Migrantenschicksale

Ulla Lenze: Der Empfaenger und Felix Kucher: Kamnick | Migrantenschicksale

Wirtschaftsflüchtlinge. Ein Wort für Menschen, deren Situation in ihrem Heimatland so perspektivlos ist, dass sie versuchen, sich in der Fremde eine menschenwürdige Existenz aufzubauen. Über ein Jahrhundert lang war Mitteleuropa eine Auswanderungsregion; Millionen dieser Wirtschaftsflüchtlinge ließen Deutschland  oder Österreich hinter sich, alle auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben. Es begann mit den großen Migrationswellen im 19. Jahrhundert als Folge der Verelendung durch die Industrialisierung, der Hungersnöte durch Missernten oder der politischen Unfreiheit.

In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts kehrten ebenfalls viele Auswanderer ihrer Heimat den Rücken. In ihren Ländern, die durch Kriegsfolgen, Inflation und Wirtschaftskrise geschwächt waren und im politischen Chaos zu versinken drohten, sahen sie für sich keine Zukunft mehr. Um zwei Menschen aus genau dieser Zeit geht es in den Romanen »Der Empfänger« von Ulla Lenze und »Kamnick« von Felix Kucher. Beide Bücher schildern auf unterschiedliche Weise, wie mühsam sich für diese Migranten ein Neuanfang gestaltete, wie wenig willkommen sie waren – und wie ihre Schicksale zu Spielbällen der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wurden.

Ulla Lenze: Der Empfänger

Im Sommer 1949 ist Josef Klein ist im Haus seines Bruders Carl gestrandet. Es ist ein kleines Haus, irgendwo im zerbombten Neuss, einer kleinen Stadt in der Nähe von Düsseldorf. Wenige Tage zuvor war er noch in New York gewesen, als Gefangener, als internierter Deutscher, der dann aus den USA abgeschoben wurde. Und jetzt ist er wieder dort, wo ein Vierteljahrhundert zuvor alles begann. Denn 1925 wollten die beiden Brüder gemeinsam auswandern, wollten der wirtschaftlichen Misere in Deutschland entkommen, einen Neuanfang wagen. Da verlor Carl bei einem Unfall ein Auge und hätte mit dieser Verletzung keine Chance bei den US-Einwanderungsbehörden gehabt. Und Josef ging alleine.

1949 begegnen wir einem Menschen, der das Gefühl hat, nirgendwo hinzugehören. Der in einer Mischung aus Rastlosigkeit und Fatalismus die Tage verbringt. Der innerlich auf dem Sprung ist, aber nicht weiß, wohin. Der gescheitert ist, aber sich weigert, dies als endgültig anzusehen. Nur eines ist Josef schnell klar: Seine ehemalige Heimatstadt ist nur eine Zwischenstation. In Rückblicken erfahren wir, wie es ihm seit der Ankunft auf Ellis Island mit Blick auf das überwältigende New Yorker Panorama ergangen war.

Der Anfang in New York im Januar 1925 war hart für Josef. Niemand wartete auf ihn, einen weiteren Migranten auf der Suche nach Arbeit und einem Dach über dem Kopf. Ulla Lenze beschreibt einfühlsam die Einsamkeit und Wurzellosigkeit des Ausgewanderten. Die zerplatzten Träume, die anfängliche Euphorie des Ankommens, die aufgefressen wurde von existenzieller Not. Irgendwie schaffte er es, sich über Wasser zu halten, irgendwann fand er einen Job in einer Druckerei, lebte in einem heruntergekommenen Apartment in East Harlem und die Jahre vergingen. Der große Traum des Neuanfangs war zu einem Alltag geschrumpft, in dem Josef irgendwie über die Runden kam. Immerhin.

Sein einziger Luxus war seine Funktechnik; er hatte sich durch Bücher gearbeitet, sich die Materialien besorgt und ein Funkgerät gebaut. Und erwies sich dabei als erstaunlich talentiert. Vor allem kompensierte er damit seine Einsamkeit, denn wenn er mit Menschen irgendwo im Funknetz anonym kommunizierte, vergaß er für ein paar Stunden, dass er zu einem Eigenbrötler geworden war, der planlos und für andere unsichtbar durch sein Leben stolperte. Nur manchmal dachte er an die erste Zeit nach seiner Ankunft in den USA: »Er konnte in diese Gefühle hineinwaten wie in einen See, dessen Wasser ganz langsam an ihm hochstieg. Als wäre alles noch ganz nah, und wenn er nicht aufpasste, könnte das, was er erreicht hatte, als Trugbild auffliegen, als Kartenhaus zusammenbrechen, als hätte er nichts erreicht, nur federleichtes Sein, das gegen nichts gefeit war.«

Kundenkontakte der Druckerei führen Josef hinein in die deutsche Community New Yorks und bringen ihn in Kontakt mit einer faschistischen Organisation, die begeistert die Entwicklungen im Deutschen Reich verfolgt. Es gibt viele Deutsche in New York, im Stadtteil Yorkville sind ganze Straßenzüge deutsch beschriftet. Zwischen Central Park und Second Avenue und zwischen der 70. und 90. Straße gibt es das »Café Geiger« oder die »Kleine Konditorei«, das »Jägerhaus«, den »Schwarzen Adler«, die »Lorelei«, Kinos, in denen deutsche Filme laufen, Brauhäuser und Bierkeller, man kann Blut- und Leberwurst kaufen und deutsche Zeitungen. Und es ist eine Gegend, mit der Josef nichts zu tun haben möchte, sein East Harlem mit seinen Jazzclubs und dem bunten Leben auf der Straße ist im lieber.

Natürlich sind viele der Deutschen in den USA keine Nazis, nicht einmal deren Sympathisanten. Doch durch das Auftreten faschistischer Gruppierungen entstehen antideutsche Ressentiments, von denen die gesamte deutschstämmige Community betroffen ist. Was gleichzeitig zum perfekten Nährboden für die Rekrutierungstaktiken der Abwehr wurde, wie der Auslandsgeheimdienst des »Dritten Reiches« hieß.

Dann beginnt der Zweite Weltkrieg.

»Er saß auf einer Couch in einer Wohnung in Harlem. Es hatte alles miteinander zu tun, und zum ersten Mal spürte er es.«

Und Josef Klein, der ein neues Leben anfangen wollte und sich in seiner Mittelmäßigkeit eingerichtet hatte, gerät ohne es zu wollen – und ohne es anfangs zu merken – aufgrund seiner Kenntnisse als Funker zwischen die Mahlsteine der Politik. Und hinein in einen Krieg hinter den Kulissen, den er nur mit viel Glück überlebt. Bis er 1949 wieder in Neuss landet, im Haus seines Bruders.

Geblieben ist seine Wurzellosigkeit, die Zeit bei seinem Bruder ist nur eine Etappe auf seinem Weg nach Südamerika, nach Argentinien – wo er wieder auf dieselben Nazigestalten treffen wird, die er schon in New York zu verachten gelernt hat. Aber die mit seinem Schicksal verbunden sind, ob er es will oder nicht.

Ulla Lenze hat einen wunderbar vielschichtigen Roman geschrieben. Sie schildert die Geschichte eines Menschen, der auf der Suche nach einem etwas besserem Leben zu einem Heimatlosen wurde: »Wie oft er irgendwo ankam und so tun musste, als sei es sein Zuhause.«

Und ganz nebenbei lässt die Autorin das New York der Dreißigerjahre auferstehen, so lebendig, als würde man sich selbst durch die geschäftigen Menschenmassen schieben, die die breiten Gehwege bevölkern.

Ganz große Leseempfehlung!


Felix Kucher: Kamnick

Es schon etwas her, seit ich den Roman »Kamnick« von Felix Kucher gelesen habe und ich wollte schon seit längerem etwas darüber schreiben – denn es ist ein Buch, das mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Im Zusammenhang mit der Buchvorstellung von »Der Empfänger« passt es jetzt perfekt, denn auch hier geht es um das mühsame Ankommen eines Auswanderers, der Mitte der Zwanziger Jahre sein Glück in der Fremde versucht. Diesmal in Argentinien, in Buenos Aires. Und diesmal handelt es sich um den Österreicher Anton, der aus dem südlichen Kärnten stammt, einer Gegend, in der nach dem Ersten Weltkrieg die Emotionen hochkochen und Ressentiments an der Tagesordnung sind.

Denn Anton stammt aus einer slowenischen Familie; einer Volksgruppe, die seit Jahrhunderten fest in Kärnten verwurzelt ist. Nachdem sich nach dem verlorenen Krieg 1918 das riesige Habsburgerreich fast über Nacht auflöste, entstand im Süden Österreichs das neugegründete Jugoslawien, das versuchte, die slowenischen Gebiete Kärntens zu annektieren. Schließlich kam es zu einer Volksabstimmung, bei der die Mehrheit der Kärntner Slowenen für einen Verbleib bei Österreich stimmte. Doch von den deutschnationalen Kräften wurden sie mit Misstrauen betrachtet; nach dem »Anschluss« Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 begann die Zeit der Unterdrückung bis hin zur Deportation, um die eigenständige slowenische Kultur zum Verschwinden zu bringen.

Als Anton 1925 den Plan fasst, die Armut seines Heimatortes hinter sich zu lassen, liegt dies alles noch in weiter Ferne. Doch die angespannte Situation zwischen slowenisch- und deutschsprachigen Österreichern ist im Roman deutlich spürbar. Dazu ist die Gegend wirtschaftlich abgehängt, die Dörfer sind heruntergekommen und bieten vielen ihrer Bewohner keine Zukunft. Eine eindrucksvolle Szene: Nach mehreren Monaten Arbeit auf einer Baustelle kommt Anton zurück in seinen Weiler, sieht im verschwindenden Abendlicht die zusammengeduckten, kleinen Häuser. »Es war zwar schon dämmrig, aber er konnte ihre Armseligkeit fühlen, wie Nebelfeuchte kroch sie ihm jetzt unter das Gewand.« Hier gibt es nichts für ihn.

Also Argentinien. Er lässt seine Familie zurück, seine Eltern, seine Schwester Bepa und seinen Bruder Josl. Niemanden von ihnen wird er wiedersehen.

Es beginnt ein mühseliger Weg, Anton kommt als Habenichts in Buenos Aires an, die Sprachbarriere scheint zu Beginn unüberwindlich, er wird gedemütigt, ausgebeutet, schuftet bis zum Umfallen, aber beißt sich durch, immer weiter – bis sich ganz sachte das erste Licht am Ende des Tunnels zu zeigen beginnt und er es schafft, sich nach und nach eine Existenz aufzubauen. Und eine Familie gründet. Während wir dies alles miterleben, schwenkt die Handlung immer wieder zurück nach Südkärnten. Denn es gibt in diesem Roman eine weitere Handlungsschiene. Eine, die erst parallel läuft und scheinbar nichts mit Anton zu tun hat. Es ist der Lebenslauf von Kamnick, einem überzeugten Nazi, der 1926 in München in die NSDAP eintrat und in den Dreißigern in Österreich mithilft, den Boden zu bereiten für das kommende Böse. Im südlichen Kärnten macht er sich an die Arbeit; skrupellos, gewalttätig, fanatisch – und dabei stets auf den eigenen Vorteil bedacht.

Jahre später erreicht eine weitere Auswanderungswelle Südamerika, vor allem Argentinien und Chile. Es waren die Nazischergen, die auf den sogenannten »Rattenlinien« ihrer verdienten Bestrafung zu entkommen suchten. Auch Kamnick wird dadurch 1945 nach Buenos Aires gespült – inzwischen ein gesuchter Mörder, der seine Untaten in der Uniform der braunen Machthaber verübte. Über drei Ecken lernt Anton – der inzwischen vor allem Spanisch spricht und darauf bedacht ist, in der multikulturellen argentinischen Gesellschaft aufzugehen – jenen Kamnick kennen. Er ahnt nicht, wen er da vor sich hat. Und auch nicht, wie eng ihre beiden Schicksale miteinander verbunden sind.

Felix Kucher verknüpft in »Kamnick« die großen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts mit den alltäglichen Sorgen der Menschen auf zwei Kontinenten. Das Besondere und Faszinierende an diesem ist Buch ist die Gleichzeitigkeit der Ereignisse, hier die Geschichte eines Migranten und dessen ganz langsamer Aufstieg in ein menschenwürdiges Leben; dort die  Daheimgebliebenen und der Weg in die Finsternis. Dazu kommt der kunstvolle Umgang mit zeitlichen Rückblenden und die in der Rückschau unaufhaltsam wirkende Verflechtung beider Erzählstränge – Literatur, die im Gedächtnis bleibt.

Und dazu gibt eine Stelle in dem Roman, über die ich regelrecht gestolpert bin und nach deren Lektüre ich direkt den Karton mit meinen Familienandenken durchsuchen musste:

»War Anton daheim noch der Exot und Querdenker gewesen, war er hier einer von vielen, ein Routinefall. Vermutlich schreiben alle Auswanderer in den ersten Tagen dieselben Ansichtskarten, vermutlich wählten viele die Karte mit dem Schiff auf dem sie alle ihrem Elend entflohen. Überall trafen dann fast zeitgleich dieselben Karten auf die Zurückgebliebenen mit derselben Botschaft: Sehr her, ich bin unterwegs, ich habe es geschafft. Und überall dachten die Empfänger mit Neid, Wehmut oder Verachtung an die Auswanderer.«

Genau solch eine Karte hat mein Großvater geschickt, als er sich 1931 auf den Weg nach Kanada gemacht hat, abgebildet ist das Schiff, auf dem er unterwegs war, gestempelt ist sie mit »posted at sea«. Die Empfängerin war seine Verlobte, meine Großmutter, die damals – wie ich dadurch weiß – in der Bismarckallee 19 in Berlin-Grunewald lebte, wo sie als Köchin arbeitete. Mein Großvater suchte seine Zukunft vergeblich auf dem amerikanischen Kontinent; er kam wieder zurück – an einer anderen Stelle hatte ich schon darüber berichtet. Und ich habe schon oft überlegt, was für ein Mensch ich jetzt wohl wäre, wenn er sich anders entschieden hätte. Wahrscheinlich Kanadier – und das wäre ja nicht das Schlechteste.

Buchinformationen
Ulla Lenze, Der Empfänger
Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-96463-9

Felix Kucher, Kamnick
Picus Verlag
ISBN 978-3-7117-2058-0

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Mehr lesen, wissen, können

Mehr lesen, wissen, können: Das Leipziger Buchmaennchen

»Mehr lesen, wissen, können« – eine Weile kam ich fast jeden Tag an diesem Satz vorbei. Er gehört zu einer alten DDR-Leuchtreklame, die an der Fassade des LKG-Gebäudes in Leipzig hängt. Ein stilisierter Mensch reckt froh ein Buch in die Luft und darunter ist jener Slogan zu lesen. Die Leuchtreklame stammt aus dem Jahr 1964; einer Zeit, in der diese Art der Werbung sich in der DDR zu einer eigenen Kunstform entwickelt hatte.

Die Leipziger Kommissons- und Großbuchhandelsgesellschaft (LKG) war die wichtigste Buchauslieferung in der DDR und trug entscheidend zur Versorgung der Bevölkerung mit dem gedruckten Wort bei. Als ich Ende der Neunzigerjahre in Leipzig studierte, lag das wuchtige Gebäude an meinem Weg in die Innenstadt, wo ich einen Nebenjob als Buchhändler hatte. Zu diesem Zeitpunkt leuchtete die Lichtwerbeanlage – so die offizielle Bezeichnung – schon lange nicht mehr, das Areal stand leer und verfiel; ein Schicksal, das es mit zahlreichen Leipziger Industriebauten teilte. „Mehr lesen, wissen, können“ weiterlesen

Mit Goethe im R4

Dieser Beitrag war schon länger geplant. Angesichts der dramatischen Folgen der Corona-Pandemie war ich mir nicht sicher, ob dies der richtige Zeitpunkt für eine solche Buchvorstellung ist. Denn es mag makaber wirken, gerade jetzt von diesem grandiosen Buch zu schwärmen. Doch andererseits zeigt es uns durch seine Entstehungsgeschichte die Dimension der aktuellen Geschehnisse. Und es hat zudem – so finde ich – auch etwas Tröstliches. Doch dazu später. Erst einmal sollte ich erzählen, um welches Buch es eigentlich geht.

Der Photograph Helmut Schlaiß hat sich mit seinem Projekt »Italienische Reise« einen langgehegten Traum erfüllt. Denn es handelt sich dabei nicht um irgendeine italienische Reise, sondern um diejenige von Johann Wolfgang von Goethe, der zwischen September 1786 und Mai 1788 lange in seinem Arkadien unterwegs war. Seine »Italienische Reise« ist die Grundlage dieses Buches; Helmut Schlaiß reiste jahrelang auf den Spuren des berühmten Dichters, in seinem alten R4-Kastenwagen – notdürftig zu einem mobilen Schlafplatz umgebaut – folgte er der von Goethe beschriebenen Route. Der Orignaltext ist im zweiten Teil des großformatigen Werkes komplett abgedruckt. „Mit Goethe im R4“ weiterlesen

Die Macht der Erinnerung

Nadja Spiegelman: Was nie geschehen ist

Das Buch »Was nie geschehen ist« von Nadja Spiegelman habe ich mir wegen des Covers gekauft, ohne vorher auch nur einen Blick auf den Text zu werfen. Das Photo auf dem Schutzumschlag zeigt eine junge Frau, die gerade mit Zigarette zwischen den Fingern aus einer Kaffeetasse trinkt. In Zeiten, in denen sich alles um gesunde Ernährung und Selbstoptimierung dreht, fand ich das Bild auf eine anarchische Art sympathisch. Zwar rauche ich schon eine ganze Weile nicht mehr, aber die Kombination von Koffein und Nikotin ist ein Genuss, den ich mir drei, vier Mal im Jahr gönne. Belohnt wurde ich bei dieser spontanen Kaufentscheidung mit einem faszinierenden Einblick in die Familiengeschichte der Autorin, genauer gesagt in die Lebensgeschichten ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihrer eigenen. Lebensgeschichten, die weit in das 20. Jahrhundert zurückreichen. Die um Ungesagtes kreisen, um widersprüchliche Erzählungen und Erinnerungen. Und um die Frage, wie wir uns an bestimmte Geschehnisse erinnern. Erinnnern wollen. Erinnern können. „Die Macht der Erinnerung“ weiterlesen

Die zweite Kölner Literaturnacht

Zweite Koelner Literaturnacht

Es kommt mir noch gar nicht so lange her vor, dass wir etwas nervös bangten, ob das Konzept einer Kölner Literaturnacht aufgehen würde. Einer Nacht, in der viele Kölner Literaturschaffende an den unterschiedlichsten Orten quer durch die Stadt auftreten würden. Und ich kann mich auch noch gut an die Erleichterung erinnern, als nach und nach klar wurde, dass der Plan funktionierte, dass die Literaturinteressierten das Angebot annahmen und mit dem Programmheft in der Hand von Ort zu Ort pilgerten. So, wie wir uns das vorgestellt hatten. Das war im Mai 2019.

Und jetzt haben wir es wieder getan: Das Programm für die 2. Kölner Literaturnacht steht; die Hefte werden überall in der Stadt verteilt, die Webseite ist online. Stattfinden wird die Literaturnacht am 9. Mai 2020. „Die zweite Kölner Literaturnacht“ weiterlesen

Papiergewordene Geschichte

Papiergewordene Geschichte

Im Laufe der Jahre sammeln sich viele Bücher an, bei denen man sich irgendwann fragt, warum man sie eigentlich besitzt. Sei es ein Mängelexemplar, das man für zwei Euro neunundneunzig erworben hat, weil einem irgendwie der Klappentext gefiel, seien es Bücher aus Haushaltsauflösungen, von Flohmärkten, Geschenke, belanglose Krimis, die man für eine längere Bahnfahrt noch schnell im Bahnhof gekauft hatte; Bücher, die man einmal unbedingt lesen wollte, die dann aber schon zwanzig Jahre im Regal stehen, weil sie einen dann doch nicht interessierten. Und. Und. Und. Gleichzeitig wird der Platz eng, ständig fließt ein Strom neuer Bücher in die Regale und auf die Stapel davor.

Deshalb ist es notwendig, den begrenzten Platz optimal zu nutzen und regelmäßig alle Regalmeterblockierer auszusortieren. Diese Bücher werden verschenkt, in öffentliche Bücherschränke gebracht oder in seltenen Fällen auch einfach zum Altpapier gegeben. Gleichzeitig ist dieses Durchforsten auch jedes Mal wieder eine Entdeckungsreise – man kommt vor lauter Anlesen und Blättern nicht schnell voran. Und das ist jedes Mal ein Genuß.

Und dann gibt es auch noch die besonderen Schätze, diejenigen Bücher, die mich zum Teil schon sehr lange begleiten und die ich niemals weggeben würde. Es sind alte Bücher, die ich in Antiquariaten gefunden habe, aber auch Fundstücke aus Kartons in Hauseingängen oder auf Fensterbrettern. Bei ihnen kommt es nicht auf den Inhalt an, vielmehr erzählen sie selbst Geschichten. Oder sind ein Stück papiergewordene Geschichte, sei es durch Widmungen, Stempel, Bibliotheksaufkleber oder Erscheinungsjahre. Für mich sind dies wahre Schmuckstücke, auch wenn sie meist auf den ersten Blick recht unscheinbar wirken. Für diesen Beitrag habe ich ein paar davon aus dem Regal geholt und zeige hier, was sie so besonders macht. „Papiergewordene Geschichte“ weiterlesen

»Der Feind steht rechts«

Joseph Wirth: Der Feind steht rechts

Geschichte wiederholt sich nicht. Und die Weimarer Republik ist nicht die Bundesrepublik. Aber die Geschichte lehrt uns, welche Fehler unverzeihlich waren, an welchen Weichen falsch abgebogen wurde – damit sie sich nicht wiederholt. In der Rubrik Textbausteine* geht es diesmal um ein Zitat, einen Ausschnitt aus einer Rede.

Am 24. Juni 1922 wurde der Außenminister Walther Rathenau von rechtsextremen ehemaligen Offizieren ermordet. Dieses Attentat erschütterte die junge Republik in ihren Grundfesten; als darüber im Reichstag debattiert worde, kochten die Emotionen hoch – von Entsetzen bis klammheimlicher Freude waren alle Reaktionen vertreten. Die rechtsextreme DNVP (Deutschnationale Volkspartei) hatte mit monatelanger Hetze den Boden für das Attentat bereitet.

Reichskanzler Joseph Wirth fand in seiner Rede für den Mord und seine Vorgeschichte die passenden Worte. Sie sind zeitlos:

»Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind, und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!«  „»Der Feind steht rechts«“ weiterlesen

Eine Ode an den Nebel

Steven Price: Die Frau in der Themse

Nebel. Ich liebe ihn. Nebeltage gehören zu meinen kostbarsten Erinnerungen. Als Kinder streiften wir durch den nebelverhangenen Wald, der fast direkt vor meinem Zuhause begann; kahle Äste, an denen die Tropfen hingen, reckten sich aus dem Dunst und dahinter verschwanden die dunklen Baumstämme in der Stille. Als Erwachsener lief ich durch Städte im Nebel; die gewohnte Umgebung war kaum wiederzuerkennen, Straßen endeten im Nichts, die Verkehrsgeräusche klangen gedämpft herüber. Immer war es das Gefühl, als wäre die Welt verschwunden, wäre geschrumpft auf die paar Meter, die man sie sehen konnte. Mystisch war das. Schön. Und immer auch ein bisschen schaurig. Solche Nebeltage sind wetterbedingt sehr selten, in den letzten Jahren habe ich sie kaum noch erlebt. Und das ist wohl mit ein Grund, warum mir der Roman »Die Frau in der Themse« von Steven Price so gut gefallen hat. Denn der Nebel spielt darin eine tragende Rolle und prägt die Atmosphäre. Und es ist auch nicht irgendein Nebel, sondern der von London. Dessen Ausläufer jetzt auch durch diese Buchvorstellung ziehen. „Eine Ode an den Nebel“ weiterlesen

Nummer 122892

Juan Gómez Bárcena: Kanada

»Dein Haus steht noch. Du hattest die Hoffnung, dass es eingestürzt wäre. Vielleicht ist Hoffnung nicht das angemessene Wort, doch wenn nicht, welches dann? Du hattest, so viel kannst Du sagen, die Gewissheit, dass es dein Haus nicht mehr gab, und gleichzeitig die Gewissheit, dass dies überhaupt keine Rolle spielte.« So beginnt der Roman »Kanada« von Juan Gómez Bárcena.

Das Haus, in dem er lebte und glücklich war, existiert noch. Doch der Mann, der es betrachtet, steht vor den Trümmern seines Lebens. Und langsam tastet er sich voran, betritt das Haus, wird von seinem Nachbarn jovial begrüßt, findet sich in der ausgeplünderten, nur notdürftig möbilierten Wohnung wieder. »An den weißen Wänden schattige Stellen, die aussehen wie zugemauerte Fenster – dort, wo früher einmal Fotografien und Gemälde hingen. Du bleibst vor einem dieser nachgedunktelten Rechtecke stehen und versuchst, dich zu erinnern. Es gelingt dir nicht.« Was war geschehen? Und wo war er gewesen? „Nummer 122892“ weiterlesen

Mein Lesejahr 2019: Die besten Bücher

Mein Lesejahr 2019: Die besten Buecher

2019 war ein lohnendes Lesejahr mit zahlreichen Entdeckungen und vielen Büchern, die mich begeistert haben. Eine Statistik führe ich nicht und zähle auch nicht, wie viel ich in einem Jahr lese – mehr als ein Buch nach dem anderen geht ja nicht und letztendlich sind sowieso nur die Inhalte wichtig. Für diesen Beitrag habe ich meine persönlichen fünfzehn Favoriten zusammengestellt; es sind die Romane und Sachbücher, die mich am meisten bewegt haben. Manche sind 2019 erschienen, andere standen schon seit ein paar Jahren im Buchregal. Und nicht alle davon sind schon hier auf Kaffeehaussitzer präsentiert worden, daher ist die Liste auch als eine Art Ausblick auf kommende Beiträge zu sehen. „Mein Lesejahr 2019: Die besten Bücher“ weiterlesen

306 Quadratmeter in Manhattan

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive

Normalerweise hat bei mir ein gelesenes Buch fast keine Gebrauchsspuren; ich kann gar nicht anders, als meine Bücher äußerst pfleglich zu behandeln. Bei »Max, Mischa & die Tet-Offensive« von Johan Harstad war das allerdings nicht möglich, denn dieses 1.242-Seiten-Werk habe ich über mehrere Wochen überallhin mitgeschleppt, um so oft wie möglich darin zu lesen. Verschrammt ist es nun, die Ecken angeschlagen, der Buchblock nicht mehr strahlend weiß und das Vorsatzblatt vollgeschrieben mit notierten Seitenzahlen. Und es fühlte sich an, als würden mich ein paar Freunde die ganze Zeit begleiten; nachdem die letzte Seite umgeblättert war, empfand ich so etwas wie Abschiedsschmerz, nun, da ich Max, Mischa, Mordecai und Owen zurücklassen musste. Dabei hatte ich ursprünglich gar nicht vor, den Roman zu lesen. „306 Quadratmeter in Manhattan“ weiterlesen

Zurück auf Null

Robert Harris: Der zweite Schlaf

Es beginnt wie ein klassischer historischer Roman. Der junge, unerfahrene Priester Christopher Fairfax wird vom Bischof von Exeter in einen abgelegenen Ort im Südwesten Englands entsandt. Dort war der Pfarrer bei einem Unfall ums Leben gekommen; Fairfax soll die Beisetzung regeln und alles für einen Nachfolger vorbereiten. Robert Harris schickt uns mit »Der zweite Schlaf« in das Jahr 1468, mitten hinein in die Zeit des Spätmittelalters. Denkt man jedenfalls auf den ersten Seiten. „Zurück auf Null“ weiterlesen

Westwärts, weiter, immer weiter

Carys Davies: West

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss: In dem Roman »West« von Carys Davies packt der Witwer Cy Bellman im Jahr 1815 seine Sachen und zieht los, in Richtung Westen, in Richtung Prärie. Er lässt sein Leben hinter sich, das er sich als Einwanderer in den damals noch jungen Vereinigten Staaten aufgebaut hatte. Zurück bleibt seine zwölfjährige Tochter Bess, die nun bei ihrer ungeliebten und hartherzigen Tante leben soll.

Wer ist Cy Bellman? Und was treibt ihn an? Er ist schnell beschrieben, mit wenigen Worten skizziert ihn die Autorin: »John Cyrus Bellman war ein hochgewachsener, breitschultriger, rothaariger Mann von fünfunddreißig Jahren. Er hatte große Hände und Füße, einen dichten rotbraunen Vollbart, und er verdiente sein Geld mit der Maultierzucht. Er war einigermaßen gebildet.«  „Westwärts, weiter, immer weiter“ weiterlesen

Vor dem Untergang

Bevor der Mannheimer Photolaborant Erich Sonnemann seinen Namen in Eric Sonneman ändern würde, besuchte er ein letztes Mal seine Verwandtschaft in Freudental – einem Dorf  in der schwäbischen Provinz, irgendwo zwischen Ludwigsburg und Heilbronn. Mit dabei hatte er seine Kamera, mit der er die Familie seines Onkels und dessen Freunde photographierte. Und die Arbeit auf den Feldern, denn es war Erntezeit, damals im Sommer 1938. Ob Erich Sonnemann wusste, dass es danach kein Wiedersehen geben würde? Er emigrierte kurz darauf in die USA und aus seinen Bildern jenes Sommers sind heute Dokumente der Zeitgeschichte geworden. Denn fast alle der darauf abgebildeten Menschen waren einige Jahre später tot, ermordet von ihren Landsleuten und Mitbürgern. Weil sie Juden waren. In dem schmalen Band »Der letzte Sommer« aus der Reihe »Freudentaler Blätter« können wir einige der Photos anschauen. Und erhalten einen Eindruck von trügerischer Normalität, die keine drei Monate später zerbröseln sollte wie ein morsches Stück Holz. Die Photographien sind das Denkmal einer verschwundenen Welt, untergegangen in Barbarei, Leid und Tod. „Vor dem Untergang“ weiterlesen

Zeig doch mal die Bilder (Teil 2)

Zeig doch mal die Bilder (Teil 2): Zwölf ganz unterschiedliche Graphic Novels

Im Beitrag »Zeig doch mal die Bilder« hatte ich vor einiger Zeit beschrieben, wie ich durch den Austausch mit anderen Literaturbloggern die literarische Gattung der Graphic Novels für mich entdeckt habe. Damals stellte ich den ersten Stapel der beginnenden Sammlung vor. Inzwischen sind über zwei Jahre vergangen, es sind einige Bände dazugekommen und es wird Zeit für eine Fortsetzung.

Beim Zusammenstellen ist mir aufgefallen, dass es vor allem düstere Themen sind – wie beim ersten Teil auch. Nun habe ich ein Faible für Romane mit einem eher finsteren Setting, mit tragischen Schicksalen und mit einem offenen Ende; Geschichten mit weichgespültem Happy-End sind mir meist zu lebensfern. Diese Lesevorlieben schlagen sich auch in der Auswahl der Graphic Novels nieder – zumal man Düsternis in dieser Kunstform besonders intensiv zum Ausdruck bringen kann. Und es ist diesmal auch einiges Geschichtliches dabei, was ebenfalls eher zur dunklen Grundstimmung der Sammlung beiträgt.

Hier kommen die nächsten zwölf Graphic-Novel-Empfehlungen. „Zeig doch mal die Bilder (Teil 2)“ weiterlesen