Auf Rattenjagd

Der Spruch von den Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, hat sich selten in einer solchen Dimension bewahrheitet wie nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur im Jahr 1945. Unzählige Täter tauchten unter, vielen gelang es, das von ihnen zerstörte Europa zu verlassen und besonders in südamerikanischen oder arabischen Ländern Zuflucht zu finden. Hier siegte Politik über Gerechtigkeit: Anstatt so viele Nazis wie möglich an den verdienten Galgen zu bringen, duldeten die alliierten Geheimdienste den Mörder-Exodus, wenn sie ihn nicht gar unterstützten. Denn mit dem Triumph Sowjetrusslands und dessen Griff nach großen Teilen Osteuropas war eine neue Bedrohung der westlichen Welt am Horizont erschienen. Der Beginn des kalten Krieges zeichnete sich ab und flüchtende SS-Leute waren plötzlich potenzielle Verbündete im Kampf gegen den Bolschewismus. Natürlich nicht offiziell, aber es etablierten sich feste Fluchtrouten, etwa über die Alpen zu den italienischen Häfen. Mit tatkräftiger Unterstützung der katholischen Kirche und des italienischen Roten Kreuzes. Dies waren die sogenannen „Rattenlinien“.

Der gesamte Aspekt der Täterflucht aus Europa ist bisher nur wenig erforscht, bis heute liegen etliche Zusammenhänge im Dunkeln. Umso spannender ist daher, sich mit zwei Romanen dieser Zeit und diesem Thema zu nähern. Es sind dies „Rattenlinien“ des Autors Martin von Arndt sowie „Der vierte Mann“ von Stuart Neville.

„Rattenlinien“ von Martin von Arndt

Vor zwei Jahren habe ich mit dem Roman „Tage der Nemesis“ den Kommissar Andreas Eckart kennengelernt, einen kriegstraumatisierten, morphiumabhängigen Ermittler im Berlin des Jahres 1921. Dieser gebrochene Protagonist hatte mich fasziniert, jetzt treffen wir ihn in „Rattenlinien“ wieder. Viel Zeit ist seit der ersten Romanhandlung vergangen: Es ist der Winter zu Beginn des Jahres 1946, Eckart lebt seit vielen Jahren in den USA. Nachdem er sich mit seiner nazikritischen Einstellung in Lebensgefahr gebracht hatte, gelang es ihm, sich zu Beginn des „Dritten Reiches“ nach Arlington County zur Familie eines Freundes abzusetzen. Inzwischen 60 Jahre alt und nie richtig zur Ruhe gekommen wird er vom CIC, dem Nachrichtendienst der US-Army, gebeten, zusammen mit einem Mann vor Ort in den österreichischen Alpen nach Gerhard Wagner zu suchen, seinem früheren Kollegen. Dieser hatte ihn seinerzeit bei der Gestapo denunziert, später Karriere bei der SS gemacht und wird nun aufgrund seiner Kriegsverbrechen gesucht. Wagner soll dabei sein, sich über die „Rattenlinien“ nach Italien und dann nach Südamerika abzusetzen. Da es von ihm kaum Photos gibt, wird jemand benötigt, der ihn erkennen kann. Eckart übernimmt den Auftrag.

Als er nach Mitteleuropa zurückkehrt, findet er eine Welt in Auflösung. Zerstörte Städte und Dörfer, eine zusammengebrochene Infrastruktur, Ausgebombte, Flüchtlinge, Hoffnungslosigkeit. Und in den Alpen verschneite Straßen und unpassierbare Pässe. Eckart und sein Begleiter tasten sich voran, folgen Gerüchten, erhalten Hinweise, kollidieren mit Zuständigkeiten der verschiedenen alliierten Einrichtungen. Langsam merkt er, dass hinter den Kulissen ein ganz anderes Spiel abläuft, ein Spiel, in dem es um Politik und Machtstrukturen geht.

Der Autor hat sich intensiv mit dem Thema der „Rattenlinien“ beschäftigt. Als Leser kann man nur immer wieder entsetzt den Kopf schütteln, wie viele der am Holocaust beteiligten Barbaren straflos davon gekommen sind. Und wie weit der moralische Kompass den Unterstützern abhanden gekommen sein muss, um zuzulassen, dass dieser menschliche Abschaum nicht der Gerechtigkeit zugeführt werden konnte. Im Roman werden diese Strukturen Andreas Eckart immer klarer. Doch einmal Ermittler, immer Ermittler: Als er die Spur des Gesuchten aufgenommen hat, lässt er sich nicht mehr aufhalten. Von niemandem.

Ein spannendes Buch, das dem Leser einen wenig bekannten Teil der Nachkriegsgeschichte eindrucksvoll näher bringt.

„Der vierte Mann“ von Stuart Neville

Stuart Nevilles Kriminalroman „Der vierte Mann“ spielt im Irland des Jahres 1963. Eine Mordserie droht den Staatsbesuch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy zu überschatten; Grund genug für den irischen Justizminister, den Geheimdienst auf diesen Fall anzusetzen. Agent Albert Ryan übernimmt die Ermittlungen – er wird einiges zutage fördern, was er sich niemals vorzustellen gewagt hätte. Und nicht allen in der irischen Politik gefällt dies. Denn Irland hatte sich in der Nachkriegszeit als sicherer Hafen für untergetauchte Nazis etabliert, die dort ein regelrechtes Netzwerk aufgebaut haben. Alle Ermordeten stammen aus diesem Umfeld und Ryan stößt mit seinen Nachforschungen mitten hinein.

Mit der Figur Albert Ryans hat der Autor Stuart Neville einen klassischen Einzelgänger geschaffen, isoliert nach allen Seiten – spätestens, nachdem er während des Zweiten Weltkriegs freiwillig für die Briten gekämpft hatte, wird er von den meisten Iren schief angesehen.

„In Wahrheit war er sich nicht einmal sicher, ob er das vermisste, was die meisten Männer für ein Heim hielten. Frau und Kinder. Mauern, die sie beschützten. Er hatte sich daran gewöhnt, in Kantinen zu essen, auf dünnen Matratzen zu schlafen und nach den Befehlen seiner Vorgesetzten zu leben.“

Irland hatte sich aus dem Zweiten Weltkrieg herausgehalten, zu nah waren noch die Erinnerungen an die jahrhundertelange englische Unterdrückung, die erst nach einem blutigen Unabhängigkeitskrieg 1921 zu Ende gegangen war. Für viele Iren galt Nazi-Deutschland als Feind ihres Feindes, was dazu führte, das sich gesuchte NS-Verbrecher recht unbehelligt auf der Insel aufhalten konnten, solange sie unauffällig blieben. Die Mordserie droht sie in das Scheinwerferlicht öffentlicher Aufmerksamkeit zu ziehen, so dass die Nazi-Gemeinde auch ihrerseits versucht, die Mörder zu finden. Gegenspieler Albert Ryans ist dabei der ehemalige Waffen-SS-Offizier Otto Skorzeny, der sich zu dieser Zeit in Irland aufhielt. Durch seine legendäre Rücksichtslosigkeit   – die allerdings vor allem auf propagandistischer Ausschlachtung seiner Einsätze beruhte – genoß er auch bei seinen Gegnern soldatisches Ansehen, wobei geflissentlich seine Verstrickung in die deutschen Verbrechen übersehen wurde.

„Aber nicht Ryan. Er sah, was die Nazis getan hatten, sah die verkohlten Reste des vergewaltigten und verstümmelten Kontinents. Die Männer, Frauen und Kinder, all die menschlichen Wesen, die auf den Straßen umherzogen, ihre Habseligkeiten entweder in den Händen oder auf dem Rücken. Sie berichteten, was sie zurückgelassen hatten. Nicht das Hab und Gut, sondern die Leichen. Die Leichen derer, die sie liebten, jetzt den Hunden und Insekten überlassen. Ryan träumte noch immer davon. Er dankte Gott dafür, dass er nicht die Konzentrationslager betreten hatte. Über die verwüsteten Landstriche Europas hinweg verbreiteten sich die Geschichten über die lebendigen Skelette, die Massengräber und die halb verbrannten, halb verscharrten Leichenberge. Das hatten Männer wie Skorzeny getan. Freiwillig.“

Ein gut vernetzter Skorzeny trifft auf den Einzelgänger Albert Ryan. Eine geheimnisvolle Organisation begeht weitere Anschläge. Irische Untergrundkämper träumen von einem gesellschaftlichen Umsturz. Politiker mischen sich ein. Und eine unbekannte Frau wickelt Ryan um den Finger.

Aus diesen Zutaten hat Stuart Neville eine lesenswerte Geschichte geschaffen. Keinen actiongeladenen Thriller, sondern eine Story, die sich langsam entwickelt, die sich Zeit lässt für viele historische Details. Und genau das ist die Stärke von „Der vierte Mann“, denn der Roman zeigt uns einen Aspekt der irischen Geschichte, an den dort heute nur noch ungern erinnert wird, und der vielen Lesern neu sein dürfte. Er erinnert an eine Zeit, als eine Rattenplage die grüne Insel heimsuchte – um bei der Rattenlinien-Metapher zu bleiben. Braune Ratten auf der Flucht.

Bücherinformationen
Martin von Arndt, Rattenlinien
ars vivendi Verlag
ISBN 978-3-86913-724-7

Stuart Neville, Der vierte Mann
Aus dem Englischen von Armin Gontermann und WolfgangThon
Aufbau Taschenbuch
ISBN 978-3-7466-3251-3

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Bücher und Koffein

Buecher und Koffein

Photo: © Vera Prinz

Vor einiger Zeit hat mich Karla Paul für das Thalia-Online-Magazin Stories interviewt. Es ging – natürlich – um Bücher und Literatur, um Lieblingscafés, aber auch um das Bloggen, um den Weg ins Netz, um die Buchbranche, um das Leben. Die Fragen hatten mir sehr gut gefallen, zumal sie zum Nachdenken über das eigene Tun anregten. Und beim Wiederlesen nach wie vor anregen – weshalb ich das Interview heute leicht aktualisiert auf Kaffeehaussitzer veröffentliche. Die Redaktion des Magazins hatte es seinerzeit etwas gekürzt, die vollständige Version gibt es nun hier.

Viele Blogger starten ihre Seiten aus privater Leidenschaft zum Lesen – Du bist hingegen beruflich ausgebildeter Literaturliebhaber, genauer gesagt arbeitest Du schon seit 1993 in der Branche. Wie hat bei Dir damals alles angefangen und wohin haben Dich die Jahre getrieben? Weiterlesen

Regennasse Einsamkeit

Sven Heuchert: Dunkels Gesetz

Wenn die Menschen gehen, holt sich die Natur alles zurück. Häuser zerfallen, Straßen bekommen Risse, in denen das Unkraut sprießt, Büsche und Bäume überwuchern alles, Wege verschwinden, notdürftig erhalten die letzten Verbliebenen die Reste einer Infrastruktur am Leben, die eigentlich kaum jemand mehr braucht. Im Amtsdeutsch heißen solche Gegenden „strukturschwach“, für die Bewohner und für seltene Besucher wirken sie wie das Ende der Welt. Sven Heuchert schickt uns in seinem Roman „Dunkels Gesetz“ in genau solch eine Gegend, irgendwo in die Täler an der deutsch-belgischen Grenze, dort wo die Eifel am verlassendsten ist. Weiterlesen

Fluchtgedanken

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

Es war ein beeindruckender Abend, als Ilija Trojanow sein Buch „Nach der Flucht“ im Kölner Literaturhaus vorstellte. Selten habe ich erlebt, wie jemand in kurzer Zeit so viele brillante Gedanken perfekt auf den Punkt bringen kann. Gedanken, in einfachen Sätzen formuliert, dabei aber von solch einer intellektuellen Tiefe, dass der Abend wie das Buch sich nachhaltig im Gedächtnis verankern werden – denn das Nachdenken über die Folgen der Flucht für einen Geflüchteten ist ein Thema so alt wie die Menscheit. Und immer aktuell, besonders heute. Ilija Trojanow schafft es, in einem schmalen Buch von gerade einmal 125 Seiten das Trauma Flucht eindrucksvoll zu schildern. Denn für einen Flüchtling endet die Flucht nie wirklich, er ist der, der mit Akzent spricht, der einen anderen Namen trägt, eine andere Hautfarbe hat, nicht zurück kann und trotzdem für viele immer ein Fremder bleiben wird. Was wiederum zu der Frage führt, was eigentlich Heimat ausmacht, doch dazu später. Weiterlesen

Blogs als Literaturvermittler? Dreimal Treibgut

Treibgut: Literaturblogs als Literaturvermittler?

Das Internet wirkt manchmal wie ein riesiger Fluss, der ununterbrochen vorüberströmt. Ein Fluss aus unzähligen Beiträgen, Artikeln, Tweets, Posts, Texten aller Art. Vielleicht habe ich dieses Bild deshalb vor Augen, weil ich gerade die Bayou-Trilogie „Im Süden“ gelesen habe; die ersten Krimis von Daniel Woodrell, angesiedelt in einem fiktiven Ort im Mündungsgebiet des Mississippi. Und dieser gewaltige Fluss ist in der Handlung der Romane ständig präsent, Landschaft und Menschen prägend.

Aber heute soll es nicht um ein bestimmtes Buch gehen, sondern um das Treibgut, das einem der virtuelle Strom Internet ab und zu vor die Füße spült. Denn in den letzten Wochen waren es drei Textstücke, die kurz hintereinander bei mir landeten und in ihren gegenteiligen Aussagen so schön zueinander passten, dass ich sie hier miteinander verknüpfen möchte. Weiterlesen

Ein virtuelles Zuhause

Der Kaffeehaussitzer ist vier Jahre alt geworden. Kurz hatte ich überlegt, dies gar nicht groß zu thematisieren, da der Blog inzwischen solch ein selbstverständlicher Teil meines Lebens geworden ist. Aber gerade, dass dem so ist, erstaunt mich dann doch immer wieder aufs Neue. Als am 16. Juni 2013 der erste Beitrag online ging, hätte ich niemals geahnt, was für eine Bedeutung für mich das Bloggen einmal haben würde. Durch diese vier Jahre ist das Netz zu einer virtuellen Heimat und ist der Kaffeehaussitzer ein virtuelles Zuhause geworden. Und zwar eine Heimat, die ich mit vielen anderen literaturbegeisterten Menschen teile. Weiterlesen

Zeig doch mal die Bilder

Graphic Novels: Eine Bestandsaufnahme

Erst in den letzten zwei, drei Jahren habe ich die literarische Gattung der Graphic Novels für mich entdeckt. Nicht unbeteiligt daran waren die Blogs Muromez, Literaturen, Analog-Lesen und Papiergeflüster, die mich darauf neugierig machten. Und schnell habe ich dadurch staunend den Zutritt in eine mir bis dahin unbekannte Welt gefunden, eine Welt voller Überraschungen, vielseitig, bunt und spannend.

Dieser Prozess ist mir gerade bewusst geworden, als ich vor meinem Bücherregal stand, auf der Suche nach der nächsten Lektüre. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich inzwischen ein ganzer Stapel Graphic Novels darin angesammelt hat, wenn auch noch in bescheidenem Ausmaß; thematisch und künstlerisch vollkommen unterschiedliche Werke. Irgendwie ein guter Anlass für eine Bestandsaufnahme und eine kurze Vorstellungsrunde. Weiterlesen

Liebe in Zeiten des Überlebens

Isabelle Autissier: Herz auf Eis

Ein Paar nimmt sich ein Jahr Auszeit, kauft ein Schiff und startet zu einem Segeltörn um die Welt. Was traumhaft klingt, wird zu einem Alptraum, als die beiden bei einer Wanderung auf einer abgeschiedenen Insel ein heftiger Sturm überrascht. Nachdem sie sich aus ihrer Notunterkunft herauswagen, ist das Meer wieder ruhig. Und das Schiff verschwunden. So beginnt der Roman „Herz auf Eis“ von Isabelle Autissier. Weiterlesen

Eine Chance nutzen

Cynan Jones: Alles, was ich am Strand gefunden habe

„Alles, was ich am Strand gefunden habe“ von Cynan Jones ist eines dieser Bücher, bei denen man erst einmal tief durchatmen muss, wenn die letzte Seite gelesen ist. Zumindest mir ging das so. Nachdem mich schon der Vorgänger „Graben“ sehr begeistert hat, war ich gespannt auf den neuen Roman – und wurde nicht enttäuscht. Ganz und gar nicht. „Alles, was ich am Strand gefunden habe“ ist eine düstere Geschichte voller erhabener Momente; eine Geschichte, die unter die Haut geht. Und die man nicht so schnell wieder aus dem Kopf bekommt. Erhaben sind die Beschreibungen der walisischen Landschaft, düster die Schicksale dreier Männer.

Die Handlung beginnt mit dem Fund einer übel zugerichteten Leiche an einem Strand irgendwo in Wales. Was war geschehen? Das erfahren die Leser nach und nach, wobei von Beginn an eine unterschwellige Anspannung in jedem Satz mitschwingt. Denn schnell spitzt es sich auf die Frage zu: Für wen geht es nicht gut aus? Wer wird am Ende als Leiche am Strand liegen? Weiterlesen

Bügeln mit Pearl Jam

Buegeln mit Pearl Jam

Kaum eine Tätigkeit im Haushalt kann ich so wenig leiden wie das Bügeln. Man könnte auch sagen, dass ich es hasse. Wenn man aber in einem Alter ist, in dem zerknitterte Hemden nicht mehr unangepasst, sondern eher ungepflegt aussehen, bleibt einem von Zeit zu Zeit leider nichts anderes übrig, als sich an diese ungeliebte Arbeit zu machen.

Das Gute dabei: Zwar haben in der Wohnung längst Spotify & Co. Einzug gehalten, neben dem Bügelbrett steht aber das unverwüstliche CD-Regal mit seinen Schätzen aus der Vergangenheit. Und so ist das Bügeln meist begleitet von unglaublich lauter Musik (so wie früher) mit entspanntem Headbangen (fast so wie früher). Frank Goosen hat in seinem wunderbaren Buch „So viel Zeit“ passende Worte dazu geschrieben: „Musik brachte einen in Kontakt zu jemanden, den man früher gekannt hatte, dem Jemand, der man gewesen ist, bevor man der wurde, der man jetzt war.“ 

Und genau so ist es. Jeder von uns kennt sie wahrscheinlich, die Erinnerungen, die man mit bestimmter Musik verbindet und die sofort wieder präsent vor einem stehen. Als wären nicht Jahre oder Jahrzehnte vergangen, sondern nur ein paar Wochen.

Als ich kürzlich wieder einmal das Bügeleisen einsteckte und den Lautstärkeregler nach rechts drehte, war dieses Erinnern, dieses Gefühl der Verbundenheit mit der eigenen Geschichte allerdings so intensiv wie nur ganz selten zuvor. Weiterlesen

Land in Trümmern

George Packer: Die Abwicklung

Bücher mit USA-Bezug werden zur Zeit gerne mit dem Versprechen beworben, Aufklärung über das in unseren Augen unverständliche Verhalten der Trump-Wähler zu liefern. Denn es ist und bleibt nur schwer nachvollziehbar, wie ein solch vulgärer Mensch mächtigster Mann der Welt werden konnte. Das Buch, das ich hier vorstellen möchte, ist bereits 2013 erschienen. Und trotzdem gibt es wie kein anderes Auskunft über ein Land im Niedergang, über die Vereinigten Staaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts. George Packer schafft es in „Die Abwicklung“ die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA von den 1970er-Jahren bis heute anschaulich und spannend darzustellen. Und danach wird einem als Mitteleuropäer so einiges klar. Oder zumindest klarer. Weiterlesen

Blogbuster-Preis: Ein Fazit

Blogbuster-Preis 2017: Ein Fazit

Der Sieger steht fest: Der Autor Torsten Seifert hat mit seinem Manuskript „Der Schatten des Unsichtbaren“ den Blogbuster-Preis 2017 gewonnen! Er erhält einen Vertrag mit der Literaturagentur Elisabeth Ruge und sein Buch wird im Herbstprogramm von Klett-Cotta/Tropen erscheinen. Die Jury-Begründung und einen Bericht über die Preisverleihung im Hamburger Literaturhaus gibt es auf der Seite des Blogbuster-Preises.

Ich gratuliere Torsten Seifert herzlich zu seinem Sieg. Der Plot seines Manuskripts – ein Reporter aus L.A. wird in den 4oer-Jahren nach Mexiko geschickt, um herauszufinden, wer B. Traven war – klingt alleine von der Beschreibung her schon so, dass ich das Buch auf jeden Fall lesen möchte. Ist B.Traven doch eines der geheimnisvollsten Pseudonyme der Literaturgeschichte und sich die Suche nach dieser mysteriösen Person als literarische Annäherung auszudenken, halte ich für eine sehr gelungene Idee. Und bin gespannt auf das Buch, das zur Frankfurter Buchmesse gedruckt vorliegen wird. Weiterlesen

Leiden im luftleeren Raum

Plötzlich war es da, wie aus dem Nichts aufgetaucht: Selten war ein Buch einer bis dahin kaum bekannten Autorin so präsent in Blogs und Medien wie Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“. Vorab-Schwärmereien, Besprechungen, Schilderungen von Leseerfahrungen, Gespräche über die Gefühle, die das Buch auslösen würde; es war mir schon fast zu viel, denn wenn alle, wirklich alle über einen Roman sprechen, meint man gerne, ihn gar nicht mehr selbst lesen zu müssen. Erst als dann in den Blogs buchrevier und Buzzaldrins Bücher erste kritischere Stimmen auftauchten, wurde ich neugierig. Und nachdem ich in einer Buchhandlung die ersten Seiten gelesen hatte, wollte ich wissen, wie es weitergeht, denn sie haben eine Art Sog erzeugt, dem ich mich nicht entziehen konnte. Weiterlesen

Graphic-Novel-Werkstattbericht

Arne Jysch und Volker Kutscher: Der nasse Fisch - Graphic Novel

Es ist noch nicht so lange her, seit ich Graphic Novels als Literatur- und Kunstform für mich entdeckt habe. Gleichzeitig bin ich begeisterter Leser der Krimireihe rund um den Ermittler Gereon Rath. Wenn dann der erste Band dieser Reihe – „Der nasse Fisch“ – als Graphic Novel erscheint und wenn Zeichner und Romanautor gemeinsam das Werk im Kölner Literaturhaus vorstellen – dann ist ja klar, dass ich mir diesen Abend auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Und jede Minute hat sich gelohnt; es war eine ungemein spannende Veranstaltung, die den zahlreich erschienenen Zuhörern und Zuschauern die Entstehung einer Graphic Novel auf eine beeindruckende Art näher gebracht hat. Weiterlesen

Suppen für Syrien

Suppen fuer Syrien

Gelegentlich müssen sich Buchblogger den Vorwurf anhören, sich vor den Marketingkarren der Verlage spannen zu lassen. Nun ja, Nörgler wird es immer geben, weshalb ich das Thema nicht vertiefen möchte. Zumal ich in folgendem Text ganz bewusst Werbung für ein Buch machen werde, nämlich für das Kochbuch „Suppen für Syrien“. Das viel, viel mehr ist als ein Kochbuch: Eine Hilfskampagne für Kinder und Jugendliche in dem verwüsteten Land mit seinen kriegsversehrten Menschen.

Dieses Hilfsprojekt ist von Barbara Abdeni Massaad ins Leben gerufen worden, einer in Beirut und Florida lebenden Photographin und Kochbuchautorin. Sie hatte damit begonnen, in einem nahe ihrer Beiruter Wohnung liegenden Flüchtlingslager für und mit den Menschen dort zu kochen. Suppen vor allem; nahrhaft, einfach und tröstend. Es geschah aus dem Wunsch heraus, zu helfen, den syrischen Flüchtlingen in dem provisorischen Lager zu zeigen, dass jemand an sie denkt. Weiterlesen

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