Kunstwerke aus 26 Buchstaben

Hauke Goos: Schoener schreiben

Von Beginn an gibt es in diesem Blog die Rubrik »Textbausteine«. Hier stelle ich Textstellen vor, die mir etwas bedeuten. Mit manchen verbinde ich persönliche Erinnerungen, andere haben mich inspiriert, mich bewegt oder aufgrund ihrer kristallklaren Schönheit zum Staunen gebracht. Und etliche begleiten mich schon seit Jahren. Ebenso stehen im Zentrum vieler Buchvorstellungen kurze Zitate aus den besprochenen Werken; Stellen, die mich innehalten ließen, die Gedanken in Sätze fassen, die ich selbst vage im Kopf hatte, die ich bisher aber noch nie so ausdrücken konnte. Worte, die ein Gefühl perfekt zu formulieren vermögen – immer wieder stoße ich in Büchern auf solch sprachliche Juwelen und lese sie bewundernd ein zweites, drittes Mal, manchmal laut, um mich an ihrer Perfektion zu erfreuen; kein Wort zu viel und keines zu wenig. Das ist das Großartige an der Beschäftigung mit dem geschriebenen Wort: Manchen Menschen, nicht vielen, gelingt es, die sechsundzwanzig Buchstaben unseres Alphabets so zusammenzufügen, dass Kunstwerke daraus entstehen, die Jahre und Jahrhunderte überdauern. Der Journalist Hauke Goos sammelt solche Textstellen, schreibt in seiner Spiegel-Kolumne regelmäßig darüber und hat nun in seinem Buch »Schöner schreiben« fünfzig von ihnen zusammengestellt.

Sie stammen aus den unterschiedlichsten Quellen, nicht nur aus der Literatur. So, wie es auch in meiner »Textbausteine«-Rubrik Passagen aus Songtexten, oder aus Reden, aus Filmen oder Zeitungsartikeln gibt – die Magie perfekt formulierter Gedanken kann einem überall begegnen. Hauke Goos bringt das wunderbar auf den Punkt:

»Was eine Stelle für mich zur ›Stelle‹ macht? Wenn ein Inhalt seine Form findet, das vor allem. Wenn das, was gesagt werden soll, präzise und elegant gesagt wird, konzise und anschaulich, verständlich und originell. ›Die Würde des Menschen ist unantastbar‹ ist auch deshalb ein großer Satz, weil man ihn besser nicht sagen kann.«

Und welches sind nun die großen Sätze, die man nicht besser sagen kann? Der Autor nimmt uns mit auf einen Streifzug quer durch die deutsche Literaturgeschichte, der Untertitel verspricht »50 Glanzlichter der deutschen Sprache von Adorno bis Vaterunser«. Und staunend stehen wir fünfzig Mal vor sprachlichen Juwelen, die genau jene Perfektion ausstrahlen, von der ich eingangs sprach. Manche haben eine versteckte Schönheit, die erst durch die Erläuterungen zum Strahlen gebracht wird – aber dann wird man diese Sätze nicht wieder vergessen. Natürlich kann ich hier nicht alle fünfzig Textstellen vorstellen, auch wenn ich es gerne täte. Manche davon kannte ich, einige waren mir neu, viele haben mich überrascht. Und alle begeistert. 

Etwa eine kurze Passage aus Stefan Zweigs »Magellan. Der Mann und seine Tat« in der es – zwischen den Zeilen – um das Aufbrechen geht, das Aushalten der Ungewissheit, das Bezwingen der Angst, einem Irrtum aufgesessen zu sein. Um das Weitermachen.

Etwa ein Auszug aus Irmgard Keuns Nachruf auf Joseph Roth. Zwei Trinker, die sich im Exil aneinander klammerten; sie überlebte. Er nicht. In ihren Worten bringt sie das Wesen des unglücklichen Schriftstellers, dessen Werk »Radetzkymarsch« auf ewig zur großen Literatur des 20. Jahrhunderts gehören wird, so brillant auf den Punkt, dass man beim Lesen immer wieder innehalten muss, um sich die Sätze noch einmal vorzunehmen, Wort für Wort. Hauke Goos schreibt darüber: »Roth war der Schauspieler seiner eigenen Tragödie. Ein Spieler, der erschrocken lacht, als er merkt, dass er zwar alle anderen ganz, sich selbst aber nur beinahe täuschen kann.«

Etwa die ersten drei Sätze von Christian Krachts »Faserland«, ein Buch, das ich seinerzeit so oft gelesen habe, dass ich diesen Buchanfang fast auswendig mitsprechen kann. Warum dieser Buchbeginn eine Ausstrahlung hat, die seinesgleichen sucht, wird im Text von Hauke Goos schnell klar. 

In anderen Kapiteln liest man bewundernd, wie Arno Schmidt mit vier Wörtern einen vernichtenden Totalverriss eines Zwanzigtausend-Verse-Epos schafft. Oder wie es Egon Friedell in seinem Werk »Kulturgeschichte der Neuzeit« fertigbringt, den Dreißigjährigen Krieg in einem einzigen Satz darzustellen, ohne sein Grauen abzumildern. Hauke Goos dazu: »Hier gelingt ihm das Kunststück, in einen einzigen Satz den Untergang einer Welt zu beschreiben. 115 Wörter braucht er dafür, 21 Kommata – und, kurz vor dem Satzende, einen einzigen Doppelpunkt. Alles läuft auf diesen Doppelpunkt zu. Alles vor ihm ist notwendig, damit das, was nach ihm kommt, leuchten kann.«

An einer Stelle lesen wir über den »berühmtesten Konjunktiv der Sportgeschichte«, wir kennen ihn alle: »Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen.« Und nachfolgend wird klar, dass dieser Konjunktiv damals, 1954, nicht nur mit Fußball zu tun hatte, es schwang viel, viel mehr darin mit. Jeder ahnte es damals, wir ahnen es heute, wenn wir die alten Aufnahmen hören oder sehen, Hauke Goos hat es aufgeschrieben: »Und wenn Rahn schösse? Wenn er träfe? Wenn es beim 3:2 bliebe, wenn Deutschland Weltmeister würde, nach dem von Deutschland entfesselten, von Deutschland verlorenen Krieg, nach Völkermord, nach Verbrechen und Schande? Der Konjunktiv markiert den Moment. Ein Schuss nur, und Deutschland wäre wieder aufgenommen in den Kreis der zivilisierten Nationen – etwas ginge zu Ende, etwas Neues könnte beginnen.«

Überhaupt schimmert an einigen Stellen des Buches das Ungeheuerliche durch, der Zivilisationsbruch ohne Beispiel, die entfesselte Barbarei, die von Deutschland ausgehend ihre Spuren überall hinterlassen hat. Und die uns schaudern lässt, bis heute. Ein Beispiel ist das Kapitel über den Nachruf, den Milena Jesenská auf Franz Kafka geschrieben hat. Es endet mit zwei schlichten Sätzen: »Milena Jesenská hat Kafka um beinahe 20 Jahre überlebt. Im Mai 1944 starb sie im Konzentrationslager Ravensbrück.«

Eine kurze Passage in »Das siebte Kreuz« von Anna Seghers wird vorgestellt, die – ausgehend von der Entstehungsgeschichte des Romans – verdeutlicht, warum das Buch zu den Schlüsselwerken des letzten Jahrhunderts gehört. Unbedingt gehören muss. 

»Schöner schreiben« ist bei aller Kürze der Kapitel, keines ist länger als drei, vier Seiten, eine Fundgrube. Nicht nur, dass die vorgestellten Textstellen allesamt bewegen und berühren, dass sie einen Einblick geben in die Literatur verschiedenster Epochen: es sind besonders die Vergleiche, Herleitungen, Bezüge und Querverbindungen, die das Buch an vielen Stellen zu einem wahren Lesevergnügen machen. Etwa, wenn Hauke Goos einen Zusammenhang herstellt zwischen dem berühmten Boxkampf Muhammad Ali vs. George Foreman, dem »Rumble in the Jungle«, und dem Bibelvers Hiob 1, 19-21. Oder wenn er, ausgehend von Otfried Preußlers »Der Räuber Hotzenplotz« auf Siegfried Kracauer und Hans Fallada zu sprechen kommt – und plötzlich alles einen Sinn ergibt. 

In anderen Kapiteln lernen wir die sprachliche Eleganz Rahel Varnhagens kennen, erfahren, warum Benjamin von Stuckrad-Barre mit sechs Worten den traurigsten Satz der Gegenwartsliteratur geschrieben hat oder bewundern die Tiefgründigkeit der Gerichtsreportagen von Gabriele Tergit.

Alle bisher genannten Beispiele sind nur ein Bruchteil dessen, was das Buch zu bieten hat. Es sind Textstellen, die alle menschlichen Regungen widerspiegeln, sei es Hoffnung, Sehnsucht oder Verzweiflung, Spott oder Verachtung, Hass oder Liebe. Ein Kapitel hat mir dabei besonders gut gefallen. Es trägt die Überschrift »Wie man wahrhaftig über die Liebe schreibt« und das Zitat, das dort vorgestellt wird, stammt aus der Erzählung »Liebesnacht« von Urs Widmer. Nicht nur die ausgewählte Textstelle ist außerordentlich bewegend, sondern Hauke Goos fasst hier genau das Gefühl in Worte, dass das Lesen zu etwas Besonderem macht. Immer wieder. Und immer wieder aufs Neue.

Er schreibt: »… wenn man in Büchern auf Sätze stößt, die wahrhaftig sind. Die jemand nicht nur so oder so ähnlich gesagt haben könnte. Sondern die, wenn man sie denn sagen wollte, genau so gesagt werden müssen. Sätze, bei denen der Leser das Gefühl hat: Der Autor meint mich. Er sieht mich, er schreibt für mich, weil er mich kennt, weil er mich erkennt. In solchen Momenten wärmt den Leser die Gewissheit: Hier erzählt einer nicht irgendetwas, eine Geschichte, eine Anekdote, sondern: Hier erzählt jemand mir eine Geschichte, mir allein. Weil er weiß, wer ich bin, teilt er mir mit, wer ich sein könnte.«

Ich wünsche uns allen noch viele dieser perfekten, kostbaren Lesemomente. 

Buchinformation
Hauke Goos, Schöner schreiben
Deutsche Verlags-Anstalt
ISBN 978-3-421-04888-2

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3 Antworten auf „Kunstwerke aus 26 Buchstaben“

  1. Jetzt folge ich deinem Blog schon eine längere Zeit, doch zu meiner Schande muss ich gestehen, die Rubrik Textbausteine hat mich bisher noch nicht angezogen.
    Samstags lese ich die Blogpost der Woche und heute hat es gefunkt.
    In den letzten Büchern habe ich Textstellen markiert, ganz vorsichtig mit Bleistift ( ich hasse es Bücher zu bemalen) und mir Gedanken gemacht, wohin mit diesen Textstellen. In mein Bullet Journal, damit ich sie wieder finde. Oder noch ein Notizbuch ?
    Beim lesen deiner Rezension „Schöner schreiben“ und deinem Hinweis auf deine Rubrik „Textbausteine“ habe ich nun endlich ein Platz gefunden. Es ist so naheliegend und doch habe ich es nicht gesehen. Mein Blog.
    Vielen Dank für die Inspiration.
    Die Leseprobe zum Buch „Schöner schreiben“ werde ich mir morgen anschauen.

    Bis zum nächsten Mal,
    Britta

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