Israels Schattenwelt

Liad Shoham: Stadt der Verlorenen und Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Wir sind Zeugen eines Weltwandels, den wir in den letzten Jahren in der Rolle des Zuschauers miterlebten. So, als würde uns das alles nicht betreffen, als würden wir im ruhigen Auge eines Wirbelsturms leben. Das war ein Irrtum. Die Bilder von Flüchtlingen sahen wir schon seit Jahrzehnten, sie waren stets irgendwo ganz weit weg, auf anderen Kontinenten, fern unserer Wohlstandsgesellschaft. Und jetzt sind sie hier, mitten unter uns, vor unseren Toren, hunderttausende sind angekommen, hunderttausende sind unterwegs, ein Ende ist nicht abzusehen.

Andere Länder sind schon längst mit dieser Entwicklung konfrontiert, wie etwa Israel. Hier hat sich in den letzten Jahren eine regelrechte Schattenwelt etabliert; Flüchtlinge ohne Papiere leben im Elend, ignoriert von den einen, ausgebeutet von den anderen. Zwei Bücher beschäftigen sich intensiv damit und öffnen dem Leser eine Türe in eine düstere Gesellschaft, wie sie in Zukunft auch bei uns existieren könnte, wenn die falschen politischen Weichen gestellt werden. Es sind die Romane »Stadt der Verlorenen« von Liad Shoham und »Löwen wecken« von Ayelet Gundar-Goshen. „Israels Schattenwelt“ weiterlesen

Gespenster der Vergangenheit

Antonin Varenne: Die sieben Leben des Arthur Bowman

Zwischen 1852 und 1864 spielt Antonin Varennes Roman »Die sieben Leben des Arthur Bowman«. Das Schicksal führt den Helden der Geschichte – eben jenen Arthur Bowman – einmal um den halben Globus, von den triefenden Sumpfwäldern an der Küste Birmas über die Straßen Londons bis zu den Weiten des amerikanischen Westens. Auf eine irrwitzige Jagd nach einem Mörder und auf eine Reise zu sich selbst. „Gespenster der Vergangenheit“ weiterlesen

Venceremos! Und Kybernetik

Sascha Reh: Gegen die Zeit

Zwischen 1970 und 1973 schaute die ganze Welt auf Chile. Dessen Präsident Salvador Allende versuchte in dieser Zeit auf demokratischem Weg einen sozialistischen Staat aufzubauen. Die drei Jahre waren geprägt von der Hoffnung derer, die an eine gerechte Gesellschaft glaubten, und dem Hass derjenigen, die befürchteten, dadurch ihre privilegierte Stellung zu verlieren. Letztendlich saß Allende zwischen allen Stühlen, denn den einen gingen seine Reformen nicht weit genug, sie forderten einen noch radikaleren, revolutionären Umbau der Gesellschaft. Den anderen war jeder noch so kleinste Schritt in Richtung Sozialismus ein Dorn im Auge. Wie alles ausging, ist bekannt. Am 11. September 1973 putschte das Militär und Allendes Utopie ging unter in Schüssen, Explosionen und einer Welle der Gewalt. Mitten hinein in die dramatischen Stunden dieses Putsches führt uns der Roman »Gegen die Zeit« von Sascha Reh. „Venceremos! Und Kybernetik“ weiterlesen

Buchpreis mit Tai Chi

Deutscher Buchpreis 2015: Die Preisverleihung

Frank Witzel also. Er hat für seinen Roman »Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969« den Deutschen Buchpreis 2015 bekommen. Eine sensationelle Entscheidung der Jury, die damit den Außenseiter der Shortlist zum Gewinner kürte – eine Entscheidung, die besonders den Buchpreisbloggerkollegen Jochen Kienbaum gefreut haben dürfte, dessen persönlicher Favorit das sperrig-amüsante, genial zusammengefügte Buch schon seit vielen Wochen gewesen ist. Der Titel, dem ich den Preis am meisten gegönnt hätte, wäre Rolf Lapperts »Über den  Winter« gewesen, aber die Entscheidung für Witzels »Erfindung« gefällt mir ebenfalls sehr gut, da das Buch für mich reinstes Kopfkino ist und unzählige Bilder im Gehirn aufgehen lässt.

Und beim Stichwort Bilder bin ich beim Tag der Preisverleihung angelangt, von dem ich hier berichten möchte. „Buchpreis mit Tai Chi“ weiterlesen

Wohin geht die Reise?

Rolf Lappert: Ueber den Winter

Wenn ich ein symbolisches Bild für den Begriff Familie finden müsste, würde ich an ein Planetensystem, an eine Galaxie denken. Jeder Planet steht alleine für sich, alle kreisen sie um ein Zentrum, sie ziehen sich an und sie stoßen sich ab, aber keiner kann ohne den anderen sein. Ein geschlossenes System, das man nur verlassen könnte mit einem radikalen Abbruch aller Beziehungen, einem Ausbruch ohne Wiederkehr. Hält man sich lediglich bedeckt, bleibt man trotzdem Teil des Ganzen, ob man will oder nicht. Und kann durch besondere Umstände jederzeit wieder mitten hinein in das Planetensystem gezogen werden. So geht es Lennard Salm, dem Protagonisten des Romans »Über den Winter« von Rolf Lappert. „Wohin geht die Reise?“ weiterlesen

Gefangene der Geschichte

Ilija Trojanow: Macht und Widerstand

Was weiß ich über Bulgarien? Nicht wirklich viel, um ehrlich zu sein. Früher ein ärmlicher, grauer Ostblock-Staat, heute ein Land, das sich zwar offiziell eine Demokratie nennt, aber unter den Auswirkungen von Korruption und organisiertem Verbrechen leidet; so meine Wahrnehmung. Ein europäisches Land, und trotzdem viel weiter weg als manche Ziele in Übersee. Mit Ilija Trojanows Buch »Macht und Widerstand« rückt Bulgarien plötzlich mitten hinein ins Bewusstsein – auch wenn man Trojanows Werk ebenso als eine allgemeingültige Parabel über das Leben und Überleben in einer Diktatur lesen kann. „Gefangene der Geschichte“ weiterlesen

Ausgelöscht

Heinz Helle: Eigentlich muessten wir tanzen

Schon auf der zweiten Seite von Heinz Helles Roman »Eigentlich müssten wir tanzen« haben die fünf Männer, um die es geht, sämtliche Sympathien verspielt. Gleichzeitig zeigt die geschilderte Szene unmissverständlich, dass sich der Leser in eine Welt hineinbegibt, in der die Regeln des menschlichen Zusammenlebens, des Anstands und der Moral vollkommen verschwunden sind. Eine kaputte Welt der tierhaften Triebe und des unbarmherzigen Überlebenswillens. Was ist geschehen?  „Ausgelöscht“ weiterlesen

#dbp15: Shortlist-Favoriten der Buchpreisblogger

Deuscher Buchpreis 2015: Shortlist-Favoriten der Buchpreisblogger

Langsam wird es spannend. Morgen, am 16. September, wird um 11.00 Uhr die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2015 bekannt gegeben. Wir Buchpreisblogger haben uns deshalb zusammengesetzt und uns bei ein paar Flaschen Wein die Nacht um die Ohren geschlagen und Gedanken darüber gemacht, wen wir gerne auf der Shortlist sehen würden … Okay, Spaß beiseite, so war es (leider) nicht ganz, dazu wohnen wir alle viel zu weit auseinander. Dabei wäre das sicherlich ein ganz wunderbarer Abend geworden, zumal ich einige meiner Buchblogger-Kollegen bisher nur virtuell kenne. Aber gut, genauso virtuell haben wir unsere Buchpreisblogger-Favoriten für die Shortlist abgestimmt und veröffentlichen heute – 24 Stunden vor Bekanntgabe der Shortlist – alle den folgenden Text, auf den wir uns geeinigt haben. „#dbp15: Shortlist-Favoriten der Buchpreisblogger“ weiterlesen

Das Leben der Mütter

Anke Stelling: Bodentiefe Fenster

Im April 1990 lief ich durch ein gigantisches Trümmerfeld. Endlos wirkende Straßenzüge ruinengleicher, aber immer noch prächtiger Häuser unter einem grauen, regnerischen Himmel. Braunkohlegeruch, kaum ein Mensch auf der Straße und was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, waren die Metallträger, die aus den bröckelnden, schwarzen Fassaden ragten und damit andeuteten, wo einst Balkone waren. Alles war beeindruckend und trostlos zugleich. Niemals hätte ich es damals für möglich gehalten, dass dieser Bezirk nur fünfzehn Jahre später zu einer der angesagtesten, schönsten und gleichzeitig zu einer der gediegensten und auf eigene Art und Weise spießigsten Wohngegenden Deutschlands werden sollte. Zu einem Bionade-Biedermeier, wie die ZEIT treffend titelte. Genau, es geht um den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg und Anke Stellings Roman »Bodentiefe Fenster« führt mitten hinein ins Biotop der unangepassten Angepassten. „Das Leben der Mütter“ weiterlesen

Ein BRD-Lesebuch

Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969

Was lese ich da eigentlich gerade? Eine Frage, die ich mir bei der Lektüre von Frank Witzels Roman immer wieder stelle. »Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969« ist ein sperriges Buch. Anstrengend. Fast unlesbar. Und gleichzeitig berauschend, ein wahrer Sprachmarathon, bei dem man seine Lesekräfte einteilen muss. Spätestens nach den Besprechungen von intellectures und lustauflesen.de bin ich mit Respekt an die Sache herangegangen, aber jetzt befinde ich mich mittendrin in diesem Sprachmonster und habe keine Ahnung, wie man dieses Werk in einer Besprechung darstellen, wie man die unglaubliche sprachliche Faszination gebührend würdigen könnte.

Wer eine Art Roman rund um die Rote Armee Fraktion erwartet, wird bitter enttäuscht werden. Ebenso wird es Lesern gehen, die sich auf eine klar strukturierte Handlung freuen. Das Buch hat beides nicht zu bieten. Dafür viel mehr als das, nämlich eine Reise tief, tief hinein in das Unterbewusstsein der alten Bundesrepublik Deutschland, ein Land und eine Lebensweise die genau so im Dunst der Geschichte verschwunden sind, wie die Deutschen Demokratischen Pendants. Die Jahre des RAF-Terrors stehen exemplarisch für die alte Bundesrepublik, haben sie doch wie kaum eine andere Zeit den gesellschaftlichen Wandel in Westdeutschland geprägt.

Doch um was geht es eigentlich? Das ist nicht einfach zusammenzufassen. Irgendwie um alles, was die Zeit der ausgehenden 60-er und beginnenden 70-er Jahre ausmachte, mit all ihrem spießigen Mief, dem angepassten Kleinbürgertum als staatstragende Verhaltensnorm. Gesehen aus der Warte eines Heranwachsenden, irgendwo in einer rheinhessischen Kleinstadt, dessen reale Erlebnisse sich mit Tagträumen, Fieberdelirien, weiter und weiter gesponnenen Gedankenläufen zu einer einzigartigen Textcollage verbinden, in die hinein man als Leser erst einmal einen Weg finden muss, eine Expedition ins Unbekannte. Bei der man viele, viele bekannte Namen und Marken der eigenen Jugend wiedertrifft, zumindest wenn man vor 1975 geboren wurde.

Lesetagebuch: Eine Annäherung

Bei mir dauert diese Textexpedition nun schon ein paar Tage an und ich habe beschlossen, diesmal eine Art Lesetagebuch zu führen. Als Versuch einer Annäherung. „Ein BRD-Lesebuch“ weiterlesen