Ein Textbaustein* aus Mittelerde

Tolkien, Der Herr der RingeAuch wenn man es natürlich schon als Kind lesen kann, ist „Der Herr der Ringe“ kein Kinderbuch. Es ist die alte Geschichte vom Kampf Gut gegen Böse und gehört schon seit vielen Jahren zu meinem persönlichen literarischen Kanon. Eine sprachlich herausragende Erzählung und so unglaublich vielschichtig, dass man bei jedem wiederholten Lesen immer wieder neue Details entdeckt oder sogar das Gefühl hat, ein gänzlich anderes Buch in der Hand zu halten als beim letzten Mal. Eine Abenteuergeschichte. Ein Roadmovie. Ein Märchen. Ein Gleichnis. Eine Sage, mystisch. Freundschaft, Kampf, Liebe, Zweifel, Überlebenswille. Alles dabei. Und geschrieben wurde es viele, viele Jahre bevor man den Gattungsbegriff Fantasy erfunden hat, in den das Buch heute gerne hineinkatalogisiert wird.

Ich habe drei Ausgaben davon. Alle drei waren Geschenke und über jede habe ich mich so gefreut, als würde ich das Buch noch gar nicht kennen. Die kartonierte, dreibändige grüne Ausgabe, jetzt schon zerlesen. Die schöne, bibliophile, einbändige rote Ausgabe im Hardcover mit rot eingefärbtem Buchblock, ein wahres Schmuckstück. Und eine prächtige englische Ausgabe, ebenfalls einbändig, mit großartigen Illustrationen. Jedes dieser Bücher verbinde ich mit wertvollen Erinnerungen an völlig unterschiedliche Lebensphasen. Die beiden deutschsprachigen Bände sind natürlich in der alten Übersetzung verfasst. Vor ein paar Jahren kam die Neuübersetzung auf den Markt, aber wer sich den Zauber des Buches bewahren will, sollte unbedingt darauf achten, eine alte Ausgabe zu bekommen – eine modernisierte Sprache zerstört die Magie der Geschichte nachhaltig.

Ganz genau weiß ich nicht, wie oft ich „Der Herr der Ringe“ schon gelesen habe, aber es ist nur eine einzige Stelle, die immer zuerst einfällt, wenn ich an das Buch denken muss. Sie befindet sich zu Beginn des zweiten Bands, als Aragorn und seine Gefährten die Verfolgung der Orks aufnehmen, die ihre Freunde verschleppt haben:

Wie ein Hirsch sprang er davon. Durch die Bäume eilte er. Weiter und immer weiter führte er sie, unermüdlich und schnell, da er nun endlich zu einem Entschluss gekommen war. Die Wälder um den See ließen sie hinter sich. Lange Hänge erklommen sie, die sich dunkel und scharfkantig gegen den schon vom Sonnenuntergang geröteten Himmel abhoben. Die Dämmerung senkte sich herab. Sie verschwanden, graue Schatten in einem steinigen Land. 

Like a deer he sprang away. Through the trees he sped. On and on he led them, tireless and swift, now that his mind was at least made up. The woods about the lake they left behind. Long slopes they climbed, dark, hard-edged against the sky already red with sunset. Dusk came. They passes away, grey shadows in a stony land.

Im Laufe seines Lebens liest man „Der Herr der Ringe“ zuerst als Abenteuerbuch, wichtig sind Action und Kampf. Später neigt man dazu, sich für das Unterwegssein der Helden als Begriff der Freiheit und Unabhängigkeit, dem Verzicht auf jegliche Konventionen zu begeistern. Beim letzten Lesen, erst kürzlich, sind mir zum ersten Mal die wunderschönen Landschaftsschilderungen bewusst geworden, die eine Sehnsucht wecken, sich selbst auf die Suche nach unberührter Natur zu machen. Mal sehen, was beim nächsten Mal noch dazu kommt.

Die zitierte Textstelle umfasst das alles in ein paar wenigen Sätzen. Das ist große Literatur. Und eine Liebe fürs Leben.
_____________________
* In vielen Büchern habe ich Stellen angestrichen, die mir im Gedächtnis haften geblieben sind und die ich immer wieder lese. Solche Stellen begleiten mich seit Jahren, es sind die Textbausteine meiner Bücherwelt.

Buchinformation
J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe
Aus dem Englischen von Margaret Carroux

Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-93984-2
Die ISBN ist dieselbe für die Neuübersetzung.
Die alte Übersetzung ist leider nur noch antiquarisch erhältlich.

7 Kommentare

  1. Mir geht es mit dem Herrn der Ringe ebenso – ein Lebensbuch. Eine so eindringliche Geschichte, die davon erzählt, dass es oft die vermeintlich kleinen Taten sind, die die Welt verändern können, zum besseren. Es tut gut, es immer griffbereit zu haben. Wir haben es am Wochenende als Hörspiel gehört – zusammen mit unserem Sohn, der sicher die Vielschichtigkeit noch nicht fassen kann, aber bereits weiß, dass es hier um Solidarität, Gemeinschaft und Verbundenheit geht.
    Vor allem liebe ich dieses Buch aber auch, weil eine starke Frauenfigur entscheidenden Einfluß nimmt.
    Solche Bücher brauche ich in Zeiten, wie den unsrigen. Danke fürs Erinnern und vielen vielen Dank für den wunderbaren Textbaustein – Aragorn ist großartig und in meinen Augen hat er durch den Film noch gewonnen, in dem seine Zweifel so wunderbar dargestellt sind.

  2. Auch bei mir eines meiner Lebensbücher, auch wenn ich es erst dreimal gelesen habe. Bin damals erst durch den ersten Teil der Verfilmung darauf aufmerksam geworden und bekam leider die Kregge-übersetzung geschenkt. Wider besseren Wissens laß ich diese und empfand es im Vergleich zum Film als seltsam modern (was Sprache alles anrichten kann). Auf die rotbändige Ausgabe bin ich 2009 aufmerksam geworden und habe im Wissen um die alte Übersetzung gleich zugeschlagen. Musste ich mich anfangs in das Sprachbild kämpfen, war ich im weiteren Verlauf immer mehr davon begeistert. Freue mich jetzt schon auf ein Wiederlesen… Neben Stephen Kings „Der dunkle Turm“ (mit eindeutigen Referenzen) eines meiner Lieblingswerke im Bücherschrank.

  3. Pingback: Blogbummel KW #23/24 – 2014 | buchpost

  4. Jetzt bin ich überrascht. Das hätte ich nicht gedacht, dass der „Herr der Ringe“ einen solch hohen Stellenwert bei dir hat. Dein Text könnte mir Anlass sein, ihn wieder zu lesen. (Das wäre – ganz anders als beim „Hobbit“ – tatsächlich erst das zweite Mal.)

    Übrigens bietet die Verfilmung (der ich wenig abgewinnen konnte) Anlass, die erneute Lektüre hinauszuzögern. Legolas war damals vor 23 Jahren mein ganz großer Lieblingscharakter. Was der Film daraus machte, ist in meinen Augen so etwas wie ein schlechter Witz. Ob ich da jemals wieder hinter diese Linie zurück kann?

    • Das ist immer sehr schade, wenn eine Buchverfilmung das Kopfkino so überlagert – zumal da „Der Herr der Ringe“-Film immer noch stark präsent ist. In der oben beschriebenen englischen Ausgabe von Harper/Collins sind zahlreiche Illustrationen enthalten und Peter Jackson hat sich bei seiner filmischen Umsetzung ganz eindeutig von diesen leiten lassen, zumindest bei seinen Kulissen. Das mag etwas darüber hinwegtrösten, dass der Film nur ein Abklatsch des Buches ist. Aber bei einem so vielschichtigen Werk auch nur sein kann.

  5. Der Herr der Ringe ist auch eines meiner liebsten Bücher und begleitete mich 20 Jahre. Seit der Verfilmung habe ich ihn nicht mehr gelesen, weil mir die Filmbilder meinen eigenen inneren Film vers(ch)eucht haben. Vielleicht sollte ich mal wieder …
    Am Ende, wenn die Helden wieder ins Auenland kommen, war mir oft, als wachten sie in einen Traum auf, und ich mit ihnen.

    • Es stimmt, die Filmbilder überlagern die Kopfbilder, Aragorn wird wohl für immer wie Viggo Mortensen und Legolas wie Orlando Bloom aussehen. Aber gleichzeitig sind die Charaktere und die Landschaft im Film so perfekt gewählt, dass es eigentlich nicht schlimm ist. Also nur zu…

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: