Flüchtling im eigenen Land

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende

Als ich das Buch „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz zu Ende gelesen hatte und es zugeschlagen neben mir auf dem Tisch lag, musste ich erst einmal tief durchatmen. Um die Anspannung zu lösen, mit der ich bis zuletzt Seite für Seite umgeblättert habe. Und um das Gefühl der Beklemmung loszuwerden, denn „Der Reisende“ ist kein gewöhnlicher Roman. Vielmehr ist dieses Buch ein Zeitdokument in Romanform, das uns einen tiefen Einblick gewährt in das Deutschland des Novembers 1938.

Erzählt wird von der Flucht Otto Silbermanns, eines jüdischen Kaufmanns aus Berlin, der von einem Tag auf den anderen vor dem Scherbenhaufen seiner Existenz steht. Wie so viele andere hatte er den seit 1933 immer massiver werdenden Judenhass in Deutschland, hatte die antisemitischen Verordnungen und Gesetze des Nazi-Regimes als etwas Vorübergehendes angesehen. Fühlte sich nicht davon betroffen, er war schließlich Deutscher, Weltkriegsveteran, Träger des Eisernen Kreuzes, erfolgreicher Kaufmann und gut vernetzes Mitglied der Berliner Gesellschaft. Bis im November 1938 die Situation vollkommen eskalierte, staatlich gesteuerter Terror zur „Reichspogromnacht“ führte und überall im Land jüdische Mitbürger ausgeraubt, drangsaliert, umgebracht oder verschleppt wurden.

Otto Silbermann kann in buchstäblich letzter Minute entkommen, als eine Horde Schläger in SA-Uniform seine Wohnung stürmt. Von diesem Moment an ist er auf der Flucht, rastlos, ruhelos. Mit dem in seinen Pass gestempelten „J“ ist es nahezu unmöglich, ein Hotelzimmer zu finden oder auf Dauer unerkannt zu bleiben. Die einzige Chance sind die Züge der Deutschen Reichsbahn – und so verbringt er Stunden, Tage, Nächte in den Zugabteilen oder im Gedränge der Bahnhöfe, reist durch das Land, auf der Suche nach einem Ausweg, nach einer Möglichkeit, das Land zu verlassen.

Und er reist nicht alleine. Die Mitreisenden sind Menschen aller gesellschaftlichen Schichten, Arbeiter, Dienstmädchen, Offiziere, Geschäftsleute, Handwerker, Nazi-Spitzel, andere jüdische Deutsche, die sich ebenfalls auf der Flucht befinden und viele, viele mehr. Er kommt immer wieder mit seinen Reisegefährten ins Gespräch; kaum jemand ahnt, was ihn umtreibt, man redet über dies und das, politische Themen bleiben dabei wohlweislich ausgespart. Niemand erkennt einen jüdischen Flüchtling in ihm. Was Silbermann besonders frustriert, ist die komplette Gleichgültigkeit bis hin zur gedankenlosen Zustimmung der meisten Menschen gegenüber den Vorkommnissen, gegenüber der willkürlichen Ausgrenzung und Verfolgung von hunderttausenden ihrer Mitbürger.

Für seine wechselnden Mitreisenden geht das Leben einfach weiter, so als würde vor ihren Augen gar nichts geschehen. Und Silbermann merkt immer deutlicher, dass er nicht mehr dazugehört, ausgeschlossen ist per gesetzlicher Willkür. Dies macht ihm am meisten zu schaffen, mehr noch als die Strapazen der Flucht oder die ständige Angst, in eine Passkontrolle zu geraten: Das Gefühl, zum gesellschaftlichen Außenseiter gemacht worden zu sein, zum verachtenswerten Paria, einfach so, ohne Grund – während es alle anderen schulterzuckend zur Kenntnis nehmen. Oder sich seine Notlage zunutze machen wollen, um sich selbst zu bereichern, perfide, skrupellos und berechnend. Silbermanns anfängliche Fassungslosigkeit weicht mit der Zeit einem Gefühl der Resignation, immer wieder unterbrochen von kurzen Phasen eines sich aufbäumenden Trotzes.

Nach und nach schlägt vor ihm eine Türe nach der anderen zu, eine Hoffnung nach der anderen erweist sich als trügerisch. Freunde, Bekannte, auf deren Hilfe er gehofft hatte, wenden sich ab, beleidigen ihn, drohen ihm. Andere sind ebenfalls verschwunden, wurden verschleppt oder tauchten unter. Mit jeder Fahrt schwinden die Möglichkeiten, aus dem Land herauszukommen – denn die Nachbarstaaten lassen die jüdischen Deutschen nicht einreisen. Zunehmend verzweifelter und hoffnungsloser fährt Silbermann weiter durch Deutschland, ein Getriebener, ein Ausgestoßener, ein Flüchtling im eigenen Land. Wird es es schaffen, zu entkommen?

Der Autor Ulrich Alexander Boschwitz schrieb den Roman im November 1938, unter unmittelbarem Eindruck der Novemberpogrome. Selbst aus einer jüdischen Familie stammend verarbeitete er darin sein Entsetzen, seine eigenen Fluchterlebnisse und die seiner Familie. Das macht dieses Buch zu etwas sehr Besonderem, es verleiht ihm eine beklemmende Authentizität, die seinesgleichen sucht. Und die uns heutige Leser einen tiefgründigen Einblick in die Mentalität der Bürger des „Dritten Reiches“ gibt, uns ihre Vorbehalte zeigt, ihren Fanatismus, ihren Hass, ihre Gier, ihre Angst, ebenso wie ihre Gleichgültigkeit und ihre eingeschüchterte Passivität. Ein Querschnitt durch die Gesellschaft eines totalitären Unrechtsstaates. Düster, sehr düster. Und ein umso wichtigeres Zeugnis darüber, wie schnell Menschen wie du und ich zu Ausgegrenzten werden können. Zu Verfolgten. Ein Buch als papiergewordenes Mahnmal, wichtiger denn je.

Boschwitz selber konnte zwar aus Deutschland entkommen, aber er ertrank 27-jährig, als das Schiff, auf dem er fuhr, von einem U-Boot versenkt wurde. Sein Roman „Der Reisende“ war damals bereits veröffentlicht – in einem englischen und einem amerikanischen Verlag. Posthum erschien nach dem Krieg eine französische Übersetzung, während die Originalversion in einem Archiv verschwand. Jetzt, viele Jahrzehnte und einige im Nachwort beschriebene Zufälle später, erscheint das Werk zum ersten Mal auf deutsch. Und hat nichts von seiner Brisanz und Aktualität verloren. Der Literaturkritiker Paul Jandl findet dafür in der NZZ die passenden Worte: „Der Reisende“ sei eine Flaschenpost der Exilliteratur, die achtzig Jahre nach ihrem Entstehen ihr Ziel findet. Treffender kann man das nicht formulieren.

Eine Buchvorstellung sollte stets ein Fazit enthalten. Diesmal ist es kurz, es lässt sich in drei Worten ausdrücken:

Lest. Dieses. Buch.

Buchinformation
Ulrich Alexander Boschwitz, Der Reisende
Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-98123-0

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11 Kommentare

  1. Pingback: Unsichtbar werden | Feiner reiner Buchstoff

  2. Sehr eindrucksvoll. Und höchst emotional. Sehr gute Rezension, danke. Evelin Brigitte Blauensteiner

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  6. Ich höre es gerade kongenial gelesen von Torben Kessler. Da kommt so eindrücklich raus, wie merkwürdig diese Situation für Silbermann ist, wie sehr viele Menschen sich an diese angstgeschwängerte Atmosphäre, die Unterdrückung etc. schon gewohnt hatten und immer noch hofften, die Lage würde sich beruhigen, nicht schlimmer werden. Was für ein Wahnsinn. Danke für den Lesetipp! LG, Bri

  7. Vielen Dank für die Besprechung! Habe mir aufgrund dessen es gleich in Köln besorgt. Und es ist die nächste Lektüre, sobald ich mit der derzeitigen durch bin.

    Viele Grüße
    Werner

    Nur eine kleine Anmerkung: Im Klappentext steht, dass der Autor 27-jährig verstorben ist.

  8. Schön, hier eine Besprechung dieses Romans zu lesen! Seit ich die Rezension in der FAZ gelesen habe, steht der Kauf dieses Buches ganz oben auf der Prioritätenliste und eine Rezension hier bestärkt mich nochmal darin, dass ich „Der Reisende“ ganz unbedingt baldest lesen muss.
    Ein weiteres Zeitdokument, wenn auch fiktiv, an das ich im Zusammenhang mit „Der Reisende“ denken musste, ist „Address Unknown“ von Kressmann Taylor, im September 1938 veröffentlicht. Die Autorin gibt den Briefwechsel eines amerikanischen jüdischen Geschäftsmannes und seines ehemaligen deutschen Geschäftspartners, der wieder nach Deutschland zurückgegangen ist, wieder. In den Briefen des Deutschen ist der Verlauf von wenig Kritik zu einem „Sich Schönreden“ der aktuellen Ereignisse bis zum Bekenntnis zu Hitler zu verfolgen. Die Autorin hat hier ihre Erlebnisse mit deutschen Freunden einfließen lassen. Ein dünnes Reclam-Büchlein, das schnell gelesen ist, aber auch tiefe Eindrücke hinterlässt.
    Viele Grüße,
    Katharina

    • Davon habe ich natürlich schon oft gehört – es aber tatsächlich noch nicht gelesen.
      Das sollte baldmöglichst nachgeholt werden…
      Viele Grüße
      Uwe

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