Gelebte Leben

Elizabeth Strout: Die langen Abende

»Intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte.« Dieses Zitat von Henry David Thoreau wurde 1989 durch den Film »Der Club der toten Dichter« weltbekannt. Auf mich wirkten die Sätze damals wie ein Faustschlag – es war die Zeit des Aufbruchs in das Erwachsenenleben, in das ich gerade vollkommen planlos hineinstolperte. Und die mahnenden Worte »Damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte« waren prägend für mein Leben, ich habe sie nie wieder vergessen. Bewusst oder unbewusst ließen sie mich die Veränderung lieben und den Stillstand fürchten, sorgten für Entscheidungen aus dem Bauchgefühl heraus, für Aufbrüche ins Ungewisse, für große Umwege – und damit für unzählige Erfahrungen, von denen ich keine einzige missen möchte. Beim Lesen des Romans »Die langen Abende« von Elizabeth Strout musste ich unwillkürlich an Thoreaus Sätze denken, denn viele der Personen, die das Buch bevölkern, sind Menschen in der Endphase ihres Lebens. Und die Frage, ob das jetzt tatsächlich alles gewesen war, schwingt in ihren Gedanken und in ihrem Handeln mit. „Gelebte Leben“ weiterlesen