Ein Gangster-Triple

Gangster-Triple: »Die himmlische Tafel« von Pollock, »Red Grass River« von Blake und »Der Boxer« von Twardoch.

Dies sind drei Bücher, die für einen Blogbeitrag perfekt zusammen passen. Drei Gangster-Geschichten, dreimal ein Setting in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, dreimal eine grandiose Noir-Atmosphäre: »Die himmlische Tafel« von Donald Ray Pollock, »Red Grass River« von James Carlos Blake und »Der Boxer« von Szczepan Twardoch. Und noch etwas haben die Romane gemeinsam: Ständig sind die Protagonisten mit ihren Autos unterwegs, rasen über einsame Landstraßen, brettern über Knüppeldämme oder fahren langsam und einschüchternd durch ihr Stadtviertel. Wie immer bei Büchern, die in dieser Zeit spielen, springt automatisch das Kopfkino an und man hat die robusten Lieferwagen oder eleganten Limousinen jener Zeit vor Augen. Filme wie »Road to Perdition«, »Public Enemies« oder »Lawless« lassen grüßen.

Vor diesem Hintergrund war das Photoshooting für das Beitragsphoto etwas ganz Besonders. Ich durfte die Bücher auf einem Ford Model A aus dem Jahr 1929 drapieren – zuvor habe ich aber mit dem Besitzer dieses original erhaltenen Schmuckstücks eine kleine Runde durch Köln gedreht. Und das war wie eine Zeitreise. Der Aufbau des Autos ist komplett aus Holz, durch den laufenden Motor wird es in der Fahrerkabine recht warm, doch dafür sind die Seitenfenster unverglast; bei Regen wurden einfach Planen in die seitlichen Fensteröffnungen gehängt. Am Lenkrad sitzt ein Hebel, mit dem ständig die Zündung reguliert werden muss, sonst knallt der Motor. Und vor dem Anlassen muss die Benzinpumpe aufgedreht werden. Laut Auskunft des Ford-Museums in Detroit existieren von diesem Auto in einem solch perfekten Zustand noch etwa dreißig Exemplare weltweit. Wie gesagt, es war ein ganz besonderes Photoshooting. Am Ende des Textes gibt es mehr Bilder. 

Donald Ray Pollock: Die himmlische Tafel

Donald Ray Pollock: Die himmlische Tafel

Georgia 1917: Die Brüder Cane, Cob und Chimney sind auf der Flucht. Nachdem ihre Familie alles verloren hatte, waren sie mit ihrem Vater hungernd durch das Land gezogen, lebten als Tagelöhner von der Hand in den Mund. Für eine Weile kommen sie für einen Hungerlohn beim reichen Landbesitzer Major Tardweller unter. Als der Vater stirbt, eskaliert die Situation, und plötzlich liegt die Leiche Tardwellers in der Scheune. Und die Brüder sind auf der Flucht. Dabei entwickeln sie ungeahnte Talente für Überfälle, Schießereien und Bankraub – es dauert nicht lange, bis aus ihnen Gangster werden, verfolgt von den nicht besonders zimperlichen Hütern des Gesetzes. Zu Beginn sind sie zu Pferd unterwegs, »als seien sie aus Versehen aus einer längst vergangenen Ära aufgetaucht und würden nun einen Weg suchen, um wieder dorthin zurückzukehren. Wäre nicht das erste Mal, dass jemand in einer Zeit steckte, die überhaupt nicht zu ihm passte.« 

Dann steigen sie auf ein Auto um, das Tempo ihrer permanenten Flucht erhöht  sich, die Überfälle werden gewagter, die Schlinge beginnt sich immer schneller zuzuziehen. Von Banditenromantik ist dabei keine Spur zu finden, Pollock beschreibt drei Männer, die von einem perspektivlosen Leben durch Zufall in eine Rolle gedrängt worden sind, die sie verkörpern müssen – bis zum Ende. In zahlreichen weiteren Handlungssträngen tauchen weitere Personen auf – ein betrogener Farmer, dessen Sohn in Europa in den Krieg ziehen möchte, ein lebensmüder Lieutenant oder ein dunkelhäutiger Tramp, jeder auf seine Weise vom Leben beschädigt. Sie wissen nichts voneinander, doch ihre Geschichten steuern unaufhaltsam aufeinander zu. Und es ist klar, dass nicht alle das Ende des Buches erleben werden. Ein blutiges Drama vor der Kulisse einer archaischen Gesellschaft an der Schwelle zur Moderne. 

James Carlos Blake: Red Grass River

James Carlos Blake: Red Grass River

Zwischen den Jahren 1911 und 1924 ist diese Geschichte angesiedelt, die uns tief hinein schickt in die Sümpfe Floridas. Die dumpf-schwüle Luft dieser unzugänglichen Gegend scheint aus dem Buch aufzusteigen, eine Wildnis, in der sich »die Gerüche von reifer Vegetation, nackter Erde und dem Wasser mischten, reich gewürzt mit lebendiger und toter Materie.« Die Landschaft ist omnipräsent in »Red Grass River«. Sie ist Versteck, Rückzugsort und Schauplatz mörderischer Auseinandersetzungen in einem. Am Rand der Sümpfe, noch durch eine einzige Dammstraße erreichbar, lebt die Familie Ashley, derbe Gestalten, Schwarzbrenner, die die ganze Gegend mit ihrem Schnaps versorgen. Dann tritt 1919 mit der Prohibition das Alkoholverbot in Kraft und die Ashleys werden zu Gesetzlosen, die ihre heimlichen Destillerien auf immer versteckteren Inseln mitten in den Sümpfen anlegen. 

John Ashley ist einer der Söhne der Familie. Sein Erzfeind schon seit jungen Jahren ist Bobby Baker, ein Polizist, der in der Gegend für Recht und Ordnung sorgen soll. Die Gewaltspirale beginnt sich zu drehen: Johns Aktionen werden immer dreister und er beginnt das Familienbusiness auf Banküberfälle auszudehnen. Bobbys Jagd auf ihn wird immer verbitterter; es dauert nicht lange, bis Tote in den Sümpfen treiben, bis sich die Kontrahenten waghalsige Verfolgungsjagden auf den abgelegenen Straßen von Palm Beach County liefern. Üble Gestalten, denen ein Menschenleben nichts bedeutet, mischen auf beiden Seiten mit und um das Chaos perfekt zu machen, taucht die Chicagoer Mafia in der Gegend auf, deren Schmuggelrouten hier entlang führen. Zwischen all dem Adrenalin, den Schießereien, den Fluchten und der Gewalt gibt es immer wieder Momente der Ruhe, in denen die unendlich wirkende Sumpflandschaft wieder unberührt daliegt und eine alles verschluckende Stille ausstrahlt. Doch ihre Tage sind gezählt, Städte wachsen, neue Straßen werden gebaut, Sumpfseen trockengelegt, Bäche zugeschüttet, die Inseln weggebaggert. Die Gegend beginnt zu verschwinden und mit ihr der Lebensraum von Menschen wie der Ashley-Familie. 

»Red Grass River« ist die Geschichte einer lebenslangen Fehde, bei der nur einer überleben kann; angesiedelt in einer Gegend, die sich einen Dreck schert um zivilisatorische Gepflogenheiten. Rau, hart und spannend bis zur letzten Seite. 

Szczepan Twardoch: Der Boxer

Szczepan Twardoch: Der Boxer

»Der Boxer« führt die Leser in das Warschau der Dreißiger Jahre. Genauer gesagt in das jüdische Viertel Warschaus, das wie eine Stadt in der Stadt lag – inklusive einer eigenen jüdischen Mafia. In diesem Milieu wächst der Ich-Erzähler auf, gleich zu Beginn erfahren wir, dass der Pate Kaplica seinen Vater ermorden ließ. Trotzdem fühlt er sich von der Macht, die dieser ausstrahlt, angezogen; er wird von Kaplica unter die Fittiche genommen. Und wächst hinein in eine Welt, in der ein Menschenleben nichts zählt. Mit schicken Automobilen gleiten sie bedrohlich durch die Straßen, gefürchtet von den einen, verachtet von den anderen, immer schwer bewaffnet. Bald gehört er zum engeren Kreis der Bande, erlebt, wie ein Gangsterkrieg losbricht, wird selbst zum Killer. Und träumt heimlich von einem sorgenfreien bürgerlichen Leben ohne Anfeindungen.

Szczepan Twardoch lässt mit Hilfe einer Gangstergeschichte die verschwundene Welt des jüdischen Warschaus wieder auferstehen, die vollkommen abgeschottet vom christlichen Teil der Stadt existierte – mit eigenen Regeln und einer eigenen Infrastruktur. Gleichzeitig schildert er den zunehmenden militanten Antisemitismus im Polen der Dreißiger Jahre und auch von dieser Seite wuchert die Gewalt in die Geschichte hinein. Dann kommt das Jahr 1939 und alles wird hinweggefegt, die jüdische Welt Polens geht unter in der Shoah. 

Jenen Ich-Erzähler lernen wir als alten Mann kennen, der in seiner Wohnung in Israel sitzt und uns von seinem Leben berichtet. Einsam, zynisch, ein Überlebender, der zu viel Gewalt und Leid mitansehen musste. Aber gerade, wenn wir es uns mit einem Gruseln in seiner Lebensgeschichte bequem gemacht haben, gibt es einen so grandiosen Perspektivwechsel, dass wir das bisher Gelesene komplett neu überdenken müssen. Ein großartiges Buch!

Bonus-Track: Das Buchphotoshooting

Wie eingangs versprochen gibt es hier noch ein paar Photos des wunderschönen Ford Model A; nicht oft ist man mit einem 91 Jahre alten Auto unterwegs. Es war ein echtes Erlebnis und hat einem die in den drei Büchern beschriebene Zeit zumindest ein klein wenig nähergebracht. 

Bücherinformationen

Donald Ray Pollock, Die himmlische Tafel
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-95438-065-7

James Carlos Blake, Red Grass River
Aus dem Englischen von Stefan Lux
Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-95438-087-9

Szczepan Twardoch, Der Boxer
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Rowohlt Berlin
978-3-7371-0008-3

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Eine Entscheidung treffen

Blogbuster-Preis: Der Longlist-Titel des Blogs Kaffeehaussitzer

Das ist ein Beitrag, den ich eine Weile vor mir her geschoben habe, weil er mir nicht leichtfällt. Denn es musste eine Entscheidung getroffen werden. Und gleichzeitig freut er mich auch, denn ich habe eine literarische Entdeckung gemacht. Es geht um den Blogbuster-Wettbewerb und um den Titel, der durch den Blog Kaffeehaussitzer der Jury vorgelegt wird. „Eine Entscheidung treffen“ weiterlesen

Ermittler mit Scheuklappen

Volker Kutscher: Lunapark - Gereon Raths sechster Fall

Es gibt wenig Bücher, in denen Zeitgeschichte so lebendig wird, wie in der Buchreihe um den Ermittler Gereon Rath. Ich mag diese Reihe sehr und habe mich bereits mehrmals auf Kaffeehaussitzer damit beschäftigt. Sie ist ein spannendes und faszinierendes Projekt, denn der Autor Volker Kutscher schafft es darin, die verhängnisvollsten Jahre in der deutschen Geschichte am Beispiel seiner Protagonisten zu erzählen. Gemeinsam mit Gereon Rath erleben wir das Ende der Weimarer Republik und den Weg in die Dunkelheit der Nazi-Diktatur. Und das alles verpackt als spannende Kriminalfälle mit akribisch recherchiertem historischen Hintergrund. Der Roman „Lunapark“ spielt im Jahr 1934 und ist der sechste Band der Reihe; die Nationalsozialisten sind dabei ihre Macht weiter zu festigen, die SA terrorisiert die Bevölkerung, das Bürgertum – ursprünglich froh, der kommunistischen Gefahr Herr geworden zu sein – beginnt zu realisieren, auf was für eine Art Staat Deutschland unaufhaltsam zusteuert. „Ermittler mit Scheuklappen“ weiterlesen

Berliner Ermittlungen

Berlin-Noir-Krimis: Fünf Ermittler

Nur wenige Orte gibt es auf der Welt, an denen die Verwerfungen und Umbrüche der Geschichte so deutlich sehen waren und zu sehen sind wie in Berlin. Die Stadt stand das gesamte 20. Jahrhundert über im historischen Fokus, Brennpunkt und Symbol gleichermaßen. Die dramatischste Zeit dürfte ohne Zweifel die Epoche zwischen 1918 und 1945 gewesen sein; hier nahmen in Berlin Ereignisse ihren Anfang, die mit ihren Folgen unsere ganze Welt verändern sollten.

1918 strömte das geschlagene kaiserliche Heer nach vier Jahren Krieg zurück, es folgten eine Revolution und deren Niederschlagung mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen in den Berliner Straßen. Dann die Inflation mit ihren verheerenden Folgen, eine erste vorsichtige Konsolidierung der jungen deutschen Republik, das langsame Erstarken der radikalen Parteien von rechts und links. Schließlich versetzte die Weltwirtschaftskrise dem Experiment der ersten deutschen Demokratie den Todesstoß, Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten waren an der Tagesordnung, Reichstagsauflösungen, Neuwahlen, immer schneller wechselten die Regierungen bis zu jenem unseligen Moment, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Die Folgen sind bekannt.

Gleichzeitig war Berlin in den zwanziger Jahren eine der modernsten Städte der Welt, ein Zentrum der Kunst und Kultur, Treffpunkt der Avantgarde. Licht und Schatten nah beieinander – eine perfekte Atmosphäre für das Genre Kriminalliteratur und deshalb ist es kein Wunder, dass sich inzwischen einige Ermittler im Berlin der Zwanziger- und Dreißigerjahre tummeln. Mir gefällt das sehr gut, ich mag es, wenn historische Zusammenhänge gekonnt in Romanhandlungen eingebaut werden; besonders wenn es sich um so dramatische Zeiten handelt wie jene. Ein paar dieser Ermittler, deren Werdegang ich höchst gespannt verfolge, möchte ich hier vorstellen. „Berliner Ermittlungen“ weiterlesen

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Volker Kutscher: Maerzgefallene

Im letzten Drittel des Buches finden wir sie, die Schlüsselstelle in Volker Kutschers Kriminalroman „Märzgefallene“ steht auf der Seite 487: „Es kam ihr vor, als sei Berlin voll von Leuten, die nur auf diese neue Regierung gewartet hatten und plötzlich aus ihren Löchern hervorkrochen und ihr wahres Gesicht zeigten. Als sei da die ganze Zeit, irgendwo tief unter der Stadt, ein dunkles Berlin gewesen, das nun durch alle Ritzen nach oben kroch, wie Abwasser, das ein zu hoher Grundwasserspiegel durch die Kanaldeckel auf die Straße drückt. Aber so war es natürlich nicht, es waren dieselben Menschen, die durch dieselben Berliner Straßen liefen. Die neue Regierung hatte ganz einfach nur ein besonderes Talent darin, bei jedem Menschen das Schlechteste nach außen zu kehren.“ „Märzgefallene“ ist der fünfte Band aus der Reihe rund um den Kriminalkommissar Gereon Rath der Berliner Kriminalpolizei. Er spielt im Frühjahr 1933. „Dunkelheit, die aus Ritzen kriecht“ weiterlesen

Gangster mit Stil

Dennis Lehane: In der Nacht

»Das Buch mit dem Hut.« So beschreibt der Buchhändler Il_Libraio auf Twitter den Roman »In der Nacht« von Dennis Lehane. Es war in der Tat der Hut auf dem Buchcover, der mich das Buch kaufen ließ. Er rief sofort Bilder wach, die zu meiner visuellen Grundausstattung gehören. Durch Filme wie »Es war einmal in Amerika«, »Untouchables«, »Road to Perdition«, »Last Man standing« oder »Lawless« hat sich ein bestimmter Stil im Hinterkopf etabliert, der sofort Assoziationen weckt an die Zeit der Prohibition in Amerika, an den Alkoholschmuggel. An Gangster mit Maschinenpistolen, aber immer in stilvoller Kleidung. „Gangster mit Stil“ weiterlesen

Verwirrspiel in Rio de Janeiro

Ronaldo Wrobel: Hannahs Briefe

Wieder einmal war der Zufall im Spiel. Im März 2013 schlenderte ich über die Leipziger Buchmesse und kam am Brasilien-Stand vorbei. Im Vorfeld des Ehrengastauftritts zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse präsentierte sich Brasilien vorab in Leipzig und gab einen Einblick in die Literaturszene. Genau in diesem Moment fand eine Autorenlesung auf brasilianisch statt, die absatzweise übersetzt wurde. Brasilianisches Portugiesisch ist für mich, obwohl ich es nur sehr bruchstückhaft verstehe, eine der melodischsten Sprachen der Welt. Also blieb ich stehen und hörte zu. Der Autor hieß Ronaldo Wrobel, war etwa in meinem Alter und stammte aus Rio de Janeiro. Genau dort spielt auch sein Roman »Hannahs Briefe«, auf den ich durch diese Lesung aufmerksam wurde. „Verwirrspiel in Rio de Janeiro“ weiterlesen

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Gereon Rath Krimireihe

Ich lese gerne Krimis. Das ist ein Genre, in dem sich die Spreu vom Weizen trennt. Der Markt ist voll mit platten Thrillern, aufgepeppt mit Blut, Brutalität und unglaubwürdiger Action. Aber in dem ganzen Altpapier-Dschungel gibt es auch immer wieder neue, fantastische Entdeckungen, manchmal sogar ganze Goldminen an spannender Literatur. Wie etwa die Krimiserie rund um den Ermittler Gereon Rath von Volker Kutscher. „Berliner Luft“ weiterlesen