Fluchtgedanken

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

Es war ein beeindruckender Abend, als Ilija Trojanow sein Buch „Nach der Flucht“ im Kölner Literaturhaus vorstellte. Selten habe ich erlebt, wie jemand in kurzer Zeit so viele brillante Gedanken perfekt auf den Punkt bringen kann. Gedanken, in einfachen Sätzen formuliert, dabei aber von solch einer intellektuellen Tiefe, dass der Abend wie das Buch sich nachhaltig im Gedächtnis verankern werden – denn das Nachdenken über die Folgen der Flucht für einen Geflüchteten ist ein Thema so alt wie die Menscheit. Und immer aktuell, besonders heute. Ilija Trojanow schafft es, in einem schmalen Buch von gerade einmal 125 Seiten das Trauma Flucht eindrucksvoll zu schildern. Denn für einen Flüchtling endet die Flucht nie wirklich, er ist der, der mit Akzent spricht, der einen anderen Namen trägt, eine andere Hautfarbe hat, nicht zurück kann und trotzdem für viele immer ein Fremder bleiben wird. Was wiederum zu der Frage führt, was eigentlich Heimat ausmacht, doch dazu später.

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

„Nach der Flucht“ ist in zwei Abschnitte unterteilt. Der erste Teil berichtet von den Verstörungen“, der zweite „von den Errettungen“. Jeder Teil besteht aus 99 Textabschnitten, mal nur ein, zwei Sätze, mal eine halbe, selten eine ganze Seite lang. Und von Beginn an kam ich beim Lesen kaum aus dem Markieren von nachdenkenswerten Stellen heraus, etwa wenn Trojanow schreibt: „Es gibt ein Leben nach der Flucht. Doch die Flucht wirkt fort, ein Leben lang. Unabhängig von den jeweiligen individuellen Prägungen, von Schuld, Bewusstsein, Absicht, Sehnsucht. Der Geflüchtete ist eine eigene Kategorie Mensch.“ Oder: „Stets wird der Geflüchtete vorgestellt als einer, der einst von woanders kam. Der spät in der Winternacht in den Gasthof trat. Der nicht eingeladen war.“ 

Ilija Trojanow beschreibt die Kränkungen, die einer erfährt, der fremd ist. Kränkungen, die unabsichtlich sein können, wie Bemerkungen über den fehlenden Akzent, Fragen, wo man denn so gut Deutsch gelernt habe. „Sprache ist Ermächtigung. Wer das Alphabet beherrscht, kann sich selbst verteidigen.“

Oder: „Während er sich eingliedert, ergo in Reih und Glied steht, bemüht, nicht aufzufallen, krampfhaft konzentriert, nicht aus der Reihe zu tanzen, sehnt er sich nach der Ankunft, der Utopie aller Geflüchteten.“

Die paar Zitate stammen alle aus den ersten paar Seiten des Buches und ich könnte immer so weitermachen, am liebsten das ganze Buch zitieren, so viel Wahres und Nachdenkenwertes steht darin. Kann es denn eine Ankunft geben, wenn sie nur eine Utopie ist? Kann die Fremde zum Zuhause werden? Ein letztes Zitat: „Jeder Geflüchtete kommt auf seine Weise an. Manch am Morgen nach der Flucht, andere in jenem Augenblick, da ihnen die Einbürgerungsrurkunde überreicht wird. Manche immer wieder, andere nie. Bei seiner Mutter geschieht es an jenem Tag, an dem sie wieder Gastgeberin sein darf.“ Ein schönes Bild.

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

Ursprünglich sollte das Buch den Untertitel „Ein autobiographischer Essay“ tragen. Doch es ist vom Aufbau her zu wenig Essay, vom Inhalt her zu wenig autobiographisch. Und doch ist unendlich viel Selbsterlebtes in den Text mit eingeflossen. Ilija Trojanow beschrieb im Kölner Literaturhaus den Schreibprozess als ein außerordentlich intensives Erlebnis, denn der Text enthält viel Unbewußtes, vieles, was seit 45 Jahren im Unterbewußtsein des Autors schlummerte, kam dabei zu Tage. Trojanow war sechs Jahre alt, als seine Eltern mit ihm aus der kommunistischen Diktatur Bulgariens flohen, er weiß, was es heißt, ein Fremder zu sein, neugierig oder ablehnend beäugt zu werden. Sechzig bis siebzig Tage hat er an dem Buch geschrieben, und obwohl laut seiner Auskunft nur fünf hundertprozentig autobiographische Stellen in den kaleidoskopartigen Textstücken zu finden sind, hat seine Mutter, nachdem sie das Buch gelesen hatte, zu ihm erschüttert gesagt: „Ich habe überhaupt nicht vermutet, dass du so viel mitbekommen hast.“

Spannend ist der Bezug des Titelbildes und des Bildes zwischen den beiden Teilen des Buches zum Entstehungsprozess und Ilija Trojanow schilderte dies ausführlich. Es handelt sich um Werke des Künstlers Jacob Lawrence aus dem Bilderzyklus „The Migration Series“. Sie hängen im MoMA in New York und als Trojanow sie dort zum ersten Mal sah, traf es ihn bis ins Mark, so sehr fühlte es sich für ihn an, als würden sie seine eigene Fluchtgeschichte illustrieren.

Eigentlich stellen die 1940 und 1941 entstandenen Bilder eine Vision der großen Fluchtbewegung der Afroamerikaner vom Süden in den Norden der USA dar. Gleichzeitig sind es aber davon losgelöste Motive, die das grundsätzliche Langzeitphänomen der Flucht thematisieren. Sie vermitteln eine Würde der Geflüchteten und genau dies ist für den Autor die größte Herausforderung bei der schreibenden Herangehensweise: Die Würde der Flüchtenden, ihren Kampf um ihre Würde literarisch zu vermitteln. Um sich dessen stets gewahr zu sein, schaute er sich während der gesamten Arbeit an „Nach der Flucht“ jeden Tag ein anderes Bild von Jacob Lawrence intensiv an. Um sich von der Haltung, die durch die Bilder vermittelt wird, inspirieren zu lassen. Mit Erfolg, würde ich sagen.

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

Das Publikum im Kölner Literaturhaus lauschte gebannt dem Gespräch zwischen Ilija Trojanow und Peter Sillem, dem ehemaligen Programmgeschäftsführer der S.Fischer-Verlage, der den Abend moderierte. Selten erlebt man einen derart persönlichen Einblick in das Schaffen eines Schriftstellers. Persönlich und doch eine unzählige Anzahl andere Menschen ebenfalls betreffend. Denn unsere Gesellschaft ist geprägt von Flucht und Vertreibung, auch wenn wir es ofmals nicht wahrhaben möchten. Über all die Jahrhunderte kamen und kommen Menschen zu uns, auf der Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben.

Schon dieses „uns“ ist dabei fragwürdig, denken wir an die Millionen von hochtraumatisierten Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie waren nicht willkommen, ganz und gar nicht. Wenn mein Vater noch leben würde, dann wäre ich sehr gespannt, was er zu Ilija Trojanows Buch sagen würde. Auch er hat vieles davon erlebt, er war ebenfalls ein Flüchtling, einer, dessen ostpreußischer Dialekt auffiel in Südbaden, einer, dessen Name anders klang, ein Fremder eben. Er hat nie darüber gesprochen, das war in dieser Generation nicht üblich. Manchmal würde es mich interessieren, was er davon an seinen Sohn, an mich, unbewusst weitergegeben hat.

Über „Nach der Flucht“ sagte Ilija Trojanow, dass alles, viel komplizierter ist, als er es selbst ursprünglich gedacht habe. Dass Vereinfachungen den betroffenen Menschen niemals gerecht werden können. Und dass dass sein Buch eine Ahnung von der komplexen Vielfalt des Themas vermitteln soll. „Wir. Sie. Dazwischen ist immer ein Punkt.“

Im letzten Teil dieses bemerkenswerten Abends ging es um den Begriff Heimat. Das Buch trägt die Widmung „Meinen Eltern, die mich mit der Flucht beschenkten“. Flucht als Geschenk? Flucht ist eine Entscheidung, die großen Mut erfordert und Schicksale verändert. In Ilija Trojanows Fall wuchs er zwar als ein Fremder auf, erhielt aber gleichzeitig die Chance auf ein kosmopolitisches Leben, das ihn um die ganze Welt führte.

„Die Erzählung der Flucht wird aus dem Blickwinkel des Stillstands geschrieben. So wie die Sesshaften die Nomaden nie verstehen werden, können die vermeintlich Standfesten die Fliehenden nur missverstehen. Flucht kann allein aus der Bewegung heraus begriffen werden.“

Zeit, den Begriff Heimat neu zu definieren. Denn Leben ist Veränderung. Wie kann etwas so eng damit verbundenes wie Heimat dann statisch sein? Gibt es überhaupt etwas, das immer gleich bleibt? Wenn nein, dann ist der Begriff der Heimat als eine homogene Einheit reine Fiktion, eine Erfindung der europäischen Moderne, zur Zeit wieder dabei, von den Ewiggestrigen okkupiert zu werden. Trojanow spricht von der „Dämonisierung des kosmopolitischen Denkens“, die gerade wieder in Mode kommt. Eine Entwicklung, der man sich entgegenstellen müsse, denn „in einem System der Unmenschlichkeit ist der Verstoß gegen die Gesetze eine humane Maxime“.

Langer Applaus. Was für ein emotionaler Abend.

Das Buch endet mit einem Zitat von Hugo von St. Viktor, einem mittelalterlichen Theologen. Ein Zitat, über 900 Jahr alt und zeitlos gültig:

„Wer sein Heimatland liebt, ist ein zarter Anfänger;
wem jeder Fleck so viel bedeutet wie der heimische, ist stark; 
vollkommen aber ist jener, dem die ganze Welt ein fremdes Land ist.“

Ilija Trojanow signiert

Dies ist ein Titel aus dem Leseprojekt Heimat und Herkunft

Buchinformation
Ilija Trojanow, Nach der Flucht
S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-397296-2

#SupportYourLocalBookstore

Blogs als Literaturvermittler? Dreimal Treibgut

Treibgut: Literaturblogs als Literaturvermittler?

Das Internet wirkt manchmal wie ein riesiger Fluss, der ununterbrochen vorüberströmt. Ein Fluss aus unzähligen Beiträgen, Artikeln, Tweets, Posts, Texten aller Art. Vielleicht habe ich dieses Bild deshalb vor Augen, weil ich gerade die Bayou-Trilogie „Im Süden“ gelesen habe; die ersten Krimis von Daniel Woodrell, angesiedelt in einem fiktiven Ort im Mündungsgebiet des Mississippi. Und dieser gewaltige Fluss ist in der Handlung der Romane ständig präsent, Landschaft und Menschen prägend.

Aber heute soll es nicht um ein bestimmtes Buch gehen, sondern um das Treibgut, das einem der virtuelle Strom Internet ab und zu vor die Füße spült. Denn in den letzten Wochen waren es drei Textstücke, die kurz hintereinander bei mir landeten und in ihren gegenteiligen Aussagen so schön zueinander passten, dass ich sie hier miteinander verknüpfen möchte. Weiterlesen

Ein virtuelles Zuhause

Der Kaffeehaussitzer ist vier Jahre alt geworden. Kurz hatte ich überlegt, dies gar nicht groß zu thematisieren, da der Blog inzwischen solch ein selbstverständlicher Teil meines Lebens geworden ist. Aber gerade, dass dem so ist, erstaunt mich dann doch immer wieder aufs Neue. Als am 16. Juni 2013 der erste Beitrag online ging, hätte ich niemals geahnt, was für eine Bedeutung für mich das Bloggen einmal haben würde. Durch diese vier Jahre ist das Netz zu einer virtuellen Heimat und ist der Kaffeehaussitzer ein virtuelles Zuhause geworden. Und zwar eine Heimat, die ich mit vielen anderen literaturbegeisterten Menschen teile. Weiterlesen

Zeig doch mal die Bilder

Graphic Novels: Eine Bestandsaufnahme

Erst in den letzten zwei, drei Jahren habe ich die literarische Gattung der Graphic Novels für mich entdeckt. Nicht unbeteiligt daran waren die Blogs Muromez, Literaturen, Analog-Lesen und Papiergeflüster, die mich darauf neugierig machten. Und schnell habe ich dadurch staunend den Zutritt in eine mir bis dahin unbekannte Welt gefunden, eine Welt voller Überraschungen, vielseitig, bunt und spannend.

Dieser Prozess ist mir gerade bewusst geworden, als ich vor meinem Bücherregal stand, auf der Suche nach der nächsten Lektüre. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich inzwischen ein ganzer Stapel Graphic Novels darin angesammelt hat, wenn auch noch in bescheidenem Ausmaß; thematisch und künstlerisch vollkommen unterschiedliche Werke. Irgendwie ein guter Anlass für eine Bestandsaufnahme und eine kurze Vorstellungsrunde. Weiterlesen

Liebe in Zeiten des Überlebens

Isabelle Autissier: Herz auf Eis

Ein Paar nimmt sich ein Jahr Auszeit, kauft ein Schiff und startet zu einem Segeltörn um die Welt. Was traumhaft klingt, wird zu einem Alptraum, als die beiden bei einer Wanderung auf einer abgeschiedenen Insel ein heftiger Sturm überrascht. Nachdem sie sich aus ihrer Notunterkunft herauswagen, ist das Meer wieder ruhig. Und das Schiff verschwunden. So beginnt der Roman „Herz auf Eis“ von Isabelle Autissier. Weiterlesen

Eine Chance nutzen

Cynan Jones: Alles, was ich am Strand gefunden habe

„Alles, was ich am Strand gefunden habe“ von Cynan Jones ist eines dieser Bücher, bei denen man erst einmal tief durchatmen muss, wenn die letzte Seite gelesen ist. Zumindest mir ging das so. Nachdem mich schon der Vorgänger „Graben“ sehr begeistert hat, war ich gespannt auf den neuen Roman – und wurde nicht enttäuscht. Ganz und gar nicht. „Alles, was ich am Strand gefunden habe“ ist eine düstere Geschichte voller erhabener Momente; eine Geschichte, die unter die Haut geht. Und die man nicht so schnell wieder aus dem Kopf bekommt. Erhaben sind die Beschreibungen der walisischen Landschaft, düster die Schicksale dreier Männer.

Die Handlung beginnt mit dem Fund einer übel zugerichteten Leiche an einem Strand irgendwo in Wales. Was war geschehen? Das erfahren die Leser nach und nach, wobei von Beginn an eine unterschwellige Anspannung in jedem Satz mitschwingt. Denn schnell spitzt es sich auf die Frage zu: Für wen geht es nicht gut aus? Wer wird am Ende als Leiche am Strand liegen? Weiterlesen

Bügeln mit Pearl Jam

Buegeln mit Pearl Jam

Kaum eine Tätigkeit im Haushalt kann ich so wenig leiden wie das Bügeln. Man könnte auch sagen, dass ich es hasse. Wenn man aber in einem Alter ist, in dem zerknitterte Hemden nicht mehr unangepasst, sondern eher ungepflegt aussehen, bleibt einem von Zeit zu Zeit leider nichts anderes übrig, als sich an diese ungeliebte Arbeit zu machen.

Das Gute dabei: Zwar haben in der Wohnung längst Spotify & Co. Einzug gehalten, neben dem Bügelbrett steht aber das unverwüstliche CD-Regal mit seinen Schätzen aus der Vergangenheit. Und so ist das Bügeln meist begleitet von unglaublich lauter Musik (so wie früher) mit entspanntem Headbangen (fast so wie früher). Frank Goosen hat in seinem wunderbaren Buch „So viel Zeit“ passende Worte dazu geschrieben: „Musik brachte einen in Kontakt zu jemanden, den man früher gekannt hatte, dem Jemand, der man gewesen ist, bevor man der wurde, der man jetzt war.“ 

Und genau so ist es. Jeder von uns kennt sie wahrscheinlich, die Erinnerungen, die man mit bestimmter Musik verbindet und die sofort wieder präsent vor einem stehen. Als wären nicht Jahre oder Jahrzehnte vergangen, sondern nur ein paar Wochen.

Als ich kürzlich wieder einmal das Bügeleisen einsteckte und den Lautstärkeregler nach rechts drehte, war dieses Erinnern, dieses Gefühl der Verbundenheit mit der eigenen Geschichte allerdings so intensiv wie nur ganz selten zuvor. Weiterlesen

Land in Trümmern

George Packer: Die Abwicklung

Bücher mit USA-Bezug werden zur Zeit gerne mit dem Versprechen beworben, Aufklärung über das in unseren Augen unverständliche Verhalten der Trump-Wähler zu liefern. Denn es ist und bleibt nur schwer nachvollziehbar, wie ein solch vulgärer Mensch mächtigster Mann der Welt werden konnte. Das Buch, das ich hier vorstellen möchte, ist bereits 2013 erschienen. Und trotzdem gibt es wie kein anderes Auskunft über ein Land im Niedergang, über die Vereinigten Staaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts. George Packer schafft es in „Die Abwicklung“ die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA von den 1970er-Jahren bis heute anschaulich und spannend darzustellen. Und danach wird einem als Mitteleuropäer so einiges klar. Oder zumindest klarer. Weiterlesen

Blogbuster-Preis: Ein Fazit

Blogbuster-Preis 2017: Ein Fazit

Der Sieger steht fest: Der Autor Torsten Seifert hat mit seinem Manuskript „Der Schatten des Unsichtbaren“ den Blogbuster-Preis 2017 gewonnen! Er erhält einen Vertrag mit der Literaturagentur Elisabeth Ruge und sein Buch wird im Herbstprogramm von Klett-Cotta/Tropen erscheinen. Die Jury-Begründung und einen Bericht über die Preisverleihung im Hamburger Literaturhaus gibt es auf der Seite des Blogbuster-Preises.

Ich gratuliere Torsten Seifert herzlich zu seinem Sieg. Der Plot seines Manuskripts – ein Reporter aus L.A. wird in den 4oer-Jahren nach Mexiko geschickt, um herauszufinden, wer B. Traven war – klingt alleine von der Beschreibung her schon so, dass ich das Buch auf jeden Fall lesen möchte. Ist B.Traven doch eines der geheimnisvollsten Pseudonyme der Literaturgeschichte und sich die Suche nach dieser mysteriösen Person als literarische Annäherung auszudenken, halte ich für eine sehr gelungene Idee. Und bin gespannt auf das Buch, das zur Frankfurter Buchmesse gedruckt vorliegen wird. Weiterlesen

Leiden im luftleeren Raum

Plötzlich war es da, wie aus dem Nichts aufgetaucht: Selten war ein Buch einer bis dahin kaum bekannten Autorin so präsent in Blogs und Medien wie Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“. Vorab-Schwärmereien, Besprechungen, Schilderungen von Leseerfahrungen, Gespräche über die Gefühle, die das Buch auslösen würde; es war mir schon fast zu viel, denn wenn alle, wirklich alle über einen Roman sprechen, meint man gerne, ihn gar nicht mehr selbst lesen zu müssen. Erst als dann in den Blogs buchrevier und Buzzaldrins Bücher erste kritischere Stimmen auftauchten, wurde ich neugierig. Und nachdem ich in einer Buchhandlung die ersten Seiten gelesen hatte, wollte ich wissen, wie es weitergeht, denn sie haben eine Art Sog erzeugt, dem ich mich nicht entziehen konnte. Weiterlesen

Graphic-Novel-Werkstattbericht

Arne Jysch und Volker Kutscher: Der nasse Fisch - Graphic Novel

Es ist noch nicht so lange her, seit ich Graphic Novels als Literatur- und Kunstform für mich entdeckt habe. Gleichzeitig bin ich begeisterter Leser der Krimireihe rund um den Ermittler Gereon Rath. Wenn dann der erste Band dieser Reihe – „Der nasse Fisch“ – als Graphic Novel erscheint und wenn Zeichner und Romanautor gemeinsam das Werk im Kölner Literaturhaus vorstellen – dann ist ja klar, dass ich mir diesen Abend auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Und jede Minute hat sich gelohnt; es war eine ungemein spannende Veranstaltung, die den zahlreich erschienenen Zuhörern und Zuschauern die Entstehung einer Graphic Novel auf eine beeindruckende Art näher gebracht hat. Weiterlesen

Suppen für Syrien

Suppen fuer Syrien

Gelegentlich müssen sich Buchblogger den Vorwurf anhören, sich vor den Marketingkarren der Verlage spannen zu lassen. Nun ja, Nörgler wird es immer geben, weshalb ich das Thema nicht vertiefen möchte. Zumal ich in folgendem Text ganz bewusst Werbung für ein Buch machen werde, nämlich für das Kochbuch „Suppen für Syrien“. Das viel, viel mehr ist als ein Kochbuch: Eine Hilfskampagne für Kinder und Jugendliche in dem verwüsteten Land mit seinen kriegsversehrten Menschen.

Dieses Hilfsprojekt ist von Barbara Abdeni Massaad ins Leben gerufen worden, einer in Beirut und Florida lebenden Photographin und Kochbuchautorin. Sie hatte damit begonnen, in einem nahe ihrer Beiruter Wohnung liegenden Flüchtlingslager für und mit den Menschen dort zu kochen. Suppen vor allem; nahrhaft, einfach und tröstend. Es geschah aus dem Wunsch heraus, zu helfen, den syrischen Flüchtlingen in dem provisorischen Lager zu zeigen, dass jemand an sie denkt. Weiterlesen

Zehn Sekunden mit Paul Auster

Paul Auster: 4321

Nach 1259 Seiten war das Buch zu Ende. Zugeklappt lag es vor mir und ich verabschiedete mich schweren Herzens von Archie Ferguson. Es fiel mir schwer, wir hatten einige Wochen miteinander verbracht, waren Vertraute, Freunde geworden. Aber jetzt musste ich ihn ziehen lassen, ihn, den vierfachen Helden aus Paul Austers „4 3 2 1“. Was für ein Roman! Und jetzt überlege ich seit ein paar Tagen, wie ich darüber schreiben soll. Wie sich einem Werk nähern, das bereits seit Wochen in Blogs und im Feuilleton besprochen und hochgelobt wird. Einer der ersten, der über „4 3 2 1“ berichtet hat, war Jochen Kienbaum auf lustauflesen.de und er gelangte zum Fazit: „Das schreibe ich selten bis nie: 4321  ist ein Meisterwerk!“ Und dem schließe ich mich von ganzem Herzen an.

Ein Meisterwerk also. Aber warum? Was macht dieses Buch so besonders, so anders? Weiterlesen

Besuch bei Liebeskind

Besuch beim Liebeskind Verlag

Ganz exakt weiß ich nicht mehr, wann ich das erste Buch aus dem Liebeskind Verlag in die Hände bekommen habe. Aber sehr genau erinnere ich mich daran, sofort vollkommen begeistert gewesen zu sein. Es sind Bücher, wie sie sein sollen: Inhalt, Gestaltung, Papier, Geruch, Haptik – alles passt perfekt zusammen und machen jedes zu einem kleinen Gesamtkunstwerk. Und bis auf wenige Ausnahmen haben bisher fast alle meinen Lesegeschmack exakt getroffen. Deshalb wollte ich schon lange wissen, wer sich eigentlich hinter dem Verlagsnamen verbirgt. Als ich kürzlich beruflich einige Tage in München war, ergab sich ein Termin für einen Besuch. So stieg ich im dämmrigen Licht eines Märznachmittags die Holztreppe eines alten Hauses irgendwo in der Nähe des Marienplatzes hoch, hörte das Fischgrätparkett unter meinen Füßen knarren und stand schließlich vor der Türe des Liebeskind Verlags. Ich war gespannt. Weiterlesen

Familien.Geschichte

Per Leo: Flut und Boden

Viele Leser kennen das: Man ist hin- und hergerissen von einem Roman; während der Lektüre kann man gar nicht genau beschreiben, was einem an dem Werk gefällt, ist aber gleichzeitig davon fasziniert. Doch ist es nicht gerade das, was ein gutes Buch ausmacht? Dass es einen nicht loslässt, auch wenn man beim Lesen merkt, dass es völlig anders ist als erwartet? Dass man es auch danach nicht wieder vergisst und auch viele Monate später noch darüber nachdenkt; eine Stimmung verinnerlicht hat, die nachschwingt. So ging es mir mit „Flut und Boden“ von Per Leo. Ich habe es vor über einem Jahr gelesen und merke, dass es zu den Büchern gehört, die mir nachhaltig im Kopf geblieben sind. Ein guter Grund also, es endlich hier vorzustellen. Weiterlesen

%d Bloggern gefällt das: