Land Of The Free?

Thomas Mullen: Darktown | Weisses Feuer

Wieder einmal brennen in den USA die Straßen, wieder einmal demonstrieren Tausende gegen rassistische Polizeigewalt. Denn wieder einmal wurde ein Mensch mit dunkler Hautfarbe von weißen Polizisten getötet. Der strukturelle Rassismus zieht sich durch die gesamte amerikanische Geschichte; auch nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865 galten afroamerikanische Bürger fast ein Jahrhundert lang als Menschen zweiter Klasse. Und bis heute ist die Ungleichbehandlung täglich spürbar – von unterschiedlichen Löhnen bis hin zu eben jener Polizeigewalt, die vor allem dunkelhäutige Amerikaner zu spüren bekommen. Der Autor Thomas Mullen beschäftigt sich in seinen Romanen »Darktown« und »Weißes Feuer« mit einem ganz besonderen Aspekt dieser Entwicklung. Beide Bücher sind dabei Kriminalliteratur vom Feinsten und sie führen uns zurück in das Jahr 1948, in die Stadt Atlanta. 

Atlanta, Georgia, war zu dieser Zeit eine schnell wachsende Metropole; oder, wie Thomas Mullen schreibt: »Zu zwei Teilen konförderiert-rassistisch, zu zwei Teilen schwarz und zu einem Teil etwas, für das sich noch keine Bezeichnung gefunden hatte. … Einst ein verschlafener Eisenbahnknoten, doch der Bedarf an Wehrmaterial und dessen Transport hatten zu Kriegszeiten eine Bevölkerungsexplosion verursacht. Auch nach dem Krieg hörten die Kamine der Fabriken, der Textilindustrie und der Eisenbahn nicht auf zu rauchen, denn der Alltag war zurück, die Amerikaner benötigten dringend neue Kleidung, Waschmaschinen und Autos und der Süden hatte billige Arbeitskräfte zu bieten, die in keiner Gewerkschaft waren. Atlanta wuchs weiter, die Züge spuckten immer mehr Neuankömmlinge aus, in den Wohnhäusern wurde es enger, der illegale Handel mit Schnaps wanderte von den Bergen hinunter in die Stadt, und die Straßen wurden überflutet von Ehrgeiz, Intrigen und Prügeleien, denn dort, im Bergvorland von Georgia war etwas entfesselt worden, das wohl nicht mehr aufzuhalten war.«

Ein Zitat, das in ein paar Zeilen die Beschreibung einer Stadt und einer Zeit im Umbruch bietet – in einer wunderbar mitreißenden Sprache, großartig übersetzt von Berni Mayer. 

Es brodelt in Atlanta und besonders die von der schwarzen Bevölkerung bewohnten Stadtteile wachsen rasant; viele Straßen sind kaum gepflastert, in manchen Außenbezirken gibt es keinen Strom, keine Regeln. Und keine Polizei. Um diese rechtsfreien Räume in den Griff zu bekommen, beschließt der Stadtrat eine Neuerung: 1948 wird die erste Einheit afroamerikanischer Polizisten aufgestellt. Aus acht Männern besteht sie und die dunkelhäutigen Cops sorgen im rassistischen Süden für Aufregung. 

Dabei sind ihre Befugnisse stark eingeschränkt: Sie dürfen keine Weißen vernehmen oder gar verhaften, sind in einer eigenen Polizeiwache – eher einem Kellerloch – untergebracht, ihre Einsatzzeiten sind ausschließlich in die Zeit von 18.00 bis 2.00 Uhr gelegt  und ihre Zuständigkeit endet an den Straßen, die wie eine unsichtbare Grenze zwischen den weißen und den schwarzen Stadtteilen verlaufen. Ihre weißen Kollegen lassen sie ihre Verachtung spüren, viele Schwarze betrachten sie als Büttel der Weißen; kurz: Die acht Polizisten – von denen sieben als Soldaten im Zweiten Weltkrieg gegen den Faschismus gekämpft hatten – sitzen zwischen allen Stühlen. Aber es ist ihnen bewusst, welche Bedeutung ihr Job hat. In einem Amerika, das die Rassentrennung staatlich verordnete, war ihre Existenz ein winziger Schritt in Richtung deren Überwindung. »Für uns waren diese Polizisten Helden«, so zitiert die ARD-Sendung ttt – titel, thesen, temperamente Jackson Smith, einen Weggefährten von Martin Luther King. 

»So viele ihrer Interaktionen mit Weißen waren nervenaufreibend, verwirrend, gefährlich. Es gab keine Präzendenzfälle, keine Jim-Crow-Gesetze für farbige Polizisten. Jeder von ihnen hatte es nur durch Leisetreterei ins Erwachsenenalter geschafft, doch jetzt erwartete man von ihnen, dass sie sich entschiedenen Schrittes und in vollem Bewusstsein ihrer neuen Autorität durch ihre Viertel bewegten. In jedem anderen Teil der Stadt hoffte man hingegen immer noch, dass sie wieder verschwanden – oder Schlimmeres.«

Auf die Fälle, mit denen die Handelnden in den beiden Kriminalromanen konfrontiert sind, möchte ich hier gar nicht eingehen. Sie sorgen für Spannung, für den roten Faden. Aber in »Darktown« und »Weißes Feuer« geht es um viel, viel mehr als um deren Aufklärung. Beides sind vielschichtige Gesellschaftsporträts jener Zeit, die durch die starke Ausgestaltung der Protagonisten eine außerordentliche Tiefe erhalten.

Im Mittelpunkt steht das Duo Lucius Boggs und Tommy Smith, zwei jener acht Cops. Lucius Boggs ist Sohn des Reverend Boggs, eines hochangesehenen und wohlhabenden Priesters der schwarzen Gemeinde; aufgewachsen in materieller Sicherheit hatte sein Vater anderes für ihn bestimmt als ein Dasein als schlecht bezahlter Polizist. Tommy Smith dagegen musste schon früh lernen, sich irgendwie durchzuschlagen, er weiß, dass es so etwas wie Gerechtigkeit nicht gibt und dass nicht immer der einwandfrei geradlinige Weg zum Ziel führt. Die beiden werden zu einem eingespielten Ermittlerduo, dessen Zusammenarbeit aber nicht immer konfliktfrei verläuft – zu unterschiedlich sind ihre Lebensläufe. Und Lucius Boggs muss erkennen, dass es in einem Haifischbecken voller Anfeindungen und Schikanen keine saubere Polizeiarbeit geben kann.

Lionel Dunlow ist ein korrupter, extrem rassistischer weißer Officer, einer der Schlimmsten in Atlanta und für Boggs und Smith der meistgehasste weiße Kollege. Er schlägt Schwarze zusammen, nimmt Bestechungsgelder an, erpresst Alkoholschmuggler und kleine Gauner, ist dabei aber nur die Spitze des Eisbergs. Denn fast alle weißen »Kollegen« behindern die Arbeit der schwarzen Cops, wo sie nur können, lassen Beweismittel verschwinden, bedrohen sie beim Streife gehen. 

Denny Rakestraw ist Dunlows Partner; er erträgt den Rassismus seiner weißen Kollegen nicht, traut sich aber nicht, Position zu beziehen. Rake stammt von deutschen Einwanderen ab, die um die Jahrhundertwende in die USA kamen und während des Ersten Weltkriegs selbst Anfeindungen ausgesetzt waren; als GI führte er die Deutschen, die »von allem nichts gewusst hatten« durch das KZ Dachau. Er wird zum heimlichen Verbündeten von Boggs und Smith.

McInnis ist der weiße Vorgesetzte der acht schwarzen Cops. Ein mürrischer und abweisender Typ, der nur widerwillig den ungeliebten Job übernommen hat. Aber er beginnt die Qualitäten seiner Ermittler zu sehen, hält mehr als einmal schützend die Hand über sie – wenn die Anfeindungen ihrer weißen »Kollegen« bedrohliche Ausmaße annehmen. Doch wo steht er wirklich?

Hannah Greer ist die Schwester von Tommy Smith. Sie ist mit ihrem Mann Malcolm in ein Haus in einer weißen Gegend gezogen, hat damit die unsichtbare Grenze überschritten – was dazu führt, dass Tommy und Lucius Boggs nach dem Ende ihrer Schicht das Haus vor dem tödlichen Zorn der Nachbarn bewachen helfen müssen.

Das sind nur wenige der zahlreichen unterschiedlichen Protagonisten, mit denen Thomas Mullen seine Romane bevölkert hat – sämtliche Männer und Frauen zu nennen, würde den Rahmen des Beitrags komplett sprengen. Mit ihnen allen erweckt der Autor das Atlanta des Jahres 1948 zum Leben und schildert anhand der Polizeiarbeit die unfassbaren Ungerechtigkeiten, unter denen die Negroes zu leiden hatten. (Diese Formulierung verwendet der Übersetzer, um den abfälligen Tonfall der Weißen jener Zeit authentisch klingen zu lassen, dabei aber das eigentlich gemeinte N-Wort zu vermeiden.) 

Es geht um inoffizielle Ausgangsperren für Schwarze, die die weißen Cops rigoros durchsetzen. Um von dunkelhäutigen Familien bewohnte Häuser, die auf der falschen Seite der Straße stehen und ein weißes Viertel in gewalttätigen Aufruhr versetzen. Um Aktionen des Ku Klux Klan. Um Schießereien, Brandstiftung, Mord. Um Alltagsrassismus, um die Durchsetzung der Rassentrennung. Um Schwarze, die von weißen Polizisten so lange mißhandelt werden, bis sie ein Geständnis unterschreiben. Um die Praxis, gerade entlassene Strafgefangenene auf dem Weg zu nächsten Bahnhof wieder aufzugreifen und wegen Landstreicherei erneut zu verhaften und zu Zwangsarbeit zu verurteilen – eine lange im Süden praktizierte indirekte Fortsetzung der Sklaverei, die auch Hari Kunzru in seinem Roman »White Tears« thematisiert.

Aber auch um die Unterschiedlichkeit innerhalb der schwarzen Community, denn auch dort gab es eine Ober- und eine Unterschicht. Priestersohn Lucius Boggs steht dies bei seiner Polizeiarbeit täglich vor Augen: »Auburn Avenue war ein eigener kleiner Kosmos, der über Jahrzehnte hinweg von seinen Vorvätern kultiviert worden war, sogar noch vor den entsetzlichen Rassenunruhen von 1906. Es war eine Glaskuppel, die sie vor dem Rest der Stadt, vor dem Süden, vor ganz Amerika abschirmte. Sie gehörten zu den wenigen glücklichen Auserwählten, die es sich leisten konnten, sie nicht zu verlassen.«

Doch außerhalb dieser Straßen sieht es anders aus, und außerhalb der Stadt sehr viel anders: In einer Szene fahren Boggs und Smith im Zuge ihrer Ermittlungen weit hinaus auf das Land, hinein ins tiefste Georgia. Und überleben es fast nicht, da die weißen Redneck-Cops es kein bisschen interessiert, ob die beiden Polizisten sind. Nur mit gezückten Dienstwaffen kommen sie aus der Situation heraus.

Die in den beiden Romanen geschilderten Ereignisse liegen über 70 Jahre zurück. Vieles hat sich seitdem verändert in Atlanta, in Georgia, in den USA. Aber noch längst nicht alles. Bei weitem nicht. Von einem »land of the free«, wie es die Hymne »The Star-Spangled Banner« verspricht, sind die USA nach wie vor weit entfernt. Und momentan mit einem Präsidenten gestraft, der Öl ins Feuer schüttet und die gesellschaftliche Spaltung schürt wie kaum einer anderer.

Zum Schluss noch die Klärung der Frage, in welcher Reihenfolge »Darktown« und »Weißes Feuer« gelesen werden wollen. Zwar sind die beiden Romane in sich abgeschlossen, doch baut »Weißes Feuer« als zweiter Band lose auf »Darktown« auf – und da man sowieso das andere Buch lesen möchte, wenn man das eine beendet hat, empfehle ich, gleich mit »Darktown« zu beginnen. 

Zum Weiterlesen: Im Literaturblog Buch-Haltung stellt Marius Müller eine Lektüreliste zum Thema #büchergegenrassismus vor.

Bücherinformationen
Thomas Mullen, Darktown
Aus dem Englischen von Berni Mayer
DuMont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-8353-0

Thomas Mullen, Weißes Feuer
Aus dem Englischen von Berni Mayer
DuMont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-8395-0

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Die große Angst. Ein Textbaustein*

Hermann Hesse: Narziss und Goldmund

Als ich Anfang zwanzig war, drückte mir ein Freund den Roman »Siddhartha« in die Hand und meinte, ich müsse ihn unbedingt lesen. Darauf folgte eine kurze, aber intensive Phase, in der ich so ziemlich alles von Hermann Hesse verschlungen habe, was mir in die Finger kam. Das ist inzwischen knapp drei Jahrzehnte her, doch kürzlich fand ich beim Durchforsten der Buchregale »Narziß und Goldmund« wieder, das einzige Hesse-Buch, das ich neben jenem »Siddhartha« noch besitze. Als ich den schmalen Suhrkamp-Band in der prägnanten Gestaltung dieser Zeit durchblätterte, fand ich eine markierte Textstelle. Es sind Worte, die mich mich damals bis ins Mark getroffen haben. Und sofort waren eine Menge Erinnerungen wieder da. „Die große Angst. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Murakami, zweiter Versuch

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Es ist schon einige Jahre her, dass ich mein erstes Buch von Haruki Murakami gelesen habe. Es war »Wilde Schafsjagd«, ich habe mich bis zur letzten Seite durchgequält und fand es furchtbar. Abgehakt, dachte ich lange Zeit. Allerdings ist der Name des Autors so präsent, dass man immer wieder auf ihn stößt. Und durch das Bloggen über Literatur kenne ich etliche Menschen, deren Buchempfehlungen ich sehr schätze und die jedem neuen Murakami-Roman begeistert entgegenfiebern. Irgendetwas scheine ich überlesen zu haben, irgendetwas, das es doch noch zu entdecken gibt – diese Gedanken waren der Auslöser für den zweiten Versuch, den ich letzten Herbst mit »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« startete. Denn, so versicherten mir mehrere Murakami-Fans, dieser Roman sei einer der am leichtesten zugängliche und ein guter Einstieg. 

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich gehöre immer noch nicht zur Murakami-Fangemeinde. Doch die Lektüre von »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« war ein Leseerlebnis der ganz besonderen Art. „Murakami, zweiter Versuch“ weiterlesen

Abgebrochene Brücken

Kai Havaii: Rubicon

Eigentlich hätte ich den Namen Kai Havaii kennen müssen, denn ich bin in den Achtzigerjahren aufgewachsen und er war – oder vielmehr ist – der Sänger der Band »Extrabreit«. Aber die Musik der Neuen Deutschen Welle mochte ich noch nie und auch dreißig Jahre später wechsele ich auf Partys schnell den Raum, wenn die NDW-Nostalgierunde läuft. Wobei ich in Zeiten, wie wir sie momentan erleben,  gerne dazu auf dem Tisch tanzen würde, wenn Partys überhaupt wieder möglich wären.

Wie dem auch sei, jedenfalls hatte ich den Namen Kai Havaii noch nie gehört, als ich bei der Frankfurter Buchmesse 2019 am Blauen Sofa vorbeikam, dem Veranstaltungsformat des ZDF. Genau in diesem Moment war eine Krimirunde zu Gast, es saßen dort Simone Buchholz, Judith Ahrendt, Sebastian Fitzek und eben Kai Havaii. Ein lässiger Typ, der gerade von seinem Kriminalroman »Rubicon« erzählte, der kurz zuvor erschienen war. Und das auf eine Weise, die mich so neugierig machte, dass ich zwei Stunden später mit diesem Buch im Zug saß, auf dem Weg zurück nach Köln. Und mit zunehmender Begeisterung in die Geschichte von Carl Overbeck eintauchte. „Abgebrochene Brücken“ weiterlesen

Ein Fenster in die Geschichte

Bernard von Brentano: Der Beginn der Barbarei in Deutschland

In diesem Beitrag geht es um das Buch »Der Beginn der Barbarei in Deutschland« von Bernard von Brentano. Ich vermische damit Berufliches mit Privatem, da ich seit Sommer 2019 für den Eichborn Verlag arbeite, in dem die Neuausgabe dieses lange vergessenen Werkes erschienen ist. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, dass es hier im Blog nicht zu solchen Überschneidungen kommen sollte, doch dieser Titel ist in meinen Augen ein so wichtiges Zeitzeugnis, dass ich einfach nicht anders kann als darüber zu schreiben.  

Das Buch erschien ursprünglich im Jahr 1932 und war das Ergebnis einer intensiven Recherche. Von 1930 an war der Journalist Bernard von Brentano auf langen Fahrten durch Deutschland gereist. Er wollte herauszufinden, welche Folgen die Weltwirtschaftskrise hatte, von der das Land mit voller Wucht getroffen wurde – und was er sah, war dramatisch. Brentano besuchte Menschen, deren Existenz durch die Krise vernichtet worden war, ging dorthin, wo das Elend sichtbar wurde. Sprach mit Arbeitern, die nicht wussten, wie lange ihre Betriebe noch durchhalten würden, mit Arbeitslosen, die hungerten, mit Bauern, deren Höfe vor dem Aus standen. Er schilderte die verzweifelte Lage von Familien, die von Obdachlosigkeit bedroht waren oder ihre Wohnung bereits verloren hatten. Lieferte Stimmungsbilder aus den Stadtvierteln und Regionen, in die sich die Angehörigen der Oberschicht nie hin verirren würden. „Ein Fenster in die Geschichte“ weiterlesen

Menschen auf der Suche

Doris Knecht: weg

Menschen, die auf der Suche sind: Dies ist wohl das literarische Motiv überhaupt. Es gibt unzählige Varianten, und ich werde nicht müde, die Protagonisten der unterschiedlichsten Romane dabei zu begleiten, wie sie losziehen, um etwas zu finden. Einen Weg, eine Zukunft, eine verschwundene Person – und dabei meist auch sich selbst. Auch wenn die Ausgangslagen oft ähnlich erscheinen mögen, sind die Ausgestaltungen der Handlungen immer wieder neu. Und mit »weg« hat Doris Knecht eine sehr gelungene hinzugefügt. „Menschen auf der Suche“ weiterlesen

Denkmal für die Verschwundenen

Pierre Jarawan: Ein Lied fuer die Vermissten

17415. Siebzehntausendvierhundertfünfzehn. Diese Zahl steht im Mittelpunkt des Romans »Ein Lied für die Vermissten« von Pierre Jarawan. Es ist die Anzahl der Menschen, die während des Bürgerkriegs im Libanon verschwanden – und bis heute vermisst werden. Während des Bürgerkriegs, der von 1975 bis 1990 vor allem in und um Beirut ausgetragen wurde, der eine der schönsten und multikulturellsten Städte des Mittelmeers in Schutt und Asche legte und der tiefe Wunden in den Seelen der Menschen dort hinterlassen hat. Diese Wunden sind nur schlecht vernarbt, sie drohen ständig wieder aufzureißen – doch von offizieller Seite wird alles getan, um nicht darüber reden zu müssen. Pierre Jarawan – dessen Eltern den Libanon 1982 verließen, als die alltägliche Gewalt einen Höhepunkt erreicht hatte – erzählt in seinem Roman die Geschichte von Amin, der auf der Suche nach der Vergangenheit seiner Familie uns Leser tief hineinführt in die Tragik jener Zeit. „Denkmal für die Verschwundenen“ weiterlesen

Über Literatur reden? Unbedingt!

Ueber Literatur reden? Unbedingt!

Vor ein paar Tagen las ich auf Facebook den Post »Literaturliebe in Zeiten von Corona? Mache mir gerade um anderes Sorgen.« Es war eine Reaktion auf aktuelle Lektürelisten zu den Themenbereichen Ausnahmezustand, Pandemie oder soziale Distanzierung. Nun kann ich verstehen, dass man angesichts verstörender Bilder und mit der Angst vor einem drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruch nicht unbedingt »Die Pest« von Albert Camus lesen möchte – wobei der Roman gerade eine wahre Renaissance erlebt.

Aber gerade die ohne Zweifel kommende Wirtschaftskrise betrifft in besonderem Maße auch die Literaturlandschaft und unsere fragile literarische Infrastruktur. Es gibt bei uns ein dichtes Netz von Buchhandlungen, die sich engagieren, die Autoren eine Bühne geben und dafür sorgen, dass Bücher in der Öffentlichkeit sichtbar sind. Viele dieser mittelständischen Buchläden waren schon vor der Corona-Krise unterkapitalisiert, sie funktionierten nur durch den unermüdlichen Einsatz der dort beschäftigen Buchhändlerinnen und Buchhändler. Eine möglicherweise monatelange Schließung hätte katastrophale Folgen für sie.

Und wenn Buchhandlungen aus den Städten verschwinden, dann verschwindet auch die Sichtbarkeit von Büchern, es droht eine ernsthafte Beschädigung unserer Literaturlandschaft. „Über Literatur reden? Unbedingt!“ weiterlesen

Migrantenschicksale

Ulla Lenze: Der Empfaenger und Felix Kucher: Kamnick | Migrantenschicksale

Wirtschaftsflüchtlinge. Ein Wort für Menschen, deren Situation in ihrem Heimatland so perspektivlos ist, dass sie versuchen, sich in der Fremde eine menschenwürdige Existenz aufzubauen. Über ein Jahrhundert lang war Mitteleuropa eine Auswanderungsregion; Millionen dieser Wirtschaftsflüchtlinge ließen Deutschland  oder Österreich hinter sich, alle auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben. Es begann mit den großen Migrationswellen im 19. Jahrhundert als Folge der Verelendung durch die Industrialisierung, der Hungersnöte durch Missernten oder der politischen Unfreiheit.

In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts kehrten ebenfalls viele Auswanderer ihrer Heimat den Rücken. In ihren Ländern, die durch Kriegsfolgen, Inflation und Wirtschaftskrise geschwächt waren und im politischen Chaos zu versinken drohten, sahen sie für sich keine Zukunft mehr. Um zwei Menschen aus genau dieser Zeit geht es in den Romanen »Der Empfänger« von Ulla Lenze und »Kamnick« von Felix Kucher. Beide Bücher schildern auf unterschiedliche Weise, wie mühsam sich für diese Migranten ein Neuanfang gestaltete, wie wenig willkommen sie waren – und wie ihre Schicksale zu Spielbällen der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wurden. „Migrantenschicksale“ weiterlesen

Mehr lesen, wissen, können

Mehr lesen, wissen, können: Das Leipziger Buchmaennchen

»Mehr lesen, wissen, können« – eine Weile kam ich fast jeden Tag an diesem Satz vorbei. Er gehört zu einer alten DDR-Leuchtreklame, die an der Fassade des LKG-Gebäudes in Leipzig hängt. Ein stilisierter Mensch reckt froh ein Buch in die Luft und darunter ist jener Slogan zu lesen. Die Leuchtreklame stammt aus dem Jahr 1964; einer Zeit, in der diese Art der Werbung sich in der DDR zu einer eigenen Kunstform entwickelt hatte.

Die Leipziger Kommissons- und Großbuchhandelsgesellschaft (LKG) war die wichtigste Buchauslieferung in der DDR und trug entscheidend zur Versorgung der Bevölkerung mit dem gedruckten Wort bei. Als ich Ende der Neunzigerjahre in Leipzig studierte, lag das wuchtige Gebäude an meinem Weg in die Innenstadt, wo ich einen Nebenjob als Buchhändler hatte. Zu diesem Zeitpunkt leuchtete die Lichtwerbeanlage – so die offizielle Bezeichnung – schon lange nicht mehr, das Areal stand leer und verfiel; ein Schicksal, das es mit zahlreichen Leipziger Industriebauten teilte. „Mehr lesen, wissen, können“ weiterlesen

Mit Goethe im R4

Dieser Beitrag war schon länger geplant. Angesichts der dramatischen Folgen der Corona-Pandemie war ich mir nicht sicher, ob dies der richtige Zeitpunkt für eine solche Buchvorstellung ist. Denn es mag makaber wirken, gerade jetzt von diesem grandiosen Buch zu schwärmen. Doch andererseits zeigt es uns durch seine Entstehungsgeschichte die Dimension der aktuellen Geschehnisse. Und es hat zudem – so finde ich – auch etwas Tröstliches. Doch dazu später. Erst einmal sollte ich erzählen, um welches Buch es eigentlich geht.

Der Photograph Helmut Schlaiß hat sich mit seinem Projekt »Italienische Reise« einen langgehegten Traum erfüllt. Denn es handelt sich dabei nicht um irgendeine italienische Reise, sondern um diejenige von Johann Wolfgang von Goethe, der zwischen September 1786 und Mai 1788 lange in seinem Arkadien unterwegs war. Seine »Italienische Reise« ist die Grundlage dieses Buches; Helmut Schlaiß reiste jahrelang auf den Spuren des berühmten Dichters, in seinem alten R4-Kastenwagen – notdürftig zu einem mobilen Schlafplatz umgebaut – folgte er der von Goethe beschriebenen Route. Der Orignaltext ist im zweiten Teil des großformatigen Werkes komplett abgedruckt. „Mit Goethe im R4“ weiterlesen

Die Macht der Erinnerung

Nadja Spiegelman: Was nie geschehen ist

Das Buch »Was nie geschehen ist« von Nadja Spiegelman habe ich mir wegen des Covers gekauft, ohne vorher auch nur einen Blick auf den Text zu werfen. Das Photo auf dem Schutzumschlag zeigt eine junge Frau, die gerade mit Zigarette zwischen den Fingern aus einer Kaffeetasse trinkt. In Zeiten, in denen sich alles um gesunde Ernährung und Selbstoptimierung dreht, fand ich das Bild auf eine anarchische Art sympathisch. Zwar rauche ich schon eine ganze Weile nicht mehr, aber die Kombination von Koffein und Nikotin ist ein Genuss, den ich mir drei, vier Mal im Jahr gönne. Belohnt wurde ich bei dieser spontanen Kaufentscheidung mit einem faszinierenden Einblick in die Familiengeschichte der Autorin, genauer gesagt in die Lebensgeschichten ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihrer eigenen. Lebensgeschichten, die weit in das 20. Jahrhundert zurückreichen. Die um Ungesagtes kreisen, um widersprüchliche Erzählungen und Erinnerungen. Und um die Frage, wie wir uns an bestimmte Geschehnisse erinnern. Erinnnern wollen. Erinnern können. „Die Macht der Erinnerung“ weiterlesen

Die zweite Kölner Literaturnacht

Zweite Koelner Literaturnacht

Aktuelle Ergänzung am 7. April 2020: Aufgrund der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Situation wurde die 2. Kölner Literaturnacht verschoben. Wir hoffen, sie im Mai 2021 nachholen zu können.

Es kommt mir noch gar nicht so lange her vor, dass wir etwas nervös bangten, ob das Konzept einer Kölner Literaturnacht aufgehen würde. Einer Nacht, in der viele Kölner Literaturschaffende an den unterschiedlichsten Orten quer durch die Stadt auftreten würden. Und ich kann mich auch noch gut an die Erleichterung erinnern, als nach und nach klar wurde, dass der Plan funktionierte, dass die Literaturinteressierten das Angebot annahmen und mit dem Programmheft in der Hand von Ort zu Ort pilgerten. So, wie wir uns das vorgestellt hatten. Das war im Mai 2019.

Und jetzt haben wir es wieder getan: Das Programm für die 2. Kölner Literaturnacht steht; die Hefte werden überall in der Stadt verteilt, die Webseite ist online. Stattfinden wird die Literaturnacht am 9. Mai 2020  aufgrund der Corona-Krise leider nicht. „Die zweite Kölner Literaturnacht“ weiterlesen

Papiergewordene Geschichte

Papiergewordene Geschichte

Im Laufe der Jahre sammeln sich viele Bücher an, bei denen man sich irgendwann fragt, warum man sie eigentlich besitzt. Sei es ein Mängelexemplar, das man für zwei Euro neunundneunzig erworben hat, weil einem irgendwie der Klappentext gefiel, seien es Bücher aus Haushaltsauflösungen, von Flohmärkten, Geschenke, belanglose Krimis, die man für eine längere Bahnfahrt noch schnell im Bahnhof gekauft hatte; Bücher, die man einmal unbedingt lesen wollte, die dann aber schon zwanzig Jahre im Regal stehen, weil sie einen dann doch nicht interessierten. Und. Und. Und. Gleichzeitig wird der Platz eng, ständig fließt ein Strom neuer Bücher in die Regale und auf die Stapel davor.

Deshalb ist es notwendig, den begrenzten Platz optimal zu nutzen und regelmäßig alle Regalmeterblockierer auszusortieren. Diese Bücher werden verschenkt, in öffentliche Bücherschränke gebracht oder in seltenen Fällen auch einfach zum Altpapier gegeben. Gleichzeitig ist dieses Durchforsten auch jedes Mal wieder eine Entdeckungsreise – man kommt vor lauter Anlesen und Blättern nicht schnell voran. Und das ist jedes Mal ein Genuß.

Und dann gibt es auch noch die besonderen Schätze, diejenigen Bücher, die mich zum Teil schon sehr lange begleiten und die ich niemals weggeben würde. Es sind alte Bücher, die ich in Antiquariaten gefunden habe, aber auch Fundstücke aus Kartons in Hauseingängen oder auf Fensterbrettern. Bei ihnen kommt es nicht auf den Inhalt an, vielmehr erzählen sie selbst Geschichten. Oder sind ein Stück papiergewordene Geschichte, sei es durch Widmungen, Stempel, Bibliotheksaufkleber oder Erscheinungsjahre. Für mich sind dies wahre Schmuckstücke, auch wenn sie meist auf den ersten Blick recht unscheinbar wirken. Für diesen Beitrag habe ich ein paar davon aus dem Regal geholt und zeige hier, was sie so besonders macht. „Papiergewordene Geschichte“ weiterlesen

»Der Feind steht rechts«

Joseph Wirth: Der Feind steht rechts

Geschichte wiederholt sich nicht. Und die Weimarer Republik ist nicht die Bundesrepublik. Aber die Geschichte lehrt uns, welche Fehler unverzeihlich waren, an welchen Weichen falsch abgebogen wurde – damit sie sich nicht wiederholt. In der Rubrik Textbausteine* geht es diesmal um ein Zitat, einen Ausschnitt aus einer Rede.

Am 24. Juni 1922 wurde der Außenminister Walther Rathenau von rechtsextremen ehemaligen Offizieren ermordet. Dieses Attentat erschütterte die junge Republik in ihren Grundfesten; als darüber im Reichstag debattiert worde, kochten die Emotionen hoch – von Entsetzen bis klammheimlicher Freude waren alle Reaktionen vertreten. Die rechtsextreme DNVP (Deutschnationale Volkspartei) hatte mit monatelanger Hetze den Boden für das Attentat bereitet.

Reichskanzler Joseph Wirth fand in seiner Rede für den Mord und seine Vorgeschichte die passenden Worte. Sie sind zeitlos:

»Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind, und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!«  „»Der Feind steht rechts«“ weiterlesen