Im Dunkeln

Andreas Pflüger: Endgueltig

Um gleich einmal mit der Tür in Haus zu fallen: „Endgültig“ von Andreas Pflüger ist einer der besten deutschen Kriminalromane, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Punkt.

Wer es etwas ausführlicher mag: Es liegt nicht nur an dem spannenden und vor allem temporeichen Plot, dem man mit seiner gekonnten Verdichtung die jahrelange Erfahrung des Schriftstellers als Drehbuchautor anmerkt. Es ist vor allem die Protagonistin Jenny Aaron, Mitglied einer Eliteeinheit der Polizei,  die mich stark beeindruckt hat. Andreas Pflüger hat mit ihr eine starke Figur geschaffen, hart im Nehmen und gleichzeitig am Rande der Verzweiflung stehend. Denn sie ist blind. Oder vielmehr, sie wird es bei einem fehlgeschlagenen Einsatz, mit dem der Roman beginnt.

Plötzlich blind zu werden ist wohl für jeden sehenden Menschen eine schreckliche Vorstellung. Der Autor hat sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt, sich mit vier blinden Frauen getroffen, alle beruflich erfolgreich und mitten im Leben stehend. Er lernte vieles von einem Mobilitätstrainer für Blinde und die fachliche Beratung eines führenden Psychologen, der sich mit der Lebenswelt blinder Menschen auseinandersetzt, gab dem Buch den Feinschliff. Diese intensive Beschäftigung merkt man dem Roman und seiner Protagonistin an. Wie Jenny Aaron nach dem Verlust ihres Augenlichts in tiefe Verzweiflung stürzt, wie sie sich Schritt für Schritt daraus emporkämpft, wie sie lernt, mit der Blindheit umzugehen, sich in Räumen und auf der Straße zurechtzufinden, mit ihrem Gehör und ihrem Gedächtnis die fehlende visuelle Wahrnehmung zu ersetzen – das alles ist ungemein mitfühlend erzählt.

„Immer stand die Tür zur Bibliothek ihres perfekten Gedächtnisses ihr offen. Bilder, Momente, Gedanken, Gefühle, alles und jedes an seinem Platz. Viele Stunden hat Aaron dort verbracht. Manchmal war sie fast glücklich, oft traurig. Aber es war ihr Leben, und sie konnte es betrachten. Eines Morgens wachte sie auf, und in der Bibliothek war ein Feuer ausgebrochen. Seitdem muss sie hilflos zusehen, wie es nach und nach alle Bilder frisst, alle Erinnerungen an die Zeit vor ihrer Erblindung, jede Empfindung, die sie jemals hatte, jeden Moment, der kostbar war, und nur noch die Fakten wie in einem Polizeiprotokoll übrig lässt…Bald konnte sie sich keine Farben mehr vorstellen, bis auf Rot.“

Mit am meisten beeindruckt hat mich die Szene, wie sie versucht, jemanden zu folgen und deshalb die Leipziger Straße in Berlin überqueren muss. Vierspurig. Und eine der Hauptverkehrsachsen in Berlin-Mitte. Seitdem stelle ich mir vor, mit geschlossenen Augen über eine vierspurige Straße zu laufen und bekomme ein unangenehmes Kribbeln bei diesem Gedanken.

An dieser Stelle ist Jenny Aaron auch schon mitten in einem neuen Fall. Denn war sie urspünglich als blinde Vernehmungsspezialistin nach jahrelanger Abwesenheit wieder zu ihrem alten Team in Berlin gestoßen, merkt sie bald, dass die Vorkommnisse mit denen sie sich beschäftigen müssen – Mord, Erpressung, Geiselnahme – mit ihr zu tun haben. Und zurückzuführen sind auf Ereignisse, die sie versucht hat zu vergessen, die mit dem damaligen gescheiteren Einsatz und ihrer Erblindung zu tun haben. Und mit einer Erinnerung, die ihr seitdem fehlt.

Was dann folgt, ist ein wahres Katz-und-Maus-Spiel, der Gangster – hochintelligent, gebildet und absolut skrupellos – scheint immer einen Schritt voraus zu sein. Jenny Aaron und ihr Team hetzen hinterher, eine eingeschworene Gemeinschaft, ihre ausnahmslos männlichen Kollegen vergöttern sie beinahe; Pavlik, ihr Kollege und großer Bruder im Geiste, würde sich für sie in Stücke reißen lassen. Wir erleben wilde Verfolgungsjagden durch Berlin, rasant und voller Action, aber letztendlich muss Aaron ihren eigenen Weg gehen, ohne Team, ohne Freunde; muss sich sich durch die Stadt tasten, horchen und riechen. Denn nur sie kann dem Verbrecher geben, was er sucht. Und etwas von ihm bekommen, was sie vermisst. Mit dem irgendwann alles einen Sinn ergibt.

Thrill bedeutet im Englischen Nervenkitzel. Und wenn ein Roman eine solche Bezeichnung verdient hat, dann dieser. Als kleines Detail nebenbei: Es ist das erste Buch aus dem Suhrkamp Verlag, bei dem das Wort Thriller auf den Umschlag gedruckt ist. Dazu gibt es eine gelungene Gestaltung: Der Titel ist in Brailleschrift auf dem Cover, der Buchblock ist in gelb eingefärbt, in der Blindenbinden-Farbe. Denn „Endgültig“ ist nicht nur ein gelungener Thriller, sondern ein Roman, der einem gleichzeitig das Denken und Fühlen einer Blinden, einer Blindgewordenen auf eine ungemein emotionale, authentische Art und Weise näherbringt. Und das macht diesen Krimi zu etwas Besonderem.

Es ist jetzt schon einige Monate her, seit ich das Buch gelesen habe, aber es hat mich nachhaltig beeindruckt. Als ich es für diese Buchvorstellung wieder in der Hand hielt, war sofort alles wieder da: Die ewige Dunkelheit einer Blinden, aber auch die unzähligen Geräusche und Eindrücke, an denen Sehende achtlos vorüber gehen. Die Spannung. Und die Tragik, denn die gibt es auch.

Ich glaube, ich werde es noch einmal lesen.

Buchinformation
Andreas Pflüger, Endgültig
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42521-3 

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Neues aus den USA

Neue Bücher von T.C. Boyle, Paul Auster, Jonathan Safran Foer und Hanya Yanagihara

Ich war noch niemals in New York. Und noch niemals in San Francisco. Oder in Chicago. Noch niemals in den USA, außer einmal vier Stunden lang auf dem Flughafen von Los Angeles beim Warten auf den Anschlussflug nach Neuseeland. Durch unzählige Bücher und Filme fühlen sich die USA trotzdem stets irgendwie vertraut an, keine Ahnung wie oft ich mit Roman- oder Filmhelden schon in New Yorker Cafés saß, schnurgerade Straßen in eine endlose Weite hinein gefahren bin oder die Golden Gate Bridge im Nebel auftauchen sah.

Die USA sind für mich immer ein Sehnsuchtsort gewesen, trotz ihrer Doppelmoral, wegen der es unter 21-Jährigen zwar möglich ist, eine Waffe zu besitzen, nicht aber ein Bier zu kaufen. Oder trotz ihrer Prüderie, übertriebenen, weltfremden Political Correctness oder einer bornierten Religiösität, die das eigene Land in den Mittelpunkt stellt und dabei ausblendet, wie viel Elend die Außenpolitik Amerikas über die Welt gebracht hat. Aber Literatur aus den USA ist ein wesentlicher Bestandteil meines persönlichen Kanons. Einer, den ich auf keinen Fall missen möchte, der mich mit geprägt hat, auch wenn ich noch nie in dem Land war, das in so vielen Geschichten in meinem Kopf vorkommt.

Die meisten von uns schauen gerade fassungslos über den Atlantik und sehen, wie eine jahrhundertealte Demokratie durch einen blondierten Egomanen und seine Helfershelfer demontiert oder zumindest schwer beschädigt wird. Jeden Tag prasseln neue Nachrichten von Ungeheuerlichkeiten auf uns ein. Wobei man natürlich nicht vergessen darf, dass ein sehr großer Anteil der Amerikaner es gut findet, was da gerade geschieht. Was das Ganze noch schwerer verständlich macht.

Aber das hier soll keine Analyse des politischen Zustands des land of the free and the home of the brave werden, sondern dieser Beitrag möchte daran erinnern, dass nach wie vor auch Gutes aus den USA kommt – Gutes in Form von großartiger Literatur. Mein Faible für Autoren aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten spiegelt sich hier im Blog wieder, etwa in Besprechungen der Bücher von Cormac McCarthy, Nickolas Butler, Dennis Lehane, Don Winslow, John Dos Passos, Jack Kerouac, Daniel Woodrell, Bruce Holbert, Philip K. Dick oder Jocelyne Saucier.

Und jetzt warten die nächsten vier Bücher aus den USA auf mich; auf jedes von ihnen freue ich mich schon sehr. Nur über die Reihenfolge, in der ich sie lesen möchte, muss ich mir noch Gedanken machen.

Vielleicht beginnen mit T.C. Boyles „Die Terranauten“? Diesem Autor verdanke ich das Beenden einer mehrjährigen Lesepause, seitdem hat er immer einen wichtigen Platz in meinem Bücherregal eingenommen. Wobei ich gestehen muss, dass ich seine letzten Werke nicht kenne, dieses hier aber interessiert mich sehr. Es ist die Geschichte eines Experiments über menschliches Zusammenleben in einer künstlichen Welt; ein Scheitern des Projekts scheint vorprogrammiert zu sein. Guter Plot nach einer wahren Geschichte.

Paul Austers „4 3 2 1“ klingt ebenfalls vielsprechend: Die Lebensgeschichte eines jungen Amerikaners in den fünfziger Jahren, erzählt in vier verschiedenen Varianten. Als großer Fan gut erzählter Was-wäre-wenn-Geschichten auf jeden Fall eine Lektüre, an der ich auf keinen Fall vorbeigehen kann. Zumal Paul Auster einer der Schriftsteller ist, die mich zwischen 20 und 30 sehr intensiv begleitet haben; keine Ahnung, wie oft ich damals „Die New-York-Trilogie“ gelesen habe. Auch von ihm habe ich die letzten Jahre wenig mitbekommen, es ist wie das Wiedersehen mit einem alten Bekannten.

Über Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“ muss man ja nicht viel Worte verlieren. Es gibt wohl kaum ein Buch, das momentan so massiv in allen Medien präsent ist. Vorab-Schwärmereien, Besprechungen, Schilderungen von Leseerfahrungen, Gespräche über die Gefühle, die das Buch auslöst. Es ist mir schon zuviel, denn wenn alle, wirklich alle über einen Roman sprechen, hat man das Gefühl, ihn gar nicht mehr selbst lesen zu müssen. In einer Buchhandlung habe ich dann doch einmal hineingeblättert. Und schon die ersten paar Seiten haben mich neugierig darauf gemacht, wie es weitergeht; haben eine Art Sog erzeugt, dem ich mich nun nicht entziehen möchte. Bin gespannt.

Jetzt noch ein Geständnis: Ich habe tatsächlich noch kein einziges Buch von Jonathan Safran Foer gelesen, obwohl „Alles ist erleuchtet“ und „Extrem laut und unglaublich nah“ schon seit Jahren im Bücherregal darauf warten. Unverzeihlich. Nun ist die Frage, ob ich erst einmal mit diesen beiden beginne oder gleich mit dem neuen Roman „Hier bin ich“ starte, der Ende 2016 erschienen ist. Was meint Ihr?

Vier Werke, die bei alle Unterschiedlichkeiten eines gemeinsam haben: Bücher wie diese verkörpern die USA, die ich eingangs als Sehnsuchtsort bezeichnet habe. Inspirierende Literatur, die bleibt und unsere Lesegewohnheiten prägt. Und über deren Autoren wir noch reden werden, wenn die unsäglichen Populisten unserer Zeit längst verschwunden sind. Hoffen wir, dass dieses Verschwinden nicht allzu lange auf sich warten lässt. Oder vielleicht auch erst einmal nur, dass sie wieder verschwinden.

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Eine Entscheidung treffen

Blogbuster-Preis: Der Longlist-Titel des Blogs Kaffeehaussitzer

Das ist ein Beitrag, den ich eine Weile vor mir her geschoben habe, weil er mir nicht leichtfällt. Denn es musste eine Entscheidung getroffen werden. Und gleichzeitig freut er mich auch, denn ich habe eine literarische Entdeckung gemacht. Es geht um den Blogbuster-Wettbewerb und um den Titel, der durch den Blog Kaffeehaussitzer der Jury vorgelegt wird. Weiterlesen

Europas offene Wunde

Zwei Bücher: Yuri Dojc und Katya Krausova, Last Folio und Alter Kacyzne, Poyln

Gerne wird momentan von der abendländischen Kultur Europas geredet, um unsere Identität gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen abzugrenzen. Und gerne wird dabei auf den christlich-jüdischen Hintergrund unserer kulturellen Entwicklung hingewiesen. Dabei drücken diese Wörter eine Symbiose aus, die es so nie gab; die vor dem Hintergrund eines jahrtausendealten europäischen Antisemitismus wie blanker Hohn wirkt. Es ist eher so, dass in Europa trotz aller Anfeindungen und Verfolgungen eine lebendige jüdische Kultur existierte, die erst durch den industrialisierten Massenmord des Holocaust so dezimiert wurde, dass sie heute nur noch vage wahrnehmbar und in vielen Gegenden – insbesondere Osteuropas – vollkommen verschwunden ist. Zwei Bücher möchte ich hier vorstellen, eines, das auf eindrucksvoll photographierte Art und Weise letzte Spuren dieser Welt zeigt, Zeugnisse des Verfalls und des endgültigen Verschwindens. Und eines, das uns an jene verschwundene Welt in seltenen Photographien erinnert. Weiterlesen

Im Lawinenwinter

Das Buch "Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod" von Gerhard Jäger erzählt vom Lawinenwinter 1951

Das Buch „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ von Gerhard Jäger ist der Roman, der mich von allen Büchern in den letzten Monaten am meisten begeistert hat. Dabei wäre er beinahe an mir vorbeigegangen, wenn nicht Bloggerkollegin Mareike Fallwickl ihn auf Facebook als ihre nächste Lektüre angekündigt hätte, ich neugierig nachfragte, worauf Buchhändlerin Nina Merks meinte, ich würde das Buch lieben. Wir haben uns im realen Leben noch nie gesehen, trotzdem kennen wir unsere Lesevorlieben gegenseitig so gut, dass ich umgehend in eine der Buchhandlungen meines Vertrauens spaziert bin und das Buch gekauft habe. Und was soll ich sagen, sie hatte recht. Und wie. Weiterlesen

Die Festival-Macherinnen

Interview mit Nathalie Widmer, einer der beiden Macherinnen von Zürich liest.

Die Macherinnen von ZÜRICH LIEST: Nathalie Widmer (links) und Violanta von Salis. Photographin: Ayse Yavas

Der Besuch des Lesefestivals »Zürich liest 2016« als einer von fünf offiziellen Blogger-Kooperationspartnern war für mich eines der Highlights des letzten Jahres. Meine Bloggerkolleginnen und ich haben drei intensive Tage voller Literatur erlebt und darüber auf unseren Blogs berichtet; vor Ort über unsere Twitter-, Facebook- und Instagram-Kanäle in Echtzeit das Lesefest ins Netz getragen. Einen ausführlichen Bericht über »Zürich liest« gab es hier bereits im vergangenen November. Heute geht es um einen Blick hinter die Kulissen dieses literarischen Ereignisses: Die Festival-Macherinnen Violanta von Salis und Nathalie Widmer, die das größte Lesefest der Schweiz konzipieren und organisieren, habe ich in Zürich kennengelernt. Und Nathalie Widmer hat mir ein paar Fragen beantwortet. Weiterlesen

Ein Buch für unsere Zeit

Ian Kershaw: Höllensturz

Seit über sieben Jahrzehnten herrscht in Europa weitgehend Frieden. Allen Auswüchsen des Kalten Krieges, den Balkankonflikten der Neunziger oder den ehemals bürgerkriegsähnlichen Zuständen Nordirlands zum Trotz: Dass sich Europas Länder gegenseitig zerfleischt und den Kontinent an den Rand des vollkommenen Zusammenbruchs gebracht haben, scheint endlos lange zurückzuliegen. So lange, dass man zu vergessen beginnt, was für ein fragiles Gebilde dieser Friede ist. In Zeiten zunehmender Abschottung, der Rückkehr des Nationalismus, vor dem Hintergrund des Brexit und der Erfolge dumpfrechter Parteien liefert uns der Historiker Ian Kershaw ein Werk, das uns die europäische Geschichte im 20. Jahrhundert nahebringt. Es ist auf zwei Bände angelegt; der erste Band trägt den passenden Namen „Höllensturz“ und beschreibt den Zeitraum zwischen 1914 und 1949. Packend und mitreißend geschrieben, lehrreich ohne professoral-dozierenden Tonfall zeigt er uns, wie Europa den Weg in den Abgrund beschritten hat. Zweimal. Weiterlesen

Zwischen allen Stühlen

Jakob Arjouni: Happy Birthday, Türke! Illustriert von Philip Waechter

Kemal Kayankaya ist Privatdetektiv in Frankfurt. Er ist Türke. Er ist Deutscher. Er ist erfolglos. Er trinkt gerne. Und sitzt mit seiner großen Klappe meist zwischen allen Stühlen. Der 2013 überraschend und viel zu früh verstorbene Autor Jakob Arjouni hat mit ihm eine Art deutsch-türkischen Philip Marlowe geschaffen, der unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhält, in den wir nicht immer gerne sehen möchten. Und er hat mit der Kayankaya-Reihe Kriminalliteratur kreiert, die beiden Teilen dieses Wortes gerecht wird. Mit „Happy Birthday, Türke!“ fing alles an. Weiterlesen

Die da draußen

Fikry El Azzouzi: Wir da draußen

Normalerweise benutze ich nie einen Buchtitel als Beitragsüberschrift, sondern denke mir eine passende Formulierung aus. Beim Roman „Wir da draußen“ von Fikry El Azzouzi allerdings ist der Titel so perfekt gewählt in seiner Aussage, dass ich ihn fast unverändert übernommen habe. Allerdings nur fast, denn „Wir“ da draußen wäre nicht zutreffend gewesen. Denn ich bin eben nicht „da draußen“, sondern führe ein mehr oder weniger bürgerliches Leben, ebenso wie mein gesamter Freundes- und Bekanntenkreis. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses, die unseren Blick auf diejenigen richten, die nirgends dazugehören, die tatsächlich irgendwo da draußen sind – perspektivlos, hoffnungslos, ohne Chancen. Was wird aus diesen Menschen? Wie erleben sie unsere Gesellschaft? Literatur ist immer auch eine Reise, sie kann eine Reise sein über die Grenzen unserer Komfortzonen hinaus. Und dieses Buch nimmt uns mit in die Leben und Gedanken vier junger Männer, vier Ausgestoßener an der Grenze zum Erwachsenwerden. Weiterlesen

Auf dem Literaturschiff

Zürich liest 2016: Eine Fahrt mit Alex Capus weit hinaus auf den Zürichsee, eine Lesung und ein nahezu perfekter Nachmittag.

Achtung! Das hier ist ein vollkommen unsachlicher Beitrag voller Begeisterungsstürme, geht es doch um einen nahezu perfekten Nachmittag. Es ist die im Text über „Zürich liest 2016“ versprochene ausführliche Schilderung der Lesung von Alex Capus während einer ausgedehnten Bootsfahrt über den Zürichsee. Wobei es „Lesung“ nicht ganz trifft. Aber der Reihe nach. Weiterlesen

Ermittler mit Scheuklappen

Volker Kutscher: Lunapark - Gereon Raths sechster Fall

Es gibt wenig Bücher, in denen Zeitgeschichte so lebendig wird, wie in der Buchreihe um den Ermittler Gereon Rath. Ich mag diese Reihe sehr und habe mich bereits mehrmals auf Kaffeehaussitzer damit beschäftigt. Sie ist ein spannendes und faszinierendes Projekt, denn der Autor Volker Kutscher schafft es darin, die verhängnisvollsten Jahre in der deutschen Geschichte am Beispiel seiner Protagonisten zu erzählen. Gemeinsam mit Gereon Rath erleben wir das Ende der Weimarer Republik und den Weg in die Dunkelheit der Nazi-Diktatur. Und das alles verpackt als spannende Kriminalfälle mit akribisch recherchiertem historischen Hintergrund. Der Roman „Lunapark“ spielt im Jahr 1934 und ist der sechste Band der Reihe; die Nationalsozialisten sind dabei ihre Macht weiter zu festigen, die SA terrorisiert die Bevölkerung, das Bürgertum – ursprünglich froh, der kommunistischen Gefahr Herr geworden zu sein – beginnt zu realisieren, auf was für eine Art Staat Deutschland unaufhaltsam zusteuert. Weiterlesen

Hass-Botschaft

Dennis Lehane: Ein letzter Drink

Normalerweise schreibe ich erst über Bücher, wenn ich sie auch zu Ende gelesen habe. In diesem Fall muss ich allerdings eine Ausnahme machen, denn bei der Lektüre von Dennis Lehanes „Ein letzter Drink“ stolperte ich über eine Textstelle, die so perfekt zur derzeitigen Situation nach der US-Präsidentenwahl passt, dass ich sie hier direkt und umgehend zitieren möchte, denn ich finde, jeder sollte sie lesen. Weiterlesen

Zehn Fragen – neun Bücher

Lesebiographie: Zehn Fragen zu Büchern - neun Antworten

Über die eigene Lesebiographie nachzudenken, ist stets ein spannendes Unterfangen. Genau so interessant ist es, diejenige anderer Buchmenschen zu erfahren. Im Literaturblog Sätze & Schätze – dessen Besuch sowieso nachdrücklich zu empfehlen ist – gibt es deshalb zehn Fragen zu Büchern. Fragen, die sich großer Beliebheit erfreuen. Wie viele andere habe auch ich mich daran gemacht, sie zu beantworten – und muss gestehen, dass ich bei einigen ziemlich lange nachdenken musste. Die Fragen sind nämlich deutlich kniffliger, als sie auf den ersten Blick scheinen und einmal musste ich sogar passen. Aber lest selbst. Weiterlesen

72 Stunden im Literaturrausch

Zürich liest 2016: 72 Stunden im Literaturrausch

Zürich liest“ ist das größte Lesefestival der Schweiz, das dieses Jahr vom 27. bis zum 30. Oktober stattgefunden hat. Der Kaffeehaussitzer war einer von fünf Literaturblogs, die als offizielle Kooperationspartner das Lesefest begleitet haben – auf ihren Blogs, auf Facebook und unter dem Hashtag #Zl16 auf Twitter und Instagram. So hatte ich das große Vergnügen, zusammen mit meinen Bloggerkolleginnen Sarah Reul (Pinkfisch), Friederike Kipar (Die Buchbloggerin), Mara Giese (Buzzaldrins Bücher) und Janine Rumrich (Kapri-ziös) mehrere Tage lang durch Zürich zu streifen, an vielen Lesungen und anderen Veranstaltungen teilzunehmen und 72 Stunden lang mich intensiv mit Literatur in all ihren Facetten zu beschäftigen. Denn soviel sei vorweg gesagt: Das Programm war großartig zusammengestellt. Und da wir häufig bei unterschiedlichen Lesungen oder anderen Veranstaltungen unterwegs waren, decken unsere Festivalberichte ein breites Spektrum von „Zürich liest 2016“ ab. Weiterlesen

Verlage sind keine Verwerter!

VG Wort-Urteil: Verlage sind keine Verwerter

Der Bundesgerichtshof hat am 21. April 2016 ein Urteil verkündet, das man getrost als Schlag ins Gesicht der Buchkultur in Deutschland bezeichnen kann.

Was war geschehen? Es ging um die Ausschüttungen der VG Wort. Bei der VG Wort gehen alle Abgaben, die für Vervielfältigung von Texten z.B. durch Kopierer in Bibliotheken oder Schulen bezahlt werden müssen, ein. Bis zu dem Urteil war es gängige Praxis, dass die jährlichen Ausschüttungen an die Rechteinhaber zwischen Autoren und Verlagen aufgeteilt wurden. Und es geht dabei nicht nur um ein paar hundert Euro im Jahr, sondern um bedeutende Summen.

Aufgrund einer Klage hat der BGH entschieden, dass diese bisher praktizierte Aufteilung unrechtmäßig sei und die Ausschüttung alleinig den Autoren zustehen würde. Eine Auffassung, die zwar juristisch begründbar sein mag, aber auch von einer erschreckenden Unkenntnis und Kurzsichtigkeit zeugt. Sie drängt damit Verlage in die Rolle der „Verwerter“ – und das sind sie nicht.  Weiterlesen

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