Wer ist ein Held?

Nickolas Butler: Die Herzen der Maenner

Vor ein paar Jahren hatte mich das Buch „Shotgun Lovesongs“ von Nickolas Butler sehr begeistert. Umso gespannter war ich auf seinen nächsten Roman „Die Herzen der Männer“ und als ich erfuhr, dass Butler dieses Buch im Literaturhaus Köln vorstellen würde, war klar, dass ich mir das auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Das ist inzwischen einige Monate her und dieser Text hätte schon längst geschrieben sein sollen, aber auch in der Erinnerung war es ein wunderbarer Abend mit einem sympathischen Autor. Und mit einem sehr eindrucksvollen Roman.

In der Straßenbahn auf dem Weg zum Literaturhaus habe ich mit „Die Herzen der Männer“ begonnen; fast hätte ich die Haltestelle verpasst, da schon die ersten Seiten einen Sog entwickelten, der mich als Leser direkt in die Geschichte hineingezogen hat. Einen herzzerreißenden Sog, denn wir lernen Nelson kennen, einen dreizehnjährigen Jungen im Zeltlager der Boy Scouts, einen Außenseiter, einer, der keine Freunde findet und die Schilderung seiner Einsamkeit tut in der Seele weh. Wir befinden uns im Jahr 1962.

Um das Buch zu verstehen, muss man wissen, was es mit den Boy Scouts auf sich hat. Sie mit den europäischen Pfadfinder-Bewegungen zu vergleichen, trifft zu kurz. Zwar stehen bei den Boy Scouts ebenfalls Naturerlebnisse und das Gemeinschaftsgefühl im Vordergrund, ebenso wichtig ist aber auch ein militärischer Drill, eine strenge Hierarchie und das Erlernen von Überlebenstechniken in der Wildnis. Ein mehrwöchiger Aufenthalt in einem Sommercamp gehört seit Jahrzehnten zum festen Jahresablauf von Millionen Kindern und Jugendlichen, denn die Boy Souts sind stark verwurzelt in der gesellschaftlichen Mittelschicht der USA und haben dort eine immense Bedeutung. Eine Bedeutung, die in unserer Zeit allerdings zunehmend zurückgeht. Nickolas Butler erläuterte die Idee dahinter, als er erklärte, dass durch die Boy Scouts exzellente Soldaten und durchsetzungsfähige Businessmenschen herangezogen werden sollen. Er selbst war von sieben bis 17 selbst ein Boy Scout, weiß also sehr genau, über was er schreibt – auch wenn aus ihm eher kein erfolgreicher Businesstyp geworden ist, sondern jemand, der sich als Kaffeeröster, Kneipenbesitzer oder Hausmeister bei BurgerKing versucht hat, bevor ihm der Durchbruch als Schriftsteller gelang.

Zurück zur Geschichte, zurück zum einsamen Nelson, der als Außenseiter am Sommercamp teilnimmt und seine Isolation dadurch wettmachen möchte, dass er Jahr für Jahr möglichst viel Abzeichen sammelt und Aufgaben erfüllt, um so seinen Platz in der Hierarchie der Boy Souts zu finden. Und sich dadurch als Streber weiter isoliert. Es ist ein Teufelskreis. Nelson ist ein introvertierter, zurückhaltender Junge, dessen Schüchternheit und Einsamkeit seinen Vater zur Weißglut bringen, der wiederum seiner Enttäuschung über den Außenseiter-Sohn Schläge folgen lässt. Dies alles erfahren die Leser gleich auf den ersten Seiten; Nickolas Butler entwirft mit wenigen Sätzen ein Familienleben, das den Schein nach außen wahrt, aber nach innen vollkommen zerrüttet ist. Auch Jonathan hat dort seinen ersten Auftritt, ein Nachbarsjunge, ein Sunnyboy – mit dem sich Nelson tatsächlich anzufreunden beginnt. Selbstverständlich ist Jonathan ebenfalls ein Boy Sout.

Butler hat drei Erzählebenen in seinen Roman eingezogen: Vordergründig geht es um die beiden Leben von Nelson und Jonathan. Um die über mehr als fünf Jahrzehnte erzählte Geschichte ihrer Freundschaft, um das Verschwinden von Vätern, das Scheitern von Beziehungen und Auseinanderbrechen von Familien, um Verlust und Trauer. Einer der beiden Jungs wird als Erwachsener zum traumatisierten Eigenbrötler, der andere zum zynischen Versager mit Playboy-Allüren. Und über allem steht die Frage, was Freundschaft eigentlich bedeutet. Oder ob sie manchmal nur in unserer Einbildung existiert. Am Abend im Literaturhaus gab Nickolas Butler keine eindeutige Antwort darauf: „Nelson und Jonathan kennen sich fast 60 Jahre lang. Aber verbindet sie eine Freundschaft? Das lässt sich nicht einfach mit ja oder nein beantworten, das gemeinsam verbrachte Leben ist bei aller Unterschiedlichkeit aber auf jeden Fall eine starke Verbindung.“

Die zweite Erzählebene ist die Geschichte der abwesenden Väter. Väter gehen rund um die Uhr arbeiten. Väter verschwinden – in den USA wird jede zweite Ehe geschieden. Väter ziehen in Kriege, in die ihr Land sie schickt. Nickolas Butler berichtet an diesem Abend viel von seiner eigenen Familiengeschichte: Sein Urgroßvater starb in einer Kohlenmine, sein Großvater wuchs ohne Vater auf. Der Großvater war während und nach dem Zweiten Weltkrieg Seemann in der Handelsmarine und nie zu Hause, sein Vater wuchs ohne Vater auf. Und sein Vater selbst entpuppte sich als gewalttätiger, trinkender Familientyrann; als Nickolas Butler 17 war, ließ seine Mutter sich scheiden. Wie prägt die permanente Abwesenheit der Väter das Aufwachsen der Söhne, die dann irgendwann selbst zu Vätern werden?

Und in der dritten Erzählebene des Romans geht es um die Folgen der Kriege, die Amerika führte und führt – Zweiter Weltkrieg, Korea, Vietnam, Afghanistan, Irak. Was geschah dort in den letzten Jahrzehnten mit den Männern, was machte das mit ihnen? Und was gaben sie an ihre Söhne weiter, wie wurde daraus eine toxische Form der Männlichkeit geformt, kriegerisch, brutal und gewalttätig? Und dann kommen wieder die Boy Scouts ins Spiel, die all dies transportieren und trainieren. Hat vielleicht in den Männlichkeitsidealen der Rückzug in die Natur deshalb einen so hohen Stellenwert, um dort die seelischen und körperlichen Narben zu pflegen? Darüber sprach Nickolas Butler ebenfalls sehr ausführlich, spielt doch die Natur eine wichtige Rolle in seinen Romanen. So wie das Boy Scouts-Camp der zentrale Ort der Handlung von „Die Herzen der Männer“ ist, denn hier beginnt die Geschichte, hier laufen die Erzählebenen zusammen und hier endet alles.

Viele Fragen werden in „Die Herzen der Männer“ gestellt. Und viele davon lässt der Autor offen, doch bei einer Frage gibt es für ihn eine ganz klare Antwort. Denn die geschilderte Form der Männlichkeit läuft darauf hinaus, sich auf rabiate Weise durchzusetzen, zu siegen, zum Held zu werden. Und der Begriff des Helden ist seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden mit gewaltsamer Auseinandersetzung verbunden. Doch kann man nur im Krieg zum Held werden? Und was genau ist eigentlich ein Held? Nickolas Butler erzählte von der Scheidung seiner Eltern und wie ihm danach klar geworden ist, dass seine Mutter jahrelang einen schlagenden Trinker als Ehemann ertragen hat, nur um ihrem Sohn einen Vater zu ermöglichen. Für ihn sind solche Frauen wie seine Mutter Helden. Echte Helden. Ganz trocken blieben seine Augen nicht, als er das sagte.

Die Männer in seinem Buch sind kalt, hartherzig, grausam, sind Betrüger, Ehebrecher und Schlimmeres; Nickolas Buttler wollte Männer in all ihrer Ambivalenz schildern. Aber er hofft, so sagt er an jenem Literaturhausabend, dass sich das Männerbild mit jeder Generation ein kleines Stückchen weit verändert, verbessert – denn die Männer jeder Generation sind auch Gefangene der jeweiligen Zeit und ihrer Konventionen. 1962, zu Beginn des Buches, hatten Männer eine andere Sensibilität als die jüngsten der Protagonisten des Romans, der bis in unsere Zeit hineinreicht. Und irgendwann kann der Kreislauf der Väter-Abwesenheit oder der gewalttätigen Stärke vielleicht durchbrochen werden, kann sich die Definition von Männlichkeit verändern – so hofft Butler und formuliert das in seinem Roman so:

„Das Einzige, was du tun kannst, ist, zu versuchen, selbst ein besserer Mensch zu werden, verstehst du? Du benutzt solche Momente wie diesen hier, um daraus zu lernen. Du denkst dir so etwas wie: ‚Das ist nicht die Art von Vater, die ich selbst einmal sein möchte. Das ist nicht die Art von Ehemann, die ich sein möchte.‘ Und das behältst du dann in deinem Innern, wie eine Erinnerung, aber wichtiger, größer. Du machst es zu einem Verhaltenskodex.“

Bei alldem ist das Buch nicht nur als rein männerspezifische Parabel zu sehen, so Butler. Denn jeder Mensch macht Fehler, jeder hat anderen Menschen weh getan. Wichtig ist dabei, wie man damit umgeht, was man daraus lernt, wie man sein Verhalten verändert.

Es war ein sehr intensiver Abend im Literaturhaus. Nach einer Signierrunde konnte ich mich persönlich von Nickolas Butler verabschieden, noch ein paar Worte mit ihm wechseln. Sein Buch regt zum Nachdenken an, viele Gedanken über Vater-Sohn-Beziehungen, über angelernte Verhaltensweisen, über den Zustand unserer Gesellschaft und natürlich über die Vorstellung von Männlichkeit kreisen danach im Kopf.

Denn eine bessere Welt ist möglich – wenn wir es wollen. Und vielleicht trägt Nickolas Butler mit seinem großartigen, traurigen und einfühlsamen Roman „Die Herzen der Männer“ ein kleines Stück dazu bei. In unserer Zeit der Rückkehr Ewiggestriger sind Bücher wie dieses wichtiger denn je. Die Lektüre jedenfalls kann ich jedem und jeder nur empfehlen, sie lohnt sich sehr. Ebenso empfehlen möchte ich die Buchbesprechung von Brigitte Hofmann im Blog Feiner reiner Buchstoff, die sich intensiv mit dem Roman und dessen Botschaft auseinandersetzt.

Buchinformation
Nickolas Butler, Die Herzen der Männer
Aus dem Amerikanischen von Dorothee Merkel
Verlag Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-98313-5

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Literatur mit allen Sinnen

FLIP - Festa Literária Internacional de Paraty

FLIP ist die Abkürzung für Festa Literária Internacional de Paraty. Es ist eines der wichtigsten und schönsten Literaturfestivals Südamerikas und findet seit 2003 jeden Juli in der brasilianischen Küstenstadt Paraty statt. Viele brasilianische Autorinnen und Autoren sind vor Ort, gleichzeitig ist das Festival – wie der Name schon sagt – sehr international ausgerichtet. In den letzten Jahren waren dort zahlreiche große Stimmen zu Gast, wie etwa Amoz Oz, Don de Lillo, Toni Morrison, Ian McEwan, Nadine Gordimer, Orhan Pamuk, Karl Ove Knausgård, Margaret Atwood, Julian Barnes, Isabel Allende, Paul Auster, Siri Hustvedt, Teju Cole oder Eleanor Cotton. Um nur einige zu nennen. Dazu gibt es Partnerschaften mit dem International Festival of Authors in Toronto und dem  Festivaletteratura in Mantua. Und ich muss gestehen, dass ich bis zum Sommer 2017 noch nie davon gehört hatte. Weiterlesen

Gespiegelte Verzweiflung

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne

Mit Sätzen wie „Dieses Buch sollte jeder lesen“ bin ich immer etwas vorsichtig, denn zu unterschiedlich sind die Lesevorlieben der Menschen. Dem Roman „Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler wünsche ich allerdings so viele Leser wie möglich, denn er ist für mich eines der wichtigsten Bücher für die Zeit, in der wir gerade leben. Es geht darin um Flucht und Migration, aber auf eine Art und Weise, die uns dieses emotional aufgeladene Thema vollkommen anders nahebringt als gewohnt. Und das mit einem ganz einfachen Trick: Torkler vertauscht den Blickwinkel. Wobei „einfach“ das falsche Wort ist, denn der Autor hat eine vollkommen neue Welt erschaffen, ausgefüllt mit zahllosen Details, die das Geschehen so wahrheitsgetreu und realistisch wie möglich machen. Weiterlesen

Deutscher Buchpreis 2018: Die Longlist

Deutscher Buchpreis 2018: Die Longlist

Hier ist sie nun, die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018. Zwanzig Romane haben wir in der Jury-Sitzung ausgewählt. Zwanzig von knapp zweihundert; 165 Bücher waren eingereicht, weitere hatte die Jury zusätzlich angefordert. Herausgekommen ist nach einem langen Tag voller Diskussionen eine vielfältige und abwechslungsreiche Mischung aus deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, die neben bekannten Namen auch viel Raum für Entdeckungen bietet. Jurysprecherin Christine Lötscher hat den offiziellen Text zur Longlist-Auswahl verfasst:

„Die Lage der Welt scheint den deutschsprachigen Autorinnen und Autoren auf den Nägeln zu brennen: Wie ist die Welt zu dem geworden, was sie heute ist? Wie hängt alles zusammen, und welche Geschichten lassen sich darüber erzählen? Ihre Romane versuchen diese Fragen in der ganzen poetischen Tiefe auszuloten, indem sie ihre Figuren als Reisende, Suchende oder Vertriebene ihre Vergangenheit und Gegenwart erkunden lassen. Die Vielfalt der literarischen Formen hat die Jury begeistert: Es gibt große historische, aber auch verspielt fantastische Weltentwürfe, ebenso wie Texte, die eine radikale Reduktion der Perspektive suchen, bis auf den Nullpunkt des Erzählens. Angesichts dieses Reichtums und vieler überraschender Entdeckungen ist die Longlist auch eine Einladung der Jury, dieses große Spektrum zu erkunden.“ Weiterlesen

Die Stunde der Idealisten

Volker Weidermann: Traeumer

Volker Weidermann beschreibt in seinem Buch „Träumer“ die wenigen Monate zwischen November 1918 und Mai 1919, als in München eine Handvoll beherzter Idealisten nach der Macht griff, um eine bessere Welt zu schaffen. Und die damit dramatisch scheiterten.

Eine der eindrucksvollsten Szenen des Buches finden wir gleich im ersten Kapitel: Kurt Eisner, Journalist, Schriftsteller und Pazifist, besetzt mitten in der Nacht mit einer Gruppe Getreuer den bayerischen Landtag. Schon fast verwirrt über diesen leichten Erfolg übernehmen sie den notdürftig beleuchteten, leeren Sitzungssaal und entwerfen eine Proklamation für die Republik. Eine gespenstische Situation. In den frühen Morgenstunden ruft Eisner den bayerischen Freistaat aus, mit sich als Regierungschef. Es ist November 1918 und auf den Straßen herrscht das Chaos. Weiterlesen

Menschen auf der Flucht

Sebastiao Salgado: Exodus

Ist es möglich, sich dem Thema Flucht und Migration auf eine künstlerisch anspruchsvolle Weise zu nähern? Darf man das überhaupt, ohne die Tragik zahlloser menschlicher Schicksale zu ästhetisieren? Oder hilft es den von unzähligen Nachrichtenmeldungen abgestumpften Betrachtern ihr Mitgefühl zu bewahren? Ein Buch möchte ich hier vorstellen, das in herausragender Form klar macht, was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen – auf der Flucht vor Krieg, Folter und Tod oder auf der Suche nach einem Stückchen Hoffnung auf ein besseres Leben. Es ist der Photoband „Exodus“ von Sebastião Salgado, der bereits 2000 erschienen ist und 2016 vom Taschen Verlag neu aufgelegt wurde. Und in Zeiten, in denen Zynismus und Menschenverachtung zunehmend die Politik dominieren, ist dieses Werk aktueller denn je. Weiterlesen

Abgetaucht im Literaturmeer

Deutscher Buchpreis: Abgetaucht im Literaturmeer

Momentan herrscht etwas Ruhe hier auf Kaffeehaussitzer. Der Grund dafür ist auf dem Beitragsphoto zu sehen: Ein ganzer Berg leerer Kartons. Kartons, die mit Büchern gefüllt waren. Bücher, mit denen ich mich beschäftigen darf. Denn in diesem Jahr habe ich die große Ehre und das große Vergnügen, Jurymitglied des Deutschen Buchpreises zu sein. Und damit ist jede, wirklich jede freie Minute mit Lesen ausgefüllt. Im Februar hatte ich schon angekündigt, dass sich daher ab April die Beiträge im Blog etwas rar machen könnten – damals wusste ich noch nicht, was da wirklich auf mich zukommen würde. Weiterlesen

Der Zeit nicht mehr gewachsen

Lucy Fricke: Toechter

Es geschieht manchmal, aber nicht oft: Man beginnt abends mit einem neuen Buch, versinkt vollkommen darin und klappt es komplett durchgelesen mitten in der Nacht wieder zu. Bei „Töchter“ von Lucy Fricke war es genau so. Am Tag danach war ich zwar furchtbar müde, aber es hat sich gelohnt. Jede Seite. Jedes Wort.

Ich hatte sowieso vor, den Roman zu lesen. Bald. Dann landete ich beim abendlichen Durchforsten der Literaturblogs wieder einmal bei buchrevier, wo Blogger Tobias Nazemi Lucy Frickes Buch vorstellte – so begeisternd, dass ich „Töchter“ direkt aus dem Berg der Buchvorräte hervorgezogen habe. Weiterlesen

Welten hören auf

Jewgeni Jewtuschenko: Welten hoeren auf

Der Tod ist ein Mysterium, das uns das ganze Leben begleitet und das wir nie ergründen werden, so oft wir es auch versuchen. Vor vielen Jahren arbeitete ich als Altenpflegehelfer und begleitete eines Nachts einen alten Menschen auf seinem letzten Weg. Ich werde den Augenblick nie vergessen, als er ein letztes Mal tief ausatmete, es klang wie ein Seufzer der Erleichterung. Dann war alles still. Damals legte ich mein Ohr auf seinen Brustkorb und hörte kein Herz mehr schlagen. Der alte Mann war gegangen. Und gleichzeitig konnte ich spüren, dass er im selben Raum war wie ich, jedenfalls noch eine kurze Zeit. Es war ein vollkommen friedlicher Moment. Ein Moment, den ich nie vergessen werde.

Schon davor hatte ich viel über den Tod nachgedacht, nur ein paar Jahre zuvor war mein Vater gestorben. Gleichzeitig fühlte sich damals, mit Anfang zwanzig, die eigene Vergänglichkeit wie etwas Unwirkliches an, wie etwas, das noch nicht einmal vage am Horizont zu erkennen war. Obwohl diese Vergänglichkeit die einzige Gewissheit in unserem Leben ist.

Seitdem sind über zweieinhalb Jahrzehnte vergangen. Inzwischen weiß ich, dass jedes Jahr, jeder Tag ein Geschenk ist. Und wenn man mitbekommen hat, wie das Leben von Menschen, die man kannte – sei es gut oder nur flüchtig – zu Ende gegangen ist, bevor sie alt werden konnten, dann wird man sehr demütig. Nächstes Jahr ist mein fünfzigster Geburtstag. Aber nicht alle meiner Freunde und Bekannten von früher sind noch da. Weiterlesen

Norsk Litteraturfestival

Norsk Litteraturfestival - Literaturfestival Lillehammer

Wo anfangen? Eine Literaturreise nach Norwegen liegt hinter mir; sie war so voller Eindrücke und unvergesslicher Momente, dass ich mich kaum entscheiden kann, über was ich als erstes berichten soll. Vielleicht beginne ich am besten mit einem persönlichen Highlight dieser Tage, das wiederum zurückführt in die eigene Lesebiographie, genauer gesagt zurück ins Jahr 1995. Damals war ich mitten in meiner Buchhändlerlehre und hatte das Buch „Der Choral am Ende der Reise“ von Erik Fosnes Hansen in die Hände bekommen. Die Geschichte, die anhand der fiktiven Lebensläufe der Titanic-Musiker von den blinden Zufällen des Lebens und der Unausweichlichkeit des Schicksals erzählt, hat mich seinerzeit vollkommen begeistert und nie wieder losgelassen. Nun, dreiundzwanzig Jahre später begleitete mich dieses Buch nach Norwegen. Und in einem Restaurant hoch über den Dächern Oslos schrieb Erik Fosnes Hansen mir eine Widmung hinein.

Aber ich gehe besser einen Schritt zurück und erzähle, wie das alles zustande gekommen ist und um was für eine Reise es überhaupt geht. Weiterlesen

Ein Mahnmal aus Papier

Volker Weidermann: Das Buch der verbrannten Buecher

Für das zentrale Spektakel war in Berlin auf dem Opernplatz ein großer Scheiterhaufen aufgebaut worden. Doch nicht nur dort, sondern in 30 deutschen Universitätsstädten loderten am Abend des 10. Mai 1933 die Flammen. Verbrannt wurden unzählige Bücher, die fanatisierte Studenten zuvor aus den Bibliotheken gezerrt hatten. Entweder waren ihre Autoren dem sich immer stabiler konstituierenden Nazi-Regime ein Dorn im Auge oder ihr Inhalt entsprach nicht „dem deutschen Geist“. Organisiert wurde die barbarische Aktion nicht von der NSDAP, sondern durch die Deutsche Studentenschaft, dem Dachverband der studentischen Selbstverwaltung. Diese Kampagne ist einer der Tiefpunkte unserer Geistesgeschichte, an Symbolik kaum zu überbieten.

Das Datum dieses widerwärtigen Schauspiels jährt sich 2018 zum fünfundachtzigsten Mal. Ein Grund, hier „Das Buch der verbrannten Bücher“ vorzustellen, mit dem Volker Weidermann den verfemten, verfolgten und zu einem nicht unbedeutenden Teil heute vergessenen Autoren ein Denkmal gesetzt hat. Natürlich eines aus Papier. Bereits vor zehn Jahren erschienen, ist es heute immer noch erhältlich und ich hoffe, dass dies noch lange so bleiben möge. Weiterlesen

Das Bovary-Projekt

Gustave Flaubert: Madame Bovary

„Madame Bovary“ von Gustave Flaubert ist einer der berühmtesten Romane der Literaturgeschichte. Bei seinem Erscheinen 1857 löste er einen Skandal aus, der Autor wurde wegen unmoralischen Verhaltens, insbesondere „Verherrlichung des Ehebruchs“ angeklagt und musste sich vor Gericht verantworten. Die Verhandlung endete mit einem Freispruch – und förderte natürlich die Popularität des Werkes enorm. Der Roman ist als Frühwerk des Realismus ein Meilenstein auf dem Weg in die literarische Moderne; Flaubert zieht sich als Autor auf die Rolle eines Beobachters, eines Chronisten der Ereignisse zurück und beschreibt das tragische Leben der Emma Bovary. Eine Frau, die an ihrer provinziellen Umgebung verzweifelt und auf der Suche nach Erfüllung alles opfert. Und eben jenes Stilmittel der bloßen Beschreibung – ohne Wertung und ohne moralische Richtschnur – sorgte für die Empörung der Öffentlichkeit, die es nicht gewohnt war, auf solche Weise einen Spiegel vorgehalten zu bekommen. Realistisch und ohne Verklärung.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 sprach ich mit BuchGeschichten-Booktuberin Ilke Sayan über „Madame Bovary“ und wir stellten fest, dass wir beide das Buch noch nie gelesen haben. So beschlossen wir, gleichzeitig mit der Lektüre zu starten und uns anschließend darüber auszutauschen. Die Idee war, im Gespräch über das Buch die weibliche und die männliche Leserperspektive miteinander zu vergleichen, Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Sichtweisen auszuloten. Daraus ist nun ein Film auf BuchGeschichten entstanden – mein erster Booktube-Auftritt, ich war ehrlich gesagt, etwas nervös und bewundere alle Menschen, die entspannt und ohne zu stocken vor der Kamera über Bücher sprechen. Und dieser Blogbeitrag, der parallel zum BuchGeschichten-Film veröffentlicht wird. Weiterlesen

Literaturszene Köln e.V.

Literaturszene Koeln e.V.

Welttag des Buches. Gibt es ein besseres Datum, um einen Verein zu ins Leben zu rufen, der sich als Interessenvertretung des literarischen Lebens einer Stadt versteht? Wohl nicht. Deshalb wurde am 23. April 2018 der Verein Literaturszene Köln e.V. gegründet. Vorbereitet und maßgeblich vorangetrieben haben dieses Projekt Bettina Fischer, Leiterin des Literaturhauses Köln, und Dorian Steinhoff, Autor und freiberuflicher Literaturvermittler. Zusammen mit anderen Beteiligten haben sie die Idee in den letzten zwölf Monaten weiterentwickelt, die formalen Voraussetzungen geschaffen, eine Satzung erstellt, Unterstützer an Bord geholt. Und nun ist es soweit: Der Verein betritt als neuer Akteur des Kölner Kulturlebens die Bühne. Der Kaffeehaussitzer hat die Ehre, eines der Gründungsmitglieder zu sein. Weiterlesen

Nach dem Lesen Hände waschen

Ottessa Moshfegh: Eileen

Eine junge Frau ist in Ottessa Moshfeghs Roman „Eileen“ mit ihrem Leben in einer Sackgasse gelandet, finster, trostlos und ohne Hoffnung, umgeben von Schmutz und Verfall. Bis sich eines Tages die Möglichkeit für einen Neuanfang bietet – allerdings vollkommen anders, als sie es sich hätte vorstellen können.

Der Kaffeehaussitzer gehört zum Blogger-Redaktionsteam des Magazins der Büchergilde Gutenberg. So ist dieser Beitrag über „Eileen“ ursprünglich entstanden: Als Text, der neugierig auf das Buch machen, den Lesern des Magazins eine Buchempfehlung geben soll. Doch wie empfiehlt man einen Roman, in dem es um Selbstmitleid, Alkoholismus, Schmutz, Verwahrlosung und eine vollkommen verfahrene Lebenssituation geht? Will man sich das als Leser zumuten? Ich sage: Unbedingt!, denn es ist ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte. Eines, bei dem von Beginn an eine unterschwellige Spannung mitschwingt, das einen ganz eigenen Sog entwickelt und bei dem ich von Seite zu Seite neugieriger wurde, wie es wohl ausgehen würde. Nachdem mich bereits „McGlue“, der Debütroman der Autorin, sehr beeindruckt hatte, war ich umso gespannter auf ihr neues Werk – und wurde nicht enttäuscht. Weiterlesen

Über das Reisen und das Schreiben

Autorin Tina Ger im brasilianischen Pantanal

Autorin Tina Ger im brasilianischen Pantanal / Photo: Vilma de Quadros

Ein Gespräch mit Blogbusterpreis-Kandidatin Tina Ger

Der Blog Kaffeehaussitzer ist einer der fünfzehn am Blogbuster-Preis beteiligten Literaturblogs. Autorinnen und Autoren haben insgesamt 180 unveröffentlichte Manuskripte eingereicht; jeder Blog musste sich für eines entscheiden, das er für die Longlist des Preises nominiert. Die Jury wird diese Manuskripte eingehend prüfen und daraus eine Shortlist aus drei Titeln erstellen. Einer dieser drei geht dann als Sieger aus dem Blogbuster-Wettbewerb hervor und erhält einen Verlagsvertrag beim Verlag Kein & Aber. Das Buch erscheint dann im Herbst 2018.

Ich habe den Roman „Das Angeln von Piranhas“ nominiert und nachdem ich bereits über das Manuskript und den Auswahlprozess berichtet habe, stelle ich nun die Autorin Tina Ger im Interview näher vor. Weiterlesen

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