Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg

Leseprojekt-Spanischer-BuergerkriegIn diesen Tagen jährt sich der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs zum achtzigsten Mal. Gleichzeitig ist mir schon länger bewusst, dass ich bis auf die rudimentären Eckdaten kaum etwas Genaueres über diesen Konflikt weiß. Der schließlich nicht nur Spanien veränderte – und dort bis heute nicht vollständig aufgearbeitet ist – sondern viel mehr als ein Bürgerkrieg war. Nämlich ein Kampf der Ideologien, ein blutiges Experimentierfeld für  die nur wenige Jahre später stattfindenen Auseinandersetzungen, die vom Zweiten Weltkrieg über die Stellvertreterkriege in Südostasien bis hin zum kalten Krieg Europa und die Weltordnung prägen sollten. Bis zum heutigen Tag.

Der Spanische Bürgerkrieg steht in der historischen Wahrnehmung für den Kampf der Republikaner gegen die Faschisten, des demokratischen Aufbruchs gegen die Kräfte der Reaktion. Und für den Versuch, die faschistische Machtausbreitung mit der Waffe in der Hand zu stoppen. Unvergessen etwa der vielzitierte Kampfruf ¡No pasarán! der kommunistischen Politikerin Dolores Ibárrur in ihrer Rundfunkrede vom 18. Juli 1936. Markige Worte wie diese, Texte eines Ernest Hemingways oder Photos eines Robert Capa prägen die Wahrnehmung der Geschehnisse jener Zeit. Die direkte Beteiligung oder ideelle Unterstützung zahlreicher Schriftsteller, Künstler und Intellektueller zementierte einen kämpferischen Mythos noch bevor der Krieg beendet und die Republikaner vernichtend geschlagen waren.

Ohne Frage steht der Faschismus für ein Gesellschaftssystem, dass unter allen Umständen verhindert werden sollte. Wenn es sein muss, eben mit der Waffe in der Hand. Aber wie in jedem Krieg gab es auch in diesem vor allem Grautöne. Zwar führten von Beginn an die Franco-Truppen den Krieg mit äußerster Härte und Brutalität, Menschenrechtsverletzungen, Exekutionen und Gräueltaten gegen die wehrlose Zivilbevölkerung gab es aber auch durch Einheiten der Republikaner. Auf beiden Seiten wurde mit Erbarmungslosigkeit und größter Erbitterung gekämpft, ein haßerfüllter Riss spaltete die spanische Bevölkerung. Dazu kam die die Zersplitterung des republikanischen Lagers; Sozialisten, Anarchisten, Kommunisten und Bolschewisten schwächten sich in ideologischen Grabenkämpfen gegenseitig, anstatt gegen den gemeinsamen Feind zusammenzustehen.

Die Anhänger Francos wurden durch Hitler und Mussolini mit Waffen und Truppen unterstützt; einerseits aus ideologischen Gründen, andererseits bot der Krieg in Spanien beste Möglichkeiten, Kriegsgerät und Taktiken im Echteinsatz zu testen – als Vorbereitung für den damals von Hitler schon fest geplanten großen Krieg, der Europa unter Nazi-Vorherrschaft bringen sollte. Die Verteidiger der Republik erfuhren direkte Waffenhilfe durch Stalins Sowjetunion, allerdings mit den Folgen, dass auch Stalins Politkommissare immer stärker das Sagen hatten und daran gingen, andere Meinungen als die sowjetische Parteilinie ebenso gnadenlos zu bekämpfen wie den faschistischen Gegner. Das Scheitern des linken Lagers auch durch die sowjetische Dominanz und die Uneinigkeit der Verbündeten ist ein Trauma, das die Linke nie überwunden hat. Besonders bitter muss es für die Geschlagenen gewesen sein, als Stalin 1939 knapp vier Monate nach Ende des Spanischen Bürgerkriegs einen Nichtangriffspakt mit Hitlers Deutschland schloss, der den Weg frei machte für den Zweiten Weltkrieg – und gleichzeitig das gegenseitige Ausliefern von Dissidenten beinhaltete. Gleichzeitig begann in Spanien Franco eine Militärdiktatur zu errichten, die bis ins Jahr 1977 Bestand haben sollte. Er nahm furchtbare Rache an den Anhängern der gescheiterten Volksfrontregierung; hunderttausende von ihnen wurden ermordet oder verschwanden ohne ein Lebenszeichen zu hinterlassen, etwa eineinhalb Millionen politische Häftlinge wurden in Konzentrationslagern eingesperrt.

Das ist in etwa das, was ich über den Krieg in Spanien weiß oder zu wissen glaube. Ich habe mir vorgenommen, mit Hilfe eines Leseprojekts das Bild zu vervollständigen, zu ergänzen und wenn nötig zu korrigieren. Denn in den letzten Jahren haben sich etliche Bücher zu diesem Thema im heimischen Bücherregal angesammelt, die nur darauf warten, gelesen zu werden; Sachbücher, Romane, Anthologien. Hier sind sie, die Begleiter auf einer neuen Expedition in die Geschichte:

  • Anthony Beevor, Der Spanische Bürgerkrieg
  • Erich Hackl (Hrsg.), So weit uns Spaniens Hoffnung trug
  • Mercè Rodoreda, Der Garten über dem Meer
  • Joan Sales, Flüchtiger Glanz
  • Leif Davidsen, Die Wahrheit stirbt zuletzt
  • Julio Llamazares, Wolfsmond
  • George Orwell, Mein Katalonien
  • Hans Magnus Enzensberger, Der kurze Sommer der Anarchie
  • Ernest Hemingway, Wem die Stunde schlägt
  • Amanda Vaill, Hotel Florida
  • Susana Fortes, Warten auf Robert Capa
  • Carlos Saura, Dieses Licht!
  • Laurie Lee, Ein Moment des Krieges
  • Wilfried F. Schoeller (Hrsg.), Die Kinder von Guernica
  • Gustav Regler, Das große Beispiel
  • Almudena Grandes, Der Feind meines Vaters
  • Almudena Grandes, Inés und die Freude
  • Arthur Koestler, Ein spanisches Testament
  • Elsa Osorio, Die Capitana

Sicherlich wird der ein oder andere Titel noch dazu kommen, aber wie alle meine Leseprojekte ist auch dieses auf eine lange Zeit angelegt und dient vor allem dazu, Titel thematisch in Zusammenhang zu setzen. Welche Texte werde ich finden? Welche Schicksale kennenlernen? Welche Zusammenhänge verstehen? Ich bin neugierig darauf.

An dieser Stelle seien auch die Blogs Glasperlenspiel13 und novelero empfohlen, die sich mit Themenbereichen wie diesem intensiv auseinandersetzen.

Auf der Suche

Sandro-Veronesi-FluchtwegeEin absoluter Zufallstreffer: Ich kannte den Autorennamen nicht, mir sagte der Titel nichts, der Klappentext gab wenig Informationen preis und eigentlich sprach mich das Buchcover nicht besonders an. Aber ich habe das Buch „Fluchtwege“ des italienischen Autors Sandro Veronesi trotzdem gekauft. Einfach so. Wahrscheinlich, weil ich in letzter Zeit mit Büchern aus dem Klett-Cotta-Verlag immer Glück hatte. Und diesmal auch, ein Spontankauf, der sich gelohnt hat. Veronesi schreibt über eine rumänisch-italienische Autoschieberbande, über Diebstähle im großen Maßstab, über organisiertes Verbrechen und Korruption. Eigentlich. Aber in Wahrheit ist es die Geschichte Pietro Paladinis, der von alldem nichts weiß. Die Geschichte einer Flucht, die zu einer Reise zu sich selbst wird. Eine Familiengeschichte, die sich wie eine Zwiebel Schicht für Schicht dem Leser enthüllt. Und nicht nur dem Leser, sondern auch Pietro selbst, obwohl es seine eigene ist.

Pietro Paladini also, Ich-Erzähler, ein Mann um die Fünfzig, Teilhaber und einer der beiden Geschäftsführer von „Super Car“, einer Gebrauchtwagenhandlung in einem schmucklosen Vorort Roms. Kein ganz normaler Gebrauchtwagenhandel, die Firma hat sich darauf spezialisiert, Leasingwagen von Personen ausfindig zu machen, die nicht mehr in der Lage sind, die Leasingraten zu bezahlen – meist pleitegegangene Geschäftsleute oder deren Freundinnen. Die Wagen, in der Regel Gefährte der Oberklasse, werden von „Super Car“ per Gerichtsbeschluss eingezogen und dann wieder als Gebrauchtwagen verkauft.

Dies ist bereits das zweite Leben Pietros. In seinem ersten Leben war er Direktor eines Fernsehsenders in Mailand, doch als seine Frau früh und unerwartet starb, gab er sein Leben im Top-Management auf, kehrte in seinen Geburtsort Rom zurück und stieg bei Lello, seinem alten Kumpel aus Schulzeiten, ins Geschäft mit „Super Car“ ein, ein lukratives und relativ geruhsames Geschäft. Denn er brauchte Abstand von allem und Zeit. Zeit für sich, aber vor allem für seine kleine Tochter Claudia, die er alleinerziehend großzog, unterstützt von seinem Bruder Carlo.

Seitdem sind einige Jahre vergangen, Claudia ist inzwischen achtzehn, sein Bruder hat sich nach der Bankenkrise hochverschuldet ins Ausland abgesetzt. Aber das Geschäft mit den Autos läuft nach wie vor gut, Pietro führt ein geregeltes Leben, fast schon ein bisschen langweilig. Doch dann kommt der Tag, an dem sich alles ändert.

Am Ende dieses Tages – mit dem der Roman beginnt – ist Pietro auf der Flucht vor der Polizei, seine Tochter ist abgehauen zu ihrer Tante nach Mailand und weigert sich, mit ihm zu telefonieren, „Super Car“ hat sich als Strohfirma für einen Autoschieberring herausgestellt und Pietro Paladini hat keine Ahnung, wieso das alles passieren konnte. Auf sich allein gestellt, versucht er eine Erklärung zu finden. Und Hilfe.

Wir erleben einen Mann, der in einem frisch eingezogenen Luxusklassen-Audi nicht nur vor der Staatsanwaltschaft flieht. Das auch, aber diese Flucht ist der Auslöser einer Suche. Einer Suche nach sich selbst, nach der Person, die er war, bevor er sich in den Wirrungen des Lebens verloren hat. Und nicht nur sich alleine. Schicht für Schicht geht die Reise immer tiefer hinein in die Geschichte seiner Familie, zu den unzähligen Versäumnissen, Missverständnissen, die jedes Leben begleiten; zu den den Dämonen seiner Vergangenheit, denen er sich stellen muss, um endlich die Ruhe zu finden, nach der er schon so lange sucht. Dorthin gibt es nur einen Weg: „Sei ehrlich zu dir selbst“.

Es sind Wahrheiten, die weh tun, die ihn bis ins Mark treffen und das Bild, das er von seinem Leben hatte, radikal verändern werden. Wir als Leser begleiten ihn dabei, Schritt für Schritt. Sehen, wie er bemerkt, dass er sich all die Jahre in Erinnerungen geflüchtet hat, in Wahrheiten, die keine sind, und die nun zerploppen wie Seifenblasen. Eine nach der anderen. Bis er nicht mehr weiß, wer er eigentlich ist.

Sandro Veronesi erzählt diese Geschichte in einer beinahe ausufernden Sprache, einem regelrechten Wörterrausch. Die langen Sätze und Beschreibungen versinnbildlichen wunderbar das Innenleben des Protagonisten, unglaubliche Gedankensprünge, abschweifende Träumereien, die in ihrer Umständlichkeit amüsant wirken – bis sie exakt wieder da landen, wo sie ein oder zwei Seiten vorher die Geschichte verlassen haben. Und durch die wir oftmals ein weiteres Detail seines Lebens erfahren, ein Leben, das bei weitem nicht so langweilig ist, wie es sich zu Beginn dargestellt hat. Sondern viel zerstörter, als es den Anschein hatte. Und viel, viel komplizierter, als ich es hier darzustellen vermag.

Diese Sprache in Verbindung mit einer raffiniert verschachtelten Geschichte macht den Reiz dieses Romans aus. Spannend, humorvoll und traurig-melancholisch zugleich erzählt Veronesi von einem Mann, dessen Leben sich mit einem Schlag radikal ändert. Kunstvoll werden dabei die bedrohlichen Probleme, mit denen Pietro von außen konfrontiert wird, die ihn zur Flucht bewegen, nach und nach von den Sorgen und Gedanken abgelöst, die von innen an die Oberfläche drängen. Die mehr und mehr Raum einnehmen und letztendlich die Geschichte zu einem ganz anderen Ende bringen werden, als es zu erwarten war.

Falls es ein Ende ist.

Buchinformation
Sandro Veronesi, Fluchtwege
Aus dem Italienischen von Michael Killisch-Horn
Verlag Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-98035-6

Drei Jahre Kaffeehaussitzer

DreiJahreVor genau drei Jahren, am 16. Juni 2013, ging der erste Blogbeitrag auf Kaffeehaussitzer online. Damals war mir ganz und gar nicht klar, was für eine spannende Reise damit beginnen sollte. Von Literaturblogs hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt kaum gehört, hatte irgendwann einmal den Domainnamen Kaffeehaussitzer gesichert und dann die diffuse Idee, diesen Namen zu nutzen, um über Bücher zu reden. Genau das machte mir schon immer Spaß, ob als Buchhändler oder in einer Runde mit anderen literaturbegeisterten Menschen. Es folgten irgendwann die ersten vorsichtigen Gehversuche auf Facebook. Recht spät, denn das Netz und ich – das war die Geschichte einer langsamen Annäherung und die sozialen Plattformen habe ich erst nach und nach für mich entdeckt.

Lange Rede kurzer Sinn: Dann ging es los mit dem Kaffeehaussitzer und ich stellte mit Erstaunen und Begeisterung fest, wie viele Gleichgesinnte, in ihren Lesevorlieben aber auch so unterschiedliche Menschen sich in der Literatur-Blogosphäre tummeln. Und bin dankbar dafür, wie viele von ihnen ich bis heute persönlich kennenlernen durfte – ob im realen Leben oder virtuell. Was als vages Blog-Projekt begann, ist inzwischen zu meiner virtuellen Identität geworden, die nicht im Gegensatz zum echten Leben steht, sondern ein bedeutender Teil davon ist. Weiterlesen

Was den Menschen ausmacht

Thea_Dorn_Die_UnglückseligenWas macht den Menschen aus? Ein zentrale Frage in der Literatur, deren Beantwortung auf vielfältigste Weise erfolgen kann, direkt oder indirekt. Zwei meiner Lieblingsbücher wählen den direkten Weg und reduzieren den Sinn des menschlichen Daseins auf die Vergänglichkeit. Denn nur die Sterblichkeit, die Endlichkeit des Lebens mit all seinen Möglichkeiten macht die Handlungen des Menschen, sein Werden und Wirken zu etwas Besonderem. Zu diesem Ergebnis kommt Simone de Beauvoir in „Alle Menschen sind sterblich“. Und Fruttero & Lucentini erzählen in ihrem Roman „Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ die Legende von Ahasver, dem Ewigen Juden weiter, der ziellos über die Erde wandelt ohne Ruhe zu finden. Zwei Lieblingsbücher, zweimal Unsterblichkeit. Deshalb dürfte es nicht erstaunlich sein, dass ich sofort neugierig wurde auf Thea Dorns „Die Unglückseligen“, geht es doch darin genau um dieses Thema. Nur ganz anders. Weiterlesen

Internet im 17. Jahrhundert

Hillenbrand_KaffeediebSich mit einer virtuellen Identität in einem virtuellen Raum zu bewegen, ist in unserer Zeit für viele Menschen eine Selbstverständlichkeit. Doch so modern es sich anfühlen mag, es ist ganz und gar nichts Neues, sondern hat seine Wurzeln im ausgehenden 17. Jahrhundert. Es war die Blütezeit der République des Lettres, die Epoche der beginnenden Aufklärung und der aufkommenden Kaffeehauskultur als Ort der Kommunikation. Diese drei kulturgeschichtlichen Entwicklungen hat Tom Hillenbrand fulminant mit der machtpolitischen Situation im absolutistischen Europa kombiniert und einen spannenden, temporeichen und doch authentisch wirkenden historischen Roman geschrieben: „Der Kaffeedieb“. Weiterlesen

Ein Tag bei Suhrkamp

eintagbeisuhrkamp23#eintagbeisuhrkamp – so der Hashtag – begann schon am Vorabend. Genauer gesagt, am Abend des 19. Mai 2016 auf dem Platz vor dem Deutschen Theater in Berlin. Von allen Seiten tauchten vertraute Gesichter auf, fünfzehn Literaturblogger hatte der Suhrkamp Verlag nach Berlin geladen. Die meisten davon kannten einander bereits persönlich, es gab Umarmungen zur Begrüßung, Schulterklopfen, Lachen. Dann startete auch gleich das Programm, das Demian Sant’Unione, bei Suhrkamp für Online-Marketing und Bloggerkontakte zuständig, für uns vorbereitet hatte. Mit einem Theaterbesuch. Weiterlesen

Warum ich lese

Der Kaffeehaussitzer. Photo: Vera Prinz„Es gibt Menschen, für die ist Lesen eine Form des Zeitvertreibs. Für andere ist es ein Lebensinhalt. Zu diesen zähle ich mich auch, Lesen und Bücher sind für mich überlebenswichtig.“ Dies sagte ich kürzlich in einem Interview, das Karla Paul mit mir geführt hatte. Lebensinhalt klingt vielleicht ein wenig pathetisch, beschreibt aber treffend den Stellenwert, den Bücher und Literatur in meinem Leben haben.

Aber warum ist das so?

Die Frage nach dem Warum stellte Sandro Abbate, Betreiber des lesenswerten Literaturblogs novelero. In seinem sehr persönlichen Beitrag Warum ich lese erzählt er, wie und warum er zum Leser wurde und was dies für ihn bedeutet. Direkt nach der Lektüre seines Textes begannen die Gedanken in meinem Kopf sich um diese Frage, diese Aussage zu drehen. Und das ist jetzt dabei herausgekommen. Weiterlesen

Nur eine Lebenslüge?

Ladipo-WendeTrägt ein Buch den Titel „Wende“ denkt man unwillkürlich an die Ereignisse im Jahr 1989, an den Zusammenbruch der DDR und die deutsche Wiedervereinigung. Dies spielt im Roman von Eva Ladipo auch durchaus eine wichtige Rolle, im Mittelpunkt steht allerdings ein ganz anderer Umbruch: Es geht um Ursachen und Folgen der Energiewende, um Gewinner und Verlierer, um Macht und Abhängigkeit und um Politik. Die Autorin verknüpft die Geschehnisse beider Wenden miteinander, bietet dem Leser einen spannenden Polit-Thriller und legt gleichzeitig den Finger auf eine der großen Lebenslügen unserer Industrienation. Weiterlesen

Tosende Stille im Outback

Garry-Disher-Bitter-Wash-RoadWenn die Buchhändlerin in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens mir den Kriminalroman „Bitter Wash Road“ von Garry Disher nicht empfohlen hätte, dann wäre mir ein stilistisch und dramaturgisch perfekt komponiertes Buch entgangen. So aber durfte ich mich mehrere Lese-Abende im australischen Outback herumtreiben, die flirrende Hitze spüren und den Staub auf der Zunge schmecken. Und dabei sein, wenn Constable Paul Hirschhausen in einem Fall ermittelt, bei dem er hineinsticht in ein Nest aus Korruption, Rassismus und mühsam unterdrückter Gewalt. Weiterlesen

Jahr-Bücher

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In letzter Zeit tauchen sie vermehrt auf, die Bücher, die lediglich eine Jahreszahl als Titel tragen. Mit welchem hat es angefangen? Bewusst wahrgenommen habe ich es zum ersten Mal bei „1913“ von Florian Illies. Seitdem hat es etliche weitere Jahre gegeben, die zum Anlass genommen wurden, sie im Bezug auf den Verlauf der Geschichte darzustellen. Das Konzept finde ich reizvoll, denn es waren tatsächlich immer wieder besonders ereignisreiche Zeiten, die den Lauf der Dinge maßgeblich beeinflusst haben. Berühmte Vertreter sind 1968 oder 1989, keine Frage. Aber darüber hinaus gab und gibt es immer wieder Jahre, in denen sich entscheidende Ereignisse kumulierten oder die einfach repräsentativ für eine ganze Epoche stehen. Momentaufnahmen in Buchform.

Ich habe einmal einen Blick ins heimische Bücherregal geworfen und hier zusammengestellt, welche Jahr-Bücher sich bei mir angesammelt haben; Sachbücher vor allem, aber auch Romane: Eine kleine Rundreise durch die Geschichte. Weiterlesen

Der Tote am Strand

Daoud-Der-Fall-MeursaultMoussa Ould el-Assasse – das ist der Name eines der berühmtesten Toten der Literaturgeschichte. Er ist der am Strand von Algier erschossene Araber in Albert Camus‘ Roman „Der Fremde“. Oder zumindest könnte das sein Name sein, denn bei Camus bleibt der von seinem Protagonisten Meursault Erschossene namenlos. Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud hat sich der Geschichte angenommen und stellt sie uns aus arabischer Perspektive dar, weshalb sein Buch den Titel trägt „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“. Ein Anspruch, der mich sofort neugierig auf den Roman machte, versprach er doch, mich auf eine Reise in die eigene Erinnerung mitzunehmen. Weiterlesen

We Read Indie

WeReadIndieWelttag des Buches. Und die vierhundertsten Todestage von William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Ich hatte mir eigentlich überlegt, deshalb für heute einen Beitrag vorzubereiten. Etwas zu diesem Anlass, zum Beispiel einen Bericht über die phantastische Macbeth-Verfilmung mit Michael Fassbender in der Hauptrolle. Ober über die wunderschöne, knapp hundert Jahre alte Don-Quichote-Ausgabe, die seit langem ungelesen mein Bücherregal schmückt. Aber daraus ist nichts geworden.

Dafür gibt es andere Neuigkeiten: Seit heute gehören nämlich die beiden Literaturblogs lustauflesen.de und Kaffeehaussitzer zum Redaktionsteam des Gemeinschaftsblogs We Read Indie! Unter der Überschrift „Indie-Zuwachs zum Welttag des Buches“ werden wir offiziell dort vorgestellt. Weiterlesen

Schuld und Reue

Owen-Sheers-I-saw-a-ManAls ich das Buch „I Saw a Man“ von Owen Sheers fertig gelesen hatte, musste ich erst einmal durchatmen. Dann aber gleich meine Begeisterung auf Twitter zum Ausdruck bringen, indem ich es dort als „absolute Leseempfehlung“ anpries. Daraufhin entspann sich eine Twitter-Diskussion, denn Bloggerkollegin Mareike Fallwickl war ganz und gar nicht dieser Meinung, sie fand den Roman „vorhersehbar, langweilig, mit blassen Figuren.“ Zwei Leser, zwei Meinungen, und das, wo ich ihre Buchempfehlungen in ihrem Blog Bücherwurmloch sehr schätze. Doch diesmal war es, als hätten wir komplett unterschiedliche Bücher gelesen – Begeisterung hier, vernichtende Kritik dort. Es ging auf Twitter hin und her, andere Leser klinkten sich ein, tendierten mal zur einen, mal zur anderen Seite, fanden das Ende nicht gelungen, aber schließlich waren 140 Zeichen doch zuwenig Platz, um dieses Buch angemessen vorzustellen. Deshalb erzähle ich jetzt hier, warum ich „I Saw a Man“ für sehr lesenswert halte. Natürlich ohne zuviel davon zu verraten.

Owen Sheers knüpft in „I Saw a Man“ ein Netz aus Tragik, Schuld und Reue, in dem sich seine Protagonisten verfangen; alles ist miteinander verwoben und verbunden, auch wenn sie sich zum Teil nicht kennen. Es ist die alte Frage nach der Ursache, dem Auslöser einer Tragödie, die dann immer weitere Kreise zieht. Ist es Schicksal oder Zufall? Eine Antwort gibt auch das Buch nicht, liefert aber ein eindrucksvolles Beispiel für eine genau solch dramatische Verkettung. Weiterlesen

Ein schemenhafter Gruß

Asbridge-Der-groesste-aller-RitterGemeinhin bezeichnen wir das Mittelalter als „finster“, zum einen, weil das Leben damals oft hart, kurz und entbehrungsreich war. Zum anderen aber auch, weil wir nicht viel darüber wissen. Aus alten Handschriften, Büchern, Aufzeichnungen oder durch die Arbeit der Archäologen lässt sich zwar einiges der damaligen Lebensverhältnisse rekonstruieren. Doch direkte Lebensbeschreibungen, also noch im Mittelalter verfasste Biographien, sind äußerst rar. Und genau das macht das Buch „Der größte aller Ritter“ von Thomas Asbridge zu einem fulminanten Leseerlebnis und zu einer Reise mitten hinein in diese „finstere“ Zeit. Wobei es interessant wäre, wie ein Mensch von damals wohl die heutige Weltlage beurteilen würde. Aber das ist ein anderes Thema.

Wer war „der größte aller Ritter“? Es ist die Lebensgeschichte Guillaume le Maréchals, aufgeschrieben im 13. Jahrhundert, die erste und wohl einzige bekannte Biographie eines Ritters, die während des Mittelalters niedergeschrieben wurde. Schon die Entdeckung der mittelalterlichen Handschrift, die das Leben Maréchals detailliert beschreibt, gleicht einem Krimi. Weiterlesen

Felsen, Schnee und Tod

PfeiferEin fünfzehnjähriges Mädchen aus Meran in Südtirol schneidet sich die Haare kurz, besorgt sich Männerkleidung und zieht in den Krieg, um den Vater an der Front zu suchen. Dies ist die wahre Geschichte von Victoria Savs, erzählt von David Pfeifer in seinem Roman „Die Rote Wand“. Es ist das Jahr 1915 und die „Front“ zieht sich quer durch die Dolomiten, über unzugängliche Bergspitzen, abgelegene Hochalmen, mitten durch unwirtliches Terrain. Hier stehen sich Österreicher und Italiener gegenüber. Und hier irgendwo ist Victoria Savs Vater stationiert, den das Mädchen finden möchte. Weiterlesen

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