Eine Chance nutzen

Cynan Jones: Alles, was ich am Strand gefunden habe

„Alles, was ich am Strand gefunden habe“ von Cynan Jones ist eines dieser Bücher, bei denen man erst einmal tief durchatmen muss, wenn die letzte Seite gelesen ist. Zumindest mir ging das so. Nachdem mich schon der Vorgänger „Graben“ sehr begeistert hat, war ich gespannt auf den neuen Roman – und wurde nicht enttäuscht. Ganz und gar nicht. „Alles, was ich am Strand gefunden habe“ ist eine düstere Geschichte voller erhabener Momente; eine Geschichte, die unter die Haut geht. Und die man nicht so schnell wieder aus dem Kopf bekommt. Erhaben sind die Beschreibungen der walisischen Landschaft, düster die Schicksale dreier Männer.

Die Handlung beginnt mit dem Fund einer übel zugerichteten Leiche an einem Strand irgendwo in Wales. Was war geschehen? Das erfahren die Leser nach und nach, wobei von Beginn an eine unterschwellige Anspannung in jedem Satz mitschwingt. Denn schnell spitzt es sich auf die Frage zu: Für wen geht es nicht gut aus? Wer wird am Ende als Leiche am Strand liegen?

Ist es Grzegorz? Der den kleinen elterlichen Bauernhof in Polen aufgegeben hat und mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern nach Großbritannien gekommen ist. Das Versprechen der Vermittlungsagentur auf ein besseres Leben endete in einem heruntergekommenen Haus, in dem sie mit zahlreichen anderen polnischen Leiharbeitern zusammengepfercht wohnen müssen. Schlafsäle, Gemeinschaftsduschen, Schmutz, fehlende Privatsphäre – kein schöner Ort für eine Familie. Die Trostlosigkeit dort ist nur schwer zu ertragen. Dazu tagein, tagaus die mühsame, schlecht bezahlte Plackerei in einer Großschlachterei. Und die immer gewisser werdende Erkenntnis, sein Leben und die seiner Lieben in eine Sackgasse manövriert zu haben. Grzegorz wartet auf die eine Chance, den einen richtigen Augenblick, aus alldem herauszukommen, den nächsten Schritt zu machen. Als ihm diese Chance angeboten wird, greift er zu.

Oder ist es Hold, manchmal auch Holden genannt? Er lebt als Fischer und Jäger fast buchstäblich von der Hand in den Mund, haust in einem Wohnwagen, kommt irgendwie über die Runden. „Er nahm keine Arbeit mehr an, in der er keinen Sinn sah oder die ihm nichts gab. Er besaß nicht viel Geld. Punktum. Aber wie er es verdiente, war für ihn so in Ordnung.“ Wenn da nicht Cara und Jake wären, Witwe und Sohn seines besten Freundes Danny, der seit drei Jahren tot ist. Hold traut sich nicht, sich in Cara zu verlieben, möchte erst als eine Art Vermächtnis das verfallene Elternhaus Dannys renovieren, möchte Cara Verlässlichkeit bieten können. Sein Einkommen reicht dafür hinten und vorne nicht und auch er wartet auf eine Chance. Die eine Gelegenheit, die alles ändern könnte. Er wird sie bekommen. Und ebenfalls zugreifen. „Er fragte sich, ob es besser war, eine Entscheidung zu treffen, eine Richtung einzuschlagen und zu riskieren, in ein Netz zu geraten – oder aber irgendwo am Grund zu liegen und zu warten und zu riskieren, dass etwas Großes mitten durch einen hindurchgeschleift worden war.“

Vielleicht aber auch Stringer? Ein kleines Rädchen in einem Drogenkartell, taucht er erst spät in der Geschichte auf. Etwas war schiefgelaufen im gut geölten Netzwerk der Drogenkuriere und er soll es wieder richten. Mit einer konkreten Anweisung von oben: „»Soll es unauffällig vonstatten gehen?«, fragte Stringer.
»Nein. Es soll eine Botschaft sein.«
»Wie deutlich?«
»Sehr deutlich?«
Stringer verstand.“

Er ist ein wütender Mensch. Wütend auf sein Leben, wütend auf die Umstände, die ihn nicht weiterkommen lassen. Während Stringers Zeit im Gefängnis haben seine alten Kumpels in der Hierarchie des Drogenkartells Karriere gemacht. Hat sich Dublin von einer ärmlich-schmuddeligen Stadt zu einer hippen Metropole entwickelt. Nur er ist immer noch jenes kleine Rädchen im Getriebe, das er schon immer war. Dann wird er mit der Fähre hinüber nach Wales geschickt, um etwas in Ordnung zu bringen. Auch er ergreift diese eine Chance, während seine Wut ihn antreibt.

Grzegorz, Hold und Stringer sind Männer am Rande der Gesellschaft. Alle drei träumen davon, ihr Leben zu ändern. Warten sehnsüchtig auf die eine Gelegenheit, die sie unter allen Umständen packen und nicht wieder loslassen wollen.

Die Chance besteht aus einem Päckchen Kokain. Es ist nur ein kleines Päckchen, das aber ausreicht, um Ereignisse in Gang zu setzen, die das Leben aller drei Männer bestimmen werden.

Unaufhaltsam nimmt das Schicksal seinen Lauf und Cynan Jones erzählt davon in einer lakonischen und gleichzeitig atemberaubenden Weise. Als Leser spürt man schon fast körperlich, wie sich die Handlung zuspitzt. Gleichzeitig erlebt man bei der Lektüre immer wieder kurze Momente der Ruhe, verbunden mit Schilderungen der rauen walisischen Natur, die sich kein bisschen für die Wege der Menschen interessiert. Damit schafft der Autor einen gelungenen Kontrast zur Getriebenheit der Protagonisten, steigert damit die Spannung noch weiter. Das Meer spielt eine entscheidende Rolle, „die sich hebenden Wellen vor der Küste besaßen die Kraft eines lauernden Tieres, etwas Männliches, wie wenn einer darauf wartet, dass sich jemand mit ihm anlegt.“

Cynan Jones hat keinen Thriller geschrieben, das Drogenkartell etwa existiert nur in vagen Andeutungen, vieles bleibt ungesagt. Solche Details sind auch nicht wichtig, denn im Mittelpunkt stehen die Gedanken der drei Männer. Gedanken, die sie immer weiter vorantreiben, die ihnen Hoffnung vorgaukeln, sie ihre Verzweiflung oder ihre Wut vergessen lassen. Aus diesen inneren Monologen besteht ein großer Teil des Buches, sie saugen den Leser regelrecht in die Handlung hinein, bringen uns die drei Männer nahe, lassen uns mithoffen, dass alles gutgehen möge. Zumindest bei den beiden, die sich wegen der Menschen, die sie lieben, immer weiter in eine Geschichte verstricken, deren Ausgang nichts Gutes ahnen lässt.

Denn einer von den dreien wird dann tot am Strand liegen.

Buchinformation
Cynan Jones, Alles, was ich am Strand gefunden habe
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-95438-074-9 

#SupportYourLocalBookstore

Bügeln mit Pearl Jam

Buegeln mit Pearl Jam

Kaum eine Tätigkeit im Haushalt kann ich so wenig leiden wie das Bügeln. Man könnte auch sagen, dass ich es hasse. Wenn man aber in einem Alter ist, in dem zerknitterte Hemden nicht mehr unangepasst, sondern eher ungepflegt aussehen, bleibt einem von Zeit zu Zeit leider nichts anderes übrig, als sich an diese ungeliebte Arbeit zu machen.

Das Gute dabei: Zwar haben in der Wohnung längst Spotify & Co. Einzug gehalten, neben dem Bügelbrett steht aber das unverwüstliche CD-Regal mit seinen Schätzen aus der Vergangenheit. Und so ist das Bügeln meist begleitet von unglaublich lauter Musik (so wie früher) mit entspanntem Headbangen (fast so wie früher). Frank Goosen hat in seinem wunderbaren Buch „So viel Zeit“ passende Worte dazu geschrieben: „Musik brachte einen in Kontakt zu jemanden, den man früher gekannt hatte, dem Jemand, der man gewesen ist, bevor man der wurde, der man jetzt war.“ 

Und genau so ist es. Jeder von uns kennt sie wahrscheinlich, die Erinnerungen, die man mit bestimmter Musik verbindet und die sofort wieder präsent vor einem stehen. Als wären nicht Jahre oder Jahrzehnte vergangen, sondern nur ein paar Wochen.

Als ich kürzlich wieder einmal das Bügeleisen einsteckte und den Lautstärkeregler nach rechts drehte, war dieses Erinnern, dieses Gefühl der Verbundenheit mit der eigenen Geschichte allerdings so intensiv wie nur ganz selten zuvor. Das lag – natürlich – an der Musik. Ich hatte das Album „Ten“ von Pearl Jam eingelegt, eine meiner absoluten Lieblingsplatten, trotzdem lange Zeit nicht mehr gehört. „Ten“ muss etwa im Herbst 1992 veröffentlicht worden sein; ich hatte die Lieder damals im Kopf, als ich Anfang 1993 zu einer mehrmonatigen Reise durch Neuseeland und Australien aufbrach; ein Trip, an den ich noch heute fast täglich denke. Überhaupt war 93 eines der prägendsten Jahre meines Lebens – und Pearl Jam lieferte den Soundtrack dazu. Vor allem den Song „Alive“ verbinde ich mit dieser Zeit.

„I’m still alive“ singt Eddie Vedder und dieser kurze, trotzige Satz ist meine ganz persönliche Hymne an das Leben geworden.

„I’m still alive.“ Ich habe diese Liedzeile gehört, als ich mitten im australischen Nirgendwo in irgendeinem Kaff vor dem Pub saß, in Gesellschaft und trotzdem alleine, glücklich darüber unterwegs zu sein und doch nicht frei von Heimweh. Betäubt von etlichen Bieren und doch nüchtern genug, um nur durch den einen Song meine Freunde daheim schmerzlich zu vermissen.

„I’m still alive.“ Der Song lief, als ich etliche Wochen später abends auf der Fensterbank meines unkomfortablen, überteuerten Mini-Zimmers in Freiburg saß, eine Zigarette rauchend in den Sonnenuntergang schaute und wieder weg wollte; vor Sehnsucht nach dem Unterwegssein fast verging. Nach monatelangem Herumreisen wieder im Trott des Alltags Fuß zu fassen fiel schwer.

„I’m still alive.“ Die Zeile half mir ein halbes Jahr später dabei, über den schlimmsten Liebeskummer meines Lebens hinwegzukommen; Wochen und Monate voller Traurigkeit und Melancholie. Und nein, es ist nicht alles gut geworden. Jedenfalls damals nicht.

„I’m still alive.“ Diese drei, eigentlich vier Worte haben mich in dieser Zeit der Veränderungen die ganze Zeit begleitet. Auch meine Buchhändlerlehre startete 1993, die den Weg in eine Welt der Buchmenschen bahnte, der ich mich bis heute mit Haut und Haaren zugehörig fühle.

Das alles ging mir durch den Kopf, als ich vor dem Bügelbrett stand, das heiß gewordene Bügeleisen klickte vor sich hin, doch ich war unfähig, mich zu bewegen. So intensiv kreisten meine Gedanken um jene lange zurückliegende Epoche des eigenen Lebens.

„I’m still alive.“

Und dabei wurde mir eines klar: Heute, vierundzwanzig Jahre später, hat der Text noch eine ganz andere, viel brutalere Bedeutung. Denn dieses „I’m still alive“ ist inzwischen nicht mehr nur abstrakt gemeint. Seit diesem Jahr 1993, das auf immer und ewig mit dem Song verbunden sein wird, sind einige Menschen, die mir nahestanden, gestorben. Sind für immer gegangen. Familie, Freunde, Bekannte. Krankheit, Unfall, Alter.

Dies alles vermischt sich in meinen Gedanken, während das blöde Bügeleisen immer noch auf seinen Einsatz wartet. Die maßlose Unbeschwertheit der jungen Jahre, als der Horizont noch so endlos weit weg schien, alle Wege in die Endlosigkeit führten. Dann die ersten Konfrontationen mit der Endlichkeit des Lebens, erste Risse in der In-den-Tag-hinein-leben-Attitüde, mit der wir uns damals alle schmückten. Das Älterwerden. Aber auch das Reiferwerden. Das Sammeln von Erfahrungen, schöne, traurige, prägende. Und das Erkennen, wie wichtig es ist, sich bei all dem treu zu bleiben. Weiterzumachen. Neues zu entdecken. Offen zu bleiben. Nicht stillzustehen.

Irgendwann werden wir die Vorausgegangenen vielleicht wiedersehen, aber ich hoffe, dass dieser Moment noch lange auf sich warten lässt. Ich denke an sie, denke an all die vergangenen Jahre und widme diesen vielen Erinnerungen die Refrainzeile des besten Songs, der jemals geschrieben wurde:

„I’m still alive.“

Das Bügeleisen habe ich dann wieder ausgesteckt, mir ein Bier aus dem Kühlschrank geholt und über all das nachgedacht. Dann versucht, es aufzuschreiben. Denn mir wurde bewusst, dass diese kurze Liedzeile mir mehr bedeutet als so mancher tausendseitige Roman. Weshalb sie unbedingt Teil der Sammlung Textbausteine werden musste. Und in Zeiten, in denen nuschelnde Folksänger einen Literaturnobelpreis erhalten, ist das eigentlich ja ganz passend.

Land in Trümmern

George Packer: Die Abwicklung

Bücher mit USA-Bezug werden zur Zeit gerne mit dem Versprechen beworben, Aufklärung über das in unseren Augen unverständliche Verhalten der Trump-Wähler zu liefern. Denn es ist und bleibt nur schwer nachvollziehbar, wie ein solch vulgärer Mensch mächtigster Mann der Welt werden konnte. Das Buch, das ich hier vorstellen möchte, ist bereits 2013 erschienen. Und trotzdem gibt es wie kein anderes Auskunft über ein Land im Niedergang, über die Vereinigten Staaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts. George Packer schafft es in „Die Abwicklung“ die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA von den 1970er-Jahren bis heute anschaulich und spannend darzustellen. Und danach wird einem als Mitteleuropäer so einiges klar. Oder zumindest klarer. Weiterlesen

Blogbuster-Preis: Ein Fazit

Blogbuster-Preis 2017: Ein Fazit

Der Sieger steht fest: Der Autor Torsten Seifert hat mit seinem Manuskript „Der Schatten des Unsichtbaren“ den Blogbuster-Preis 2017 gewonnen! Er erhält einen Vertrag mit der Literaturagentur Elisabeth Ruge und sein Buch wird im Herbstprogramm von Klett-Cotta/Tropen erscheinen. Die Jury-Begründung und einen Bericht über die Preisverleihung im Hamburger Literaturhaus gibt es auf der Seite des Blogbuster-Preises.

Ich gratuliere Torsten Seifert herzlich zu seinem Sieg. Der Plot seines Manuskripts – ein Reporter aus L.A. wird in den 4oer-Jahren nach Mexiko geschickt, um herauszufinden, wer B. Traven war – klingt alleine von der Beschreibung her schon so, dass ich das Buch auf jeden Fall lesen möchte. Ist B.Traven doch eines der geheimnisvollsten Pseudonyme der Literaturgeschichte und sich die Suche nach dieser mysteriösen Person als literarische Annäherung auszudenken, halte ich für eine sehr gelungene Idee. Und bin gespannt auf das Buch, das zur Frankfurter Buchmesse gedruckt vorliegen wird. Weiterlesen

Leiden im luftleeren Raum

Plötzlich war es da, wie aus dem Nichts aufgetaucht: Selten war ein Buch einer bis dahin kaum bekannten Autorin so präsent in Blogs und Medien wie Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“. Vorab-Schwärmereien, Besprechungen, Schilderungen von Leseerfahrungen, Gespräche über die Gefühle, die das Buch auslösen würde; es war mir schon fast zu viel, denn wenn alle, wirklich alle über einen Roman sprechen, meint man gerne, ihn gar nicht mehr selbst lesen zu müssen. Erst als dann in den Blogs buchrevier und Buzzaldrins Bücher erste kritischere Stimmen auftauchten, wurde ich neugierig. Und nachdem ich in einer Buchhandlung die ersten Seiten gelesen hatte, wollte ich wissen, wie es weitergeht, denn sie haben eine Art Sog erzeugt, dem ich mich nicht entziehen konnte. Weiterlesen

Graphic-Novel-Werkstattbericht

Arne Jysch und Volker Kutscher: Der nasse Fisch - Graphic Novel

Es ist noch nicht so lange her, seit ich Graphic Novels als Literatur- und Kunstform für mich entdeckt habe. Gleichzeitig bin ich begeisterter Leser der Krimireihe rund um den Ermittler Gereon Rath. Wenn dann der erste Band dieser Reihe – „Der nasse Fisch“ – als Graphic Novel erscheint und wenn Zeichner und Romanautor gemeinsam das Werk im Kölner Literaturhaus vorstellen – dann ist ja klar, dass ich mir diesen Abend auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Und jede Minute hat sich gelohnt; es war eine ungemein spannende Veranstaltung, die den zahlreich erschienenen Zuhörern und Zuschauern die Entstehung einer Graphic Novel auf eine beeindruckende Art näher gebracht hat. Weiterlesen

Suppen für Syrien

Suppen fuer Syrien

Gelegentlich müssen sich Buchblogger den Vorwurf anhören, sich vor den Marketingkarren der Verlage spannen zu lassen. Nun ja, Nörgler wird es immer geben, weshalb ich das Thema nicht vertiefen möchte. Zumal ich in folgendem Text ganz bewusst Werbung für ein Buch machen werde, nämlich für das Kochbuch „Suppen für Syrien“. Das viel, viel mehr ist als ein Kochbuch: Eine Hilfskampagne für Kinder und Jugendliche in dem verwüsteten Land mit seinen kriegsversehrten Menschen.

Dieses Hilfsprojekt ist von Barbara Abdeni Massaad ins Leben gerufen worden, einer in Beirut und Florida lebenden Photographin und Kochbuchautorin. Sie hatte damit begonnen, in einem nahe ihrer Beiruter Wohnung liegenden Flüchtlingslager für und mit den Menschen dort zu kochen. Suppen vor allem; nahrhaft, einfach und tröstend. Es geschah aus dem Wunsch heraus, zu helfen, den syrischen Flüchtlingen in dem provisorischen Lager zu zeigen, dass jemand an sie denkt. Weiterlesen

Zehn Sekunden mit Paul Auster

Paul Auster: 4321

Nach 1259 Seiten war das Buch zu Ende. Zugeklappt lag es vor mir und ich verabschiedete mich schweren Herzens von Archie Ferguson. Es fiel mir schwer, wir hatten einige Wochen miteinander verbracht, waren Vertraute, Freunde geworden. Aber jetzt musste ich ihn ziehen lassen, ihn, den vierfachen Helden aus Paul Austers „4 3 2 1“. Was für ein Roman! Und jetzt überlege ich seit ein paar Tagen, wie ich darüber schreiben soll. Wie sich einem Werk nähern, das bereits seit Wochen in Blogs und im Feuilleton besprochen und hochgelobt wird. Einer der ersten, der über „4 3 2 1“ berichtet hat, war Jochen Kienbaum auf lustauflesen.de und er gelangte zum Fazit: „Das schreibe ich selten bis nie: 4321  ist ein Meisterwerk!“ Und dem schließe ich mich von ganzem Herzen an.

Ein Meisterwerk also. Aber warum? Was macht dieses Buch so besonders, so anders? Weiterlesen

Besuch bei Liebeskind

Besuch beim Liebeskind Verlag

Ganz exakt weiß ich nicht mehr, wann ich das erste Buch aus dem Liebeskind Verlag in die Hände bekommen habe. Aber sehr genau erinnere ich mich daran, sofort vollkommen begeistert gewesen zu sein. Es sind Bücher, wie sie sein sollen: Inhalt, Gestaltung, Papier, Geruch, Haptik – alles passt perfekt zusammen und machen jedes zu einem kleinen Gesamtkunstwerk. Und bis auf wenige Ausnahmen haben bisher fast alle meinen Lesegeschmack exakt getroffen. Deshalb wollte ich schon lange wissen, wer sich eigentlich hinter dem Verlagsnamen verbirgt. Als ich kürzlich beruflich einige Tage in München war, ergab sich ein Termin für einen Besuch. So stieg ich im dämmrigen Licht eines Märznachmittags die Holztreppe eines alten Hauses irgendwo in der Nähe des Marienplatzes hoch, hörte das Fischgrätparkett unter meinen Füßen knarren und stand schließlich vor der Türe des Liebeskind Verlags. Ich war gespannt. Weiterlesen

Familien.Geschichte

Per Leo: Flut und Boden

Viele Leser kennen das: Man ist hin- und hergerissen von einem Roman; während der Lektüre kann man gar nicht genau beschreiben, was einem an dem Werk gefällt, ist aber gleichzeitig davon fasziniert. Doch ist es nicht gerade das, was ein gutes Buch ausmacht? Dass es einen nicht loslässt, auch wenn man beim Lesen merkt, dass es völlig anders ist als erwartet? Dass man es auch danach nicht wieder vergisst und auch viele Monate später noch darüber nachdenkt; eine Stimmung verinnerlicht hat, die nachschwingt. So ging es mir mit „Flut und Boden“ von Per Leo. Ich habe es vor über einem Jahr gelesen und merke, dass es zu den Büchern gehört, die mir nachhaltig im Kopf geblieben sind. Ein guter Grund also, es endlich hier vorzustellen. Weiterlesen

Blogbuster: Ein Cafégespräch

Blogbuster-Autor Gunnar Kaiser mit Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski

Photo: Markus Loosen

Der Blogbuster-Preis geht in die nächste Runde, inzwischen steht die Longlist fest. 14 spannende und sehr unterschiedliche Texte von 14 Autorinnen und Autoren sind zusammengekommen und Anfang Mai werden wir wissen, wen die Jury zum Blogbuster 2017 kürt. Der Kaffeehaussitzer hat Gunnar Kaisers Manuskript „Unter der Haut“ für die Longlist eingereicht – in einem anderen Beitrag wurde der Text ausführlich vorgestellt; dort habe ich begründet, was ihn für mich so besonders macht und warum er für mich ein klarer Favorit ist. Jetzt wollte ich etwas mehr zur Enstehung von „Unter der Haut“ wissen und habe dem Autor ein paar Fragen gestellt. Wir trafen uns in einem Café und führten ein langes und intensives Gespräch, bestellten einen zweiten Kaffee; wir redeten vor allem über seinen Roman, über literarische Vorbilder, das Schreiben und Obsessionen. Wer etwas mehr über die Person des Autors erfahren möchte, findet ein Portrait auf der Blogbuster-Seite. Und Schriftstellerin Melanie Raabe hat ihn für ihren Blog Biographilia ausführlich befragt. Weiterlesen

Monolog im Trinkerhirn

Ottessa Moshfegh: McGlue

Krass. Um dieses Wort inflationär zu benutzen bin ich etwas zu alt. Aber als Einstieg in diesen Beitrag passt es perfekt, denn besser kann man den Roman „McGlue“ von Ottessa Moshfegh eigentlich kaum beschreiben. Kostprobe? „Das Schiff legt ab. Ich klammere mich an der Reling fest und kotze, spucke Gift und Galle, während ich dem vorbeirauschenden Wasser zuschaue, bis kein Land mehr in Sicht ist. Eine kurze Zeit ist alles friedlich. Dann will etwas in mir sterben. Ich drehe den Kopf und huste. Zwei Zähne fallen mir aus dem Mund und rollen wie Würfel übers Deck.“

Direkt auf der ersten Seite ist diese Textstelle zu finden, als der Ich-Erzähler McGlue aus einem Vollrausch aufwacht und sich danach in der Zelle des Schiffes wiederfindet, auf dem er als Seemann angeheuert hat. Angeklagt des Mordes an seinem Freund Johnson. Was folgt, ist ein 141 Seiten langer Monolog, das Selbstgespräch eines Mannes, den der Alkohol zerstört hat und in dessen Verlauf nach und nach zu Tage kommt, was eigentlich passiert ist. Oder auch nicht. Weiterlesen

Abenteuergeschichten vom Feinsten

Arturo Perez-Reverte: Capitan Alatriste

Es ist höchste Zeit für diesen Beitrag, denn mit großem Schrecken musste ich feststellen, dass zwei meiner absoluten Lieblingsbücher nicht mehr lieferbar sind. Das ist mir völlig unverständlich, gehören doch „Alatriste“ und „Das Gold des Königs“ von Arturo Pérez-Reverte mit zum Besten, was historische Romane mit literarischem Anspruch zu bieten haben. Oder anders gesagt: Es sind Abenteuergeschichten vom Feinsten, die in einer Reihe stehen mit Werken der Weltliteratur wie Stevensons Schatzinsel oder Dumas‘ drei Musketieren. Weiterlesen

„Unsere Demokratie muss die Fäuste oben halten“

Mit Volker Kutscher durch Köln-Klettenberg

Durch Köln-Klettenberg mit Volker Kutscher – ein Autorenspaziergang

Hier auf Kaffeehaussitzer habe ich mich schon mehrmals mit der Krimireihe rund um den Ermittler Gereon Rath beschäftigt. Die im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheinende Reihe ist ein spannendes und faszinierendes Projekt, denn der Autor Volker Kutscher schafft es damit, die verhängnisvollsten Jahre in der deutschen Geschichte am Beispiel seiner Protagonisten zu erzählen. Gemeinsam mit Gereon Rath erleben wir das Ende der Weimarer Republik und den Weg in die Dunkelheit der Nazi-Diktatur. Und das alles verpackt als spannende Kriminalfälle mit akribisch recherchiertem historischen Hintergrund.

Im Herbst 2016 fragte mich Philipp Rusch – der sich bei Kiepenheuer & Witsch um die zahlreichen Social-Media-Kanäle kümmert – ob ich Interesse hätte, mich einmal mit Volker Kutscher zu treffen und aus dem Gespräch einen Beitrag für den KiWi-Blog zu verfassen. Klar, dass ich sofort zugesagt habe und herausgekommen ist dabei ein Text über das Schreiben, über Zeitgeschichte und den Bezug zum Heute, über Köln und Berlin. Und natürlich über Gereon Rath. Im November 2016 wurde der Beitrag im KiWi-Verlagsblog veröffentlicht; jetzt gibt es ihn auch hier. Weiterlesen

Im Dunkeln

Andreas Pflüger: Endgueltig

Um gleich einmal mit der Tür in Haus zu fallen: „Endgültig“ von Andreas Pflüger ist einer der besten deutschen Kriminalromane, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Punkt.

Wer es etwas ausführlicher mag: Es liegt nicht nur an dem spannenden und vor allem temporeichen Plot, dem man mit seiner gekonnten Verdichtung die jahrelange Erfahrung des Schriftstellers als Drehbuchautor anmerkt. Es ist vor allem die Protagonistin Jenny Aaron, Mitglied einer Eliteeinheit der Polizei,  die mich stark beeindruckt hat. Andreas Pflüger hat mit ihr eine starke Figur geschaffen, hart im Nehmen und gleichzeitig am Rande der Verzweiflung stehend. Denn sie ist blind. Oder vielmehr, sie wird es bei einem fehlgeschlagenen Einsatz, mit dem der Roman beginnt. Weiterlesen

%d Bloggern gefällt das: