Jahr-Bücher

Jahr-Bücher: Nur eine Jahreszahl als Titel. Eine Liste.

In letzter Zeit tauchen sie vermehrt auf, die Bücher, die lediglich eine Jahreszahl als Titel tragen. Mit welchem hat es angefangen? Bewusst wahrgenommen habe ich es zum ersten Mal bei „1913“ von Florian Illies. Seitdem hat es etliche weitere Jahre gegeben, die zum Anlass genommen wurden, sie im Bezug auf den Verlauf der Geschichte darzustellen. Das Konzept finde ich reizvoll, denn es waren tatsächlich immer wieder besonders ereignisreiche Zeiten, die den Lauf der Dinge maßgeblich beeinflusst haben. Berühmte Vertreter sind 1968 oder 1989, keine Frage. Aber darüber hinaus gab und gibt es immer wieder Jahre, in denen sich entscheidende Ereignisse kumulierten oder die einfach repräsentativ für eine ganze Epoche stehen. Momentaufnahmen in Buchform.

Ich habe einmal einen Blick ins heimische Bücherregal geworfen und hier zusammengestellt, welche Jahr-Bücher sich bei mir angesammelt haben; Sachbücher vor allem, aber auch Romane: Eine kleine Rundreise durch die Geschichte.

Adam Zamoyski, 1812
Im Mittelpunkt dieses mitreißend geschriebenen Buches steht der Untergang der Armee Napoleons in Russland und die damit verbundene Zeitenwende in der europäischen Geschichte. Für mich ein absolutes Meisterwerk der Geschichtsschreibung.

Andreas Platthaus, 1813
Drei Tage lang tobte im Oktober 1813 die Völkerschlacht von Leipzig. Wie wichtig für den Lauf der europäischen Geschichte die Geschehnisse dort waren, ist mir durch dieses Buch klar geworden.

Adam Zamoyski, 1815
Der Autor setzt mit diesem Band seine Schilderung des Jahres 1812 fort und beschreibt ein weltgeschichtliches Drama: Das letzte Ringen Napoleons um seine Herrschaft vor dem Hintergrund des Wiener Kongresses, dessen Entscheidungen die Entwicklung Europas prägen sollten. Bis heute.

Thierry Lenz, 1815
Der Wiener Kongress steht im Mittelpunkt dieses Buches. Wer waren die Personen, die um die Geschicke ganzer Nationen, eines ganzen Kontinents feilschten und stritten? Welche Machtspiele wurden im Verborgenen ausgetragen? Wie sollte das neugeordnete Europa nach mehreren Jahrzehnten Krieg aussehen? Und was ist daraus geworden?

Florian Illies, 1913
Die Mutter aller Jahr-Bücher ist kein Geschichtsbuch im eigentlichen Sinn, dazu ist es an vielen Stellen zu spekulativ. Es ist dafür ein wunderbares Lesebuch und man merkt mit Erstaunen, wie modern diese längst vergangene Zeit war. Vieles davon beschäftigt uns noch heute.

Jean Echenoz, 14
In nur 125 Seiten steckt die gesamte Tragik des Ersten Weltkriegs und der Leser wird Zeuge von anfänglicher Begeisterung, schrecklichen Erlebnissen im Schützengraben, menschlichen Dramen, zerbrochenen Leben, zerstörten Seelen und der Sinnlosigkeit des Krieges. Das alles erzählt Echenoz mit leichter Hand und dabei so tiefgründig, dass die Bilder im Kopf bleiben.

Jörg Friedrich, 14/18
Für den Zivilisationsbruch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es verschiedene Bezeichnungen, Erster Weltkrieg oder auch der Große Krieg. Jörg Friedrich hat sein Buch einfach „14/18“ genannt – groß und plakativ prangen die Ziffern auf dem Umschlag.

Bill Bryson, Sommer 1927
Was macht diesen Sommer so außergewöhnlich? Charles Lindbergh überquert den Atlantik und das Fernsehen wird erfunden. Aber es werden auch Entscheidungen getroffen, die wenige Jahre später die Weltwirtschaftskrise auslösen und dadurch epochale Umwälzungen verursachen.

Ian Buruma, ’45
1945 war Europa am Boden, aber zwischen all der Zerstörung und dem Chaos begann eine neue, radikal veränderte Welt sich zu entfalten. Der Autor beschreibt dieses kurze Atemholen der Geschichte anhand unzähliger Quellen aus allen Kontinenten.

Yoram Kaniuk, 1948
Der Schriftsteller Yoram Kaniuk erzählt in diesem autobiographischen Roman die Geschichte des israelischen Unabhängigkeitskrieges. Er beschreibt die Opfer auf beiden Seiten, die Sinnlosigkeit des Krieges und wie aus den Fehlern dieses Jahres ein Konflikt erwachsen ist, der andauert bis heute.

Simon Hall, 1956
„Welt im Aufstand“ ist der Untertitel dieses Buches. Und in der Tat ist es ein revolutionäres Jahr: In den USA fällt die Rassentrennung, in Ungarn schlagen sowjetische Truppen brutal den Aufstand nieder, Fidel Castro landet in Kuba. Diese und viele andere Ereignisse werden beschrieben und miteinander in Zusammenhang gebracht.

David Peace, GB 84
Großbritannien im Jahr 1984, Thatcher versus Gewerkschaften – ein langer, harter Kampf, bei dem vieles auf der Strecke bleiben wird. Und ein Land kurz vor dem Bürgerkrieg. Vor diesem Hintergrund spielt die Handlung, ein Krimi, bei dem niemand unschuldig bleibt.

Peter Richter, 89/90
Anhand der Erlebnisse einer Gruppe Jugendlicher schildert der Roman das Machtvakuum in der zerfallenden DDR. Er zeigt, dass vieles von dem, was wir jetzt an Rassismus und Fremdenfeindlichkeit erleben, seine Wurzeln in den Schicksalsjahren 1989 und 1990 hat. Und ein Symptom ist für das, was alles schiefgegangen ist bei der Wiedervereinigung.

So, das war es erst einmal. Wer kennt noch weitere Jahr-Bücher? Wie immer freue ich mich über Lesetipps und Vorschläge.

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21 Kommentare

  1. Ich hätte noch eine Jahreszahl mit Zusatz zu bieten:

    „1913: In Search of the World before the Great War“ von Charles Emmerson.

    Beschreibt das Leben in verschiedenen Städten, u. a. Berlin, vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Besonders fasziniert hat mich, wie globalisiert die Welt damals war.

  2. Ich hab noch einen:
    Félix Bruzzone, 76.
    Das sind Erzählungen über Menschen, deren Eltern in den Jahren der argentinischen Militärdiktatur „verschwunden“ sind. Wobei das nur der Hintergrund oder Schatten der Geschichten ist, die alle in der heutigen Zeit spielen.

  3. Im englischen Original: 1493 von Charles C. Mann (Kolumbus‘ Erbe), 1599 und 1605 von James Shapiro, beide über Shakespeare. Alle sehr gut.

  4. Pingback: Woanders – Mit Büchern, Briefen und Blogs |

  5. Von Jean Echenoz gibt es den schmalen Roman »14«, da steckt die verkürzte Jahreszahl 1914 im Titel. Echenoz schafft es tatsächlich, den gesamten Ersten Weltkrieg mit all seinen Schrecken und Grausamkeiten (sowohl an der Front als auch bei den Daheimgebliebenen) auf 128 Seiten fassbar zu machen. Wenn Du es noch nicht kennen solltest, besorg es Dir (ersch. bei Hanser). Es wird Dir gefallen, da bin ich mir sicher. lg_jochen

    • Ja, ich hatte gelesen, dass Dir 1913 nicht gefallen hat. Aber so ist das eben, ich fand es gut, gerade das Spekulative mochte ich besonders…

      • Mir ging es genauso. Es ist erstens schwierig, Vergangenes, das man selbst nicht erlebt hat, zu beschreiben, da ist Spekulation vorprogrammiert und gut. Mir hat sehr gut gefallen, dass klar wurde, wie aktiv die Zeit war, wie künstlerisch und eigentlich modern.

  6. orwell wollte ich auch gerade noch vorschlagen.
    außerdem fehlt natürlich noch christian kracht, 1979.
    von kempowski gibt es einen band 1981-1986 (wimre)

    wenn man mit zamyoski die historiker mit einbezieht, hat man natürlich viel material – da kommt das durchaus öfters vor 😉

    • Orwell passt insofern nicht, als dass es sich dabei um ein rein fiktives Werk handelt (auch wenn es inzwischen von der Realität längst überholt wurde), mir geht es vor allem um Sachbücher bzw. Romane, die ein bestimmtes Jahr möglichst exakt als Hintergrund der Handlung schildern.

      • Paßt als Ausstellungskatalog dann vielleicht nicht ganz und hat auch noch einen Untertitel: Thomas Kellein (Hg.), _1937. Perfektion und Zerstörung._ (Katalog zur Ausstellung Sept. 2007 bis Januar 2008 in der Bielefelder Kunsthalle).

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