Schlamm und Drohnen

Szczepan Twardoch: Die Nulllinie - Roman aus dem Krieg

1.461 Tage. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen überzieht das russische Terrorregime die Ukraine mit Krieg. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen werden ukrainische Städte, Dörfer, Landstriche verwüstet, sterben Menschen. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen leidet die ukrainische Bevölkerung unter Drohnen- und Raketenangriffen, unter zerstörter Infrastruktur, unter dem Horror des Angriffs eines größenwahnsinnigen Despoten. Seit vier Jahren tobt ein Krieg in Europa. Oder vielmehr: Seit vier Jahren führt Russland einen Krieg gegen Europa. Die Nachrichten darüber gehören inzwischen zum Alltag – so sehr, dass vielen von uns gar nicht mehr bewusst ist, was da eigentlich gerade geschieht, dort, weit im Osten unseres Kontinents. Der Roman »Die Nulllinie« von Szczepan Twardoch ändert das. Ändert das sehr drastisch – denn er schickt uns an jene Nulllinie, die nur ein anderes Wort ist für Front oder für Niemandsland. 

Szczepan Twardoch, einer der wichtigsten polnischen Autoren unserer Zeit, nennt sein Buch im Untertitel »Roman aus dem Krieg«. Und das ist er. Denn Twardoch war vor Ort, brachte Hilfsgüter an die Front, war mit ukrainischen Soldaten unterwegs, schwebte in Lebensgefahr, sah all die Verwüstung mit eigenen Augen. Am Ende des Buches schreibt er: »›Die Nulllinie‹ ist ein Roman über den wirklichen Krieg, jedoch sind die darin beschriebenen Personen und Ereignisse fiktiv; sie müssen es sein, damit ich diesen Krieg so nah an der Wahrheit beschreiben kann, wie ich es vermag.« 

Wir lernen Koń kennen, den 43jährigen Protagonisten des Romans, aber das ist nicht sein richtiger Name. Zusammen mit Ratte teilt er sich einen baufälligen Unterstand in einem zerschossenen Dorf, ein paar Ruinen weiter hausen Jagoda und Leopard. Die echten Namen kennt niemand, aber die sind auch nicht wichtig. Nichts ist mehr wichtig, außer das Überleben, zumindest noch für einen Tag. Die vier gehören zu einem ukrainischen Brückenkopf auf der falschen Seite des Flusses Dnipro. Sie spähen russische Bewegungen aus, wehren kleinere Angriffe ab, versuchen in Deckung zu bleiben. Denn dieser Krieg ist anders: auf der einen Seite vegetieren die Soldaten in Schlamm und Dreck vor sich hin, wie eh und je. Aber auf der anderen Seite sind Drohnen allgegenwärtig. Aufklärungsdrohnen, Drohnen mit Wärmebildsensoren, Kampfdrohnen mit Granaten, die aus der Luft töten und verstümmeln. Jede Bewegung kann die letzte sein. Beide Seiten haben diese Fluggeräte im Einsatz und bevor Koń hier im Dreck landete, gehörte er zu einer Drohneneinheit und war ziemlich gut darin, aus der Luft zu töten und zu verstümmeln. 

Während ich das Buch gelesen habe, wurde mir ein Artikel in die Timeline auf Bluesky gespült: Bei einer NATO-Übung in Estland versuchten Einheiten von NATO-Soldaten aus zwölf Staaten zwei ukrainische Drohnenteams auszuschalten. Sie hatten keine Chance, an nur einem einzigen Übungstag setzten die Ukrainer die NATO-Bataillone schachmatt. Die Präsenz der Drohnen hat die Kriegsführung vollkommen verändert – und in Szczepan Twardochs Buch wird das mehr als deutlich. Denn sie sind überall. Immer, Tag und Nacht.

Die Handlung des Romans wirkt wie ein Kammerspiel des Grauens, ist eine Momentaufnahme aus dem Krieg. In mehreren Rückblicken erfahren wir viel über die Herkunft von Koń. Ein Pole mit ukrainischen Wurzeln, in Breslau aufgewachsen, Studium in Warschau, Althistoriker, akademische Laufbahn, Vater eines Sohnes – mit einem dunklen Schatten, der über seinem Leben liegt. Die Ukraine war ein fremdes Land für ihn, doch als sie von Russland überfallen wird und der Krieg ausbricht, gehört er zu denen, die Hilfsgüter von Polen aus in das bedrängte Nachbarland liefern. Immer wieder, unermüdlich. Bis ihm irgendwann klar wurde, dass er sich schon längst selbst verloren hat, dass es keinen Anker mehr gibt in seinem Leben. Dann meldet er sich freiwillig für die Armee. Und zieht in den Krieg.

»Dein Leben war einfach eine Handvoll Asche, die man mit leichter Hand in den Wind streut, wenn jemand darum bittet.«

Die Ähnlichkeit mit Robert Jordan aus Hemingways »Wem die Stunde schlägt« ist nicht zu übersehen, der Autor spielt damit, als an einer Stelle sich Jagoda mit Koń genau darüber unterhält: »Was dieser Jordan machte, das hatte Sinn. Dafür lohnte es sich zu sterben. Aber hier verrecken, Scheiße? Für nichts? Aus Dummheit?« Ein Gespräch im Schlamm. 

Zahlreiche weitere Rückblenden zeigen andere Lebensläufe, zeigen Menschen, die ihren Halt verloren haben, die zynisch geworden sind, abgestumpft, die funktionieren, schießen, töten und getötet werden. Berichten über eine Armee, die permanent improvisiert, deren Drohnen oder Starlink-Empfänger durch Crowdfunding finanziert oder gleich selbst von den Soldaten gekauft werden. Schildern, wie gesellschaftliche Unterschiede unwichtig werden, wenn man Tag für Tag irgendwie überstehen muss. Beschreiben Menschen, die schon gestorben sind, auch wenn sie den Krieg überleben sollten – und niemand von ihnen rechnet damit. Die Welt, aus der sie kommen, sie »ist so weit entfernt, als hätte sie nie existiert.« Wir lesen über die Unzuverlässigkeit vieler Mitglieder der Internationalen Brigade, über Kolumbianer, die auf ukrainischer Seite kämpfen – manche von ihren Kartellbossen in den Krieg geschickt, um Kampferfahrung zu sammeln. Wir erfahren von den Gräueltaten der russischen Soldateska, von Exekutionen, von Vergewaltigungen und Folter. Und mit jedem Detail, mit jeder Seite verdichtet sich die Komplexität einer aus den Fugen geratenen Welt. Einer Welt in unserer Nachbarschaft, die von hier aus mit dem Zug oder Auto zu erreichen wäre. Sie ist nicht weit entfernt. 

Zu Beginn des Buches muss man sich erst etwas gewöhnen an die Derbheit des Umgangstons, gespickt mit Kraftausdrücken, Abkürzungen und soldatischem Slang für Kriegsgerät. Es wird nichts erklärt, als Leser ist man hineingeworfen in eine fremde Umgebung. Ein »Zweihunderter« ist ein Gefallener, ein »Dreihunderter« ein Verwundeter, ein »Pokemon« ein Maschinengewehr. Gleichzeitig bricht in den Gedanken Końs immer wieder das Wissen eines Altphilologen durch, vermischen sich Erinnerungsfetzen an die Kriege zwischen Sparta und Athen, an die griechische Mythologie mit dem Dreck, dem Schlamm und der tödlichen Bedrohung durch die Drohnen – während immer wieder Zeitgeschichtliches tief in die Zeilen der Handlung eingeflochten ist. Dazu kommen Situationen, in denen die Soldaten Snickers essen, Kaffee aus Plastikbechern trinken, mit Hilfe von Google Meet und Starlink den Feed des Drohnenflugs an das Hauptquartier weiterleiten – es ist ein Einblick in einen Krieg zwischen Hightech und wackligen Provisorien. 

In einem sehr lesenswerten Interview antwortete Szczepan Twardoch auf die Frage, was sein Antrieb sei, in diesem Krieg präsent zu sein, Hilfe zu liefern, die Soldaten vor Ort zu unterstützen: 

»Weil es von meinem Wohnort Pirogovice in Oberschlesien anderthalb Tage mit dem Auto zu den Schützengräben im Donbass sind. Nur anderthalb Tage. Dieser Krieg ist so nah an meinem Zuhause. Er ist so nah an der Grenze meines Landes. Er betrifft mich so sehr, dass ich ihn nicht ignorieren konnte. Ich verspürte diesen Drang zu helfen, zumindest auf diese bescheidene Art und Weise, die mir möglich ist, zum Beispiel durch Spendensammeln, den Kauf von Ausrüstung wie Autos, Drohnen, Zielfernrohren für Gewehre und so weiter. Einfach um bei diesem großartigen und zugleich edlen Bemühen zu helfen, Menschen zu verteidigen, die so leben wollen, wie sie leben wollen, und nicht auf eine Art und Weise, die ihnen aufgezwungen werden soll.«

Entstanden ist daraus dieses Buch. Ein Buch, in dem es keine Hoffnung gibt auf ein Ende des Tötens. Ein Buch, in dem es keine Perspektiven gibt für die Menschen, die zwischen Dreck und Drohnen ihre Heimat verteidigen. Ein Buch, dass mit den Illusionen aufräumt, Verhandlungen mit einem verbrecherischen Aggressor seien möglich. Ein Buch also ohne Hoffnung, ohne Perspektiven und ohne Illusionen. Und genau deshalb ein Buch, das so viele Menschen lesen sollten wie möglich. Überall in Europa – denn dieser Krieg betrifft uns alle; der Gewaltherrscher im Kreml führt ihn im Schatten schon längst auch gegen uns. Und um ihn zu stoppen, benötigt die Ukraine alles an Unterstützung, was dafür nötig ist. So lange, wie es nötig ist.


Spenden für die Ukraine: StandForUkraine.com


Zum Weiterlesen: 

Interview in der taz mit dem ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan über die Veränderung der ukrainischen Gesellschaft durch Russlands Angriffskrieg.

Im Blog danares.mag gibt es die Beitragsreihe »Ukraine lesen« mit Besprechungen von Büchern ukrainischer Autorinnen und Autoren. Etwa des Romans »Ein Zuhause für Dom« von Victoria Amelina, die im Juni 2023 bei einem russischen Raketenangriff auf ein Restaurant getötet wurde.

Buchinformation
Szczepan Twardoch, Die Nulllinie
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Rowohlt Berlin
ISBN 978-3-7371-0209-4

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In den Strudeln einer sterbenden Welt

Nelio Biedermann: Lázár

Am 27. August 2025 hörte ich zum ersten Mal von dem Buch. An diesem Tag erschien in der ZEIT eine Besprechung des Romans »Lázár« von Nelio Biedermann. »Ein großartiges und größenwahnsinniges Werk« urteilte der Rezensent Adam Soboczynski – und ich kann mich nicht erinnern, jemals solch eine begeisterte, geradezu hymnische Buchvorstellung in einem Feuilletonartikel gelesen zu haben. Und kurz danach war das Buch omnipräsent: Überall in der Presse, in zahlreichen Blogs und stapelweise in jeder Buchhandlung, das markante Buchcover war nirgends zu übersehen. Im Verlauf der Wochen vor der Frankfurter Buchmesse wurde ich mehrfach und von den unterschiedlichsten Menschen gefragt: »Und? Hast Du schon ›Lázár‹ gelesen?« Ich neige dazu, dass mich solche Hypes eher abschrecken, einige der hochgelobten Romane der letzten Jahre stehen noch ungelesen im Regal. Nicht, weil ich meinen Lesegeschmack für irgendwie außergewöhnlich halte, sondern weil ich dann jedes Mal das Gefühl habe, schon vorab so viel über ein Buch gehört zu haben, dass ich es gar nicht selbst lesen muss. In diesem Fall aber war ich wirklich neugierig geworden und in der Woche nach der Buchmesse verbrachte ich einen Nachmittag mit »Lázár«, saß lesend am Fenster, während der Regen dagegen prasselte. Und was soll ich sagen? Das Buch entwickelt sofort einen solchen Sog, dass ich vollkommen abgetaucht war und verzaubert von einer wahrlich außergewöhnlichen Sprache. „In den Strudeln einer sterbenden Welt“ weiterlesen

Das Buch der Stunde

Jens Bisky: Die Entscheidung

Über den Untergang der Weimarer Republik ist viel diskutiert, geforscht und geschrieben worden. Und doch kann man sich nicht oft genug damit befassen, denn auch wenn immer wieder beteuert wird, dass man Weimars Scheitern nicht mit unserem Heute vergleichen könne, stimmt das lediglich bedingt. Denn nur wenn wir bereit sind, von den damaligen Geschehnissen zu lernen, nur, wenn wir uns immer wieder vor Auge führen, welche verhängnisvollen Entscheidungen den Weg in die Barbarei des »Dritten Reiches« ebneten – nur dann sind wir gefeit davor, diese Fehler erneut zu begehen. Und in einem Moment, in dem konservative Politiker eine Geschichtsvergessenheit an den Tag legen, die erschreckend ist, kommt dieses Buch genau richtig: »Die Entscheidung« von Jens Bisky. „Das Buch der Stunde“ weiterlesen

Das geht doch schnell vorbei

Simone de Beauvoir: Alle Menschen sind sterblich

Es gibt sie, diese besonderen Bücher, die einen das Leben lang begleiten. Die fester Bestandteil der eigenen Biographie und mit wertvollen Erinnerungen verbunden sind. Die man unzählige Male gelesen hat. Die vergilbt, zerfleddert und mit losen Seiten im Regal stehen – und von denen man sich nie, niemals und unter keinen Umständen trennen würde. Jahre- und jahrzehntelang erinnern sie einen an längst vergangene, prägende Zeiten – und wenn man sie eines Tages wieder einmal in die Hand nimmt, sie nach einer langen Pause erneut liest, dann ist das wie eine Zeitschleuse zurück in die eigene Vergangenheit. Und es kann geschehen, dass eine Textstelle, die man damals zwar schon angestrichen hat, beim Wiederlesen vollkommen anders wirkt. Intensiver. Wuchtiger. Einen frösteln lässt. Und man sie nicht mehr aus dem Kopf bekommt. So geschehen bei dem Roman »Alle Menschen sind sterblich« von Simone de Beauvoir. Und das schreibe ich jetzt auf. „Das geht doch schnell vorbei“ weiterlesen

Das Abschiedsbuch

Paul Auster: Baumgartner

Ein seltsamer Zufall, falls es so etwas gibt. Am 30. April 2024 stand ich spätabends vor dem Bücherregal und überlegte, was ich als nächstes lesen möchte. Es ist eines meiner liebsten Rituale, ich schaue die Buchrücken entlang, lese hier kurz hinein und dort, bei manchen Büchern ist es sofort klar, dass sie gerade nicht passen, bei anderen bin ich unschlüssig, stelle oder lege sie dann doch zurück und schaue weiter. Irgendwann kommen zwei, drei Titel in die engere Wahl, ein Favorit kristallisiert sich heraus – und die Entscheidung ist getroffen. Da es inzwischen sehr spät geworden war, wollte ich mich am nächsten Morgen endgültig für die nächste Lektüre entscheiden. Mit in die engere Wahl gekommen war der Roman »Baumgartner« von Paul Auster, das zuletzt erschienene Buch eines meiner Lieblingsautoren, dessen Werke einige Spuren in meiner Leserbiographie hinterlassen haben. Am nächsten Morgen dann verbreitete sich weltweit die Nachricht von Paul Austers Tod, er war 77jährig an einer schweren Krebserkrankung gestorben. Und »Baumgartner« ist zu seinem Abschiedsbuch geworden. „Das Abschiedsbuch“ weiterlesen

Gestatten?* Larissa Reissner

Steffen Kopetzky: Damenopfer - das Leben von Larissa Reissner

Was für ein Leben! Vermutlich ist das der Gedanke, der mir beim Lesen des Romans »Damenopfer« am häufigsten durch den Kopf ging. Denn auch wenn es sich um ein fiktionales Werk und nicht um eine Biographie handelt, so erzählt Steffen Kopetzky dennoch eine wahre Geschichte. Die Geschichte eines Lebens. Eines kurzen Lebens zwar, das aber so spektakulär verlief, dass alleine schon die Eckdaten klingen wie ein Roman. Denn die 1926 verstorbene Larissa Reissner hatte viele Rollen inne in den knapp dreißig Jahren, die ihr gegeben waren. Die Tochter eines russischen Juristen mit deutschen Wurzeln glaubte fest daran, die Welt zum Besseren verändern zu können. Als Mitglied der Bolschewistischen Partei war sie in der russischen Oktober-Revolution aktiv, kämpfte während des russischen Bürgerkriegs in der Roten Armee und war Kommissarin des Generalstabs der Roten Flotte. Sie trug entscheidend zur Rückeroberung der Stadt Kasan bei; eine der Schlüsseloperationen für den endgültigen Sieg der Bolschewiki über die Weißgardisten. Aber Larissa Reissner focht nicht nur mit der Waffe: Sie war Schriftstellerin, verfasste Reportagen, Zeitungsartikel und Reiseberichte. Ständig unterwegs entwarf sie Pläne, um die Revolution in die Welt hinauszutragen, kannte zahllose Intellektuelle; Boris Pasternak und Leo Trotzki sprachen an ihrem Grab. Und das sind nur ein paar der biographischen Details dieses außergewöhnlichen Lebenslaufes, der sich kaum in Worte kleiden lässt. Doch Steffen Kopetzky hat es geschafft: Mit seinem Roman holt er den Menschen hinter diesen Details aus dem Schatten der Geschichte und bringt uns Larissa Reissner so nahe, wie es fast ein Jahrhundert nach ihrem Tod nur möglich ist. „Gestatten?* Larissa Reissner“ weiterlesen

Heimkommen. Ein Textbaustein*

Graham Norton: Heimweh

Es gibt diese Textstellen, die einen beim Lesen innehalten lassen. Über die man geradezu stolpert, die man noch einmal liest und ein weiteres Mal. Und die einem danach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Eine solche Stelle ist mir im Roman »Heimweh« von Graham Norton begegnet. Es ist eine Schlüsselszene des Romans: Der über fünfzigjährige Connor Hayes kehrt nach jahrzehntelanger Abwesenheit nach Mullinmore zurück; es ist ein kleiner Ort in Irland, irgendwo in der Gegend von Cork. Als er sich in seinem Mietwagen langsam der Landschaft nähert, in der er aufgewachsen ist, als die Straßen, die Felder, die in der Luft liegende Stimmung immer vertrauter werden und trotzdem vage fremd bleiben, als er das Städtchen vor sich sieht, in dem vor langer Zeit sein unstetes Leben den Anfang nahm – da fallen sie, die beiden Sätze. „Heimkommen. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Die Zerrissenheit jener Jahre

Szczepan Twardoch: Demut

»Ameise will ich sein, Teil des Ganzen.« Das ist der Wunsch von Alois Pokora, als er inmitten einer revolutionären Menge auf das Berliner Polizeipräsidium, die »Rote Burg« zustürmt, um Gefangene zu befreien. Es ist die Zeitenwende 1918/1919, die politische Ordnung und gesellschaftliche Normen zerbröseln. Chaos herrscht auf den Straßen und Szczepan Twardoch schickt uns mit seinem Roman »Demut« mitten hinein in diese Zeit des Umbruchs. Eine Zeit, in der vieles möglich schien. Eine Zeit voller Aufbruchsstimmung inmitten unzähliger Dramen am Ende des Ersten Weltkriegs. Eine Zeit der Kämpfe, des Hasses und des Beginns einer tiefen Spaltung der Gesellschaft. Und in der Figur jenes Alois Pokora spiegelt sich die ganze Zerrissenheit jener Jahre wider, denn er ist ein Mensch, der zwischen allen denkbaren Stühlen sitzt und droht, daran zugrunde zu gehen. Dabei hat er nur einen großen Wunsch: irgendwo dazuzugehören. »Ameise will ich sein, Teil des Ganzen.«  „Die Zerrissenheit jener Jahre“ weiterlesen

Zu Gast in vierzig Leben

Peter Englund: Momentum. November 1942 - wie sich das Schicksal der Welt entschied

Rückblickend gesehen war der November 1942 ein Wendepunkt in der Geschichte. Die Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan überzogen die Welt seit drei Jahren mit Krieg und noch zu Beginn des Monats waren sie auf dem Vormarsch, ihr Machtbereich hatte seine größte Ausdehnung erreicht. Doch in diesen dreißig Novembertagen gab es erste Anzeichen dafür, dass der Zenit überschritten war und sich die Waage in Richtung der Alliierten zu senken begann. Im Nachhinein ist dies deutlich erkennbar – es war der Monat, in dem die Engländer in El Alamein siegten, die Amerikaner in Guadalcanal die japanischen Besatzer in eine ausweglose Situation brachten und die 6. Armee der Wehrmacht in Stalingrad eingeschlossen wurde. Aber wie nahmen die Menschen, die in jener Zeit lebten, die großen – und die zahllosen anderen – Ereignisse wahr? Der schwedische Historiker Peter Englund nimmt uns mit auf eine Zeitreise: In seinem Werk »Momentum« geht es um diesen Monat, um den November 1942. 

Englund ist ein Meister der erzählenden Geschichtsschreibung. Für seine grandiose Darstellung des Ersten Weltkriegs »Schönheit und Schrecken« wertete er zahllose Tagebücher, Briefe und andere Aufzeichnungen aus und schuf dadurch ein Panorama, das über die Zeit hinweg auf eine faszinierende Weise ganz nah erscheint – denn wir sehen jene Jahre durch die Augen der Menschen, die diese Schriftstücke verfassten. Und genau so funktioniert auch »Momentum«, nur dass diesmal die Darstellung auf einen einzigen Monat komprimiert ist. Was jene Wochen noch dichter heranholt, uns zu Gästen in den Leben der Menschen werden lässt, um die es in dem Buch geht. Es sind Personen aller Gesellschaftsschichten, die wir in den unterschiedlichsten Situationen antreffen – und nicht wenige dieser Situationen sind für uns Leser, die wir in jene dunkle Zeit eintauchen, nur schwer zu ertragen. „Zu Gast in vierzig Leben“ weiterlesen

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief

Georg Heym: Der Krieg. In: Kurt Pinthus (Hg.): Menschheitsdämmerung

Der Krieg
Georg Heym, 1911

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

In den Abendlärm der Städte fällt es weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit,
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.
Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.
In der Ferne wimmert ein Geläute dünn
Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn.

Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an
Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an.
Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,
Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.

Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,
Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.
Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,
Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.

Über runder Mauern blauem Flammenschwall
Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall.
Über Toren, wo die Wächter liegen quer,
Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.

In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein
Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.
Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,
Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

Und mit tausend roten Zipfelmützen weit
Sind die finstren Ebnen flackend überstreut,
Und was unten auf den Straßen wimmelt hin und her,
Fegt er in die Feuerhaufen, daß die Flamme brenne mehr.

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt.
Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht
In die Bäume, daß das Feuer brause recht.

Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,
Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.
Aber riesig über glühnden Trümmern steht
Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht,

Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,
In des toten Dunkels kalten Wüstenein,
Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,
Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh.

Was für ein Gedicht. Georg Heym schrieb es 1911, drei Jahre vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs. Ein rußgeschwärzter Riese, der wie eine unaussprechliche Monstrosität aus dem Dunkel erscheint, den Mond in seiner unbarmherzigen Hand zerdrückt und damit das Signal gibt für den Beginn des Weltenbrands. Der wie ein Köhlerknecht mit seinem Stab die alles verschlingenden Feuer anfacht, wieder und wieder. Das Grauen, in Worte gefasst. „Aufgestanden ist er, welcher lange schlief“ weiterlesen