Auf Rattenjagd

Der Spruch von den Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, hat sich selten in einer solchen Dimension bewahrheitet wie nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur im Jahr 1945. Unzählige Täter tauchten unter, vielen gelang es, das von ihnen zerstörte Europa zu verlassen und besonders in südamerikanischen oder arabischen Ländern Zuflucht zu finden. Hier siegte Politik über Gerechtigkeit: Anstatt so viele Nazis wie möglich an den verdienten Galgen zu bringen, duldeten die alliierten Geheimdienste den Mörder-Exodus, wenn sie ihn nicht gar unterstützten. Denn mit dem Triumph Sowjetrusslands und dessen Griff nach großen Teilen Osteuropas war eine neue Bedrohung der westlichen Welt am Horizont erschienen. Der Beginn des kalten Krieges zeichnete sich ab und flüchtende SS-Leute waren plötzlich potenzielle Verbündete im Kampf gegen den Bolschewismus. Natürlich nicht offiziell, aber es etablierten sich feste Fluchtrouten, etwa über die Alpen zu den italienischen Häfen. Mit tatkräftiger Unterstützung der katholischen Kirche und des italienischen Roten Kreuzes. Dies waren die sogenannen »Rattenlinien«.

Der gesamte Aspekt der Täterflucht aus Europa ist bisher nur wenig erforscht, bis heute liegen etliche Zusammenhänge im Dunkeln. Umso spannender ist daher, sich mit zwei Romanen dieser Zeit und diesem Thema zu nähern. Es sind dies »Rattenlinien« des Autors Martin von Arndt sowie »Der vierte Mann« von Stuart Neville. „Auf Rattenjagd“ weiterlesen

Bücher und Koffein

Buecher und Koffein
Photo: © Vera Prinz

Vor einiger Zeit hat mich Karla Paul für das Thalia-Magazin Stories interviewt. Es ging – natürlich – um Bücher und Literatur, um Lieblingscafés, aber auch um das Bloggen, um den Weg ins Netz, um die Buchbranche, um das Leben. Die Fragen hatten mir sehr gut gefallen, zumal sie zum Nachdenken über das eigene Tun anregten. Und beim Wiederlesen nach wie vor anregen – weshalb ich das Interview heute leicht aktualisiert auf Kaffeehaussitzer veröffentliche. Die Redaktion des Magazins hatte es seinerzeit etwas gekürzt, die vollständige Version gibt es nun hier.

Viele Blogger starten ihre Seiten aus privater Leidenschaft zum Lesen – Du bist hingegen beruflich ausgebildeter Literaturliebhaber, genauer gesagt arbeitest Du schon seit 1993 in der Branche. Wie hat bei Dir damals alles angefangen und wohin haben Dich die Jahre getrieben? „Bücher und Koffein“ weiterlesen

Regennasse Einsamkeit

Sven Heuchert: Dunkels Gesetz

Wenn die Menschen gehen, holt sich die Natur alles zurück. Häuser zerfallen, Straßen bekommen Risse, in denen das Unkraut sprießt, Büsche und Bäume überwuchern alles, Wege verschwinden, notdürftig erhalten die letzten Verbliebenen die Reste einer Infrastruktur am Leben, die eigentlich kaum jemand mehr braucht. Im Amtsdeutsch heißen solche Gegenden »strukturschwach«, für die Bewohner und für seltene Besucher wirken sie wie das Ende der Welt. Sven Heuchert schickt uns in seinem Roman »Dunkels Gesetz« in genau solch eine Gegend, irgendwo in die Täler an der deutsch-belgischen Grenze, dort wo die Eifel am verlassendsten ist. „Regennasse Einsamkeit“ weiterlesen

Fluchtgedanken

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

Es war ein beeindruckender Abend, als Ilija Trojanow sein Buch »Nach der Flucht« im Kölner Literaturhaus vorstellte. Selten habe ich erlebt, wie jemand in kurzer Zeit so viele brillante Gedanken perfekt auf den Punkt bringen kann. Gedanken, in einfachen Sätzen formuliert, dabei aber von solch einer intellektuellen Tiefe, dass der Abend wie das Buch sich nachhaltig im Gedächtnis verankern werden – denn das Nachdenken über die Folgen der Flucht für einen Geflüchteten ist ein Thema so alt wie die Menscheit. Und immer aktuell, besonders heute. Ilija Trojanow schafft es, in einem schmalen Buch von gerade einmal 125 Seiten das Trauma Flucht eindrucksvoll zu schildern. Denn für einen Flüchtling endet die Flucht nie wirklich, er ist der, der mit Akzent spricht, der einen anderen Namen trägt, eine andere Hautfarbe hat, nicht zurück kann und trotzdem für viele immer ein Fremder bleiben wird. Was wiederum zu der Frage führt, was eigentlich Heimat ausmacht, doch dazu später. „Fluchtgedanken“ weiterlesen

Blogs als Literaturvermittler? Dreimal Treibgut

Treibgut: Literaturblogs als Literaturvermittler?

Das Internet wirkt manchmal wie ein riesiger Fluss, der ununterbrochen vorüberströmt. Ein Fluss aus unzähligen Beiträgen, Artikeln, Tweets, Posts, Texten aller Art. Vielleicht habe ich dieses Bild deshalb vor Augen, weil ich gerade die Bayou-Trilogie »Im Süden« gelesen habe; die ersten Krimis von Daniel Woodrell, angesiedelt in einem fiktiven Ort im Mündungsgebiet des Mississippi. Und dieser gewaltige Fluss ist in der Handlung der Romane ständig präsent, Landschaft und Menschen prägend.

Aber heute soll es nicht um ein bestimmtes Buch gehen, sondern um das Treibgut, das einem der virtuelle Strom Internet ab und zu vor die Füße spült. Denn in den letzten Wochen waren es drei Textstücke, die kurz hintereinander bei mir landeten und in ihren gegenteiligen Aussagen so schön zueinander passten, dass ich sie hier miteinander verknüpfen möchte. „Blogs als Literaturvermittler? Dreimal Treibgut“ weiterlesen

Ein virtuelles Zuhause

Der Kaffeehaussitzer ist vier Jahre alt geworden. Kurz hatte ich überlegt, dies gar nicht groß zu thematisieren, da der Blog inzwischen solch ein selbstverständlicher Teil meines Lebens geworden ist. Aber gerade, dass dem so ist, erstaunt mich dann doch immer wieder aufs Neue. Als im Juni 2013 der erste Beitrag online ging, hätte ich niemals geahnt, was für eine Bedeutung für mich das Bloggen einmal haben würde. Durch diese vier Jahre ist das Netz zu einer virtuellen Heimat und ist der Kaffeehaussitzer ein virtuelles Zuhause geworden. Und zwar eine Heimat, die ich mit vielen anderen literaturbegeisterten Menschen teile. „Ein virtuelles Zuhause“ weiterlesen

Zeig doch mal die Bilder (Teil 1)

Graphic Novels: Eine Bestandsaufnahme

Die literarische Gattung der Graphic Novels habe ich erst spät für mich entdeckt. Nicht unbeteiligt daran war das Bummeln durch die Buchblogs, bei dem ich immer wieder darauf neugierig gemacht wurde. Und schnell habe ich dadurch staunend den Zutritt in eine mir bis dahin unbekannte Welt gefunden, eine Welt voller Überraschungen, vielseitig, bunt und spannend.

Dieser Prozess ist mir gerade bewusst geworden, als ich vor meinem Bücherregal stand, auf der Suche nach der nächsten Lektüre. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich inzwischen ein ganzer Stapel Graphic Novels darin angesammelt hat, wenn auch noch in bescheidenem Ausmaß; thematisch und künstlerisch vollkommen unterschiedliche Werke. Irgendwie ein guter Anlass für eine Bestandsaufnahme und eine kurze Vorstellungsrunde. „Zeig doch mal die Bilder (Teil 1)“ weiterlesen

Liebe in Zeiten des Überlebens

Isabelle Autissier: Herz auf Eis

Ein Paar nimmt sich ein Jahr Auszeit, kauft ein Schiff und startet zu einem Segeltörn um die Welt. Was traumhaft klingt, wird zu einem Alptraum, als die beiden bei einer Wanderung auf einer abgeschiedenen Insel ein heftiger Sturm überrascht. Nachdem sie sich aus ihrer Notunterkunft herauswagen, ist das Meer wieder ruhig. Und das Schiff verschwunden. So beginnt der Roman »Herz auf Eis« von Isabelle Autissier. „Liebe in Zeiten des Überlebens“ weiterlesen

Eine Chance nutzen

Cynan Jones: Alles, was ich am Strand gefunden habe

»Alles, was ich am Strand gefunden habe« von Cynan Jones ist eines dieser Bücher, bei denen man erst einmal tief durchatmen muss, wenn die letzte Seite gelesen ist. Zumindest mir ging das so. Nachdem mich schon der Vorgänger »Graben« sehr begeistert hat, war ich gespannt auf den neuen Roman – und wurde nicht enttäuscht. Ganz und gar nicht. »Alles, was ich am Strand gefunden habe« ist eine düstere Geschichte voller erhabener Momente; eine Geschichte, die unter die Haut geht. Und die man nicht so schnell wieder aus dem Kopf bekommt. Erhaben sind die Beschreibungen der walisischen Landschaft, düster die Schicksale dreier Männer.

Die Handlung beginnt mit dem Fund einer übel zugerichteten Leiche an einem Strand irgendwo in Wales. Was war geschehen? Das erfahren die Leser nach und nach, wobei von Beginn an eine unterschwellige Anspannung in jedem Satz mitschwingt. Denn schnell spitzt es sich auf die Frage zu: Für wen geht es nicht gut aus? Wer wird am Ende als Leiche am Strand liegen? „Eine Chance nutzen“ weiterlesen

Bügeln mit Pearl Jam

Buegeln mit Pearl Jam

Kaum eine Tätigkeit im Haushalt kann ich so wenig leiden wie das Bügeln. Man könnte auch sagen, dass ich es hasse. Wenn man aber in einem Alter ist, in dem zerknitterte Hemden nicht mehr unangepasst, sondern eher ungepflegt aussehen, bleibt einem von Zeit zu Zeit leider nichts anderes übrig, als sich an diese ungeliebte Arbeit zu machen.

Das Gute dabei: Zwar haben in der Wohnung längst Spotify & Co. Einzug gehalten, neben dem Bügelbrett steht aber das unverwüstliche CD-Regal mit seinen Schätzen aus der Vergangenheit. Und so ist das Bügeln meist begleitet von unglaublich lauter Musik (so wie früher) mit entspanntem Headbangen (fast so wie früher). Frank Goosen hat in seinem wunderbaren Buch »So viel Zeit« passende Worte dazu geschrieben: »Musik brachte einen in Kontakt zu jemanden, den man früher gekannt hatte, dem Jemand, der man gewesen ist, bevor man der wurde, der man jetzt war.« 

Und genau so ist es. Jeder von uns kennt sie wahrscheinlich, die Erinnerungen, die man mit bestimmter Musik verbindet und die sofort wieder präsent vor einem stehen. Als wären nicht Jahre oder Jahrzehnte vergangen, sondern nur ein paar Wochen.

Als ich kürzlich wieder einmal das Bügeleisen einsteckte und den Lautstärkeregler nach rechts drehte, war dieses Erinnern, dieses Gefühl der Verbundenheit mit der eigenen Geschichte allerdings so intensiv wie nur ganz selten zuvor. „Bügeln mit Pearl Jam“ weiterlesen