sich überlegt, wo er gerade steht in seinem Leben.

„Wie soll man einem jungen Menschen je erklären können, wie sich das anfühlt? Dass man auch einmal jung gewesen ist, die ganze Zeit unterwegs war, nach vorne preschte, sich angestrengt hat – und auf einmal bleibst du stehen und blickst zurück und erkennst, dass du so weit gegangen bist, dass du niemals mehr dorthin zurückkehren wirst, von wo du einst gekommen bist. Angesichts des weiten Weges fühlst du dich plötzlich müde, aber du kannst nicht wieder nach Hause. Nie wieder.“

In diesen paar Sätzen steckt so viel von dem, über das ich mir seit einigen Jahren Gedanken mache. Wenn man um die Fünfzig ist, beginnt man irgendwann darüber nachzudenken was war, was – vielleicht – sein und was nie wieder kommen wird. Nicht alle Freundschaften überdauern die Zeit, Eltern sterben oder werden zu Pflegefällen, die kleine Stadt, in der man aufgewachsen ist und der man schon seit dreißig Jahren nicht mehr lebt, verändert sich und liebgewonnene Orte voller Erinnerungen verschwinden. Während gleichzeitig die nächste Generation im Freundeskreis heranwächst, und beginnt, voller Energie die Welt zu erkunden. So wie wir, damals, als die Zukunft noch hinter dem Horizont verborgen war und alle Wege offen schienen.

Es war ein passender Zufall, dass ich eine Woche, bevor ich auf diese Textstelle stieß, bei einer Hochzeitsfeier eingeladen war, irgendwo mitten in der Eifel, weit weg von allem. Es war eine grandiose Party, ich traf etliche von weit angereiste Menschen, die ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte – und  habe wieder einmal festgestellt, dass bei uns allen das Älterwerden seine Spuren hinterlässt. Lange hat man es nicht gemerkt oder nicht merken wollen, aber nun werden die Haare zunehmend grauer, die Linien in den Gesichtern nehmen zu, alles beginnt sich zu verändern.

Als ich am frühen Morgen unter schon verblassenden Sternen in mein Zelt kroch, hat sich das fast so angefühlt wie früher, auch wenn wir damals nicht in einem Eifler Selbstversorgerhaus zu Nirvana und Rage Against the Machine getanzt haben, sondern in völlig zugequalmten Clubs, halb betrunken auf überfüllten Tanzflächen, in der Hand die Bierflasche. Und damals war es einem vollkommen egal, wie der nächste Tag werden würde, was allein zählte, war der Moment.

Auch wenn ich auf völlig zugequalmte Clubs inzwischen ganz gut verzichten kann, dieses unbeschwerte, vollkommen planlose, intensive Leben von einem Tag zum nächsten ist das, was ich manchmal vermisse; ist das, was beim Älterwerden irgendwann auf der Strecke bleibt. Es wird nie wiederkommen und ein Zurück gibt es nicht. Das alles ging mir an jenem frühen Morgen in meinem alten, geflickten Zelt durch den Kopf.

Dann stößt man ein paar Tage später auf diese Sätze von Steffen Kopetzky und findet genau jenes melancholische Staunen wieder. Das Staunen über die vergangene Zeit und über all die Jahre mit ihren Höhen und Tiefen.

* In vielen Büchern habe ich Stellen angestrichen, die mir im Gedächtnis haften geblieben sind und die ich immer wieder lese. Solche Stellen begleiten mich seit Jahren, es sind die Textbausteine meiner Bücherwelt.

In zwei Welten

Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer

In New York begegnen sich durch Zufall zwei junge Menschen, die sich ineinander verlieben und eine intensive Zeit miteinander verbringen. Etwas, das tagtäglich geschieht. Doch diese beiden wissen von Beginn an, dass diese Zeit nur ein paar Monate dauern, dass ihre Liebe keine Zukunft in ihren jeweiligen Welten haben kann. Denn Liat ist Israelin und Chilmi Palästinenser. Im Roman „Wir sehen uns am Meer“ erzählt Dorit Rabinyan ihre Geschichte. Weiterlesen

Zwei Jäger

Niklas Natt och Dag: 1793

Gut recherchierte historische Kriminalromane lassen auf ihrem Weg weit zurück in die Vergangenheit Epochen auferstehen, die scheinbar längst verschwunden sind. Aber nur selten gelingt dies so vielschichtig wie in dem Roman „1793“ von Niklas Natt och Dag, der uns mitnimmt nach Stockholm in das titelgebende Jahr. Und in eine Zeit der Umbrüche.

1793 also. 100 Jahre zuvor war Schweden noch eine der wichtigen europäischen Großmächte gewesen, ein Land, dem der Dreißigjährige Krieg große Territorialgewinne eingebracht hatte. Mit dem Scheitern der Feldzüge Karls XII. und dessem Tod im Jahr 1718 setzte der Niedergang ein und 1793 war Schweden ein Land der extremen Gegensätze, bitterste Armut existierte neben dem verschwenderischen Lebensstil der Reichen. Vier Jahre zuvor hatten genau diese Gegensätze in Frankreich zu einer Revolution geführt, und nur wenige Monate vor Beginn der Romanhandlung war der französische König guil­lo­ti­nie­rt worden – ein Ereignis, das in ganz Europa für Unruhe unter den Mächtigen sorgte. Es brodelte auf dem Kontinent und jahrhundertealte gesellschaftliche Strukturen bekammen erste Risse. Weiterlesen

Verwehte Spuren

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

„Verzeichnis einiger Verluste“ von Judith Schalansky ist eines jener raren Bücher, bei denen man schon beim ersten Aufschlagen merkt, dass man etwas ganz Besonderes in den Händen hält. Das geschieht nicht oft, aber bei diesem Buch, nein, Gesamtkunstwerk war dieses Gefühl sofort da.

Schon der Geruch. Jede Lektüre beginnt mit einem tiefen Einatmen des Buchgeruchs, dieser wunderbaren Mischung aus Papier, Druckerschwärze und Leim, besser als jedes Parfum dieser Welt. Bücher riechen unterschiedlich und das „Verzeichnis einiger Verluste“ duftete phänomenal – ich saß mit begeistertem Gesichtsausdruck in der Straßenbahn und erntete einen wissenenden Blick von gegenüber. Nach den ersten Seiten beschloss ich, dieses Buch nicht in der Bahn zu lesen, es nicht der Hektik des Arbeitswegs auszusetzen; schon die zweiseitige Vorbemerkung lässt den Leser so tief in das Thema eintauchen, dass es schade um jede Störung von außen ist. Weiterlesen

Eigentlich wollte ich nur über Bücher bloggen

Koelner Literaturnacht 2019

Eigentlich wollte ich nur über Bücher bloggen. Das war einer der unzähligen, leicht wirren Gedanken, die mir am 3. Mai 2019 spätabends durch den Kopf wirbelten. In 24 Stunden sollte die 1. Kölner Literaturnacht stattfinden und ich kam nicht zur Ruhe. Das war auch nicht verwunderlich: Das Organisationsteam der Kölner Literaturnacht, zu dem auch ich gehöre, hatte jetzt vier Monate lang an diesem Projekt gearbeitet. Stunden über Stunden, alles ehrenamtlich und neben unseren eigentlichen Jobs. An anderer Stelle hatte ich bereits darüber berichtet. Weiterlesen

Abhandengekommen

Demian Lienhard, Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat

In Köln gibt es die Redewendung: „Beim ersten Mal haben wir es ausprobiert, beim zweiten Mal ist es schon Tradition und beim dritten Mal Brauchtum.“ Allerdings geht es jetzt nicht um Köln, sondern um Leipzig. Genauer gesagt um die Wohnzimmerlesung anlässlich der Leipziger Buchmesse. Diese Lesung fand dieses Jahr zum zweiten Mal statt, ist nach obiger Definition also schon eine Tradition. Und genau so hat es sich angefühlt, etliche der letztjährigen Besucher waren wieder dabei, aber auch einige neue Gesichter. Zu Gast war dieses Jahr Demian Lienhard mit seinem Roman „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“. Ein Buch, dass den Lesern die dramatische Situation im Zürich der Achtzigerjahre nahebringt. Sehr nahe. Weiterlesen

Eine Geschichte erzählen

Alex Capus: Koenigskinder

Die Bücher von Alex Capus mochte ich schon immer und einmal durfte ich auch seine Entertainer-Qualitäten bei einem Liveauftritt erleben – ein denkwürdiger Spätnachmittag auf einem Ausflugsschiff weit draußen auf dem Zürichsee. Jetzt aber soll es um seinen Roman „Königskinder“ gehen. Darin erzählt Alex Capus die unglaubliche Liebesgeschichte von Jakob und Marie, die es aus den Schweizer Bergen am Vorabend der französischen Revolution an den Versailler Königshof verschlug. Und das alles charmant eingebettet in eine Autopanne im Hier und Jetzt – denn elegant springt die Handlung immer wieder ins Heute und schafft mit diesem Perspektivwechsel ein wunderbares Lesevergnügen.
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Gegen das Vergessen: Bücher für junge Leser

Gegen das Vergessen: Buecher fuer junge Leser

Für das Leseprojekt Das Unerzählbare wurde hier auf Kaffeehaussitzer eine Bücherliste zusammengestellt, die sich mit dem Thema Holocaust beschäftigt. Auslöser dafür ist eine Entwicklung, die man zunehmend mit Sorge betrachten muss: Jener monströse Zivilisationsbruch gerät langsam aber sicher aus dem Bewusstsein vieler Menschen, ewiggestrige Geschichtsrevisionisten wittern Morgenluft, Antisemiten unterschiedlichster Couleur versprühen immer aggressiver ihr Gift. Und in der Literatur droht die Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit zum bloßen atmosphärischen Hintergrundrauschen einer Romanhandlung zu verkommen.

Jetzt hat dieses Leseprojekt eine hochwillkommene Ergänzung erhalten, nämlich eine Titelliste speziell für junge Menschen. Sie stammt von der Journalistin, Autorin und Übersetzerin Ute Wegmann, die sich seit vielen Jahren mit dieser Thematik auseinandersetzt und sich durch Initiierung von Projekten wie „HEIMSPIEL – Kölner Autoren lesen in Kölner Schulen“ in der Leseförderung engagiert. 2018 erschien ihre Übersetzung von Judith Kerrs Autobiographie „Geschöpfe“ – einer Autorin, mit deren Persönlichkeit und Werk sie sich schon lange intensiv beschäftigt. Weiterlesen

Der Sessel

Der Sessel. Ein Beitrag für das Lesemagazin KUDU.

Mitten im Raum stand der Sessel. Ein wuchtiges Ding, das dazu einlud, es sich darin mit einem Buch bequem zu machen. Der Fußboden war übersät mit Mörtelbrocken und Glasscherben, die Wände waren vollgesprüht mit Graffiti, in einer Ecke lagen angekohlte Holzstücke und durch die eingeschlagenen Fenster wehte ein eiskalter Wind. Und doch ratterte beim Anblick dieses Sessels sofort das Kopfkino los. Wie mochte er wohl an diesen Platz gekommen sein? Aber bevor ich weitererzähle, sollte ich zuvor die Frage beantworten, wo wir eigentlich gerade sind. Und was ich da mache. Weiterlesen

Mit Literatur durch die Nacht

4. Mai 2019. An diesem Datum findet die erste Kölner Literaturnacht statt. Das Programm steht: 137 Veranstaltungen an 42 Orten sind zusammengekommen, unter koelner-literaturnacht.de kann man sich darüber informieren. Und die 76seitige Programmbroschüre wird ab liegt seit der 13. Kalenderwoche an den üblichen Stellen in Köln ausliegen.

Dies alles ist der Grund, warum es hier auf dem Blog in letzter Zeit etwas ruhiger war. Ich bin Mitglied im Team der #kölnerliteraturnacht und die letzten Wochen und Monate waren für uns sehr arbeitsintensiv. Beim Schreiben stelle ich mir das gerade wie eine Art Werkstattschuppen vor: Abends treffen sich darin Menschen, um gemeinsam an einem Projekt zu werkeln, die winterliche Dunkelheit senkt sich über die Stadt, aber die Fenster des Schuppens leuchten hell. Von drinnen hört man es Hämmern und Sägen, mal das durchdringende Geräusch eines Bohrers, dann das laut summende Rütteln einer Schleifmaschine. Dazwischen lebhafte Gespräche, Lachen, auch mal ein lautes Fluchen und dann, endlich, öffnen sich die Türen und das fertige Projekt wird aus dem Werkstattschuppen hinaus in den hellen Tag geschoben. Weiterlesen

Es ist kalt auf der Mauer

John Lanchester: Die Mauer

Anfang Februar saß ich an einem Samstagnachmittag am Küchentisch und las in der ZEIT Burkhard Müllers mitreißende Besprechung des Romans „Die Mauer“ von John Lanchester. Direkt danach stand ich auf, zog mir die Jacke an, ging ein paar Straßen weiter zu einer der Buchhandlungen meines Vertrauens, kaufte das Buch, kehrte an den Küchentisch zurück und las es durch. Und war beeindruckt von dem düsteren Stimmungsbild, das John Lanchester geschaffen hatte; ein dystopisches Szenario, das in einer nicht weit entfernten Zukunft spielt. Wobei „nicht weit entfernt“ etwas vage klingt. Denn eigentlich sind es nur ein paar Schritte, die uns von dieser Zukunft trennen mögen. Weiterlesen

Das Unerzählbare. Ein Leseprojekt

Das Unerzaehlbare: Ein Leseprojekt gegen das Vergessen

Das Unerzählbare. Mit diesem Begriff umschreibt der Autor Daniel Kehlmann die Beschäftigung mit dem Thema Holocaust und dem mit deutscher Gründlichkeit organisierten Massenmord an sechs Millionen Menschen. Denn wie soll man, wie kann man über diesen monströsen Tiefpunkt der Zivilisation und der deutschen Geschichte reden, schreiben, sprechen? Und gleichzeitig muss man darüber reden und darüber schreiben und darüber sprechen, damit dieses Unerzählbare niemals in Vergessenheit gerät. Deshalb habe ich für ein Leseprojekt Bücher zusammengestellt, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Weiterlesen

Die Bücher meines Lebens

Die Buecher meines Lebens

Es gibt manchmal Tage, an denen man zurückschaut auf die Jahre und Jahrzehnte, die hinter einem liegen und sich verwundert die Augen reibt, wie schnell die Zeit vergangen ist. Der fünfzigste Geburtstag ist bei mir ein solcher Tag und ich bin froh, ihn zwar mit der ein oder anderen Narbe, aber ohne größere Blessuren erreicht zu haben. Denn das ist ganz und gar nicht selbstverständlich.

Ein Rückblick also. Und natürlich ein Rückblick, der sich mit Büchern beschäftigt. Der Beitragstitel kündigt es an, es geht um die diejenigen, die in den letzten fünf Jahrzehnten die tiefsten Spuren hinterlassen haben, es geht um die Bücher meines Lebens. Auf fünfzehn Werke bin ich gekommen und sie möchte ich hier nun vorstellen. In chronologischer Reihenfolge. Weiterlesen

Ein Mann in Schwarz

John Wray: Die rechte Hand des Schlafes

Es ist manchmal erstaunlich, auf welchen Wegen man auf ein Buch aufmerksam wird. Die meisten Empfehlungen erhalte ich durch Buchhandlungsbesuche oder über andere Literaturblogs. Bei „Die rechte Hand des Schlafes“ von John Wray allerdings war eine Photographie der Auslöser für den Kauf des Buches. Und zwar ein Portraitphoto, das ich schon seit über 25 Jahren in meinen Besitz habe. Ohne zu wissen, wen es eigentlich zeigt.  Weiterlesen

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