Ein Tag bei Suhrkamp

eintagbeisuhrkamp23#eintagbeisuhrkamp – so der Hashtag – begann schon am Vorabend. Genauer gesagt, am Abend des 19. Mai 2016 auf dem Platz vor dem Deutschen Theater in Berlin. Von allen Seiten tauchten vertraute Gesichter auf, fünfzehn Literaturblogger hatte der Suhrkamp Verlag nach Berlin geladen. Die meisten davon kannten einander bereits persönlich, es gab Umarmungen zur Begrüßung, Schulterklopfen, Lachen. Dann startete auch gleich das Programm, das Demian Sant’Unione, bei Suhrkamp für Online-Marketing und Bloggerkontakte zuständig, für uns vorbereitet hatte. Mit einem Theaterbesuch.

Im Zuge des Theatertreffens brachte das Ensemble der Münchner Kammerspiele „Mittelreich“ auf die Bühne des Deutschen Theaters in Berlin; die Bühnenfassung des Romans von Josef Bierbichler, 2013 bei Suhrkamp erschienen. Eine sehr beeindruckende Aufführung; nach mehrjähriger Theaterabstinenz hat dies mein Interesse an der Schauspielkunst wieder neu geweckt. Einen sehr schönen Bericht über das Stück und die Inszenierung hat Jochen Kienbaum in seinem Beitrag über das Bloggertreffen auf lustauflesen.de veröffentlicht.

Überhaupt haben meine lieben Bloggerkolleginnen und -kollegen schon ausführlich über unseren Suhrkamp-Tag berichtet. Etwa Mara Giese auf Buzzaldrins Bücher, Ilja Regier auf Muromez oder Vera Lejsek auf Glasperlenspiel13. Über die Gespräche, die wir einen spannenden Freitag lang führten. Über die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verlags, die wir kennengelernt haben. Über das Herzblut, das in jedem Wort enthalten war, mit dem sie von ihrer Arbeit erzählten. Egal, ob Christiane Schneider uns von ihrer Tätigkeit als Leiterin des Theaterverlags von Suhrkamp berichtete, Nora Mercurio die Feinheiten des Rechte- und Lizenzgeschäfts schilderte, Herstellungsleiterin Alexandra Stender uns die unendlichen Möglichkeiten der Buchgestaltung und Buchausstattung vorstellte, aber auch die Hektik der Produktion nicht verschwieg. Oder als uns Frank Wegner und Doris Plöschberger einen interessanten Einblick in die Arbeit des internationalen und deutschsprachigen Lektorats gaben.

Da ich selbst in einem Verlag arbeite und seit vielen Jahren in der Buchbranche tätig bin, sind mir die Arbeitsabläufe zwar vertraut. Aber mit welcher Leidenschaft die Genannten erzählten, das war schon etwas Besonderes. So wie auch Suhrkamp nicht nur einfach ein Verlag ist, sondern eine echte literarische Institution. Und ein Unternehmen, das in den letzten Jahren einige Höhen und Tiefen hinter sich gebracht hat. Nach dem Umzug von Frankfurt nach Berlin, der dem Verlag einiges an frischer Energie eingebracht hatte, folgte ein dramatischer Gesellschafterstreit. Der nur beendet werden konnte, indem mit Hilfe neuer Regelungen des Insolvenzrechts die gesellschaftsrechtlichen Strukturen verändert wurden – ein mutiger Präzedenzfall, auf den 2014 die gesamte juristische Fachwelt gespannt geschaut hatte, inklusive des Fachverlags, für den ich tätig bin. Und der zum Glück zum Vorteil des Suhrkamp Verlags ausgegangen war.

Eine noch sichtbare Auswirkung des juristischen Tauziehens sind die Räumlichkeiten, die den Verlag in der Pappelallee 78-79 im Prenzlauer Berg beherbergen. Ein Zweckgebäude der Gründerzeit, früher ein Finanzamt, war als Übergangslösung vorgesehen, da nach dem Umzug mittelfristig ein eigenes Verlagshaus erworben werden sollte. Dies konnte aufgrund des Rechtsstreits bisher nicht verwirklicht werden, so dass die Verlagsräume nach wie vor den Charme des Provisorischen aussstrahlen. Schlichte Metallregale in den hohen Räumen, weitläufige, aber dunkle Flure, eine Verteilung über mehrere Etagen bis hoch unter das ausgebaute Dach. Aber überall, in allen Büros, in allen Gängen sind sie: Bücher, Bücher, Bücher; ein wunderbarer Anblick. Komplette Suhrkamp-Reihen in ihren prägnanten Gestaltungen, allen voran die edition suhrkamp, leuchtend wie ein intellektueller Regenbogen. Oder die Reihe Suhrkamp Wissenschaft in vornehmen dunklen Farben. Oder die gesamte Insel-Bücherei, ein wahrer Augenschmauß für jeden Bibliophilen. Oder. Oder. Oder. Ein Paradies.

Auf der Dachterrasse gab es für mich eine der kleinen persönlichen Zeitreisen, die ich so mag: 1999 wohnte ich für ein paar Monate in Berlin, hatte ein leeres Zimmer in einer WG, deren Bewohner gerade alle beruflich länger unterwegs waren. Lebte also alleine in diesem leeren Zimmer in der leeren Wohnung; unsanierter, grauer Altbau, knarrender Dielenboden, die Einrichtung bestand aus einer Matraze, einer Kiste Büchern und dem alten Schrankkoffer meines Großvaters, der mir lange Jahre als Kleidertruhe diente. Sonst nichts. Ich war Praktikant beim Aufbau-Verlag und fuhr jeden Morgen die Pappel- und die Kastanienallee entlang mit dem Fahrrad zur Arbeit. Direkt an dem Gebäude vorbei, in dem jetzt der – damals noch in Frankfurt ansässige – Suhrkamp Verlag logiert. Von dessen erwähnter Dachterrasse ich nun hinüber auf das Fenster meines damaligen Zimmers schauen konnte. Immer wieder erstaunlich, wie klein die Welt manchmal sein kann. Das gefällt mir. Immer wieder.

Unser Blogger-Familientreffen – so fühlte sich das an – ist jetzt ein paar Tage her. Welche Eindrücke sind geblieben? Natürlich veranstaltet ein Verlag solch ein Treffen nicht aus purer Nächstenliebe, Blogger sind Multiplikatoren und sollen für neue Bücher begeistert werden. Aber das stand nicht im Mittelpunkt, ganz und gar nicht. Es war vielmehr das Gefühl, das wir willkommen waren, ein Treffen zwischen Buchmenschen und Literaturbegeisterten. Ein Austausch, persönlich, spannend und interessant für alle Beteiligten. Dazu perfekt organisiert.

Und auch wenn ich mich wiederhole: Vor allem aber sind mir die Begeisterung und die Leidenschaft im Gedächtnis geblieben, mit der die Menschen, die wir bei Suhrkamp kennenlernten, von ihrem Beruf gesprochen haben. Eine Leidenschaft, die aber auch typisch ist für eine ganze Branche, bei der es eben nicht nur um Gewinnmaximierung geht, sondern um Inhalte. Um Texte. Um Literatur. Der Suhrkamp Verlag ist für mich das perfekte Beispiel dafür, das Verlage eben keine „Verwerter“ sind, als die sie gerade in letzter Zeit gerne bezeichnet werden. Sondern Partner der Autoren. Wer einmal erlebt hat, wie ein Manuskript in einem Verlag eingegangen und was am Ende daraus geworden ist, wird verstehen, was ich meine. Natürlich liegt die geistige Urheberschaft alleinig beim Autor, aber um aus einem Text ein Werk entstehen zu lassen, dieses zu lektorieren und zu redigieren, es zu gestalten und zu layouten, zu bewerben und zu verkaufen, den Autor bekannt zu machen, ihn aufzubauen – an diesem Prozess sind keine „Verwerter“ beteiligt, sondern engagierte Menschen in Verlagen. Und nur diese Zusammenarbeit macht einen Text zu einem Buch.

Für den Ausklang des Bloggertages wechselten wir die Adresse. Es ging in die Potsdamer Straße, wo der Suhrkamp Verlag in einem prachtvollen alten Haus, das gerade saniert wird, einen Veranstaltungsraum zur Zwischennutzung angemietet hat. Dort las die Autorin Emma Braslavsky aus ihrem neuen Roman, der im Herbst erscheinen wird. Nach zwei Gläsern Wein hieß es dann leider schon Abschied nehmen, ein paar Stunden später kam ich mitten in der Nacht wieder am Kölner Hauptbahnhof an. Müde, aber den Kopf voller Bilder dieses wunderbaren Tages.

Ein paar davon habe ich mit der Kamera festgehalten.

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Warum ich lese

Der Kaffeehaussitzer. Photo: Vera Prinz„Es gibt Menschen, für die ist Lesen eine Form des Zeitvertreibs. Für andere ist es ein Lebensinhalt. Zu diesen zähle ich mich auch, Lesen und Bücher sind für mich überlebenswichtig.“ Dies sagte ich kürzlich in einem Interview, das Karla Paul mit mir geführt hatte. Lebensinhalt klingt vielleicht ein wenig pathetisch, beschreibt aber treffend den Stellenwert, den Bücher und Literatur in meinem Leben haben.

Aber warum ist das so?

Die Frage nach dem Warum stellte Sandro Abbate, Betreiber des lesenswerten Literaturblogs novelero. In seinem sehr persönlichen Beitrag Warum ich lese erzählt er, wie und warum er zum Leser wurde und was dies für ihn bedeutet. Direkt nach der Lektüre seines Textes begannen die Gedanken in meinem Kopf sich um diese Frage, diese Aussage zu drehen. Und das ist jetzt dabei herausgekommen.

Warum ich lese

Aufgewachsen bin ich in einer Kleinstadt am Bodensee. Drei Dinge sind mir aus meiner frühen Jugend besonders im Gedächtnis geblieben: Die endlosen Sommer im Freibad, ausgedehnte herbstliche Streifzüge durch Wälder und Wiesen. Und unzählige Nachmittage in der Stadtbibliothek.

In meinem Elternhaus gab es nicht viele Bücher, ein paar Bertelsmann-Club-Ausgaben, ein paar Krimis, ein paar ungelesene Klassiker-Volksausgaben, das Übliche eben. Auch lesend habe ich meine Eltern kaum in Erinnerung. Aber sie haben mir als Kind vorgelesen, immer, Abend für Abend, und mir so den Samen der Begeisterung für das geschriebene Wort eingepflanzt. Der später aufgehen und unendlich viele Früchte tragen sollte, bis heute. Und sie haben mir schon früh einen magischen Ort gezeigt, jene Stadtbibliothek, in der ich meine gesamte Kindheit und Jugend über zum Dauergast wurde. Bücher waren meine ständigen Begleiter, die Protagonisten meine Freunde, neue Welten öffneten sich mit jedem Aufschlagen eines Buchdeckels. Neben der Bibliothek wurde die örtliche Buchhandlung der andere Lieblingsort; einen großen Teil des durch miserabel bezahlte Schülerjobs verdienten Geldes tauschte ich dort gegen Bücherschätze ein.

Diese intensive Leseszeit endete, als ich etwa sechzehn wurde, die darauf folgende Lesepause hatte ich in einem anderen Beitrag so beschrieben: „Dann war damit plötzlich Schluss, beinahe von einem Tag auf den anderen. Es wurde wichtiger, die Zeit mit Freunden zu verbringen, gemeinsam abzuhängen, sich in der Stadt zu treffen, durch die Gegend zu ziehen, unterwegs zu sein. Muße und Zeit für Bücher gab es da nicht mehr – und das war für den Moment auch so in Ordnung, denn es ging darum seinen Platz im Leben zu finden.“

Dachte ich. Allerdings sollte mir bald irgendetwas fehlen, eine Leere sich ausbreiten:
„Irgendetwas fehlte. Etwas für mich. Etwas, um sich zurückziehen zu können. Ein Lebensinhalt. Und als ich das nächste Mal wieder an einer Buchhandlung vorbeikam, lief ich nicht wie sonst daran vorbei, sondern ging hinein. Es war wie Heimkommen.“

Dieses Heimkommen ist jetzt schon über zweieinhalb Jahrzehnte her, Kindheit, Jugend und die mit ihnen verbundenen  Orte nur noch ferne Erinnerungen, aber seitdem habe ich nie wieder aufgehört zu lesen. Bücher sind wie gute Freunde, sie sind da, wenn man sie braucht. Es gibt Texte, die mir über Sinnkrisen hinweggeholfen haben und andere, die mich mit ihrer kristallklaren Schönheit einfach nur glücklich machen. Texte, die meine Persönlichkeit mit geprägt haben. Texte, die mich an gute und an weniger schöne Zeiten meines Lebens erinnern, weil sie untrennbar damit verbunden sind: Schriftgewordene Erinnerungen.

Leben ist Veränderung, Stillstand beendet das Leben. Bücher helfen mir dabei, nicht stillzustehen, sie bringen mich weiter, lassen mich andere Lebensentwürfe kennenlernen, mich teilhaben an fremden Schicksalen; sie erschließen mir neue Horizonte in der Gegenwart und in der Vergangenheit, verflechten sie miteinander, um die Zukunft zu verstehen.

Bücher lassen mich meinen Platz in der Welt finden.
Immer wieder aufs Neue.
In immer wieder neuen Welten.

Und darum lese ich.

Nur eine Lebenslüge?

Ladipo-WendeTrägt ein Buch den Titel „Wende“ denkt man unwillkürlich an die Ereignisse im Jahr 1989, an den Zusammenbruch der DDR und die deutsche Wiedervereinigung. Dies spielt im Roman von Eva Ladipo auch durchaus eine wichtige Rolle, im Mittelpunkt steht allerdings ein ganz anderer Umbruch: Es geht um Ursachen und Folgen der Energiewende, um Gewinner und Verlierer, um Macht und Abhängigkeit und um Politik. Die Autorin verknüpft die Geschehnisse beider Wenden miteinander, bietet dem Leser einen spannenden Polit-Thriller und legt gleichzeitig den Finger auf eine der großen Lebenslügen unserer Industrienation. Weiterlesen

Tosende Stille im Outback

Garry-Disher-Bitter-Wash-RoadWenn die Buchhändlerin in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens mir den Kriminalroman „Bitter Wash Road“ von Garry Disher nicht empfohlen hätte, dann wäre mir ein stilistisch und dramaturgisch perfekt komponiertes Buch entgangen. So aber durfte ich mich mehrere Lese-Abende im australischen Outback herumtreiben, die flirrende Hitze spüren und den Staub auf der Zunge schmecken. Und dabei sein, wenn Constable Paul Hirschhausen in einem Fall ermittelt, bei dem er hineinsticht in ein Nest aus Korruption, Rassismus und mühsam unterdrückter Gewalt. Weiterlesen

Jahr-Bücher

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In letzter Zeit tauchen sie vermehrt auf, die Bücher, die lediglich eine Jahreszahl als Titel tragen. Mit welchem hat es angefangen? Bewusst wahrgenommen habe ich es zum ersten Mal bei „1913“ von Florian Illies. Seitdem hat es etliche weitere Jahre gegeben, die zum Anlass genommen wurden, sie im Bezug auf den Verlauf der Geschichte darzustellen. Das Konzept finde ich reizvoll, denn es waren tatsächlich immer wieder besonders ereignisreiche Zeiten, die den Lauf der Dinge maßgeblich beeinflusst haben. Berühmte Vertreter sind 1968 oder 1989, keine Frage. Aber darüber hinaus gab und gibt es immer wieder Jahre, in denen sich entscheidende Ereignisse kumulierten oder die einfach repräsentativ für eine ganze Epoche stehen. Momentaufnahmen in Buchform.

Ich habe einmal einen Blick ins heimische Bücherregal geworfen und hier zusammengestellt, welche Jahr-Bücher sich bei mir angesammelt haben; Sachbücher vor allem, aber auch Romane: Eine kleine Rundreise durch die Geschichte. Weiterlesen

Der Tote am Strand

Daoud-Der-Fall-MeursaultMoussa Ould el-Assasse – das ist der Name eines der berühmtesten Toten der Literaturgeschichte. Er ist der am Strand von Algier erschossene Araber in Albert Camus‘ weltberühmtem Roman „Der Fremde“. Oder zumindest könnte das sein Name sein, denn bei Camus bleibt der von seinem Protagonisten Meursault Erschossene namenlos. Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud hat sich der Geschichte angenommen und stellt sie uns aus arabischer Perspektive dar, weshalb sein Buch den Titel trägt „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“. Ein Anspruch, der mich sofort neugierig auf den Roman machte, versprach er doch, mich auf eine Reise in die eigene Erinnerung mitzunehmen. Weiterlesen

We Read Indie

WeReadIndieWelttag des Buches. Und die vierhundertsten Todestage von William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Ich hatte mir eigentlich überlegt, deshalb für heute einen Beitrag vorzubereiten. Etwas zu diesem Anlass, zum Beispiel einen Bericht über die phantastische Macbeth-Verfilmung mit Michael Fassbender in der Hauptrolle. Ober über die wunderschöne, knapp hundert Jahre alte Don-Quichote-Ausgabe, die seit langem ungelesen mein Bücherregal schmückt. Aber daraus ist nichts geworden.

Dafür gibt es andere Neuigkeiten: Seit heute gehören nämlich die beiden Literaturblogs lustauflesen.de und Kaffeehaussitzer zum Redaktionsteam des Gemeinschaftsblogs We Read Indie! Unter der Überschrift „Indie-Zuwachs zum Welttag des Buches“ werden wir offiziell dort vorgestellt. Weiterlesen

Schuld und Reue

Owen-Sheers-I-saw-a-ManAls ich das Buch „I Saw a Man“ von Owen Sheers fertig gelesen hatte, musste ich erst einmal durchatmen. Dann aber gleich meine Begeisterung auf Twitter zum Ausdruck bringen, indem ich es dort als „absolute Leseempfehlung“ anpries. Daraufhin entspann sich eine Twitter-Diskussion, denn Bloggerkollegin Mareike Fallwickl war ganz und gar nicht dieser Meinung, sie fand den Roman „vorhersehbar, langweilig, mit blassen Figuren.“ Zwei Leser, zwei Meinungen, und das, wo ich ihre Buchempfehlungen in ihrem Blog Bücherwurmloch sehr schätze. Doch diesmal war es, als hätten wir komplett unterschiedliche Bücher gelesen – Begeisterung hier, vernichtende Kritik dort. Es ging auf Twitter hin und her, andere Leser klinkten sich ein, tendierten mal zur einen, mal zur anderen Seite, fanden das Ende nicht gelungen, aber schließlich waren 140 Zeichen doch zuwenig Platz, um dieses Buch angemessen vorzustellen. Deshalb erzähle ich jetzt hier, warum ich „I Saw a Man“ für sehr lesenswert halte. Natürlich ohne zuviel davon zu verraten.

Owen Sheers knüpft in „I Saw a Man“ ein Netz aus Tragik, Schuld und Reue, in dem sich seine Protagonisten verfangen; alles ist miteinander verwoben und verbunden, auch wenn sie sich zum Teil nicht kennen. Es ist die alte Frage nach der Ursache, dem Auslöser einer Tragödie, die dann immer weitere Kreise zieht. Ist es Schicksal oder Zufall? Eine Antwort gibt auch das Buch nicht, liefert aber ein eindrucksvolles Beispiel für eine genau solch dramatische Verkettung. Weiterlesen

Ein schemenhafter Gruß

Asbridge-Der-groesste-aller-RitterGemeinhin bezeichnen wir das Mittelalter als „finster“, zum einen, weil das Leben damals oft hart, kurz und entbehrungsreich war. Zum anderen aber auch, weil wir nicht viel darüber wissen. Aus alten Handschriften, Büchern, Aufzeichnungen oder durch die Arbeit der Archäologen lässt sich zwar einiges der damaligen Lebensverhältnisse rekonstruieren. Doch direkte Lebensbeschreibungen, also noch im Mittelalter verfasste Biographien, sind äußerst rar. Und genau das macht das Buch „Der größte aller Ritter“ von Thomas Asbridge zu einem fulminanten Leseerlebnis und zu einer Reise mitten hinein in diese „finstere“ Zeit. Wobei es interessant wäre, wie ein Mensch von damals wohl die heutige Weltlage beurteilen würde. Aber das ist ein anderes Thema.

Wer war „der größte aller Ritter“? Es ist die Lebensgeschichte Guillaume le Maréchals, aufgeschrieben im 13. Jahrhundert, die erste und wohl einzige bekannte Biographie eines Ritters, die während des Mittelalters niedergeschrieben wurde. Schon die Entdeckung der mittelalterlichen Handschrift, die das Leben Maréchals detailliert beschreibt, gleicht einem Krimi. Weiterlesen

Felsen, Schnee und Tod

PfeiferEin fünfzehnjähriges Mädchen aus Meran in Südtirol schneidet sich die Haare kurz, besorgt sich Männerkleidung und zieht in den Krieg, um den Vater an der Front zu suchen. Dies ist die wahre Geschichte von Victoria Savs, erzählt von David Pfeifer in seinem Roman „Die Rote Wand“. Es ist das Jahr 1915 und die „Front“ zieht sich quer durch die Dolomiten, über unzugängliche Bergspitzen, abgelegene Hochalmen, mitten durch unwirtliches Terrain. Hier stehen sich Österreicher und Italiener gegenüber. Und hier irgendwo ist Victoria Savs Vater stationiert, den das Mädchen finden möchte. Weiterlesen

Druckerschwärze und Digitalverlage

BuchstabenVier Jahre lang, von 1997 bis 2001, habe ich in Leipzig gelebt. Und obwohl diese Zeit inszwischen schon eine ganze Weile her ist, obwohl sich die Stadt seitdem sehr verändert hat, fühlt es sich auch heute jedes Mal wie Heimkommen an, wenn ich im riesigen Leipziger Hauptbahnhof aus dem Zug steige. Wie immer im März voller Vorfreude auf die trubeligen Tage der Buchmesse. „Manchmal gibt es so Orte, an denen alles irgendwie zusammenläuft. Für mich gehört Leipzig definitiv dazu. Immer wieder.“ Das hatte ich vor einem Jahr in einem Buchmessebericht geschrieben, und auch dieses Jahr verknüpften sich die Eindrücke zu einem inspirierenden und bereichernden Erlebnis.

Das wird jetzt aber trotzdem kein Messerückblick, denn da gibt es bereits die lesenswerten Texte auf lustauflesen.de, glasperlenspiel13 oder buchrevier. Bei vielen der von meinen geschätzten Bloggerkollegen geschilderten Begebenheiten war ich mit dabei, so dass ich sie hier nicht ein weiteres Mal beschreiben, sondern stattdessen über eine Art Zeitreise berichten möchte, die ich am Messesamstag erlebt habe. Und die meine Wahrnehmung ein großes Stück verändert hat. Weiterlesen

Vaters Land

JarawanAm plötzlichen und spurlosen Verschwinden seines Vaters droht ein Heranwachsender zu zerbrechen. Über zwanzig Jahre später macht er sich auf die Suche nach dem Verschwundenen, um sein zerrüttetes Leben in den Griff zu bekommen. So könnte man das Buch „Am Ende bleiben die Zedern“ von Pierre Jarawan mit ein paar dürren Worten zusammenfassen. Doch das würde diesem Roman mit seiner poetischen Sprache und einer bewegenden und dramatischen Geschichte in keinster Weise gerecht werden. Ganz und gar nicht. Weiterlesen

Völker, seht die Signale

Soviet-Photobook-1Der im Steidl Verlag erschienene, monumentale Band „The Soviet Photobook 1920 – 1941“ ist ein Photobuch. Über Photobücher. Über sehr besondere und sehr seltene Photobücher. Mikhail Karasik hat in jahrelanger mühsamer Kleinarbeit in russischen Archiven nach Photobänden aus der Zeit zwischen 1920 und 1941 gesucht, einer Epoche, in der die Photographie in die Propagandamaschinerie der Sowjetunion fest eingebunden war, in der aber auch Meisterwerke der Photokunst und der Gestaltung entstanden sind. Diese Bücher sind heute zu großen Teilen kaum noch bekannt und nur sehr schwer zu erhalten; es ist das Verdienst der Herausgeber mit dem vorliegenden Prachtband einen spannenden Einblick in diese Epoche der Photographie zu geben.

Durch die Bilderserie am Schluss dieses Beitrags kommt noch eine weitere Dimension hinzu: Ein Photoalbum zu einem Photobuch über Photobücher.

Soviet-Photobook-10 Soviet-Photobook-9

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Mit T.C. zurück ins Leseleben

T.C. BoyleHeute kommt es mir kaum vorstellbar vor, aber es gab einmal eine Zeit, in der ich jahrelang fast kein einziges Buch gelesen habe. In der ich beinahe die Freude am Lesen verloren hätte. Es ist schon ein Weilchen her, aber ich habe nie vergessen, welchem Autor ich es verdanke, aus dieser buchlosen Zeit wieder herausgefunden zu haben. Es war T.C. Boyle mit seinen fulminanten Werken „Wassermusik“ und „Grün ist die Hoffnung“. 2014 und 2015 sind beide Bücher neu aufgelegt worden, in neuer Übersetzung und in wunderschöner Ausstattung. Ein guter Grund, sich wieder an längst vergangene Jahre zu erinnern. Weiterlesen

Ein Vorhang der Wirklichkeit

Philip-K-Dick_OrakelJetzt bin ich tatsächlich über Amazon auf ein Buch aufmerksam geworden. Ausgerechnet. Wer schon öfters einmal hier war, der weiß, dass die Firma Amazon mit ihren rabiaten Geschäftspraktiken auf Kaffeehaussitzer nicht besonders wohlgelitten ist. Gleichwohl fand ich die Nachricht spannend, dass der Gemischtwarenkonzern aus Seattle jetzt als Film- bzw. Serienproduzent agiert, um sich im Streaminggeschäft Marktanteile zu sichern. Eines der ersten großen und offensiv beworbenen Serienprojekte ist „The Man in the High Castle“, die filmische Adaption des 1962 erschienenen, gleichnamigen Romans von Philip K. Dick. Eines Klassikers der phantastischen Literatur, der seit vielen Jahren in deutscher Übersetzung als „Das Orakel vom Berge“ vorliegt. Und von dem ich zuvor noch nie etwas gehört hatte.

Um was geht es? Es ist die Beschreibung, wie unsere Welt aussehen würde, wenn Nazi-Deutschland und Japan gemeinsam mit Italien den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten. Eine düstere Was-wäre-wenn-Dystopie, die einen komplett anderen Verlauf der Weltgeschichte schildert. Weiterlesen

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