Suppen für Syrien

Suppen fuer Syrien

Gelegentlich müssen sich Buchblogger den Vorwurf anhören, sich vor den Marketingkarren der Verlage spannen zu lassen. Nun ja, Nörgler wird es immer geben, weshalb ich das Thema nicht vertiefen möchte. Zumal ich in folgendem Text ganz bewusst Werbung für ein Buch machen werde, nämlich für das Kochbuch „Suppen für Syrien“. Das viel, viel mehr ist als ein Kochbuch: Eine Hilfskampagne für Kinder und Jugendliche in dem verwüsteten Land mit seinen kriegsversehrten Menschen.

Dieses Hilfsprojekt ist von Barbara Abdeni Massaad ins Leben gerufen worden, einer in Beirut und Florida lebenden Photographin und Kochbuchautorin. Sie hatte damit begonnen, in einem nahe ihrer Beiruter Wohnung liegenden Flüchtlingslager für und mit den Menschen dort zu kochen. Suppen vor allem; nahrhaft, einfach und tröstend. Es geschah aus dem Wunsch heraus, zu helfen, den syrischen Flüchtlingen in dem provisorischen Lager zu zeigen, dass jemand an sie denkt.

Als sie mit ihrem amerikanischen Verleger darüber sprach, entstand daraus die Suppen-für-Syrien-Sammlung. Bekannte Kochbuchautoren wurden zusammengetrommelt und gemeinsam eine Rezeptsammlung geschaffen, von deren Verkaufserlösen ein großer Teil an die Flüchtlingshilfe der UNO gespendet wurde.

Die in zahlreiche weitere Länder vergebenen Lizenzausgaben wurden jeweils angepasst und um Rezepte der dort bekannten Köche und Köchinnen ergänzt. Dies erfolgte auch bei der nun vorliegenden deutschen Ausgabe, das Buch „Suppen für Syrien“ ist allerdings für den deutschen Buchmarkt nicht nur angepasst, sondern vollkommen neu layoutet und wunderschön gestaltet worden. Initiiert wurde die deutsche Ausgabe von Rafik Schami, der sich als gebürtiger Syrer schon lange mit der von ihm gegründeten Hilfsorganisation Schams e.V. für Kinder in Syrien einsetzt; ein kleiner, aber feiner Verein, bei dem man sich sicher sein kann, dass die Hilfe vor Ort auch ankommt und nicht in irgendwelchen Organisationsstrukturen versickert.

Eine weitere, sehr beeindruckende Besonderheit der deutschen Ausgabe: Der DuMont-Verlag verzichtet komplett auf Verkaufsgewinne, Gestalterin, Lektorin, Photographin verzichten auf ihre Honorare, Verlagsvertreter auf ihre Provisionen: Die Erlöse fließen zu hundert Prozent an Schams e.V. Rafik Schami hatte Tränen der Rührung in den Augen, als er dies bei der Buchpremiere, die ich in Köln erleben durfte, verkündet hat. Und auch die Erlöse der Premiere, ausgerichtet von der Buchhandlung Olitzky, wurden gespendet. Ganz nebenbei: Diese Buchhandlung ist einer dieser Orte, wo man Bücher zu findet, von denen man vor Betreten des kleinen Buchladens noch gar nicht wusste, dass man sie unbedingt brauchen wird.

Dort habe ich auch „Suppen für Syrien“ gekauft – und gleich ausprobiert. Es ist eine wunderbar zusammengestellte Rezeptsammlung mit achtzig Suppen aus aller Welt. Darin finden sich etwa eine Artischocken-Suppe von Alexis Couquelet, eine persische Bohnensuppe von Greg Malouf, eine Berliner Erbsensuppe von Elisabeth Raether, eine karibische Fischsuppe von Wendy Rahamut, eine griechische Osterlamm-Suppe von Aglaia Kremezi, ein marokkanischer Kalbseintopf von Christian Rach, ein Gondi von Yotam Ottolenghi und Sami Tamimi, eine Karotten-Ingwer-Suppe von Zeina El Zein Maktabi, eine Rote-Linsensuppe aus Aleppo von Aziz Hallaj, eine Pastinaken-Brennessel-Suppe von Sarah Wiener, und, und, und. Fenchel, Avocados, Spargel, Lauch, Maronen, Rote Beete, Steckrüben, Süßkartoffeln – alleine beim Anschauen der Bilder läuft einem schon das Wasser im Mund zusammen.

Suppen sind ein Symbol. Ein Symbol für Gastfreundschaft, für gemeinsames Essen; mit Suppen lässt sich auch mit einfachen Mitteln eine größere Menge Menschen bewirten, Suppen machen satt und zufrieden. Oder wie Rafik Schami im Vorwort schreibt: „Eine Suppe tröstet.“

Bei der schon erwähnten Buchpremiere ging es nicht nicht um einzelne Rezepte – auch wenn in der Pause zwei Suppen aus dem Kochbuch gereicht wurden. Es ging um Syrien und seine Menschen. Rafik Schami sprach über eine verschwundene Welt, über seine Kindheit in Damaskus; „Damaskus ist ein Fundbüro der Kulturen, in 12.000 Jahren kamen und gingen 37 Völker“. Er schilderte sein Viertel, in dem christliche, muslimische und jüdische Kinder zusammen spielten und es niemanden interessierte, zu welcher Glaubensrichtung seine Freunde gehörten. Schami ist ein begnadeter Geschichtenerzähler und was er beschrieb, klang wie das Ideal des menschlichen Zusammenlebens. Und wir können nur hoffen, dass es irgendwann wieder so sein wird. Nicht nur in Syrien.

Jetzt erleben die Menschen dort seit Jahren Barbarei von allen Seiten, müssen mitansehen, wie ihre Kinder, Eltern, Freunde sterben; wie ihre Heimat in Schutt und Asche gebombt wird. Unsere Politiker schauen dabei zu: Anstatt Haltung zu zeigen, versucht sich die EU aus allem herauszuhalten, aber „Schweigen ist nicht weise, sondern feige“.

Ortswechsel: Nur einen Tag nach der Buchpremiere von „Suppen für Syrien“ hat der Schriftsteller Matias Énard auf der Leipziger Buchmesse den Leipziger Preis zur Europäischen Verständigung erhalten. Sein damit ausgezeichneter Roman „Kompass“ ist eine hymnische Würdigung der west-östlichen Beziehungen, der über die Epochen hinweg existierenden Verbindungen zwischen Abend- und Morgenland. Warum ich das erwähne? In seiner Dankesrede waren einige Sätze enthalten, mit denen ich diesen Beitrag beenden möchte, weil sie – leider – so viel Wahres enthalten.

„Wir vergessen, dass Europa, die Königstochter, an den südöstlichen Ufern des Mittelmeers geboren wurde. Dass der Mittelmeerraum, der kulturelle und sprachliche Raum, den seine Ufer bilden, ein äußerst lebendiger und wichtiger Teil unserer Geschichte ist, und dass Europa, wenn es diesen Teil vergisst und sich eine ausschließende Identität schafft, wie man sich in einen Mantel der Einbildung hüllt, sich selbst zu einer Art Einsamkeit verdammt. Eine Festung wider Willen. […]

Heute zerstören die Verheerungen des Krieges die Ufer der Königstochter – Syrien steht in Flammen. Wir haben Syrien aufgegeben, es wie einst den Libanon oder Bosnien der Zerstörung und dem Schmerz überlassen. Die Europäer sind oft traurige Zuschauer. Sie sollten trotzdem nicht vergessen, dass jenes Europa, das sich den Namen der geraubten Orientalin angeeignet hat, ursprünglich der Errichtung des Friedens diente, und dass Frieden Mut und Überzeugung verlangt. Lernen wir denn nie etwas aus den Massakern? Niemals? Ziehen wir keine Konsequenzen aus der Zerstörung dieses Landes, aus den Hunderttausenden von Toten, den Millionen von Flüchtlingen? Können wir den Frieden nur auf einem so begrenzten Geviert sichern, dass er weder die Ukraine, noch die Türkei, den Sudan oder Mali einschließt? Können wir nicht anders für Sicherheit sorgen als durch Vorherrschaft und Imperialismus?“

Zu Beginn hatte ich ja angekündigt, Werbung für dieses Buch machen zu wollen. Deshalb schließe ich mit der Bitte: Kauft „Suppen für Syrien“! Es mag nur ein winziger Tropfen auf dem heißen Stein sein, in diesem Fall auf die verbrannten, geschundenen Steine, die einst blühende Städte waren. Aber viele Tropfen bringen Linderung, zumindest ein kleines bisschen.

Im letzten Teil des Buches gibt es eine beeindruckende Bilderstrecke der photographierenden Herausgeberin mit Portraitphotos von Menschen aus dem Flüchtlingslager, in dem die Hilfskampagne „Suppen für Syrien“ ihren Anfang nahm.

Buchinformation
Barbara Abdeni Massaad (Hrsg.), Suppen für Syrien
Mit einem Vorwort von Rafik Schami
DuMont Verlag
ISBN 978-3-8321-9925-8
Das Buch kostet 34 Euro für einen guten Zweck.
Überall im Buchhandel erhältlich.

Schams e.V.
Verein zur Förderung und Unterstützung von syrischen Kindern und Jugendlichen
schams.org

Zehn Sekunden mit Paul Auster

Paul Auster: 4321

Nach 1259 Seiten war das Buch zu Ende. Zugeklappt lag es vor mir und ich verabschiedete mich schweren Herzens von Archie Ferguson. Es fiel mir schwer, wir hatten einige Wochen miteinander verbracht, waren Vertraute, Freunde geworden. Aber jetzt musste ich ihn ziehen lassen, ihn, den vierfachen Helden aus Paul Austers „4 3 2 1“. Was für ein Roman! Und jetzt überlege ich seit ein paar Tagen, wie ich darüber schreiben soll. Wie sich einem Werk nähern, das bereits seit Wochen in Blogs und im Feuilleton besprochen und hochgelobt wird. Einer der ersten, der über „4 3 2 1“ berichtet hat, war Jochen Kienbaum auf lustauflesen.de und er gelangte zum Fazit: „Das schreibe ich selten bis nie: 4321  ist ein Meisterwerk!“ Und dem schließe ich mich von ganzem Herzen an.

Ein Meisterwerk also. Aber warum? Was macht dieses Buch so besonders, so anders? Natürlich ist die Sprache brillant, seitenlange Sätze, die trotzdem ungekünstelt wirken, die den Leser mitnehmen; schon beinahe atemlos liest man und liest und merkt erst beim Umblättern, dass es immer noch derselbe Satz ist. Aber vor allem ist der Roman ein Spiel mit der Realität in einer Form, die man so noch nie gelesen hat. Paul Auster erzählt die Lebensgeschichte Archie Fergusons von seiner Geburt im Jahr 1947 bis zum Neujahrsmorgen 1970. Und zwar gleich vier Mal. Vier Versionen gibt es von Archies Leben, jedes Kapitel existiert in vier Ausführungen. Zu Beginn unterscheiden sie sich nur durch Nuancen; winzige Stellschrauben, an denen der Autor dreht, die dann aber dafür sorgen, dass die Lebensläufe immer weiter auseinanderklaffen, sich immer stärker voneinander unterscheiden. Als Leser blättert man oft zurück, etwa, wenn man zu Beginn von Kapitel 4.3 sich erinnern möchte, wie Kapitel 3.3 ausgegangen war. Das sorgte bei mir dafür, dass dieser Roman am Ende vollgestopft mit Lesezeichen war; alles Mögliche an Papierschnipseln, die ich in den Wochen des Lesens gerade so zur Hand hatte.

Die Zeit von Archies Aufwachsen in Newark, New Jersey, und in New York fällt zusammen mit einer Zeit gravierender gesellschaftlicher Umwälzungen in den USA. Vietnamkrieg, Rassenunruhen bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, politische Verwerfungen, von der Polizei niedergeknüppelte Studentenproteste – es ist die Epoche, in der die behäbigen Wirtschaftswunderjahre der 50er-Jahre abgelöst werden von einer Dynamik, die außer Kontrolle gerät und das Land nachhaltig verändern wird. Vor diesem Hintergrund sucht Archie – egal welcher – seinen Platz, seine Rolle und hadert mit sich, mit seinen Vorstellungen, mit dem Erwachsenwerden und dem Erwachen seiner Sexualität; muss Schicksalsschläge verkraften, familiäre Dramen aushalten. Manches ist allen Archies gemeinsam: Die Liebe zu Büchern, zur Literatur, zu Texten, die ein Leben verändern können. Und zum Baseball.

Nicht alle der vier Archies überleben. Dies wird schon aus dem Titel deutlich, der vier, drei, zwei, eins herunterzählt. Das hat mich besonders berührt, denn es hat eine Erinnerung wieder hervorgeholt, die mich schon lange beschäftigt – und wohl mein ganzes Leben lang beschäftigen wird. Gleich mehr dazu.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich über diese Was-wäre-wenn-Fragen im eigenen Leben schon immer viel nachgedacht habe. Ich finde es faszinierend, diese Scheidepunkte seines Lebens zu identifizieren, von denen an alles anders verlaufen wäre. Seien es eigene Entscheidungen für oder gegen einen Weg, eine Beziehung, eine neue Arbeit, seien es die von anderen, die einem den Job oder den Studienplatz in einer anderen Stadt gegeben haben. Oder eben auch nicht. Wer wäre man dann heute? Wie wäre man? Und wo? Wen anderes würde man kennen? Klar ist es müßig darüber nachzudenken, aber ist es nicht so, „dass die Welt wie sie war, allenfalls ein Bruchteil der Welt sein konnte, da das Wirkliche auch aus dem bestand, was sich hätte ereignen können, aber nicht ereignet hatte, und dass ein Weg nicht besser oder schlechter war als ein anderer, aber das Qualvolle daran, in einem einzigen Körper am Leben zu sein, war, dass man sich zu jedem beliebigen Zeitpunkt auf nur einem Weg befinden musste, auch wenn man auf einem anderen hätte sein und einem ganz anderen Ort hätte entgegengehen können.“

Vielleicht. Und jetzt komme ich zu der Erinnerung, die mich schon so lange beschäftigt. Es war im Winter 1985, ich war sechzehn und habe nie, unter gar keinen Umständen das Haus ohne Walkman oder Musik verlassen. Auf meinem Schulweg musste ich durch eine Unterführung die Eisenbahnlinie unterqueren. Im Winter waren die Stufen vereist und es war einfacher, über den Zaun zu klettern und über die Schienen zu laufen. An dieser Stelle konnte man in beide Richtungen kilometerweit schauen, von daher war es eigentlich eine gefahrlose Sache. An einem dieser Wintertage war ich auf dem Rückweg von der Schule, die Musik dröhnte im Kopfhörer, die Sonne schien, der freie Nachmittag lag vor mir. Wie immer kletterte ich über die Absperrung und lief über die beiden Gleise. Aus irgendeinem Grund allerdings ohne in beide Richtungen kilometerweit zu schauen.

Es ist inzwischen 32 Jahre her, aber ich sehe immer noch die blonde Frau mit Kinderwagen auf der anderen Seite, die mit weit aufgerissenen Augen schrie. Wobei ich nur den geöffneten Mund wahrnehmen konnte, da die Musik ja so laut war. Ich wunderte mich und fragte mich, was sie wohl haben mochte, lief ungerührt weiter, wunderte mich erneut über ein paar unmelodische, signalhornartige Töne im Hintergrund und hatte Sorge, dass etwas mit der Kassette oder dem Walkman nicht in Ordnung sein könnte. Ich sehe das alles wie in Zeitlupe vor mir, sehe mich selbst über den hüfthohen Zaun steigen, an der blonden Frau vorbeilaufen, die mich vollkommen entgeistert anstarrte. Etwa zehn Sekunden oder zehn Schritte später – und das sehe ich nicht mehr in Zeitlupe – raste der Güterzug vorbei.

Ich hätte den Schlag wahrscheinlich gar nicht einmal gespürt. Diese zehn Sekunden waren eine der kleinen, aber immens wichtigen Stellschrauben des eigenen Lebens. Zufall? Schicksal? Glück? Wer kann das sagen?

Das alles hat jetzt eigentlich nichts mit Paul Austers Roman zu tun. Doch indirekt schon, denn es gibt dort Versionen von Archie Fergusons Leben, die vorzeitig abbrechen, wie ausgeknipst enden.

Und seitdem, seit diesem Buch frage ich mich, in welcher Version meines Lebens ich mich jetzt wohl befinden mag. Diese zehn Sekunden jedenfalls begleiten mich seit diesem sonnigen Wintertag. Oder wie Paul Auster schreibt: „Die Zeit bewegte sich in zwei Richtungen, denn jeder Schritt in die Zukunft beinhaltete eine Erinnerung an die Vergangenheit.“

Der Beitrag ist jetzt ganz anders geworden, als gedacht. Aber das ist vielleicht ganz gut so, denn ich glaube, anders als auf die persönliche Art hätte ich mich diesem epochalen Werk nicht zu nähern getraut, wäre dieser Vielschichtigkeit und überbordenden Fabulierlust Austers nicht gerecht geworden. Es ist wahrlich das Opus Magnum eines Schriftstellers, dessen „New York Trilogie“ oder „Musik des Zufalls“ mich seinerzeit begeistert haben, von dem ich aber seit Langem nichts mehr gelesen hatte. Und plötzlich ist er wieder da, erobert sich einen Ehrenplatz im Buchregal und bringt auch gleich noch eine Menge Gedanken über das eigene Leben mit. Man braucht ohne Zweifel einen langen Atem für die 1259 Seiten mit Archie Ferguson. Aber jede einzelne lohnt sich.

Buchinformation
Paul Auster, 4 3 2 1
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel,
Werner Schmitz, Karsten Singelmann
und Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-00097-4

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Besuch bei Liebeskind

Besuch beim Liebeskind Verlag

Ganz exakt weiß ich nicht mehr, wann ich das erste Buch aus dem Liebeskind Verlag in die Hände bekommen habe. Aber sehr genau erinnere ich mich daran, sofort vollkommen begeistert gewesen zu sein. Es sind Bücher, wie sie sein sollen: Inhalt, Gestaltung, Papier, Geruch, Haptik – alles passt perfekt zusammen und machen jedes zu einem kleinen Gesamtkunstwerk. Und bis auf wenige Ausnahmen haben bisher fast alle meinen Lesegeschmack exakt getroffen. Deshalb wollte ich schon lange wissen, wer sich eigentlich hinter dem Verlagsnamen verbirgt. Als ich kürzlich beruflich einige Tage in München war, ergab sich ein Termin für einen Besuch. So stieg ich im dämmrigen Licht eines Märznachmittags die Holztreppe eines alten Hauses irgendwo in der Nähe des Marienplatzes hoch, hörte das Fischgrätparkett unter meinen Füßen knarren und stand schließlich vor der Türe des Liebeskind Verlags. Ich war gespannt. Weiterlesen

Familien.Geschichte

Per Leo: Flut und Boden

Viele Leser kennen das: Man ist hin- und hergerissen von einem Roman; während der Lektüre kann man gar nicht genau beschreiben, was einem an dem Werk gefällt, ist aber gleichzeitig davon fasziniert. Doch ist es nicht gerade das, was ein gutes Buch ausmacht? Dass es einen nicht loslässt, auch wenn man beim Lesen merkt, dass es völlig anders ist als erwartet? Dass man es auch danach nicht wieder vergisst und auch viele Monate später noch darüber nachdenkt; eine Stimmung verinnerlicht hat, die nachschwingt. So ging es mir mit „Flut und Boden“ von Per Leo. Ich habe es vor über einem Jahr gelesen und merke, dass es zu den Büchern gehört, die mir nachhaltig im Kopf geblieben sind. Ein guter Grund also, es endlich hier vorzustellen. Weiterlesen

Blogbuster: Ein Cafégespräch

Blogbuster-Autor Gunnar Kaiser mit Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski

Photo: Markus Loosen

Der Blogbuster-Preis geht in die nächste Runde, inzwischen steht die Longlist fest. 14 spannende und sehr unterschiedliche Texte von 14 Autorinnen und Autoren sind zusammengekommen und Anfang Mai werden wir wissen, wen die Jury zum Blogbuster 2017 kürt. Der Kaffeehaussitzer hat Gunnar Kaisers Manuskript „Unter der Haut“ für die Longlist eingereicht – in einem anderen Beitrag wurde der Text ausführlich vorgestellt; dort habe ich begründet, was ihn für mich so besonders macht und warum er für mich ein klarer Favorit ist. Jetzt wollte ich etwas mehr zur Enstehung von „Unter der Haut“ wissen und habe dem Autor ein paar Fragen gestellt. Wir trafen uns in einem Café und führten ein langes und intensives Gespräch, bestellten einen zweiten Kaffee; wir redeten vor allem über seinen Roman, über literarische Vorbilder, das Schreiben und Obsessionen. Wer etwas mehr über die Person des Autors erfahren möchte, findet ein Portrait auf der Blogbuster-Seite. Und Schriftstellerin Melanie Raabe hat ihn für ihren Blog Biographilia ausführlich befragt. Weiterlesen

Monolog im Trinkerhirn

Ottessa Moshfegh: McGlue

Krass. Um dieses Wort inflationär zu benutzen bin ich etwas zu alt. Aber als Einstieg in diesen Beitrag passt es perfekt, denn besser kann man den Roman „McGlue“ von Ottessa Moshfegh eigentlich kaum beschreiben. Kostprobe? „Das Schiff legt ab. Ich klammere mich an der Reling fest und kotze, spucke Gift und Galle, während ich dem vorbeirauschenden Wasser zuschaue, bis kein Land mehr in Sicht ist. Eine kurze Zeit ist alles friedlich. Dann will etwas in mir sterben. Ich drehe den Kopf und huste. Zwei Zähne fallen mir aus dem Mund und rollen wie Würfel übers Deck.“

Direkt auf der ersten Seite ist diese Textstelle zu finden, als der Ich-Erzähler McGlue aus einem Vollrausch aufwacht und sich danach in der Zelle des Schiffes wiederfindet, auf dem er als Seemann angeheuert hat. Angeklagt des Mordes an seinem Freund Johnson. Was folgt, ist ein 141 Seiten langer Monolog, das Selbstgespräch eines Mannes, den der Alkohol zerstört hat und in dessen Verlauf nach und nach zu Tage kommt, was eigentlich passiert ist. Oder auch nicht. Weiterlesen

Abenteuergeschichten vom Feinsten

Arturo Perez-Reverte: Capitan Alatriste

Es ist höchste Zeit für diesen Beitrag, denn mit großem Schrecken musste ich feststellen, dass zwei meiner absoluten Lieblingsbücher nicht mehr lieferbar sind. Das ist mir völlig unverständlich, gehören doch „Alatriste“ und „Das Gold des Königs“ von Arturo Pérez-Reverte mit zum Besten, was historische Romane mit literarischem Anspruch zu bieten haben. Oder anders gesagt: Es sind Abenteuergeschichten vom Feinsten, die in einer Reihe stehen mit Werken der Weltliteratur wie Stevensons Schatzinsel oder Dumas‘ drei Musketieren. Weiterlesen

„Unsere Demokratie muss die Fäuste oben halten“

Mit Volker Kutscher durch Köln-Klettenberg

Durch Köln-Klettenberg mit Volker Kutscher – ein Autorenspaziergang

Hier auf Kaffeehaussitzer habe ich mich schon mehrmals mit der Krimireihe rund um den Ermittler Gereon Rath beschäftigt. Die im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheinende Reihe ist ein spannendes und faszinierendes Projekt, denn der Autor Volker Kutscher schafft es damit, die verhängnisvollsten Jahre in der deutschen Geschichte am Beispiel seiner Protagonisten zu erzählen. Gemeinsam mit Gereon Rath erleben wir das Ende der Weimarer Republik und den Weg in die Dunkelheit der Nazi-Diktatur. Und das alles verpackt als spannende Kriminalfälle mit akribisch recherchiertem historischen Hintergrund.

Im Herbst 2016 fragte mich Philipp Rusch – der sich bei Kiepenheuer & Witsch um die zahlreichen Social-Media-Kanäle kümmert – ob ich Interesse hätte, mich einmal mit Volker Kutscher zu treffen und aus dem Gespräch einen Beitrag für den KiWi-Blog zu verfassen. Klar, dass ich sofort zugesagt habe und herausgekommen ist dabei ein Text über das Schreiben, über Zeitgeschichte und den Bezug zum Heute, über Köln und Berlin. Und natürlich über Gereon Rath. Im November 2016 wurde der Beitrag im KiWi-Verlagsblog veröffentlicht; jetzt gibt es ihn auch hier. Weiterlesen

Im Dunkeln

Andreas Pflüger: Endgueltig

Um gleich einmal mit der Tür in Haus zu fallen: „Endgültig“ von Andreas Pflüger ist einer der besten deutschen Kriminalromane, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Punkt.

Wer es etwas ausführlicher mag: Es liegt nicht nur an dem spannenden und vor allem temporeichen Plot, dem man mit seiner gekonnten Verdichtung die jahrelange Erfahrung des Schriftstellers als Drehbuchautor anmerkt. Es ist vor allem die Protagonistin Jenny Aaron, Mitglied einer Eliteeinheit der Polizei,  die mich stark beeindruckt hat. Andreas Pflüger hat mit ihr eine starke Figur geschaffen, hart im Nehmen und gleichzeitig am Rande der Verzweiflung stehend. Denn sie ist blind. Oder vielmehr, sie wird es bei einem fehlgeschlagenen Einsatz, mit dem der Roman beginnt. Weiterlesen

Neues aus den USA

Neue Bücher von T.C. Boyle, Paul Auster, Jonathan Safran Foer und Hanya Yanagihara

Ich war noch niemals in New York. Und noch niemals in San Francisco. Oder in Chicago. Noch niemals in den USA, außer einmal vier Stunden lang auf dem Flughafen von Los Angeles beim Warten auf den Anschlussflug nach Neuseeland. Durch unzählige Bücher und Filme fühlen sich die USA trotzdem stets irgendwie vertraut an, keine Ahnung wie oft ich mit Roman- oder Filmhelden schon in New Yorker Cafés saß, schnurgerade Straßen in eine endlose Weite hinein gefahren bin oder die Golden Gate Bridge im Nebel auftauchen sah.

Die USA sind für mich immer ein Sehnsuchtsort gewesen, trotz ihrer Doppelmoral, wegen der es unter 21-Jährigen zwar möglich ist, eine Waffe zu besitzen, nicht aber ein Bier zu kaufen. Oder trotz ihrer Prüderie, übertriebenen, weltfremden Political Correctness oder einer bornierten Religiösität, die das eigene Land in den Mittelpunkt stellt und dabei ausblendet, wie viel Elend die Außenpolitik Amerikas über die Welt gebracht hat. Aber Literatur aus den USA ist ein wesentlicher Bestandteil meines persönlichen Kanons. Einer, den ich auf keinen Fall missen möchte, der mich mit geprägt hat, auch wenn ich noch nie in dem Land war, das in so vielen Geschichten in meinem Kopf vorkommt.

Die meisten von uns schauen gerade fassungslos über den Atlantik und sehen, wie eine jahrhundertealte Demokratie durch einen blondierten Egomanen und seine Helfershelfer demontiert oder zumindest schwer beschädigt wird. Jeden Tag prasseln neue Nachrichten von Ungeheuerlichkeiten auf uns ein. Wobei man natürlich nicht vergessen darf, dass ein sehr großer Anteil der Amerikaner es gut findet, was da gerade geschieht. Was das Ganze noch schwerer verständlich macht.

Aber das hier soll keine Analyse des politischen Zustands des land of the free and the home of the brave werden, sondern dieser Beitrag möchte daran erinnern, dass nach wie vor auch Gutes aus den USA kommt – Gutes in Form von großartiger Literatur. Weiterlesen

Eine Entscheidung treffen

Blogbuster-Preis: Der Longlist-Titel des Blogs Kaffeehaussitzer

Das ist ein Beitrag, den ich eine Weile vor mir her geschoben habe, weil er mir nicht leichtfällt. Denn es musste eine Entscheidung getroffen werden. Und gleichzeitig freut er mich auch, denn ich habe eine literarische Entdeckung gemacht. Es geht um den Blogbuster-Wettbewerb und um den Titel, der durch den Blog Kaffeehaussitzer der Jury vorgelegt wird. Weiterlesen

Europas offene Wunde

Zwei Bücher: Yuri Dojc und Katya Krausova, Last Folio und Alter Kacyzne, Poyln

Gerne wird momentan von der abendländischen Kultur Europas geredet, um unsere Identität gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen abzugrenzen. Und gerne wird dabei auf den christlich-jüdischen Hintergrund unserer kulturellen Entwicklung hingewiesen. Dabei drücken diese Wörter eine Symbiose aus, die es so nie gab; die vor dem Hintergrund eines jahrtausendealten europäischen Antisemitismus wie blanker Hohn wirkt. Es ist eher so, dass in Europa trotz aller Anfeindungen und Verfolgungen eine lebendige jüdische Kultur existierte, die erst durch den industrialisierten Massenmord des Holocaust so dezimiert wurde, dass sie heute nur noch vage wahrnehmbar und in vielen Gegenden – insbesondere Osteuropas – vollkommen verschwunden ist. Zwei Bücher möchte ich hier vorstellen, eines, das auf eindrucksvoll photographierte Art und Weise letzte Spuren dieser Welt zeigt, Zeugnisse des Verfalls und des endgültigen Verschwindens. Und eines, das uns an jene verschwundene Welt in seltenen Photographien erinnert. Weiterlesen

Im Lawinenwinter

Das Buch "Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod" von Gerhard Jäger erzählt vom Lawinenwinter 1951

Das Buch „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ von Gerhard Jäger ist der Roman, der mich von allen Büchern in den letzten Monaten am meisten begeistert hat. Dabei wäre er beinahe an mir vorbeigegangen, wenn nicht Bloggerkollegin Mareike Fallwickl ihn auf Facebook als ihre nächste Lektüre angekündigt hätte, ich neugierig nachfragte, worauf Buchhändlerin Nina Merks meinte, ich würde das Buch lieben. Wir haben uns im realen Leben noch nie gesehen, trotzdem kennen wir unsere Lesevorlieben gegenseitig so gut, dass ich umgehend in eine der Buchhandlungen meines Vertrauens spaziert bin und das Buch gekauft habe. Und was soll ich sagen, sie hatte recht. Und wie. Weiterlesen

Die Festival-Macherinnen

Interview mit Nathalie Widmer, einer der beiden Macherinnen von Zürich liest.

Die Macherinnen von ZÜRICH LIEST: Nathalie Widmer (links) und Violanta von Salis. Photographin: Ayse Yavas

Der Besuch des Lesefestivals »Zürich liest 2016« als einer von fünf offiziellen Blogger-Kooperationspartnern war für mich eines der Highlights des letzten Jahres. Meine Bloggerkolleginnen und ich haben drei intensive Tage voller Literatur erlebt und darüber auf unseren Blogs berichtet; vor Ort über unsere Twitter-, Facebook- und Instagram-Kanäle in Echtzeit das Lesefest ins Netz getragen. Einen ausführlichen Bericht über »Zürich liest« gab es hier bereits im vergangenen November. Heute geht es um einen Blick hinter die Kulissen dieses literarischen Ereignisses: Die Festival-Macherinnen Violanta von Salis und Nathalie Widmer, die das größte Lesefest der Schweiz konzipieren und organisieren, habe ich in Zürich kennengelernt. Und Nathalie Widmer hat mir ein paar Fragen beantwortet. Weiterlesen

Ein Buch für unsere Zeit

Ian Kershaw: Höllensturz

Seit über sieben Jahrzehnten herrscht in Europa weitgehend Frieden. Allen Auswüchsen des Kalten Krieges, den Balkankonflikten der Neunziger oder den ehemals bürgerkriegsähnlichen Zuständen Nordirlands zum Trotz: Dass sich Europas Länder gegenseitig zerfleischt und den Kontinent an den Rand des vollkommenen Zusammenbruchs gebracht haben, scheint endlos lange zurückzuliegen. So lange, dass man zu vergessen beginnt, was für ein fragiles Gebilde dieser Friede ist. In Zeiten zunehmender Abschottung, der Rückkehr des Nationalismus, vor dem Hintergrund des Brexit und der Erfolge dumpfrechter Parteien liefert uns der Historiker Ian Kershaw ein Werk, das uns die europäische Geschichte im 20. Jahrhundert nahebringt. Es ist auf zwei Bände angelegt; der erste Band trägt den passenden Namen „Höllensturz“ und beschreibt den Zeitraum zwischen 1914 und 1949. Packend und mitreißend geschrieben, lehrreich ohne professoral-dozierenden Tonfall zeigt er uns, wie Europa den Weg in den Abgrund beschritten hat. Zweimal. Weiterlesen

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